Mut zum Patriarchat

Wir leben in der „vaterlosen“ Gesellschaft. Wenn es ein Merkmal gibt, das unsere moderne, westliche Gesellschaft sowohl von ihrem Wesen her als auch in vielen ihrer individuellen Ausprägungen treffend zu charakterisieren vermag, dann ist es wohl die Vaterlosigkeit.

Wir haben uns seit der Französischen Revolution von der Monarchie als normaler Staatsform verabschiedet. Die noch verbliebenen europäischen Monarchen sind eigentlich Aushängeschilder ohne echte politische Macht. Sie hängen von der Gnade gewählter Parlamentarier ab, die sie jederzeit endgültig abschaffen könnten, wenn ihnen gerade danach wäre. Wir haben die Könige praktisch kastriert, wenn wir sie nicht gerade im Eifer aufklärerischer Befreiung aufgeknüpft, oder, nach dem berühmten Vorschlag des Voltaire*, mit den Innereien des letzten Priesters erdrosselt haben. Der Fachbegriff dafür ist Demokratisierung.

Der Kampf gegen den Vater als Haupt der Familie ist durch den modernen Feminismus weitgehend erfolgreich abgeschlossen worden. Der Sirenengesang der Ideologie hat Millionen Frauen dazu verführt, mehr ihrer „Selbstverwirklichung“ nachzuhängen, als ihrer unverzichtbaren Rolle als Herz ihrer Familie. Zugleich ist durch den innerfamiliären Egalitarismus eine Generation von Männern herangezogen worden, die ihre Rolle als Haupt der Familie, als echter Vater, gar nicht mehr wahrnehmen kann, weil ihr dazu die charakterliche Stärke fehlt. Die traditionelle Familie ist längst kein Leitmodell mehr; in vielen Landesteilen hat sie bereits den Charakter einer ungeliebten Seltsamkeit. Der Vater ist höchstens noch eine Lachfigur. Immer mehr Kinder wachsen, mit teils schwerwiegenden Folgen, ohne Vater auf.

Auch in der Kirche ist der Vater nicht mehr Gegenstand hohen Ansehens. Väter gibt es in der Kirche viele – angefangen beim Heiligen Vater. Aber auch der einfache Pfarrer oder Pastor ist durch seinen priesterlichen Dienst der geistliche Vater seiner Gemeinde. Die katholische Kirche hat kaum noch priesterliche Berufungen. Viele Priester beschäftigen sich lieber mit Ungehorsamsaufrufen, statt sich um das Wohl ihrer geistlichen Kinder zu kümmern. In der breiteren Gesellschaft, aber auch unter Katholiken, ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Feindseligkeit gegenüber Priestern längst hoffähig geworden. Die Rolle der Priester soll immer weiter eingeschränkt werden. Laien, auch Frauen, sollen viele der Tätigkeiten übernommen, die traditionell Klerikern, geistlichen Vätern, vorbehalten waren. Selbst die Gemeindeleitung wird inzwischen zunehmend von Laien übernommen, weil es an Priestern mangelt, aber auch weil die Ideologie es so will.

Über aller Vaterlosigkeit der modernen Gesellschaft steht als Wurzel des Übels die eine Vaterlosigkeit, von der alle weltliche Vaterlosigkeit ihren Namen hat: Die Abwesenheit Gottes, sozusagen des ultimativen Vaters, in den Herzen der Menschen. Nicht, dass die Mehrheit überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde – weit gefehlt. Umfragen zeigen immer wieder, dass die meisten Menschen an irgendwelche schattenhaft vorgestellten übernatürlichen Wesenheiten glauben, und immer noch mehr als 50% bringen diese diffusen Vorstellungen in Verbindung mit dem Wort „Gott“. Doch der christliche Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ist dem modernen Menschen definitiv zuviel.

Dabei ist auffällig, dass der Sohn, Jesus Christus, immer noch eine gewisse sentimentale Zuneigung hervorruft. Selten wird er abgelehnt, meist möchte man ihn eher vereinnahmen. Als netten Menschen ist man bereit ihn zu tolerieren, solange er sich wohlfeil verhält, und nicht aus der Rolle fällt. Auch der Heilige Geist ist nicht allzu unpopulär. Aber der Vater? Der mit den ganzen Geboten? Der, von dem alle Autorität auf Erden stammt?

