Spaemann über Menschenwürde in der modernen Gesellschaft

Die folgenden Ausführungen stammen von Robert Spaemann und sind der Aufsatzsammlung „Grenzen: Zur ethischen Dimension des Handelns“ (S. 120-122) entnommen. Die Hervorhebungen und Kommentare stammen von Catocon.

„Ich möchte folgende These vertreten: Die moderne Zivilisation stellt für die Würde des Menschen eine Bedrohung dar, wie sie bisher niemals existiert hat. (Moderne ist ein schillernder Begriff. In historischem Sinne ist die Moderne eine Epoche, die etwa mit dem 17. Jahrhundert beginnt, und mehr oder weniger bis heute andauert, doch ist mit der historischen Moderne auch eine typische, charakteristische Denkart verbunden, die weitaus schwerer zu fassen ist. Spaemanns folgende Interpretation des Begriffs ist jedoch sehr instruktiv.) Die moderne Zivilisation hat dem Gedanken gleicher Minimalbedingungen für alle hinsichtlich ihrer Rechte zum Durchbruch verholfen. Sie enthält jedoch eine mächtige Tendenz zur Eliminierung des Gedankens der Würde überhaupt. Und zwar aus einem Grund, der bereits am Beispiel der Retortenbabyproduktion deutlich wird. Die zentrale Macht der modernen Zivilisation ist ein bestimmter Typus von Wissenschaft, der cartesische Typus. Kennzeichnend für diese Wissenschaft ist die radikale Reduktion ihrer Gegenstände  auf ihre Gegenständlichkeit, der Ausschluß aller Ähnlichkeit der res extensa mit der res cogitans, das Verbot des Anthropomorphismus zugunsten eines radikalen Anthropozentrismus.(Die Entwicklung dieses Wissenschaftstypus fällt historisch gesehen ins 17. Jahrhundert und geht nicht nur auf Descartes, sondern auch auf Francis Bacon zurück, dessen Satz „Wissen ist Macht“ nicht nur treffend die Mentalität der Schlange am Anfang des Buches Genesis, sondern auch jene Geisteshaltung, von der Spaemann hier schreibt, charakterisiert) Dieser hat die Herrschaft des Menschen über die Natur in bis dahin ungeahntem Ausmaß gesteigert. Der Gedanke, dies bedeute notwendigerweise ebenso die wachsende Befreiung des Menschen, setzte allerdings voraus, daß der Mensch selbst nicht zur Natur gehört. (Diese Entgegensetzung Mensch-Natur ist bereits im philosophischen Gegensatz „res cogitans“ und „res extensa“ angelegt – das eine ist die denkende Substanz, ganz und gar körperlos (und naturfern), das andere die ausgedehnte, körperliche Substanz, ein bloßer Mechanismus, ganz und gar seelen- und geistlos. Diesen Dualismus zwischen Körper und Geist oder Körper und Seele hat Descartes natürlich nicht erfunden. Auch die klassische griechische Philosophie spricht bereits davon, jedoch in einem weniger ausschließlichen Sinne. Die Seele ist die Form des Körpers in der aristotelischen Tradition, d.h. das, was den Menschen zum Menschen macht. Bei Aristoteles ist dies eine rein analytische Unterscheidung – der Mensch ist ganzheitlich, also als Einheit gedacht, und die strikte Trennung zwischen Geist oder denkender Substanz auf der einen Seite und Körper oder Materie auf der anderen Seite besteht nicht. Für Aristoteles ist die Form einer Sache nicht etwas, das neben oder zusätzlich zu ihrer materiellen Ausdehnung besteht, so als wären Materie und Form zwei Bestandteile des Gesamtdings, sondern eben das, was die Materie zu dem macht, was sie ist. Die Philosophie der frühen Neuzeit entdeckte nicht umsonst in der aristotelischen Tradition, hauptsächlich vertreten durch die Scholastik, ihren Erzfeind und wendete sich furios gegen sie.) Inzwischen aber hat die wissenschaftliche Vergegenständlichung auch den Menschen als natürliches Wesen erreicht. Und damit auch das Verbot des Anthropomorphismus. (Der Mensch darf nicht mehr als Mensch gedacht werden, sondern wird als eines unter vielen wissenschaftlichen Untersuchungssubjekten gesehen. Was im 17. Jahrhundert noch als Skandal galt, wenn man es mit Toten machte, ist im 20. Jahrhundert am lebenden Menschen zum Normalfall in vielen Staaten geworden.) Der Mensch selbst wird zum Anthropomorphismus. Menschliche Betrachtung des Menschen ist unwissenschaftlich und hat allenfalls heuristischen Wert. Biologische Anthropologie, Psychologie, Soziologie können Kunst, Sittlichkeit, Religion, ja sogar Wissenschaft selbst nur unter dem Gesichtspunkt von Überlebensstrategien deuten. („That’s what happens when you study men: you find mare’s nests. I happen to believe that you can’t study men; you can only get to know them, which is quite a different thing. – C.S. Lewis – That Hideous Strength, S.69.) Und hierbei ist, wie der berühmte Psychologe Skinner gezeigt hat, eine archaische Idee wie die der Würde nur hinderlich. In einer Welt (wie der unseren), die ihr einziges Ziel darin sieht, subjektives Wohlbefinden möglichst vieler wissenschaftlich zu organisieren( Blessed are the legend-makers with their rhyme //of things not found within recorded time. //It is not they that have forgot the Night,// or bid us flee to organized delight, //in lotus-isles of economic bliss // forswearing souls to gain a Circe-kiss //(and counterfeit at that, machine-produced, //bogus seduction of the twice-seduced // – J.R.R. Tolkien – Mythopoeia). , ist ein Gedanke unzweckmäßig, der dasjenige betont, was Wissenschaftler mit den Objekten ihrer Manipulation verbindet. Zum Beispiel so etwas wie ein gemeinsames Ethos. Das Ethos wird ja selbst zu einem zweckrational oder systemfunktional variierbaren Objekt. (Ethischer Relativismus. Moral ist, je nach Geschmacksrichtung dieser modernen Idee, entweder das Mittel, mit dem die Starken die Schwachen unterdrücken (und die Unterwanderung der herrschenden Moral gerät dadurch marxistisch zum Mittel der Befreiung), oder einfach das Resultat der Anpassung des Menschen an seinen Lebensraum (und durch die zunehmende Macht des Menschen, seinen Lebensraum zu verändern wird sie überflüssig.))Wissenschaft als Wissenschaft hat kein Ethos. Aber wenn das Ethos, das der Wissenschaftler hat, selbst zum Gegenstand von Wissenschaft wird, bedeutet das die radikale Emanzipation vom Medium des Humanen, welches die Bedingung von so etwas wie Würde ist. Niemand hat das eindrucksvoller beschrieben, als C.S. Lewis in seinen drei Vorträgen, die im Büchlein „The Abolition of Man“ (Deutsch: Die Abschaffung des Menschen. In der Tat eine der wichtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts) bereits 1943 publiziert wurden. Nicht von ungefähr hat Skinner Lewis als den wichtigsten Gegner der Skinner-Box-Welt erkannt.

