Ein Fall für interreligiöse Solidarität

Das Landgericht Köln hat kürzlich ein Urteil gefällt, demzufolge die Beschneidung von jüdischen Jungen als Körperverletzung zu gelten habe und zudem die religiöse Selbstbestimmung der Beschnittenen verletzt worden sei. Kath.net berichtet über dieses Urteil und fasst auch einige der Reaktionen verschiedener Religionsgemeinschaften, darunter Juden, Christen und Muslime, zusammen.

Wir haben hier wieder einmal einen typischen Fall, bei dem ein angebliches, totalisiertes Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen nicht nur über die Religionsfreiheit der Eltern und ihr legitimes, in der Verfassung verankertes Erziehungsrecht gestellt wird, sondern auch noch zur Grundlage der Kriminalisierung eines Initiationsritus einer der großen Weltreligionen verwendet wird.

„Religionsfreiheit“

Regelmäßige Leser des Blogs werden sich entsinnen, dass der Autor sehr wenig von der liberalen Religionsfreiheit hält, und selbst ihre abgeschwächte und qualifizierte Version, wie sie das II. Vatikanische Konzil zu unterstützen scheint, durchaus kritisch sieht. Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass die Religionsfreiheit, also das Recht, seine Religion auch öffentlich auszuleben, ein Naturrecht ist. Es kann also legitim sein, wenn es dafür gute Gründe gibt, die Ausübung bestimmter religiöser Präferenzen zu untersagen und sogar staatlich zu bestrafen. Dies ist jenseits aller radikalen Freiheitsrhetorik auch vollkommen unstrittig. Natürlich muss die Polizei gegen Menschenopfer vorgehen, die etwa von Satanisten durchgeführt werden könnten. Strittig wird das erst, wenn man die Frage stellt, nach welchen Kriterien der Staat bei dieser Beschränkung der Religionsfreiheit vorzugehen hat. Wendet man dies relativistisch, so beschränkt der Staat die Ausübung von Religionen, die sich zu weit von den gesellschaftlichen und kulturellen Normen der Gesellschaft entfernt haben. Dies wird der Vorwand für die zukünftige Verfolgung der katholischen Religion sein.

Wendet man dies im traditionellen Sinne und bezieht es auf die Existenz objektiver Wahrheit, dann landet man bei der traditionellen katholischen Position. Der Staat beschränkt die Ausübung der Religionen, die zu weit von der Wahrheit entfernt sind, und daher durch ihre Irrlehren und falschen Riten das Gemeinwohl der Gesellschaft gefährden.

Doch egal wie man es wendet: Absolute Religionsfreiheit gibt es nicht, kann es nicht geben, wird es nicht geben, und fordert auch überhaupt niemand wirklich.

Die Frage lautet also immer nur: Welche Religionen sollen frei sein? Diejenigen, die sich besonders gut mit dem gerade herrschenden Stimmungsbild der Gesellschaft und ihrer Eliten decken, oder diejenigen, die sich am besten mit der Wahrheit decken?

„Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen“

Ebenso ist auch das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, auf das das Landgericht abhebt, leider ein Mythos. Niemand will, dass der Einzelne immer über alles bestimmen kann. Der Einzelne, der sich für Mord entscheidet, der kann das wohl bestimmen, aber andere bestimmen dann, dass er in Zukunft eingesperrt wird. Niemand hält das für falsch. Die Frage ist also wieder nur: Über welche Handlungen soll der Einzelne bestimmen dürfen?

Wieder stellt sich bloß die Frage nach dem Kriterium für die Beschränkung dieses vorgeblichen „Selbstbestimmungsrechts“. Der moderne Relativist wird nur die Standards der Kultur, der Gesellschaft, oder ihrer Elite angeben können. Was gerade als akzeptabel gilt, das kann jeder tun. Was als inakzeptabel gilt, das wird verfolgt oder verboten. Die Kirche hat traditionell immer den Standard der Wahrheit angelegt. Jeder kann selbst bestimmen, solange er nicht gegen die Wahrheit handelt und dadurch das Gemeinwohl der Gesellschaft, das in dieser Wahrheit verankert ist, gefährdet.

