Das Kamel im Nadelöhr

Ich schrieb gestern einen kurzen Kommentar zu dem Interview mit Martin Mosebach in der WELT und stellte die Frage, inwieweit Reichtum und Christentum überhaupt zusammengehen. Ich enthielt mich einer ausführlicheren Antwort, erhielt dafür jedoch einige sehr interessante Leserkommentare, die dieses Thema von verschiedenen Seiten beleuchteten und mir bei meiner eigenen Reflektion sehr geholfen haben.

Üblicherweise verfertigen sich die Gedanken beim Schreiben. Man beginnt mit einer ungefähren Ahnung, was man eigentlich sagen möchte, und während man schreibt wird diese Ahnung immer klarer, bis schließlich ein Text dabei herauskommt, der hoffentlich auf verständliche Weise sagt, was gesagt werden sollte. So ist es auch beim Thema Kompatibilität des Christentums mit einer Wohlstandsgesellschaft gewesen. Ich möchte nun in dem folgenden Artikel versuchen, unter Bezugnahme auf die hilfreichen Kommentare, eine vorsichtige Klärung des Sachverhalts zu erreichen.

Können Christen überhaupt Christen bleiben, wenn sie reich werden?

Ja, das ist in der Tat möglich. Bei Gott ist alles möglich. Doch auch wenn etwas prinzipiell möglich ist, kann es sehr schwer sein. Das ist hier sicher der Fall.

Warum passt das reiche Kamel nicht durch das Nadelöhr?

Das Jesuswort ist so unglaublich treffend, dass es auch gleich den Grund dafür mitliefert, warum der Reiche es so schwer hat in den Himmel zu kommen. Wir müssen den Willen Gottes tun, nicht unseren eigenen Willen. Sobald wir einen eigenen Willen haben, können wir uns gegen Gott entscheiden, wir können, wie man das heute formuliert, „unseren eigenen Weg gehen“. Das kann jeder Mensch, auch der Arme. Doch je mehr „Zeug“ man besitzt, je mehr materielle Dinge einen von der eigentlichen Frage ablenken, umso leichter wird man dazu verführt, sich um dieses ganze Zeug zu kümmern, und die eigentlichen Fragen zu verdrängen. Wenn das irdische Leben sehr schön und fast schon perfekt erscheint, dann fällt es besonders schwer, es aufzugeben, um das übernatürliche Leben zu erlangen.

In einem Kommentar wurde erwähnt, dass das Christentum die Tendenz habe, Wohlstand hervorzubringen. Stimmt das?

Hier ist nicht der Ort für eine ausgedehnte historische oder soziologische Analyse verschiedener christlicher Gesellschaften. Aber die These scheint mir auf tönernen Füßen zu stehen. Das christliche Mittelalter war nicht unbedingt reich, und in der christlichen Moderne ging der Reichtum mit einer Entchristlichung einher, die man kausal in beide Richtungen deuten kann. Wurde die Gesellschaft reich, insofern sie sich vom wahren Glauben entfernt, oder entfernte sie sich vom wahren Glauben, insofern sie reich wurde? In jedem Fall führt die Befolgung christlicher Gebote zu einer Gesellschaft, in der es weniger Unruhe und Unfrieden gibt, und dies begünstigt natürlich auch die Wirtschaft. Es ist also nicht aus der Luft gegriffen, diesen Zusammenhang zu postulieren. Wenn man sich an Max Webers These hält, dass der moderne Kapitalismus seine Wurzeln im Calvinismus habe, und man erkennt, dass die ersten großen Industrienationen allesamt protestantisch waren (England, USA, Preußen) oder sich einem radikalen Laizismus als eine Art Staatsreligion zugewandt hatten (Frankreich), während Spanien, Italien, Portugal und andere katholische Staaten ökonomisch zunächst nicht mithalten konnten, drängt sich der Verdacht auf, dass besonders der Protestantismus sehr gut mit Reichtum zusammengeht, während ein unangepasster Katholizismus zu sehr auf jenseitige Dinge konzentriert ist, um es zu großem Reichtum zu bringen. Doch hier wäre, wie gesagt, historische und soziologische Untersuchung erforderlich, die über den Kontext eines Blogartikels hinausgeht.

