Salus animarum suprema lex…

Das Heil der Seelen ist das höchste Gesetz der Kirche. Wenn also eine von der Kirche in ihrer Weisheit festgelegte Bestimmung in irgendeinem konkreten Fall dazu führt, dass das Heil menschlicher Seelen in Gefahr gerät, so gilt immer dieses höhere Gesetz. Das Seelenheil steht über allen partikularen rechtlichen Vorschriften. Wir sprechen hier nicht vom göttlichen, sondern vom menschlichen Gesetz, speziell vom kirchlichen Gesetz.

Es ist unbestritten, dass die Piusbruderschaft mindestens durch die Bischofsweihen von 1988 gegen den Buchstaben des Kirchenrechts verstoßen hat. Die Strafe, die sich dem Buchstaben des Gesetzes folgend die an der unerlaubten Weihe beteiligten Personen zugezogen haben, ist seit 2009 aufgehoben, doch das Faktum der unerlaubten Weihe bleibt bestehen. Nun wird, wie meine Leser sicher wissen, von seiten der Piusbruderschaft argumentiert, der Buchstabe des Gesetzes habe in diesem Fall jenem höheren Gesetz weichen müssen. Wie auch immer es damit aussehen mag – darum soll es mir gar nicht gehen. Aber festzuhalten ist, dass man bei der Piusbruderschaft absolut verlässlich die gesunde katholische Lehre zu hören bekommt, an einer zweifellos gültigen und ehrfürchtig zelebrierten Messe teilnehmen kann, die die unverfälschte katholische Theologie des Messopfers klar zum Ausdruck bringt. Und dass die dort zu empfangenden Sakramente derzeit unerlaubt gespendet werden, hat mit der irregulären kirchenrechtlichen Situation zu tun, die, wenn der Heilige Vater es wünscht, einfach dadurch gelöst werden kann, dass er die Bruderschaft ohne weitere Bedingungen regularisiert.

Entsprechend sind auch die Früchte, die die Bruderschaft hervorgebracht hat. Sie wächst, ihre Seminare sind voll, und der heftige Widerstand, der ihr in der „Welt“ entgegengebracht wird, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass hier tatsächlich der Heilige Geist am Werk ist. Die Piusbruderschaft ist ein einziges Zeichen des Widerspruchs in unserer Welt. Deswegen ist sie so unpopulär. Sie richtet sich nicht an der Welt aus, sondern einzig und allein an der katholischen Wahrheit.

Wie alles Menschenwerk ist sie nicht vollkommen, und oft genug stehen die menschlichen Schwächen, Sünden und Begrenzungen auch bei ihr einer größeren Effektivität in ihrer Mission im Wege. Das ist immer so. Nicht einmal die Heiligen sind hier auf Erden absolut perfekt, und die meisten Menschen sind eben keine Heiligen, selbst wenn sie Heiligkeit ernsthaft als Ziel anstreben. Über diese menschlichen Schwächen müssen wir also immer hinwegsehen. Tun wir das, dann finden wir bei der Piusbruderschaft die unverfälschte katholische Lehre vor, die aber immer noch keine reguläre kirchenrechtliche Stellung hat.

Was die Piusbruderschaft derzeit tut, widerspricht dem Buchstaben des Gesetzes.

Und was ist mit denen, die ganz offiziell anerkannt in voller Gemeinschaft mit Rom stehen? Viele von ihnen, darunter die Petrusbruderschaft, die anderen Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, aber auch viele andere Priester und Bischöfe in der ganzen Welt, vollbringen ebenfalls wichtige Werke für das Heil der Seelen und folgen damit auch dem höchsten Gesetz der Kirche, das über dem bloßen Buchstaben steht.

Leider sehen wir auch vielfältige Beispiele für „buchstabentreue“ Kirchenmänner, die sehr wenig Interesse an den Seelen der Menschen zeigen, sondern die Kirche ganz neu aufbrechen wollen, damit eine rein menschliche, weltimmanente Mitmachreligion aus ihr werde, die zwar niemanden mehr erlösen, dafür aber auch keinen mehr aufregen kann. Sie kämpfen nur für die Bewahrung des katholischen Milieus und ihres säkularen Glaubensbekenntnisses, dessen fünf wichtigste Glaubensartikel Alexander Kissler sehr schön aufgeschlüsselt hat. Das Heil der Seelen ist da eher im Weg, verlangt es doch den wahren Glauben, die eine wahre Kirche und, besonders anstößig, auch das ernsthafte Befolgen des Sittengesetzes. Das stört einfach, also wird es ignoriert – oder „aufgebrochen“.

Diese Vorgänge sind alle konform mit dem Buchstaben des Gesetzes, oder falls nicht, stört es zumindest keinen so wirklich. Solange man nicht zu viel Staub aufwirbelt, wie die Ungehorsamsinitiative eines beträchtlichen Teils der österreichischen Pfarrer, passiert gar nichts. Und wenn doch, bekommt man einige milde Hinweise, man möge doch bitte gehorsam sein. Aber Sanktionen gibt es keine.

Das ist leider alltägliche Praxis in der Kirche, die von den Mächten der Unterwelt nicht überwältigt, aber doch zeitweise in arge Bedrängnis gebracht werden kann, wie schon öfters in ihrer langen Geschichte geschehen, und wie auch heute wieder.

Wir haben hier einen ganz interessanten und ganz tragischen Konflikt.

Auf der einen Seite über fünfhundert traditionelle Priester, hunderttausende traditionelle Gläubige weltweit, die den wahren Glauben haben, leben, verkünden, lieben, und für ihn sterben würden, die aber aus formaljuristischen Gründen nicht an der vollen Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater teilhaben, obwohl sie in Wort und Tat den wahren Glauben aufweisen.

Auf der anderen Seite sehr viele lauwarme, modernisierte, angepasste Katholiken, von denen die meisten gar nicht mehr in die Kirche gehen und sicher keinen katholischen Glauben mehr haben, geführt von hauptsächlich an der Bewahrung weltlichen Ansehens und des kulturellen Milieus interessierten Hirten, die aber aus formaljuristischen Gründen in voller Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater stehen, obwohl sie kaum weiter von ihm entfernt sein könnten. Und überall dazwischen einige Katholiken, unter ihnen Laien, Priester und Bischöfe, die sich gegen dieses drückende säkularisierte Milieu eines glaubensfreien, konventionellen Kulturchristentums wehren, aber mit ihren Mitstreitern im Geiste nicht vereint werden können, weil der Graben der formaljuristischen „vollen Gemeinschaft mit Rom“ sie trennt, obwohl der Glaube sie vereint.

Die einzige Lösung ist in dieser Situation, das Problem mit der „vollen Gemeinschaft“ aufzubrechen, indem die Kirche erklärt, dass mindestens jeder getaufte und gefirmte Christ, der den ganzen, unverkürzten, wahren katholischen Glauben hat, in dieser ominösen „vollen Gemeinschaft“ zu finden ist, und zwar unabhängig davon, ob er die pastoralen Richtlinien des Pastoralkonzils der 60er-Jahre für besonders zielführend hält.

Wenn wir erst einmal an diesem Punkt angekommen wären, dann wäre schon viel gewonnen.

Es ist eine sehr effektive Strategie, den Gegner erst aufzuspalten, und dann jede Kompanie einzeln zu besiegen. Das hat die Spaltung der traditionellen Katholiken entlang der Trennlinie der „vollen Gemeinschaft“ wieder einmal gezeigt. Die Modernisten tanzen auf den Tischen, weil die traditionstreuen Katholiken zu sehr mit unsinnigen Bruderkämpfen beschäftigt sind, um sich vereint dem wirklichen Gegner in den Weg zu stellen.

Das, so steht jedenfalls fest, ist für das Heil der Seelen sehr schlecht, und steht daher in eklatantem Widerspruch zum höchsten Gesetz der Kirche.

Bereits jetzt kursieren Gerüchte, dass Kardinal Ranjith sein Priesterseminar nach einer möglichen Einigung der Piusbruderschaft übergeben möchte, um die Qualität der Ausbildung zu steigern. In Deutschland wäre so etwas zwar noch nicht denkbar, aber wir sehen an diesem einen Beispiel, was alles möglich wäre, wenn die traditionell gesinnten Kräfte innerhalb der Kirche endlich an einem Strang ziehen würden.

Das wäre, so steht ebenfalls fest, für das Heil der Seelen sehr gut.

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Zum internen Streit in der Piusbruderschaft

Angesichts der nahenden Entscheidung in den Verhandlungen zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan über eine mögliche kirchenrechtliche Einigung brodelt es innerhalb der Bruderschaft. Auf der einen Seite stehen neben dem Generaloberen Bischof Fellay auch einige Distriktobere, darunter Pater Schmidberger. Sie haben in den letzten Wochen mehrfach versucht, die Piusbrüder auf sich womöglich wandelnde Umstände vorzubereiten, namentlich eine reguläre kirchenrechtliche Stellung mit allem was dazugehört.

