Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 2 von 7)

2. „Sozialwissenschaft“ als Ideologie

Den Menschen kann man nur als Ganzheit von Leib und Seele verstehen. Wenn die modernen Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaften, Psychologie, aber auch die Ökonomie (außerhalb streng ökonometrischer Erfassung wirtschaftlicher Daten), uns die Ergebnisse ihrer Studien als „Erkenntnisse“ oder „Wissen“ verkaufen, dann können sie diesen Anspruch nur selten erfüllen. Alasdair MacIntyre schreibt darüber, geradezu am Rande, aber dennoch sehr instruktiv, in seinem hauptsächlich moralphilosophischen Werk „After Virtue“, besonders im 7. und 8. Kapitel, wobei er sich auf die empirisch feststellbare Abwesenheit verlässlicher Ergebnisse im Felde der Sozialwissenschaften konzentriert, ohne den grundsätzlicheren Einwand zu erheben, den ich hier formuliert habe.

Weil es an einer Methode mangelt, mit der der Mensch als Leib-Seele-Ganzheit auch nur wahrgenommen wird, sind die Ergebnisse dieser Wissenschaften notwendigerweise nicht allzu ergiebig. So wie jemand, der versucht, mit einer Gabel Suppe zu essen, sich nicht zu wundern braucht, wenn das nicht richtig funktioniert. Es landet vielleicht etwas Suppe auf der Gabel, so wie auch der Sozialwissenschaftlicher manchmal auf richtige Ergebnisse stößt. Doch zumeist findet er entweder triviale Wahrheiten (wie dass Mann und Frau verschieden sind), für deren Erkenntnis man seine Studien nicht gebraucht hätte, oder absurde Unwahrheiten (wie dass Mann und Frau gleich wären), die auch durch seine Studien nicht wahrer werden.

Die wichtige Einsicht ist, dass man diesen Studien überhaupt kein Vertrauen zu schenken braucht, weil dahinter zwar ausgefeilte Methoden stehen, die jedoch, so ausgefeilt sie auch sein mögen, schon prinzipiell nicht geeignet sind, den Menschen als Leib-Seele-Ganzheit auch nur wahrzunehmen. Wer Mikroorganismen mit bloßem Auge untersucht, wird keine finden. Er braucht ein Mikroskop. Wenn besagter Biologe uns nun erklärte, seine Untersuchungen hätten gezeigt, es gäbe keine Mikroorganismen, wäre ein Lachanfall gerechtfertigt, wenn auch vielleicht nicht gerade höflich. Wir würden niemandem glauben, der uns erklärt, er habe tausend Menschen angeschaut und viele erbauliche Gespräche mit ihnen geführt, und nie eine Lunge gesehen, und dies als Indiz dafür anführte, dass Menschen keine Lunge hätten. So ist es auch mit den Studien der Sozialwissenschaftler. Sie untersuchen den Menschen und die Gesellschaft (also viele Menschen, die strukturiert zusammenleben) mit einem Instrumentarium, das den Menschen in seinem wesentlichen Merkmal gar nicht erfassen kann. Da sie den Untersuchungsgegenstand nicht wirklich untersuchen können, hängen die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Studien hauptsächlich von den Vorurteilen der Wissenschaftler ab, die sie produzieren, und von den Geldgebern, die sie bezahlen.

„Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“, lautet ein etwas plumper Satz, der eine verwandte Aussage macht, nämlich dass man die meisten sozialen Tatbestände statistisch so darstellen kann, dass sie beim Leser ideologisch richtig gefiltert ankommen. Meist handelt es sich dabei gar nicht um bewusste Fälschungen; es geschieht ganz unbewusst, aufgrund der natürlichen Tendenz von Menschen, zu sehen was sie sehen wollen.

Ein feministischer Soziologe wird also „herausfinden“, dass Mann und Frau gleich sind, und die linksliberalen Medien werden sich über die Ergebnisse stürzen als „Beweis“ für die Richtigkeit ihres Egalitarismus. Er wird auch „wissenschaftlich“ bestätigen können, dass Frauen glücklicher sind, wenn sie sich in Lohnsklaverei verdingen, und dass es Kindern in Krippen weit besser geht als bei ihren eigenen Eltern. Er kann ein langes Lied davon singen, alles „wissenschaftlich“ untermauert, mit mehr als 834 unabhängigen Studien, dass Kinder in homosexuellen Lebensgemeinschaften genauso gut aufwachsen wie in traditionellen Familien. Sein ebenso feministischer Kollege aus der Psychologie wird bestätigen, dass die traditionelle Familie für den autoritären Charakter verantwortlich ist, und deshalb zu Hitler und Ausschwitz geführt habe, und dass, wie Freud das ausdrückte, das Christentum eine Art Geisteskrankheit ist. Und alle diese Aussagen sind „wissenschaftlich oftmals bestätigt“.

Ein christlicher Soziologe und sein ebenso christlicher Psychologenkollege können sich ebenfalls „wissenschaftlich“ mit den genannten Themen auseinandersetzen. Sie werden herausfinden, dass Kinder am besten bei ihren Eltern aufwachsen, dass Frauen eigentlich doch ziemlich traditionelle Ansichten haben, dass Kinder, die in homosexuellen Beziehungen, bei Alleinerziehenden oder in vergleichbaren Verhältnissen aufwachsen, überdurchschnittlich oft Opfer sexuellen und anderen Missbrauchs werden, weitaus schlechtere Bildungschancen haben und vieles mehr, als vergleichbare Kinder aus traditionellen Familien. Sie können feststellen, dass christliche Menschen länger leben, einen ausgeglicheneren Charakter und viele andere Vorzüge haben, die ganz sicher das nächste Ausschwitz verhindern würden, so wie sie das letzte nicht verhindert haben.

Soziologen, Psychologen, Erziehungswissenschaftler mit noch anderen Ansichten werden zu noch anderen Ergebnissen kommen. Das funktioniert ja sogar in der noch relativ empirisch-naturwissenschaftlichen Klimatologie (wo die Studien der Umweltschützer und an globaler Macht interessierten Regierungen behaupten, der Klimawandel sei vom Menschen gemacht, während die Interessengruppen der anderen Seite ebenso wissenschaftlich herauszufinden glauben, der Klimawandel sei auf natürliche Faktoren zurückzufügen und in der Summe gar kein großes Problem). Es funktioniert erst recht in den „weichen“ Wissenschaften vom Menschen.

Aufgrund der Studienschwemme kann man nicht sagen, welche Position richtig ist. Der Feminist wird sich durch einen riesigen Haufen Studien und Untersuchungen aller Fachrichtungen bestätigt fühlen; der traditionelle Christ wird auch genug Studien finden, an denen er sich hochziehen kann, wenn ihm danach ist. Es gibt mehr pro-feministische Studien, weil es mehr pro-feministische Wissenschaftler an der säkularen Hochschule gibt, und weil sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberverbände ebenso wie die Regierung und alle wesentlichen Oppositionsgruppen die feministische Position unterstützen – manche aus Ideologie, andere aus einfacher ökonomischer Kalkulation. Doch Wahrheit und Mehrheit sind, das sagt schon der Untertitel des Blogs Kreuzfährten, von dem ausnahmslos alle Leser dieser Zeilen schon mindestens einmal gehört haben dürften, zwei völlig verschiedene und oft entgegengesetzte Dinge.

Der Götzendienst der Wissenschaft (Teil 1 von 7)

1. Von den verschiedenen Wissenschaften

Oft wird gesagt, man müsse dieses oder jenes ändern oder abschaffen, weil die Wissenschaft dies so empfehle. Wir sollen unsere Kinder jetzt anders erziehen, weil irgendwelche meist kinderlosen Sozialpädagogen bedeutungsschwangere Studien durchgeführt haben, nach denen Kinder angeblich besser aufwachsen, wenn die Erziehung sich zufälligerweise am gerade herrschenden Paradigma orientiert. Welches Paradigma das ist, hängt von der Zeit ab, in der die Studie verfasst wird, und dem gesellschaftlichen Klima, in dem der die Studie verfassende „Wissenschaftler“ lebt.

Ebenso funktioniert das in jeder „Sozialwissenschaft“, oder, genauer gesagt, in jeder Wissenschaft, die als Gegenstand den Menschen als Menschen (nicht als bloßes materielles Ding, sondern in seiner Eigenschaft als Mensch) hat. Sobald man nicht mehr nur betrachtet, wie bestimmte physikalische Teilchen miteinander interagieren, sondern die Betrachtung auf Menschen ausdehnt, hat man es nicht mehr mit Wissenschaft im strengen Sinne zu tun. Physikalische Experimente können wiederholt werden. Sie laufen unter streng kontrollierten Bedingungen ab, die jederzeit in entsprechenden Laboren reproduziert werden können. Es gelten bestimmte mathematische Gesetze bei der Bildung physikalischer Theorien. Wissenschaften, die nach diesem Paradigma funktionieren, können uns Erkenntnisse liefern, die nicht (oder nur in sehr geringem Maße) von den Vorurteilen des Wissenschaftlers abhängen. (Obwohl die Neutralität selbst der Naturwissenschaften wissenschaftstheoretisch sehr umstritten ist.)

