US-Wahlen: Romney als zweitgrößtes Übel

Wer diese Seiten regelmäßig liest, dem wird bereits aufgefallen sein, dass der Autor sich für Politik interessiert und darüber oft und gern aus seiner christlichen Perspektive schreibt. Die Kategorie „Politik und Wirtschaft“ ist eine der größeren auf diesem Blog und innerhalb der Kategorie dominieren politische Themen die Wirtschaft deutlich.

Ich werde in den kommenden Wochen bis zu den Wahlen gelegentlich über die aktuelle Situation in den USA hinsichtlich des Präsidentschaftswahlkampfes berichten. Ich bin davon überzeugt, dass die Wahlen in den USA große Auswirkungen nicht nur auf die USA, sondern auf die ganze Welt haben, und eine große Zahl gerade auch aus christlicher und katholischer Perspektive wichtiger Konsequenzen mit sich bringen werden. Zudem verfolge ich die amerikanische politische Landschaft schon seit einigen Jahren, so dass ich mir einbilde, mich damit einigermaßen auszukennen.

Doch genug der Vorrede. Der Wahlkampf läuft bereits auf Hochtouren. Gerade in diesen Tagen haben Demokraten und Republikaner ihre jeweiligen Nominierungsparteitage beendet. Romney und Obama sind damit auch offiziell die Kandidaten ihrer jeweiligen Partei. Wie auch bei deutschen Parteitagen werden jedoch die wesentlichen Entscheidungen lange vorher hinter verschlossenen Türen getroffen. Anders als bei deutschen Parteitagen gibt es durch das amerikanische Vorwahlsystem wenigstens ein Mitspracherecht der Parteianhänger bei der Auswahl der Kandidaten. Die Vorwahlen sorgen immer wieder für Spannung und haben den zusätzlichen Vorteil, dass die Parteieliten ihre Anhänger nicht ganz so vollständig ignorieren können wie es in Europa üblich ist.

So hat sich Romney über viele Monate gegen mehrere ernsthafte Rivalen zur Wehr setzen müssen, bevor er überhaupt das Recht erworben hatte, gegen Obama antreten zu dürfen. Unter anderem bezwang er dabei den traditionell-katholischen Ex-Senator von Pennsylvania, Rick Santorum, der wohl der Wunschkandidat der meisten katholischen Konservativen (und nicht weniger Evangelikaler) gewesen sein dürfte.

Santorum ist einer der bekanntesten und effektivsten Streiter für das Lebensrecht der Unschuldigen Kinder, für die natürliche Familie und für eine Gesellschaft im Sinne der katholischen Soziallehre. Im Gegensatz zu einigen anderen Republikanern, deren „Konservatismus“ sich in liberaler Wirtschaftspolitik erschöpft, steht Santorum nicht bloß für das Individuum, sondern für die Person. Er sieht aufgrund seiner Verankerung in traditioneller katholischer Soziallehre die Ergänzungsbedürftigkeit des Individuums. Das freie Individuum auf dem freien Markt ist nicht seine Idealvorstellung. Diese Tatsache hat dazu geführt, dass er als Senator öfters mit linken Demokraten wie Ted Kennedy z.B. für gewisse Programme zur Armutsbekämpfung oder andere derartige Anliegen gekämpft hat, obwohl er einer der konservativsten Senatoren überhaupt war.

Doch leider war Santorum für die etablierten Republikaner zu konservativ und zu christlich. Denn Santorum war wirklich gegen Abtreibung, nicht nur wenn es um die Mobilisierung der konservativen Parteibasis ging, sondern aus Überzeugung, auch in schwierigen Fällen. Er glaubte wirklich an die Verteidigung der natürlichen Familie und hielt auch daran fest, wenn es ungemütlich wurde. Er scheute sich nicht, die Folgen der Verhütungsmentalität klar zu benennen und gegen die staatliche Förderung von Verhütungsmitteln Stellung zu beziehen. (Romney führte diese Förderung als Gouverneur von Massachussetts in seinem Bundesstaat selbst ein!) Die republikanische Parteielite machte mobil, um Santorum zu verhindern und sie hatte Erfolg, wenn auch knapp. Man machte sich Santorums Abweichungen von der Parteilinie zunutze und stellte ihn als nicht konservativ genug dar. Zugleich erklärte man den Wählern, Santorum sei auf jeden Fall unwählbar, weil er die Gemäßigten nicht erreichen könne, da diese für „fortschrittliche“ Gesellschaftspolitik, für legale Abtreibung, kostenlose Verhütung für alle und staatliche Privilegien für Homosexuelle seien.