Doch ob man relativistische oder christliche Kriterien anlegt – es bleibt dabei, dass niemand ein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen auch nur ernsthaft fordert. Alle sind sich einig, dass es Grenzen geben muss. Die Frage ist nur, wo sie verlaufen sollen.

Das Erziehungsrecht der Eltern

Das Erziehungsrecht der Eltern ist in der heutigen Kultur nicht gerade hoch angesehen. Eltern können ihre Kinder aus vollkommen trivialen Gründen verlieren, oder von staatlichen Institutionen so stark in ihrer Tätigkeit behindert werden, dass sie über das Kind gar nicht mehr wirklich selbst entscheiden können. Spätestens ab dem sechsten Schuljahr werden die Kinder in die staatliche Indoktrinationsanstalt namens Schule eingewiesen – Eltern werden ihre natürlichen Rechte an ihren Kindern genommen oder so stark beschnitten, dass man sie kaum noch als solche zu erkennen vermag.

Diese Art Beschneidung scheint das Landgericht nicht schlimm zu finden.

Die Entscheidung des Landgerichts ist allerdings vollauf verständlich, wenn man die heute geltenden Standards der modernen westlichen Welt anlegt. Die „körperliche Unversehrtheit“ des Kindes ist auf eine geradezu perverse Weise von Jugendbürokraten zum Fetisch erhoben worden, dass es ausreicht, wenn Kinder übergewichtig sind, oder die Eltern bewährte Erziehungsmethoden wie die Tracht Prügel anwenden, damit der Staatsapparat ihnen ihre Kinder entreißt. Wenn diese „Vergehen“ der Eltern ausreichen, um sie an den Pranger zu stellen und gar strafrechtlich zu belangen, dann nimmt es nicht Wunder, wenn die Beschneidung als „Verstümmelung“ erscheint.

Denn der „versohlte“ Hintern heilt nach ein paar Tagen wieder ganz von allein. Die Beschneidung bleibt. Und dass Eltern, denen man das Recht zur maßvollen Anwendung der Körperstrafe abspricht, auch nicht die Befugnis haben können, ihr Kind zu „verstümmeln“ – dauerhafte Veränderungen an ihm vorzunehmen –  ist so pervers wie folgerichtig.

Das Skandalurteil des offensichtlich in Allmachtsvorstellungen des Staates schwelgenden Landgerichts ist damit Ausdruck eines breiteren gesellschaftlichen Trends zur staatlichen „Verwaltung“ und „Betreuung“ der Kinder auf Kosten des natürlichen Erziehungsrechts der Eltern.

Die Selbstbestimmung in der Religion

Für das Judentum ist das jüdische Volk mit der jüdischen Religion eng verbunden. Ein Volk besteht aus vielen Generationen, in denen eine gemeinsame Tradition von Eltern zu Kindern immer weitergetragen wird. Das jüdische Volk trägt seit Jahrtausenden seine Traditionen auf diese Weise immer weiter, von Generation zu Generation. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr beschneiden dürfen, dann verbietet ein tyrannisch agierender Staat den jüdischen Eltern die Weitergabe der Zugehörigkeit zu dem Volk, das nach jüdischer Auffassung das Bundesvolk Gottes ist. Die Beschneidung als sichtbares und wirksames Zeichen dieses Bundes ist daher ein notwendiger Teil des Judentums. Eltern, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen, verstoßen gegen ein höheres, nämlich religiöses, Gesetz. Kein Staat kann dazu verpflichten – die Eltern hätten die subjektive religiöse Pflicht des Ungehorsams gegen ungerechte weltliche Autoritäten.

Die Beschneidung entscheidet im übrigen nicht, ob ein Beschnittener später auch dem jüdischen Glauben anhängt. Das kann er schon weiterhin frei entscheiden. Nur, beschnitten bleibt er natürlich immer. Wir haben hier eine offensichtliche Parallele zur Taufe: Der Getaufte kann nicht entscheiden, ob er getrauft wird. Meist geschieht das ja in ganz jungem Alter. Er kann zwar später aus der Kirche austreten, doch er bleibt für den Rest seines Lebens getauft, er bleibt mit dem Zeichen der Taufe bezeichnet, oder sollte man sagen, gezeichnet.