Doch die Sozialwissenschaften sind in diesem strengen Sinn keine Wissenschaften. Ihr Gegenstand ist der Mensch oder der Mensch in Gesellschaft, was aufgrund der Sozialnatur des Menschen letztlich dasselbe ist, nur unter einem anderen Gesichtspunkt.  Doch der Mensch hat freien Willen. Er trifft Entscheidungen, die weder physikalisch determiniert sind, noch ausschließlich ansozialisiert wurden. In ihm gibt es komplexe Wechselwirkungen zwischen natürlichen Voraussetzungen, gesellschaftlichen Erwartungen, internalisierten Vorstellungen und dem letztlich freien Willen. Diese Wechselwirkungen sind sozialwissenschaftlicher Erkenntnis prinzipiell nicht zugänglich. In „That Hideous Strength“ lässt C.S. Lewis den Chemiker Hingest sagen: „You can’t study men; you can only get to know them, which is quite a different thing.“ („Man kann Menschen nicht studieren, man kann sie nur kennenlernen, was etwas völlig anderes ist.“)

Lewis hat hier, wie meistens, eine tiefe Einsicht auf den Punkt gebracht. Das, was im modernen Sinn des Wortes als Wissenschaft gelten kann, vermag den Menschen als Menschen nicht zu studieren, weil ihr das Wesentliche entgeht. Materielle Wissenschaft kann den Menschen nicht erfassen, weil der Mensch nicht nur Materie ist, sondern auch Geist; weil im Menschen Materie und Geist eng und untrennbar zusammenwirken. Der Mensch ist beseelt, anders als das Elementarteilchen. Die Seele, aristotelisch gesprochen die Form des Körpers, kann nicht vom Menschen getrennt werden (außer durch den Tod). Doch die materielle Wissenschaft kann die Seele nicht sehen, weil sie nur Materie untersuchen kann.

Um den Menschen mit wissenschaftlichem Anspruch zu untersuchen, benötigt man ein anderes, nämlich ein geistiges Instrumentarium. Und damit kommen wir zu den sogenannten Geisteswissenschaften. Im Kontext der säkularen Hochschule sind sie weitgehend deformiert und kaum noch als solche zu erkennen, weil sie sich dem modernen wissenschaftlichen Paradigma ihren Wesensgehalt aufgebend auf der Jagd nach wirtschaftlichem Nutzwert angepasst haben, um überhaupt überleben zu können. Sie führen ein erbärmliches Schattendasein. Die faktische Apostasie eines guten Teils der universitären Theologie ist nur Teil eines breiteren Phänomens, das den Niedergang aller Geisteswissenschaften umfasst. Diese Wissenschaften haben das Instrumentarium, nämlich vornehmlich den menschlichen Geist, um etwas über den Menschen als beseeltes Lebewesen herausfinden zu können. Doch sie sind im modernen Sinn keine Wissenschaften, da sie weder empirisch noch formal mathematisch oder formal logisch vorgehen. Sie sind „nur“ in einem älteren Sinne „Wissenschaft“. Sie stellen einen geordneten Korpus von Wissen dar, doch er wurde nicht nach der modernen wissenschaftlichen Methode gewonnen, sondern durch die Verwendung des menschlichen Geistes etwa in Form philosophischer Reflektion.

Mut zum Patriarchat

Wir leben in der „vaterlosen“ Gesellschaft. Wenn es ein Merkmal gibt, das unsere moderne, westliche Gesellschaft sowohl von ihrem Wesen her als auch in vielen ihrer individuellen Ausprägungen treffend zu charakterisieren vermag, dann ist es wohl die Vaterlosigkeit.

Wir haben uns seit der Französischen Revolution von der Monarchie als normaler Staatsform verabschiedet. Die noch verbliebenen europäischen Monarchen sind eigentlich Aushängeschilder ohne echte politische Macht. Sie hängen von der Gnade gewählter Parlamentarier ab, die sie jederzeit endgültig abschaffen könnten, wenn ihnen gerade danach wäre. Wir haben die Könige praktisch kastriert, wenn wir sie nicht gerade im Eifer aufklärerischer Befreiung aufgeknüpft, oder, nach dem berühmten Vorschlag des Voltaire*, mit den Innereien des letzten Priesters erdrosselt haben. Der Fachbegriff dafür ist Demokratisierung.

Der Kampf gegen den Vater als Haupt der Familie ist durch den modernen Feminismus weitgehend erfolgreich abgeschlossen worden. Der Sirenengesang der Ideologie hat Millionen Frauen dazu verführt, mehr ihrer „Selbstverwirklichung“ nachzuhängen, als ihrer unverzichtbaren Rolle als Herz ihrer Familie. Zugleich ist durch den innerfamiliären Egalitarismus eine Generation von Männern herangezogen worden, die ihre Rolle als Haupt der Familie, als echter Vater, gar nicht mehr wahrnehmen kann, weil ihr dazu die charakterliche Stärke fehlt. Die traditionelle Familie ist längst kein Leitmodell mehr; in vielen Landesteilen hat sie bereits den Charakter einer ungeliebten Seltsamkeit. Der Vater ist höchstens noch eine Lachfigur. Immer mehr Kinder wachsen, mit teils schwerwiegenden Folgen, ohne Vater auf.

Auch in der Kirche ist der Vater nicht mehr Gegenstand hohen Ansehens. Väter gibt es in der Kirche viele – angefangen beim Heiligen Vater. Aber auch der einfache Pfarrer oder Pastor ist durch seinen priesterlichen Dienst der geistliche Vater seiner Gemeinde. Die katholische Kirche hat kaum noch priesterliche Berufungen. Viele Priester beschäftigen sich lieber mit Ungehorsamsaufrufen, statt sich um das Wohl ihrer geistlichen Kinder zu kümmern. In der breiteren Gesellschaft, aber auch unter Katholiken, ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Feindseligkeit gegenüber Priestern längst hoffähig geworden. Die Rolle der Priester soll immer weiter eingeschränkt werden. Laien, auch Frauen, sollen viele der Tätigkeiten übernommen, die traditionell Klerikern, geistlichen Vätern, vorbehalten waren. Selbst die Gemeindeleitung wird inzwischen zunehmend von Laien übernommen, weil es an Priestern mangelt, aber auch weil die Ideologie es so will.

Über aller Vaterlosigkeit der modernen Gesellschaft steht als Wurzel des Übels die eine Vaterlosigkeit, von der alle weltliche Vaterlosigkeit ihren Namen hat: Die Abwesenheit Gottes, sozusagen des ultimativen Vaters, in den Herzen der Menschen. Nicht, dass die Mehrheit überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde – weit gefehlt. Umfragen zeigen immer wieder, dass die meisten Menschen an irgendwelche schattenhaft vorgestellten übernatürlichen Wesenheiten glauben, und immer noch mehr als 50% bringen diese diffusen Vorstellungen in Verbindung mit dem Wort „Gott“. Doch der christliche Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ist dem modernen Menschen definitiv zuviel.

Dabei ist auffällig, dass der Sohn, Jesus Christus, immer noch eine gewisse sentimentale Zuneigung hervorruft. Selten wird er abgelehnt, meist möchte man ihn eher vereinnahmen. Als netten Menschen ist man bereit ihn zu tolerieren, solange er sich wohlfeil verhält, und nicht aus der Rolle fällt. Auch der Heilige Geist ist nicht allzu unpopulär. Aber der Vater? Der mit den ganzen Geboten? Der, von dem alle Autorität auf Erden stammt?

Die moderne westliche Gesellschaft flüchtet vor dem Himmlischen Vater und allen kleinen, weltlichen, irdischen Vätern, die einen winzigen Teil seiner Vaterschaft übertragen bekommen haben. Sie führt einen Stellvertreterkrieg gegen echte, starke Väter in Politik, Gesellschaft und Familie, weil wir an den einzig wahren Vater nicht herankommen. Wir spucken auf die Abbilder, weil das Urbild unerreichbar ist.

In dieser Situation braucht der Christ „Mut zum Patriarchat“. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Herrschaft des Vaters. Die ganze Schöpfung ist ein riesiges Patriarchat: Gott-Vater hat sie geschaffen und er regiert sie bis heute, auch wenn die Menschen gegen ihn rebelliert haben und dies mit Freuden immer noch tun.

Auch die Kirche ist ein Patriarchat. Das wahre Oberhaupt der Kirche ist der himmlische Vater. Der bis in den Tod gehorsame Sohn hat sie gestiftet, und alles was der Sohn tut, kommt vom Vater. Vom Sohn hat Petrus, der Fels, die Leitung der Kirche übertragen bekommen. Bis heute ist das sichtbare Oberhaupt der Kirche der geistliche Vater aller Katholiken und sie sind gerufen, der legitimen Autorität dieses Vaters zu gehorchen. Die Kirche ist keine egalitäre, sondern eine patriarchalische Institution.

Das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Dasselbe gilt für die Familie. Auch sie ist nicht egalitär, sondern patriarchalisch. Auch in ihr ist der Vater das Haupt. Er vertritt mit seiner väterlichen Autorität die väterliche Autorität Gottes. Die Familie ist bekanntlich immer auch eine kleine Kirche (ecclesiola) und wie in der „großen“ Kirche gibt es in ihr geistliche Autorität, Hierarchie und Leitung.