Die moderne westliche Gesellschaft flüchtet vor dem Himmlischen Vater und allen kleinen, weltlichen, irdischen Vätern, die einen winzigen Teil seiner Vaterschaft übertragen bekommen haben. Sie führt einen Stellvertreterkrieg gegen echte, starke Väter in Politik, Gesellschaft und Familie, weil wir an den einzig wahren Vater nicht herankommen. Wir spucken auf die Abbilder, weil das Urbild unerreichbar ist.

In dieser Situation braucht der Christ „Mut zum Patriarchat“. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Herrschaft des Vaters. Die ganze Schöpfung ist ein riesiges Patriarchat: Gott-Vater hat sie geschaffen und er regiert sie bis heute, auch wenn die Menschen gegen ihn rebelliert haben und dies mit Freuden immer noch tun.

Auch die Kirche ist ein Patriarchat. Das wahre Oberhaupt der Kirche ist der himmlische Vater. Der bis in den Tod gehorsame Sohn hat sie gestiftet, und alles was der Sohn tut, kommt vom Vater. Vom Sohn hat Petrus, der Fels, die Leitung der Kirche übertragen bekommen. Bis heute ist das sichtbare Oberhaupt der Kirche der geistliche Vater aller Katholiken und sie sind gerufen, der legitimen Autorität dieses Vaters zu gehorchen. Die Kirche ist keine egalitäre, sondern eine patriarchalische Institution.

Das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Dasselbe gilt für die Familie. Auch sie ist nicht egalitär, sondern patriarchalisch. Auch in ihr ist der Vater das Haupt. Er vertritt mit seiner väterlichen Autorität die väterliche Autorität Gottes. Die Familie ist bekanntlich immer auch eine kleine Kirche (ecclesiola) und wie in der „großen“ Kirche gibt es in ihr geistliche Autorität, Hierarchie und Leitung.

Auch das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Im Staat ist prinzipiell auch eine demokratische Regierungsform legitim; es gibt hierzu keine verbindliche lehramtliche Festlegung. Trotzdem kann man wohl kaum leugnen, zumindest als Ideal, dass der katholische Monarch eine Figur ist, die sehr gut in die hier beschriebene patriarchalische Ordnung passt. So wie der göttliche Vater seine Schöpfung und der Heilige Vater seine Kirche und der Familienvater seine Familie zu leiten hat, so obliegt auch dem katholischen Monarchen die Leitung seines Volkes. Das Ausmaß der Autorität, und ihre jeweils konkrete Ausprägung variiert natürlich mit den Aufgaben, die ihr übertragen sind, doch immer bleibt es eine Autorität, und nie ist diese Autorität unpersönlich-neutral, sondern persönlich, väterlich, nach dem Bilde Gottes.

Alle Autorität kommt von Gott – man kann sie missbrauchen, doch selbst dann kommt sie noch von Gott. Selbst wenn man dem Träger dieser Autorität aufgrund des Missbrauchs den Gehorsam verweigern muss. Und weil sie von Gott kommt, und weil Gott Vater ist, ist Autorität ihrer Natur nach väterlich. Deswegen spricht man ja auch von „Herrschaft„. Selbst die Feministen sprechen nicht von „Frauschaft“ oder „Damenschaft“.

Nun ist es ein ganz besonderes christliches Faktum, dass jede Herrschaft immer eigentlich Dienst ist. Gott ist hier wieder das Urbild. Wir, seine Geschöpfe, sündigen, beleidigen und verhöhnen ihn. Und was tut er? Ja, er straft uns. Er ist ein gerechter Gott, und Strafe muss sein. Doch er tut mehr. Er schickt seinen eigenen Sohn. Gott selbst nimmt Menschengestalt an, demütigt sich, entäußert sich, lässt sich zu Tode foltern und ans Kreuz schlagen, besiegt den Tod und öffnet uns den Weg zurück zu ihm. Er ist der Herr. Doch als guter Herr opfert er sich für seine Diener.

Weil alle Autorität väterlich ist und von Gott kommt, ist jeder Vater, jeder, der Autorität hat, dazu gerufen, sich ebenso zu verhalten. Auch er soll sich hingeben für seine „Diener“. Auch er soll nicht um seines eigenen Vorteils willen herrschen, sondern für die seiner Herrschaft oder Autorität anvertrauten Personen. Auch er soll sich demütigen und entäußern, wenn sich dies als notwendig erweist.

So ist ein Christliches Patriarchat nicht einfach die Herrschaft der Väter, sondern auch die Herrschaft der Diener.

