Woelki zur Entweltlichung

Der kürzlich in sein Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, hat sich in einem bei kath.net veröffentlichten Interview zum Thema Entweltlichung und Kirchensteuer geäußert. Da es sich bei Woelki um einen der wenigen Hoffnungsträger der katholischen Kirche im deutschen Episkopat handelt, war ich gespannt, was der Erzbischof zu diesen Themen zu sagen haben würde. Wie üblich werde ich hier einige Auszüge präsentieren, für den Rest des Interviews auf die oben zitierte Quelle verweisen und meine Kommentare und Hervorhebungen einfügen. Vorweg möchte ich allerdings sagen, dass ich von dem Interview ziemlich enttäuscht bin.

KNA: Herr Erzbischof, der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin liegt inzwischen gut einen Monat zurück. Was bleibt?

Woelki: (…) Es bleibt die Erfahrung, in einem vollen Stadion mit dem Papst Gottesdienst [Warum nicht „Messe“ sagen? Gottesdienste gibt es viele.] zu feiern. Jetzt geht es darum, das, was Benedikt XVI. gesagt hat, zu studieren und für unsere Diözese fruchtbar zu machen. Aus der Vertiefung des Glaubens kann dann auch unser gesellschaftliches Engagement wachsen.

KNA: Bei seiner letzten Station in Deutschland, in Freiburg, hat der Papst für eine «Entweltlichung» der Kirche plädiert. Wie bewerten Sie die darüber in Gang gekommene Debatte?

Woelki: Ich denke, der Papst hat mit «Entweltlichung» nicht gemeint, dass wir uns aus der Welt heraushalten, sondern dass wir mit der Botschaft Jesu in die Welt hineingehen sollen. [Genau. Mit der Botschaft Jesu. Nicht mit einem Arm voll Geld und Businessinteressen. Und Porno-Angeboten vom Weltbild-Verlag.] Aber wir müssen natürlich Strukturen überprüfen, die nicht mit dem Evangelium vereinbar sind. [Um welche Strukturen handelt es sich dabei, Exzellenz?] Es ist notwendig zu untersuchen, woran wir künftig festhalten und woran nicht. [Wer übernimmt die Untersuchung? Das Gremium zur Abschaffung der Gremien? Der Entbürokratisierungsausschuss?] Dies gilt natürlich auch für das Erzbistum Berlin, auch hier sind weiter strukturelle Veränderungen notwendig. [Welche Veränderungen? Wir wünschen uns Hirten, keine Schwämme.]

KNA: Manche Kirchenkritiker [Nicht nur Kritiker. Gerade die Liebhaber der Kirche sehen mit Sorge, dass die Kirche sich erpressbar gemacht hat] sehen sich durch die Worte des Papstes in ihrer Forderung nach einer Abschaffung der Kirchensteuer bestätigt…

Woelki: Natürlich gibt es jetzt den einen oder anderen, der die Worte des Papsts so interpretiert und alte Forderungen wiederholt. In Deutschland hat sich aber das zwischen Staat und Kirche gewachsene System der Kirchensteuer bewährt – für beide Seiten. [Ich fürchte, der Erzbischof hat einen über den Durst getrunken. Oder sagen wir lieber – ich hoffe, dass bloß etwas Alkoholeinfluss diese absolut lächerliche Aussage erklärt. Das System der Kirchensteuer hat sich bewährt? Ernsthaft? Dann sind die Kirchen also voll, der Glaube lebendig, die Priesterschaft motiviert und eifrig im Spenden der Sakramente, die Schlangen an Beichtstühlen lang, das Engagement der Gläubigen hoch, die Liebe der Gläubigen zu ihrem Herrn und Erlöser sowie der von Ihm eingesetzten Kirche tief und innig, die Kirche in einer Lage voller Zukunftschancen?], Die Kirche ist in Deutschland eine wichtige gesellschaftliche Gruppe und übernimmt Aufgaben des Staates [Nur, dass es nicht die Funktion der Kirche ist, die Aufgaben des Staates zu übernehmen. Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, auch im Bereich der Funktionen], wenn ich alleine an das große soziale Engagement [worin besteht dieses Engagement? Darin, dass man die ach so engagierte deutsche Kirche fast schon mit Gewalt von der ans HErz gewachsenen Ausstellung von Darf-Scheinen zur Tötung der Unschuldigen Kinder abhalten musste? Dass man sich im Wesentlichen dem sozialtechnokratischen Club angeschlossen hat und statt aus der Liebe Christi aus der Liebe zum staatlichen Finanztrog arbeitet?]   oder an Einrichtungen für Erziehung und Bildung denke. [Katholische Schulen? Ich würde niemals ein Kind in eine durchschnittliche katholische Schule in Deutschland schicken. (Bestimmt gibt es rühmliche Ausnahmen.) Wenn ich mein Kind sexualisieren lassen möchte, nehme ich die Odenwald-Schule. Vielen Dank. Katholische Schulen unterscheiden sich kaum von weltlichen, staatlichen Schulen, außer dass die Eltern eingelullt werden, und deswegen vom aggressiven Säkularismus und der systematischen Glaubenszerstörung besser abgelenkt werden können.] Da ist dieses Geld sinnvoll eingesetzt. [Im Kamin wäre es besser eingesetzt. Da hat man wenigstens noch ein schönes Feuer davon, nicht nur Glaubensverlust.]