Auch das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Im Staat ist prinzipiell auch eine demokratische Regierungsform legitim; es gibt hierzu keine verbindliche lehramtliche Festlegung. Trotzdem kann man wohl kaum leugnen, zumindest als Ideal, dass der katholische Monarch eine Figur ist, die sehr gut in die hier beschriebene patriarchalische Ordnung passt. So wie der göttliche Vater seine Schöpfung und der Heilige Vater seine Kirche und der Familienvater seine Familie zu leiten hat, so obliegt auch dem katholischen Monarchen die Leitung seines Volkes. Das Ausmaß der Autorität, und ihre jeweils konkrete Ausprägung variiert natürlich mit den Aufgaben, die ihr übertragen sind, doch immer bleibt es eine Autorität, und nie ist diese Autorität unpersönlich-neutral, sondern persönlich, väterlich, nach dem Bilde Gottes.

Alle Autorität kommt von Gott – man kann sie missbrauchen, doch selbst dann kommt sie noch von Gott. Selbst wenn man dem Träger dieser Autorität aufgrund des Missbrauchs den Gehorsam verweigern muss. Und weil sie von Gott kommt, und weil Gott Vater ist, ist Autorität ihrer Natur nach väterlich. Deswegen spricht man ja auch von „Herrschaft„. Selbst die Feministen sprechen nicht von „Frauschaft“ oder „Damenschaft“.

Nun ist es ein ganz besonderes christliches Faktum, dass jede Herrschaft immer eigentlich Dienst ist. Gott ist hier wieder das Urbild. Wir, seine Geschöpfe, sündigen, beleidigen und verhöhnen ihn. Und was tut er? Ja, er straft uns. Er ist ein gerechter Gott, und Strafe muss sein. Doch er tut mehr. Er schickt seinen eigenen Sohn. Gott selbst nimmt Menschengestalt an, demütigt sich, entäußert sich, lässt sich zu Tode foltern und ans Kreuz schlagen, besiegt den Tod und öffnet uns den Weg zurück zu ihm. Er ist der Herr. Doch als guter Herr opfert er sich für seine Diener.

Weil alle Autorität väterlich ist und von Gott kommt, ist jeder Vater, jeder, der Autorität hat, dazu gerufen, sich ebenso zu verhalten. Auch er soll sich hingeben für seine „Diener“. Auch er soll nicht um seines eigenen Vorteils willen herrschen, sondern für die seiner Herrschaft oder Autorität anvertrauten Personen. Auch er soll sich demütigen und entäußern, wenn sich dies als notwendig erweist.

So ist ein Christliches Patriarchat nicht einfach die Herrschaft der Väter, sondern auch die Herrschaft der Diener.

_____________________________________________________

* Anmerkung: Ich wurde in einem Kommentar darüber aufgeklärt, dass der Satz ursprünglich gar nicht von Voltaire stammt, sondern von einem katholischen Priester (!) namens Jean Meslier, der materialistische und atheistische Religionskritik schrieb. Anscheinend ändern sich die Zeiten nie… Solche Priester hatten wir schon immer.

Wahlkampf in Amerika

In etwa zwei Monaten werden die Wähler in den USA darüber entscheiden, ob Barack Obama vier weitere Jahre im Weißen Haus wohnen darf, oder ob dort Mitt Romney einzieht. Es handelt sich dabei wohl um die heißeste Wohnortdebatte der Welt, denn um Inhalte ging es eigentlich leider kaum. Der Hund von Mitt Romney nahm mehr Raum im Wahlkampf ein, als die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten, vor denen die USA stehen. Mit der Auswahl Paul Ryans, eines katholischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses aus Wisconsin, so war erwartet worden, würde sich dies nun ändern. Denn Ryan gilt nicht nur als konservativer Kontrast zu Obama, sondern hat auch einen konkreten Plan zur Bekämpfung des Haushaltsdefizits vorgelegt. Inhaltlich, so scheint es, hat sich Romney damit ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, denn jegliche Reform des Sozialsystems löst in den USA – ebenso wie in Europa – immer heftige polemische Anwürfe von links aus.

Doch wer nunmehr einen inhaltlich bedeutsamen Wahlkampf erwartet hatte, der wurde spätestens bei dem Parteitag der Republikaner in der vergangenen Woche mächtig enttäuscht. Es war die übliche Mischung von Party, inhaltslosen Floskeln und persönlichen Angriffen gegen den Amtsinhaber. In etwa dasselbe, was auch von den Demokraten bei ihrem Parteitag in der nächsten Woche zu erwarten ist.

Wie immer werden diese Shows für einige Tagen die Umfragewerte bewegen, bevor sich das alles wieder normalisiert. Die Kandidaten werden weiterhin Kopf an Kopf liegen.

Viel interessanter als das vordergründige Posieren der beiden Parteien und ihrer Kandidaten als der einzige, der das Land nicht zugrunde richten wird, ist jedoch das, was sich hinter den alltäglichen politischen Trends verbirgt. Interessant ist nicht das politische Wetter, sondern das politische Klima, jene langfristigen Entwicklungen, die sich nicht in Umfragen, Wahlreden und Kurzinterviews niederschlagen, die aber das Fenster des erlaubten Diskurses zu verschieben vermögen.

Grundsätzlich gibt es immer eine gewisse Spannbreite erlaubter Positionen, außerhalb derer sich niemand stellen kann, wenn er überhaupt noch Wahlchancen haben möchte. Ebenso darf man dieses Fenster nicht verlassen, wenn man nicht das Opfer gesellschaftlicher – oder zuweilen sogar strafrechtlicher – Sanktionen werden möchte. Dies sieht man etwa am Beispiel der Holocaustleugnung in Deutschland oder dem Schicksal der antichristlichen Punk-Bande, die ihren blasphemischen Unfug in Russland zu treiben versucht hat. Wer sich zu weit aus dem Meinungsmainstream herauswagt, der bekommt kein Bein mehr auf den Boden. Das ist immer und überall so.

Entscheidend ist für die langfristige politische Entwicklung nun nicht so sehr, welche Partei die Wahl gewinnt, sondern wie sich dieses Fenster erlaubter Positionen im Laufe der Zeit verschiebt. Die familienfeindlichen Parolen, die heute CDU-Programmatik sind, hätte sich kein ehrbarer Sozialdemokrat in der Weimarer Republik zu sagen getraut. 1970 war der hart-linke US-Demokrat Ted Kennedy vehement gegen Abtreibung, wie auch noch in den 80er-Jahren Al Gore, Bill Clinton und viele andere Demokraten, die sich später als Gefolgsleute des Herodes hervorgetan haben. Heute, und damit kehren wir zum aktuellen Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zurück, trauen sich selbst die angeblich „konservativen“ Republikaner nicht mehr, diese Position ernsthaft und überzeugt zu vertreten. Auf ihrem Parteitag war davon wenig zu hören und Romney hat sich erstv rechtzeitig für die Vorwahlen im Sinne der „konservativen Parteibasis“ zum Abtreibungsgegner gewandelt, während er vorher immer für das „Recht auf Abtreibung“ eingetreten ist. Währenddessen haben sich die Demokraten endgültig als die Partei des Todes definiert, in der Abtreibungsgegner mit offener Feindseligkeit behandelt werden, denen man nicht einmal mehr die Freiheit ihres Gewissens zugestehen möchte. Diese Verschiebung ist nicht das Resultat von Wahlen. Im Jahre 1973 erfand der Supreme Court in seinem berüchtigen Urteil im Fall „Roe vs. Wade“ ein nahezu unbeschränktes Recht auf Abtreibung. Vorher war die Abtreibungsgesetzgebung aufgrund der bundesstaatlichen Ordnung der USA Ländersache, doch durch das Urteil von 1973 hob der Supreme Court die Abtreibungsfrage auf die Bundesebene. Zwischen 1976 und 2008 hat nur Bill Clinton das Weiße Haus als Abtreibungsbefürworter erobert, und das auch nur, indem er nicht müde wurde, seinen Wunsch nach „weniger Abtreibungen“ kundzutun.

Nein, die Verschiebung des Fensters der erlaubten Meinungen resultiert nicht aus Wahlergebnissen, sondern aus breiteren kulturellen Entwicklungen. Die Gesellschaft verändert sich immer weiter in eine bestimmte Richtung, und irgendwann werden bestimmte, früher selbstverständliche Haltungen, wie etwa das Lebensrecht für die Ungeborenen, erst umstritten, dann seltsam, dann extrem und schließlich unwählbar. Diese Veränderungen haben nichts mit Wahlen zu tun, weshalb Wahlen auch nur selten wirklich wichtige Ergebnisse zeitigen.

Diese Veränderungen resultieren auch nicht aus dem Volkswillen, denn das Volk als solches hat keinen Willen. Das, was als Volkswille verpackt und mundgerecht medial verabreicht wird, ist nicht der Wille des Volkes, sondern immer – in jedem politischen System – der Wille der gesellschaftlichen und kulturellen Elite. Die Schmiede dieser Elite ist im weitesten Sinn des Wortes die moderne Universität oder das moderne Bildungswesen. Dort werden die Grundansichten und Vorurteile geprägt, die die nächste Generation an Meinungsmachern in Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur und Medien gemeinsam haben wird. Fast alle Meinungsmacher sind Produkte der modernen Universität, besonders jene, die sich für individuell, kreativ und eigenständig genug halten, um sich „zu allem eine eigene Meinung zu bilden“. Die Meinungsbildner machen die Meinungsmacher und die Meinungsmacher machen den Volkswillen.

