Von der Unterscheidungskraft der Sprache

„Die Verurteilung des diskriminierenden Rassismus gehört zur Geschichte der Zivilisation, die Verurteilung des distinktiven Rassismus zur Geschichte der Heuchelei. “

—– Michael Klonovsky

Diesen schönen kleinen Aphorismus fand ich heute auf der Homepage von Eigentümlich frei, der libertären Monatszeitung, über deren Gründer und Herausgeber, Andre Lichtschlag, ich kürzlich schon einmal geschrieben habe.

Bekanntlich kann man einen Aphorismus nicht durch Erklärungen verbessern. Er spricht für sich, ruht in sich und erklärt sich von allein. Deswegen ist die Absicht der folgenden Zeilen auch gar keine Erklärung des obenstehenden Aphorismus, sondern vielmehr eine Reflektion über die sichtbare Differenz zwischen den Begriffen der „Distinktion“ und der „Diskriminierung“, mit denen Klonovsky spielt, und die gerade in der heutigen gesellschaftlichen Situation eine große Rolle spielen müssten, und es deshalb nicht tun.

Zur Rechtfertigung für die folgenden Haarspaltereien kann ich nur vorbringen, dass ich sie für wichtig halte, und mehrfach in den Kommentaren zu früheren Artikeln in dieser Haltung bestärkt worden bin.

Da haben wir zuerst die Erkenntnis, dass die beiden Begriffe ja eigentlich dasselbe, oder zumindest etwas sehr Ähnliches sagen. Sie sprechen beide grob von der Unterschiedung. Zwei Sachen zu distinguieren bedeutet sie zu unterscheiden, sie in ihrem Unterschied kenntlich zu machen. Auf der Duden-Seite steht die Definition „unterscheiden; in besonderer Weise abheben“. Eine Distinktion ist also eine Unterscheidung, die eine Sache von einer anderen Sache in besonderer Weise abhebt. Auf der eben verlinkten Duden-Seite findet sich als Definition des Wortes „Distinktion“ einfach das Wort „Unterscheidung“, wobei als sekundäre Bedeutung eine bestimmte Form der Unterscheidung angegeben wird, nämlich eine der Vornehmheit. Wir haben dieselbe Bedeutung auch im englischen „to distinguish“. Man kann damit einfach aussagen, dass man zwei Dinge unterscheidet, ganz wertneutral, aber es gibt auch die übertragene Bedeutung – „a distinguished man“ („ein distinguierter Mann“).

Wir sehen also, dass die Distinktion zwei Grundbedeutungen hat, die ineinander überfließen. Einmal die Unterscheidung als solche, und dann die Unterscheidung nach Vornehmheit oder Besonderheit. Man könnte sagen: Unterscheidung und Hervorhebung.

Der Begriff der „Diskriminierung“ hat im alltäglichen Sprachgebrauch eine ganz andere Bedeutung. Der Duden gibt uns hier: „durch [unzutreffende] Äußerungen, Behauptungen in der Öffentlichkeit jemandes Ansehen, Ruf schaden; jemanden, etwas herabwürdigen“. Nur als „fachsprachlich“ gilt die eigentliche Bedeutung des Wortes „diskriminieren“ vom lateinischen „discriminare“, was nichts anderes bedeutet als unterscheiden. Zu diskriminieren ist in der modernen Gesellschaft so negativ konnotiert, dass es zuweilen erscheint, als sei die „Diskriminierung“ das einzige verbliebene Tabu. Man darf nicht diskriminieren. Auffallend sind hier die zwei auseinanderklaffenden Bedeutungen. Wenn wir jemanden diskriminieren, dann würdigen wir ihn herab, so will es der allgemeine Sprachgebrauch. Doch Diskrimination heißt einfach nur „Unterscheidung“.

Sprachlich besteht von der direkten Wortbedeutung her gar kein großer Unterschied zwischen der Diskriminierung und der Distinktion. Beide bedeuten „unterscheiden“. Doch das eine Wort wird im negativen Sinn gesehen und ist sehr häufig geworden, während das andere Wort positiv konnotiert ist und langsam veraltet. Wer hat schon, außerhalb bestimmter wissenschaftlicher Diskussionen von der „Distinktion“ gehört? Und wem kann das stetige Gebrüll gegen die „Diskriminierung“ entgehen, wenn er nicht gerade einsam im Walde zu leben pflegt?