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* Anmerkung: Ich wurde in einem Kommentar darüber aufgeklärt, dass der Satz ursprünglich gar nicht von Voltaire stammt, sondern von einem katholischen Priester (!) namens Jean Meslier, der materialistische und atheistische Religionskritik schrieb. Anscheinend ändern sich die Zeiten nie… Solche Priester hatten wir schon immer.

Erneut zum Priestermangel

Ich veröffentlichte gestern ein „Zehnpunkteprogramm“ gegen den Priestermangel, das sich vorwiegend auf Vorschläge beschränkte, die man auf Gemeindeebene umsetzen kann, für die man also nicht auf das schwerfällige Umsteuern der deutschen Bischofskonferenz warten muss (da kann man nämlich lange warten…).

Dennoch liegen ganz wesentliche strukturelle Gründe für den heutigen Priestermangel natürlich auf einer Ebene, die die einzelne Gemeinde nicht allein beheben kann. Ich hatte eigentlich vor, an dieser Stelle eine Ergänzung zu verfassen, die mögliche Reformen auf Bistumsebene, an den Priesterseminaren, am Rätewesen der deutschen Bischofskonferenz und teilweise gar an der generellen kirchlichen Praxis in der westlichen Welt betrachtet hätte.

Wie mir jedoch inzwischen aufgefallen ist, kann ich einfach auf den weitaus besseren Aufsatz von Prof. Dr. Georg May verweisen, den er zu exakt demselben Thema geschrieben hat. Ich spare mir daher die Formulierung eigener Thesen und schließe mich schlicht den Worten des Aufsatzes an. Besser hätte man es nicht sagen können!

Abschließend noch ein Verweis auf einen schon etwas älteren, aber erst gestern von mir entdeckten Artikel auf Katholisches, der sich mit sehr interessanten Statistiken und Trends in den französischen Priesterseminaren beschäftigt, welche sich mehr oder weniger wohl auch auf die deutsche Situation übertragen ließen. Wenn die im Artikel angegebenen Daten stimmen, dann gehört bereits heute jeder dritte französische Seminarist entweder einer der traditionellen Messe verbundenen Ecclesia-Dei-Gemeinschaft oder der Piusbruderschaft an. Ferner:

Hinzu kommt, daß die Bischöfe und Regenten der Priesterseminare feststellen, daß ein wachsender Teil der „ordentlichen“ [nach der Sprachregelung des Artikels diejenigen, die keine Seminaristen des „Alten Ritus im Sinne von Summorum Pontificum“ sind, Anm. v. Catocon] Seminaristen sich offen zu traditionalistischen Tendenzen bekennen und das Recht beanspruchen, in beiden Formen des Ritus ausgebildet zu werden. Es handelt sich bereits um jeden fünften „ordentlichen“ Seminaristen, wahrscheinlich sogar mehr, wobei Paris derzeit eine Ausnahme bildet.

Wenn diese Zahlen stimmen, dann schrumpft die Zahl der Seminaristen immer weiter, mit ihr auch die Zahl der Priester, wobei der richtige Priestermangel erst noch kommt, wenn die heute 65 bis 75 Jahre alten Priester, die zumeist wohl noch vor 1970 geweiht worden sind, sterben oder aus anderen Gründen nicht mehr zur Verfügung stehen können. Doch hinter diesen drastischen Zahlen verbergen sich konstante bis leicht zunehmende Seminaristenzahlen bei allen traditionellen Gemeinschaften (definiert als Anhänger der „Alten Messe“), die noch höher sein könnten, wenn die Kapazitäten dieser Seminare ausreichend wären. Hält dieser Trend an, so kann man damit rechnen, dass eine paradoxe Situation entstehen wird:

Während einerseits die meisten Bischöfe sich weigern, mit den traditionellen Gemeinschaften zu kooperieren, selbst wenn sie sich in voller Einheit mit Rom befinden, und damit einen großen Teil des Priesternachwuchses aus ihren Diözesen fernhalten, übernehmen aus Angst vor der Feier der traditionellen Messe und des Bekenntnisses des traditionellen katholischen Glaubens (mit dem vorgeschobenen Feigenblatt des Priestermangels) mehr und mehr Laien die Gemeindeleitung und zerstören damit die Kirche von innen heraus.

Wann wird der Zeitpunkt kommen, an dem die französischen Bischöfe, um deren Bistümer es bei den hier beschriebenen Zahlen ja geht, ihre Kirchen endlich für die große Zahl an Priestern öffnen, mit der sie den Priestermangel zumindest mildern könnten?