Andererseits gibt es, wie erwartet, auch Widerstände innerhalb der Bruderschaft, und sie scheinen heftiger als ich zu hoffen gewagt hatte. Die in solchen Fragen immer gut informierte traditionell katholische Website Rorate Caeli hat ausführlich über die Thematik berichtet.

Katholisches.info spricht von „letzten Sabotageversuchen“ angesichts einer bevorstehenden Einigung mit Rom.

Anlass der erneuten Spekulationen um das Ausmaß des Widerstands gegen eine Einigung mit Rom war ein privater Briefwechsel zwischen den Bischöfen de Galarreta, Tissier de Mallerais und Williamson auf der einen Seite und dem Generalhaus der Bruderschaft auf der anderen Seite. Dieser Briefwechsel hatte auf bisher ungeklärten Kanälen den Weg in die Öffentlichkeit gefunden, obgleich er nicht für ihre Augen bestimmt war. Man kann Vermutungen über den Ursprung des Lecks anstellen, doch mangels handfester Beweise sehe ich keinen Sinn darin. Fellay wirbt seit einiger Zeit für die von ihm vorsichtig befürwortete Einigung, die drei anderen Bischöfe haben schwere Bedenken, die sie in dem vertraulichen Schreiben auch zum Ausdruck bringen.

Doch bevor man jetzt, je nach der persönlichen Meinung, die man von der FSSPX hat, entweder über ihre mögliche Spaltung jubiliert oder dieselbe bedauert, sollten weitere Aspekte Berücksichtigung finden, die zu einer anderen Einschätzung der Lage führen könnten:

1. Ich habe das höchst kritische Schreiben der drei anderen Bischöfe gelesen. (Ich werde es hier nicht zitieren, da es entweder vertraulich gedacht war, oder zur Sabotage der Einigungsbestrebungen diente – und daher in jedem Fall keine weitere Publikation verdient) Es ist zwar scharf in der Sache, bleibt aber sachlich. Dies muss man eingestehen, selbst wenn man Inhalt und Stoßrichtung nicht teilt. Dasselbe gilt auch für das Antwortschreiben von Bischof Fellay.

2. Sollten sich Piusbruderschaft und Rom tatsächlich auf ein praktisches Abkommen einigen, das der Bruderschaft Handlungsfreiheit hinsichtlich der Fortführung ihres bisherigen Werkes ohne inhaltliche Abstriche gewährt, wäre dies sowohl für manche Piusbrüder als auch – besonders – für die innerkirchlichen Modernisten ein schwerer Schlag. Für die einen ist Rom bloß modernistisch und daher unberührbar. Für die anderen – die innerkirchlichen Modernisten – sind die Piusbruder bloß traditionalistisch, aber ebenso unberührbar. Einig sind sie sich nur in ihrer fanatischen Ablehnung jeder Annäherung zwischen Rom und Ecône. Im Gegensatz zu dieser unwahrscheinlichen Allianz stehen sowohl Bischof Fellay als auch Papst Benedikt. Ihnen gebührt daher unsere Unterstützung und, abermals, unser Gebet in diesen entscheidenden Tagen und Wochen.

3. Die Piusbruderschaft leistet für die Kirche bereits heute einen unschätzbaren Dienst, und hat dies in den letzten Jahrzehnten immer getan. Man kann ihr sicher vieles vorwerfen, aber sie hat die traditionelle Messe immer hochgehalten, als sie praktisch in die Wüste geschickt worden war, und dasselbe gilt auch für den traditionellen Glauben, als er mindestens in der Praxis inakzeptabel geworden war. Diesen Dienst braucht die Kirche auch weiterhin. Mit einer schweigenden, ruhigen, stillen, nicht mehr provozierend die Irrtümer der Modernisten aufzeigenden Piusbruderschaft wäre niemandem geholfen, und sei sie auch noch so sehr in voller Einheit mit Rom. Doch wenn die Bruderschaft ihre berechtigte Kritik weiter äußern, ihren Dienst ungehindert fortsetzen kann, dann ist es für alle Beteiligten weitaus besser, wenn dies im Rahmen einer kirchenrechtlichen Struktur geschieht, die der Bruderschaft eine reguläre Stellung innerhalb der Kirche verleiht.

4. Das kirchenrechtliche Zwielicht, in dem die FSSPX seit langer Zeit steht, hat in einer schweren Zeit für die Gesamtkirche die Bewahrung großer katholischer Schätze ermöglicht, auf die man heute zurückgreifen kann. Angesichts der weit verbreitenden Apostasie kann man zumindest annehmen, dass die an den illegalen Bischofsweihen beteiligten Personen, allen voran Erzbischof Lefebvre, in gutem Glauben gehandelt haben, und dass es gute Gründe für die Annahme eines Notstands gab, und sie damit subjektiv gerechtfertigt oder zumindest entschuldigt waren. Doch wenn der Papst ihnen jetzt die Hand reicht, und sie wieder vollständig ins Boot holen möchte, und wenn er von ihnen nicht verlangt, in Zukunft von ihrer Konzilskritik abzusehen, wie könnte man diese ausgestreckte Hand dann zurückweisen? Deutet nicht der Widerstand dreier Bischöfe gegen eine mögliche Einigung darauf hin, dass sie mit Rom dauerhaft gebrochen und sich zumindest faktisch dem Sedisvakantismus zugewandt haben?

5. Es mag sein, dass das so ist, doch man muss auch ein gewisses Verständnis für die Haltung der drei skeptischen Bischöfe aufbringen. Sie haben sich, soweit wir wissen, in einem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Schreiben geäußert. Selbst Bischof Williamson, sonst nicht nur für aberwitzige Konspirationstheorien, sondern auch für ein sehr loses Mundwerk bekannt, war in seinen öffentlichen Äußerungen bisher für seine Verhältnisse zurückhaltend. Bevor man einem wichtigen Abkommen seinen Segen erteilt, muss man es prüfen, und wenn man Bedenken hat, muss man sie klar, deutlich und ohne falsche Zurückhaltung intern diskutieren. Ob die drei skeptischen Bischöfe eine Einigung, so sie denn ausgehandelt wird, wirklich ablehnen werden, können wir vom heutigen Informationsstand gar nicht wissen. Sie sehen sie sehr skeptisch – das ist richtig. Sie haben intern schwere Bedenken geäußert, die dann an die Öffentlichkeit gelangt sind. Es ist nicht auszuschließen, dass der veröffentlichte Briefwechsel Teil eines internen Meinungsfindungsprozesses ist, an dessen Ende eine Einigung mit Rom zu den ausgehandelten Bedingungen steht.

6. Aus Sicht der katholischen Tradition wäre die Spaltung der Piusbruderschaft eine schwere Tragödie. Eine einige Piusbruderschaft mit fast 600 traditionellen katholischen Priestern, die unermüdlich für die ganze, unverkürzte Lehre in Glauben, Moral und Disziplin kämpfen, wäre eine wertvolle Verstärkung für die konservativen und traditionalistischen Kräfte, die bereits heute von innen gegen den „Geist des Konzils“ und die Verirrungen des Modernismus ankämpfen. Alle vier Bischöfe der FSSPX sollten gründlich über ihre Verantwortung vor der ganzen Kirche und ihrem göttlichen Haupt nachdenken, bevor sie eine Entscheidung in dieser Frage treffen, und sie sollten den Willen Gottes tun, und nicht ihren eigenen, selbst wenn dies bedeutet, über seinen Schatten zu springen, und ein Risiko einzugehen.

Rom-FSSPX: Beten für die Einigung

Die Gespräche zwischen Rom und der Piusbruderschaft ziehen sich ja jetzt schon seit Jahren hin, doch in den letzten Wochen und Monaten haben sich die Ereignisse überschlagen. Schien noch im März eine Einigung aussichtslos, bewarf Rom die Bruderschaft mit einem Ultimatum, das sich nach letzter Abfahrt vor der Exkommunikation anhörte, und hatte man sich schon damit abgefunden, dass auch dieser Einigungsversuch wohl wieder an den theologischen Differenzen scheitern würde, so kam im April plötzlich die Wende. Bischof Fellay habe die immer noch geheime Präambel unterzeichnet, hieß es. Doch in Wahrheit war alles etwas komplizierter, und die Geheimdiplomatie hielt relativ dicht.