Christliche Positionen zu äußern, ist heute praktisch undenkbar, wenn man noch als respektables Mitglied der Gesellschaft zu gelten wünscht. Klar, mancher wird noch toleriert, als Hofnarr oder respektabler alter Opa, dessen „vorsintflutliche“ Ansichten bald aussterben. Narr, Fossil oder Paria – das sind die Alternativen für den ernsthaften Christen in der postmodernen Welt.

Zu spüren bekommen hat dies der bewundernswerte christliche Gentleman Todd Akin im Kontext des Wahlkampfes in den USA. Er ist republikanischer Senatskandidat für den Bundesstaat Missouri und gläubiger evangelischer Christ. Er verkündete seine feste Überzeugung, dass Abtreibung immer die Tötung eines unschuldigen Menschen ist, und daher immer, auch nach Vergewaltigungen abgelehnt werden müsse. Zudem sprach er die Binsenweisheit aus, dass es auch „Vergewaltigungsopfer“ gibt, die gar nicht vergewaltigt worden sind. Schließlich tat er noch eine zweifelhafte Äußerung über die bei einer Vergewaltigung ablaufenden biologischen Prozesse und die Wahrscheinlichkeit, mit der sie zu einer Schwangerschaft führen.

Seine Einlassungen zum Thema Biologie waren wohl sachlich weitgehend falsch, und dies kann man gern kritisieren. Er muss sich besser informieren, bevor er sich zu solchen Themen äußert. Dass Vergewaltigung oft einfach behauptet wird, auch wenn sie gar nicht stattgefunden hat, ist allgemein bekannt, aber vielleicht politisch unkorrekt. Dieses Thema im Wahlkampf anzusprechen, kann man aus strategischen Gründen kritisieren, da es die Wahlchancen schmälert, dem politischen Gegner Material liefert, und unsensibel gegenüber vergewaltigten Frauen wirken könnte.

Nach Akins Äußerungen brach ein Sturm der geheuchelten Entrüstung in den linksliberalen Mainstream-Medien los. Das war zu erwarten. Für diese Leute ist Abtreibung ein Sakrament, das nicht kritisiert werden darf.

Akins eigene Partei fiel über ihn mit einer tollwütigen Wildheit her, die seinen milden, unglücklichen Worten nicht angemessen war. Und die Kritik bezog sich nicht auf seinen Faktenirrtum zum Thema Biologie, nicht auf seine etwas unsensible Formulierung, sondern direkt auf den Hauptinhalt seiner Worte: Auf die Ablehnung von Abtreibung nach Vergewaltigung. Dies sei nicht die Position von Romney und Ryan, und nicht die Position der Republikaner, hieß es. Man forderte Akin zum Rücktritt auf. Man entzog ihm jegliche finanzielle Unterstützung der Bundespartei. Es wurden sogar Rufe laut, man möge der kleinen Schar treuer Gefährten, die an Akin festhalten wollte, das Rederecht auf dem Parteitag entziehen. Die Stimmung erinnerte an die Säuberungsaktionen, die in kommunistischen Parteien gegen Dissidenten und „Rechtsabweichler“ öfters vollzogen worden sind.

Akin, ein Mann mit Rückgrat, der sich für die Wortwahl längst entschuldigt und seinen biologischen Kenntnisstand aufgebesser hat, aber inhaltlich an seiner festen Unterstützung des Lebensrechts auch für Kinder, deren Mütter vergewaltigt worden sind, festhält, liegt in den Umfragen nunmehr gleichauf mit seiner Gegenkandidatin McCaskill. Er hat nicht die Absicht, von seiner Kandidatur zurückzutreten. Vielleicht wird es dieser Mann mit dem starken, christlichen Glauben und seinem unverrückbaren Gewissen ja noch in den Senat schaffen. Zu gönnen wäre es ihm.

Doch was auch immer aus Todd Akin werden wird; sein Fall hat bereits heute gezeigt, dass es in den USA keine Partei mehr gibt, die für elementare christliche Grundwerte und die Allerschwächsten einzustehen bereit ist, dass sich auch unter linksliberalen Abtreibungsbefürwortern wie Mitt Romney im Weißen Haus nichts ändern wird, dass die Menschenwürde der Ungeborenen auch unter Heuchlern wie Romney mit Füßen getreten werden wird, und dass die Republikaner sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – längst dem sich verschiebenden Fenster erlaubter Meinungen angepasst haben.

Und dass selbst der heuchlerisch zur Schau gestellte Ökumenismus keinen einzigen katholischen Bischof dazu bewegen konnte, das mutige Zeugnis eines gläubigen evangelischen Mitchristen für die Ungeborenen und Unschuldigen auch nur mit einem einzigen Wort lobend zu erwähnen.

Im modernen Amerika – wie im modernen Europa – ist Abtreibung das einzige anerkannte Sakrament aller etablierten Parteien.

Staat, Kirche und Religion: Was ist katholische Politik?

Viel wird über katholische Theologie, katholische Frömmigkeit und dergleichen geschrieben, und auch die Soziallehre findet immer wieder positive Erwähnung in den Sonntagsreden diverser Politiker, Bischöfe und Autoren. Doch in einer politisch sehr spannenden Zeit, in der bedeutende Weichenstellungen für die Zukunft getroffen werden, taucht für mich als gläubigen Katholiken unweigerlich immer wieder die Frage auf, ob es überhaupt so etwas wie eine katholische Politik gibt, und welche Folgen die Existenz genuin katholischer Anliegen in der Politik für den „säkularen Staat“ hat.

Ich bin überzeugt, dass die weltliche Sphäre von der geistlichen in einem gewissen Sinne nicht zu trennen ist. Das informierte katholische Gewissen kann zu politischen Entscheidungen wie der Legalisierung von Abtreibung, Euthanasie („aktive Sterbehilfe“) oder der Unterwanderung der natürlichen Familie nicht schweigen. Ebenso muss der Katholik aufbegehren, wenn Gier zum obersten Ordnungsprinzip der Wirtschaft erhoben wird, und Neid die Sozialpolitik beherrscht. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Aber bereits jetzt ist offensichtlich, dass es einige Bereiche gibt, in denen der Katholik bestimmte Positionen nicht vertreten kann, weil dies seinem informierten Gewissen widerspricht. Eine vollständige Trennung von Religion und Staat kann es daher nicht geben.

Man beachte jedoch die Distinktion zwischen „Religion“ und „Kirche“. Das Fehlen dieser wesentlichen Unterscheidung führt zu sehr vielen Irrtümern in der Debatte über das richtige Verhältnis von Kirche und Staat. Denn während die Kirche sehr wohl grundsätzlich vom Staat getrennt werden kann, gilt dies keinesfalls für die Religion. Wenn der Katholik durch seinen Glauben motiviert wird, eine bestimmte politische Position zu beziehen – etwa für ein Abtreibungsverbot, gegen die Einführung der „Homo-Ehe“ oder gegen die Ausbeutung von Arbeitern in vielen Entwicklungsländern – dann ist dies offensichtlich ein Verstoß gegen die „Trennung von Religion und Staat“. Denn viele Katholiken werden sehr wohl religiös motiviert sein, und nicht von einer säkularen ethischen Überlegung, wenn sie solche Thesen vertreten. Aber es ist kein Verstoß gegen die „Trennung von Kirche und Staat“, weil die Kirche überhaupt gar keine politischen Entscheidungen trifft.

Wenn umgekehrt eine Konferenz von Bischöfen aus Gründen der Machtpolitik Politiker beeinflusst, dann muss das noch nichts mit Religion zu tun haben. Es wäre also auch nicht notwendigerweise ein Verstoß gegen die Trennung von Religion und Staat, weil die Handlung dieser Bischöfe gar nicht religiös motiviert wäre. Aber es wäre natürlich ein Verstoß gegen die Trennung von Kirche und Staat – denn die Bischöfe sind offizielle Vertreter der Kirche (und wären sie auch atheistisch, sie blieben Vertreter der Kirche, bis sie von ihren Bischofsstühlen abberufen würden).

Staat und Kirche zu trennen ist daher auch aus traditionell katholischer Sicht meines Erachtens nicht unbedingt problematisch. Die natürliche Aufgabe des Staates ist das menschliche Gemeinwohl, die Aufgabe der Kirche das Seelenheil. Natürlich gibt es hier wichtige Berühungspunkte, etwa im Bildungswesen. Der Staat hat ein gerechtfertigtes Interesse an der Ausbildung der Jugend zu weltlichen Aufgaben. Die Kirche hat ein ebenso legitimes Interesse, nämlich die Jugend zu ihrem Seelenheil zu führen. Idealerweise würden Staat und Kirche nun kooperieren, so dass der Staat die Kirche fördert, wenn sie sich für das Seelenheil der Menschen einsetzt, und die Kirche den Staat unterstützt, wenn es um seine genuinen Aufgaben geht. Hier wird es natürlicherweise zu Spannungen kommen, doch eine solche Kooperation ist möglich. Man beachte, dass diese Kooperation die Trennung von Staat und Kirche gar nicht beeinflusst. Staat und Kirche sind immer noch unabhängig voneinander – sie arbeiten nur zusammen, wenn es für ihre jeweiligen gerechten Anliegen sinnvoll ist.