Worum es geht, will ich an zwei Beispielen erläutern. An einem alltäglichen und einem radikal utopischen. Das alltägliche: Es ist charakteristisch für die wissenschaftlich-technische Zivilisation, daß sie einerseits schwere körperliche Arbeit beseitigt, andererseits aber viele menschliche Handlungsvollzüge ihrer immanenten Sinnstruktur beraubt und damit der Möglichkeit, daß sich in ihnen menschliche Würde darstellt. (Dies ist einer der Ansatzpunkte für den Marxismus gewesen. Arbeit in Fabriken wurde zurecht als unwürdig empfunden. Der Marxismus gab vor, dieses Übel bekämpfen zu können, und dabei war er nur ein weiteres Produkt desselben Übels, dessen Symptom die „entfremdete Arbeit“ ist, die Marx beklagte.) Die zweckrationale Zerlegung von Arbeitsvorgängen in kleinste Einheiten, deren jede einzelne nichts mehr von einer sinnvollen Gestalt hat, läßt den Begriff von der Würde der Arbeit sehr abstrakt werden. (Man möge übrigens nicht glauben, dass die moderne Büroarbeit besser wäre als die Fabrikarbeit der Industrialisierungsperiode im 19. und 20. Jahrhundert. Auch hier ist der Mensch von dem Produkt seiner Arbeit vollkommen getrennt, ein sinnlos schaffendes Rädchen im Getriebe des Kollektivs, ob dieses sich nun als Konzern oder Staat bezeichnet.) Und die Weltraumfahrer, strikt eingepaßt in vorgeplante Apparaturen, genötigt, sich in einem Medium zu bewegen, das vion der ökologischen Nische weit entfernt ist, in welcher der menschliche Körper sich entwickelt hat, sie repräsentieren zwar die kollektive Emanzipation der Menschheit von ihren natürlichen Ausgangsbedingungen, aber sie können zweifellos weniger Würde darstellen als ein Beduine in seinem Zelt und unter seinesgleichen. Denn die Macht des Menschen, die sich hier realisiert, ist wesentlich eine kollektive. (Die Macht des Ameisenhaufens.) Würde dagegen ist ebenso strikt an die individuelle Person gebunden. (Noch einmal Tolkien: I bow not yet before the Iron Crown, //
nor cast my own small golden sceptre down.)

Um aber zu zeigen, was hier letzten Endes auf dem Spiel steht, gebe ich ein Beispiel, das bewußt utopisch und extrem ist, aber eben darum die Tendenz, von der ich spreche, deutlich werden läßt. (Und ob es langfristig wirklich allzu utopisch ist, sei einmal dahingestellt. Vor 50 oder 100 Jahren hätte man sehr vieles von dem, was der Mehrheit heute selbstverständlich erscheint, für utopisch gehalten. Man hätte 1900 nicht für möglich gehalten, daß es einmal zur industriellen Vernichtung von Menschenleben kommen würde, und daß allein die in Kriegen und Völkermorden durch Staatshandeln hervorgebrachte Opferzahl im dreistelligen Millionenbereich liegen würde.) Stellen wir uns eine Welt vor, in der die Reproduktion der Menschheit durch Apparaturen weitgehend sichergestellt ist. Sie ist vor allem dadurch sichergestellt, daß die Mittel für die Reproduktion der Menschheit extrem reduziert wurden und daß die Koordination ihres Verhaltens kein Problem mehr darstellt. Menschen werden nämlich in Retorten „gezeugt“, in einem künstlichen Uterus entwickelt, und wenn sie ein gewisses Reifestadium erreicht haben, werden ihre Köpfe abgetrennt, in eine Nährlösung gelegt und die Gehirne mit Drähten verbunden. Durch diese Drähte werden bestimmte Impulse geleitet, die im Bewußtsein eine dauernde Euphorie erzeugen. Subjektiv sind diese „res cogitantes“ völlig zufrieden. (Und das ist alles, worum es dem modernen Relativisten gehen kann – er erkennt ja keine objektiven Standards an) Sie vermissen auch keinen Respekt vor ihrer Würde, weil sie deren Abwesenheit ja gar nicht wahrnehmen. Einige Wissenschaftler halten dieses System aufrecht. Sie allein sind noch „Menschen“ im traditionellen Sinne, aber durch ihre Emanzipation von dem umgreifenden „Tao“ – wie Lewis es genannt hat – sind sie es in Wirklichkeit auch nicht. Sie wissen, daß das, was sie veranlaßt, Euphorie statt Schmerz zu erzeugen, nur anerzogene Vorurteile(manche Teile der postmodernen Philosophie sprechen von „Dekonstruktion“ moralischer Vorurteile. Weniger Utopie als man denken mag.) sind, und so erzeugen sie zu Forschungszwecken oder auch zum Amüsement ebenso nach Belieben Schmerz oder Verzweiflung. (Und wer sind wir, sie dafür zu kritisieren? Moral ist relativ – es gibt keine intersubjektiv verbindlichen Standards, die nicht im Diskurs immer neu demokratisch ausgehandelt werden, sagt uns die moderne Ethik. Und wenn solche Standard eben im Diskurs – oder Dialog – ausgehandelt worden sind, dann sind sie auch gültig.) Und sie sind es auch, die über das jeweilige Ende des Lebens eines Kopfes entscheiden. („Because you study [men] you want to take away from them everything which makes life worth living and not only from them but from everyone except a parcel of prigs and professors“ – C.S. Lewis – That Hideous Strength, S.69) Diese Horrorutopie wird wohl für immer Utopie bleiben. (Ja? Die meisten Dystopien werden nie in exakt dieser Form Realität – aber auch Huxleys Brave New World ist weitgehend dabei Realität zu werden – ist „am Realität werden“, wie man da sagen würde, wo ich herkomme – obwohl die spezifischen wissenschaftlichen Techniken, die er beschreibt, natürlich absurd sind.)Der Widerstand gegen diese szientistische Entwürdigung des Menschen ist sogar parallel zum Anwachsen der Bedrohung bereits gewachsen. Die Verteidigung freier Interaktionsstrukturen gegenüber wissenschaftlicher Kontrolle organisiert sich. Aber es ist bisher mehr ein diffuses Gefühl, das hier rebelliert und eine elementare Anarchie verteidigt, zum Beispiel im Bereich des Datenschutzes. (Daß etwas falsch läuft, ist inzwischen Allgemeingut, nur der Protest ist Stimmung, nicht Gedanke. Deswegen lässt er sich so leicht instrumentalisieren.) Weil man oft gar nicht genau weiß, was man eigentlich gegen wen zu verteidigen hat, gewinnt diese Verteidigung oft sogar irrationale Züge, so beim Widerstand gegen eine Volkszählung. Dies wiederum führt dazu, daß der Widerstand selbst wissenschaftlich vergegenständlicht und zum Problem der Erzeugung von „Akzeptanz“ umformuliert wird (Politik soll „vermittelt“ werden, ein Bewusstsein für von der szientistischen Elite gewünschte „Reformen“ geschaffen werden usw. Ein Paradebeispiel für diese Haltung ist die Europadebatte, die in den letzten Jahren inszeniert worden ist.), was von neuem das Ethos als umgreifendes Medium der Verständigung neutralisiert und durch Sozialpsychologie ersetzt. Der Gedanke der Würde ist indessen ein fundamental ethischer, der sich prinzipiell jeder wissenschaftlichen Vergegenständlichung entzieht.

