Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 7)

Nach einer Betrachtung allgemeiner Grundzüge des atheistischen Kommunismus in den ersten fünf Teilen befinden wir uns nun in einem Einschub zum Liberalismus. Wir hatten im sechsten Teil einige Grundbegriffe eines katholischen Freiheitsverständnisses anhand der Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beschrieben und festgestellt, dass in wesentlichen Punkten ein Konflikt mit dem Liberalismus auftritt, welchen zu beleuchten nun Aufgabe dieses Teils sein soll:

Zur Einstimmung ein Zitat aus Libertas Praestantissimum:

„Wenn man, so oft überhaupt von Freiheit die Rede ist, darunter die gesetzmäßige und sittliche Freiheit verstände, wie die gesunde Vernunft und unsere Darlegung sie erwiesen haben, würde niemand es wagen, die Kirche zu tadeln. Leider geschieht es, indem man ihr in höchst ungerechter Weise den Vorwurf macht, sie wäre eine Feindin der Freiheit des Einzelnen oder des Staates. Sehr viele Folgen dem Beispiele Luzifers, der das gottlose Wort sprach: „Ich werde nicht dienen“, und streben im Namen der Freiheit eine unsinnige Zügellosigkeit an. Dazu gehören die Anhänger jener so weit verbreiteten und so mächtigen Sekte, die Liberale genannt werden wollen, indem sie ihren Namen von der Freiheit (libertas) herleiten. „

In diesem Zitat ist nicht nur das Übel des Liberalismus als solches benannt, sondern auch noch die Person Luzifers, nach dessen Vorbild die Liberalen, ob absichtlich oder unwissentlich, handeln, wenn sie das fordern, was nach ihren Begriffen Freiheit, in Wahrheit jedoch nur Abhängigkeit von der Sünde ist.

Einige wesentliche Grundideen des Liberalismus sind der Rationalismus, die Unabhängigkeit der Moral und die Bedeutung des Volkswillen. Der Reihe nach beginnen wir mit dem Rationalismus:

Der Rationalismus besagt, dass die Vernunft allein (unter Ausschluss des Glaubens) dem Menschen wahre Erkenntnis ermöglicht. Als objektiv und wirklich gültig kann demnach nur das gelten, was allein unter Gebrauch der Vernunft, und darunter ist die instrumentelle, wissenschaftliche Vernunft zu verstehen, zweifelsfrei aufgewiesen werden kann. Wenn nun nach Wittgenstein der Grundsatz gilt, man könne die wichtigsten Dinge, worunter er Moral und Religion rechnete, nicht sagen, sondern nur zeigen, also nicht mit formal logischer Strenge und demonstrativer Sicherheit aus unbezweifelbaren Prämissen herleiten, sondern nur aufweisen, darlegen, dann schließt dies für den Katholiken keinesfalls die Möglichkeit aus, dass auch dieses „zeigen“ noch rational sein kann. Doch der Rationalismus und mit ihm der Liberalismus kann dies nicht dulden. Was nicht logisch oder naturwissenschaftlich zu beweisen ist, kann keine objektive Geltung verlangen. (Was für Moral und Religion bedeutet, dass sie ihre Rechtfertigung aus dem Bereich der persönlichen Erfahrung beziehen müssen, und damit ihre Objektivität und Rationalität verlieren. Im Bereich der Religion ist diese Verlagerung ihrer Rechtfertigung in den Bereich der subjektiven Erfahrungen die Wurzel der modernistischen Irrlehre.)

Doch wenn man Moral und Religion nach den Kriterien des Liberalismus gar nicht rational beweisen kann, dann sind verschiedene moralische Vorstellungen und religiöse Bekenntnisse in letzter Konsequenz nur private, subjektive Optionen. Der gemäßigte Liberalismus duldet ihre Ausübung im Privatbereich durchaus und sehr viele gemäßigt Liberale leben im privaten Bereich durchaus eine sehr strenge Sittlichkeit und ein festes religiöses Bekenntnis aus. Doch im öffentlichen Raum können Moral und Religion dann nichts mehr zu suchen haben. Denn öffentliche Entscheidungen sollten eine rationale Basis haben und nicht der Willkür der Herrscher entspringen. Was staatliches Gesetz wird, was also nach bürgerlichem Gesetz untersagt ist, kann nun nicht mehr dem Glauben oder der sittlichen Wahrheit entspringen, sondern nur noch einer Mehrheitsentscheidung.

Wenn es gar kein objektives Sittengesetz und keinen objektiv wahren Glauben gibt (wie es der radikale Liberalismus behauptet), dann darf sich das menschliche Gesetz natürlich nicht nach diesen Fiktionen richten. Im Namen der Freiheit sind dann immer noch Menschen zu dulden, die diesen Fiktionen anhängen, doch dürfen diese Fiktionen keinen Einfluss auf die Findung menschlicher Gesetze haben.

Wenn der Liberale meint, es gebe ein objektives Sittengesetz und einen wahren Glauben, dies jedoch aus seiner religiösen Erfahrung und seinem privaten Gewissen ableitet, so stellt sich die Lage nicht anders dar. Sein Gewissen sagt ihm etwas und seine religiöse Erfahrung auch, aber sein Gewissen und seine Erfahrung sind subjektiv, privat und nicht geeignet, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Menschliche Gesetze vermögen dieses Gewissen und diese religiöse Erfahrung nicht zu rechtfertigen. Doch da jedes Gesetz einer Legitimation bedarf, muss auch der gemäßigt Liberale menschliche Gesetze ablehnen, die sich moralisch oder religiös begründen.

