Der Papst: Ein Fremder in der Heimat

Deutschland, und besonders Ostdeutschland, ist eine immense Wüste des Glaubens. Selbst verglichen mit unseren Nachbarstaaten sind die verbliebenen christlichen Reserven schwach. Dechristianisierung ist in Deutschland kaum noch ein Thema – weil selbst die überwältigende Mehrheit der getauften Christen kein Interesse an einem Leben nach den Geboten Gottes mehr zeigt. Erlaubt ist, was gefällt, und verboten ist nur erwischt zu werden.

Moral beschränkt sich auf die derzeitigen Modethemen, hauptsächlich Umweltschutz und Zwangsenteignung Wohlfahrtsstaat. Am Rande spielen noch diverse unreflektierte Vorstellungen von Wirtschaft, Europa und Moslems eine Rolle, vor dem Hintergrund generellen Ressentiments gegen alles und nichts. Eine hoffnungslose Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, die selbst keine Hoffnung mehr hat, und diese Hoffnungs- und Sinnlosigkeit in immer groteskeren Formen des „Entertainments“ zu ersticken sucht.

Das ist das Land, in dem sich der Heilige Vater momentan aufhält. Das ist auch die Mentalität, die zu vielen Christen in Deutschland innewohnt. Es ist ein Land, in dem 99% der Menschen die Worte des Papstes nicht reflektieren können oder wollen, in dem ein offenes Herz so selten ist wie Gold.

Diese Symptome wiegen in Ostdeutschland wesentlich stärker als im Westen, in Städten mehr als auf dem Land, im Norden generell mehr als im Süden, doch selbst in den besten Regionen ist die Tendenz klar.

Der Deutsche hat heute so viel „Spaß“, dass er die Fähigkeit zur tieferen „Freude“ verloren hat. Er kann lustig sein, aber er ist nicht froh. Er mag zufrieden sein (auch wenn das sicher nicht auf die Mehrheit zutrifft), aber er ist nicht glücklich. Denn Glück geht tiefer als Zufriedenheit, genauso wie Liebe tiefer geht als Zuneigung. Der Zufriedene, der Zuneigung empfindende Mensch lebt an der Oberfläche, der glückliche, liebende Mensch kennt eine tiefere Dimension. Glück und Liebe sind eben nicht gefühlsmäßige Eindrücke oder Emotionen, sondern objektive Wirklichkeiten. Glück kann, so Aristoteles, nicht ganz ohne materielle Güter gedacht werden – um glücklich zu sein müsse man wenigstens ein Mindestmaß an „Glücksgütern“ haben, so dachte er. Doch selbst für den Heiden Aristoteles geht wahres Glück über emotionales Glücklichsein hinaus – es findet sich auf der Ebene praktischen Handelns in der Tugend und in besonderem Maße in der Theorie, der Kontemplation des Wahren. Für den Christen ist dies in noch größerem Maße bedeutsam. Denn die Tugend ist die Gewohnheit, im Einklang mit den Gesetzen und dem Willen Gottes sowie zugleich im Einklang mit der Natur, die Gott geschaffen hat, zu leben. Im Widerstand zu Gott zu leben führt niemals zum Glück, sondern wenn überhaupt zur Zufriedenheit.

Genauso ist es auch mit der Kontemplation. Schon Aristoteles sieht sie als die höchste irdische Haltung an, doch für den Christen nimmt sie eine noch größere Bedeutung ein. Der Christ erkennt in dem Wahren, dem Guten und dem Schönen, das das Objekt der Kontemplation ist, zugleich Gott, den Schöpfer derselben Natur, deren Ordnung wir durch Einhaltung des moralischen Gesetzes zu respektieren haben. Sowohl die Bedeutung der Sittlichkeit als auch die der Kontemplation sind höher für den Christen als für den Heiden Aristoteles. Doch mehr noch: sie gehören stärker zusammen. Dem Christen erschließt sich aus der Erkenntnis des einen Gottes in drei Personen als Schöpfer der Natur die Einsicht, dass die Gewohnheit im Einklang mit der menschlichen Natur zu leben, letztlich nichts anderes ist als Dienst am Schöpfer – der diese Natur wie auch die Natur der Umwelt schließlich erschaffen hat. Tugendhaft zu leben ist zugleich Leben nach Gottes Geboten, also für sich genommen schon eine Art Kontemplation der Wahren, Guten und Schönen, nur eben, wenn es so etwas gibt, eine „praktische Kontemplation“, eine „praktische Betrachtung“.