Doch selbst wenn eine solche Kooperation in der modernen pluralistischen Gesellschaft derzeit nicht möglich ist, können Kirche und Staat getrennt bleiben und neutral koexistieren. Auch eine Trennung von Kirche und Staat in diesem Sinne kann die Kirche meiner Auffassung nach jederzeit akzeptieren. Jedoch nur unter einer Bedingung: Dass es nicht zugleich auch noch eine Trennung von Religion und Staat gibt.

Eine Trennung von Religion und Staat geht nämlich viel weiter: Nur noch sälulare Argumente sollen im öffentlichen Raum zugelassen werden. Das führt zur Diktatur des Säkularismus. Wenn jemand sagt, er sei gegen Abtreibung, weil das Gottes Gesetz widerspricht, dann wird er ausgelacht. Seine Meinung gilt als disqualifiziert, weil sie sich auf ein nichtsäkulares Argument stützt. Die Diktatur des Säkularismus verschanzt sich hinter der These von der „Trennung von Kirche und Staat“, doch fordert in Wahrheit viel mehr. Religiöses Denken soll aus der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen werden.

Dies führt jedoch zu einer weiteren Diktatur, die der Heilige Vater immer wieder angeprangert hat: Der Diktatur des Relativismus. Jedes moralische System soll gleichermaßen öffentliches Gehör finden, solange es sich allein auf säkulare Argumente beruft. Manche gehen gar so weit, einer Trennung von Moral und Politik zumindest implizit das Wort zu reden. Moral soll Privatsache sein. Dies ist jedoch widersinnig, da Ethik sich mit dem guten Leben beschäftigt, und dieses aufgrund der Sozialnatur des Menschen immer ein Leben in Gemeinschaft ist (und sei es die kontemplative Klostergemeinschaft). Ethik und Politik, Moral und Politik lassen sich nicht trennen. Jede politische Frage ist eine moralische Frage. Und welche moralische Auffassung richtig ist, hängt entscheidend davon ab, welche religiöse Weltanschauung der Wahrheit entspricht.

Wenn es tatsächlich einen guten Schöpfergott gibt, der uns alle liebt, uns allen das höchste Glück in Ewigkeit ermöglichen will, dann hat das Konsequenzen, auch für moralische Fragen – etwa für den Wert des menschlichen Lebens. Dies sei nur als ein Beispiel aus hunderten herausgegriffen. Jede politische Frage ist eine moralische Frage, und die Antwort auf jede moralische Frage hängt entscheidend von der religiösen Weltsicht ab.

Politik und Religion können daher nicht getrennt werden. Katholiken können, sollen und müssen sich entschieden für das Gute einsetzen, und das gilt auch für die Politik. Bestimmte politische Ansichten sind nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar, und da sehr viele politische Parteien heutzutage in wesentlichen Punkten mit dem Glauben unvereinbare Inhalte vertreten, ist der katholische Glaube auch nicht mit bestimmten Parteien vereinbar.

Drei Thesen möchte ich festhalten:

1. Kirche und Staat können und sollen in ihrem je eigenen Bereich eine echte Autonomie genießen, mithin getrennt sein. Bestimmte Dinge stehen dem Kaiser zu und wir sollten sie ihm geben.

2. Sie sollen in den Bereichen, in denen sie beide legitime Interessen haben, möglichst zusammenarbeiten. Wenn das nicht geht, dann muss der Staat wenigstens die Freiheit der Kirche und der einzelnen Katholiken gewährleisten, ihrem informierten Gewissen unbehindert folgen zu dürfen. Das heißt, der Staat darf von den Katholiken keine unmoralischen oder mit dem Glauben unvereinbaren Handlungen verlangen.

3. Religion, Moral und Politik können und dürfen nicht getrennt werden. Ein starkes Zeugnis von Katholiken – Laien und Geistlichen gleichermaßen – in der öffentlichen politischen Debatte ist unverzichtbar auch im säkularen Staat.

Soweit einige kurz skizzierte Gedanken zu der Frage einer katholischen Politik im säkularen Staat.

Rassismus im Sommerloch

Ich, Catocon, war persönlich nie ein besonders glühender Patriot geschweige denn Nationalist. Als die deutsche Nationalmannschaft noch schlechten, unansehnlichen Fußball gespielt hat, war ich öfters sogar für ihre Gegner, einfach um spannende, schöne Fußballspiele sehen zu können. (Auch heute reicht das Gesicht von Frau Merkel nach einem Sieg um mich ins Zweifeln zu bringen…) Die leidigen Fragen der Einwanderungspolitik waren nie mein Thema. Mich hat immer mehr interessiert, was ein Mensch denkt, als wie er aussieht, oder aus welchem Land er kommt. Spannend finde ich verschiedene Kulturen – ob diese Kulturen von Menschen mit bestimmten physiologischen Gemeinsamkeiten, sprich Rassen, gelebt werden, könnte mich nicht mehr langweilen. Ich stehe dem Christen aus Ouagadougou näher als dem Atheisten aus Kassel.

Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Doch wenn ich die Scheindebatten lese, die im Moment mal wieder Hochkonjunktur haben, dann offenbart sich mir eine beamtenhafte Lächerlichkeit, die nur noch von ihrer Unsinnigkeit übertroffen wird. Drei Beispiele:

„Rassismus“ gegen Özil

Innenminister schämt sich für deutsche Fans

SPD will Rassebegriff aus Gesetzen streichen

Ich bitte die Leser, diese drei Artikel selbst zu lesen und sich eine eigene Meinung zu den Vorfällen zu bilden.

Ich hätte da nur einige Fragen, deren Antworten nicht so richtig in meinen Kopf wollen:

1. Özil ist, da bin ich sicher, deutscher Staatsbürger. Aber es gibt doch auch so etwas wie eine deutsche Kulturnation und eine deutsche Herkunft, oder nicht? Ist es rassistisch, wenn man davon überzeugt ist, dass Nationalität mehr ist als nur ein Eintrag im Personalausweis?

2. Ist es verwunderlich, dass Fans, die von den sehr schwachen Leistungen Özils enttäuscht sind, und sich fragen, warum er die Nationalhymne nicht mitsingt, in unfreundlicher Weise reagieren? Muss man daraus, selbst wenn man das für falsch hält, gleich Rassismus und implizit Nazitum machen?

3. Wenn Innenminister Friedrich (KPCSU) sich für die deutschen Fans schämt, weil sie „Sieg, Sieg!“ rufen – ist es dann rassistisch, wenn katholische Theologen vom „Heil“ sprechen? Oder vom „Reich Gottes“?

4. Was sollen die deutschen Fans denn rufen? „Niederlage, Niederlage!“ oder „Unentschieden, Unentschieden“?

5. Was unterscheidet Deutschland von einer ideologischen Gesinnungsdiktatur, wenn der Inneminister solche Töne von sich gibt:  „Über den Kurznachrichtendienst Twitter war unter anderem geschrieben worden, der Sohn zweier türkischer Eltern sei kein Deutscher. Dies sei nur die „Spitze des Eisberges“, unterstrich der Innenminister. Derzeit könnten die Täter jedoch wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es soll also strafbar sein, wenn man so etwas sagt? Was kommt als nächstes? Wird man verhaftet, wenn man sagt, Mesut Özil sei Schwede?

6. Was ist „indirekte rassistische Diskriminierung“, die die SPD in allen Bevölkerungsschichten in üblicher linkssozialistischer Stasi-Manier überwacht haben möchte? Wenn jemand sagt, Franz Beckenbauer sei kein Deutscher, sondern Bayer? Wenn jemand „Danzig“ statt „Gdansk“ sagt? Wenn eine schwangere Frau die Straßenseite wechselt, wenn ihr nachts fünf türkische Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand entgegen kommen?

7. Was ist die „antirassistische Zivilgesellschaft“ wenn nicht ein anderes Wort für die politisch korrekte Gesinnungsdiktatur, die anstelle der Alleinherrschaft der Partei von linker Seite eingeführt werden soll?

8. Wenn alle möglichen ganz harmlosen Äußerungen „rassistisch“ sein sollen – wer bestimmt dann, wessen „Rassismus“ verfolgt wird? Natürlich am Ende die Mächtigen. Ist das die Absicht der Mächtigen? Oder wissen sie nicht, dass diese Inflation von Rassismusvorwürfen den wahren Rassisten genau die Tarnung gibt, die sie brauchen? Wissen sie nicht, dass sie durch ihren hyperventilierenden Antirassismus genau den Rassismus normalisieren, den sie zu bekämpfen vorgeben? Dass die Menschen nach dem 1000. Rassismusvorwurf gegen ganz harmlose Aussagen irgendwann gar nicht mehr zuhören, wenn man mal wirklich jemandem Rassismus vorwerfen müsste?

9. Wenn man den Rassebegriff aus den Gesetzen streichen will, sollte man dann nicht auch den Rassismusbegriff aus der Alltagssprache streichen? Oder dürfen wir dann nicht mehr „Schwarzes Loch“ sagen, weil es einer Beleidung „dunkelhäutiger MitbürgerInnen“ zu nahe käme?

10. Ist umgekehrter Rassismus besser als die gewöhnliche Art? Wäre es nicht schön, wenn wir einfach akzeptieren könnten, dass manche Menschen eben anders aussehen als wir, und dass sie in vielerlei Hinsicht anders sind als die meisten Menschen deutscher Herkunft, und diese Differenzen, diese Unterschiede, ebenso schön und gut finden, wie andere Arten von Unterschieden? Und dann gegen die (wenigen) Rassenhasser sachlich argumentieren, die andere Menschen wegen ihrer biologischen Abkunft verurteilen?