Das heißt nicht, daß er jeder theoretischen Reflexion entzogen bleiben müßte. (Diese Reflexion ist aber philosophischer Natur, nicht im modernen Sinne wissenschaftlich – sehr wohl jedoch im Sinne des traditionellen Wissenschaftsbegriffs, bei dem die Philosophie die höchste weltliche Wissenschaft ist, die wiederum auf das Studium der Theologie vorbereitet, die als Krone der Wissenschaften gelten kann.) Wäre dies der Fall, so wäre der Würdegedanke seiner wissenschaftlichen Vergegenständlichung ohnmächtig ausgeliefert und könnte sich ihr gegenüber sozusagen nur in einer fanatischen Trotzhaltung  behaupten. Diese Trotzhaltung wäre ehrenwert (und als Schutzreflex notwendig), aber doch ein Ausdruck der Ohnmacht und eines Begründungsdefizits. Seine theoretische Begründung findet der Gedanke der Menschenwürde und ihrer Unantastbarkeit allerdings nur in einer metaphysischen Ontologie, das heißt in einer Philosophie des Absoluten. Darum entzieht der Atheismus dem Gedanken der Menschenwürde definitiv seine Begründung und so die Möglichkeit theoretischer Selbstbehauptung in einer Zivilisation. Und nicht von ungefähr haben sowohl Nietzsche wie Marx Würde als ein erst Herzustellendes und nicht als ein zu Respektierendes bezeichnet. (Dies ist eine Wurzel der Unzahl moderner Ideologien, die diese Epoche heimsuchen – vom Liberalismus über den Nationalismus, den Sozialismus, Kommunismus, Feminismus bis hin zum Ökologismus mancher Teile der modernen Umweltbewegung, soweit sie sich der „Kultur des Todes“ angeschlossen haben. Die Würde muss erst durch politische Handlungen hergestellt werden – dieser Gedanke ist fatal.)

Die Präsenz des Gedankens des Absoluten in einer Gesellschaft ist eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung dafür, daß die Unbedingtheit der Würde auch jener Repräsentation des Absoluten zuerkannt wird, die „Mensch“ heißt. (Keine Würde ohne Gott, auf eine Kurzform gebracht.) Hierzu bedarf es weiterer Bedingungen, darunter der rechtlichen Kodifizierung. Eine wissenschaftliche Zivilisation bedarf – ihrer immanenten Selbstbedrohung wegen – dieser Kodifizierung mehr als jede andere.“

Soweit Robert Spaemann über die einzigartige Bedrohung der Menschenwürde durch die Moderne.

Zur Tötung der Unschuldigen in Liechtenstein

In Liechtenstein bleibt Abtreibung (vorerst) verboten, zumindest wenn die Mehrheit der Bevölkerung ihren Willen bekommt. So stimmten kürzlich gut 52% gegen eine Legalisierung der Tötung Unschuldiger in dem kleinen Fürstentum während der ersten zwölf Monate des Lebens der Unschuldigen. Doch die Abtreibungslobby, der ja nur noch zwei Prozent am Sieg über das Lebensrecht fehlen, ruht nicht. Bereits jetzt debattieren die Abtreibungslobbyisten in Liechtenstein über einen neuen Angriff auf das Lebensrecht – die Abtreibung soll in Liechtenstein verboten werden, aber nicht, wenn eine Person aus Liechtenstein im Ausland abtreibt.

Damit wäre aber das Lebensrecht in seinen Grundfesten verloren. Denn offensichtlich kann es nicht am Aufenthaltsort der Schwangeren liegen, ob die Tötung ihres Kindes zulässig ist. Wenn also Abtreibung im Ausland zulässig ist, auch für Liechtensteiner, dann muss sie offenbar auch im Inland gestattet werden. Sollte diese in Liechtenstein derzeit diskutierte Regelung sich durchsetzen, so wäre der endgültige Fall des grundlegendsten aller menschlichen Grundrechte nur noch eine Sache weniger Jahre. Die Gegner des Lebensrechts hätten die wesentliche Debatte bereits gewonnen, denn wenn die Tötung der Unschuldigen wirklich falsch ist, dann bleibt sie auch im Ausland falsch. Strafrecht gilt aber für Liechtensteiner im In- und Ausland; also muss man Abtreibung entweder sowohl im In- als auch im Ausland bestrafen, oder gar nicht.

Doch für Deutsche muss die derzeitige Debatte in Liechtenstein geradezu als ein Luxusproblem erscheinen. Denn hierzulande werden jährlich über 110000 unschuldige Kinder vorgeburtlich getötet, mehr als 95% davon aus offenbar niederen Motiven, etwa weil das Kind gerade nicht passt, oder man glaubt, den schon vorhandenen Kindern weniger dekadenten Luxus ermöglichen zu können (selbst der mittlere Hartz IV-Empfänger hat schlicht verglichen mit 90% der Weltbevölkerung, und selbst mit seinen Großeltern um 1950, schlicht ein Luxusleben, auch wenn es unpopulär ist, davon zu sprechen). Doch die Tötung der Unschuldigen liegt in der Dunkelziffer weit höher. Nicht alle Abtreibungen werden gemeldet, und die zuständigen Instanzen haben nicht das geringste Interesse an einer scharfen Durchsetzung einer Meldepflicht. Ferner wirken hormonelle Verhütungsmittel, besonders die sogenannte „Anti-Baby-Pille“ oft frühabtreibend. Manche schätzen, dass durch derartige Wege weitere 200000 Abtreibungen jährlich stattfinden. Doch die genaue Zahl ist unmöglich festzustellen.