Das gebräuchliche Fremdwort für Unterscheidung ist negativ konnotiert, während das andere sich noch etwas von seiner ursprünglichen wertneutralen Bedeutung erhalten hat, und sogar positive Konnotationen des Vornehmseins trägt. Das eine Wort ist ein politischer Kampfbegriff, das andere ein Instrument der feinsäuberlichen Abgrenzung von Verschiedenheiten, das nurmehr in bildungsbürgerlichen oder wissenschaftlichen Texten, aber so gut wie gar nicht alltagssprachlich verwendet wird.

Sagt uns das nicht etwas? Die Sprache ist immer Ausdruck der kulturellen Umstände und Werte, die in einer Gesellschaft gelten. Durch die Verwendung eines bestimmten Sprachgebrauchs wird, das haben die Postmodernisten schon ganz richtig gesehen, reale Macht über andere Menschen ausgeübt. Wer von „Bloggerinnen und Bloggern“ oder „BloggerInnen“ spricht, der spricht natürlich dieselben Menschen an, wie derjenige, der einfach von „Bloggern“ spricht. Keiner von beiden würde auf Nachfrage leugnen, dass es Frauen gibt, die bloggen. Doch der eine verwendet eine kompliziertere Formulierung nicht weil er gern umständlich spricht, sondern weil er eine ganz bestimmte politische, diskursverändernde Absicht damit verfolgt. Wenn man von „Bloggern“ spricht, so erkennt man damit tatsächlich implizit patriarchalische Strukturen an – deshalb vermeide ich hier grundsätzlich die politisch korrekten Bisexualismen.

Sprache ist nicht schlechthin denken, wie manche Denker der Postmoderne erkannt zu haben glaubten, aber sie ist trotzdem kaum vom Denken zu trennen und prägt es grundsätzlich. Und weil Sprache das Denken prägt, und das Denken selbst wieder die Sprache verändert, weil es eine sehr feine, tiefgreifende Wechselwirkung zwischen beiden gibt, können wir an der Sprache einer Kultur erkennen, was sie denkt. Und zwar nicht nur durch die konventionellen Wortbedeutungen, sondern gerade auch „zwischen den Zeilen“. Wer „Bloggerinnen und Blogger“ sagt, der vertritt damit – womöglich gegen seinen Willen – eine feministische These. Wer „Diskriminierung“ im Sinne von Herabsetzung gebraucht, der verkündet damit implizit, womöglich wieder gegen seinen Willen, die herrschende Meinung des Egalitarismus. Er verkündet, dass Unterscheidungen unter dem Generalverdacht stehen sollen, zur Herabsetzung anderer Menschen geschaffen worden zu sein. Selbst wenn er die etymologische Herkunft des Wortes gar nicht kennt, so bleibt sie doch objektiv vorhanden, und hat ihre objektiven Wirkungen.

Wer bewusst gegen den Strich spricht, der geht das Risiko ein, falsch verstanden zu werden. Doch er äußert damit auch, selbst wenn es zuweilen der Klarstellung bedarf, eine implizite Opposition gegen die herrschende Lehre vom Egalitarismus.

Und heute spricht man gegen den Strich, wenn man Unterscheidungen nicht allgemein unter „Diskriminierungsverdacht“ (im modernen Sinne) stellt. Dass jemand eine „Distinktion“ herbeizitiert, ist sehr selten – „Diskriminierungen“ sind, trotz der Unhandlichkeit des Wortes, in aller Munde. Aufgrund der engen Verbindung von Sprache und Denken, liefert uns diese Tatsache nämlich Einblicke in das vorherrschende Denken.

Es ist daher ein Akt revolutionären Widerstands gegen die herrschende moderne Kultur, wenn man, wie Klonovsky, bewusst gegen den Strich spricht. Wenn man sich weigert, hässliche, stilistisch wie inhaltlich unangemessene Konstruktionen zu bilden, nur um psychotisch die linguistische Frauenquote zu erfüllen, wenn man sich weigert, durch den tendenziösen Gebrauch des Wortes Diskriminierung alle Unterscheidung unter den Generalverdacht der ungerechten Herabsetzung zu stellen, vergeht man sich nicht nur an der sprachlichen Schönheit des Ausdrucks, sondern auch an den Grundfundamenten des traditionellen christlichen Denkens.