Trotz dieser massiven Kampagne gewann Santorum insgesamt elf Bundesstaaten und führte im Februar lange Zeit in den nationalen Vorwahlumfragen. Der entscheidende Wendepunkt kam am 28. Februar. Bei den Vorwahlen in Michigan holte er 36%, Romney 37%. Die restlichen 27% verteilten sich auf andere sehr konservative Bewerber, die sicherlich eher Santorum als Romney gewählt hätten. Doch da Newt Gingrich sich als sehr konservativer Republikaner darstellte und einige Wähler dem eingefleischten Mitglied der republikanischen Parteielite diese offensichtliche Pose auch noch glaubten, unterlag Santorum in Michigan extrem knapp, statt einen deutlichen Sieg einzufahren.

Eine Woche später verlor er noch knapper (0,8% Unterschied) in Ohio, wobei Gingrich wieder 15% der Stimmen gewann, die im Falle eines Duells Santorum-Romney sicherlich niemals Romney zugute gekommen wären.

Danach war Santorums Kampagne zwar noch längst nicht geschlagen (er holte noch weitere Siege in verschiedenen Staaten), doch nach diesen zwei Nackenschlägen trocknete die finanzielle Lage Santorums immer mehr aus (er hatte von Anfang an keinen Zugriff auf die Spenden der wohlsituierten Eliten, da er sich schroff gegen sie gewendet hatte, doch nach diesen zwei knappen Niederlagen glaubten die Wähler nicht mehr an eine Siegchance Santorums und hielten ihr Geld beisammen). Immer mehr drangen nun Plädoyers für innerparteiliche Einigkeit an die Öffentlichkeit. Santorum solle seine Kandidatur zurückziehen, um einen langen Vorwahlkampf zu vermeiden, der den Republikanern bei den allgemeinen Wahlen im Herbst schaden könnte. Santorum wehrte sich eine Weile tapfer dagegen, doch schließlich zog er im April zurück, nachdem er noch weitere Staaten knapp verloren hatte, wiederum wegen der andauernden Kandidatur Gingrichs, dessen reiche Geldgeber dafür sorgten, dass er weitermachen konnte, bis Santorum praktisch geschlagen war).

So stand also spätestens im Mai fest, dass Mitt Romney den Präsidenten herausfordern würde. Doch wofür steht Romney eigentlich? In den deutschen Medien hört man, wenn überhaupt, nur, dass die Republikaner konservativ seien und dass das auch für Romney gelte. Seine Gegner und die Mainstream-Medien zeichnen von ihm das Portrait eines raffgierenden Kapitalisten von rechtsaußen. Doch das stimmt überhaupt nicht. Im Gegenteil: Romney gehört zum gemäßigten Flügel der Republikaner und ist gerade in den wesentlichen kulturell-gesellschaftlichen Fragen überhaupt nicht konservativ, sondern steht Obama recht nahe. Als er für den Posten eines Senators von Massachussetts kandidierte (1994), erklärte er, er sei für legale Abtreibung, für „Roe vs. Wade“ (die Entscheidung des US-Supreme-Courts, durch die Abtreibung praktisch ohne Einschränkungen bundesweit legalisiert wurde) und sehe Abtreibung als Frauenrecht an. Er überholte damit den bekanntlich sehr weit links stehenden Demokraten Ted Kennedy, seinen damaligen Herausforderer, sogar noch links.

Ebenso ist Romney in anderen wesentlichen Grundsatzfragen nicht konservativ, sondern äußerst progressiv. Als Gouverneur von Massachusetts hat er die staatliche Subventionierung von Verhütungsmitteln eingeführt und befürwortet sie noch bis heute. Er gilt auch was die Privilegierung von homosexuellen Partnerschaften betrifft als nicht besonders konservativ. Während seiner Gouverneurszeit war Massachusetts der erste US-Bundesstaat, der die „Homo-Ehe“ einführte.