11. Wer hat dieses Land eigentlich so vor die Hunde gehen lassen?

12. Haben wir sonst nichts zu tun?

P.S. Von dem gesamten Text des Liedes, aus dem die heutige deutsche Nationalhymne stammt, fand ich die erste Strophe immer übertrieben pathetisch und die dritte etwas flach und uninteressant. In der zweiten Strophe kommt, so glaube ich, der ursprüngliche Charakter dieses schönen Liedes als Trinklied der nationalbewussten Liberalen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ich schließe also:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Und, mit der in Hoffmann von Fallerslebens handschriftlichen Notizen vorgesehenen alternativen dritten Strophe:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Stoßet an und ruft einstimmig:
Hoch das deutsche Vaterland!

Und damit Prost und viel Spaß beim Spiel gegen die Griechen!

Keine natürliche Hoffnung (Teil 2/2)

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über natürliche und übernatürliche Hoffnung des Christen in der modernen Welt. Im ersten Teil habe ich einen ganz kurzen, inadäquaten historischen Abriss der geistesgeschichtlichen Veränderungen bis zum Liberalismus des 19. Jahrhunderts gegeben, der nun im zweiten Teil fortgesetzt werden soll. Sodann will ich versuchen, einige Schlussfolgerungen aus diesen Entwicklungen zu ziehen.

Letztlich stellt man aber doch fest, dass auch der religionsfreie, säkulare, öffentliche Diskurs nicht rational ist, sondern ebenso „subjektiv“ wie die Religion nach der modernen Konzeption. Nicht nur rein materielle Interessen, sondern auch moralische Werthaltungen sind bestimmend für die Politik. Religion soll Privatsache sein, weil sie keine objektive Gültigkeit beanspruchen kann, sondern nur private Sinndeutung. Doch ohne den Pfeiler der Religion geraten mehr und mehr auch die moralischen Werthaltungen, die bislang im Wesentlichen gar nicht angetastet worden waren, unter den Verdacht der Subjektivität. Locke begründete seine liberale Moral noch eindeutig mit dem Besitzanspruch Gottes; aber selbst Kant kann seine Moral nicht zureichend begründen ohne Gott als „Postulat der praktischen Vernunft“ wiederzubeleben. Die Utilitaristen versuchen im 19.Jahrhundert eine säkulare Moral auf dem Prinzip des diesseitigen Nutzens aufzustellen, scheitern damit aber an der einfachen Tatsache, dass es keinen objektiven Nutzen gibt, sondern so viele verschiedene Nützlichkeiten wie Menschen, und daran, dass man nach dem Nutzen nicht entscheiden kann, weil man ihn nicht kennt, solange man die Folgen einer Handlung nicht absehen kann – und das kann man eben nur selten schon vor der Handlung in zureichender Form.

Trotz all seiner tödlichen Schwächen ist der Utilitarismus in der Praxis heute das vorherrschende sittliche Modell, und damit kann man sagen, es gebe überhaupt kein sittliches Modell, weil Sittlichkeit gerade besagt, dass man das Gute tut, auch wenn es gar nicht nützlich ist. Doch das nur am Rande.

Letztlich muss der moderne Mensch, seiner eigenen Vorstellung von Rationalität folgend, die Möglichkeit einer objektiven Moral fallenlassen. Moral kann nur noch das sein, was das Individuum für gut, nützlich, oder was auch immer befindet. Objektiv bindende Prinzipien kann es nicht geben. Damit ist ein weiterer Schritt auf der Reise in die Gegenwart getan. Der noch in der Aufklärung gegenwärtige Anspruch einer rationalen Moralbegründung ist praktisch erledigt. Doch wenn Moral nur noch die Setzung des Individuums ist, dann ist es ungerecht, diese Setzung anderen Menschen aufzuzwingen, die vielleicht ganz andere Präferenzen haben. Und damit sind wir endlich im 20. Jahrhundert angekommen. Die subjektive Moral des Einzelnen bleibt notwendig Individualmoral. Jeder muss tun, was sein Gewissen ihm diktiert, doch was sein Gewissen ihm diktiert, ist das kontingente Ergebnis sozialer Einflüsse, doch diese sozialen Einflüsse sind vom Menschen gemacht – konkret von den Herrschenden, die den einfachen Menschen unterdrücken. Moral ist das Mittel der Mächtigen, die Schwachen zu beherrschen.

Moral, und das ist jetzt immer bloß die „herrschende“ Moralvorstellung, muss also, im Namen der Interessen der Schwachen, überwunden werden. Hier haben wir den Marxismus, der die „bourgeoise“ Moralität überwinden will. Doch während der klassische Marxismus noch die Produktionsmittel in den Vordergrund stellt, weil er letztlich dem neuzeitlichen, liberalen Materialismus verhaftet ist, erkennt man im 20. Jahrhundert, dass nicht das Sein das Bewusstsein bestimmt, sondern eher umgekehrt, das Bewusstsein das Sein. Bevor die materielle Basis des Eigentums an Produktionsmitteln umgestürzt werden kann, muss man zuerst den Überbau, das heißt die religiösen und moralischen Vorstellungen, umstürzen. Oder, treffender ausgedrückt, man muss sie unterwandern.

Welche moralischen und religiösen Vorstellungen sind das? Nun, die christliche Religion ist zwar im Rahmen des modernen Denkens praktisch erledigt und subsistiert meist bloß noch in einer abgestumpften, rein subjektiven Weise in der modernistischen Theologie, doch sehr viele Menschen sind am Anfang des 20. Jahrhunderts noch fromm und gläubig. Spätestens ihren Kindern muss man dies abgewöhnen. Entsprechend werden Bildungsstätten „säkularisiert“ – Religion darf dort nicht mehr, oder nur noch als individuelle, subjektive Intuition, als ein „Sinnangebot“ unter vielen, existieren. Sie darf nicht mehr als Wahrheit gelehrt werden, und schon gar nicht in Form praktisch gelebter Frömmigkeit (Gebet, Gottesdienst usw.) praktiziert werden.

Doch nicht nur die christliche Religion, sondern auch die „herrschende Moral“ muss als Teil des „bürgerlichen“ Überbaus unterwandert werden. Wie macht man das? Man spielt die natürlichen, ungeordneten Triebe des Menschen gegen moralische Prinzipien aus, und bringt den Menschen bei, ihre Triebe seien doch eigentlich ganz gesund, und es gebe gar keinen Grund sie ständig zu „unterdrücken“, solange „es niemandem schadet“. So etwas sei gar nicht gut. Freud, ob er es nun so meinte, oder nur verdreht wurde, bietet dafür den idealen Ansatzpunkt. Verbindet man ihn mit der kulturell gewendeten Form des Marxismus, wie die „Frankfurter Schule“ ihn lehrt, so kann man ganz erstaunliche Resultate erzielen, was uns in die 60er-Jahre bringt.

Der Angriff auf die christliche Religion ist praktisch erfolgreich abgeschlossen. Nur eine kleine Minderheit, ein kleines gallisches Dorf sozusagen, verteidigt noch den ganzen christlichen Glauben als objektive Wahrheit. Selbst die katholische Kirche ist seit dem letzten Konzil zumindest in der Praxis kaum noch als Trägerin dieser Wahrheit zu erkennen, auch wenn sie es in ihrer offiziellen, lehramtlichen Theologie natürlich weiterhin ist. Diese verbliebenen Gallier, die bösartigen, antimodernistischen Traditionalisten, sind nie ganz zum Schweigen zu bringen, doch es wäre Verblendung, wenn wir glaubten, wir könnten nach Maßgabe menschlicher Kräfte das Blatt noch zugunsten des christlichen Glaubens wenden.

Der Angriff auf die Moral ist auf theoretischer Ebene auch praktisch abgeschlossen. Objektive Moralität wird kaum noch ernsthaft verteidigt. Moral wird entweder aus dem praktischen Nutzen für die Menschheit begründet, oder aus dem Zeitgeist bzw. der Mehrheit, oder einfach, ebenso pervers wie ehrlich, aus bloßem individuellem, nicht weiter begründungsbedürftigem Willen.

Der Angriff auf die Moral in praktischer Hinsicht ist ebenfalls sehr weit fortgeschritten. Zwar erkennen die meisten Menschen – rational betrachtet vollkommen unbegründet – noch einige moralische Haltungen an und versuchen sie auch umzusetzen, doch es ist gelungen, die kulturelle Weitergabe der Sitten von Generation zu Generation auszuhebeln, so dass spätestens in den nächsten Generationen absehbar die noch vorhandenen Spuren irrationaler moralischer Vorurteile (etwa gegen Inzest, Mord, Diebstahl und Pädophilie) fallen werden. Um dies zu verhindern, wäre eine verlässliche Weitergabe moralischer Überzeugungen an die nachfolgenden Generationen notwendig. Doch ohne ein auf sittliche Erziehung achtendes Schulsystem, oder wenigstens sehr starke, sehr eng geknüpfte Familienbande, ist ein solches Projekt wiederum nach Maßgabe der menschlichen Kräfte vollkommen aussichtslos.