Sprache kann nun einmal als subversives Werkzeug verwendet werden. Mit Sprache kann man die Gesellschaft verändern, indem man das Denken verändert. Wer den herrschenden Sprachgebrauch übernimmt, der übernimmt damit auch die Bahnen, in denen das herrschende Denken sich zu bewegen pflegt.

Die Egalitaristen haben sich der Sprache zu genau diesem Zweck bedient. Nichts anderes ist die Politische Korrektheit, die in die Sprache triumphal eingezogen ist. Wenn man die Geländegewinne der Egalitaristen auf dem Schlachtfeld des Denkens zurückerobern will, muss man ihre Lufthoheit auf dem Schlachtfeld der Sprache brechen. Erst von dieser strategisch wichtigen Anhöhe aus kann man dann Vorstöße tief in feindliches Gebiet unternehmen und den Kampf gegen den Egalitarismus siegreich beenden. Klingt das zu martialisch? Ich habe hier bewusst kriegerische Metaphern verwendet, um den Eindruck deutlich zu machen, den selbst so wenig subtile stilistische Mittel auf den unvorbereiteten Leser haben können.

Doch der Sache nach steht die Aussage: Solange wir beim „Diskriminieren“ immer die negative Konnotation hören, und nicht zusammenzucken, wenn jemand mal wieder von „BloggerInnen“ oder „Unternehmerinnen und Unternehmern“ spricht, haben wir den kleinen Modernisten tief im eigenen Kopf sitzen.

Und solange ihn selbst seine Gegner im Kopf haben, wird es ihnen nicht gelingen, ihn aus der Gesellschaft zu vertreiben.

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Rassismus im Sommerloch

Ich, Catocon, war persönlich nie ein besonders glühender Patriot geschweige denn Nationalist. Als die deutsche Nationalmannschaft noch schlechten, unansehnlichen Fußball gespielt hat, war ich öfters sogar für ihre Gegner, einfach um spannende, schöne Fußballspiele sehen zu können. (Auch heute reicht das Gesicht von Frau Merkel nach einem Sieg um mich ins Zweifeln zu bringen…) Die leidigen Fragen der Einwanderungspolitik waren nie mein Thema. Mich hat immer mehr interessiert, was ein Mensch denkt, als wie er aussieht, oder aus welchem Land er kommt. Spannend finde ich verschiedene Kulturen – ob diese Kulturen von Menschen mit bestimmten physiologischen Gemeinsamkeiten, sprich Rassen, gelebt werden, könnte mich nicht mehr langweilen. Ich stehe dem Christen aus Ouagadougou näher als dem Atheisten aus Kassel.

Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen. Doch wenn ich die Scheindebatten lese, die im Moment mal wieder Hochkonjunktur haben, dann offenbart sich mir eine beamtenhafte Lächerlichkeit, die nur noch von ihrer Unsinnigkeit übertroffen wird. Drei Beispiele:

„Rassismus“ gegen Özil

Innenminister schämt sich für deutsche Fans

SPD will Rassebegriff aus Gesetzen streichen

Ich bitte die Leser, diese drei Artikel selbst zu lesen und sich eine eigene Meinung zu den Vorfällen zu bilden.

Ich hätte da nur einige Fragen, deren Antworten nicht so richtig in meinen Kopf wollen:

1. Özil ist, da bin ich sicher, deutscher Staatsbürger. Aber es gibt doch auch so etwas wie eine deutsche Kulturnation und eine deutsche Herkunft, oder nicht? Ist es rassistisch, wenn man davon überzeugt ist, dass Nationalität mehr ist als nur ein Eintrag im Personalausweis?

2. Ist es verwunderlich, dass Fans, die von den sehr schwachen Leistungen Özils enttäuscht sind, und sich fragen, warum er die Nationalhymne nicht mitsingt, in unfreundlicher Weise reagieren? Muss man daraus, selbst wenn man das für falsch hält, gleich Rassismus und implizit Nazitum machen?

3. Wenn Innenminister Friedrich (KPCSU) sich für die deutschen Fans schämt, weil sie „Sieg, Sieg!“ rufen – ist es dann rassistisch, wenn katholische Theologen vom „Heil“ sprechen? Oder vom „Reich Gottes“?