Als Basis für menschliche Gesetze ist damit nur noch die Willensentscheidung der Volksmehrheit verfügbar. Eine Gesellschaft gibt sich dann selbst die Gesetze, nach denen sie leben will. Sie muss dies dann nach den Mehrheitsverhältnissen im Rahmen einer demokratischen oder republikanischen Staatsverfassung tun. (Monarchien sind damit per se illegitim und unterdrückerisch, was auch christlicher Sicht nicht notwendigerweise so ist).

Diese drei Grunddogmen des Liberalismus – Rationalismus, Unabhängigkeit von Moral und Volkssouveränität – prägen das Staatsverständnis des Liberalen. Für den Liberalen ist der Staat nur noch zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung da, die sich das Volk selbst gegeben hat. Um die Stärkung des menschlichen Willens im Angesicht moralischer Versuchungen oder gar den Schutz vor das Seelenheil bedrohenden Irrlehren geht es dem Liberalismus überhaupt nicht mehr. Eine derartige Funktion wäre für den Liberalen völlig unvereinbar mit dem eigentlichen Staatszweck, nämlich der Sicherung möglichst großer persönlicher Entscheidungs und Gestaltungsfreiheiten für die menschlichen Individuen.

Wenn Moral und Religion Privatsache sind, oder zumindest bei der Gesetzgebung keine Rolle spielen dürfen, ist ein nach utilitaristischen Gesichtspunkten gesetztes Recht die logische Folge. Verboten ist, gemäß liberalem Dogma, dann nur noch das, was der demokratische Staat tatsächlich verbietet, und das auch nur, sofern die Begründung des Verbots weder moralischer noch religiöser Natur ist.

Dies ist eine gefährliche Irrlehre, weil alle ihre drei Grundprinzipien falsch sind.

Der Rationalismus ist falsch, weil der menschliche Verstand selbst ohne die Hilfe der Offenbarung zu Einsichten fähig ist, welche nicht dem logischen oder wissenschaftlichen Standard der Rationalisten genügen. Dazu zählen etwa das dem Menschen ins Herz geschriebene Wissen um das natürliche Sittengesetz und auch echtes intuitives Wissen. Zudem ist der Rationalismus falsch, weil es echtes Glaubenswissen gibt.

Die Unabhängigkeit der Moral ist falsch, weil jeder Mensch in seinem Herzen wahre moralische Prinzipien vorfindet, die objektive Gültigkeit haben, und gegen die zu handeln kein Mensch berechtigt sein kann, und weil der Mensch, wie C.S. Lewis in The Abolition of Man (deutsch: Die Abschaffung des Menschen) formvollendet nachweist, überhaupt gar kein anderes moralisches Gesetz „erfinden“ kann als das, was er in seinem Herzen vorfindet, und seine „neuen“ Ideen zu diesem Thema immer nur aus partieller Missachtung dieses moralischen Grundwissens ziehen kann.

Die Lehre von der unbeschränkten Volkssouveränität ist falsch, weil auch das Volk in seiner Gesamtheit oder Mehrheit immer an das natürliche Sittengesetz gebunden ist. Auch die Mehrheit darf keine unmoralischen Gesetze beschließen.

Insgesamt ist die Lehre des Liberalismus falsch, weil auch der Staat die Gebote Gottes befolgen muss. Sie gelten nicht nur für alle Individuen in einem Staat, sondern auch für den Zusammenschluss dieser Individuen im Staat. Es gibt zudem keine Privatmoral, da Moral immer das Handeln von Menschen zum Gegenstand hat, und der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, das immer in der einen oder anderen Form mit Anderen interagiert und sie durch sein Handeln beeinflusst.

Daraus ergeben sich allerlei Folgerungen, die Papst Leo auch zieht, und die hier nur kurz erwähnt werden sollen: Sowohl die moderne Religionsfreiheit, als auch ihre Äquivalente hinsichtlich anderer Gesellschaftsbereiche (Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, allgemein Gewissensfreiheit usw.) können nicht durch das natürliche Recht gedeckt werden. Es ist oft sinnvoll, Toleranz zu üben, wenn Menschen verschiedener Religionen, Ansichten, Gewissensentscheidungen usw. zusammenleben, wie dies im modernen Staat in der Regel der Fall ist. Dies kann auch bedeuten, dass man die Ausübung falscher Religionen, das Äußern häretischer Ansichten, das Ausleben des irrenden Gewissens usw. faktisch duldet und diese Duldung sogar zum staatlichen (menschlichen) Gesetz erhebt, solange man beachtet, dass diese Freiheiten eben vom Menschen gemacht und vom Staat aus gutem Grunde eingerichtet worden sind, dass sie aber weder absolut noch universell noch Voraussetzung einer guten gesellschaftlichen Ordnung sind.

Der Liberalismus ist aufgrund seiner zahlreichen Irrtümer und auch aufgrund seiner praktischen Folge, einem Verfall der nun nicht mehr unter öffentlichem Schutz stehenden Sitten, keinesfalls als Alternative zum atheistischen Kommunismus zu empfehlen. Er mag kurzfristig zu einem kleineren Leichenberg führen, doch ist die durch den Liberalismus verursachte Auflösung des Fundamentes des wahren Glaubens und des natürlichen Sittengesetzes ein fruchtbarer Boden für eine Unzahl anderer Ideologien, darunter auch der Kommunismus, die selbst diesen scheinbaren Vorzug des Liberalismus relativieren.