KNA: Ein anderes Thema des Papstes war die Ökumene. Jetzt wirft der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge dem Papst in einem Zeitungsbeitrag vor, kein Konzept für die Ökumene zu haben. Wie stehen Sie dazu? [Kein Konzept zur Ökumene ist das bestmögliche Konzept.]

Woelki: Schon in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hat sich Papst Benedikt XVI. große Verdienst um die Ökumene erworben [Ich fürchte, der Erzbischof hat Recht], wenn wir allein an die Erklärung zur Rechtfertigungslehre denken. [Ja, Formelkompromisse sind populär. Aber fide sola ist trotzdem häretisch.] Auch in seinen wissenschaftlichen Beiträgen hat er sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Schon von daher kann man sagen, dass der Papst ein klares Konzept von Ökumene hat, allerdings nicht nur mit den Kirchen der Reformation. [„Kirchen“ der Reformation? Ist der Erzbischof etwa auch Indifferentist? Alle wandeln wir auf einem Pfade von der Erde hin zum unerkennbaren Unendlichen. Wir tappen alle im Dunkeln und keiner weiß was von der Wahrheit. Wir sind alle Suchende. Daher sind auch die „Kirchen“ der Reformation – ebenso wie die Kirche der „Neo-Reformation“, die hier scheinbar in ihrer Gründung vorbereitet wird – untereinander gleich und vergleichbar. Sie sind alle „Kirchen“. Katholizismus? Nein, danke. Nicht wahr, Herr Erzbischof Woelki?] Dem Papst genauso wichtig sind auch die ökumenischen Kontakte mit den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Manches mag da einfacher sein, weil dort altkirchliche Strukturen vorhanden sind. [Man könnte sagen: Dort sind, im Gegensatz zu Gemeinschaften, die aus Luthers und Calvins Revolten entstanden sind, überhaupt kirchliche Strukturen vorhanden, und nicht bloß ein imperialer Gewissensindividualismus.]

KNA: Was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Treffens zwischen dem Papst und Vertretern der evangelischen Kirche im Erfurter Augustinerkloster? [Dass ökumenische Treffen mit Vertretern der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands sinnlos sind?]

Woelki: Benedikt XVI. hat bei dem Gespräch ausdrücklich Martin Luther und dessen Eintreten für die Authentizität des Evangeliums gewürdigt. [Ja, Martin Luther erscheint vor dem Antlitz eines Landesbischofs der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands tatsächlich als Muster der Christlichkeit und gar der Katholizität.] Eine wichtige Botschaft war in diesem Zusammenhang auch der Ort des Treffens selbst, das heute evangelische Augustinerkloster, in dem der junge Luther seine Prägung erfuhr.

KNA: Viele Protestanten haben sich mehr erhofft … [Ja, sie haben sich erhofft, dass der Papst die Kirche auflösen und sich der lutheranischen Häresie und ihren modernistischen EnkelInnen anschließen würde. Das hätte er nämlich de facto tun müssen, um die E“K“D zufrieden zu stellen.]