Im Mai, so hieß es dann, solle der Papst über den erneut modifizierten Vorschlag der Piusbruderschaft entscheiden. Doch was steht drin? Offiziell ist immer noch alles geheim, doch vor einigen Tagen äußerte sich etwas überraschend Pater Niklaus Pfluger (FSSPX) bei einer Tagung sehr ausführlich zur Lage der Verhandlungen, und deckte dabei sogar einige Karten auf. Ich zitiere nur einen kurzen Absatz aus dem verlinkten Bericht (die ganze Rede des Paters kann hier als Audiodatei heruntergeladen werden):

„Kein praktisches Abkommen ohne eine lehrmäßige Einigung“ – so lautete das Prinzip, mit dem die Piusbruderschaft in die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl gegangen war. Doch die Verhandlungen der vergangenen beiden Jahren haben offenkundig werden lassen, daß die unterschiedlichen Standpunkte in zentralen Fragen der Kirchenlehre nicht überbrückt werden können. Hervorhebungen von Catocon.

„In den vergangenen Wochen wurde nun deutlich, daß Papst Benedikt XVI. so sehr an einer kanonischen Lösung für die Bruderschaft interessiert ist, daß er bereit ist, mit ihr ein Abkommen zu schließen, auch wenn diese die strittigen Texte des II. Vatikanischen Konzils und die Neue Messe nicht anerkennt. Sollte sich die Bruderschaft aber unter diesen Umständen immer noch einer Vereinbarung verweigern, wurde ihr eine mögliche erneute Exkommunikation in Aussicht gestellt.

Unter diesen Umständen hält es der Generalobere, Bischof Bernard Fellay, nicht für möglich, das Angebot des Papstes zurückzuweisen. Es käme einem Abgleiten in den Sedisvakantismus gleich, sollte man sich dem Wunsch des Heiligen Vaters auch dann noch verschließen, wenn dies mit keinerlei Anerkennung falscher Glaubenslehren verbunden sei.“

Ebenfalls in den ersten Maitagen war im Mitteilungsblatt des deutschen Distrikts der Bruderschaft ein Text von Pater Schmidberger zu lesen, in dem er die Gläubigen auf eine mögliche Anerkennung durch Rom vorbereitete. Ähnlich äußerten sich auch die Oberen anderer Distrikte. (USA und Benelux).

Wird es nun also zu einer Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft kommen? Wir wissen es noch nicht, und jetzt liegt alles in der Hand des Heiligen Vaters, der sicher auf den Rat des Heiligen Geistes vertrauen wird.

Es bleibt damit also nur das intensive, beharrliche Gebet, zu dem ich hiermit auch aufrufen möchte.

Ein paar Worte zum Islam…

… anlässlich der aus vielerlei Richtung kritisierten Koran-Verteilungsaktion.

25 Millionen Exemplare des Korans sollen also verteilt werden. Die Piusbruderschaft, mit ihrem vielgescholtenen Verständnis vom Christlichen Staat, verurteilt dies natürlich auf genau dieser Basis, und steht mit ihrer Argumentation auf sicherem Boden. Man muss ihre Prämissen nicht teilen. Aber die massenhafte Verteilung des Korans, aus Sicht der Bruderschaft das Buch einer falschen Religion, ist aus dieser Perspektive heraus in jedem Fall verwerflich.

Doch nicht nur die Piusbrüder und andere Traditionalisten regen sich über die Aktion auf. Kritik kommt auch von Anhängern diverser Versionen der Religionsfreiheit. Vertreter von CSU und SPD haben sich kritisch dazu geäußert. Ebenso auch Stimmen aus dem Umfeld der deutschen Bischofskonferenz. Dies kommt natürlich nicht unerwartet, doch gibt es eigentlich rationale Gründe für dieses Verhalten? Unter der Annahme der Religionsfreiheit müssten alle Religionen tun und lassen können, was sie wollen, solange sie sich an die weltanschaulich neutral formulierten Gesetze halten. Wenn in einem „religiös neutralen“ Staat das Verteilen von Bibeln erlaubt ist, muss auch das Verteilen des Korans erlaubt sein. Warum dann auf einmal die Kritik? Warum der Ruf nach „Überwachung“ der Aktion? Selbst wenn man sich an den Initiatoren der Aktion, den als radikal geltenden Salafisten, hochzieht – der Koran ist der Koran, egal wer ihn verteilt, und kann doch eigentlich für einen religiös neutralen Staat nicht mehr und nicht weniger gefährlich sein als die Bibel, oder?

In unserem „religiös neutralen“ Staat dürfte es diese Debatte gar nicht geben. Es sei denn man ist der Meinung, dass religiöse Aussagen generell – dann aber alle religiösen Aussagen gleichermaßen – der staatlichen Zensur bedürfen. In diesem Falle wäre auch das Verteilen von Bibeln zu untersagen oder zu überwachen. Darauf wird es in Zukunft auch hinauslaufen, sobald die Christen es schaffen, mal wieder etwas zu missionieren, statt nur im ermatteten Siechtum zu verharren.

Dass sich manche sonst immer auf Religionsfreiheit pochenden gesellschaftlichen Kräfte auf einmal gegen die Verteilung des Korans wehren, liegt nicht an der Natur des Korans – denn die darf ja unter der Annahme religiöser Neutralität keine Rolle spielen – sondern in der Natur des religiösen Glaubens allgemein. Der Islam ist gefährlich für den deutschen Staat. Nicht aufgrund irgendeiner besonderen dem Islam innewohnenden Eigenschaft, sondern einfach, weil seine Anhänger tatsächlich daran glauben.

Die Moslems glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die traditionellen Katholiken und konservativen Protestanten glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Die orthodoxen Juden glauben an ihren Gott und ihre Heilige Schrift, und deswegen stellen sie für den modernen Westen eine Bedrohung dar.

Doch die Bedrohung durch gläubige Juden und Christen ist gering, weil ihre Anzahl winzig ist. Die bei weitem größte Gruppe von tatsächlich gläubigen Menschen stellt in Deutschland der Islam.

Das Problem der säkularen, liberalen Islamkritiker ist nicht speziell der Islam, sondern der Wahrheitsanspruch einer außerstaatlichen Instanz, die den Menschen an etwas bindet, das über dem Staat steht. Der religiös neutrale Staat kann alles tolerieren, nur keine Religion, die wirklich geglaubt wird. Solange die Menschen friedlich zur Kirche gehen und dort eine entschärfte, „moderne“ Version ihrer Religion vorgesetzt bekommen, stellen sie keine Gefahr für den Staat dar. Das wäre auch für eine „modernisierte, verwestlichte“ Moschee nicht anders. Eine solche Religion, ein solcher „Gott“ ist keine Konkurrenz.

Aber wenn die Menschen tatsächlich glauben und ihre Religion tatsächlich für wahr halten, dann steht die Religion über dem Staat und die Loyalität der Gläubigen gilt in erster Linie der Wahrheit, und eben nicht dem „toleranten“, „modernen“ Staat.

Der Islam ist heute das beste Beispiel für diesen Effekt. In Westeuropa ist er auf dem Vormarsch. Er wird von einigen wenigen Konservativen und Traditionalisten aus ehrenwerten, durchaus zutreffenden theologischen Gründen angegriffen. Meist ist Islamkritik jedoch Lob für die „Errungenschaften der modernen Gesellschaft“, darunter besonders Feminismus, religiöser Indifferentismus, Individualismus, Atheismus und Säkularisierung. Diese sollen gegen den Islam verteidigt werden. Für viele Islamkritiker ist das die westliche Kultur, die sie schützen wollen. Und so ist es. Das ist heute die reale „westliche Kultur“.

Man müsste diese „westliche Kultur“ allerdings auch gegen das Christentum verteidigen.

Wenn dieses nicht weithin in Ehrfurcht vor den Götzen der Moderne zur Salzsäule erstarrt wäre.

Ein guter Rat von Erzbischof Lefèbvre

Aus einem Vortrag von Erzbischof Lefèbvre in Angers (1980)

„Heute stehen wir vor den gleichen Schwierigkeiten. Wir müssen die Irrtümer zurückweisen und fest bleiben, bis ein Papst nach dem Vorbild des hl. Papst Pius X. wiederkehrt. Dann wird es keine Probleme mehr geben. Die heilige Kirche wird uns in der Wahrheit wiederfinden und wir werden mit dem Papst hundertprozentig vereint sein, der zur Tradition zurückgefunden hat. Ich werde dann vermutlich nicht mehr auf dieser Erde weilen. Man muß dennoch hoffen, daß diese Angelegenheiten mit Papst Johannes Paul II. in Ordnung kommen.
Wir verlangen vielleicht lediglich, daß über die theoretischen Probleme nicht zu viel diskutiert wird. Fragen, die uns spalten, wie zum Beispiel die Frage über die Religionsfreiheit, sollte man dahingestellt sein lassen. Man ist nicht dazu verpflichtet, alle diese Probleme sofort zu lösen. Die Zeit wird eher Klarheit und eine Lösung bringen.
Ich habe es bereits einpaar mal erwähnt. Der Papst sollte uns in der Praxis das Experiment der Tradition machen lassen. Man könnte mir erwidern: „Sie können dieses Experiment doch durchführen!“ Stellen Sie sich vor, der Papst würde zu den Bischöfen sagen: „Laßt sie in Ruhe! Laßt sie gewähren! Sie machen nichts anderes, als das, was wir unser halbes Leben, oder zwei Drittel unseres Lebens getan haben. Laßt sie gewähren. Man wird sehen, was geschieht.“ Das ist das einzige, was wir verlangen!Ich bin davon überzeugt, daß in diesem Augenblick die Wahrheit zu ihrem Recht kommen wird. Die Tradition wird ihren wahren Platz finden und die Kirche wird eine neue Jugend erleben“

Das „Experiment der Tradition“ wäre genau die richtige Leitlinie für eine Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft. Alle traditionellen und traditionalistischen Gruppen müssen wirklich gleiche Bedingungen erhalten. Sie müssen neben den bestehenden Diözesen weltweit operieren dürfen, ohne von den lokalen Bischöfen in dieser Tätigkeit beschränkt zu werden.