Das Landgericht müsste nach dem modernen Verständnis der Religionsfreiheit mit demselben Recht also auch gegen die sakramentale Taufe aus Gründen der „religiösen Selbstbestimmung“ vorgehen können, wie es die Juden mit ihrer Beschneidungsvorschrift jetzt erfahren müssen.

Antisemitismus oder Imperialindividualismus?

Ich bin mit dem Vorwurf des Antisemitismus immer sehr vorsichtig. Und auch hier scheint er mir nicht angemessen. Das Urteil ist zwar falsch und sogar skandalös, aber es lässt nicht auf Antisemitismus oder Antijudaismus schließen. Das mag zwar vielleicht auch im Spiel sein, doch es scheint mir von nachrangiger Bedeutung. Das Urteil speist sich aus der üblichen Abneigung gegen das natürliche Erziehungsrecht der Eltern, wie sie unter Sozialisten grüner, roter, brauner und jeder anderen Färbung verbreitet ist. Hinzu kommt eine damit verwandte hysterische Übertreibung der Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen. Der Einzelne ist eben nicht nur Einzelner, sondern als Person immer schon Teil einer, auch hierarchischen, auch autoritären Gemeinschaft von Personen. Er ist kein leeres, unbeschriebenes Blatt, das sich langsam selbst beschreibt, sondern immer bereits vorgeprägt durch seine Bindungen.

Und ebenso ist der jüdische Junge eben immer schon vorgeprägt durch seine Beschneidung, wie das christliche Kind immer schon durch das Zeichen der Taufe vorgeprägt ist. Wenn das eine gegen die Selbstbestimmung verstößt, dann tut es auch das andere.

Ein Fall für interreligiöse Solidarität

Hier haben wir die klassische Situation, in der Zusammenarbeit zwischen den Religionen über alle Glaubensdifferenzen hinweg wirklich sinnvoll ist. Alle Christen und alle Menschen anderer Religionsgruppen sollten an dieser Stelle wie ein Mann hinter den jüdischen Mitmenschen stehen, die nun durch exzessive, tyrannisch eingesetzte staatliche Gewalt wieder einmal an die Wand gedrängt und womöglich gar kriminalisiert werden sollen. Es ist dies ein Vorgeschmack dessen, was allen ernsthaft religiösen Menschen droht, wenn sie sich der Woge des Säkularismus nicht entschlossen entgegenstellen. Sie holten die Juden, doch es störte mich nicht, weil ich kein Jude war. Sie holten die Salafisten, doch es störte mich nicht, weil ich kein Salafist war.

Und am Ende holten sie uns Christen, und es war niemand mehr da, der sich daran hätte stören können.

In diesem Sinne: Solidarität mit den Anhängern der falschen Religion des Judentums!

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„Soziale Gerechtigkeit“ als Irrweg

Alexander Kissler schreibt in gewohnt hoher Qualität im Vatican-Magazin über die „Innere Verzwergung“ des modernen Westmenschen. Der Artikel ist online einsehbar, und es lohnt sich wirklich ihn in Gänze zu lesen. Hier wie üblich einige (längere) Auszüge mit eingestreuten Kommentaren in roter Schrift von Catocon:

Manchmal ist alles furchtbar leicht, wollen alle das Beste, das wunderbarerweise Dasselbe ist (es ist dies die gutmenschliche Ursuppe), planetarische Glückseligkeit (die gefährlichste Idee seit der Schlange) breitet sich aus: Wer ist denn nicht für Nächstenliebe und Solidarität und gegen soziale Ungleichheit? Sahra Wagenknecht mag da ebenso wenig abseits stehen wie geschätzte 95 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Weil dem so ist, warb die atheistische Kommunistin auf dem „Katholikentag“ des Zentralkomitees für eine engere Zusammenarbeit von Kirche und „Linkspartei“. Jeder, der die gesellschaftliche Gerechtigkeit stärken will, sei herzlich eingeladen, sich bei der „Linkspartei“ zu engagieren. (Aber was ist diese „gesellschaftliche“ oder „soziale“ Gerechtigkeit? Kissler zerlegt diesen Gedanken gleich.)
Jesus aber war nicht nur, wie das Buch eines evangelischen Theologen klarstellt, „kein Vegetarier“. Er war ebenso gewiss kein Kommunist. (Das könnte man aber aus der durchschnittlichen Verkündigung im evangelischen und selbst im katholischen Bereich nicht ersehen. Ich kann nur immer wieder bis zum Erbrechen auf Divini Redemptoris für das perfekte Gegenbeispiel verweisen.) Gerade wurde eine Streitschrift mit dem Titel „Jesus, der Kapitalist“ angekündigt. (Ein Kapitalist war Jesus aber auch nicht. Diese Kategorie existierte zur Zeiten des irdischen Lebens Jesu überhaupt gar nicht.) Der Unterschied zwischen den sozialistischen Gerechtigkeitsphantasien und dem christlichen Gerechtigkeitsimperativ ist gravierend. (Das ist richtig. Ebenso ist der Unterschied zwischen den kapitalistischen Effizienzphantasien und dem christlichen Gerechtigkeitsimperativ gravierend. Keine der einfachen, typisch modernen Ideologien vermag die Tiefe christlichen Denkens darzustellen. Deswegen ist die katholische Soziallehre auch weder kapitalistisch noch sozialistisch. Sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus sind innerweltliche Ideologien.) Er passt in kein Weihrauchgefäß. Wenn Sozialisten und die vereinigte Sozialdemokratie aus SPD, CDU, Grünen von Gerechtigkeit reden und Solidarität, dann denken sie an den Staat. Er soll weiter wachsen, damit er Gerechtigkeit zuteile und Solidarität verwalte. Der feiste Hegemon – ein Garfield in Bürokratengestalt – soll den Bürger der Sorge um den Mitbürger entheben, indem er allen die Taschen leert. Vor Gott und dem Staat soll jedes Menschenwesen gleich bedürftig erscheinen. (Nicht „vor Gott und dem Staat“. Da unterstellt man eine Dualität, die so im wesentlich atheistischen Sozialdemokratismus nicht existiert. Gott wird geleugnet und deswegen rückt der Staat bei den Sozialisten an seine Stelle. Dasselbe machen Kapitalisten der Tendenz nach mit dem „Markt“.)
Biblisch ist das nicht, christlich nicht, katholisch nicht; wenngleich vom allgemeinen Staatstaumel längst führende Kreise der Kirche infiziert sind – die Diözese Rottenburg-Stuttgart (unter Bischof Fürst, dem Fürsten des Modernismus) und ihr Caritasverband etwa, die beide ins selbe Horn blasen, wenn sie das Betreuungsgeld ablehnen (sie sind halt modern. Heute kann man es von der Mutter nicht mehr verlangen, dass sie sich um ihre Kinder kümmert. Und vom Vater nicht mehr, dass er sich um seine Familie – inklusive Mutter und Kindern – kümmert. Schließlich herrscht die individuelle Autonomie, auch bekannt als „imperialer Egoismus“. Das Problem des Betreuungsgeldes ist, dass nur scheinbar Abhilfe schafft, solange es mit einer weit höheren staatlichen Förderung von Kinderverwahranstalten kombiniert wird.), die staatliche „Kleinkindbetreuung“ preisen, die „Kita“ selig sprechen und das elterliche Erziehungsrecht gering achten. (Genau das ist die christliche Alternative. Die ELTERN, nicht der STAAT, haben das erste und ursprüngliche Erziehungsrecht für ihre Kinder. Solange sie ihnen keinen schweren, nachweisbaren körperlichen Schaden zufügen, ist es die Sache der ELTERN, nicht des STAATES, für die Kinder zu sorgen.) „Der Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige ist ohne Alternative“ , ließen Bistum und Caritas verlauten. (Falsch. Die Alternative wäre die christliche Soziallehre mit ihrer bei allen Modernisten unpopulären Lehre von der natürlichen Familie. Doch die verträgt sich leider nicht mit dem Karrierefetischismus des Feministen und der raubtierhaften Gier, die das Verhältnis des modernen Menschen zum Konsum so treffend beschreibt.) So redet, wer dem Staat neue Untertanen zutreiben will und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen nicht so recht über den Weg traut. (Weil es nach Ansicht der Ideologie keinen Gott gibt. Und die „katholischen“ FunktionärInnen übernehmen die wesentlichen Teile dieser Ideologie unhinterfragt. Wo ist die Ideologiekritik, wenn wir sie brauchen?)