Woelki: Es ist sicher auch immer eine Frage, mit welchen Erwartungen man an die Begegnung in Erfurt herangegangen ist. Vielleicht waren die Erwartungen ja auch zu hoch. Auch in der Rückschau bleibt, dass das Gespräch und das Gebet mit Vertretern der evangelischen Kirche ein vom Papst so gewünschter Schwerpunkt der Reise war, nicht nur von der zeitlichen Dauer. [So schwammig, so schwammig. Jesus ging nicht über’s Wasser – nein, er schwamm drüber!]

KNA: Können Sie schon sagen, ob das Erzbistum beim Papstbesuch in dem Kostenrahmen von rund 3,5 Millionen Euro bleiben wird? [Jetzt kommt das für die moderne Kirche der Neo-Reformation wahrhaft entscheidende: Mammon]

Woelki: Die Bilanzierung der finanziellen Seite des Papstbesuchs wird noch bis Ende des Jahres dauern. So wie es sich derzeit abzeichnet, werden wir im Kostenrahmen bleiben. Ich bin sicher, dass das Geld gut investiert ist. Ein deutscher Papst besucht vermutlich zum letzten Mal offiziell sein Heimatland, wo viele Menschen nach Sinn und Orientierung suchen. [Sie mögen ja suchen – doch wie sollen sie finden, wenn die Kirche ihre Antworten so geschickt tarnt?] Das war das auch medial angekündigte Jahrhundertereignis. [Leider erschöpft sich das öffentliche Auftreten der Kirche in Deutschland in medialen Ereignissen, aufrührerischen Aktionen gegen die Kirche und ihren Stifter Jesus Christus, dem Eintreiben finanzieller Ressourcen und dem Auftritt als Nachhut von 1789 und 1968.]

Zusammenfassung: Erzbischof Woelki gilt als einer der Hoffnungsträger der Kirche in Deutschland. Beim Papstbesuch ist er mir in Berlin positiv aufgefallen. Doch dieses Interview konnte den positiven Eindruck nicht bestätigen. Im Gegenteil: Eine schwammige Formulierung folgt der nächsten, nur unterbrochen von einem Kotau vor dem religiösen Indifferentismus der vielen verschiedenen „Kirchen“ der Reformation und einem respektvollem Kopfnicken in die Richtung der Kirchensteuer und ihres Systems der finanziellen Maulkörbe für christliche Hirten. Wenn sich der neue Erzbischof von Berlin noch fünf Jahre in dieser Art Zeitungsinterview übt, hat er wohl eine sehr gute Chance, Vorsitzender der Bischofskonferenz zu werden und die Fußstapfen von Erzbischof Zollitsch vollkommen auszufüllen.

Ein weiterer Verwalter des Niedergangs. Das ist der Eindruck, den ich von diesem Interview habe.

FSSPX und der Zentralrat der Juden – Reaktion von Pater Schmidberger

Zum Thema Antisemitismus, Kritik seitens des Zentralrats der deutschen Juden am Kurs der Aussöhnung Roms mit der Piusbruderschaft und ähnlichen Fragen bezieht der Distriktobere der Piusbruderschaft, Pater Franz Schmidberger, nun ausführlich in einem Brief an Dieter Graumann, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Stellung. Unabhängig von den derzeitigen innerkirchlichen Verhältnissen hinsichtlich der Bruderschaft, und wie man zu ihnen stehen mag, ist es ein schönes, klares, eindeutiges Schreiben, das den Ausgleich zwischen dem Bekenntnis zur christlichen Wahrheit und dem nötigen Respekt vor den Differenzen und dem Mitgefühl mit dem schrecklichen Schicksal des jüdischen Volkes unter dem Nationalsozialismus ohne Weiteres schafft.

