US-Vorwahlen: Katholik Santorum erzielt Überraschungserfolg

Rick Santorum, Präsidentschaftskandidat der gerade in ihrem langwierigen Vorwahlprozess steckenden republikanischen Partei in den USA, hat bei den gestrigen Vorwahlen im US-Bundesstaat Iowa gleichauf mit dem Favoriten Mitt Romney den ersten Platz belegt, nachdem er noch eine Woche vor der Wahl in den Umfragen unter 10% und am Anfang des Monats bei 3% gelegen hatte.

Am Ende trennten ihn acht von mehr als 120000 abgegebenen Stimmen von einem Überraschungssieg. Dieses Ergebnis hebt Santorum damit erstmals ins breitere Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich bislang, sofern sie sich überhaupt mit den Vorwahlkandidaten der Republikaner beschäftigte, auf die angeblich favorisierten Bewerber Mitt Romney, Newt Gingrich und Rick Perry, sowie den libertären Ron Paul, konzentriert hatte. Mehr als die Hälfte der Republikaner kannte Santorum selbst wenige Wochen vor den ersten Vorwahlen noch nicht. Nutzt er diese Chance geschickt, so könnte er durch einen guten dritten Platz in den am Wochenende anstehenden Vorwahlen in New Hampshire zum Hauptrivalen von Mitt Romney werden. Romney gilt zwar als Liebling der Wall Street, doch die Konservativen mögen ihn nicht. In zu klarer Erinnerung sind noch seine Bekenntnisse zum „Recht auf Abtreibung“ und seine Krankenversicherungsreform in Massachusetts, die der von den Republikanern vehement abgelehnten „ObamaCare“-Reform in vielen Kernpunkten stark ähnelt und von den Demokraten durchaus als Vorbild für diese genutzt worden ist.

Eine Vielzahl anderer „Nicht-Romneys“ haben sich in den letzten Monaten abgelöst. Der texanische Gouverneur Rick Perry, die engagierte Tea-Party-Favoritin Michele Bachmann, zuletzt der kürzlich zum katholischen Glauben konvertierte, mehrmals geschiedene Newt Gingrich, der sich abwechselnd als Favorit der Konservativen und Inbegriff des etablierten Parteiinsiders hinstellt. Jetzt ist, exakt zum richtigen Zeitpunkt, der Moment des Rick Santorum gekommen.

Anders als Gingrich, der für die Tötung von Menschen im embryonalen Entwicklungsstadium zu Fortschungszwecken ist, und in der entscheidenden Frage der Abtreibung so weich und wacklig ist, dass er fast der deutschen CDU angehören könnte, steht Santorum klar und eindeutig auf dem Boden der kirchlichen Lehre in allen Fragen des Lebensrechts. Er ist auch sonst ein kirchentreuer Katholik (der die traditionelle lateinische Messe besucht), was zu seltsamen Allianzen zwischen einigen Demokraten und Santorum in dessen Zeit im US-Senat von 1994 bis 2006 etwa im Bereich der Armutsbekämpfung geführt hat.

Anders als die anderen Kandidaten der Republikaner und anders auch als Barack Obama, sieht Santorum die wahren Ursachen der Wirtschaftskrise nicht so sehr in zu viel oder zu wenig Regulierung, nicht in zu viel oder zu wenig Staat (auch wenn er klare Ansichten zu diesen Themen hat), sondern vielmehr in einem massiven Verfall der Familienwerte, die für Santorum immer im Glauben an Gott verwurzelt sein müssen. Dies scheut er sich auch nicht zu sagen.

Hier haben wir also einen Kandidaten, der nun überraschend im Scheinwerferlicht steht, der seine Politik tatsächlich in weiten Teilen an authentischer katholischer Lehre orientiert, einen Vater von sieben Kindern, von dem keine Affären und Skandale bekannt sind, und der doch mindestens zwei Köpfe über den Rest des Kandidatenfeldes hinausragt. Anders als Perry ist er in der Lage mehrere kohärente Sätze hintereinander frei zu sprechen; anders als Bachmann ist er zwar leidenschaftlich, aber nicht wütend oder uninformiert; anders als Romney ist er wirklich von dem überzeugt, was er sagt, und biedert sich nicht einfach an; anders als Gingrich ist er nicht von innen heraus moralisch korrumpiert (wer die Eheschwur bricht, bricht auch den Amtseid!); anders als Ron Paul ist er wählbar und vielleicht sogar mehrheitsfähig.