Bereits heute sieht der aufmerksame Beobachter den Niedergang der sich an die Moderne anpassenden Kirche. Es gibt keinen Nachwuchs, kaum neue Priester, Seminare werden geschlossen, Kirchen verkauft, Gemeinden (und bald auch Bistümer) zusammengelegt. Das Ende nähert sich schneller als den verbandskatholischen Eliten und so manchem Bischof lieb ist.

In scharfem Kontrast steht dazu die fortdauernde Vitalität der Kirche, wo immer die Tradition hochgehalten wird, egal ob es sich um die Ecclesia Dei-Gemeinschaften, die Piusbruderschaft, oder auch die eine oder andere sehr konservative „Novus Ordo“-Gemeinschaft handelt. Dort gibt es den dringend benötigten Nachwuchs, dort sind junge Familien, besonders auch junge Männer. Dort liebt man die Kirche, und versucht ihren Glauben auch in seinen herausfordernden Teilen zu leben.

An ihren Früchten sollen wir sie erkennen. Die traditionellen Teile der Kirche machen bereits heute vor, wie eine wahre Erneuerung des Glaubens auszusehen hat, wie die Kirche ihre Krise überwinden kann, obwohl sie durch modernistische Laien, Priester und selbst Bischöfe behindert werden. Wie viel mehr könnten sie für die Kirche tun, wenn sie unabhängig von diesen hindernden Einflussen agieren könnten.

Kurzum: Es geht darum, einen echten freien Wettbewerb zwischen zwei verschiedenen Visionen der Zukunft der katholischen Kirche zuzulassen. Es geht nicht darum, dass „Rom sich vom Modernismus abwendet“, oder „die Piusbruderschaft das Konzil anerkennt“, sondern dass die verschiedenen Vorstellungen frei miteinander innerhalb der Kirche konkurrieren können. Und dann werden wir die Früchte sehen. Wir werden sehen, wie sich die modernistischen und traditionellen Teile und alle, die in diesem Spektrum irgendwo dazwischen stehen, weiter entwickeln. Wir werden sehen, wo Heiligkeit, Liebe zu Gott, der Kirche und dem Nächsten am besten gedeihen.

Wir werden sie an ihren Früchten erkennen. Der erste Schritt auf diesem Weg ist mit der Wiederzulassung der traditionellen Messe durch Summorum Pontificum geschehen. Man muss diesen Weg jetzt entschlossen weitergehen und das „Experiment der Tradition“, nach dem der Erzbischof bereits 1980 gerufen hat, zulassen. In diesem Geiste sollte eine Einigung mit der Piusbruderschaft möglich sein. Bietet ihnen dieses Experiment an. Lasst sie einfach gewähren. Lasst sie glauben und lehren, was sie immer geglaubt und gelehrt haben, wo, wie und wann sie wollen. Lasst sie das Konzil, den Ökumenismus und all die anderen Punkte weiter kritisieren, wie bisher. Lasst sie weltwert ungehindert operieren. Doch lasst es nicht bei der Piusbruderschaft bewenden. Das muss auch für die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, die der FSSPX verbundenen Ordensgemeinschaften und alle anderen traditionellen katholischen Gruppen gelten, die Papst Benedikt als Nachfolger Petri anerkennen und damit den Sedisvakantismus ablehnen.

Lasst es uns einfach ausprobieren, und wir werden immer besser erkennen, wo die Früchte gesund sind, und wo giftig.

Piusbruderschaft: Beten für die Einigung

Der 15. April, eine Art inoffizieller Termin, zu dem eine Entscheidung in den langwierigen Verhandlungen zwischen der Piusbruderschaft und Rom erwartet wird, naht heran. Die Gerüchte über eine mögliche Einigung scheinen sich zu verdichten. Doch nichts ist sicher, und nichts wird sicher sein, bevor es belastbare, offizielle Stellungnahmen gibt.

Daher werde ich an dieser Stelle nicht spekulieren, sondern einfach zum Gebet für einen positiven Ausgang der ganzen Affäre aufrufen.

Egal wie man zu den Piusbrüdern auch stehen mag, wäre die Rückkehr der Bruderschaft in die volle Gemeinschaft der Kirche unter Bewahrung eines robusten Rechts zur sachlichen, doch scharfen Kritik an Folgen, Geist und Texten des Konzils, ein großer Erfolg für alle traditionellen Katholiken.

Beten wir also für unseren Heiligen Vater und alle, die in Rom mit der Sache befasst sind. Beten wir für Bischof Fellay und seine Getreuen, die seitens der Piusbruderschaft mitzuentscheiden haben.

Notstand und die Piusbruderschaft

Dieser Beitrag ist als erweiterte Antwort oder Erläuterung eines Kommentars auf Johannes‘ Blog entstanden. Ich verweise für den Kontext daher auf seinen Artikel zum Thema.

Die Piusbruderschaft versucht ihre scheinbar unrechtmäßigen und verwerflichen Handlungen des Ungehorsams gegen die legitime Autorität des Papstes manchmal durch angeblichen Notstand zu rechtfertigen. Das Heil der Seelen – das oberste Gesetz der Kirche – verlange ihren Ungehorsam, und dieses Gesetz übertrumpfe alle kirchenrechtlichen Bestimmungen, und letztlich auch die Pflicht, dem Papst Folge zu leisten. Ich möchte die Frage, ob die Piusbrüder sich für ihr dem Buchstaben des Gesetzes widersprechenden Handlungen durch dieses Argument rechtfertigen können, wie gleich klar werden wird, nicht kirchenrechtlich führen, sondern moralisch. Es ist auch keine ausgedehnte Argumentation, sondern eine durchaus kritikwürdige und kritikfähige persönliche Einschätzung. Man hänge also die Absicht der folgenden Zeilen nicht zu hoch.

Ich möchte drei Kategorien einführen: Rechtfertigender Notstand, Entschuldigender Notstand und Übergesetzlicher Notstand. Diese Begriffe habe ich aus dem deutschen Strafrecht entlehnt, weil sie mir zu passen scheinen. Ich nehme allerdings von einer weltlich oder kirchlich gedachten streng juristischen Deutung Abstand, und verwende sie ausschließlich im folgenden Sinne:

Ein rechtfertigender Notstand liegt vor, wenn eine Handlung durch einen tatsächlich existierenden Notstand gerechtfertigt ist, es also moralisch richtig war, so zu handeln. Der klassische Fall wäre, wenn ich sehe, wie jemand mein Haus abzubrennen versucht, und ich ihn niederschlage. Wenn ich das Abfackeln des Hauses nicht anders hätte verhindern können, dann darf ich so handeln. Der Täter wird zwar verletzt, aber die Körperverletzung ist nicht so schwerwiegend wie die Brandstiftung.

Ein entschuldigender Notstand liegt vor, wenn eine Handlung durch einen tatsächlich existierenden Notstand nicht gerechtfertigt wird, also moralisch falsch bleibt, eine Strafe aber nicht angemessen wäre. In dem Brandstiftungsbeispiel wäre dies gegeben, wenn jemand in dem Haus ist, das abgebrannt werden soll, und wenn ich mit meiner legalen Pistole den Täter niederschießen würde, und dadurch die Gefahr der Tötung des Täters in Kauf nähme. Meine Handlung wäre zwar ebenso schwerwiegend wie die Brandstiftung, und daher nicht gerechtfertigt, aber ich würde dafür trotzdem nicht bestraft.

Nun gibt es die Differenzierung zwischen rechtfertigendem und entschuldigendem Notstand, soweit ich weiß, im Kirchenrecht nicht. Aber es ist durchaus erlaubt, gegen den Buchstaben des Kirchenrechts zu handeln, wenn es für das Seelenheil erforderlich ist. Denn das Seelenheil ist tatsächlich das höchste Gesetz der Kirche. Wäre das Handeln der Piusbruderschaft also für das Seelenheil erforderlich, so dürfte sie, unter Berufung auf Notstand, gegen den Buchstaben des Gesetzes handeln, auch wenn dies bedeutete, dass sie der Autorität des Papstes trotzte.