Als Alternative zum Kommunismus ist er für den Katholiken also keinesfalls tauglich. Im nächsten Teil werden wir wieder zur Enzyklika „Divini Redemptoris“ zurückkehren und die Antwort der Kirche auf die Herausforderungen von atheistischem Kommunismus und Liberalismus skizzieren.

Gift und Gegengift – Ein Einschub (Teil 6)

In den ersten fünf Teilen dieser längeren Artikelserie über den atheistischen Kommunismus haben wir uns an einer Passage aus der einschlägigen Enzyklika „Divini Redemptoris“ von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1937 orientiert. In dieser Passage wurden wesentliche Grundkennzeichen des Kommunismus und die Bewertung derselben durch die Kirche dargestellt. Man konnte erkennen, dass für die Verurteilung des Kommunismus durch das kirchliche Lehramt bei weitem nicht nur die Frage nach der Legitimität des Privateigentums ausschlaggebend ist, sondern auch eine Vielzahl weiterer Merkmale dieser Ideologie sehr negativ bewertet werden müssen.

In meinem Kommentar hatte ich immer wieder hervorgehoben, dass, abgesehen von der Abschaffung des Privateigentums, sehr viele kommunistische Ideen auch heute noch weithin positiv bewertet und umgesetzt werden, und teilweise sogar nahezu unumstritten als Konsens der Mehrheitsgesellschaft gelten. Dies betrifft einen sehr großen Teil dessen, was heute unter dem Begriff „Feminismus“ läuft, aber auch viele sozialdemokratische Ideen. Weniger offensichtlich, aber nichtsdestoweniger sehr gefährlich sind jene aus dem geistigen Umfeld des Kommunismus stammenden, selbst von Liberalen und vielen selbsternannten Konservativen geteilten geistigen Grundannahmen, darunter das vorherrschende materialistische Weltbild und der universelle Evolutionismus (im Unterschied zur biologischen Evolutionstheorie, über deren Richtigkeit und weder das Lehramt noch irgendeine Ideologie urteilen kann).

Der logisch nächste Schritt, der auch schon im fünften Teil der Serie angekündigt worden ist, besteht nun darin, die inhaltliche Antwort der Kirche aufzuzeigen. Wir wissen nun, dass der Kommunismus zu verurteilen und jegliche Zusammenarbeit mit ihm unzulässig ist. Doch offensichtlich sprechen die diversen Teile der kommunistischen Ideologien real existierende Probleme, wie etwa die Verarmung weiter Teile der Menschheit, an. Diesen Problemen kann man nicht bloß lehramtliche Verurteilungen entgegensetzen. Wir brauchen also einen Gegenentwurf zum kommunistischen Gesellschaftsmodell. Ein solcher Gegenentwurf findet sich in der katholischen Soziallehre, und zumindest zum Teil entwickelte sich diese auch in expliziter Gegenüberstellung zum Kommunismus.

Dies wäre, wie gesagt, der logisch nächste Schritt. Es ist jedoch angemessen, bevor wir diese Aufgabe in Angriff nehmen, einige Worte über andere Gegenentwürfe zum Kommunismus, namentlich den Liberalismus, zu verlieren. Nicolás Gómez Dávila, ein kolumbianischer Autor und Reaktionär, schreibt in einem seiner Scholien, der Kommunismus sei aus dem Liberalismus entstanden. Dies stimmt in historischer Perspektive, aber auch zum Teil ideengeschichtlich und logisch. Und so kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass auch die katholische Soziallehre nicht nur eine Antwort auf den Kommunismus, sondern auch auf den Liberalismus ist und ebenfalls zur Abwehr der liberalistischen Gesellschaftsmodelle dient. Das oft fast als Inbegriff der Sozialenzykliken gesehene Rundschreiben „Rerum Novarum“ von Leo XIII. befasst sich hauptsächlich mit der Arbeiterfrage und positioniert sich ebenso klar gegen den damals vorherrschenden Liberalismus, wie „Quadragesimo Anno“ und die anderen Sozialenzykliken bis heute sich von den zu ihren jeweiligen Zeiten vorherrschenden Spielarten des Liberalismus abgrenzen.

Daher folgt nun ein kurzer Einschub über den Liberalismus, dessen Zweck darin besteht, jenen kurz zu definieren, und dann zu erklären, warum der Liberalismus ebenso wie der Kommunismus abzulehnen ist. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf die Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1888 beziehen, in welchem die Verurteilung des Liberalismus ausführlich begründet und das richtige Verständnis der Freiheit dargelegt wird.

Da es dem Liberalismus inhaltlich wie dem Namen nach um die Freiheit als höchstem Grundwert geht, ist es hilfreich, zunächst den Begriff der Freiheit zu definieren. Doch bereits daran scheiden sich Liberalismus und Katholizismus. Die wichtigste Freiheit des Katholiken ist die Freiheit von der Sünde, also die Freiheit zur Heiligkeit. Alle Freiheiten, welche mit dieser Freiheit in unauflöslichen Widerstreit treten, sind aus diesem Grund abzulehnen. Worin besteht nun das Wesen der Freiheit nach katholischem Verständnis? Es ist immer Willensfreiheit, also die Freiheit des Willens sich so oder anders zu entscheiden, zwischen Optionen zu wählen. Diese Willensfreiheit besitzt jeder Mensch, sie ist unbeschränkt, soweit er die Fähigkeit zur Umsetzung seines Willens besitzt. Doch ist nach katholischem Verständnis die Willensfreiheit immer an die Wahrheit und an die Sittlichkeit gebunden, weil sie ansonsten mit der Freiheit von der Sünde in Konflikt gerät. Es kann also kein unbegrenztes natürliches Freiheitsrecht auf Irrtum oder auf Sünde geben.