Was also die Verteidigung des Lebensrechts und der natürlichen Familie betrifft, so ist Romney ein Totalausfall gewesen. Oder sagen wir, er war es, bis er plötzlich die Chance sah, für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Da die republikanische Basis in diesen Fragen sehr konservativ ist, begann Romney seine Positionen passenderweise zu modifizieren, damit er bei der Basis besser punkten konnte. Auf einmal behauptete er gegen Abtreibung zu sein, auch wenn ihm niemand glaubte. Die ganze Geschichte wäre vielleicht glaubwürdiger gewesen, wenn Romney ernsthaft gegen die legale Abtreibung eingetreten wäre. Doch es blieb bei dem lauen rhetorischen Bekenntnis, dass er „pro-life“ sei.

In allen wesentlichen Kontroversen seit seiner angeblichen „Bekehrung“ zum Lebensschützer vor etwa sechs Jahren ist Romney niemals ein politisches Risiko eingegangen, um sich für das Recht auf Leben einzusetzen. Im Gegenteil. Bis heute vertritt Romney, die Tötung der Unschuldigen müsse legal sein, wenn es sich um das Kind eines Vergewaltigers handle. Romney lehnt die Todesstrafe für Vergewaltiger ab, aber er befürwortet sie für das Kind, das als Resultat einer Vergewaltigung gezeugt worden ist. Das klingt nicht nach Lebensschutz, sondern nach eiskaltem politischem Opportunismus.

Diese drei Worte – eiskalter politischer Opportunismus – beschreiben Romney überaus treffend, nicht nur beim Lebensrecht. So verkauft er als seinen Haupterfolg als Gouverneur von Massachusetts die Einführung eines Krankenversicherungsgesetzes, das dem 2009 von Obama durchgesetzten Gesetz sehr ähnlich ist. Zugleich behauptet er, Obamas Gesetz abzulehnen und wieder abschaffen zu wollen. Einfacher zynischer Opportunismus. Der Mann will um jeden Preis an die Macht. Überzeugungen, die darüber hinaus gingen, hat er nicht.

Wäre Romney ehrlich, so müsste er folgenden Wahlslogan verwenden:

Zynisch. Opportunistisch. Verlogen. Wählt Romney, weil er nicht Obama ist.

Und das ist auch der einzige Grund, warum man als Christ Romney wählen kann. Er ist zwar ebenso zynisch, opportunistisch und verlogen wie der derzeitige Amtsinhaber, und er ist auch nicht gerade für mit dem christlichen Gewissen vereinbare Politik bekannt, aber Obamas Agenda ist inzwischen offen anti-christlich und Romney ist Opportunist genug, dass er dem politischen Druck der Lebensrechtsgruppen und der konservativen Basis nachgeben wird, wenn er erst einmal gewählt ist und in seinen Wiederwahlchancen von dem Wohlwollen der christlichen Lebensrechtler abhängt.

Lügen in der Abtreibungsfabrik

Lila Rose, die Gründerin von „Live Action“

Der Hochwürdige Herr Alipius hat kürzlich die in der englischsprachigen katholischen Blogosphäre schon seit langem tobenden Kampf um die Rechtmäßigkeit der Lüge als Teil einer Undercover-Operation gegen Abtreibungsorganisationen wie „Planned Parenthood“ in die deutsche Blogozese importiert. Die Details der aktuellen Situation kann man sich bei Alipius abholen, aber im Prinzip hat die amerikanische Lebensschutzgruppe „Live Action“ Undercover-Operationen durchgeführt, um die selbst nach dem liberalen amerikanischen Abtreibungsregime nicht akzeptablen Zustände bei Planned Parenthood aufzudecken. Zu diesem Zweck kreuzte man bei einer Niederlassung der Abtreibungsförderer auf, und gab sich fälschlich als Kunde aus, der eine Abtreibung wolle, und zwar jeweils aus selbst in den USA noch als verwerflich geltenden Gründen. Die Reaktion der Mitarbeiter von PP filmte man mit versteckter Kamera und veröffentlichte sie später.