Er ist sicher nicht perfekt, aber er verdient die Aufmerksamkeit, die er jetzt bekommt, und sollte er tatsächlich nominiert werden, wird eine Welle der Diffamierung über ihn herfallen, und zwar sowohl von „links“ als auch von „rechts“, gerade in den deutschen Medien, die nach wie vor Obama als Erlöserersatz zu sehen scheinen.

Ein Bild zum Abschluss für den Hinterkopf: Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika empfängt jede Woche die Mundkommunion in der traditionellen Messe, vor dem Herrn niederkniend und Ihn anbetend, und orientiert seine Politik an der klassischen Naturrechtslehre und der katholischen Soziallehre. Wahrscheinlich undenkbar – der einzige katholische Präsident war bisher Kennedy, der nicht gerade für seine Religiosität oder seine Treue gegenüber der kirchlichen Lehre in Glaubens- und Sittenfragen bekannt war.

Doch nach dem Überraschungserfolg Santorums in Iowa nicht mehr ganz so unmöglich wie letzte Woche. Mal sehen wie es weitergeht.

Ein Link zu Santorums Dankesrede in Iowa letzte Nacht

Santorum über Abtreibung nach Vergewaltigung

„Personhood“ Initiative in Mississippi gescheitert

Eine von vielen Lebensschützern als Chance begriffene Volksabstimmung im US-Bundesstaat Mississippi ist am gestrigen Dienstag mit fast 60% unerwartet deutlich niedergestimmt worden. Noch Tage vor der Abstimmung hatten Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwrotern und Gegnern der Initiative erwartet.

Wäre die Initiative angenommen worden, hätte fortan in Mississippi jeder Mensch, ab dem Beginn seines Lebens im Moment der Zeugung, den vollen Schutz des Gesetzes genossen. Faktisch hätte dies, zumindest vorläufig (dazu gleich mehr) das Aus für Abtreibung aber auch frühabtreibende Verhütungsmittel wie die „Anti-Baby-Pille“ bedeutet. Mississippi ist einer der gesellschaftlich konservativsten Bundesstaaten, besonders aufgrund einer starken evangelikalen Bevölkerungsschicht, so dass Befürworter der Initiative durchaus gute Chancen gegeben hatten, zumal wichtige landespolitische Vertreter der Republikaner und Demokraten, die Gouverneurskandidaten der Parteien und der noch amtierende republikanische Gouverneur Barbour eingeschlossen, sich hinter den Plan gestellt hatten.

Doch die Front der Lebensschützer war nicht geschlossen. Einflussreiche Lebensrechtsgruppen, darunter National Right to Life, hatten sich gegen die Initiaitive ausgesprochen, da sie befürchteten, sie könne langfristig mehr schaden als nutzen. Warum?

In den USA gibt es durch die Entscheidung des Supreme Courts im Falle „Roe vs. Wade“ aus dem Jahr 1973 ein Recht auf Abtreibung, das ausnahmslos für die ersten drei Monate gilt, und auch danach nur unter besonderen Umständen beschränkt werden darf. Bei der Initiative in Mississippi handelte es sich um einen bewussten, direkten Angriff auf den Präzendenzfall von 1973, in der Absicht, den Supreme Court, der derzeit deutlich konservativer besetzt ist als damals, zu einer neuen Entscheidung zu zwingen. Dass Abtreibungsbefürworter gegen die Initiative klagen würden, das hatten die Lebensschützer einkalkuliert. Letztendlich würde dann das Höchste Bundesgericht, der Supreme Court, über den Fall entscheiden, und von dem erhoffte man sich dann eine günstige Entscheidung. Zumal aus der US-Verfassung, selbst nach der Ansicht vieler Abtreibungsbefürworter, wahrlich kein Recht auf Abtreibung hervorgeht, und es sich bei „Roe vs. Wade“ um eine im Wesentlichen politisch durch den Wunsch nach „fortschrittlicher“ Legalisierung der Abtreibung motivierte Entscheidung gehandelt hat.