Liechtenstein hat noch nicht denselben Grad elementarer moralischer Verrohung erreicht wie Deutschland. Doch fällt das grundlegende Verbot der Tötung Unschuldiger, so ist der weitere Verfall nur noch eine Frage der Zeit.

Diese moralische Verrohung ist nicht so sehr die Folge direkter Unmoral. Vielmehr sind moralische Kategorien komplett aus dem öffentlichen und privaten Bewusstsein der Menschen verschwunden. Mehrheitlich sind die Deutschen für die legale Tötung der Unschuldigen, ob durch Abtreibung, Euthanasie, embryonaler Stammzellenforschung oder auf anderem Wege. Doch diese Mehrheiten sind nicht verhärtete Menschenhasser im Blutrausch – sie sind nicht unmoralisch – sondern schlicht abgestumpft. In Familien, in Kirchen, im Bildungssystem, in den Medien gibt es keinerlei moralische Komponente mehr. Familien, sofern sie überhaupt noch existieren, sind private Spaßvereinigungen ohne moralische Dimension. Alles ist Familie, von Lebensgefährten bis Homosexuellen. Moralische Grenzen sind Vergangenheit. In der Kirche hört man wenig von Moral, wesentlich mehr von Spaß und Lust und Laune, zuweilen auch von direkt sozialrevolutionären, latent marxistischen Ambitionen. Kirchliche Vereinigungen orientieren sich nicht mehr an christlicher Moral, sondern wahlweise an linksextremistischen politischen Zielen, dem Zeitgeist, oder dem Geldbeutel. Das Bildungssystem versucht bloß noch berufsnützliche Kenntnisse zu vermitteln (es scheitert selbst dabei kläglich), und hat nur in einem Punkt Erfolg: Es treibt der großen Mehrheit der Schüler alle Spuren moralischer Orientierung aus, die Eltern und Kirche vielleicht noch aufbauen konnten, indem es Moral durch das Gift der Politischen Korrektheit und Wahrheit durch Toleranz um jeden Preis ersetzt. Die Medien tun ebenfalls ihren Teil, der nicht mehr mit höflichen Worten zu umschreiben ist.

In dieser toxischen Wolke verlieren Menschen nicht so sehr ihre Moral und ihr Gewissen als die Fähigkeit überhaupt in moralischen Kategorien zu denken. Sie sind nicht unmoralisch, indem sie sich gegen die moralischen Normen entscheiden, sondern indem sie weder moralische Normen noch ihr Gegenteil kennen.

Der moderne, verweltlichte Mensch kann nicht einmal mehr so richtig sündigen, weil ihm dazu das Bewusstsein fehlt. Objektiv sind seine Handlungen himmelschreiende Sünden, doch wie verantwortlich ist jemand für seine Sünden, der in einer Gesellschaft lebt, in der abgesehen von Mülltrennung und Atomausstieg moralisch nichts mehr von Bedeutung ist?

Übertreibe ich? Vielleicht. Mit Sicherheit gibt es noch Ecken in Deutschland, in denen moralische Wahrheiten noch erhalten sind. Es gibt auch einige einzelne Menschen, die versuchen nach diesen Wahrheiten zu leben. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung kommen sie einfach nicht vor. Und da die breite Mehrheit der Menschen immer schon nicht nach abstrakten manipulationsresistenten Prinzipien gehandelt hat, sondern von Medien, Umgebung, Familie, Ausbildung usw. beeinflusst worden ist, kommen sie auch in der privaten Wahrnehmung der breiten Mehrheit der Menschen nicht mehr vor.

Solange es nicht breite gesellschaftliche Strömungen gibt, die in diesem Punkt gegensteuern, die der Diktatur des Relativismus den Garaus machen, wird sich in Deutschland nichts ändern. Gegen die breite Mehrheit kann keine Staatsform dauerhaft bestehen, nicht einmal eine Militärdiktatur oder eine Monarchie. Eine Rückkehr zu nicht einmal christlichen, sondern allgemein menschlichen, mit den Mitteln der bloßen Vernunft erkenntbaren moralischen Normen wird daher nur durch große, einflussreiche Institutionen möglich sein – die einzige Institution, die aber diese allgemein vernünftigen Normen noch verteidigt, und zugleich über den nötigen Einfluss verfügt, ist die katholische Kirche.

Solange diese sich nicht nur in Rom, sondern auch durch Bischöfe, Priester und Laien in allen möglichen kirchlichen und außerkirchlichen Tätigkeitsfeldern, entschlossen und ohne Zweideutigkeit zu diesem natürlichen moralischen Gesetz bekennt, wird sich nichts ändern. Auch das Verbot der Tötung Unschuldiger in jedem Stadium ihres Lebens – von der Befruchtung bis zum natürlichen Tod – wird erst wieder gesetzlich anerkannt und gesellschaftlich wenigstens im Großen und Ganzen umgesetzt werden, wenn vorher eine allgemeine Umkehr, eine Rückkehr zu den Grundfesten der natürlichen moralischen Normen eingetreten ist.

Doch dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Die knapp 2000 Tapferen in Berlin sind für ihre Entschlossenheit zu loben, doch ein Hoffnungszeichen sind sie nicht. Vielleicht ein Lebenszeichen, aber nicht mehr.

Pädophilie: Warum nicht?

Pädophilie ist unbezweifelbar, wie aus jeder christlichen Sittenlehre hervorgeht, ein großes moralisches Übel und muss sowohl moralisch als auch juristisch verurteilt werden. Diese Haltung vertritt der Autor dieses Artikels mit unnachgiebiger Überzeugung. Dennoch lohnt es sich die im Titel angesprochene Frage zu stellen.

Warum nicht?

Die gesamte christliche Sittenlehre ist ein einziges, zusammenhängendes Ganzes. Man kann aus diesem Grund nicht einfach einige Aspekte isolieren, die man dann ignoriert, weil sie nicht mehr modern oder zu anstrengend oder zu schwierig sind. Geschieht dies, besonders als Massenphänomen, so löst sich der ganze Zusammenhang auf. Entfernt man einen Baustein, geht der innere Zusammenhang verloren – und der Turm verliert an Stabilität, immer weiter, bis er irgendwann einstürzt. Genau das ist derzeit mit der christlichen Moral der Fall.