Martin Mosebach bemerkte, dass heute die wohlsituierten Bürgerlichen eher christlich seien als die „Unterschicht“, während die Armen früher besonders fromm waren. Woran könnte das liegen?

Alle materiellen Dinge sind für sich betrachtet moralisch neutral. Geld ist weder gut noch böse. Aber allen weltlichen Dingen wohnt die Gefahr inne, dass man sich zu sehr auf sie konzentriert und dabei das Wesentliche vergisst. Doch Armut bringt seine eigenen Leiden mit sich, wobei man ganz fein unterscheiden muss zwischen dem, was in der westeuropäischen politischen Diskussion „Armut“ genannt wird, und tatsächlicher absoluter Armut, wie sie in anderen Teilen der Welt existiert. Was wir hier „Armut“ nennen, ist in Wahrheit historisch gesehen schon Reichtum. Der ärmste Deutsche ist nach globalem Maßstab überdurchschnittlich reich. Hier haben wir nur „relative Armut“, also Armut in Bezug auf den lokalen Lebensstandard. Es ist ganz wichtig, diese beiden Arten von Armut zu unterscheiden.

Wer absolut arm ist, vielleicht gerade genug zu essen und zu trinken hat, oder nicht einmal das, besitzt praktisch keine materiellen Dinge, die ein Verbleiben im bloß Diesseitigen attraktiv machen könnten. Eine große Quelle der Versuchung ist hier fast völlig ausgetrocknet.

Wer hingegen nur verglichen mit dem Wohlstandsniveau in Deutschland in „relativer Armut“ lebt, ist immer noch reich genug, um sich so viele materielle Dinge leisten zu können, dass die reine Diesseitigkeit immer noch eine sehr große Versuchung darstellt. Fast alle Angehörigen der sogenannten „Unterschicht“ haben einen Fernseher, die meisten haben Computer und Internet, ein Handy und vieles mehr. Sie sind global gesehen gar nicht arm, sondern vielmehr überdurchschnittlich reich. Sie sind mit mehr materiellem „Zeug“, mit mehr Ablenkungen vom Wesentlichen, ausgestattet, als diejenigen, auf die Jesus sich bezog, als er vom Kamel und vom Nadelöhr sprach. Alle Gefahren, die mit Reichtum verbunden sind, treffen auch die „relativ Armen“. Und es kommt noch eine weitere Gefahr hinzu. Weil sie in einer Oase des Reichtums leben, in dem selbst ihr Wohlstand noch arm wirkt, sind sie einer starken Versuchung ausgesetzt, die reicheren Bürger zu beneiden. Sie sind nicht nur von der bloßen Weltlichkeit und ihrem „Zeug“ bedroht, sondern auch noch vom Neid. Jeden Tag sehen sie „die Reichen“. Der absolut arme Bauer weiß vielleicht auch, dass es solche Reiche gibt, aber sie leben nicht in seinem Dorf, er nimmt sie nicht täglich wahr, sie sind nicht überall um ihn herum.

Für die heutigen Armen in Deutschland kommen also zwei große Gefahren zusammen. Es ist schon schwer, Jesus auf dem Weg zum Kreuz zu folgen, wenn man so viele materielle Dinge hat, durch die man sich ablenken lassen kann. Es ist auch schwer, dies zu tun, wenn man ständig der Versuchung zum Neid ausgesetzt ist. Doch beides zusammen macht die Aufgabe noch weitaus schwieriger.

Es ist das große Verdienst des modernen Wohlfahrtsstaates, eine Gesellschaft zu schaffen, in der objektiv gesehen die Reichen die Superreichen um ihren Reichtum beneiden. In einer solchen Gesellschaft sind die Armen und die Reichen gleichermaßen fähig, über ihrem materiellen Wohlstand das Wesentliche zu vergessen; die Armen sind zusätzlich neidisch. Es verwundert nicht, dass eine solche „relative“ Armut keine Stütze für den christlichen Glauben mehr ist.

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Es blieben noch viele interessante Fragen zu stellen, was aber auf einen späteren Artikel verschoben sei, wenn ich dazu gekommen bin, über weitere Aspekte dieser Thematik nachzudenken.