Die Moralität dieser Taktik ist natürlich sehr umstritten. Bereits vor einigen Monaten, als ein vergleichbares Video veröffentlicht wurde, explodierte die englische Katholosphäre angesichts der Frage, ob das Vorgehen von Live Action moralisch zulässig sei. Manche behaupteten, es sei eine Lüge, und Lügen sei immer moralisch falsch, so sage es der Katechismus. Andere erklärten, die Abtreiber bei PP hätten „kein Recht auf die Wahrheit“, und man dürfe ihnen deswegen auch Falsches erzählen, ohne dadurch im strengen Sinne zu lügen. Wieder andere brachten philosophische Argumente vor, die mal so und mal so ausgingen. Die Debatte steigerte sich so weit, dass nach endlosen Kommentarschlachten am Ende die halbe englische katholische Blogosphäre in Aufruhr war, und die eine Seite die andere beschuldigte, sie sei utilitaristisch, indem sie das Böse rechtfertige, damit Gutes daraus komme, und die andere Seite die eine beschuldigte, sie sei von einem unerträglichen, pharisäerhaften moralischen Rigorismus befallen, der jenseits jeglicher gesunder Moral liege.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass allen Beteiligten die Lektüre des alten Gleichnisses mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge gut getan hätte.

Angesichts der radikalen Verurteilungen der sündhaften Lügner von Live Action gerieten die Abtreibungen leider ganz in Vergessenheit. Man hatte halt wichtigeres zu tun…

Nun haben wir die Debatte auch hier in der Blogozese. Glücklicherweise ist sie hier bislang sachlich geblieben, und wir wollen hoffen, dass dies auch so bleibt. Doch eine Frage bekomme ich einfach nicht aus dem Kopf. Wo ist die Verhältnismäßigkeit in dieser Diskussion? Ja, ich gestehe jederzeit zu, dass die Lüge, verstanden als vorsätzliche Falschaussage mit Täuschungsabsicht, immer und überall moralisch falsch ist. Die folgenden Zeilen sind nicht als Kritik an dieser Auffassung zu verstehen, sondern als Kritik an der Verhältnismäßigkeit der Debatte.

Wir haben zwei Handelnde, A und B.

A verdient sein Geld mit dem Töten unschuldiger kleiner Kinder, und B findet das nicht gut. A ist aber der Meinung, dass das Töten der Kinder nicht so schlimm ist, weil ihre Eltern sie ja nicht gewollt haben, und weil er außerdem viel Geld damit verdient, und sich den Jaguar leisten kann, mit dem er jetzt zur Arbeit fährt. B findet es aber besonders schlimm, wenn jemand kleine Kinder für Geld tötet. Sie ist der Meinung, sie müsse etwas dagegen tun. Doch die Menschen sind nicht an dem Leben der Kinder interessiert, weil es ihnen hinderlich wäre, wenn sie ihre Kinder nicht mehr töten lassen könnten. Also denkt B sich einen Plan aus. Sie geht in die Fabrik, wo A die kleinen Kinder tötet, und behauptet, sie wolle ihr Kind auch töten lassen. A ist ganz begeistert. Aber jederzeit doch, sagt er ihr mit breitem Lächeln, und zählt im Kopf schon das Geld, von dem er sich sein neues Urlaubshaus in den Bergen kaufen will. Da bist du hier richtig.

Es gibt da nur ein Problem, sagt B. Ich will mein Kind töten lassen, weil es ein Mädchen ist. A wird bleich. Kinder töten zu lassen finden die Menschen da draußen zwar ganz okay, aber etwas gegen Mädchen zu haben, nicht. Doch er denkt wieder an sein Urlaubshaus in den Bergen und nickt und lächelt wieder. Kein Problem, sagt er. Wir fragen da nicht weiter nach. Wir machen, was du willst, solange du nur zahlst. B nickt ebenfalls. Kein Problem. Unser Präsident hat ja jetzt ein Gesetz gemacht, durch das meine Versicherung dich für die Tötung meiner kleinen Tochter bezahlt, damit ich sie mir auch leisten kann. Hoch lebe unser Präsident. Ja, bestätigt A, wir haben einen tollen Präsidenten. Er denkt, vielleicht kann er sich dann ja sogar ein großes Segelboot kaufen, was er schon wollte, seit er ein kleiner Junge war, den seine Eltern nicht haben töten lassen.

A und B sind sich einig. A will die kleine Tochter von B gern töten, und solange man ihn bezahlt, ist ihm egal, warum die Mutter ihre kleine Tochter töten lassen will. Doch er hat einen Fehler gemacht. Denn B hat alles mit der versteckten Kamera aufgenommen. Sie veröffentlicht ihr Video im Internet, und so erfahren die Menschen da draußen von dem, was A und B besprochen haben.