Als die christliche Moral zumindest theoretisch noch gesellschaftlich akzeptiert war, galten homosexuelle Akte als moralisch verwerflich. Dann kamen einige Aktivisten und wollten dies verändern, damit Menschen mit dieser „alternativen Sexualneigung“ nicht mehr unter gesellschaftlicher Missbilligung zu leiden hätten. Inzwischen ist Homosexualität so sehr „normalisiert“ worden, dass die breite Mehrheit der Menschen derartige Akte für normal und selbstverständlich hält, und jegliche Kritik an ihnen in höflicher Gesellschaft inakzeptabel geworden ist. Zunehmend werden Anhänger der christlichen Moral zu diesem Thema in die gesellschaftliche Ecke gedrängt, Toleranz wird zur Einbahnstraße. Schließlich wird dann das Äußern politisch inkorrekter Meinungen unter Strafe gestellt. Der letzte Schritt beginnt bei der Homosexualität gerade erst, doch die ersten Spuren sind schon in England und anderswo zu finden.

Die christliche Moral wird in folgenden Schritten ausgehebelt:

1. Entkriminalisierung: Verhalten X ist natürlich unmoralisch und verwerflich, aber letztlich Privatsache.

2. Duldung: Verhalten X mag für uns unmoralisch sein, aber wir sollten es nicht nur rechtlich, sondern auch im allgemeinen gesellschaftlichen Umgang tolerieren.

3. Neutralität: Verhalten X ist nicht unmoralisch, sondern ein alternativer Lebensstil, den wir respektieren müssen.

4. Gleichstellung: Verhalten X ist genauso legitim wie Verhalten Y, das früher als die einzig richtige Norm galt. Gesetzliche und gesellschaftliche Benachteiligungen sind auszugleichen.

5. Gleichschaltung: Verhalten X ist völlig in Ordnung und gesellschaftlich zu schützen. Zuwiderhandlung wird mit (…) bestraft.

Die Normalisierung der Homosexualität hat die Schritte 1 bis 3 längst durchlaufen. Derzeit sind wir in Deutschland bei Schritt 4, doch die Vorbereitungen für Schritt 5 laufen schon.

Da in der Sittenlehre, wie oben erwähnt, alles mit allem verbunden ist, und dieselben Prinzipien die ganze Lehre durchziehen, bleibt die Auflösung eines Gebots nicht ohne Folgen für andere Gebote. So führt die Akzeptanz von Verhütungsmitteln einerseits, durch die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung, zur Akzeptanz von Homosexualität, andererseits, durch den Druck der Ereignisse und ungewollte Schwangerschaften, zuderen Verhinderung das verhütende Paar berechtigt zu sein glaubt, zur Legalisierung und Normalisierung der Abtreibung.

Ebenso führt die Normalisierung der Homosexualität zu weiteren moralischen Zerfallserscheinungen. Das Argument lautet meistens, es sei ja alles mit Einwilligung geschehen, und Sex mit Einwilligung sei niemals falsch – schließlich lieben sie einander ja… Doch dasselbe Argument kann auch zur Normalisierung von Pädophilie benutzt werden – viele 13-jährige Kinder sind, gerade in Zeiten immer früherer Sexualisierung, ohne Weiteres in der Lage, ihre Zustimmung zu einem Sexualakt zu geben. Und wer kann schon genau sagen, wann eine solche Einwilligung wirklich freiwillig ist, und wann nicht? Die hier auftretenden Grauzonen können jederzeit von interessierter Seite genutzt werden.

Dasselbe gilt, in weit stärkerem Maße, für die Polygamie. Alle Partner haben eingewilligt, zu dritt Sex zu haben. Das ist doch völlig in Ordnung, oder? Wenn nicht, warum nicht?

Zudem überlege man sich, ob unter dieser Annahme wirklich das Inzesttabu gehalten werden kann? Wenn Sexualität nur von der Einwilligung abhängt, dann ist Inzest auch in Ordnung. Natürlich besteht ein Gesundheitsrisiko für Nachkommenschaft. Aber erstens kann man verhüten, zweitens abtreiben und selbst wenn man dieses Risiko für zu groß hält: Warum soll nicht der erwachsene Sohn mit seinem Vater eine homosexuelle Beziehung führen? Warum nicht der Sohn mit seiner nicht mehr zeugungsfähigen Mutter? Warum nicht zwei Brüder oder zwei Schwestern? Warum nicht zwei Brüder mit ihrer alten Großmutter? Wenn sie doch wollen? Ist doch freiwillig…

Wenn es wirklich nur um Einwilligung geht, dann sind alle diese Konstellationen denkbar und vollkommen moralisch. Natürlich würde das heute in der Öffentlichkeit noch kein „progressiver“ Aktivist sagen – doch wer hätte vor 50 Jahren gesagt, er sei für die Homo-„Ehe“? So etwas war damals genauso undenkbar wie die Aufhebung des Inzesttabus oder des Pädophilietabus heute.

Natürlich würden heutige „Fortschrittliche“ derartige Absichten jederzeit leugnen – und die meisten von ihnen vermutlich völlig zu Recht. Dennoch besitzt die heutige Position der „Fortschrittlichen“ aller Parteien und Gesellschaftsschichten kein logisches Argument gegen eine zukünftige Generation von Modernisierern, die ebenso an den heute noch akzeptierten Tabus zweifelt, wie die 1968er an den damaligen Tabus.

Und da die interne Logik der Position unaufhaltsam in diese Richtung zeigt, wird es früher oder später dazu kommen. Dann werden die heutigen Fortschrittlichen exakt dasselbe Problem haben, wie ihre Vorfahren in den 1960er Jahren. Diese hatten keine Argumente, warum Verhütung in Ordnung ist, aber ebenso sterile homosexuelle Akte nicht. (Entweder die Abkopplung von Sexualität und Fortpflanzung durch menschliche Kunstfertigkeit ist erlaubt, oder sie ist nicht erlaubt.) Jene werden in Zukunft keine Argumente haben, warum Freiwilligkeit das einzige Kriterium bei sterilen homosexuellen Akten sein soll, aber nicht bei sterilen pädophilen Akten oder bei Inzest unter nicht zeugungsfähigen Personen.

Der verknöcherte Zeigefinger wird den Moralrevolutionären gut stehen. Oder werden sie sich dann der neuen Revolution anschließen und Freie Liebe zwischen Papa und Sohn fordern?