„Ora et labora“ – „bete und arbeite“. Das sind nicht zwei verschiedene Dinge, so als ob wir manchmal beteten und manchmal arbeiteten, sondern letztlich identisch. Zu beten ist zu arbeiten und zu arbeiten ist zu beten – wenn die Arbeit im EInklang mit Gottes Willen steht. Jedes gute Werk ist ein Gebet und Gebete sind gute Werke. Praxis und Theorie kommen für den Christen zu einer Einheit, wie sie selbst für die weisesten Heiden niemals denkbar gewesen wären. Praxis und Theorie sind für den Christen keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille, zwei Seiten des Dienstes an Gott, zwei Seiten der Hingabe des Selbstwillens an den Willen Gottes. Man könnte sagen: Nur wer sich selbst aufgibt, kann sich finden.

Wenn Aristoteles zwischen Glück in der praktischen Sphäre (Tugend) und in der theoretischen Sphäre (Kontemplation) unterscheidet, dann ist diese Unterscheidung natürlich richtig. Und sie ist auch im Christentum erhalten geblieben, etwa im Gegensatz Welt – Kloster. Das Christentum kennt diese Unterscheidung, aber sie ist nicht mehr unüberbrückbar. Moral und Religion haben auf eine Weise zusammengefunden wie es im Heidentum nicht denkbar war – bereits im Judentum war dies der Fall. Dort ist Gott der moralische Gesetzgeber und der Schöpfer der Natur – sowohl der materiellen als auch der menschlichen Natur.

Die Verbindung der durch Christus vervollständigten jüdischen Offenbarungswahrheit mit den scharfsinnigen Erkenntnissen der griechischen Philosophie blieb jedoch dem Christentum vorbehalten. Die Synthese zwischen der menschlichen Vernunft der Griechen und der göttlichen Offenbarung war jedoch keine der gegenseitigen Kompromisse. Vielmehr verwendete man die Einsichten der Offenbarung zur Perfektion der philosophischen Vernunft und die geschäfte philosophische Vernunft wiederum zum besseren Verständnis und zur theologischen Erfassung der Offenbarung. So ergänzen sich für den Christen Offenbarung und Vernunft in einem harmonischen Gleichgewichtsverhältnis der Befruchtung – es liegt nahe, die von außerhalb kommende göttliche Offenbarung des Vaters und die dem Menschen innerliche Vernunftweisheit („sophia“) mit dem Bild der geschlechtlichen Einheit zu vergleichen. Auf sich gestellt ist Sophia unfruchtbar – sie braucht den transzendeten Gott und die mit ihm verbundene Rationalitätsgarantie der Welt, um zur vollen Blüte ihrer Kraft zu gelangen.

So ist die Einheit von Vernunft und Glaube eben keine des gegenseitigen Kompromisses, sondern eine wirkliche Einheit, die ein wenig an die Einheit von Mann und Frau in der Ehe erinnert. Die Tragik der Neuzeit scheint mir nun die Scheidung dieses unzertrennlichen Paares zu sein. Frömmelnde Fundamentalisten leugnen selbst die offenkundigsten wissenschaftlichen Erkennisse (es gibt sogar Leugner der Kugelgestalt der Erde – die Erde ist eine Schallplatte…). Ihnen gegenüber stehen ebenso unfähige Ungläubige, die den Versuch einer wissenschaftlichen Durchdringung der Welt mit bloß materiellen Mitteln unternehmen.

Es verwundert nicht, dass beide Seiten scheitern mussten. Der frömmelnde Fundamentalist glaubt weil er glaubt, dreht sich im Kreis und kann sich nicht mehr rechtfertigen. Er macht sich selbst lächerlich und kann niemanden überzeugen, weil er das rationale Argument aufgrund seines Glaubens ablehnt. Ebenso ist die rationalistische Wissenschaft längst gescheitert. Immer verzweifeltere und vergebliche Versuche einer Rechtfertigung der Verlässlichkeit unserer Vernunfterkenntnisse stehen dort der sich mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis gegenüber, dass wir, unter der Annahme des Materialismus, nichts, absolut nichts, sicher wissen können, und daher Wissenschaft als Ganzes eine gewisse Willkürlichkeit und Beliebigkeit gewinnt. Der Versuch der Neuzeit, Glaube und Vernunft gegeneinander auszuspielen, endet mit der totalen Niederlage der Vernunft, die inzwischen mehr und mehr vor einem amoralischen Irrationalismus kapituliert, demzufolge der Mensch gar nicht wissen kann, sondern nur meinen. Doch wenn alles Meinung ist, dann gibt es gar keine Wahrheit, und ohne Wahrheit keine objektiv gültigen moralischen Standards. Der Versuch, den angeblich „irrationalen“ Glauben aus dem menschlichen Denken zu entfernen, führt nicht zum Tod des Glaubens, sondern zum Tod der Vernunft.