Das bedeutet, um ein häufiges Missverständnis auszuräumen, übrigens nicht, dass alle Sünden vom menschlichen Gesetz verboten werden müssten oder sollten. Es ist oft angemessen und sinnvoll, den Irrtum und die Sünde insofern zu tolerieren, als man von ihrer strafrechtlichen Verfolgung absieht. Dies ist ein Unterschied zwischen Naturrecht und menschlichem Recht. Eine menschliche Freiheit zu Irrtum und Sünde ist sehr oft ganz sinnvoll. Sie erspart uns den Tugendterror, den ein fehlbarer Staat unzweifelhaft einrichtete, gäbe man ihm die Vollmacht, jede Sünde und jeden Irrtum zu verfolgen. Doch ist diese Klugheitsregel, die uns etwa in gemischt-konfessionellen Staaten nahelegt, die falschen Religionen zu dulden und ihre freie ungehinderte Ausübung unbeschränkt zu gestatten, oder die die Sünde des Homosexuellen und die Irrlehren der Kommunisten vor Verfolgung schützen, so wichtig und unverzichtbar sie auch ist, keinesfalls ein natürliches Recht. Ein natürliches Recht auf Irrtum und Sünde kann es nicht geben, da Irrtum und Sünde Unvollkommenheiten sind, und ein natürliches Recht auf eine Unvollkommenheit bedeuten würde, dass Gott diese Unvollkommenheit aktiv gewollt hat. Das natürliche moralische Gesetz sagt uns, was wir tun sollen. Hätten wir die natürliche Freiheit zu sündigen oder zu irren, so wären weder Irrtum noch Sünde falsch oder schlecht. Und ein Recht zu Irrtum und Sünde ist nichts anderes als die Freiheit zu irren oder zu sündigen.

Ein menschliches Recht zu irren oder zu sündigen ist oft eine notwendige Konzession an die Unvollkommenheit dieser gefallenen Welt, und ist als solche akzeptabel.

Nach katholischem Verständnis besitzt jeder Mensch Willensfreiheit, doch bestimmte Äußerungen dieser Willensfreiheit sind unzulässig nach natürlichem oder göttlichem Gesetz (Irrtum und Sünde) und eine Teilmenge dieser Äußerungen müssen auch durch das menschliche Gesetz als unzulässig bezeichnet werden (Mord, Diebstahl…). Die Größe dieser Teilmenge kann je nach Bedürfnis der Gesellschaft in gewissem Maß variieren.

Die Freiheit von der Sünde bedarf aufgrund der menschlichen Tendenz zur Sünde immer des Schutzes, welchen bereitzustellen unter anderem Aufgabe der moralischen Erziehung und – hier besonders entscheidend – des bürgerlichen Gesetzes ist. Auch das menschliche Gesetz hat also nicht nur die Aufgabe, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, wie das gern genannt wird, sondern darüber hinaus – in Art und Umfang durchaus variabel – den sittlichen Charakter des Volkes zu stärken. Dies geschieht auf zwei Weisen: Entweder das bürgerliche Gesetz kodifiziert das natürliche oder göttliche Gesetz, indem es bestimmte von diesem untersagte Verhaltensweisen auch unter die Strafe des menschlichen Gesetzes stellt, oder, wie es Papst Leo formuliert:

Andere Gesetze der bürgerlichen Obrigkeit aber fließen nicht unmittelbar und zunächst aus dem Naturrecht ab, sondern in weiterem Abstande und indirekt; sie behandeln verschiedene Dinge, für welche die Natur nur im allgemeinen und ohne genauere Detaillierung Sorge getragen hat. So befiehlt z.B. das Naturgesetz, dass die Bürger sorgen müssen für die öffentliche Ruhe und Wohlfahrt; wie viel sie beisteuern müssen, in welcher Weise, was sie zu leisten haben, wird nicht durch das Naturgesetz, sondern durch menschliche Weisheit genauer bestimmt.

In jedem Fall bedarf also das menschliche Gesetz der Verankerung im natürlichen oder göttlichen Gesetz. Dies verunmöglicht jede positivistische Rechtsauffassung, nach der nur dasjenige falsch wäre, was das Gesetz auch verbietet. Diese Auffassung ist heute sehr weit verbreitet und hat ihre Wurzel im Liberalismus, wozu wir weiter unten noch kommen werden. Das Gegenteil ist jedoch richtig: Nur das menschliche Gesetz, das seine Fundierung in jenem höheren Gesetz hat, vermag überhaupt den Menschen in seinem Gewissen zu binden.

Und hier sind wir an einem grundlegenden Konflikt mit dem Liberalismus angelangt, für den nämlich ein ganz anderer Freiheitsbegriff maßgeblich ist, und der Religion und Moral zur Privatsache erklärt, welche keine Rolle für die menschlichen Gesetze spielen dürfe. Doch dazu mehr im nächsten Teil der Reihe.

Blasphemie, Stinkbomben und Robespierre

Unter dem Titel „The protesters were very young, very angry and very well dressed“ („Die Protestierenden waren sehr jung, sehr wütend und sehr gut angezogen“) berichtet Father Z über einen Protest gegen eine der typischen „provozierenden“, „avantgardistischen“ Ideen des langweiligsten, ideenlosesten künstlerischen Establishments seit Erfindung des Wagenrades.