Einigen Lesern mag dies weit hergeholt klingen. Doch zumindest die Normalisierung von Pädophilie befindet sich im Vorreiterland USA sowie in Großbritannien bereits mindestens in Phase 1 (siehe hier und hier). Und was derzeit noch weithin „intolerant“ abgelehnte Akte der Polyamorie (geschlechtsneutrale Form der Polygamie) betrifft, man schaue sich einmal die Lage in den Niederlanden zu diesem Thema an, etwa hier. Und das Inzesttabu? Nun ja, bisher fordert noch niemand öffentlich die Legalisierung von Vater-Sohn-Sexualität. Doch je mehr die Kinder sexualisiert werden, in Schulen, in Medien, in der Gesellschaft allgemein, umso stärker werden auch hier die Hemmschwellen sinken. Das Kind wird ja heute nicht nur selbst sexualisiert, also zu sexuellen Handlungen angestiftet, sondern auch als Sexobjekt kommerziell nutzbar gemacht. (siehe etwa hier oder hier)

Es mag weit hergeholt klingen, doch genauso klang die Homo-„Ehe“ 1960 auch.

Die gefährlichste Frage in der Sittenlehre ist „Warum nicht?“. Denn die meisten Menschen können darauf keine gute Antwort geben, nicht weil es keine gäbe, sondern weil sie sich damit nie beschäftigt haben.

Hinweis: Man lese sich zu diesem Themenkomplex einmal diesen, diesen und diesen Artikel von Mark Shea durch.

Was nützen politische Reformen?

Ich wurde kürzlich, nach meinem Blogeintrag „Die kinderfeindliche Betreuungslüge“ von einem treuen Leser und Kommentator, wk1999, darum gebeten, der Veröffentlichung des dort kurz von mir beschriebenen Familienförderungsprogramms auf dem Internetportal kathspace.com zuzustimmen. Dies tat ich, obgleich es sich bei dem „Programm“ natürlich nur um ein relativ schnell dahingeschriebenes Machwerk handelte, und keineswegs um ein sorgfältig durchdachtes, oder gar vollständiges, familienpolitisches Maßnahmenpaket.

Nun gibt es auf dem oben erwähnten Internetportal unter der Veröffentlichung des Programms derzeit eine Reaktion, die einige der notwendigen Ergänzungen und zusätzliche Anregungen aufwirft. Auf diese möchte ich kurz reagieren, und dadurch den Lesern dieses Blogs etwas mehr Kontext liefern, in dem das erwähnte Programm verstanden werden muss.

Hier zuerst noch einmal das Programm, um das es geht:

1. Abschaffung sämtlicher staatlicher Förderungen für sog. Betreuungsplätze vor dem sechsten Geburtstag des Kindes.

2. Abschaffung der diversen Scheidungsliberalisierungen der letzten 60 Jahre, idealerweise totales Scheidungsverbot.

3. Totales, ausnahmsloses Verbot der Abtreibung, Künstlicher Befruchtung und sonstiger lebensfeindlicher Praktiken. Verbot von Verhütungsmitteln mit potenziell frühabtreibender Wirkung.

4. Abschaffung aller Privilegien für homosexuelle Paarbeziehungen, so dass die Ehe wieder als einzige staatlich privilegierte Lebensform besteht.

5. Abschaffung aller sog. Gleichstellungs- oder Frauenförderungsgesetze. Abkehr vom Gender Mainstreaming – falls die EU sich dagegen wehrt, notfalls austreten.

6. Streichung aller Fördermittel und Werbekampagnen, inklusive schulischer Sexualisierungspropaganda (sog. Sexualunterricht), für Verhütung, Abtreibung und außereheliche Sexualität.

Nun beklagt sich Bernice auf kathspace.com darüber, es gehe in diesem Programm nur darum diverse Sachen abzuschaffen, zu streichen usw. Das müsse aber alles von weiteren Maßnahmen flankiert werden, die positiverer Natur seien. Ich zitiere aus ihrem Beitrag:

Ich wäre grundsätzlich dafür.
Einige Ergänzungen scheinen mir aber sehr wichtig:

Erstens dürften solche Forderungen nicht der Agression, Hass, Ablehnung und Ausgrenzung entstammen.

In der Tat. Einige der von ihr vorgeschlagenen Ergänzungen sind wirklich wichtig. Man sollte niemanden hassen, schon gar nicht seinen Feind, wie alle Christen wissen sollten. Doch wenn es um „Ablehnung“ und „Ausgrenzung“ geht, nun ja, ich fürchte, da bin ich anderer Meinung als Bernice. Wenn „Ablehnung“ und „Ausgrenzung“ per se falsch sein sollen, dann bedeutet dies, dass es kein objektiv unmoralisches Verhalten geben kann, oder dass man diesem unmoralischen Verhalten zuzustimmen verpflichtet wäre. Ist nämlich eine Handlung objektiv verwerflich, so darf man ihr nicht zustimmen, und sollte sich sogar von ihr „abgrenzen“. Man sollte sie auch „ablehnen“. Und das Böse auszugrenzen – unter Wahrung der Menschenwürde der Bösen – ist in jeder christlichen Gesellschaft praktiziert worden, und keine christliche Gesellschaft auf dieser Erde wäre denkbar, in der dies nicht der Fall wäre. Der generelle Geist der Nächstenliebe sollte in der Tat die Umsetzung des „Programms“ begleiten, doch kann dies nicht bedeuten, dass das Programm nicht automatisch gegen das Übel vorgeht, es „diskriminiert“, „ausgrenzt“ oder „ablehnt“. Wenn Abtreibung, Scheidung usw. tatsächlich Übel sind – und daran kommt man als Katholik eigentlich nicht vorbei – dann müssen wir diese Übel sogar ablehnen.

Mir scheint, Bernice hat die Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder unbeachtet gelassen. Wir lieben den Sünder, aber nicht die Sünde. Wir hassen die Sünde, gerade weil wir den Sünder lieben und ihm mit seiner Sünde helfen wollen. Und deswegen grenzen wir die Sünde aus und lehnen sie ab.

Zweitens, wenn man Scheidung verbieten will, müsste man eine gute, gründliche und religionsbezogene Ehevorbereitung fördern – also z.B. Kurse, Tagungen etc. Oder am besten gleich in der Schule damit beginnen (Schüler lernen ja Mathe, Sprache und Sport – wie steht es mit Partnerschaft, Erziehung und Umgang mit anderen Menschen…?!)

Volle Zustimmung. Solche Begleitmaßnahmen wären in der Tat notwendig.

Das gleiche gilt für ein Verbot von Abtreibung. Den Jugendlichen sollte man nahebringen wie wertvoll und unersetzlich ein menschliches Leben ist und – das betrifft dann ebenfalls die Sexualerziehung – was es bedeutet eine Beziehung verantwortungsvoll einzugehen, was Treue, echte Liebe, Gemeinschaft etc. bedeuten.

