Rassismus im Sommerloch

Ich, Catocon, war persönlich nie ein besonders glühender Patriot geschweige denn Nationalist. Als die deutsche Nationalmannschaft noch schlechten, unansehnlichen Fußball gespielt hat, war ich öfters sogar für ihre Gegner, einfach um spannende, schöne Fußballspiele sehen zu können. (Auch heute reicht das Gesicht von Frau Merkel nach einem Sieg um mich ins Zweifeln zu bringen…) Die leidigen Fragen der Einwanderungspolitik waren nie mein Thema. Mich hat immer mehr interessiert, was ein Mensch denkt, als wie er aussieht, oder aus welchem Land er kommt. Spannend finde ich verschiedene Kulturen – ob diese Kulturen von Menschen mit bestimmten physiologischen Gemeinsamkeiten, sprich Rassen, gelebt werden, könnte mich nicht mehr langweilen. Ich stehe dem Christen aus Ouagadougou näher als dem Atheisten aus Kassel.

Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Doch wenn ich die Scheindebatten lese, die im Moment mal wieder Hochkonjunktur haben, dann offenbart sich mir eine beamtenhafte Lächerlichkeit, die nur noch von ihrer Unsinnigkeit übertroffen wird. Drei Beispiele:

„Rassismus“ gegen Özil

Innenminister schämt sich für deutsche Fans

SPD will Rassebegriff aus Gesetzen streichen

Ich bitte die Leser, diese drei Artikel selbst zu lesen und sich eine eigene Meinung zu den Vorfällen zu bilden.

Ich hätte da nur einige Fragen, deren Antworten nicht so richtig in meinen Kopf wollen:

1. Özil ist, da bin ich sicher, deutscher Staatsbürger. Aber es gibt doch auch so etwas wie eine deutsche Kulturnation und eine deutsche Herkunft, oder nicht? Ist es rassistisch, wenn man davon überzeugt ist, dass Nationalität mehr ist als nur ein Eintrag im Personalausweis?

2. Ist es verwunderlich, dass Fans, die von den sehr schwachen Leistungen Özils enttäuscht sind, und sich fragen, warum er die Nationalhymne nicht mitsingt, in unfreundlicher Weise reagieren? Muss man daraus, selbst wenn man das für falsch hält, gleich Rassismus und implizit Nazitum machen?

3. Wenn Innenminister Friedrich (KPCSU) sich für die deutschen Fans schämt, weil sie „Sieg, Sieg!“ rufen – ist es dann rassistisch, wenn katholische Theologen vom „Heil“ sprechen? Oder vom „Reich Gottes“?

4. Was sollen die deutschen Fans denn rufen? „Niederlage, Niederlage!“ oder „Unentschieden, Unentschieden“?

5. Was unterscheidet Deutschland von einer ideologischen Gesinnungsdiktatur, wenn der Inneminister solche Töne von sich gibt:  „Über den Kurznachrichtendienst Twitter war unter anderem geschrieben worden, der Sohn zweier türkischer Eltern sei kein Deutscher. Dies sei nur die „Spitze des Eisberges“, unterstrich der Innenminister. Derzeit könnten die Täter jedoch wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es soll also strafbar sein, wenn man so etwas sagt? Was kommt als nächstes? Wird man verhaftet, wenn man sagt, Mesut Özil sei Schwede?

6. Was ist „indirekte rassistische Diskriminierung“, die die SPD in allen Bevölkerungsschichten in üblicher linkssozialistischer Stasi-Manier überwacht haben möchte? Wenn jemand sagt, Franz Beckenbauer sei kein Deutscher, sondern Bayer? Wenn jemand „Danzig“ statt „Gdansk“ sagt? Wenn eine schwangere Frau die Straßenseite wechselt, wenn ihr nachts fünf türkische Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand entgegen kommen?

7. Was ist die „antirassistische Zivilgesellschaft“ wenn nicht ein anderes Wort für die politisch korrekte Gesinnungsdiktatur, die anstelle der Alleinherrschaft der Partei von linker Seite eingeführt werden soll?

8. Wenn alle möglichen ganz harmlosen Äußerungen „rassistisch“ sein sollen – wer bestimmt dann, wessen „Rassismus“ verfolgt wird? Natürlich am Ende die Mächtigen. Ist das die Absicht der Mächtigen? Oder wissen sie nicht, dass diese Inflation von Rassismusvorwürfen den wahren Rassisten genau die Tarnung gibt, die sie brauchen? Wissen sie nicht, dass sie durch ihren hyperventilierenden Antirassismus genau den Rassismus normalisieren, den sie zu bekämpfen vorgeben? Dass die Menschen nach dem 1000. Rassismusvorwurf gegen ganz harmlose Aussagen irgendwann gar nicht mehr zuhören, wenn man mal wirklich jemandem Rassismus vorwerfen müsste?

9. Wenn man den Rassebegriff aus den Gesetzen streichen will, sollte man dann nicht auch den Rassismusbegriff aus der Alltagssprache streichen? Oder dürfen wir dann nicht mehr „Schwarzes Loch“ sagen, weil es einer Beleidung „dunkelhäutiger MitbürgerInnen“ zu nahe käme?

10. Ist umgekehrter Rassismus besser als die gewöhnliche Art? Wäre es nicht schön, wenn wir einfach akzeptieren könnten, dass manche Menschen eben anders aussehen als wir, und dass sie in vielerlei Hinsicht anders sind als die meisten Menschen deutscher Herkunft, und diese Differenzen, diese Unterschiede, ebenso schön und gut finden, wie andere Arten von Unterschieden? Und dann gegen die (wenigen) Rassenhasser sachlich argumentieren, die andere Menschen wegen ihrer biologischen Abkunft verurteilen?

11. Wer hat dieses Land eigentlich so vor die Hunde gehen lassen?

12. Haben wir sonst nichts zu tun?

P.S. Von dem gesamten Text des Liedes, aus dem die heutige deutsche Nationalhymne stammt, fand ich die erste Strophe immer übertrieben pathetisch und die dritte etwas flach und uninteressant. In der zweiten Strophe kommt, so glaube ich, der ursprüngliche Charakter dieses schönen Liedes als Trinklied der nationalbewussten Liberalen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ich schließe also:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Und, mit der in Hoffmann von Fallerslebens handschriftlichen Notizen vorgesehenen alternativen dritten Strophe:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Stoßet an und ruft einstimmig:
Hoch das deutsche Vaterland!

Und damit Prost und viel Spaß beim Spiel gegen die Griechen!