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Mosebach über Unglauben, Islam und Wohlstand

Es folgt ein langer Auszug aus dem Interview der WELT mit Martin Mosebach, dem bekannten Schriftsteller und Anhänger der traditionellen Messe. Herr Mosebach hat einige sehr interessante Sachen zu Themen wie Islam und Atheismus zu sagen. Wir üblich sind die Kommentare in roter Schrift gehalten, Hervorhebungen durch Unterstreichung stammen von Catocon.

Welt Online: Herr Mosebach, waren Sie Karfreitag in der Kirche?

Martin Mosebach: Selbstverständlich. In Frankfurt wurde in diesem Jahr erstmals seit der katholischen Liturgiereform 1968 wieder die Karfreitagsliturgie nach altem lateinischem Ritus gefeiert. Daran habe ich teilgenommen. (Schön, dass sich die traditionelle Messe auch in Deutschland langsam wieder ausbreitet.)

Welt Online: Dann haben Sie ja auch für die Atheisten gebetet. Die Kirche bittet an Karfreitag: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.“ Warum erhört Gott das immer seltener?

Mosebach: Er hat das doch schon sehr vielfältig erhört. Die Kirche ist über die Jahrtausende in einem ständigen Wachstum befindlich. (Auch heute wächst die Kirche weltwelt gesehen Jahr für Jahr, wenn sie auch in Europa schrumpft.) Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.

Welt Online: Aber das Wachstum ist regional unterschiedlich. Laut der neuen Studie der Universität Chicago sind in Ostdeutschland 46 Prozent der Menschen überzeugte Atheisten. Warum engagiert sich Gott dort nicht stärker? (Gott zeigt sich denen, deren Herz für Ihn offen ist. Wessen Herz ist in unserer gottlosen Zeit noch offen für etwas, dass sich nicht nach Effizienz- und Wohlstandsgesichtspunkten messen lässt?)

Mosebach: Die große Regel von Gracián lautet: Den göttlichen Mitteln so vertrauen, als gäbe es die menschlichen nicht, und den menschlichen so vertrauen, als gäbe es die göttlichen nicht. Die Kirche – und das heißt jeder einzelne Getaufte – hat die Aufgabe, für den Glauben zu werben. (Jeder Getaufte. Hier, nicht in der ständigen Forderung nach diesem oder jenem offiziellen Amt, findet sich die Aufgabe der Laien.) Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden. (Das ist das Wichtigste. Missionsarbeit ist umso erfolgreicher, je heiliger der Missionar ist.) Mission hat eine göttliche und eine menschliche Seite. Auf der menschlichen Seite wird manches geleistet, aber vieles auch nicht.

Welt Online: Laut der Studie ist Ostdeutschland die atheistischste Region der Welt. Ist das eigentlich schlimm? (Was für eine Frage! Aber Herr Mosebach beantwortet sie grandios.)

Mosebach: Für die Christen ist es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt. Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert –, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt. (Religion ist keine Zugabe, sondern das Wesentliche, von dem alles andere abhängt.) Unglaube ist ein Mangel. Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz. Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.

Welt Online: Ist die DDR schuld am Rückzug des Glaubens in Ostdeutschland? (Ist der Rückzug des Glaubens schuld an der DDR bzw. dem Kommunismus als solchem?)

Mosebach: Die Entwicklung hat lange vor der DDR begonnen. Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung (unser heutiges Bildungssystem müht sich nach Kräften und nähert sich in dieser Hinsicht der DDR immer mehr an.) , aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Welt Online: Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Mosebach: Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte. Dann kamen preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl mit Formeln wie „Staatsdienst ist Gottesdienst“ (eine treffende Charakterisierung des totalitären Staatsverständnisses, das, in leicht abgewandelter Form, heute Allgemeingut ist), man konzentrierte sich auf Ethik, wollte weg vom Übernatürlichen. (Entmythologisierung. Modernismus. Anpassung an den „wissenschaftlichen“ Zeitgeist) In Goethes „Buch des Parsen“ kam der Zeitgeist zum Ausdruck: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.“ Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat. (Kann es wundern, dass die Protestantisierung der Kirche dieselben Ergebnisse gezeitigt hat?)