Das „christliche Abendland“ hat damit seine christliche Religion in Theorie und Praxis fast vollkommen verloren, und die verbliebenden Kraftreserven sind so schwach, dass sie selbst gegenüber einer kleinen Minderheit entschlossener islamischer Fundamentalisten vollkommen wehrlos ist, und deswegen die Fiktion des „Multikulturalismus“ erfindet, um ihr eigenes Abdanken wenigstens noch ehrbar als „Toleranz“ zu verbrämen. Dasselbe gilt für die christliche Sittenlehre, die unter dem Ansturm der 60er-Jahre zusammengebrochen ist, weil ihre Verteidiger es zugelassen haben, dass die entscheidenden Bastionen ihrer Weitergabe (Familien, Schulen, Medien) in die Hände der moralischen Unterwanderer gefallen sind.

Nach menschlicher Maßgabe gibt es daher keine Hoffnung. Der christliche Westen ist aus eigener Kraft vollkommen unfähig, sich wieder aus seinem Grab zu erhaben. Er ist tot. Hilaire Belloc sagte: Europa ist der Glaube und der Glaube ist Europa. Er hatte Recht. Doch da der Glaube nach menschlicher Maßgabe tot ist, wird auch Europa in Kürze sterben. Man könnte argumentieren, dass die EU bloß noch eine Nachlassverwalterin ist, die aber keinen Wert auf den Nachlass legt, sondern ihn stattdessen veruntreut.

Nach menschlichem Maßstab ist keine Rettung mehr möglich. Das christliche Abendland ist tot.

Doch es gibt da einen, habe ich mir sagen lassen, der nicht an den menschlichen Maßstab gebunden ist, und der auch mit den Toten noch nicht fertig ist. Dieser Jemand trägt den Namen Jesus Christus, und die Schar seiner Getreuen ist zwar klein, doch ebenfalls nicht nur an menschliche Maßgaben gebunden. Thomas Fleming schrieb einmal, wenn die Welt zur Hölle fahre, heiße das ja noch längst nicht, dass man selbst mitfahren müsse. So ist es. Die christliche Kirche ist nicht an bloß menschliche Hoffnungen gebunden. Ihr hat Gott selbst versprochen, dass sie am Ende siegreich aus den Kämpfen hervorgehen wird, weil der eigentliche Kampf, der einzige Kampf, auf den es wirklich ankommt, bereits gewonnen ist – Christus hat den Tod besiegt und uns das ewige Leben trotz unserer Unwürdigkeiten zum Geschenk gemacht.

Jetzt müssen wir es nur noch annehmen, dieses Geschenk, indem wir ihm nachfolgen, als Pilger durch diese Welt, was auch immer in dieser Welt geschehen mag, und das Kreuz auf uns nehmen, wie er vor uns.

Und dann brauchen wir keine bloß „natürliche Hoffnung“ nach „menschlichen Maßstäben“, weil es eine viel größere wahre Hoffnung gibt, nämlich die Hoffnung auf die ewige Schau Gottes, auf die ewige Seligkeit.

Keine natürliche Hoffnung (Teil 1/2)

Dies ist der erste Teil einer zweiteiligen Artikelreihe. Der zweite Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

Betrachtet man die Lage der westlichen Kultur und der christlichen Religion, auf der sie basiert, so muss man eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Seit dem 16. Jahrhundert, in dem allgemein die Entstehung der Moderne angesetzt wird, geht es eigentlich mit der Christenheit bergab. Erst die protestantische Revolte gegen die Kirche, die sich einiger real existerender Missbräuche bediente, um gegen die kirchliche Autorität und das Papsttum aufzuwiegeln, dann die geistige Wende fort von der klassischen Philosophie, eingeleitet von so unterschiedlichen Denkern wie Bacon, Descartes, Hobbes und Locke. Beide Tendenzen, sicher nicht unabhängig voneinander, führten gemeinsam zu einer fortschreitenden Auflösung genau jener Weltsicht, die bis dahin die Grundlage der christlichen Religion, und damit eine der wesentlichen Grundpfeiler der westlichen Kultur gewesen war. Hier ist nicht der Ort, auf die genaue Natur dieser sehr vielfältigen Veränderungen einzugehen – ich möchte lediglich auf ein interessantes Buch von Charles Taylor verweisen, in dem wesentliche Aspekte dieser Veränderung betrachtet werden.

Der Paradigmenwechsel hin zur Vorherrschaft des individuellen Gewissens anstelle kirchlicher Autorität zerstörte die Einheit der Christenheit in Europa. Die Spaltung war keine Spaltung der Kirche, sondern eine Abspaltung von ihr, aber sie war eine Spaltung der Christenheit. Als solche war sie schon destruktiv genug, doch das ist nicht alles. Da sich aus der Schrift allein nur sehr wenig schlüssig und ohne möglichen Widerspruch begründen lässt (wie spätestens die modernen ahistorisch-unkritischen Bibel-„Wissenschaftler“ unwiderlegbar beweisen haben), war der protestantische Teil des Glaubens entweder zum Indifferentismus oder zur ständigen Aufspaltung in immer kleinere Sekten gezwungen. Beides geschah unvermeidlich. Die Hoheit des individuellen Gewissens verunmöglichte jede Unterordnung unter die Offenbarung. Denn was die Offenbarung war, bestimmte wieder der individuelle Mensch durch sein imperiales Gewissen. Religion wurde so unvermeidlich, zuerst unbewusst, später mehr und mehr eingestandenermaßen, zum Ausdruck individueller, gewissenhafter Präferenzen, und konnte, sollte, durfte nicht mehr als Unterordnung unter die von Gott geoffenbare Wahrheit verstanden werden.

Vor diesem Hintergrund ist auch leicht verständlich, warum die Kriegswirren des 16. und 17. Jahrhunderts schließlich zur Festigung des Indifferentismus in den gebildeten Kreisen führten, und so den Grundstein für die „Aufklärung“ legten. Warum sollte man sich über bloße individuelle Präferenzen auch streiten? War nicht das Wichtigste, dass wir, egal welche Streitigkeiten über religiöse Dinge wir auch haben mögen, alle unterschiedlichen religiösen Ansichten tolerierten, und uns auf das konzentrierten, was uns einte? Und das war eben das gemeinsame Bekenntnis zur Verbesserung der diesseitigen Welt. Alles andere konnte, sollte nur noch Privatsache sein.

Gleichzeitig lehnte die moderne Philosophie die klassische Konzeption der natürlichen Teleologie ab. Entscheidend waren nicht mehr aristotelische „Zweckursachen“, die einfach geleugnet oder zumindest für überflüssig erklärt wurden. Alles sollte nun einer materiellen, wissenschaftlichen Erklärung zugänglich sein. Für Descartes gab es die denkende Substanz, die rein geistig und körperlos ist, und die materielle, körperliche Substanz, die nichts Geistiges mehr an sich haben dürfte. Diese Radikalisierung des Dualismus von Körper/Materie und Geist/Seele entfernte aus den materiellen Dingen jede Spur des Geistigen, so dass sie auf eine neue Weise grenzenloser Verfügbarkeit durch die entstehende moderne Wissenschaft ausgesetzt waren. Die Welt sollte nach materiellen Prinzipien erklärt werden. Gott war kein materielles Prinzip. Zunächst fand er noch in einigen Systemen Zuflucht, die ihm seine Rolle als Schöpfer durchaus einräumten, auch wenn sie keinen Platz für direkte Eingriffe Gottes in die Welt mehr fanden.

Dieser Deismus war auch nur die Zwischenstufe zu dem wiederum unvermeidlich heraufziehenden theologischen Modernismus. Wenn Gott nicht materiell war, dann musste er rein geistig sein. Die neue Konzeption der Vernunft, die seit dem 16. Jahrhundert heranreifte, beschränkte Vernunftwissen aber auf nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma gewonnene Erkenntnisse. Nach dem naturwissenschaftlichen Paradigma, das keine Zweckursachen kennt, kann man aber keine Erkenntnisse über Gott gewinnen, sondern nur über die Welt, die vielleicht – vielleicht aber auch nicht – als Gottes Schöpfung auszudeuten wäre. Man erkennt leicht, wozu der Paradigmenwechsel führt. Ob Gott wirklich ist, ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, ob Christus wirklich auferstanden ist, und alle weiteren Lehren des christlichen Glaubens, können nicht (natur-)wissenschaftlich bewiesen werden. Doch damit werden sie für das neue Verständnis von Rationalität aus dem Bereich des menschlichen Wissens verbannt. Übrig bleibt nur noch, sie als spezifische, von Person zu Person unterschiedliche, relative Sinndeutung zu verstehen. Religion ist damit in den persönlichen, das heißt subjektiven Bereich zurückgedrängt worden. Hier verstärken sich die geistigen Tendenzen der frühen Neuzeit und die kriegerischen Auseinandersetzungen, von denen vorhin bereits kurz die Rede war.