4. Was sollen die deutschen Fans denn rufen? „Niederlage, Niederlage!“ oder „Unentschieden, Unentschieden“?

5. Was unterscheidet Deutschland von einer ideologischen Gesinnungsdiktatur, wenn der Inneminister solche Töne von sich gibt:  „Über den Kurznachrichtendienst Twitter war unter anderem geschrieben worden, der Sohn zweier türkischer Eltern sei kein Deutscher. Dies sei nur die „Spitze des Eisberges“, unterstrich der Innenminister. Derzeit könnten die Täter jedoch wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Es soll also strafbar sein, wenn man so etwas sagt? Was kommt als nächstes? Wird man verhaftet, wenn man sagt, Mesut Özil sei Schwede?

6. Was ist „indirekte rassistische Diskriminierung“, die die SPD in allen Bevölkerungsschichten in üblicher linkssozialistischer Stasi-Manier überwacht haben möchte? Wenn jemand sagt, Franz Beckenbauer sei kein Deutscher, sondern Bayer? Wenn jemand „Danzig“ statt „Gdansk“ sagt? Wenn eine schwangere Frau die Straßenseite wechselt, wenn ihr nachts fünf türkische Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand entgegen kommen?

7. Was ist die „antirassistische Zivilgesellschaft“ wenn nicht ein anderes Wort für die politisch korrekte Gesinnungsdiktatur, die anstelle der Alleinherrschaft der Partei von linker Seite eingeführt werden soll?

8. Wenn alle möglichen ganz harmlosen Äußerungen „rassistisch“ sein sollen – wer bestimmt dann, wessen „Rassismus“ verfolgt wird? Natürlich am Ende die Mächtigen. Ist das die Absicht der Mächtigen? Oder wissen sie nicht, dass diese Inflation von Rassismusvorwürfen den wahren Rassisten genau die Tarnung gibt, die sie brauchen? Wissen sie nicht, dass sie durch ihren hyperventilierenden Antirassismus genau den Rassismus normalisieren, den sie zu bekämpfen vorgeben? Dass die Menschen nach dem 1000. Rassismusvorwurf gegen ganz harmlose Aussagen irgendwann gar nicht mehr zuhören, wenn man mal wirklich jemandem Rassismus vorwerfen müsste?

9. Wenn man den Rassebegriff aus den Gesetzen streichen will, sollte man dann nicht auch den Rassismusbegriff aus der Alltagssprache streichen? Oder dürfen wir dann nicht mehr „Schwarzes Loch“ sagen, weil es einer Beleidung „dunkelhäutiger MitbürgerInnen“ zu nahe käme?

10. Ist umgekehrter Rassismus besser als die gewöhnliche Art? Wäre es nicht schön, wenn wir einfach akzeptieren könnten, dass manche Menschen eben anders aussehen als wir, und dass sie in vielerlei Hinsicht anders sind als die meisten Menschen deutscher Herkunft, und diese Differenzen, diese Unterschiede, ebenso schön und gut finden, wie andere Arten von Unterschieden? Und dann gegen die (wenigen) Rassenhasser sachlich argumentieren, die andere Menschen wegen ihrer biologischen Abkunft verurteilen?

11. Wer hat dieses Land eigentlich so vor die Hunde gehen lassen?

12. Haben wir sonst nichts zu tun?

P.S. Von dem gesamten Text des Liedes, aus dem die heutige deutsche Nationalhymne stammt, fand ich die erste Strophe immer übertrieben pathetisch und die dritte etwas flach und uninteressant. In der zweiten Strophe kommt, so glaube ich, der ursprüngliche Charakter dieses schönen Liedes als Trinklied der nationalbewussten Liberalen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck. Ich schließe also:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Und, mit der in Hoffmann von Fallerslebens handschriftlichen Notizen vorgesehenen alternativen dritten Strophe:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Stoßet an und ruft einstimmig:
Hoch das deutsche Vaterland!

Und damit Prost und viel Spaß beim Spiel gegen die Griechen!

Beteiligung der Laien

Man spricht in reformkatholischen Zirkeln immer gern von mehr Beteiligung der Laien, versteht dies aber leider bloß als „Laien sollen wie Priester werden“. Die Gegenüberstellung zweier Artikel auf kath.net zeigt, dass in manchem Felde tatsächlich Priester und Bischöfe sich etwas von Laien abschauen können – zumindest von papsttreuen Laien wie Matthias Matussek:

Matussek zur Kirchensteuer

Erzbischof Zollitsch zum selben Thema

Also: Lasst den Priestern und Bischöfe ihre besonderen Funktionen im Zusammenhang mit Sakramenten, Liturgie usw., versucht also nicht die Rolle der geweihten Kirchendiener zu übernehmen, sondern tut das, wofür Laien da sind; verbreitet mit Mut und Klarheit den Glauben, ohne Angst vor inner- und außerkirchlicher „politischer Korrektheit“.