Weil es die durch Graumanns Auftreten während des Papstbesuchs aufgeworfenen Fragen so hervorragend beantwortet, werde ich es hier im Volltext wiedergeben:

Stuttgart, 11. 10. 2011
Sehr geehrter Herr Dr. Graumann,

Anlässlich Ihrer Begegnung mit Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch brachten Sie die Sprache auch auf die Piusbruderschaft. Wörtlich sagten Sie:

„Das Thema Piusbrüder, die (nach) unserer Meinung nach wie vor für Fanatismus, Fundamentalismus, Rassismus, Antisemitismus, ja schlicht für finsterstes Mittelalter und für Unversöhnlichkeit pur stehen, schmerzt uns nach wie vor.
Lassen Sie mich hierzu einige Anmerkungen machen“.

Am 17. 9. 2011 stellte Ihnen die F.A.Z. nach Ablauf des ersten Jahres Ihrer neu angetretenen Aufgabe als Vorsitzender des Zentralrates einige Fragen. Unter anderem auch, ob es ihnen gelungen sei, eine neues „frisches, fröhliches Judentum“ zu zeigen, wie sie dies vor Ihrer Amtsübernahme angekündigt hatten.

Ihre Antwort war:

„Aber ja – und wie sogar! Denn wenn ich sehe, wie unglaublich positiv und kraftvoll sich das neue plurale Judentum in Deutschland entwickelt, ist meine Begeisterung nur ganz schwer zu bremsen.“

Was verstehen Sie, so lautet meine erste Frage, unter „pluralem Judentum“? Pluralismus steht im westlichen Wertekatalog für eine Vielfalt der Meinungen. Ist dieses plurale Judentum nur vielfältig nach innen? Heißt das, es gibt in ihrer Amtsführung eine Vielfalt, aber sie erstreckt sich allein auf die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Judentums?

Sie wissen so gut wie ich, Herr Dr. Graumann, dass Ihre Gemeinschaft nicht homogen ist. Am 10. März 2009 verbrannten orthodoxe Juden in Brooklyn (New York) die israelische Flagge. Ein orthodoxer Jude verlas dazu eine Erklärung:

„By burning the Israeli-Flag we are symbolically declaring that the Israeli State is not representative of the jewish people.“

In der Tat, Herr Dr. Graumann, hier ist ihr Pluralismus gefordert. Aber ist das neue Judentum, das sie verkünden, auch bereit, einen Pluralismus innerhalb der nichtjüdischen Welt anzuerkennen?

„Natürlich“, werden Sie sagen, oder mehr noch: Sie werden diese Frage mit Entrüstung zurückweisen. Der Zentralrat steht für Toleranz und Weltoffenheit, ja für freundschaftliche Beziehungen zu allen Menschen.

Anscheinend findet Ihr Pluralismus in Bezug auf die Piusbruderschaft eine Grenze. Mit der oben zitierten massierten Aufzählung von negativ konnotierten Schlagworten haben Sie klar und unmissverständlich die Grenzen Ihrer eigenen Toleranz abgesteckt.

In diesem Augenblick machen Sie sich zum Gegenpol des Papstes, der 2009 mehr Entgegenkommen gegenüber der Priesterbruderschaft St. Pius X. gefordert hat:

„Mit väterlichem Empfinden gegenüber den Betroffenen hat Papst Benedikt XVI. beschlossen, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe [der Piusbruderschaft] zu überdenken. Mit dieser Maßnahme möchte man die gegenseitigen vertrauensvollen Beziehungen stärken und die Verbindung zwischen der Bruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl festigen.“

Wer ist in diesem Augenblick der von Ihnen geforderten Pluralität der Meinungen näher: Papst Benedikt XVI. oder Sie, Herr Dr. Graumann?

Man könnte jetzt eingehen auf den Schlagwort-Katalog, mit dem Sie den Papst unpassender Weise konfrontierten. Man könnte beispielsweise fragen: Wie „fanatisch“, „fundamentalistisch“ und „antisemitisch“ es ist, wenn orthodoxe Juden – wie eingangs erwähnt – eine Israel-Flagge öffentlich verbrennen?