Es ging um ein Theaterstück, in dessen Verlauf ein großes Portrait Jesu Christi mit Exkrementen beschmiert wurde, vermutlich um die große Liebe aller Beteiligten zur künstlerischen Freiheit auszudrücken.

Die Protestierenden waren nicht nur „sehr jung, sehr wütend und sehr gut angezogen“, und protestierten gegen „Christianophobie“, sondern sie setzten auch Stinkbomben ein, die wohl weniger Gestank absonderten als das Theaterstück selbst… Natürlich ist es nicht der richtige Weg, Stinkbomben ins Publikum eines gotteslästerlichen Theaterstücks zu werfen – aber passend ist es schon, oder? Der Protest war von einigen christlichen Gruppen in Frankreich organisiert worden, darunter das „Institut Civitas“, die wie erwartet von den Medien als „rechtsextrem“ und „fundamentalistisch“ bezeichnet worden sind.

Hier die Bewertung von Father Z:

You know that something has gone dreadfully wrong when young people are defending the image of Our Lord from desecration and their bishops seem to prefer to stand back and defend free speech. („Man weiß, dass etwas schrecklich falsch gelaufen ist, wenn junge Menschen das Bild Unseres Herrn vor Entweihung schützen und ihre Bischöfe es vorzuziehen scheinen, sich zurückzuhalten und die Meinungsfreiheit zu verteidigen.“)

Doch da ist noch mehr: Die Bischöfe haben sich nicht wirklich zurückgehalten, sondern sich ausdrücklich von der Protestaktion distanziert. Das wäre ja vielleicht noch verständlich, wenn man die Methoden des Protests, wie das Werfen von Stinkbomben, ablehnt. Doch das Argument der französischen Bischöfe gegen den Protest war nicht, dass sie falsche oder verwerfliche Methoden angewandt hätten, sondern dass die Kirche „weder fundamentalistisch, oder obskurantistisch, also gegen die Aufklärung“ sei.

Interessant zu erfahren. Fundamentalistisch ist die Kirche natürlich nicht. Obskurantistisch auch nicht – aber dass man in der französischen Bischofskonferenz neuerdings Anhänglichkeit an die Aufklärung, und damit an die Werte von 1789, zum Prüfstein für die moralische Bewertung einer Haltung oder Handlung macht, ist irgendwie bezeichnend. Es zeigt uns, dass ein Kardinal (ich meine, es wäre Suenens gewesen) nicht so ganz im Unrecht war, als er davon sprach, das letzte Konzil sei das „1789“ der Kirche, also das Jahr der Französischen Revolution und des ideologischen Liberalismus, gewesen.

Es ist nicht bekannt, ob der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz Robespierre heißt, und er hat auch definitiv nicht so viel Elan und Überzeugungskraft, dafür viel mehr Apathie als dieser, aber was die Weltanschauung betrifft liegen sie nicht allzu weit auseinander, wie es scheint.

Der Liberalismus mit allem was er impliziert ist allerdings von den Päpsten nie allzu positiv beurteilt worden.Ich schließe mit den Worten eines Papstes:

(23) (…) Es ist in der Ordnung, dass durch die Autorität der Gesetze auch die Irrtümer eines ausschweifenden Geistes, die das unerfahrene Volk geradezu vergewaltigen, ebenso kräftig unterdrückt werden, wie die mit offener Gewalt an den Schwächeren verübten Ungerechtigkeiten. Und dies umso mehr, da sich der weitaus größere Teil des Volkes vor diesen Scheingründen und verfänglichen Trugschlüssen, namentlich wenn sie der Leidenschaft schmeicheln, gar nicht oder doch nur sehr scher zu schützen vermag. Wird unbeschränkte Rede- und Pressefreiheit gestattet, so bleibt nicht[s] mehr heilig und unverletzt; es werden selbst die höchsten und sichersten Urteile unserer natürlichen Vernunft nicht verschont bleiben, trotzdem sie doch das gemeinsame und kostbarste Erbgut des Menschengeschlechtes bilden. Wenn so allmählich die Wahrheit verdunkelt worden ist, gewinnen leicht vielfache und verderbliche Irrtümer die Oberhand. Die Zügellosigkeit wird dabei gerade so viel gewinnen, als die Freiheit Schaden leiden muss; die Freiheit ist eben um so größer und um so gesicherter, je festere Zügel der Zuchtlosigkeit angelegt werden.

Über Fragen, in welchen Gott oder die Kirche kein letztes Wort gesprochen hat, welche Gott der freien Aussprache überlassen hat, kann jeder denken, was er will. Was er für recht hält, mag er auch aussprechen, das ist nicht von der Natur verboten, denn diese Freiheit verleitet niemals die Menschen zur Unterdrückung der Wahrheit, vielmehr verhilft sie uns oft dazu, die Wahrheit zu finden und ans Licht zu ziehen.