Doch wenn die Kirche immer noch die Kirche ist, und die Sakramente gültig sind, und es nicht zu einem Bruch im Glauben gekommen ist, durch den eine Neue Kirche und ein Neuer Glaube entstanden sind, kurzum, wenn die Kirche Christi immer noch die Katholische Kirche ist, dann ist es nicht für das Seelenheil erforderlich, gegen die Autorität des Papstes und der Kirche zu handeln. Und ein objektiver Notstand liegt nicht vor. Es mag sein, dass die Bruderschaft subjektiv einen solchen Notstand annimmt, und weil sie es nicht besser wusste, schuldlos handelt, aber objektiv ist dieser Notstand nicht gegeben. Die Piusbruderschaft handelt also unrechtmäßig und kann sich nicht auf einen realen Notstand berufen, der durch ihr Handeln abzuwenden wäre.

Doch ist das das Ende der Diskussion? Oder gibt es nicht auch Situationen, in denen der Buchstabe des Gesetzes, und selbst der Buchstabe der Ausnahmen für den Notstand, unzureichend sind? Man darf niemals einen anderen Menschen belügen. Lügen ist immer moralisch falsch. Auch wenn ich durch meine Lüge einen Juden vor dem KZ retten könnte. Aber niemand würde, wenn er moralisch bei Sinnen ist, den Juden ins KZ schicken, um nicht lügen zu müssen. In dieser Ausnahmesituation, die durch die allgemeinen Regeln nicht gedeckt ist, muss der Mensch den Juden retten, auch wenn er dadurch lügt. Dasselbe ist der Fall, wenn ich nur durch den Abschuss einer Passagiermaschine zehntausend Menschen in einem Hochhaus retten kann.

Doch solche Situationen kann man im Gesetz nicht abbilden.

Wenn ich erlaube, die Passagiermaschine abzuschießen, um die Menschen im Hochhaus zu retten, dann schaffe ich eine Regel, dass es zulässig sei, Menschenleben gegen Menschenleben aufzurechnen. Und das darf man niemals tun.

Wenn ich die Lüge moralisch für zulässig erkläre, um das Leben des Juden zu retten, dann schaffe ich eine Regel, dass es zulässig sei, Böses zu tun, damit Gutes daraus komme, dass also der Zweck die Mittel heilige. Und das darf man niemals tun.

Wenn ich in der Situation bin, lügen zu müssen, um den Juden zu retten, dann muss ich das tun, und durch die Erfüllung meiner moralischen Pflicht mich auch der Konsequenz stellen, dass ich moralisch falsch gehandelt habe. Wenn ich in der Situation bin, ein Passagierflugzeit abschießen zu müssen, um die zehntausend Menschen im Hochhaus zu retten, dann muss ich dies tun. Aber ich muss auch die Konsequenz tragen, dass ich nämlich nach den geltenden Gesetzen für meine Tat (ein Tötungsdelikt, wenn auch mit mildernden Umständen) geradestehe, meine Strafe dafür trage.

Dasselbe denke ich auch bei der Piusbruderschaft. Was sie getan haben, widerspricht dem Buchstaben des Gesetzes und ist unzulässig. Es ist auch nicht direkt zum Seelenheil erforderlich, so dass diese Ausflucht nicht greift. Doch ich kann nicht anders, als zu behaupten, dass die Piusbruderschaft trotzdem nicht anders hätte handeln können, dass ihr Verhalten das am wenigsten schlechte in der Situation war, in der sie sich befanden. Das wäre so etwas wie ein übergesetzlicher Notstand, also ein Notstand, der nicht kirchenrechtlich gedeckt ist.

Für den Bruch des Kirchenrechts, etwa durch die Weihe der Bischöfe 1988, sind sie zurecht bestraft worden. Die Strafe wurde 2009 aufgehoben. Noch immer ist ihre Einheit mit Rom aber unvollkommen. Auch dies ist rechtlich in Ordnung und musste und sollte so geschehen. Trotzdem kann ich nicht umhin, der Bruderschaft für ihre Standhaftigkeit zu danken, und ihnen einen übergesetzlichen Notstand zuzuerkennen, analog demjenigen, der für die Rettung des Juden vor dem KZ lügt, oder der ein Passagierflugzeug abschießt um zehntausend Menschen im Hochhaus zu retten.

Die Piusbrüder müssen ihre Strafe aufrecht tragen und für ihr Verhalten sich verantworten – vor den Menschen, aber mehr noch vor Gott. Doch ich glaube, das können sie auch, und kommen dabei trotz ihres formalen Rechtsbruchs und Ungehorsams noch eigentlich recht gut weg.

So, jetzt habe ich mich zwischen alle Stühle gesetzt, wie ich es nur zu gern tue. Die Piusbrüder sind im Unrecht, sage ich ihren Anhängern. Und irgendwie aber auch im Recht, weil ihr Handeln doch durch eine Art übergesetzlichen Notstand gedeckt ist, sage ich ihren Gegnern.

Vom Weg der Wahrheit und der Kreuzung von 1962

Johannes hat auf seinem Blog gerade eine sehr interessante Reihe über die Piusbruderschaft gestartet. Hier die Links zu den bislang veröffentlichten Artikeln:

Zu den Piusbrüdern 1

Die Piusbrüder und die Nazikarte

Freikirchen, die Piusbrüder und die wahre Kirche Christi

Ich kann nicht sagen, dass ich mit allem, was Johannes da geschrieben hat, einverstanden bin. In manchen Punkten bin ich ganz anderer Meinung als er und sehe die Piusbruderschaft positiver. Doch das ändert nichts daran, dass seine Ausführungen, wie eigentlich immer, empfehlenswert sind. Sowohl für Anhänger als auch für Gegner der Piusbrderschaft, und für alle dazwischen, stellen die drei bislang veröffentlichten Artikel eine differenzierte Perspektive fernab der üblichen eingefahrenen Diskussionspfade dar.

Nun aber noch einige Worte zur Frage der Piusbrüder. Was ist von ihnen zu halten? Ich sehe das alles sehr zweischneidig.

Vom Irrweg der Unabhängigkeit von Rom

Es ist gar keine Frage, dass die Piusbruderschaft dringend in volle Einheit mit Rom geführt werden muss und dass alle existierenden Tendenzen zum Sedisvakantismus oder „Unabhängigkeit“ vom „modernistischen“ Rom letztlich bekämpft werden müssen. Dennoch sind die Piusbrüder bereits heute in (unvollständiger) Einheit mit Rom. Sie erkennen alle Dogmen der Kirche an, bewahren bis heute einige Schätze, die in der weiteren Kirche so gut wie vollständig verloren, vergessen und begraben worden sind, und für diesen unschätzbaren Dienst kann man Erzbischof Lefèbvre und seinen Getreuen, trotz all ihrer allzu menschlichen Fehler, gar nicht genug danken.

Vom Verdienst der Piusbruderschaft

Wenn man einmal die wenigen Streitpunkte (Religionsfreiheit, Ökumenismus usw.) beiseite lässt, und nur die Gemeinderealität betrachtet, so stellt man fest, dass Priester, die ehrfürchtig die Heilige Messe feiern (egal ob ordentlich oder außerordentlich), den ganzen unverkürzten katholischen Glauben verkündigen und sich nicht scheuen, auch unpopuläre Themen anzusprechen, ziemlich selten geworden sind.

Bei der Piusbruderschaft ist das noch selbstverständlich. Man kann sich beim Besuch eines Messzentrums darauf verlassen, dass eine gültige, ehrfürchtige Messe zelebriert wird, dass der traditionelle Glaube der Kirche verkündet wird, und dass man sich dort nicht in Anpassung an den Zeitgeist suhlt.

Bei der Petrusbruderschaft und anderen Ecclesia Dei Gruppen ist das auch selbstverständlich (und deshalb erscheint mir der Streit zwischen diesen Gruppen auch so unsinnig). Aber sie sind selbst in der weiteren Kirche ziemlich unbekannt. Die Piusbrüder sind, ob es uns gefällt oder nicht, derzeit der öffentlich bekannteste Leuchtturm des explizit traditionellen Glaubens, der, wenn die „Hermeneutik der Kontinuität“ denn zutrifft, nicht plötzlich nach dem Konzil falsch geworden sein kann.