Welt Online: Ist es mehr als eine Laune der Geschichte, dass der Atheismus in dem Teil Deutschlands so stark ist, von dem auch die Reformation ausging? (Nein. Das eine folgt logisch aus dem anderen. Oder die lehramtliche Garantie ist die Offenbarung der Bibel beliebig flexibel und kann im Laufe der Zeit nicht mehr ernst genommen werden.)

Mosebach: Das ist keineswegs eine Laune der Geschichte. Das hat seine Logik. Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. (Eine sehr interessante Beobachtung, die in Zeiten minimaler historischer Kenntnisse wohl viele überraschen dürfte.)  Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte. Auch die Staatsreligiosität mit dem König als Bischof und dem Landesherrn als oberstem religiösem Chef ist durch die Reformation entstanden. (Im Katholizismus waren Staat und Kirche nie in eins gesetzt, sondern immer verschieden, selbst wenn sie eng zusammengearbeitet haben. Die heute geforderte radikale Trennung von Kirche und Staat ist eine übertriebene Gegenreaktion gegen die reformatorische Nationalkirche: Das Pendel schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus.)Dann hat das Bündnis mit der Aufklärung die Religion Stück für Stück entkernt.

Welt Online: War die Reformation Voraussetzung für den Atheismus?

Mosebach: Keineswegs zwangsläufig. Es gibt ja auch den evangelikalen Protestantismus, in den USA zum Beispiel.  Es gibt in Deutschland fromme protestantische Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Aber tatsächlich ist es so, dass der Protestantismus, so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt hat. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.

Welt Online: Als Zeitungsleser verbindet man mit Ostdeutschland höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und sinkende Einwohnerzahlen. Haben wirtschaftliche Faktoren auch etwas mit Glauben zu tun? (Das hat etwas mit einem Kamel und einem Nadelöhr zu tun. Die Reichen passen nicht hindurch.)

Mosebach: Es ist jedenfalls ein Faktum, dass sich bei der Religiosität in Deutschland die sozialen Verhältnisse umgekehrt haben: Im 19. Jahrhundert waren für den aufgeklärten, religiös bereits distanzierten Preußen die katholischen Regionen die rückständigen. Dort wohnten die Faulen, Ineffizienten, die an die Moderne nicht Adaptierten. Frömmigkeit war was für arme Leute. (Damals gab es in Deutschland noch richtig arme Leute. Heute nur noch „relative“ Armut, die verglichen mit wirklicher Armut als Reichtum erscheinen muss, für den das Wort mit dem Kamel und dem Nadelöhr wieder gilt.) Das hat sich verblüffenderweise umgedreht. Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. (Sind sie? Oder sind sie nicht viel eher die Anhänger des status quo, die einfach in der Kirche bleiben, weil es ihnen Trost und Nutzen bringt, während die Ärmeren eher austreten? Ich fürchte, Herr Mosebach irrt sich an dieser Stelle. Man kann im heutigen Deutschland Kirchenmitgliedschaft und Glaube nicht gleichsetzen. Das wohlhabende Bürgertum ist seltener konfessionslos; es ist nicht unbedingt religiöser.) In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind. (Der Atheismus ist auch nicht gerade Ausdruck einer gesunden gesellschaftlichen Lage.) Das Beunruhigende für die Kirche liegt darin, dass sie ihre alte Verbindung zu den Armen verloren hat – die Armen galten immer als der Schatz der Kirche. (Das sind sie auch heute noch. Man sehe sich nur die Regionen der Welt an, wo es noch wirklich arme Menschen gibt. Dort ist die Kirche stark. Nur in unserer nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wo man als arm gilt, wenn man sich mal keinen Urlaub oder kein neues Auto leisten kann, ist die Kirche schwach. Das hat wieder mit dem Kamel und dem Nadelöhr zu tun.)

Welt Online: Müssen sich die Religionen angesichts des wachsenden Atheismus fragen lassen, ob sie attraktiv genug sind für die Menschen? (Schönheitswettbewerbe sind nicht wünschenswert.)