(…)

42 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass es niemals erlaubt ist, die Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit, sowie unterschiedslose Religionsfreiheit zu fordern, zu verteidigen, oder zu gewähren, als seien dies ebenso viele Rechte, welche die Natur dem Menschen verliehen habe. Hätte die Natur diese Rechte verliehen, so wäre es erlaubt, Gottes Oberherrlichkeit zu bestreiten, und der menschlichen Freiheit könnten durch kein Gesetz Schranken gezogen werden. – Ebenso folgt aus dem Gesagten, dass jene Freiheiten, wenn vernünftige Gründe vorhanden sind, geduldet werden können, unter der Bedingung, dass sie nicht schrankenlos sind, auch dass sie nicht in Zügellosigkeit und Frechheit ausarten. Wo aber diese Freiheiten eingeführt sind, da sollen die Bürger sie nur Benutzen, um recht zu handeln und darüber denken, was die Kirche darüber denkt. Jede Freiheit kann nur insoweit als eine rechtmäßige betrachtet werden, als sie eine größere Möglichkeit zum sittlichen handeln bietet; sonst nie.

Soweit Papst Leo XIII. in der Enzyklika „Libertas Praestantissimum“ über die Irrtümer des Liberalismus.

Ich bitte Gott um Gnade und Milde für die blasphemischen Künstler, die für die Besudelung des Angesichts des Herrn verantwortlich sind, „denn sie wissen nicht was sie tun“, und fordere hiermit meine Leser auf, dasselbe zu tun.

P.S. Bei Father Z gibt es auch eine Umfrage unter den Lesern zum Thema. Er hat bestimmt nichts gegen eine rege Teilnahme…

Erzbischof Woelki beklagt Intoleranz der Linken

Wie kath.net berichtet, ist der frisch ins Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, „erstaunt“ über die Intoleranz der Linken. Anlass des Erstaunens ist scheinbar der Aufruf von mehr als der Hälfte der Politiker der Linkspartei, den Papst im Bundestag zu boykottieren. „Seit ich Erzbischof von Berlin bin, höre ich überall, dass Berlin eine offene, liberale, tolerante Stadt ist. Der Papst hat es verdient, dass man ihm in genau dieser Offenheit, mit Respekt und Toleranz begegnet“, erklärte Woelki dem oben verlinkten Bericht zufolge.

Was der sprichwörtlichen Toleranz der modernen, aufgeklärten, nicht-so-rückständigen Linken noch die Krone aufsetzt, ist dass einige der Anhänger eines Boykotts gegen den Papst noch nicht sicher sind, ob sie wirklich seiner Rede fernbleiben werden – manche wollen vielleicht auch einen Protest im Bundestag starten, vielleicht mit Kondomen am Finger, wie laut kath.net die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Was also ist mit der Toleranz der Linken? Wo ist sie? Scheinbar wird sie ja nur dann eingefordert, wenn es um das „Tolerieren“ von moralisch wie gesundheitlich unsinnigen sexuellen Aktivitäten geht – in allen anderen Bereichen ist die heutige Linke (und damit meine ich jetzt nicht nur die Mitglieder der „Linkspartei“, sondern die gesamte Linke, was faktisch alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit einschließt) extrem intolerant. Ich weiß natürlich nicht, ob Seine Exzellenz diese offensichtliche Tatsache gerade erst bemerkt hat, oder derartige Einsichten schon länger hat, aber an erster Stelle ist ihm für diese wichtige Einsicht zu gratulieren.

Dass einige linksradikale, rot-totalitäre Bundestagsabgeordnete nicht einmal den minimalen Anstand besitzen, abweichende Meinungen von anderen Staatsoberhäuptern oder religiösen Persönlichkeiten wenigstens schweigend anzuhören, um sie später zu kritisieren, folgt letztlich notwendig aus der sittlichen Verrohung, welche mit der konsequenten Umsetzung der Ideologie des moralischen Relativismus einhergeht, und wird vom Papst als „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet. Unser Heiliger Vater kennt den Geist der Linken sehr genau, da er anständig genug ist, sich ihre Worte anzuhören, und wird daher am besten wissen, wie mit solchen ungezogenen Kindlein umzugehen ist. (Ich als Traditionalist bin allerdings der Ansicht, ihr Vater sollte ihnen einfach mal den Hintern versohlen…)

Warum kommt es zur Diktatur des Relativismus, wann immer die Linke die Macht erlangt? (Und, erneut, „Linke“ im Zusammenhang der folgenden Ausführungen bezeichnet nicht nur die Mitglieder der gleichnamigen Partei, auch wenn diese die entsprechende Ideologie gleichsam paradigmatisch verkörpern, sondern gerade auch die Linken, die sich nicht in der Linkspartei beheimatet fühlen, und manchmal weniger aggressiv dieselbe Ideologie verfolgen – dazu gehören alle im deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Denn Sozialismus und Liberalismus entspringen beide derselben ideologischen Wurzel, nämlich den Zielen der französischen Revolution, die ein sehr frühes Beispiel für die Diktatur des Relativismus im Völkermord gegen die königstreuen Bauern in der Vendée und im Wohlfahrtsausschuss, darstellt)