In diesem Sinne interpretiert, ergeben die konziliaren Aufforderungen nach mehr Beteiligung der Laien auf einmal Sinn. Vor allem, wenn man die apathische, zuweilen kontraproduktive Herangehensweise einiger deutscher Hirten betrachtet.

Kirsche in Häute senken, oder so

„Kirche im Heute denken“, so oder ähnlich geht eines der Reizwörter des aktuellen Dialogprozesses. Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht auf dessen inhaltliche Dimension eingehen – die versuchte Unterwanderung kirchlicher Strukturen durch etwas, das einer meiner Kommentatoren als „Fünfte Kolonne“ bezeichnet hat – sondern einen sprachlichen Aspekt beleuchten, der an dem oben genannten Satz sehr gut zu erkennen ist.

„Kirche im Heute denken“ – daran finde ich drei Phänomene bemerkenswert:

1. „Kirche“: Die Verwendung des Wortes ohne bestimmten, aber auch ohne unbestimmten Artikel lässt tief blicken. Selbst wenn die moderne philosophische Auffassung, das Denken werde ausschließlich von der Sprache bestimmt, nicht zutrifft, so bleibt es doch unbestreitbar, dass unser Denken wenigstens von der Art und Weise wie wir zu sprechen und was wir zu sagen gewohnt sind, stark beeinflusst wird. Was drückt jemand aus, der von „Kirche“ spricht? Zunächst einmal meint er nicht „eine Kirche“ – sonst könnte er es ja sagen. Es geht also schon um eine irgendwie näher bestimmte Kirche, nicht bloß um „eine“ oder gar „irgendeine“. Aber er meint auch nicht „die Kirche“ – das vermag man mittels der deutschen Sprache ebenfalls zu artikulieren. Er möchte also auch nicht von „der Kirche“, also der katholischen, sprechen. Was sagt also die Redensart von Kirche ohne jeden Artikel aus? Eine gewisse Unbestimmtheit, die selbst in ihrer Unbestimmtheit wieder unbestimmt ist – die sich nicht einmal soweit bestimmen lässt, dass man von „einer Kirche“ sprechen könnte, kurzum: eine undefinierbare Masse, ein amorpher Haufen Knetmasse, aus dem man machen kann was man will.

Es spielt keine Rolle, ob der Sprecher diesen Effekt intendiert oder nicht – der Eindruck wird durch die Formulierung erweckt, nicht durch die Absichten des Redners. Daher ein Appell an alle Leser: Sagen Sie, wann immer möglich, „die Kirche“, nicht bloß „Kirche“.

2. „Im Heute“: Abgesehen von der halsbrecherischen Ungeschicklichkeit einer solchen Formulierung, die Zweifel an der Sprachkompetenz desjenigen aufkommen lässt, „ob er im Heute Sprache überhaupt mächtig ist“, verbirgt sich hinter dem Wort ebenfalls wieder eine versteckte Grundannahme. „Im Heute“ ist etwas fundamental anderes als „im Gestern“ – was gestern war, soll und kann nicht mehr zählen, da die Kirche ja „im Heute“ gedacht werden soll. Oft wird noch das Wörtchen „neu“ hinzugefügt, was den Effekt weiter verstärkt.

3. „Denken“: Manchmal ersetzt durch „gestalten“, was den nun zu beschreibenden Effekt noch deutlicher macht. Hier wird dem Hörer nämlich ohne jedes Argument die Vorstellung untergejubelt, dass die Kirche etwas sei, das man irgendwie „denken“ oder „gestalten“ oder „machen“ müsse – was der katholischen Lehre von der Kirche Gottes diametral entgegensteht. Nach katholischem Verständnis müssen wir die Kirche nicht „denken“, sondern wir haben sie schon, Gott hat sie erdacht, nicht wir.

Der eine Teilsatz, „Kirche im Heute denken“, transportiert schon mindestens drei versteckte Aussagen: (1) „Kirche“ ist eine amorphe, also formbare Masse, nicht etwas Bestimmtes, (2) „im Heute“ ist etwas anderes als „im Gestern“, also sind fundamentale Reformen notwendig, um „im Heute“ ankommen zu können, und (3) „Kirche“ ist etwas, das WIR denken und machen können, wir können uns „unsere Kirche“ noch unserem Bilde erschaffen.