Diese Entwicklung steht sinnbildlich für die Tatsache, dass es keinen Priestermangel gibt, der irgendwie für sich genommen ein Problem wäre, sondern vielmehr einen Glaubensmangel, besonders unter den Priestern und Bischöfen. Um nur einen ganz kurzen Abschnitt aus dem hervorragenden Aufsatz von Prof. Dr. May zu zitieren (den spätestens nach dem Ende dieses Artikels alle Leser sich zu Gemüte führen sollten):

Der Kardinal Šeper, Präfekt der Glaubenskongregation, der es wissen mußte, hat einst den Satz geprägt: „Die Krise der irche ist eine Krise der Bischöfe.“ An der Richtigkeit dieser Feststellung, hat sich bis heute nichts geändert.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Priesterberufungen: Ein Zehnpunkteprogramm

Gott beruft immer genug Männer zum Priestertum, davon bin ich fest überzeugt. Das Problem ist also nicht eine zu geringe Zahl an Berufungen, sondern unter den Berufenen eine zu schlechte „Ausbeute“. Die Zahl derjenigen, die zwar eine Berufung hätten, aber niemals davon erfahren, ist einfach zu hoch. Diözesen versuchen schon – erfolglos – seit vielen Jahren, mehr Priesterberufungen zu erlangen. Doch das alles funktioniert nicht richtig. Andererseits ist die Zahl der Neupriester bei der Petrusbruderschaft und anderen traditionell-katholischen Gruppen nur durch den knappen Platz in den Priesterseminaren begrenzt. Das trifft selbst auf die Piusbrüder zu, die nicht einmal eine kirchenrechtliche Stellung haben, und deren Priester allesamt suspendiert werden, sobald ihre Weihe vollzogen ist.

Was machen die traditionellen Gruppierungen richtig, was die Bistümer und der Mainstream der heutigen Kirche falsch machen? Die Frage wird sich wohl niemals wirklich schlüssig lösen lassen. Ich verzichte auf eine ausführliche Analyse oder Herleitung meiner Vorschläge und führe stattdessen ein schlichtes Zehnpunkteprogramm für die Lösung des „Priestermangels“ an. Die meisten dieser Punkte lassen sich auf Gemeindeebene umsetzen, für manche müßte man auf Diözesanebene handeln.

1. Totales Quengelverbot: Die Kirche ist die Kirche; ihre Dogmen sind ihre Dogmen; und fertig. Wer das anders sieht, irrt. Wir stehen für etwas, was nicht jedem gefallen muss, aber wem es gefällt, dem gefällt es so richtig. Es muss klar werden: Hierfür lohnt es sich, sein ganzes Leben umzustellen und gar hinzugeben.

2. Anbetung des Eucharistischen Herrn: Der Herr ist wirklich gegenwärtig im Sakrament des Altares – dieses „Stück Brot“ kann man nur anbeten, wenn man wirklich an die Realpräsenz glaubt, denn sonst hält man es wirklich nur für ein „Stück Brot“. Doch diese reale Präsenz bringt uns der Priester, und nur er.

3. Kinderreiche Familien: Viele Kinder heißt auch viele Söhne, also ein großes potenzielles „Reservoir“ – und einer Priesterberufung zu folgen, wenn man der einzige Sohn einer Familie ist, fällt aus offensichtlichen Gründen deutlich schwerer.

4. Männlicher Altardienst: Sehr viele Priester waren früher Meßdiener. Doch in dem Alter, in dem Jungen diesen Dienst heute in der Regel ausüben, wollen sie nicht viel mit Mädchen zu tun haben. Mädchen zuzulassen heißt, viele Jungen abzustoßen. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Meßdienerinnen und Ordensberufungen, wohl aber zwischen Meßdienern und Priesterberufungen.

5. Respekt vor dem Priester: Keiner will einen Beruf ergreifen, in dem er von seinem engsten Umfeld nicht respektiert wird. Sieht der Jugendliche schon sehr früh, dass der Priester zumindest von den anderen Gläubigen mit Respekt behandelt wird, wird er einer späteren Berufung wesentlich häufiger folgen. Zudem drückt der Respekt vor dem Priester auch Respekt vor seiner unverzichtbaren Handlung am Altar aus.