Doch das wäre zu einfach. Dann würden ich dort enden, wo Sie angefangen haben: Bei den inhaltsleeren Hülsen von Schlagworten, die deswegen so medienwirksam sind, weil sie ohne Reflexion nachgeplappert werden können. Sie haben in dem vorhin erwähnten Interview selber angekündigt, als neuer Vorsitzender des Zentralrates gerade nicht auf diesem Niveau verweilen zu wollen. Ihre Worte waren:

„Das Judentum darf nicht verengt werden auf Formeln wie Schoa plus Antisemitismus. Niemand muss mir sagen, dass diese Themen wichtig sind. Aber wir Juden dürfen uns doch von ihnen nicht dominieren lassen. Wir können nicht in der Vergangenheit und nicht in den uns widerfahrenen Katastrophen leben. Schon gar nicht dürfen diese unsere Identität ausmachen. Wir dürfen uns nicht auf den Status einer Opfergemeinschaft, die wir schon lange nicht mehr sind, reduzieren lassen und schon gar nicht immerzu chronisch melancholisch Trauer zelebrieren.“

Was sind Ihre Worte in der Gegenwart des Papstes anderes, als das gebetsmühlenartig Wiederholen der „Formeln wie Schoah plus Antisemitismus“, wie Sie es selbst ausdrücken? An jenem 22. September im Bundestag sind Sie Ihrem selbst gestellten Anspruch nicht gerecht geworden.

Um also dieser „Formeln“ endgültig zu überwinden frage ich Sie offen: Wie kommen Sie dazu, der Priesterbruderschaft St. Pius X. „Antisemitsmus“ vorzuwerfen?

Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. sich längst klar und unmissverständlich von den Verirrungen des Bischof Williamsons distanziert hat. Sie wissen so gut wie ich, dass Bischof Williamson wegen seiner verletzenden Äußerungen von seinem Amt als Leiter des Priesterseminars in La Reja (Argentinien) abberufen wurde, nicht zuletzt wegen des Schmerzes, den solche Worte all jenen zufügen, welche die sinnlose Verfolgung der Schoah selbst erlebet haben, ihre Nachkommen mit eingeschlossen.

Es ist also nicht glaubwürdig, wenn Sie ob der Äußerungen von Bischof Williamson die Piusbruderschaft als „antisemitisch“ bezeichnen wollten. Dann könnte man, um es in einem Vergleich zu sagen, auch die SPD als „Kinderschänderpartei“ bezeichnen, weil der ehemalige SPD- Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Material rechtskräftig verurteilt wurde.

Nein, das ist es nicht. Wir wollen offen sprechen, Herr Dr. Graumann: Der Stein des Anstoßes ist nicht Williamson; auch nicht der Islam, oder eine an den Haaren herbeigezogene „Frauenfeindlichkeit“, wie Sie dies im Anschluss an Ihr Treffen in der ARD äußerten. Der Stein des Anstoßes ist einzig und allein die Frage: Ist Jesus Christus, der Sohn Mariens, der dem Judenvolk verheißene Erlöser oder nicht.

Schon Ihre Vorgängerin, Charlotte Knobloch, hat versucht, die Diskussion auf diesen Punkt zu bringen:

„Insbesondere die Karfreitagsfürbitte der tridentinischen Liturgie mit der Bitte um die Missionierung und Erleuchtung der Juden stellt für mich eine noch größere Diskriminierung dar als die Äußerungen des Herrn [Bischof ] Williamson.“

Sie wissen so gut wie ich, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X. hier nicht den Vorgaben einer nachkonziliaren „political correctness“ folgt.

Die stillschweigende, nachkonziliare Übereinkunft besteht darin, Jesus Christus wohl als den Erlöser für die Heiden, nicht jedoch für die Juden gelten zu lassen. Für das jüdische Volk gebe es, so lautet die neue Formel, einen „separaten Heilsweg“. Daher sei es nicht statthaft, für die „Bekehrung des jüdischen Volkes“ zu beten, wie dies die katholische Kirche 2000 Jahre lang getan hat, und Papst Benedikt in seiner erneuerten Karfreitagsfürbitte wieder betont.
Dieser selbstauferlegten Umdeutung des Heilsgeschehens können wir aus Gewissensgründen nicht folgen. Im Gegenteil: Wir weisen sie entschieden zurück.

Die Begründung ist klar und besonders für Sie als Juden evident: Es gibt keinen unterschiedlichen Heilsweg für Juden und Nichtjuden, weil Jesus Christus selber seiner Herkunft nach Jude ist.