Doch auch der Glaube erleidet eine totale Niederlage. Er wird zwar nicht gänzlich besiegt, aber er wird seines wesentlichen Kerns beraubt. Der Glaube, der sich von der rationalen, menschlichen Vernunft „befreit“ hat, ist substanzlos. Er ist noch da, aber er verliert jeden bestimmten Inhalt – er gleitet in die Beliebigkeit, ebenso wie auch der Vernunft durch ihre Selbstaufopferung beliebig geworden ist.

Wenn es keine Wahrheit gibt, nur Meinung, dann kann nicht ein Glaube richtiger sein als ein anderer. Jeder Glaube ist dann bloß noch subjektives Gefühl – religiöse Erfahrung ersetzt religiöse Erkenntnis. Man nennt diese Häresie sehr treffend „Modernismus“, und es ist die Mutter aller Häresien. Denn sie ermöglicht ihrem Anhänger aus allen Definitionen und Dogmen auszubrechen, wenn nur seine persönliche religiöse Erfahrung (die nicht einmal unbedingt authentisch ist, aber selbst wenn nur einen winzigen Teil der Wahrheit repräsentieren kann) dies von ihm verlangt. Solcherlei Auffassung ist damit die Grundlage aller modernen Häresien, doch das nur am Rande.

So kommen die beiden am Beginn der Neuzeit getrennten Pfade heute wieder zusammen. Aus dem Vernunftglauben der modernen Philosophie und der positivistischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts ist ein Irrationalismus geworden, der selbst wissenschaftlichen Erkenntnissen konsequenterweise den Status des Wissens abzusprechen verpflichtet ist. Aus dem vernunftfreien Glauben ist entweder ein bloßes Frömmlertum geworden (in seltenen Fällen), oder (meistens) ein Glaube, der nur noch einige Floskeln und Plattitüden glaubt, und nichts mehr mit der Offenbarung zu tun hat. So wird die Vernunft unvernünftig und der Glaube ungläubig.

Doch kehren wir zu der früheren Konzeption zurück, wonach Glaube und Vernunft einander gegenseitig befruchten, wo der Glaube der Funke ist, der der Vernunft immer tiefere Einsichten ermöglicht, die wiederum ein immer besseres Verständnis der dem göttlichen Logos entsprechend geordneten Welt aber auch der Offenbarung ermöglichen, welche wieder in einem immer weiter sich aufschaukelnden Zirkel der Einsicht und der Weisheit ein tieferes Durchdringen sowohl der Offenbarungswahrheit als auch der Schöpfungsordnung (wissenschaftlich wie moralisch) erreichbar machen, dann haben wir keines dieser Probleme. Sophia ist, wie oben schon gesagt, ohne göttlichen Logos unfruchtbar. Und ohne die Verwendung der von Gott gegebenen natürlichen menschlichen Einsichtskraft bleiben alle Offenbarungseinsichten letztlich fruchtlos – da niemand sie zu durchdringen vermag. Sophia ohne Logos – Logos ohne Sophia: Beides ist eine Art geistige Selbstbefriedigung, und, wie ihre körperliche Variante, letztlich steril, fruchtlos, freudlos, nutzlos, ziellos, sinnlos.

So wie Maria erst das Jawort geben musste, damit Gott in der Welt sein Erlösungswerk vollbringen konnte, muss die menschliche Weisheit erst ihr Jawort zur göttlichen Offenbarung geben, bevor diese ihr fruchtbares Werk verrichten kann. Neues Leben kommt nur durch die natürliche Vereinigung von Mann und Frau in die Welt. Beide müssen die Bedeutung des Anderen anerkennen und sich der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall Fortpflanzung – bedienen. Ebenso müssen auch Glaube und Vernunft die Bedeutung des Anderen anerkennen, sich der natürlichen Fähigkeiten und Anlagen des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall fruchtbare Erkenntnis – bedienen.