6. Katechese, Katechese, Katechese: Wer den Glauben nicht kennt, wird auch keine Priesterberufung erkennen und ihr folgen. Dabei darf man keinesfalls unpopuläre Themen aussparen. Sonst kann der Priester ja gleich Politiker oder Medienberater werden – was viele dann auch scheinbar tun. Einen Politikermangel gibt es ja leider nicht.

7. Männliche Priester: Priester sollten sich nicht scheuen, „echte Männer“ zu sein. Sie sind wirklich Väter ihrer Gemeinde. Sie sollten sich auch so verhalten. Viele Priester erscheinen heute aber sehr verweichlicht; in ihrem Verhalten fast androgyn. Kein Wunder, dass die Priesterschaft von Homosexuellen scheinbar nur so wimmelt. Vorbilder sind, gerade für Jugendliche, sehr wichtig – sie brauchen echte, väterliche Männer, die Christus lieben, zu Vorbildern. Keine „viri probati“, aber solche, denen man zutraut, sie hätten es durchaus werden können, wenn nicht ihre Liebe zum Herrn stärker gewesen wäre.

8. Jugendliche ansprechen: Viele Jugendliche haben vielleicht eine Priesterberufung, aber keine Ansprechpartner, die ihnen Amt, Auftrag und Würde des Priestertums aus eigener Erfahrung nahebringen. Hochglanzflugblätter sind sinnlos, mögliche Kandidaten schon früh zu erkennen und individuell zu beraten ist hingegen sinnvoll.

9. Entbürokratisierung: Der Priester sollte sich aufs Kerngeschäft konzentrieren – Sakramente, Seelsorge, Katechese. Für Bürokratie hat man Angestellte, gerade in einem an Finanzmitteln und Bürokratie so reichen Land wie Deutschland, wo man solche braucht und sie sich auch leisten kann. Wer Buchhalter werden will, braucht dafür nicht zölibatär zu leben. Also sollten Priester nicht Buchhalter sein müssen.

10. Katholizität der Seminare: Wer wirklich die Kirche liebt und seine Berufung zum Priester ernst nimmt, so wird zuweilen gesagt, der komme im heutigen Priesterseminar nicht weit. Frömmigkeit, grundsolide (vorzugsweise scholastische) Theologie und Philosophie, die tägliche Messe usw. sind notwendig, sowohl um das Seminar für ernsthafte Seminaristen attraktiv zu machen als auch um gute Priester im Seminar heranbilden zu können.

NACHTRAG: Alipius hat mich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht, dass ich einen ganz zentralen Punkt vergessen habe: Hier ist er.

11. Gebet um Priesterberufungen in allen Gemeinden: Wer nicht fragt, dem wird auch nicht geantwortet.

Soweit mein ziemlich spontaner Zehnpunkteplan (inzwischen mehr als zehn Punkte! – siehe Nachtrag!) auf den Quengelaufruf von Kurienkardinal Grocholewski, über den auf kath.net berichtet wurde. Der Kardinal meint, die Problematik des Priestermangels sei den ach so antikatholischen Medien in die Schuhe zu schieben. Mag ja alles sein. Doch die Medien können wir nicht direkt ändern und sie tragen in noch viel stärkerem Maß zur Schrumpfung der Gläubigenzahlen bei, so dass dies an dem Verhältnis der Priesterzahl zur Zahl der aktiven Gläubigen nichts ändert, oder den Priestermangel vielleicht gar mildert.

Fällt Ihnen noch mehr ein, was man für Priesterberufungen tun könnte? Scheuen Sie sich nicht, Ihre Meinung zu sagen und Vorschläge zu machen. Ideen sammeln schadet nie – man weiß nie, wann man sie überraschenderweise umsetzen oder an den Mann bringen kann!

Ihr wollt Strukturreformen? Könnt ihr haben!

Liebe Reformkatholiken!

Ihr fordert ständig Strukturreformen in der deutschen katholischen Kirche. Ich stimme mit euch überein, dass die derzeitigen Strukturen marode und morsch sind. Lasst uns also mutig im Heute reformieren, um Kirche wieder produktiv für ihren eigentlichen Zweck zu machen.

Hier ein kleiner Denkanstoß für echte Strukturreformen, die, darin sind wir uns einig, dringend erforderlich sind:

1. Abschaffung der Kirchensteuer. Stattdessen sollten alle kirchlichen Unternehmungen durch Spenden der Gläubigen finanziert werden.