Ja, auch ein Abtreibungsverbot muss flankiert werden von derartigem Neulernen elementarer moralischer Wahrheiten. Doch jetzt kommt das „dicke Ende“:

Also, alles mögliche abschaffen geht nicht, ohne dass die Menschen den Sinn des Lebens, die Ehe, die Sexualität und die Menschenwürde wieder neu von der positiven Seite kennenlernen.

Was soll das bedeuten? Bedeutet das, dass man mit diesen Gesetzesänderungen warten soll, bis die Menschen ein Licht aufgegangen ist? Es ist im Gegenteil sogar die Pflicht eines jeden Menschen, das Übel auch dann abzuschaffen, wenn seine Mitbürger nicht verstanden haben, warum es ein Übel ist. Wenn Abtreibung die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschenlebens darstellt, dann fällt es unter die elementarste Pflicht eines jeden Staates, der überhaupt so etwas wie Legitimität besitzen will, dieses intrinsische Übel zu verbieten, und zwar nicht erst dann, wenn diverse Tugenden bereits wieder verankert sind, sondern gerade in ihrer Abwesenheit. Legalisierte Abtreibung wäre in einem Staat, in dem die Menschen den Wert des Lebens erkannt haben, noch zu tolerieren (niemand würde abtreiben) – aber keinesfalls in einem Staat, in dem der Wert des Lebens in Vergessenheit geraten ist. Gerade die verirrten Schäfchen brauchen jede, auch staatliche, Hilfe, um wieder auf den richtigen Weg zurückzukehren – besonders wenn es um das Lebensrecht aller Menschen geht.

Wenn Bernice hingegen nur meint, dass ein solches Verständnis zusätzlich zu den Verboten angestrebt werden soll, oder dass es nützlich wäre, jetzt, wo solche Gesetzesänderungen nicht in Sicht sind, daran zu arbeiten, die Bürger von der Wichtigkeit der genannten Werte zu überzeugen, dann hat sie natürlich Recht.

Doch das bringt mich zu meinem allgemeinen Punkt, der vielleicht in der detaillierten Behandlung von Bernices Kommentar und überhaupt meinem „Programm“ untergehen könnte. Ich zitiere aus meinem ursprünglichen Artikel zum Thema (oben verlinkt):

Doch diese Vorschläge [das „Programm“] könnten in Deutschland niemals umgesetzt werden, niemals auch nur diskutiert werden, und fänden sicher auch nicht die Zustimmung der Mehrzahl der deutschen Katholiken, oder auch nur Bischöfe. Warum nicht? Eben weil sie alle die Mentalität der Welt übernommen haben, weil sie alle sich selbst säkularisiert haben, weil sie alle eine generelle Abkehr von traditioneller katholischer Sittenlehre vollzogen haben, um damit den Reichen und Mächtigen zu gefallen.

Das ist das eigentliche Problem. Es ist meine feste Überzeugung, dass jede Gesetzesänderung, die jetzt durchgedrückt würde (wie auch immer das funktionieren sollte), nicht nur unwirksam wäre, sondern zu einer Verschlimmerung der Lage führte. Im aktuellen Gesellschaftlichen Klima der Bundesrepublik ist die eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle eher am „konservativen“ Ende des akzeptablen Spektrums angesiedelt. Und im Felde der Abtreibung ist faktisch die CDU die Verteidigerin der Fristenregelung, während die anderen Parteien, vor allem Grüne und Linke, aber auch wichtige Teile der SPD und der FDP, den §218 am liebsten ganz abschaffen würden. Und selbst die aktuelle schwarz-gelbe Koalition fördert international Abtreibungsorganisationen und Lobbys dieser Richtung. Ähnliches gilt auch in allen anderen diskutierten Politikbereichen.

Jede positive Veränderung der Gesetzeslage ist wertlos, wenn sie nicht zugleich in den Köpfen der Gesellschaft verankert ist. Und dies wird nur geschehen, wenn die Meinungsführer gezwungen sind, von ihren modernistischen Ideologien abzukehren, umzudenken. Doch das wird sicher nicht passieren, solange es auch nur im Entferntesten danach aussieht, dass das heutige egalitaristische, lebensfeindliche Gesellschaftssystem irgendwie bewahrt werden kann. Ich fürchte, dass eine gesellschaftliche Umkehr – wie meistens – erst nach dem gesellschaftlichen Zusammenbruch geschehen wird. Und dann könnte es für viele von uns zu spät sein.

Doch eines sollten wir nie vergessen: Alles, was auf dieser Erde geschieht, Gutes wie Böses, ist nur ein Vorspiel, eine Bewährungsprobe, ein Tal der Tränen. Worauf es wirklich ankommt, ist nicht die Gesellschaft, und schon gar nicht die Politik.

Abtreibung und Subjektivismus

In der heutigen Diktatur des Relativismus tauchen solche Fragen schon einmal auf:

Wenn die Einstellung zur Abtreibung entweder modern oder antimodern ist und nicht der Würde der menschlichen Natur entsprechend oder widersprechend, muß man sich dann überhaupt noch wundern?

Wir leben in einer Gesellschaft, die als wesentlichen Standard der moralischen Bewertung menschlichen Verhaltens entweder emotionale Bedürfnisse oder „gesellschaftlichen Fortschritt“ anlegt. Die Würde der menschlichen Natur ist ein objektives Kriterium, dessen Anwendbarkeit – wie alle objektiven Kriterien – notwendigerweise auf der Existenz einer objektiven, d.h. vom Beobachter unabhängigen Außenwelt beruht, über die wir mit den Mitteln der naturwissenschaftlichen oder philosophischen Rationalität etwas erfahren können. Ferner setzt sie voraus, dass diese objektive Außenwelt ebenfalls objektiv eine natürliche moralische Ordnung beinhaltet.

Derartige Annahmen sind seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in der Philosophie außer Mode. Stattdessen gehen Philosophen seitdem davon aus, dass wir gar nicht fähig sind, objektive Muster in der Außenwelt wahrzunehmen, sondern dass alles durch den Filter unseres Wahrnehmungsapparates möglicherweise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet worden sein könnte. Auf dieser Basis kann eine objektive Menschenwürde ebensowenig angenommen werden wie allgemein ein objektives moralisches Gesetz. Und wer jetzt glaubt, diese philosophischen Abstraktionen seien für das Alltagsleben der Menschen irrelevant, der irrt sich gewaltig. Natürlich denken die wenigsten Menschen bewusst über ihre Philosophie nach. Aber das heißt nicht, dass sie keine hätten. Wer nicht über seine Philosophie nachdenkt, der bekommt sie unbemerkt durch seine Umgebung, durch Massenmedien, durch die dominanten Paradigmen in Schule und Universität usw. „aufgedrängt“.