Von den Fehlern der Piusbruderschaft

Das alles soll nicht über die realen Fehler der Piusbruderschaft hinwegtäuschen. Sie gebärdet sich manchmal selbstgerecht und fast schon hochmütig gegenüber anderen Katholiken. Wie jede Gruppe, die viele Schätze hat, ist sie der Versuchung ausgesetzt, andere, die über diese Schätze nicht verfügen, herabzusetzen. Ferner macht sie den Fehler, der für Anhänger einer Tradition naheliegt, wenn diese Tradition umgestürzt werden soll. Sie mumifiziert in gewisser Weise diese Tradition und schirmt sie nicht nur den Umsturzversuchen gegenüber ab, sondern auch ganz natürlichen, organischen Veränderungen, die dem Geist der Tradition gar nicht widersprechen. Der katholische Glaube, wie er 1962 geglaubt wurde, ist nicht falsch geworden durch das Konzil. Wer ihn glaubt, ist auch heute noch ein guter Katholik. Aber die Gefahr der Piusbrüder ist, sich von einer legitimen, traditionstreuen Entwicklung abzuschneiden, und nicht nur von den Abbruch- und Aufbruchunternehmen seit dem Konzil.

Kreuzung von 1962 und Weg der Wahrheit

Die Sache mit den Piusbrüdern ist ziemlich zweischneidig. Auf der einen Seite wäre die Kirche tatsächlich besser dran, wenn sie mit der Anpassung an den Zeitgeist, der auf Gemeinde- und selbst Bistumsebene fast wichtiger erscheint als der Heilige Geist, schlicht aufhörte, und zum traditionellen Glauben zurückkehrte. Wer falsch abgebogen ist – und das sind die Verfechter der Mitmach-Messen und Verbandslaienaufstände mit Sicherheit – der kehrt am besten um und geht bis an die Kreuzung zurück, an der er falsch abgebogen ist. Insofern wäre eine Rückkehr zum traditionellen Glauben, wie die Piusbrüder ihn verkünden, der richtige Weg. Und die Stellung an dieser Kreuzung immer gehalten zu haben, ist das große Verdienst der Bruderschaft.

Doch falsch abgebogen zu sein bedeutet nicht, dass man gar nicht hätte abbiegen sollen. Die Kreuzung ist nicht das Ziel, sondern nur eine Wegstation auf dem Weg zu dem Ziel. Man muss abbiegen, aber richtig abbiegen. So ist es auch mit der Kirche. Auch sie kann nicht für immer an der Kreuzung stehenbleiben, an der die Piusbruderschaft heute so treu Wache hält. Es gibt legitime Entwicklung der Tradition durch tieferes Verständnis derselben. Solcherart Entwicklung vertieft die Tradition, macht sie nicht ungültig, aber verschafft neue Einsichten.

Vom Licht des Heiligen Geistes: Der Papst als Vorhut

Und so wird der Heilige Geist, wie immer, die Kirche früher oder später auf den Weg der Wahrheit lenken, der von der Kreuzung von 1962 aus abzweigt. Diesen Weg der Wahrheit hat die Piusbruderschaft nicht gepachtet, aber die Kreuzung gegen großen Widerstand verteidigt zu haben, ist ihr Verdienst. Umgekehrt haben die Anhänger des „Konzilsgeistes“ eine Reihe von Irrwegen begangen, die alle in Sackgassen enden. Und Papst Benedikt wäre in diesem Bild so etwas wie die Vorhut, die den Weg der Wahrheit mit vorsichtigen, tastenden, noch nicht immer absolut trittsicheren Schritten beschreitet, noch nicht vollständig kartographiert hat, sich aber in der Dunkelheit vom Licht des Heiligen Geistes leiten lässt. Wenn dieser Weg der Wahrheit, der den traditionellen Glauben in Gänze bestätigt, ihn aber organisch und natürlich weiterentwickelt, erst einmal kartographiert und beleuchtet ist, dann wird es die Aufgabe der Piusbruderschaft sein, ihn als Nachhut zu beschreiten und gegen Angriffe abzusichern.

Sich dann zu weigern, wäre ein Schisma. Doch so weit ist es noch nicht.

Überflüssig wie ein Kropf

In der konservativ bis traditionell ausgerichteten katholischen Landschaft tobt scheinbar ein erbitterter Krieg. Das katholische Nachrichtenportal kath.net streitet gegen die Piusbruderschaft und die Piusbruderschaft gegen kath.net. Seinen Anfang genommen hatte dies mit einem Interview, das Pater Schmidberger, der Distriktobere der Piusbruderschaft, kath.net gegeben hatte. In diesem Interview vertrat er unter anderem zur Religionsfreiheit, aber auch zu anderen Themen die traditionalistische Position der Bruderschaft und behauptete die Diskontinuität einiger Konzilsaussagen mit der Tradition.

Kurze Zeit später veröffentlichte kath.net einen Beitrag von Pater Lugmayr von der Petrusbruderschaft, der eine andere Position vertrat als Pater Schmidberger, was nicht weiter überraschend war. Bereits hier wurde jedoch ein Tonfall deutlich, der in die Debatte nicht hereingehört, wenn sie sachlich und konstruktiv sein soll. Die Thesen des Paters Schmidberger mögen falsch sein, aber sie sind nicht „völliger Unsinn“. So debattiert man nicht – so gießt man Öl ins Feuer. Und das ist schädlich für den sachlichen Austausch.

Soweit hätte man noch denken können, es habe sich jemand etwas im Ton vergriffen und das alles sei nicht problematisch. Doch danach eskalierte die Lage schnell. Ein der Piusbruderschaft nahestehender Jurastudent schrieb eine Antwort auf Pater Lugmayrs Beitrag, in dem er wiederum die andere Seite des „Unsinns“ zieh. Doch Pater Lugmayrs Thesen mögen wiederum falsch sein – Unsinn sind sie nicht, sonst erübrigt sich das Gespräch.

Betreffender Jurastudent ging jedoch noch weiter, beschuldigte die FSSP einer „Lebenslüge“, was selbst wenn man die Position der Piusbruderschaft teilt, noch als unnötiger Angriff erscheinen muss. Ferner drückt der betreffende Student die Position, die Pater Schmidberger in seinem Interview freundlich, sachlich und treffend charakterisiert hatte, mit unnötiger Schärfe in der Sprache und dafür Undeutlichkeit und Missverständlichkeit in der Argumentation aus. Der Beitrag des Jurastudenten ist also, wenngleich wiederum nicht „Unsinn“, so doch zumindest intellektuell nicht auf demselben Niveau wie derjenige des Paters Schmidberger.

Kath.net verweigerte nun die Veröffentlichung des Kommentars des Jurastudenten, was natürlich jederzeit das gute Recht des Internetportals ist. Damit hätte man die Sache ruhen lassen, doch auch kath.net ließ es sich nicht nehmen, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Ein Beitrag mit dem Titel „Tradibeben“ wurde veröffentlicht. Der Tonfall wurde nochmals schärfer und als Grund für die Ablehnung des Kommentars des erwähnten Jurastudenten Löhmer gab man nicht nur fehlende theologische Versiertheit, sondern auch „merkwürdige Aussagen des Autors im Internet“ an. Als Beispiel wurde folgende Passage aus einem anderen Artikel des Herrn Löhmer zitiert:

„Gestrenge Tugendwächter wachen an den Gräbern der NS-Opfer und verteidigen mit heiligem Zorn die Singularität des Holocaust gegen jeden revisionistischen Zweifler wie das Allerheiligste eines postmodernen Tempels, doch zugleich gehen die Abtreibungszahlen in die Millionen und kehrt das „lebensunwerte Leben“ unter dem Mantel des selbstbestimmten und humanen Todes klammheimlich zurück“. (Hervorhebungen stammen von kath.net)

Da nun das Wort Holocaust gefallen war, wurde die Wortmeldung des Autors natürlich in Zusammenhang mit Bischof Williamson gestellt, und mit keinem Wort dem dadurch angedeuteten Generalverdacht der „Holocaustleugnung“ entgegengetreten. Nun ist jedoch kath.net schlicht einem sachlichen Irrtum aufgesessen, wenn man dort glaubt, die Worte des Herrn Löhmer seien vergleichbar mit der Leugnung der Gaskammern oder des ganzen Holocaust. Herr Löhmer spricht von einer „Singularität des Holocaust“, und das bedeutet seine „Einzigartigkeit“. Die Einzigartigkeit des Holocaust ist immer unter Historikern umstritten gewesen. Man erinnere sich nur an den sogenannten „Historikerstreit“, der in den 1980er-Jahren tobte und seitdem sporadisch wieder aufflammt. Wenn man sagt, der Holocaust sei nicht einzigartig gewesen, sondern es habe andere Verbrechen gegeben, die ebenfalls auf derselben Stufe der Schrecklichkeit stehen wie der Holocaust – Stalins und Maos Massenmorde werden da gern als Beispiele genannt – dann leugnet man nicht den Holocaust, sondern stellt ihn in eine Reihe mit anderen grausamen staatlich verordneten Massenmorden mit Opferzahlen in Millionenhöhe.