Doch wenn Religion nur noch subjektive Sinndeutung sein sollte, konnte sie keinen objektiven Wahrheitsanspruch mehr aufstellen. Das wäre ohnehin nur spalterisch gewesen, weil man ja als gemeinsames Ziel die Verbesserung dieser Welt (zunehmend nicht nur als die einzige wissenschaftlich erkennbare, sondern als die wichtigste überhaupt, gesehen) hatte. Wenn man sich über diese entlegenen religiösen Fragen nicht einig wird, dann klammert man sie halt aus. Dies ist die Lösung des Liberalismus. Doch da religiöse Fragen letztlich großen Einfluss auf moralische, aber auch rein praktische Haltungen des Menschen haben, können sie aus dem nun unbeschränkt herrschenden persönlichen Gewissen nicht ausgeklammert werden. Da sie aber, dem Liberalismus zufolge, allein schon aufgrund des großen Konfliktpotenzials, aber auch aufgrund ihrer angeblich fehlenden Wahrheitsfähigkeit (als bloß subjektive Sinndeutungen), keine objektiv bindenden Handlungsnormen zu liefern vermögen, muss der öffentlich-politische Diskurs von religiösen Ideen freigehalten werden. Für den öffentlichen Diskurs wird im 19. Jahrhundert noch Rationalität und Objektivität beansprucht – wir sind in der Hochphase der rationalistischen Moderne. Religion kann diese Rationalität und Objektivität nicht (mehr) bieten, also hat sie in der öffentlichen Sphäre nichts verloren. Religionen, die dies nicht anerkennen, sondern an der traditionellen Konzeption festhalten, werden bekämpft, mal offen, mal versteckt, doch immer entschlossen im Namen der Vernunft.

Fortsetzung folgt…

Rationaler Glaube

In seinem zu empfehlenden Kommentar zur Summa contra Gentiles nähert sich Johannes der Thematik der Gottesbeweise, die ja heute ziemlich diskreditiert sind. Seine These scheint zu lauten, dass man die Vernunft früher für fähig hielt, religiöse Wahrheiten zu erkennen, während man sie heute in eine enge Beziehung zu reinen Gefühlsäußerungen setzt, und dass diese Verschiebung Ausdruck einer breiteren Tendenz in derselben Richtung ist.

Bei Thomas von Aquin und der ganzen klassischen philosophischen Tradition findet sich in der Tat die feste Überzeugung, dass die menschliche Vernunft nicht auf bloß materielle, empirische Zusammenhänge beschränkt werden dürfe, sondern ihre wahre Würde darin bestehe, im Ausgang von elementaren Sinneserkenntnissen und den Gesetzen der Logik auch Aussagen über nichtmaterielle, jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegende Dinge machen zu können. Dass dabei zuweilen übertrieben worden sein mag, möchte ich gar nicht bestreiten. Die menschliche Vernunft ist nicht allmächtig und nicht unfehlbar. Sie kann nicht alle Wahrheiten des christlichen Glaubens aus eigener Kraft erkennen. Doch sie ist auch nicht ganz so machtlos, wie die Moderne sie seit der erkenntnistheoretischen Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts darzustellen versucht. Die paradigmatische Wissenschaft ist für die rationalistische Seite der modernen Debatte die Mathematik bzw. die Logik und für die empiristische Seite die empirische Naturwissenschaft. Was sich nicht messen lässt – und daher mit den Mitteln der Naturwissenschaft und der Mathematik nicht verarbeitet werden kann – gibt es für diesen Typus der Wissenschaftlichkeit objektiv gesehen gar nicht.

Philosophie und Religion werden dadurch in der Moderne zu rein subjektiven Angelegenheiten. (Oder man versucht sie zu rationalisieren – nach dem modernen Begriff von Rationalität – was sie ihres spezifischen Charakters beraubt.) Sie verlieren ihre Wahrheitsfähigkeit, weil sie nicht mehr als Aussagen über eine externe, erkennbare Realität betrachtet werden. Diese charakteristische Verschiebung des Wissens- und Wissenschaftsverständnisses stellt Papst Benedikt in seiner hervorragenden „Regensburger Rede“ in beeindruckend klarer Form dar.

Auf der Basis der modernen, naturwissenschaftlichen Vernunft kann die Religion nicht wahr oder falsch sein, weil sie weder in formaler Logik, noch in Mathematik oder Experiment verifiziert oder falsifiziert werden kann. Doch die gesellschaftliche Sphäre soll rational sein – der Religion bleibt einzig der Rückzug ins Private, der dann durch den Liberalismus auch folgerichtig angestrebt wurde. Über dieses Private, so argumentiert man dann ebenfalls folgerichtig, sind verschiedene Ansichten möglich, weil es keine objektiv feststellbare Wahrheit gibt. Damit sind wir beim Pluralismus bzw. religiösen und ethischen Relativismus angelangt.

Man könnte diese geistesgeschichtlichen Entwicklungen weiter verfolgen, und das wäre sicher sehr fruchtbar, doch bereits aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Abkehr vom „klassischen“ Vernunftsbegriff weite, die ganze Gesellschaft erschütternde Kreise zieht. Durch die Exklusion von Religion, Philosophie und besonders auch der Sittenlehre aus dem Reich des objektiven Wissens wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bis heute andauert, und die Grundlagen, auf denen auch die Moderne ruht, nämlich die Möglichkeit rationaler naturwissenschaftlicher Erkenntnis, vollständig auflöst. Wie dies philosophisch genau vor sich geht, zeichnet in englischer Sprache und polemischer Form ganz hervorragend Ed Feser in seinem Buch „The Last Superstition“ nach, wobei er sich mit verständlichen Worten trotz wissenschaftlichen Anspruchs auch an philosophische Laien wendet.

Doch die wichtigste Frage ist, wie meistens, die nach der Wahrheit. Stimmt es tatsächlich, dass der Mensch über Religion durch seine Vernunft nichts herausfinden kann? Ist er wirklich vor die Wahl gestellt, ob er seinen Glauben irgendeiner Offenbarung schenken will, deren Irrationalität er einsehen müsste, wenn er sich mir ihr beschäftigte (ein typisches Kennzeichen des Fundamentalismus), oder Religion zum bloßen Gefühl ohne bestimmten Inhalt werden zu lassen (wie in dem „Christentum“, das in Deutschland Mehrheitsreligion ist)?

Die katholische Kirche hat der menschlichen Vernunft das größtmögliche Kompliment gemacht, indem sie dogmatisch erklärt hat, die Existenz Gottes sei mit den bloßen Mitteln der menschlichen Vernunft nachweisbar. Doch ist dieses Kompliment gerechtfertigt? Für den Katholiken reicht es, dass die Kirche es unfehlbar erklärt hat – „Roma locuta – causa finita“ – doch wird diese Antwort den Nichtgläubigen kaum befriedigen.

Der Hl. Thomas geht noch weiter. Nicht nur die Existenz Gottes kann von der menschlichen Vernunft erkannt werden, sondern auch noch einige weitere Informationen über ihn, etwa seine Güte, dass er weder räumlich noch zeitlich beschränkt ist usw. Er behauptet das jedoch nicht einfach nur, sondern bringt ausführliche Argumente für seine Thesen, antwortet jeweils auf viele mögliche Einwände und bemüht sich nach bestem Wissen darum, fair zu allen Seiten zu sein. Es geht dem Hl. Thomas darum, die Wahrheit zu finden, egal wo sie liegt. Er möchte zeigen, dass er Recht hat, nicht bloß Recht bekommen. Er ist wie Sokrates, nicht wie die Sophisten.

Die Argumente des Hl. Thomas sind bis heute nicht widerlegt, sondern einfach ignoriert worden. Sie stellen auch heute noch die beste Grundlage für den katholischen Glauben dar, gerade weil sie so rational, so durchdacht, so logisch sind. Sie führen den Leser bis an die Grenzen der menschlichen Vernunft, zeigen die Rationalität des Glaubens auf, leugnen jedoch nicht, dass die endliche Vernunft die unendliche Vernunft niemals ganz wird begreifen können, dass es immer Glaubensgeheimnisse geben wird, deren Durchdringen trotz der Fruchtbarkeit unserer Meditationen nie ganz gelingen kann.

Wer sich nicht ernsthaft mit den Argumenten des Hl. Thomas und seinen geistigen Nachfolgern auseinandergesetzt hat, kann wohl kaum für sich in Anspruch nehmen, er habe die Irrationalität des Glaubens erkannt.

Wer wirklich daran interessiert ist, ob die Religion vernunftgemäß ist, kommt an Thomas nicht vorbei. Auf der Basis des traditionellen Vernunftbegriffs kann sich die Religion rational behaupten. Das zeigt Thomas eindeutig. Auf der Basis des modernen Vernunftbegriffs bleiben Glaube und Vernunft unversöhnliche Gegensätze. Wenn man den Hl. Thomas in seinen Grundzügen ablehnt, dann nicht weil seine Argumente schwach oder widerlegt wären, sondern weil man seinen weiten, offenen Vernunftbegriff nicht teilt.

Weil der moderne Vernunftbegriff an der Wurzel der Krise der Moderne liegt, besteht der erste Schritt zur Überwindung dieser Krise in einer Ausweitung der Vernunft über ihre modernen Schranken hinaus, also in einer Rückkehr zum traditionellen Vernunftbegriff, und damit zur klassischen philosophischen Tradition, in deren Zentrum sich der Hl. Thomas befindet.

Und weil die Krise der Moderne an der Wurzel der drängendsten Probleme des 21. Jahrhunderts liegt, ist die Rückkehr zum traditionellen Vernunftbegriff – und damit zu Thomas – kein Akt philosophischer Elfenbeinturm-Mentalität, sondern eine notwendige Voraussetzung für die Lösung der Hauptfragen unserer Zeit.