Die Ideologie der heutigen Linken in nichts anderes als die politische Umsetzung des Sündenfalls mit den Mitteln des Staates. Beim Sündenfall waren Adam und Eva nicht bereit, sich Gottes Willen unterzuordnen, und wollten für sich, unabhängig von Gott, ihr Glück machen. Modern formuliert wollten sie sich selbst verwirklichen, sie erstrebten die Befreiung von Autoritäten. Eva war die erste Achtundsechzigerin, Adam, indem er seine Frau ganz freiheitlich machen ließ, der erste Liberale. Ich möchte damit nicht bezweifeln, dass es in allen Zeiten wohlmeinende Sozialisten und Liberale gegeben habe. Einem Friedrich Ebert oder einem Walther Rathenau wären derartige Geschmacklosigkeiten, wie sie heute auf der Linken zum guten Ton gehören, niemals eingefallen. Doch sowohl der Liberalismus als auch der Sozialismus verengen den Menschen letztlich aufs rein Materielle, auf materiellen Wohlstand, materielle Gleichheit, materielle Rechte; damit widersprechen sie nicht nur fundamental dem katholischen Glauben (wie diverse Päpste immer wieder klargestellt haben, besonders die Enzykliken Libertas Praestantissismum und Quod Apostolici Muneris von Leo XIII. zeigen die Fehler dieser Lehren hellsichtig auf), sondern sogar dem Licht der natürlichen Vernunft, leugnen sie doch zumindest die öffentlich-gesellschaftliche Bedeutung der aus der natürlichen Vernunft erkennbaren Existenz Gottes, indem sie alle religiösen Fragen als reine Privatsache auffassen und derartige Betrachtungen aus dem Reich der Politik und der Moral zu verbannen unternehmen.

Diese Verengung aufs Materielle ist letztlich fatal, nicht nur für die Religion, sondern gerade auch für die liberale oder sozialistische Ideologie selbst. Denn woher nimmt der Liberalismus seinen Wert der Freiheit, woher der Sozialismus sein Gleichheits- und Gerechtigkeitsideal, wenn nicht aus dem Sittengesetz der natürlichen Vernunft, welches aber eben nicht materiell zu begründen ist, sondern nur unter Rückgriff auf Naturzwecke (Teleologie im klassischen aristotelischen Sinne), welche seit Beginn der Moderne in der Philosophie systematisch geleugnet werden? Letztlich gibt es außerhalb des moralischen Gesetzes weder Freiheit noch Gleichheit, und erst recht keine Brüderlichkeit, da alle moralischen Werte letztlich aus diesem gemeinsamen Schatz stammen, wie C. S. Lewis in seinem kleinen, aber immens bedeutenden Buch „The Abolition of Man“ (deutscher Titel: Die Abschaffung des Menschen) überzeugend dargelegt hat.

Ohne Rückgriff auf diese Verankerung im natürlichen moralischen Gesetz verselbständigt sich die Freiheitsidee des Liberalismus, indem sie andere wesentliche Güter ignoriert, und wird daher zur Ideologie. Ähnlich, nur in noch schlimmerem Maße, verhält es sich mit dem Gleichheitsideal des Sozialismus. Ohne die Ergänzung durch konkurrierende Prinzipien führt diese Ideologie zu der Vorstellung, man müsse durch menschliche Macht alles „gleichmachen“ – Einkommen, Geschlecht, Bildung usw.

In beiden Fällen kann Dissens nur im Rahmen der Ideologie geduldet werden. Wer gar nicht im Sinne des Liberalismus „frei“, d.h. im Wesentlichen ein ungebundener, moralisch beliebiger Produzent oder Konsument sein will, der stört im Liberalismus. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung, dass der Liberale früher oder später fordert, gesellschaftliche Traditionen zu bekämpfen, die zwar auf natürliche Weise und ohne staatlichen Zwang gewachsen sind, aber dem Ideal des Liberalismus entgegenstehen (wie etwa die Kirche und die traditionelle Familie mit Hierarchien und lebenslangen Treuebindungen). Der Mensch muss zu seiner „Freiheit“ gezwungen werden. Der Sozialismus ist eine wesentlich krudere und gefährlichere Ideologie, da Gleichheit viel weiter geht als nur Freiheit. Gleichheit ist absolut grenzenlos – es gibt immer noch mehr Eigenschaften, die man einebnen kann, und von Natur aus treten ständig neue Ungleichheiten auf, da die Menschen von Natur aus eben nicht gleich, sondern grundverschieden sind. Sozialismus ist daher eine besonders virulente Ideologie, die besonders stark zu Intoleranz gegenüber Abweichlern neigt, auch da ihr Ziel besonders unplausibel und widernatürlich ist. Nicht zwei Menschen, die es je gegeben hat, waren „gleich“, aber der Sozialismus will tendenziell die ganze Menschheit in eine amorphe Gleichheitsmasse umformen. Ein sozialplanerischer Zoo mit gleich großen Käfigen für alle.

Und wer nicht in diese Käfige will? Nun, der ist einer dieser ekelhaften Bremser, ein Volks- oder Klassenfeind, je nach Färbung des angestrebten sozialistischen Paradieses.

Nun ist die katholische Kirche nicht bloß das stärkste, sondern sogar beinahe das einzige verbliebene Gegengewicht gegen die Ideologien des Sozialismus und des Liberalismus im „modernen Westen“. Sozialismus und Liberalismus sind Geschwister, auch wenn sie sich zuweilen im stark beschränkten heutigen politischen Diskurs wie Gegner benehmen und sich zu Gegensätzen hochstilisieren. Und die einzige ernstzunehmende Institution, die bis heute entschlossen beide Irrlehren ablehnt, ist eben die katholische Kirche. Deswegen sind intelligente Liberale und Sozialisten sich ihres echten Gegners bewusst. Die Gefahr kommt sozusagen aus Rom.

Nun leben wir in einer Zeit, in der die jahrzehntelange Arbeit von Sozialisten und Liberalen Früchte getragen hat, und fast alle Menschen einer der beiden Ideologien anhängen – was durch unser Bildungssystem, die Hauptmedien, und besonders durch den Appell an die Todsünden Hochmut, Gier und Wollust sichergestellt worden ist. Deswegen können Liberale und Sozialisten ganz offen gegen die Kirche (und die Familie) kämpfen, denn es ist keine gesellschaftliche Strömung da, die stark genug wäre, die Ideologen an ihrem Zerstörungswerk zu hindern. Die nur noch von einer kleinen Minderheit unterstützte katholische Kirche ist also nicht nur das logische Hauptziel der Angriffe der Ideologen, sondern stellt auch noch ein besonders leicht angreifbares Ziel dar.