Genau dies tut Herr Löhmer in dem zitierten Beitrag – er leugnet die Singularität des Holocausts, um den Holocaust in eine Reihe mit einem anderen Verbrechen zu stellen, das Millionen von Opfern gekostet hat, nämlich die Abtreibung. Er vergleicht die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ im Dritten Reich mit ihrer „Wiederkehr“ in der heutigen Zeit unter „dem Mantel des selbstbestimmten und humanen Todes“. Als vor einiger Zeit der Bischof von Shrewsbury praktisch dasselbe sagte, berichtete kath.net sehr freundlich darüber und zieh den Bischof nicht der Holocaust-Leugnung (Kreuzfährten kommentierte). Hier ein Zitat aus dem damaligen Artikel:

„Seit dem Holocaust hätten Massenmorde und Völkermorde „weiterhin die Geschichte verunstaltet“. Und „wir können nicht vergessen, dass sich die Rückkehr“ der Eugenik „direkt gegen die Ungeborenen und die Schutzlosen richtet, die man ‚lebensunfähig‘ nennt oder die mit dem ‚Gnadentod‘ bedroht werden.“

Wenn das keine Holocaust-Leugnung ist, dann sind die „merkwürdigen Aussagen“ des Herrn Löhmer dies auch nicht.

Und der Vorwurf, man wolle „revisionistische Geschichtsschreibung“ betreiben, sei also ein „revisionistischer Zweifler“, wie Herr Löhmer dies in seinem Artikel nennt, wurde auch im bereits erwähnten Historikerstreit denjenigen Historikern gemacht, die den Holocaust nicht als absolut einzigartiges Verbrechen interpretierten, sondern als eines von einigen wenigen besonders scheußlichen Verbrechen, also seine Einzigartigkeit, seine „Singularität“ leugneten. Auch hier liegt kein Hinweis auf Leugnung des Hoocausts vor – denn die revisionistischen Zweifler, in deren Glied sich Herr Löhmer einreihen möchte, zweifeln nicht an der Existenz des Holocaust, sondern an seiner Singularität, seiner Einzigartigkeit.

Und wenn übrigens die Idee einer die Idee der Singularität des Holocausts mit heiligem Zorn verteidigenden Tempelelite gestrenger Tugendwächter anstößig erscheint – man lese einmal die noch vor wenigen Wochen von vielen gläubigen Katholiken im Fall Oblinger gegen den Vorwurf des Rechtsextremismus verteidigten Jungen Freiheit, in der solches Gedankengut regelmäßig Ausdruck findet. Auch dort glaubt man nämlich nicht an die Singularität des Holocaust, wohl aber an seine Existenz und seine moralische Verwerflichkeit in höchstem Maße.

Die Reaktion von kath.net war also eine weitere Portion Öl ins Feuer, überflüssig wie ein Kropf, und zeugte nicht gerade von historischem Verständnis.

Doch damit nahm dieser Streit immer noch kein Ende. Die Piusbruderschaft wäre nicht die Piusbruderschaft, wenn sie es dabei hätte bewenden lassen, den Jurastudenten Herrn Löhmer gegen die auf Basis der vorliegenden Informationen einfach sachlich falsche Unterstellung der Holocaust-Leugnung in Schutz zu nehmen und sachlich nachzuweisen, warum diese Unterstellung falsch ist. Stattdessen goß man weiteres Öl ins Feuer, indem man einen weiteren Beitrag auf seiner Homepage veröffentlichte. Auch dieser Beitrag war durchsetzt von bewusst polarisierenden Formulierungen, die wiederum nicht zu einer sinnvollen Debatte beitragen. Man warf kath.net unter anderem vor, kritische Kommentare gelöscht zu haben. Dies mag stimmen oder auch nicht, aber es ist das gute Recht von kath.net Kommentare zu löschen, die ihnen nicht passen. Genauso wie es das gute Recht der Piusbruderschaft ist, wenn sie es denn wünschen, kath.net Unsachlichkeit zu unterstellen, fehlende Objektivität in der Berichterstattung, und dann selbst unsachlich zu werden. Der Artikel „Tradibeben“ sei „peinlich“ und ein „menschenverachtender Hassartikel gegen Herrn Löhmer“.

Ist dies nun das letzte Wort in diesem überflüssigen Streit? Können wir es nicht endlich dabei bewenden lassen? Müssen gläubige, traditionsverbundene Katholiken wirklich über solche Dinge streiten? Wäre es nicht besser, wir tauschten uns über unsere legitimen Meinungsverschiedenheiten sachlich wie erwachsene Menschen aus, statt uns mit Beschimpfungen zu belegen, die nicht nur keinen Beitrag zur Lösung der Differenzen darstellen, sondern darüber hinaus den Häretikern und Säkularisten weitere Munition liefern? „Seht nur, selbst die konservativen Katholiken halten die Piusbrüder für Holocaustleugner, wie kann man mit denen nur eine Einigung anstreben?“ – „Seht nur wie unsachlich die Piusbrüder selbst mit Leuten umgehen, die doch in vielen Dingen einer Meinung mit ihnen sind. Wie dünnhäutig und lieblos sie mit anderen Menschen umgehen!“ Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Das alles ist doch überflüssig wie ein Kropf. Lasst uns debattieren, streiten, unsere Meinungsverschiedenheiten ausfechten. Aber können wir das nicht mit Diskussionskultur, in gegenseitigem Respekt und ohne unnütze Provokationen tun?

Liebe Redakteure von kath.net, liebe Piusbrüder, setzen wir uns doch einfach um ein gemeinsames Lagerfeuer und singen Kumbayah

Ein Interview mit Pater Schmidberger

Ein sehr gutes, neutral und mit Sachverstand von Paul Badde geführtes Interview kann man auf der Homepage der WELT lesen. Es folgen einige Auszüge aus dem Interview mit Kommentaren von Catocon in feuerroter Färbung.

Die Welt: In Rom mehren sich die Signale, dass es endlich zu einer vollständigen Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft Pius X. kommen könnte und dass sie bald schon eine eigene Personalprälatur haben dürften, die dem Status des Opus Dei nicht nachsteht.  (Das wäre wunderbar. Aber es scheint etwas zu optimistisch, es sei denn es hat dogmatische Annäherungen und Klärungen gegeben, die mich noch nicht erreicht haben, was nicht verwunderlich wäre, erfahre ich doch traditionell alles immer zuletzt.) Es heißt aber auch, die Verhandlungen des Vatikans mit der Pius-Bruderschaft seien gescheitert. (Diese Meldung, soll man sie als Ente, als Wunschdenken oder als Fehlinterpretation einer zweifelhaften Predigt bezeichnen, ist dementiert worden mit einer Schärfe, dass man davon ausgehen kann, dass zumindest noch kein Scheitern feststeht.) Können Sie Klarheit schaffen?

Pater Franz Schmidberger: Nichts lieber als das. Am 14. September 2011 hat Kardinal Levada Bischof Fellay, unserem Generaloberen, eine „lehrmäßige Präambel“ überreicht, deren Annahme die Bedingung sei für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Pius-Bruderschaft. Wir haben über den Text eingehend beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass er so nicht annehmbar ist. Schließlich habe ich selbst am 1. Dezember die Antwort des Generaloberen nach Rom gebracht, und auf die römische Bitte hin hat er diese Antwort dann noch einmal präzisiert. Jetzt warten wir mit Spannung auf das Ergebnis der Beratungen der Glaubenskongregation. (Gute, knappe Zusammenfassung der Lage, soweit sie öffentlich zugänglich ist.)

(…)

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Die Welt: Erzbischof Lefevbre, der Gründer der Priesterbruderschaft, wird der Satz zugeschrieben, dass er „mit ganzem Herzen am Ewigen Rom“ hänge? Hätte er sich nicht schon längst mit dem Papst versöhnt, bei dessen ausgestreckter Hand? (Mir gefällt, wie Badde hier und an anderer Stelle den Erzbischof Lefebvre als Maßstab der FSSPX anerkennt und sein Verhalten mit dem der jetzigen Anführer der Bruderschaft kontrastiert. Auf diese Weise kommt er mit den Piusbrüdern ins Gespräch auf der Basis einer Autorität, die beide Seiten für relevant halten und nicht von vornherein ablehnen. Das ist geschickte Interviewführung und ermöglicht eine inhaltliche Auseinandersetzung.)

Pater Franz Schmidberger: So einfach sind die Dinge nicht. Während der Visitation unseres Werkes durch Kardinal Gagnon im Jahre 1987 schrieb Erzbischof Lefebvre dem Kardinal einen Brief und machte Vorschläge für eine kirchenrechtliche Struktur unserer Bruderschaft. Dabei machte er sehr deutlich, dass der heutige Ökumenismus unter dem Zeichen des religiösen Relativismus, die Religionsfreiheit, deren Frucht der heutige Säkularismus ist, und die Kollegialität, die das gesamte kirchliche Leben lähmt, für uns unannehmbar sind. Leider gibt es auch hier heute noch Differenzen mit dem regierenden Papst. (Das sind die bekannten Streitfragen. Die Struktur wird von selbst folgen, sobald diese Streitfragen zufriedenstellend gelöst sind.)