Doch ob der Supreme Court seine Entscheidung von 1973 tatsächlich revidieren würde, ist umstritten. Von vier der neun Richter vermutet man zwar stark, sie wollten Änderungen an der damaligen Entscheidung, doch vier sind keine Mehrheit. Fünf Stimmen sind für eine solche Entscheidung erforderlich. Und solange die Demokraten die Mehrheit im Senat haben und Obama Präsident ist, besteht auch keine Aussicht auf die Ernennung eines fünften revisionswilligen Verfassungsrichters, so dass eine Mehrheit, so argumentieren die Teile der Lebensrechtsbewegung, die gegen die Initiative sind, unwahrscheinlich sei. Und verlöre man diesen Fall, so würde dadurch ein weiterer Präzedenzfall zugunsten des „Rechts auf Abtreibung“ geschaffen (und Präzedenzfälle sind entscheidend für das US-Rechtssystems – je mehr Präzedenzfälle es gibt, umso weniger Bereitschaft werden zukünftige Richter zeigen, nunmehr ganz anders zu entscheiden). Die Aufhebung von Roe vs. Wade ist aber die Voraussetzung für ein Abtreibungsverbot, also für konsequenten Lebensschutz. Solange das Verfassungsgericht in die Verfassung ein Recht auf Abtreibung hineinliest, wird jedes Abtreibungsverbot nicht in besserem Lebensschutz, sondern nur in einem weiteren, langfristig schädlichen, Präzedenzfall zugunsten des Rechts auf Abtreibung enden.

Ferner, so die Gegner der Initiative, würde durch eine weitere Niederlage vor dem Supreme Court die öffentliche Meinung noch stärker gegen die Sache des Lebensschutzes gewendet.

Hinzu kommt, dass die katholischen Bischöfe von Mississippi sich öffentlich gegenüber der Initiative für neutral erklärt haben und gravierende Zweifel angemeldet haben, ob diese Strategie im Kampf für das Lebensrecht aussichtsreich sei. Vor diesem Hintergrund der Spaltung der Lebensrechtler kommt die Niederlage in Mississippi nicht überraschend, auch wenn gegenteilige Hoffnungen kurzzeitig durch die Unterstützung der lokalen Politiker und einige Meinungsumfragen geweckt werden konnten.

Zwar ist die Lebensrechtsbewegung in Mississippi stark, vermutlich auch mehrheitsfähig, aber nur wenn sie geschlossen auftritt.

Mit fast 60% Gegenstimmen war die Initiative ein Schlag ins Wasser, und wenn es in Mississippi keine Mehrheit dafür gibt, dann wird es auch kaum einen anderen Staat geben, in dem sich eine solche Volksabstimmung gewinnen ließe.

Wie auch immer man zu der Sachlage und den möglichen rechtlichen Komplikationen, die eine Mehrheit für die Initiative bedeutet hätte, stehen mag, gestern ist eine sehr weitreichende Initiative zum Schutz der Ungeborenen deutlich besiegt worden. Die Tötung der Unschuldigen hat abermals, diesmal dank taktischer Streitigkeiten unter Lebensschützern, einen Sieg errungen.

Soweit die tagesaktuelle Frage – doch, der regelmäßige Leser wird es bereits geahnt (befürchtet?) haben, es gibt da noch mehr zu sagen, eine grundsätzliche Frage, zu der ich noch etwas mehr sagen möchte: Warum ist die Flut der modernistischen Aushöhlung des natürlichen moralischen Gesetzes immer höher als die vorherige Flut und die aktuelle Ebbe immer höher als die vorige Ebbe – kurzum: Warum haben die Verteidiger des natürlichen Sittengesetzes seit mehr als 200 Jahren langfristig immer nur verloren?

Doch davon morgen mehr….