Der Erlöser, an den wir glauben, ist geboren von einer jüdischen Mutter (Lk 1,26), ist aufgewachsen in einer jüdischen Familie (Mt 2,23), war einem jüdischen Stamme zugehörig (Haus David; Lk 2,4), hat sich an die jüdischen Gesetze gehalten (Lk 2,39), seine Jünger waren Juden (Lk 10,1), seine Kirche wurde zu allererst auferbaut auf Juden, nämlich den zwölf Aposteln (Mt 10,2). Ja, die Verwurzelung war so tief, dass zunächst nur jene Christen als „Vollchristen“ bezeichnet wurden, die zugleich jüdischer Abstammung waren (u.U. sogar beschnitten, vgl. Timotheus) und die Taufe empfangen hatten.

Die Spaltung kam allerdings schon zur Zeit Jesu. Die Oberpriester und Pharisäer waren nicht bereit, das Evangelium des Messias anzunehmen. Es erfüllte sich das Wort des Psalmisten: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden“ (Ps. 117,22). Baruch Rabinowitz fasst es in einem Satz zusammen: „Aus dem biblischen Judentum entstand das rabbinische Judentum“.

Wie kann man widerspruchsfrei behaupten: Es gibt einen jüdischen Messias – Jesus Christus – für die ganze Welt, nur für sein eigenes Volk, das Volk der Juden, sei er ohne jede Bedeutung? Wenn Jesus der Messias ist, dann ist er es gerade und besonders für das jüdische Volk, denn das ist das Volk seiner Herkunft.

Trotz ihrer, unserer Meinung nach, gehässigen Äußerungen anlässlich des Papstbesuches, steht die Priesterbruderschaft St. Pius X. nach wie vor voll und ganz zu den Worten des heiligen Paulus, der selber Jude war:

„Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie [die Juden], dass sie gerettet werden.“ (Röm 10,1)

Ja, Herr Graumann, die Bischöfe und Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X. haben eine Sehnsucht danach, dass auch das jüdische Volk Christus anerkennt als den „baruch ha ba’a b’schem haschem“ (Ps 117,26), den „Gepriesenen, der kommt im Namen des Herrn“. Diese Worte werden im lateinischen Messopfer nach dem dreimaligen Sanctus gebetet.

Im Namen Jesu gibt es keine Gewalt, wie dies Kirchenhasser unserer modernen Gesellschaft immer wieder zu behaupten suchen. Die ersten Christen haben ihren Glauben ausgebreitet, nicht weil sie Gewalt angewendet, sondern weil sie Gewalt in Liebe ertragen haben. Zu hunderttausenden wurden sie in den Arenen des römischen Imperiums getötet, während ein vom Blutrausch angestacheltes Volk grölte. Sie haben es ertragen, weil unser Messias ein gekreuzigter Messias ist.

Vielleicht lächeln sie über diesen gekreuzigten Messias, wie der bekannte jüdische Schriftsteller Heinrich Heine in seiner Dichtung „Deutschland. Ein Wintermärchen“, als er bei Paderborn ein Kreuz erblickt:

„Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal Dein Anblick, mein armer Vetter, der Du die Welt erlösen gewollt, Du Narr, du Menschheitsretter!“

Was Heine an dieser Stelle – vielleicht ungewollt – bestätigt, ist heute aufs Neue die Stärke unserer Religion. In einer Zeit, da falsche Religionen weltweiten Terror verbreiten, da man sich erdreistet, Terror und Gewalt sogar in den christlichen Glauben zu projizieren, wie unlängst bei den Anschlägen in Norwegen, steht diese Aussage wie ein leuchtender Stern am Himmel: Christus hat im Gegensatz zu allen anderen Weltanschauungen die gewaltlose Bereitschaft gefordert, für die Wahrheit einzustehen. Also nicht „töten um des Glaubens willen“, sondern leiden um des Glaubens willen, wenn es sein muss unter Hingabe des eigenen Lebens. Das ist die eigentliche Symbolik des Kreuzes und die Lehre des Christentums.