Das Resultat ist dann der Fall von Hemmschwellen, die bei früheren Generationen von liberalen und sozialistischen Politikern aufgrund ihrer Erziehung noch verankert waren, auch wenn es in ihren jeweiligen Ideologien keinerlei Rechtfertigung für sie gab. Doch solche Hemmschwellen sind ja durch die freie Erziehung, frei von Regeln, frei von Disziplin, frei von Strafen und frei von Vernunft, längst abgeschafft worden – schließlich wollte man ja die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern nicht mit so trivialen und altmodischen Vorstellungen wie Vernunft, Sittlichkeit, Wissen oder gar Wahrheit einschränken. So macht nun heute jeder seine eigenen Regeln, je nach subjektiv empfundenem Nutzen – mit bekannten Resultaten.

Die Intoleranz der „Papstgegner“ im Bundestag und anderswo hat aber neben der grundsätzlich unmoralischen ideologischen Basis der Kritiker und dem Verfall von Erziehung und Hemmschwellen in allen Bereichen noch einen viel tieferen philosophischen Grund, durch den der Begriff von der „Diktatur des Relativismus“ erst richtig erfüllt wird – es geht um die Leugnung absoluter Wahrheit. Gern wirft man den „Absolutisten“ vor, ihre starre Haltung sei die Ursache für Kriege und Terror. Doch wenn es ein absolutes moralisches Gesetz gibt, an das die Menschen gebunden sind, das sie erkennen und durch Vernunftgebrauch einsehen können, dann gibt es objektiv wahre Richtlinien, an denen man einzelne Handlungen messen kann. Erst durch die Existenz solcher objektiver moralischer Gesetze ist die Beurteilung einer Handlung als „verwerflich“ überhaupt erst möglich. Wenn sich ganz modern und freiheitlich jeder seine eigenen Regeln macht, wer kann ihm dann etwas vorwerfen, egal was er tut? Denn seine Taten befanden sich ja in Übereinstimmung mit dem von ihm anerkannten Wertesystem. Niemandes Taten können dann jemals als wirklich falsch angesehen werden – alles ist damit zulässig. Der moralische Relativismus ist damit nicht nur falsch, sondern zerstört sich selbst. Denn der Satz „es gibt keine objektive Wahrheit“ behauptet ja von sich selbst, objektiv wahr zu sein. Über diese elementaren Selbstwidersprüche hinaus führt er jedoch grundsätzlich zu einer langsamen Abstumpfung des Gewissens, das ja nun den Versuchungen nicht mehr das unbeugsame objektive moralische Gesetz entgegenzustellen vermag, sondern nur noch subjektive, von Person zu Person verschiedene, jederzeit veränderbare Prinzipien. Das Gewissen wird damit faktisch ausgeschaltet; bloß persönliche Präferenzen sind kaum in der Lage, starken Versuchungen lange zu widerstehen.

Auch objektive Moral kann natürlich missbraucht werden. Der Unterschied ist nur, dass solcher Missbrauch nach den eigenen Prinzipien falsch ist, während der Relativist einfach seine Moral ändern kann, wenn sich seine Präferenzen verändern.

In der Praxis sind nicht alle sittlich verrohten Menschen Relativisten und nicht alle Relativisten sittlich verroht. Aber das aus dem moralischen Relativismus entstehende gesellschaftliche Klima der sittlichen Beliebigkeit, das mehr und mehr die westlichen Gesellschaften erobert, begünstigt sittliche Verrohung nicht nur aus den hier aufgeführten Gründen, sondern auch noch auf andere Weise, etwa durch den Zerfall von Bindungen an traditionelle Institutionen wie die Kirche und die Familie, was ich im Detail anderswo behanden werde.

Abschließend kann man festhalten, dass die heute herrschende gesellschaftliche Sittenlosigkeit, der Fall von noch vor kurzem als selbstverständlich betrachteten Hemmschwellen, nicht zur Entstehung der von Erzbischof Woelki beklagten Intoleranz geführt hat, sondern ihr nur zum hemmungslosen Durchbruch verhilft. Die Intoleranz selbst wird aber vom moralischen Relativismus verstärkt, da erstens Toleranz selbst vom Relativismus auch wieder nur als relativ begriffen werden kann, und zweitens da durch den Wegfall objektiver moralischer Gesetze das Gewissen entmachtet und durch flackernde persönliche Vorlieben ersetzt werden. Und wenn eine der Vorlieben eben eine Abneigung gegen die Kirche ist, dann wird man auch diese ausleben.

Erzbischof Woelki beklagt zurecht die dem Papst entgegengebrachte Intoleranz, und er wird noch erleben, dass diese sich auch gegen ihn richtet, sobald er erstmals die Lehre der Kirche wahrnehmbar in der Öffentlichkeit vertritt. Wenn sich die aktuellen gesellschaftlichen Trendlinien fortsetzen, woran ich nicht zweifle, wird diese Intoleranz noch stärker werden, und sich vielleicht irgendwann einmal in Gewaltausbrüchen gegen Menschen statt gegen Sachen oder den allgemeinen Anstand niederschlagen. Verwundern würde es jedenfalls nicht.