2. Auflösung oder wenigstens Neuverhandlung aller Verträge der Kirche mit der Bundesrepublik Deutschland, die die Handlungsfreiheit der ersteren beschränken. (Wenn der Erzbischof von Berlin vor dem Regierenden Bürgermeister einen Treueeid schwören muss, ist das Maß voll. In der Kirche darf es keine Loyalitätskonflikte zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt geben.) Ziel ist umfassende Handlungsfreiheit der Kirche in Deutschland ohne Rücksicht auf weltliche Mächte.

3. Abschaffung von Gemeinderäten, Liturgieräten und allen anderen derartigen Strukturen auf Gemeinde- oder Pfarreiebene. (Idealerweise auch auf Diözesanebene) Stattdessen soll es in jeder Gemeinde eine vom Pfarrer auszuwählende Person geben, die für die notwendige Bürokratie zuständig ist. Der Pfarrer soll sich wieder ganz auf sein „Kerngeschäft“ (Spendung der Sakramente, Verbreitung des Glaubens, bestimmte Arten der Seelsorge) beschränken können.

4. Zusammenlegung von Gemeinden, so dass jeder Priester für genau eine Gemeinde zuständig ist. Weitere Wege für Gläubige sind akzeptabel – man kann ja statt Pfarrgemeinschaften einfach Fahrgemeinschaften gründen.

5. Sicherstellen, dass alle Bischöfe vom Papst bestimmt werden können – keine Vorschlagslisten oder sonstige Methoden zur Verwässerung der Auswahl. Der Papst sollte bei seiner Auswahl nicht von lokalkirchlichen Machtpolitikern eingeschränkt werden können. Gegenteilige Absprachen oder Traditionen sind abzuschaffen.

6. Auflösung der Bischofskonferenzen. Es ist lächerlich, dass, gerade in der globalisierten Welt, die Bischöfe eines Nationalraums faktisch als Einheit gesehen werden. Das Konferenzwesen hat sich nicht bewährt. Jeder Bischof ist für seine Diözese zuständig; wenn alle Bischöfe für alle Diözesen zuständig sind oder auch nur zu sein scheinen, ist niemand mehr für irgendetwas zuständig.

7. Priesterseminare unter Diözesanaufsicht stellen. Alle Priesterseminare müssen vollständig aus den staatlichen Universitäten herausgelöst werden. Stattdessen sollte es eine Handvoll Seminare in Deutschland geben, die direkt von den Diözesen selbst durch Spenden betrieben werden. Nicht jede Diözese braucht ihr eigenes Seminar, da manche kaum Priesteramtskandidaten haben. (Höchstens ein Seminar pro 100 Seminaristen.)

8. Alle Mitarbeiter der Kirche auf Gemeinde- oder Diözesanebene sowie im Bereich der karitativen Tätigkeiten müssen einen speziellen Eid der Treue zu Papst und Lehramt schwören, wenn sie weiter tätig bleiben wollen. Es ist notwendig, dass die katholische Kirche in allen Tätigkeitsbereichen wieder erkennbar katholisch wird – und ohne Einheit mit dem Papst und dem Lehramt ist keine Katholizität zu haben.

Werdet Ihr diese Strukturreformen bei eurem nächsten Treffen diskutieren? Oder wird es wieder nur um diese alten konservativen Zöpfe wie Gegnerschaft zu Zölibat, Priestertum, Kirche und Sakramenten gehen?

Kontrastprogramm

Als Kontrastprogramm zu unserem Erzbischof Zollitsch und seinen nationalkirchlichen Sonderwegen hier ein Verweis auf die Lage in Uganda. Ein kurzer Auszug:

He also added that despite over 1,000 young men preparing for the priesthood in the country’s five seminaries last year alone, there is still a shortage of priests in many parts of the country.

Forty five percent of Uganda’s population of 33 million, he explained, is Catholic.

Etwas Mathematik: 45% von 33 Millionen sind 14,85 Millionen Katholiken in Uganda – bei über 1000 Priesteramtskandidaten sind das: 1 Seminarist auf 14850 Katholiken. Bezogen auf 25 Millionen Katholiken in Deutschland bedeutet dies theoretisch eine Zahl von 1684 Priesteramtskandidaten. Wie viele haben wir in Wirklichkeit? Auf nicht ganz eine Million Katholiken im Bistum Essen wären das etwas über 67 Seminaristen. In Wirklichkeit haben wir, wenn ich mich recht entsinne, 18.

Außerdem hat man in Uganda immer noch Priestermangel – d.h. die dortigen Gläubigen empfangen die Sakramente, gehen zur Messe, beanspruchen den Priester sozusagen ständig in seiner Kernfunktion. Welcher Kontrast!