Mosebach: Zuerst muss ich sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich haben taufen lassen. (Ja, aber es sind trotzdem sehr wenige.)Aber wir müssen sowieso anders über Religion sprechen. Entweder die Religion besitzt die Wahrheit über das Wesen des Menschen, seine Herkunft und sein Ziel – oder sie besitzt sie nicht. Und wenn sie diese Wahrheit besitzt, muss man nicht über sie sprechen wie über eine Kaufhoffiliale, die Kunden verliert, sodass sich der Filialleiter fragt, woran das wohl liegen kann. Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen. (So ist es. Die Wahrheit allein genügt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“)

Welt Online: Warum sehen so viele Menschen in Deutschland den Islam als Konkurrenz, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen?

Mosebach: Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben.  Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion. (Sehr treffend formuliert! Nicht der Islam, sondern ernsthafte Religion, ist die wahre Gefahr für den modernen Westen, dessen sittlicher Verfall nur noch von seiner Gottlosigkeit übertroffen wird.)

Welt Online: Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist? (Natürlich.)

Mosebach: Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Welt Online: Sie fürchten nicht, dass der Islam das Christentum in Europa verdrängt? (Nein. Es gibt kein zu verdrängendes Christentum in Europa. Der „Kulturkampf“ wird zwischen den Moslems und den Gralhütern der Aufklärung ausgefochten, und die Christen werden die Dritten sein, die sich freuen, wenn zwei sich streiten.)

Mosebach: Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt. In den verschiedenen Apokalypsen ist ihm geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden wird. (Die Frage drängt sich auf, ob es bald soweit ist. Die Zeichen der Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten.) Die Kirche ist ja auch aus Kernregionen, aus denen sie entstanden ist, vollständig verschwunden. (Und die Reste, etwa in Ägypten, dem Irak und Syrien, wo es sehr alte christliche Wurzeln gibt, werden gerade mit freundlicher Beihilfe der sogenannten westlichen Befreier und Demokratisierer ausgelöscht.) Aus Regionen, in denen sie ihre Prägung empfangen hat. Augustinus kam aus Nordafrika, Basilius der Große kam aus Zentralanatolien, da gibt es heute kaum noch Christen. Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. Das ist eine Wanderungsbewegung. Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. (Wo es politisch unterdrückt wird. So ist das immer. Es wird Zeit, dass wir auch mal wieder eine richtige Verfolgung bekommen. Dann werden wir sehen, wer wirklich Christus liebt, und wer nur die Bequemlichkeit. Da werden wir uns noch wundern.) Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.

Welt Online: Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff gesagt hat und wie es Volker Kauder jetzt in Abrede stellt? (Nein. Herr Mosebach erklärt ganz vorzüglich den Grund.)

Mosebach: Wenn ein Politiker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deutschen, die sich zum Islam bekennen, haben dieselben Bürgerrechte wie die anderen Deutschen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Unser Grundgesetz fußt auf dem Christentum, auf der Aufklärung und auf weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Konstanten, wie etwa dem Partikularismus. Da gibt es kein einziges islamisches Element – woher sollte das auch kommen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann mag man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Christentum noch zu Ostdeutschland?

Mosebach: Natürlich. Dieses Land ist ein Geschöpf des Christentums. Seine Städte, seine Sprache, seine Kunst, alles. Das vergeht nicht in ein paar Jahrzehnten religiöser Ausdünnung.

(…)

Insgesamt ein sehr interessantes Interview, wobei mir besonders die Aussagen über Armut, Reichtum und ihr Verhältnis zum christlichen Glauben zu denken gibt. Kann das Christentum überhaupt in einer Gesellschaft gedeihen, die so reich ist wie die unsere? Um so reich zu sein, wie wir heute sind, müssen die meisten Menschen das Hauptaugenmerk in ihrem Leben auf die Vermehrung ökonomischer Ressourcen legen. Verlieren sie dabei nicht das Wesentliche, nämlich das Streben nach Heiligkeit? Sind Heiligkeit und Reichtum ohne weiteres zu kombinieren? In Einzelfällen auf jeden Fall, doch gilt das auch für die ganze Gesellschaft? Über diese Fragen lohnt es sich ausführlicher nachzudenken.