Um das Gute tun zu können, bedarf der Mensch der Einsicht in das natürliche moralische Gesetz, das ihm ins Herz geschrieben ist. Dafür muss er nicht intelligent sein. Aber er muss weise sein, da die Erkenntnis des Guten dem gefallenen, zerbrochenen Meisterwerk Mensch nicht leicht fällt. Um das Wahre finden zu können, muss er sich sowohl des Verstandes als auch des Glaubens bedienen können. Und selbst der Genuss des Schönen verblasst, wenn alles nur hübsch oder „sexy“  ist, aber nichts im vollen Sinne schön. Denn auch Schönheit ist, in gewissem Sinne, etwas Wirkliches, Objektives, nicht bloße Emotion oder subjektives Gefallen. Schönheit ist mehr als Gefälligkeit.

Wenn, wie nach Auffassung der Neuzeit, das Wahre, Gute und Schöne bloß relativ sind, dann ist die Welt eintönig grau, steril, langweilig, öde, sinnlos, zwecklos, und liegt im Sterben.

Wenn ich „meine Wahrheit“ und jemand anders „seine Wahrheit“ haben kann, dann erlischt der menschliche Wissensdrang, denn wir finden bloß immer nur noch mehr Ansichten, Meinungen, Gefühle, Überzeugungen, Ideologien, aber niemals die Wahrheit. Wenn es da doch gar nichts zu finden gibt, warum dann suchen? Schon Bacon gab im 17. Jahrhundert die einzig denkbare Antwort: Macht.

Wenn Moral bloß das Produkt gesellschaftlicher Konditionierung ist, dann ist es plötzlich legitim, die Grundfesten der Moral zu bezweifeln, weil sie ja auch wieder nur die Manifestationen der gesellschaftlichen Machtverhältnisse sind. (Die, die uns konditionieren, beherrschen uns dann über internalisierte Hemmungen, die abzustreifen somit zum Akt der Befreiung wird). Warum dann noch ein wirklich „guter“ Mensch werden, wenn doch „gut“ nur das Produkt des Willens der Mächtigen ist, wenn „gut“ nur noch bedeutet, „den Mächtigen gefällig“? Die einzige Antwort gibt uns der „Marsch durch die Institutionen“: Die Macht erlangen, um die Moral zu ändern.

Wenn Schönheit bloß darin besteht, dass ich meine persönlichen psychischen Empfindungen und Vorlieben in die Außenwelt projiziere, dann ist in Wirklichkeit gar nichts schön, sondern alles gleichermaßen grau. Und auf manche Grautöne spreche ich persönlich dann eben stärker an. Doch wenn ich glaube, dass das alles nur in meinem Kopf sich abspielt, wie kann ich mich dann noch an dem Schönen erfreuen? Schönheit verliert also seinen Reiz – übrig bleiben biologische Triebe, psychologische Konditionierung und die schiere Macht der Gewohnheit. Warum dann noch den Versuch unternehmen, einen feinen Geschmack für das Schöne zu entwickeln, statt einfach gefällig herunterzuwürgen alles was mir so in die Quere kommt? Die einzige Antwort gibt uns der moderne Mensch zwischen zwei triebgesteuerten, doch lieblosen Orgien: Eroberung, also Macht.

Getrennt enden sowohl Glaube als auch Vernunft im absoluten Relativismus, für den es weder Wahrheit, noch Güte, noch Schönheit geben kann. Doch ohne die feste Überzeugung, dass das Wahre wirklich wahr, das Gute wirklich gut, und das Schöne wirklich schön ist, verblasst das ganze Leben vor der endlosen Abfolge rein materieller, gesellschaftlich konditionierter, von Trieben und Macht gesteuerter, mechanischer Akte.

Der Papst ist nun in Deutschland, und da ich dies schreibe gerade in Ostdeutschland, wo die Probleme noch weitaus schlimmer sind als im Westen, und er trifft auf ein apathisches Land voller Sinnlosigkeit, voller Überdruss, voller derzeit nur sporadisch sich entladender Unzufriedenheit – das heißt: er trifft auf ein modernes Land. Ein Land, wie es dem christlichen Glauben mit seiner Vereinigung scheinbarer Gegensätze zu einem in sich schlüssigen, sinnvollen, fruchtbaren Ganzen nicht fremder sein könnte.

Ein Land, das, ganz im Einklang mit seinen faktischen Grundwerten, selbst in Bezug auf die Kirche nur noch in Machtkategorien denken kann. Und als Folge ganz klein ist – klein an Werten, klein im Geiste und klein im Herzen. So klein, dass selbst seine Sünden kleinkariert und öde sind. So klein, dass es selbst einen alten, schwachen Mann als Bedrohung empfindet, die mit journalistischem Napalm behandelt werden muss. So klein wie die graue Stadt, die C.S.Lewis in „The Great Divorce“ als Sinnbild der Hölle gebraucht.

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.