Was nämlich kam durch das Christentum einst in die Welt? Der Soziologe Franz Kromka erinnert an eine fast vergessene Wahrheit: „Im Gegensatz zu anderen Religionen rückt das Christentum das Individuum mit seiner unsterblichen und nach ihrem Heil strebenden Seele in den Mittelpunkt. (In gewisser Weise meint der Soziologe das Richtige. Das ist bei Soziologen schon selten genug. Doch eigentlich ist nicht das Individuum, das heißt der Einzelne, sofern er Einzelner ist, sondern die Person, das heißt der Einzelne, sofern er in Gemeinschaft mit anderen Personen ist, Zentrum der christlichen Lehre vom Menschen in der Gesellschaft. Die Heilsperspektive ist individuell, aber sie ist nicht, wie der moderne Individualist es vielleicht verstehen würde, unabhängig von anderen. Wir gehen in der kirchlichen Gemeinschaft als Einzelne auf das Heil zu, Doch vielleicht langweilen diese Distinktionen meine Leser – ich halte sie für wichtig, weil eine individualistische Lesart des Christentums ebenso falsch wäre wie die heute verbreitete kollektivistische Interpretation.) Die Person (genau. Die Person. Also der Einzelne insofern er in Gemeinschaft ist oder zumindest sein kann.) existiert vor dem Staat und der universale Gott mit seiner Gerechtigkeit und vor allem Barmherzigkeit über dem Staat.“ Die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft sahen genau aus diesem Grund Christentum, Freiheit und Markt schicksalshaft aufeinander bezogen. Für Wilhelm Röpke (ein selten vernünftiger Ökonom. Normalerweise ist Ökonomie keine Wissenschaft, sondern eine Plage. Doch Röpke ist eine seltene Ausnahme.) war bekanntlich der Mensch das Maß der Wirtschaft, das Maß des Menschen aber sein Verhältnis zu Gott. Wo diese Letztverankerung schwindet, so Röpke 1958, entstehe „die geistig-moralische Zwergwuchsrasse, die sich willig, ja freudig, weil erlöst, zum Rohstoff des modernen kollektivistisch-totalitären Massenstaats gebrauchen lässt.“(Dies ist die Schlüsseleinsicht zum Verständnis des modernen politisch-ökonomischen Systems.)
Totalitär wird man unsere bräsige Bundesrepublik nicht nennen wollen. (Was bedeutet denn „totalitär“? Es gibt sicher viele geistreiche Definitionen. Doch in meiner Erfahrung gibt es ein absolut sicheres Kriterium, an dem man freie von totalitären Gesellschaften unterscheiden kann: Totalitär ist eine Gesellschaft dann, wenn alles auf den Staat bezogen ist. Totalitarismus bedeutet in der Praxis: „Alles ist politisch.“ Egal was passiert, immer ist der Staat zuständig, immer handelt er, immer wird er als Retter in allen Lebenslagen behandelt. Totalitarismus bedeutet, dass der Staat als Gottersatz fungiert. Nach diesem Kriterium ist die BRD vielleicht noch nicht totalitär, aber in jedem Fall rapide auf dem Weg dahin. Ein Beispiel ist die Politisierung sportlicher Großereignisse. Ein anderes die Tendenz, dass alle Probleme durch staatliche Eingriffe gelöst werden sollen.) Die Freiheitsräume jedoch des Denkens und Entscheidens schwinden. (Was wohl auch an einem strukturell totalitären Bildungssystem liegt. Die staatlichen Schulen dienen faktisch eher der Indoktrination bzw. Initiation in eine antichristliche Kulturganzheit als der Bildung im eigentlichen Sinn des Wortes.) Die innere Verzwergung (der Individualist steht hilflos vor den komplexen Problemen der Welt und wird dadurch ganz klein. Die Person, eingebunden in die Bindungen von Familie, Gemeinde, Heimat, Vaterland und Kirche, vermag auf ein stärkendes Netzwerk zurückzugreifen, das dem Zugriff des modernen Wohlstandsnomaden aufgrund seiner hochgelobten Flexibilität – zu deutsch: Bindungsunfähigkeit – entzogen ist.) schreitet voran. Das Individuum gilt als Problem, weil es das reibungslose Funktionieren technischer oder staatlicher „Prozesse“ behindere. (Ich weise noch einmal auf die oben getroffene haarspalterische Unterscheidung zwischen Individuum und Person hin. Kissler meint das Richtige, doch er ist missverständlich. Viele werden dies lesen und sich denken, der Individualist sei die richtige Alternative zum Kollektivisten. Doch das ist nicht wahr. Der Individualist ist eine moderne Erfindung und hat mehr zum Entstehen des heutigen Kollektivismus beigetragen als jeder andere historische Charakter. Was den Individualisten fehlt ist die Rückbindung des Einzelnen an die schützenden und stützenden Gemeinschaften von Familie, Gemeinde, Heimat, Vaterland und Kirche, diese konzentrischen Kreise der charakterlichen Ausbildung.) Der Staat soll alles richten und richtet über den Menschen.Das Leben wird zum fortwährenden Tribunal. (Hier sieht man wieder die Vergötterung des Staates. Nicht mehr Gott ist der Richter, sondern der Staat.) Das freiwillige Geben hingegen, die konkrete Hilfe von Aug‘ zu Aug‘ schärfte Jesus seinen Jüngern ein. (In der katholischen Soziallehre ist Solidarität immer freiwillig. Solidarität hat nichts mit staatlicher Zwangsgewalt zu tun. Wenn man jemanden zwingt, dem Armen zu geben, dann übt er keine Solidarität, sondern bestenfalls Gehorsam gegen die legitime staatliche Autorität.)
Der Samariter beugte sich herab und wurde so zum Nächsten. Wäre er ein Deutscher unserer Tage, er hielte eine mitleidige Rede und gäbe dem Überfallenen den Ratschlag, sich doch an das nächste Staatskrankenhaus zu wenden. Auf dem Weg dorthin aber wäre er verblutet. (Aber er hätte wenigstens eine Krankenversicherung gehabt…!)