Die Katholiken, die von sich sagen, sie wollten nicht, dass die kleinen Kinder getötet werden, sehen sich das Video an, und sind so richtig empört. Wie kann man nur…, denken sie sich. So etwas kann man doch nicht machen! Man darf nicht Lügen! Das geht doch nicht! Der Katechismus sagt, Lügen ist Sünde! Ihr Blut gerät in Wallung. Sie schreiben lange Artikel, in denen sie sagen, dass man gar nicht lügen darf Und dass B eine schlimme Frau ist, die schlimme Sünden begeht, und sich für diese Sünden vor Gott verantworten muss.

Unterdessen tötet A weiter.

Welch eine Absurdität! Erzählen Sie das Ihren Kindern, und sie werden sofort erkennen, wie lächerlich diese ganze Debatte ist. Ja, die Lüge von B ist moralisch nicht ganz makellos. Es ist eine winzige, lässliche Sünde. Und sie bekommt 95% der Aufmerksamkeit.

Das ist als ob nur darüber diskutiert würde, dass der kleine Hans eine Tafel Schokolade gestohlen hat, während in der Nachbarschaft ein Kettensägenmörder umgeht. Einfach grotesk.

Der Teufel hätte es nicht besser gekonnt. Wir greifen Live Action für ihr nicht ganz makelloses Verhalten an, während die Abtreiber sich eins grinsen – sie haben es mal wieder geschafft. Wir rufen: Haltet die Lügner, während die Kronjuwelen gestohlen werden. Wir rufen: nieder mit der lässlichen Sünde, während die Todsünde fröhliche Urstände feiert.

Rick Santorum: „One violence is enough“

Abtreibung ist ein Thema, das mich persönlich tief bewegt. Als ich noch Atheist war, befand ich mich in allen politischen Debatten hart links. Ich war ein vehementer Verteidiger aller möglichen „progressiven“ Ideen und hielt die Grünen für zu gemäßigt. Doch gegen Abtreibung war ich schon immer, solange ich denken kann, mindestens seit ich acht oder neun Jahre alt war.

Wenn ich also heute von katholischen Priestern und teilweise sogar Bischöfen höre, denen die Kooperation mit den Abtreibungsorganisationen sehr am Herzen liegt, und die niemals öffentlich in klaren Worten etwas gegen das Geschäft mit dem ungeborenen Leben sagen würden, dann macht mich das wütend. Abtreibung ist die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschen. Und die Unschuldigen zu töten ist immer, egal aus welchem Grunde, moralisch verwerflich und zutiefst bösartig. Die moderne Biologie lehrt eindeutig und nicht seriös bestreitbar, dass schon die befruchtete Eizelle die DNA des neu entstandenen Menschen aufweist. Die befruchtete Eizelle gehört zur Spezies Mensch. Wissenschaftlich ist dies unbestreitbar. Daher kann Abtreibung niemals, absolut niemals, auch nicht in den herzzerreißenden Ausnahmefällen, die es nach Vergewaltigungen zuweilen geben kann, gerechtfertigt oder entschuldigt werden. Können wir betroffenen Müttern helfen? Natürlich, und wir müssen es als gute Christen sogar! Sollen wir alles unternehmen, um Vergewaltigungsopfern die Entscheidung für ihr Kind leichter zu machen, und, wenn es ihnen unmöglich ist, das Kind ihres Peiniges zu lieben, eine Adoption in eine liebende Familie  zu ermöglichen? Ja, natürlich!

Aber das Kind für die Taten seines Vaters bestrafen?

NIEMALS!!

Warum schreibe ich das alles? Weil Rick Santorum, ein Anwärter auf die republikanische Nominierung für die Präsidentenwahl 2012 und kirchentreuer Katholik, in der letzten Vorwahldebatte der Republikaner auf eine entsprechende Frage eine wunderbare Antwort gegeben hat. Das Video, das sich hinter dem Link verbirgt, sollte man sich unbedingt anhören.

Hier eine grobe, rohe Übersetzung seiner Worte:

Frage des Moderators: Sie würden [bei einem Abtreibungsverbot] keine Ausnahmen für Vergewaltigung und Inzest zulassen. Umfragen haben seit langem gezeigt, dass große Mehrheiten der Amerikaner zumindest einige Ausnahmen für Abtreibungen unterstützen. Sind Ihre Ansichten selbst für viele Konservative zu viel?