Der Sohn Gottes mag am Kreuz machtlos erscheinen, seine Wahrheit aber ist voller Kraft und gleichzeitig Vorraussetzung für das Wirken des Heiligen Geistes. Das bringt den wahren Frieden auf Erden, nicht eine sich ewig wiederholende Gewaltspirale von „heiligem Krieg“ und „Vergeltungsschlag“, wie dies heute im Land Ihrer Väter praktiziert wird.

So will ich angesichts der von Ihnen öffentlich zitierten Schlagworte nicht aufs Neue Gräben des Hasses ausheben, sondern die Lösung zum Frieden auch und gerade für das Land der Verheißung zitieren, die aus dem Lukas-Evangelium stammt:

„Als Jesus die Stadt [Jeruschalaim] sah, weinte er und sprach: ‚Wenn doch auch du erkannt hättest, was dir zum Frieden dient“ (Lk 19,41).

Ich möchte schließen mit der Reminiszenz an die heilige, jüdische Ordensschwester, Dr. Edith Stein – Sr. Theresia Benedicta a Cruce. Das Schicksal dieser Frau ist zudem die Antwort auf Ihre völlig falsche Beurteilung von Pius XII, dessen Seligsprechung Sie in Ihrer Rede ablehnen.
Ihr Tod in Auschwitz ist der schmerzliche Beweis dafür, dass das Schweigen von Papst Pius XII. vielen Hundertausenden von Juden das Leben gerettet hat. Edith Stein wurde am 2. August 1942 aus dem Karmel von Echt (NL) deportiert als Racheakt auf ein offizielles Hirtenschreiben der holländischen Bischöfe. Pius XII. wusste, dass die Klöster in und um Rom zum Bersten gefüllt waren mit Juden, die man dort versteckte, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Was die holländischen Bischöfe durch ihr unkluges Schreiben verursacht haben, hat Pius XII. durch seine Klugheit verhindert: Jede Provokation hätte die Deportation aller „nichtarischen“ Klosterinsassen und damit den sicheren Tod für tausender Ihrer Vorfahren bedeutet. Die Kirche hat – das zu Ihrem geschichtsverfälschenden Vorwurf des „Schweigens“– bereits in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ unter Pius XI. den Nationalsozialismus verurteilt, zu einer Zeit also, da England und andere europäische Länder noch mit Hitler paktierten.

Es war am letzten Tag vor ihrem Ordenseintritt in den Karmel. Es war Ediths Geburtstag und zugleich jüdischer Festtag, der Abschluss de Laubhüttenfestes. Auf dem fast einstündigen Heimweg von der Synagoge versucht die Mutter vergeblich, Edith Stein von ihrer Berufung als Ordensschwester zurückzuhalten. Die Worte dieser alten Frau bringen die gesamte theologische Auseinandersetzung auf einen Punkt:

„Warum hast du es [den katholischen Glauben] kennengelernt. Ich will nichts gegen ihn [Jesus Christus] sagen, er mag ein sehr guter Mensch gewesen sein. Aber warum hat er sich zu Gott gemacht?“

Wegen ihrer jüdischen Herkunft wird Sr. Maria Benedicta neun Jahre später von der Gestapo verhaftet. In einem Brief an ihre Ordensoberin schreibt sie:

„Bitte erlauben [Sie] mir, mich dem Herzen Jesu als Sühnopfer für den wahren Frieden anzubieten: Dass die Herrschaft des Antichristen wenn möglich ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann“.

Mögen die Worte dieser heiligen Ordensfrau in Erfüllung gehen.

Pater Franz Schmidberger, Stuttgart

Quelle: kath.net

Willkommen, Benedikt!

Nun ist es also soweit. Der Papst ist in Deutschland. Zuerst einmal ein „Herzlich Willkommen!“ an den Heiligen Vater von diesem Blog aus!

In den nächsten Tagen werde ich hier vor allem Themen im Zusammenhang mit dem Papstbesuch behandeln. Geplant sind derzeit Artikel über die Papstrede im Bundestag, über die radikale Katholophobie in der deutschen Bevölkerung und besonders der politisch-medialen Elite, und über das bei diesem Papstbesuch im Vordergrund stehende Thema der Ökumene. Weitere Beiträge werden folgen, so sie denn von aktuellen Entwicklungen notwendig gemacht werden.