Und was für eine Philosophie bekommen wir aufgedrängt, wenn wir uns nicht aktiv mit solchen Fragen befassen? Diejenige, die sich in den letzten 250 Jahren von den Philosophen und einigen damals modernen Theologen über die Universitäten und von dort in alle gesellschaftlichen, medialen und politischen Bereiche ausgebreitet hat – eben die oben beschriebene Philosophie des Relativismus und Subjektivismus.

Diese Philosophie ist, soviel steht außer Frage, inkompatibel mit jeglichem traditionellem Christentum, da sie uns sicheres Wissen über eine natürliche Schöpfungsordnung ebenso verbaut wie sicheres Glaubenswissen über Gott. Alles was uns dann bleibt, sind religiöse „Erfahrungen“, die ihrem Charakter nach immer subjektiv und anfechtbar bleiben. Glaube wird damit zur bloßen „subjektiven Präferenz“, und da es in allen Religionen Mystiker und Visionäre gibt (Menschen mit tiefgreifenden religiösen Erlebnissen) kann keine Religion für sich das Mantel der Wahrheit behaupten. Das ist die Wurzel des religiösen Indifferentismus, der heute so viele öffentliche Einlassungen „progressiver“ Theologen entscheidend prägt.

Diese Philosophie ist ebenso inkompatibel mit traditionellen moralischen Werten, da die rationale Argumentation für sie unausweichlich auf der Annahme natürlicher Zwecke („Finalursachen“ in der technischen Terminologie) beruht, welche letztlich nur dann objektiv in der Wirklichkeit feststellbar sein können, wenn wir uns zumindest teilweise auf die Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmungsorgane berufen können. Doch genau diesen Schritt macht die Philosophie des Subjektivismus unmöglich. Jede Wahrnehmung ist nur (persönlich gefärbte) Erfahrung, keine besitzt irgendeinen Wahrheitsanspruch. Das gilt auch für die Wahrnehmung natürlicher Zwecke oder natürlicher Funktionen in der Außenwelt. Biologisch gesehen ist etwa Sexualität zur Fortpflanzung da. Doch ohne natürliche Zwecke ist dies ein bloßes Faktum ohne jede moralische Schlussfolgerung – so wie etwa in der modernen Evolutionsbiologie und -psychologie. Nur wenn es Finalursachen, natürliche Zwecke, gibt, d.h. wenn die Funktion der Sexualität objektiv, unabhängig von den persönlichen Wünschen und Emotionen des Beobachters, den Zweck der Fortpflanzung hat, dann kann man es als moralischen Fehler qualifizieren, wenn jemand vorsätzlich gegen diese Zwecke handelt.

Solange aber der Subjektivismus in den Köpfen der Menschen herrscht, wird es immer dabei bleiben, dass der eine sagt, er sehe den Naturzweck der Sexualität in der Fortpflanzung und der Andere, er sehe ihn in etwas anderem, vielleicht in der Freude, die durch den Sexualakt entsteht, und ein dritter leugnet die Existenz von Naturzwecken vollständig. Gegeben die Annahme des Subjektivismus, ist es vollkommen unmöglich, dass einer der drei im Recht und die anderen im Unrecht sein könnten. Eine objektive, wahrhaft gültige Moralität kann es damit ebensowenig geben wie eine objektiv wahre Religion.

Der Subjektivismus macht daher die christliche Religion und christliche Moral zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Ein überzeugter Subjektivist kann Abtreibung nicht objektiv als Verstoß gegen die moralische Ordnung oder die Menschenwürde sehen, sondern höchstens eine „persönliche Meinung“ zu dem Thema haben, die er „natürlich niemandem aufzwingen will“. Er ist „persönlich gegen Abtreibung“, aber „tolerant“. Und wenn diese Art Toleranz modern ist, ja dann ist Abtreibung tatsächlich „modern“ und Abtreibungsgegner „antimodern“.

Denn auch Begriffe wie „Fortschritt“, „Rückschritt“, „modern“ oder „antimodern“ sind wieder rein relativistische oder subjektivistische Begriffe – sie basieren auf den persönlichen Präferenzen des Redners. Insofern gesellschaftliche oder moralische Ordnung auf sich gestellt ähnlich der physikalischen Entropie immer zum Zerfall tendiert, ist in der Tat Abtreibung „fortschrittlich“, insofern sie ein fortgeschrittenes Stadium der moralischen und gesellschaftlichen Entropie darstellt.

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.

Tagebuch eines ungeborenen Kindes

Dieses bewegende Zeugnis fand ich durch Zufall auf der Seite der Piusbruderschaft. Was auch immer man von der Bruderschaft halten mag, das dort zu lesende „Tagebuch eines ungeborenen Kindes“ ist so traurig und bewegend, dass niemand nachher noch die Augen vor der Tatsache verschließen sollte, dass Abtreibung Mord ist. Das, was dort im Mutterleib sich befindet, ist vom Moment der Befruchtung an ein Mitglied der Spezies Homo Sapiens – soviel ist wissenschaftliche Tatsache, man lese einmal irgendwelche Lehrbücher der Embryologie. Es hat nichts mit Moral oder Religion zu tun.

Aber was wir mit dem kleinen Menschenleben im Mutterleib tun, das hat mit Moral zu tun. Es ist ein Menschenleben. Insofern hat es Würde und Rechte wie andere Menschenleben auch. Warum enthalten wir sie diesem kleinen Leben vor? Weil es sich nicht wehren kann? Weil es der Mutter oder dem Vater unpäßlich kommt? Weil es „lebensunwert“ ist? Weil es der „Emanzipation“ dient? Keine Antwort ist zureichend, wenn wir die wissenschaftliche Tatsache der Zugehörigkeit des Ungeborenen zum Menschengeschlecht mit der moralischen Wertung, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt, verbinden.

Soweit das klarste und einfachste rationale Argument für ein unbeschränktes Lebensrecht ab dem Moment der Befruchtung.

Doch rationale Argumente helfen nur bis zu einem gewissen Punkt. Man kann etwas rational eingesehen haben, ohne es wirklich tiefgehend zu erkennen. Etwas auf eine Weise zu erkennen, dass es wirklich bis ins Innerste des Seins vordringt, ist oft nicht bloß durch den Verstand möglich. Dabei hilft ein bewegendes Zeugnis der Nächstenliebe wie das oben verlinkte Tagebuch.