Rick Santorum: Wissen Sie, der Supreme Court der Vereinigten Staaten entschied kürzlich in einem Fall, dass ein Mann, der eine Vergewaltigung begangen hatte, nicht getötet, nicht der Todesstrafe unterworfen werden könnte; das Kind, das als Ergebnis dieser Vergewaltigung gezeugt worden ist, hingegen schon. Das klingt für mich wie ein Land, das nicht die richtige Moral hat. Das Kind hat nichts falsch gemacht! [Beifall.] Das Kind ist ein unschuldiges Opfer. Es wäre schrecklich, es zweimal zum Opfer zu machen. Es ist ein unschuldiges Menschenleben. Es ist genetisch ein Mensch vom Moment der Befruchtung, und es ist ein Menschenleben, und wir in Amerika sollten groß genug sein, um Frauen in diesen schrecklichen Situationen zu helfen, die schon traumatisiert worden sind; sie noch einmal zu traumatisieren durch eine Abtreibung? Ich denke, das wäre zu viel, und also stehe ich absolut dazu und sage: Ein Gewaltakt ist genug! [Beifall.]

Ein Gewaltakt ist genug – One violence is enough. In der Tat.

Vielen Dank, Rick Santorum, für diese deutlichen Worte. Welch ein Kontrast zu den deutschen Bischöfen und ihren Helfern in der Hierarchie, die noch nie eine Abtreibung gesehen haben, von der sie nicht wenigstens schweigen wollen.

P.S: Es dürfte niemanden verwundern, dass Santorum verheiratet ist (eine einzige Ehe, keine Affären, keine Scheidungen usw.), dass er SIEBEN eheliche Kinder hat (und keine außerehelichen) und dass er die traditionelle lateinische Messe besucht

(Nein, nein, es gibt WIRKLICH KEINEN ZUSAMMENHANG zwischen dem Besuch der Tridentinischen Messe und der Rechtgläubigkeit. WIRKLICH NICHT. HIER GIBT ES NICHTS ZU SEHEN.)

P.P.S. Es gibt allerdings auch Bischöfe, die sich nicht scheuen, unangenehme Wahrheiten zu sagen, wenn es ums Leben geht.

“Our Lord tells us to speak to the person, and then take two or three others with us if he does not change,” [Bishop Samuel Aquila] said. “If he still does not change, the Church can speak to him, which is done through the bishop. [The bishop] exercises the authority of Christ. Christ then says that if that person is still obstinate and will not change, treat them as a tax collector or Gentile. Expel him.’”

Kirchliche Kooperation mit Abtreibungsindustrie

In der unendlichen und unübersichtlichen Verflechtung hunderter undurchschaubarer Gremien, Gruppen, Verbände, Vereinigungen usw. fällt es oftmals dem nicht eingeweihten Katholiken gar nicht auf, wofür seine Kirchensteuer eingesetzt wird. (Nicht dass es den durchschnittlichen deutschen Katholiken interessieren würde, denn er ist religiös apathisch und quasi-agnostisch). Wenn man dann aber einmal genauer hinschaut, erkennt man so einiges. Zum Beispiel: Die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft kooperiert laut dem unverzichtbaren Nachrichtenportal kath.net mit der Abtreibungsvereinigung „pro familia“ (obwohl natürlich die Tötung Unschuldiger gegen Geld nicht gerade „für“ Familien ist, sondern eher „gegen“ sie, aber so nennen sie sich etikettenschwindlerisch nun einmal).

Vielleicht wird diese Kooperation auf öffentlichen Protest hin in Zukunft abgebrochen – vielleicht nicht. Womöglich wird man sie einfach nur besser vertuschen und verstecken. Doch eines ist bereits jetzt klar. Es interessiert die deutschen Bischöfe nicht im Geringsten, ob Abtreibungen stattfinden, wie viele, und aus welchen Gründen. Sie haben sich über viele Jahre krampfhaft geweigert, das Ausstellen von Tötungslizenzen bei kirchlichen Schwangerschaftsberatungen sein zu lassen – mit dem Segen und der Lizenz der Kirche, dem Beratungsschein, konnten tausende Frauen „legal“ ihr ungeborenes Kind abschlachten lassen. Dieses Blut klebt an den Händen der deutschen katholischen Kirche, und vor allem an den Händen der Verantwortlichen, der Bischöfe.