Abschlussfrage: Wie viele Bischöfe in Uganda glauben, die Zulassung von Ehebrechern zwecks Entweihung des Allerheiligsten Sakraments sei „eine Sache der Barmherzigkeit“, wie so mancher deutsche Erzbischof?

Bescheidener Vorschlag: Alle kirchlichen Gelder aus Deutschland, die derzeit für den Dialogprozess und krampfhaften Verbandsökumenismus ausgegeben werden, sollten von der Bischofskonferenz den Priesterseminaren in Uganda und anderen afrikanischen Ländern zur Verfügung gestellt werden, die mit dem ganzen Geld etwas Sinnvolles anzufangen wissen – wie zum Beispiel ihre Kapazitäten für den Andrang an Berufenen zu erweitern.

Analyse des Aufrufs zum Ungehorsam

Eine sehr lesenswerte und gute Analyse des „Aufrufs zum Ungehorsam“ von gut 300 österreichischen Priestern findet sich derzeit auf kath.net. Der Autor dieses ursprünglich in englischer Sprache geschriebenen Kommentars, Prof. Mark Miravalle, lehrt an der Franziskanischen Universität von Steubenville in den USA – so weit ich weiß eine sehr solide, lehramtstreue Universität, von der sich die Theologiefakultäten in Deutschland einiges abschauen könnten. Jetzt jedoch einige Ausschnitte aus der Analyse (die ganze Analyse gibt es bei kath.net, oben verlinkt), eingestreute Kommentare von mir wie immer in rot.

Die Bitte um „Kirchenreform“ könnte ihren guten Platz beispielsweise in den Fürbitten haben – dies ist natürlich abhängig von der Intention, welche hinter dieser Bitte steht. [Ein ganz entscheidender Punkt: Oft genug hört man Fürbitten, die so formuliert sind, dass jeder seine eigene Meinung hineininterpretieren kann.] Ginge es beispielsweise darum, um jene Art von Bekehrung zu beten, welcher alle ernsthaften Kirchenmitglieder ständig bedürfen (angefangen mit mir selbst, weitergeführt mit jedem der 300 Unterzeichner und aller anderen Katholiken), dann würde ich einer solchen Bitte zustimmen. Doch wenn die Bitte um „Kirchenreform“ bedeutet, dass einige wenige in Sachen des unabänderlichen katholischen Glaubens und Lehre die Mehrheit ändern wollen, dann geht es darum, dass fremde Schadstoffe in den Grundcharakter der Liturgie als kirchlichen Akt der Einheit und der Liebe, beruhend auf dem Opfer, eindringen.

Der Ruf, die heilige Kommunion allen „Menschen guten Willens“ (einschließlich Nichtkatholiken, Katholiken, welche geschieden und wiederverheiratet ohne Annullierung der vorigen Ehe sind sowie den Kirchenfernen) zu geben, reflektiert ein Missverständnis sowohl der Eucharistie wie auch der Kirche. Jesus, welcher im Sakrament der Eucharistie wahrhaft gegenwärtig ist, käme in Seelen, welche im Zustand schwerer Sünde sind, was die weitere schwere Sünde des Sakrilegs auslösen würde. Möchten die Leute dies wirklich – Jesus verletzen, sich selbst verletzen?[Anscheinend ja, denn:] Priester wissen, was der gutwillige Gläubige vielleicht nicht weiß: Wenn man Jesus empfängt, bevor man seine Seele von schwerer Sünde gereinigt hat, vergrößert man nur den Schmerz der Uneinheit mit dem gesamten Leib Christi – ist es für Priester wirklich pastoral verantwortlich, das zu erleichtern und dazu zu ermutigen?[Natürlich geht es nicht wirklich um die Frage was pastoral ist oder nicht. Der „pastor“ ist der HIRTE, er FÜHRT SEINE SCHÄFCHEN. Das ist pastoral. Alles andere ist nur unverantwortlich für einen Priester, oder, wenn nicht unverantwortlich, dann vorsätzlicher Missbrauch seines Amtes, für den man sich zu verantworten hat, nicht vor uns, aber vor höheren Autoritäten.]