Alexander Kissler zerlegt den Mythos von der angeblichen Kompatibilität moderner Vorstellungen von „sozialer Gerechtigkeit“ mit der christlichen Soziallehre wie gewohnt gründlich und überzeugend. Das bedeutet nun nicht, dass jegliches staatliches Sozialsystem grundsätzlich abzulehnen wäre. Aber es bedeutet, dass die Moralkeule von Links nicht funktioniert. Man ist kein schlechter Christ, wenn man gegen mehr staatliche Einmischung im Sozialsystem ist.

Einen Schwachpunkt hat Kisslers Darstellung allerdings: Sie lobt immer wieder das Individuum als Alternative zum staatlichen Kollektiv. Im Laufe des Artikels wies ich immer wieder auf den Unterschied zwischen dem Menschen als Individuum und dem Menschen als Person hin. Spaemann macht diese Unterschiede an sehr vielen Stellen seiner Schriften sehr deutlich. Die Person ist immer schon Teil einer Gemeinschaft, in der sie ihnen bestimmten eigenen Platz hat. Die Person hat Wurzeln in der Vergangenheit, Bindungen in der Gegenwart und einen Platz in der Erinnerung seiner Nachkommen in der Zukunft. Der Mensch ist als Person Teil einer Gemeinschaft, die kein Kollektiv ist. Ein Kollektiv zeichnet sich durch die Anonymität seiner Mitglieder und ihre Austauschbarkeit aus. Da kein Mensch ganz allein durch die Welt geht, der Individualist aber die Bindungen der Person als „Fesseln“ abzustreifen wünscht, wird er Teil eines Kollektivs, das keine Gemeinschaft mehr ist.

Kissler meint vermutlich dasselbe wie ich, doch in seinem Beitrag kommt der Eindruck an, als ob der Individualist mit seinem kapitalistischen Markt die gewünschte Alternative zum Kollektivisten sei. In Wirklichkeit sind Individualismus und Kollektivismus nur scheinbar Gegensätze – sie bedingen einander. Der Individualist ist Teil eines Kollektivs und ein Kollektiv besteht aus unterdrückten, ins System eingezwängten Individualisten.

Frei ist der Mensch allein als Person, das heißt als Ebenbild Gottes in einer Gemeinschaft mit anderen Personen.