Doch sie waschen sich nicht rein durch Reue und Buße, sondern machen immer weiter. Inzwischen dürfen sie keine Beratungsscheine für legale Abtreibung mehr ausstellen, also finanzieren und unterstützen sie die Abtreibungsindustrie auf anderen Wegen. Das wundert mich nicht. Ich befürchte, wir werden einsehen müssen, dass allerhöchsten Kardinal Meisner wirklich gegen Abtreibung ist – der deutsche Episkopat ist in dieser Frage entweder gleichgültig, oder insgeheim sogar für die „legale Abtreibung“. Der damalige Erzbischof Marx verweigerte Lebensschützern gar den Zutritt zu seiner Kirche, weil er sie für „rechtsextrem“ hielt! (Und wenn Marx über „Lebensschutz“ redet, dann denkt er im Wesentlichen an noch mehr Sozialstaat, mehr Geld für Familien usw., nicht an die legale Tötung von mindestens 8 Millionen Babys im Mutterleib – interessante Prioritätenfolge!)

Das ist schwer zu verkraften für einen Konvertiten, der in der Abtreibungsfrage selbst als er noch Atheist war, immer schon genauso dachte wie der Papst. Doch wir müssen leider sehen: Die deutschen Bischöfe sind in der Abtreibungsfrage gleichgültig, und das noch im BESTEN Fall. Die deutsche Bischofskonferenz ist leider praktisch vollständig im Bann einer quasi-sozialistischen, gesellschaftlich linksliberalen Clique, die sich nicht im Geringsten an schwerwiegendem Bruch der naturrechtlichen christlichen Moral, etwa im Lebensrecht oder bei Ehe und Familie, stört, solange es nur ihr gesellschaftliches Ansehen nicht beschädigt. Politischer Aktivismus mit starkem Linksdrall scheint wichtiger als die authentische Verkündigung des Glaubens, sofern man bei dem politisch korrekten halb pantheistisch-naturreligiösen Mischmasch überhaupt noch um einen erkennbar katholischen Glauben handelt.

Traurig, aber wahr. Martin Luther wäre so manchem deutschen Bischof definitiv zu katholisch. Mit Sicherheit würde er nicht den Heiligen Geist im Buddhismus suchen, wie die offiziell von der Bischofskonferenz getragene Gruppe „Renovabis“ in ihrer Pfingstnovene.

Heilige Abtreiber?

Können Frauen, die abgetrieben haben, heiliggesprochen werden? Aus christlich-katholischer Perspektive ist diese Frage sehr leicht: Natürlich können sie, aber nur wenn sie die schwere Sünde der vorgeburtlichen Kindstötung ehrlich bereuen und das Bußsakrament empfangen. Gott vergibt in Seiner unendlichen Barmherzigkeit jede Sünde, wenn der Sünder es nur zulässt, wenn er die Barmherzigkeit nicht durch Unbußfertigkeit aus seinem Herzen verstößt. Gott will jeden von uns, egal welche Missetaten auf unser Konto gehen, jeden von uns auf ewig bei sich haben. Doch da Gott uns freien Willen gegeben hat (ohne freien Willen könnten wir weder einander noch Gott lieben, da wir dann nur mechanische Konstrukte wären, ohne Fähigkeit zur eigenen, unabhängigen Entscheidung), können wir uns gegen die Annahme dieses unendlichen Gnadengeschenks der Erlösung von unseren Sünden zur Wehr setzen. Es ist dem Menschen möglich, das Geschenk der Erlösung abzulehnen, indem er nicht bereut, seine sündhaften Wege nicht mit der Hilfe Gottes zu verlassen sucht, sondern in ihnen persistiert bis zum Ende seines Lebens. Gott gibt viele Chancen, aber am Ende ist es unsere Entscheidung, ob wir erlöst werden wollen oder nicht. Die Tore der Hölle sind von innen abgeschlossen. Niemand, der dorthin kommt, wird, wenn er erst einmal dort ist, die Gerechtigkeit des Urteils bestreiten.

Also kann selbstverständlich auch der schlimmste Abtreiber, der schlimmste Mörder, und, um es erst recht auf die Spitze zu treiben, selbst ein Stailn oder Hitler, die Erlösung erlangen. Natürlich tilgt selbst die beste, ehrlichste und tiefste Reue samt Bußsakrament nicht die zeitlichen Folgen der Sünden, so dass die genannten Schwerverbrecher wahrscheinlich sehr ausführliche Bekanntschaft mit den bereits erlösten, aber noch im Prozess der Reinigung befindlichen Seelen im Fegefeuer machen werden. Aber in letzter Konsequenz steht keinem Menschen etwas anderes auf dem Weg in den Himmel im Wege als er selbst. Und wer erlöst ist, wer bei Gott ist und Sein Angesicht auf ewig schaut, der ist bereits heilig. Daher kann die Kirche natürlich auch schwerste Sünder heiligsprechen – immer Reue und Buße vorausgesetzt.