Die Welt: Welche vernünftigen Argumente hat die Bruderschaft eigentlich noch gegen die Religionsfreiheit, deren Durchsetzung heute geradezu eine Schlüsselrolle für den Weltfrieden zukommt?

Pater Franz Schmidberger:(Es folgt eine klare Darstellung der traditionellen Lehre der Kirche zum Thema, ohne Polemik und ohne Übertreibungen. So muss Kritik am Konzil sein, wenn man sie üben möchte.) Die Religionsfreiheit ist nicht in erster Linie eine praktische Frage, sondern eine Frage der Lehre: Die Verurteilung der Religionsfreiheit durch die Päpste hat nie besagt, dass man andere Menschen zur katholischen Religion zwingen will, sondern dass ein Staat mit katholischer Bevölkerungsmehrheit die katholische Religion als die von Gott geoffenbarte anerkennen soll. Dabei kann er anderen Religionen und Bekenntnissen sehr wohl im öffentlichen Bereich eine Duldung einräumen und diese sogar durch bürgerliche Gesetze festschreiben.Selbstverständlich müsste in der heutigen Zeit des Pluralismus diese Toleranz eine breite Anwendung finden. Andererseits hat der Irrtum nie ein (Natur-)Recht. Wenn es aber darum geht, dass der Mensch kraft des Lichtes der Vernunft Gott erkennen und um die wahre Religion wissen kann, dann gilt dies auch für den Staatsmann; und genau dies haben die Päpste bis einschließlich Pius XII. festgehalten, indem sie die Religionsfreiheit verurteilt haben. Alles andere ist eben letztendlich Agnostizismus. (Also der Versuch religiöser Neutralität seitens der Staatsmänner)

Die Welt: Die letzten Päpste haben sich alle der -kumene verschrieben, sogar der Vereinigung der Konfessionen – nach dem Wort Christi, „dass sie doch alle eins sein mögen“, wie Jesus betete (Joh. 17,21). Was wollen Sie dagegen vorbringen?

Pater Franz Schmidberger:(Auch hier wieder eine klare, polemikfreie Darstellung der traditionellen Position zur Ökumene. Vorbildlich, wie Pater Schmidberger die traditionalistische Position artikuliert, sie durchaus auch mit modernen Vorstellungen kontrastiert, aber dabei immer sachlich bleibt. Wie gesagt, solche Kritik am Konzil muss zulässig sein.) Jeden Sonntag singen die Gläubigen: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“; das Gebet Christi bezieht sich nicht darauf, dass sie erst eins werden müsste. Allerdings sind im Laufe der Geschichte immer wieder Gruppen von dieser einen Kirche weggebrochen, so im 11. Jahrhundert die Griechen, im 16. Jahrhundert Luther mit seinen Gefolgsleuten. Für jeden aufrechten Christenmenschen ist dies ein großer Schmerz, und so beten wir täglich um die Rückkehr der von der Kirche Getrennten ins eine Vaterhaus.

Die Welt: Bisher hat noch jede Sekte der Dünkel ausgezeichnet, auf der richtigen Seite zu stehen – mit einer guten Portion Überheblichkeit für die große Mehrheit. Bei Erzbischof Lefevbre war es nicht so. (Wieder dieser geschickte Bezug auf Erzbischof Lefebvre…) Er hat noch sehr gelitten unter der drohenden Spaltung und dem Notstand des ungeklärten Status der Bruderschaft. Hat sich die Priesterbruderschaft inzwischen an diesen Notstand gewöhnt – oder ist das Bewusstsein für die Gefahr einer bleibenden Abspaltung hier immer noch als Not verbreitet?

Pater Franz Schmidberger: Ein Notstand ist ein Notstand, er ist abnormal und strebt zur Normalisierung hin. Wie aber sollen wir mit Assisi-Treffen, die implizit (nicht explizit!) behaupten, alle Religionen seien Heilswege, zu einem Ausgleich kommen? (eine GANZ wichtige Unterscheidung zwischen implizit und explizit. Diese Assisi-Treffen suggerieren unterschwellig bestimmte Haltungen, selbst wenn man ihnen angestrengt mit Worten widerspricht. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das ist die eigentliche traditionalistische Kritik, nicht das, was man von mancherlei Traditionalisten gehört hat, etwa dass der Papst selbst an die Gleichwertigkeit aller Religionen glauben würde oder so. Es ist einfach, dass solche Treffen keinen anderen Eindruck vermitteln können, selbst wenn das nicht beabsichtigt sein sollte. Der Indifferentismus ist implizit, nicht explizit. Auch hier wieder hervorragende, sachliche Kritik ohne Polemik) Gewiss leiden wir unter der heutigen Situation; aber wir leiden noch tausendmal mehr darunter, dass dieser religiöse Relativismus schließlich zu Indifferenz und Atheismus führt und unzählige Seelen ins Verderben stürzt. (Ein wahres Wort.)

(…)

Die Welt: Sogar die Anglikaner finden nun in der katholischen Kirche eine Heimat. Was hat denn eigentlich verhindert, dass Sie sich seit Jahrzehnten in der Kirche nicht mehr so zu Hause fühlen durften?

Pater Franz Schmidberger: Im Grunde haben sich die gleichen Tendenzen, die die Anglikaner zur katholischen Kirche fliehen lassen, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch innerhalb der katholischen Kirche breitgemacht und zu einem verheerenden Glaubensverlust, zu einem sittlichen Niedergang und zu einer Verwüstung in der Liturgie geführt. (Es ist eine gesamtgesellschaftliche Krise. Deswegen kann man die Schuld nicht nur dem Konzil geben. Die Schuld des Konzils besteht darin, diesen Strömungen nicht entschlossen genug entgegengetreten zu sein, und dies ist auch die Schuld der Kirche nach dem Konzil.) Wenn Sie nur jetzt während der Faschingszeit an die Narrenmessen denken (daran möchte ich gar nicht denken…), die überall in die Kirchen eindringen. Sehen Sie, ich habe hier die Ansprache des Papstes an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011 vor mir. (Piusbruderschaft zitiert den „nachkonziliaren“ Papst. Bischofskonferenz spielt ihn herunter…) Darin sagt er: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ (Problem der Zweideutigkeit: Erneuerung hat eben in der modernen Sprache immer die Bedeutung von „Altes durch Neues ersetzen“, und darum geht es bei der Erneuerung der Kirche eben nicht. Es geht darum, den Wahren Glauben wieder im Vollmaß anzunehmen.) Durch das Konzil hat eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen, sondern umgekehrt ist der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. (Treffende Diagnose. Der Rauch Satans usw. Das wusste schon Paul VI.)

Die Welt: Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich auf den Rest in Ihrer Mitte (oder am Rand) hindeute, der keine Einigung mit dem Papst mitmachen wird. Sind Sie bereit, um dieses Restes willen die Versöhnung scheitern zu lassen, oder sind Sie bereit, sich von ihm zu trennen?

Pater Franz Schmidberger: Wenn die römischen Autoritäten für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Bruderschaft nicht etwas fordern, was der traditionellen Lehre und Praxis der Kirche widerspricht, so wird es kein allzu großes Problem für eine Regularisierung geben. Wenn dagegen Rom fordern sollte, wir müssten das ganze zweite Vatikanum ohne Wenn und Aber anerkennen, dann sehe ich keine Möglichkeit für eine Lösung. (Das gibt Hoffnung für eine Einigung. Denn „ohne Wenn und Aber“ muss das Konzil niemand anerkennen. Er kann eine Menge „wenns“ und „abers“ vortragen, und immer noch ein Katholik in voller Einheit mit dem Papst sein.)

(…)

Pater Schmidberger versteht es auch in diesem Interview wieder, die Position der Piusbruderschaft deutlich und unmissverständlich klarzustellen, ohne sich in wilden Polemiken, Verschwörungstheorien und Anschuldigungen zu ergehen, wie es dem leider nicht immer völlig unbegründeten Zerrbild des Traditionalisten oder Piusbruders entspricht. Ich denke, dass eine Einigung auf dieser Basis möglich sein müsste, solange sichergestellt wird, dass inhaltliche Kritik auch an den Texten des Konzils, in der Form wie Pater Schmidberger sie hier vorbringt, jederzeit gestattet ist, und die Praxis der Piusbrüder hinsichtlich Lehre und Liturgie nicht angetastet wird.

Jetzt gilt es weiterhin abzuwarten, auf eine positive Antwort aus Rom zu hoffen und für sie und alle Beteiligten auf beiden Seiten der Verhandlungen zu beten.