Das gefährliche an diesen Aussagen ist nun, dass sie eben nicht gesagt werden. Sie bleiben ungesagt, sie sickern unbemerkt in die Köpfe der Sprecher und der Hörer – sie verändern langsam und schleichend die Denkweise, wenn man sich dieser versteckten Aussagen nicht bewusst ist. Für sie wird nicht argumentiert – sie werden als unverrückbare Tatsachen vorausgesetzt und dann baut man mit solchen Formulierungen auf ihnen auf. Formulierten die Dialogisten derartige Sätze offen und ehrlich, so wäre das alles akzeptabel. Man müsste dan Argumente vorbringen, begründen, warum man an Formbarkeit der Kirche, Anpassung an den Zeitgeist, und eine bloß menschlich-erfundene Kirche glaubt, und sich gegebenenfalls mit Gegenargumenten auseinandersetzen. Doch Propagandabegriffe wie „Kirche im Heute denken“ ersparen uns derartige inhaltliche Debatten. Wir können einfach unsere Meinung als Wahrheit darstellen, und dann jeden höflichen Diskurs auf unsere Meinungen beschränken.

Das Perfide an politischer Korrektheit ist genau diese Auswirkung auf das Denken der Menschen: Unliebsame Positionen wurden früher verboten, dann kam eine Zeit, in der man sie mit Argumenten zu bekämpfen versuchte, doch heute werden die Menschen durch Sprache so konditioniert, dass sie unliebsame Positionen gar nicht mehr zu denken vermögen. Ihre Begriffe sind so beschränkt, und zugleich so inhaltsleer, dass damit ernsthaftes Denken gar nicht mehr möglich ist.

Ein ähnlicher Effekt tritt bei dem derzeitigen Dialogprozess in der katholischen Kirche auf. Die verwendeten Worte beschränken bereits den Raum der möglichen mit diesen Worten zu vertretenden Thesen. Von Anfang an ist damit sichergestellt, dass „konservative“ oder „traditionelle“ Stimmen sich gar nicht in der Diktion des Diskurses zu artikulieren vermögen, und dass Stück für Stück diese Mentalität auch in konservative, oder lehramtstreue Kreise einsickert – wie sich hervorragend an einem Gastkommentar von Herrn Püttmann bei kath.net ablesen lässt, über den ich vor einiger Zeit einmal geschrieben hatte. Die verwendeten Formulierungen lassen nur eine gewisse Breite an möglichen Meinungen zu. Diese Formulierungen wachsen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem Denkhorizont zusammen, der freies Nachdenken praktisch unmöglich macht.

Im Bereich der Politik haben wir das schon oft erlebt. Ein sachliches Gespräch über Feminismus, Abtreibung, „Soziale Gerechtigkeit“, Klimaveränderung, Einwanderung, Islam, Heimunterricht, privaten Waffenbesitz, Homosexualität und hundert weitere Themen ist gar nicht möglich, weil diese Themen durch bestimmte eingeschliffene Worte und Satzteile dermaßen ideologisch vorgeprägt sind, dass jede zur Ideologie konträre Äußerung sofort als „extremistisch“ eingestuft wird. Ob „Geschlechtergerechtigkeit“, „Wahlfreiheit der Frau“, „Schere zwischen Arm und Reich“, „Wissenschaftlicher Konsens“, „Fremdenfeindlichkeit“, „Islamophobie“, „Sozialisierung“, „Wildwest“ oder „Angeboren“ – ein sachliches Gespräch ist unmöglich. In der Kirche geschieht dasselbe momentan, so dass wir bald nur noch von „Kirche“ sprechen. Selbst konservative, oder lehramtstreue Katholiken, plappern oft unbewusst diese Floskeln nach, und beteiligen sich damit unabsichtlich an der Verbreitung der oben beschriebenen Irrlehren und der Zerstörung jeder echten Diskussionskultur.

Daher nochmal mein Aufruf: Seien Sie politisch inkorrekt, es ist „die Kirche“, es sind Brüder (fratres) nicht „Brüder und Schwestern“, und es ist auch nicht „unsere“ Kirche, sondern Gottes, daher brauchen wir sie auch nicht neu zu denken, weder „im Gestern“ noch „im Heute“ oder „im Morgen“.