(…)

Wenn man auch jede Forderung einzeln untersuchen muss, ist das übergeordnete Thema doch traurig und ironisch: Hunderte von Priestern versuchen, den einzigartigen, heiligen und feierlichen Akt zu schmälern und zu unterminieren, für welchen sie geweiht worden sind und welchen die Laien niemals selbst vollziehen können: das unblutige Opfer Jesu für den Menschen, für die Kirche und für die Welt darzubringen. Die klassische Definition für einen Priester lautet: „Ausgesondert, um das Opfer darzubringen“, und dies beinhaltet den größten Dienst, welche Priester jemals für das Gottesvolk vollziehen können. Nichts beraubt das Volk Gottes mehr, als wenn ihre Priester eine solche Identitätskrise erleben.[Dessen sollten wir uns gewiss sein: Die „ungehorsamen“ Priester berauben nicht nur sich selbst, sondern eben auch und sogar besonders die ihnen anvertrauten Laien, die einfachen Gläubigen, denen Wahrheit, Sakramente und der Glaube vorenthalten werden]

Was könnte einen solchen tragischen Akt priesterlicher Selbstverneinung und priesterlichen Ungehorsams durch 300 intelligente katholische Kleriker verursacht haben? Hier könnten Motive aus der Aufklärung – Descartes, Kant – wieder auftauchen, welche in religiösen Angelegenheiten die Vernunft über den Glauben stellen, oder sogar Schleiermachers Primat der subjektiven religiösen Erfahrung über die kirchliche Institution. Außerdem klingt die gefährliche Nähe zu den Thesen Luthers an und zur individuellen Bibelinterpretation anstelle des Glaubens in Schrift, Tradition und dem päpstlichen Lehramt für die gesamte katholische Kirche. [Die Wurzeln liegen, wie ich immer wieder an anderer Stelle erwähnt habe, sehr tief. Nicht bloß 1968, nicht bloß 1789, sondern mindestens 1517.]

(…)

Was ist katholischer Gehorsam? Es ist der einfache Akt, „ja“ zu sagen zur göttlichen Lehre,welche durch das von Gott eingesetzte Papsttum gewährleistet wird. Letztlich brauche ich nicht allzuviel Demut, um sagen zu können, dass die 2.000 Jahre alte Kirche Jesu Christi, welche durch den Heiligen Geist in Angelegenheiten des Glaubens und der Moral vom Irrtum bewahrt wird, mehr über die Wahrheit, das Leben und die Liebe Jesu weiß als ich. [Sehr hochmütig ist derjenige, der, selbst in rein menschlichen Dingen, seinen eigenen erhabenen Intellekt, seine immense persönliche Weisheit, über die gesammelten Erfahrungen und Einsichten zweier Jahrtausende stellt. Wie viel mehr gilt dies für jemanden, der dasselbe mit dem unfehlbaren Lehramt der Kirche unseres Herrn tut?]

(…)

Gehen Sie zu Jesus im Allerheiligsten Sakrament. Bringen Sie ihm alle Ihre Fragen, Verwirrungen, Konflikte und Verletzungen. Lassen Sie ihm Zeit, Ihnen zu antworten – er wird antworten! [Das ist der entscheidende Punkt. Das müssen die ungehorsamen Priester mit offenem Herzen tun. Aber das müssen NICHT NUR sie tun. WIR ALLE bedürfen der Reinigung, des Gebets, der Sakramente, und besonders in der heutigen Zeit des Zweifelns an der Realpräsenz die Anbetung des Eucharistischen Herrn. Wer das „Brot“ anbetet, der glaubt an die Realpräsenz – denn anders wäre es wirklich bloß Brot, und nicht der Herr selbst. ]

Liebe väterliche Priester, wir beten für Sie, dass Sie das „Fiat“ [es geschehe] von Gottes intelligentestem und mitfühlendstem Geschöpf nachahmen, nicht jenes „non serviam“ [ich diene nicht] eines anderen hochintelligenten, aber tragisch irrigen Geschöpfes. [Das ist die Entscheidung, vor der die ungehorsamen Priester, aber auch wir alle, stehen.] Möge Maria, Mutter aller Völker und ganz speziell Mutter aller Priester, Sie in das Herz der Kirche zurückführen, in Ihre wahre Heimat. [Amen.]

Warum haben wir solche Theologen nicht in Deutschland – oder vielmehr, warum so wenige? Die Antwort auf diese Frage ist vermutlich dieselbe wie die Antwort auf eine andere, ganz ähnliche Frage: Warum solche Ungehorsamsaufrufe (1) stattfinden, (2) solchen Zuspruch unter Priestern finden, und (3) nicht ernsthaft bekämpft werden von Seiten der zuständigen Bischöfe.