Alle Menschen sind Sünder – nicht alle Sünden sind natürlich gleich schwer, aber wir alle haben Reue und Buße wahrhaft nötig. Die Sünden mancher Menschen sind größer als die anderer Menschen. Doch Gott ist in der Lage selbst die tiefste Wunde zu heilen. Das alles ist vollkommen klar aus der Sicht der christlichen Theologie.

Dennoch liest man dann Artikel wie diesen, in dem Mark Shea mit diesen und ähnlichen Argumenten systematisch die unbedachten und ignoranten Argumente zerlegt, die auf der Religionsseite von CNN verzapft worden sind. Auch der Religionskommentator bei CNN kommt zu dem Ergebnis, eine Abtreiberin könne heiliggesprochen werden. Er begründet dies auch: Das habe zwei Gründe, erklärt er. Erstens habe es etwas mit der Christlichen Lehre der Vergebung zu tun, aber vor allem liege es daran, dass viele Katholiken „von der offiziellen Parteilinie“ in Fragen wie Homosexualität, Verhütung und Abtreibung abweichen. Diese Argumentation wird von Shea wie gesagt systematisch zerlegt, was auch das einzige ist, das man mit solch ignorantem Unfug tun kann. Aber dass ein solcher Artikel ernst genommen wird, zeigt wie wenig selbst in einem relativ religiös geprägten Land wie den USA über den Katholizismus im Speziellen und das Christentum im Allgemeinen bekannt ist. Die elementarsten Informationen fehlen den Religionskommentatoren – und sicherlich auch den einfachen Leuten, denen die Unsinnigkeit des Arguments gar nicht auffällt.

Solange jemand nicht einmal den Unterschied zwischen Vergebung und Entschuldigung von Sünden verstanden hat, kann er eigentlich nichts hinsichtlich des Christentums sagen oder schreiben, ohne sich lächerlich zu machen. Wenn ich eine Sünde entschuldige, dann sage ich: „War schon nicht so schlimm“. Vergebe ich sie, dann sage ich fast genau das Gegenteil: „Es war schlimm, aber ich vergebe dir.“ Dieser fundamentale Unterschied kann einer interessierten und halbwegs intelligenten Person selbst heutzutage eigentlich nicht entgehen.

In seinem lesenswerten Artikel verweist Shea dann auf die vielen Abtreibungsärzte und Frauen, die abgetrieben haben, nur um später ihr Unrecht einzusehen und umzukehren. Sie alle sind mit offenen Armen empfangen worden, sie alle sind vollauf akzeptiert worden, auch und gerade von den traditionellsten und konservativsten Elementen in der Kirche und der weiteren Pro-Life-Bewegung. Die einzigen, die vielleicht etwas weniger gut reagiert haben, sind genau die „Katholiken“, die Abtreibung nicht für sündhaft halten, und deshalb dachten, es gebe gar nichts zu bereuen. Die also, wie der umwissende Religionskommentator und Soziologe auf CNN es formulieren würde, nicht der offiziellen Parteilinie folgen. (Natürlich folgen auch traditionelle Katholiken keiner „Parteilinie“, da die Kirche keine Partei ist. Doch Ideologen und Soziologen – oft genug tragen beide Worte dieselbe Bedeutung – können nur von sich auf andere schließen, und wer alles politisiert hat, wird überall Parteien sehen. Katholiken hingegen folgen keiner Partei, sondern Gott und Seiner Kirche.)

Abschließend lässt sich also sagen: Natürlich kann NUR derjenige, der die Lehre der Kirche über die Vergebung der Sünden akzeptiert, für die Heiligsprechung einer Frau sein, die abgetrieben hat. Denn wer nicht glaubt, dass es da Sünden zu vergeben gäbe, der wird auch in einer entschlossenen Umkehr keinen besonderen Wert sehen. Die Heiligen sind eben nicht in erster Linie „perfekte Menschen“, sondern fehlerhafte Menschen, die sich Gott zugewandt und ihn und den Nachsten wirklich zu lieben versucht haben.