Die Pius-Tragödie: Nächster Akt

Man weiß bald nicht mehr, was man dazu noch sagen soll – wieder einmal gibt es Neues von dem Tauziehen um die kirchenrechtliche Stellung der Piusbruderschaft (oder ihr Fehlen) zu berichten. Wieder einmal sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Dokumente durchgesickert, und wieder einmal sieht es so aus, als seien auf beiden Seiten – in Rom und in der FSSPX – Kräfte am Werk, die eine fruchtbringende Einigung mit allen Mitteln verhindern wollen. Informieren kann man sich z.B. hier oder hier.

Es sieht, den verlinkten Quellen folgend, jetzt wohl so aus, als habe es bereits im April, als es schon hieß, eine Einigung stehe unmittelbar bevor, oder sei gar eine ausgemachte Sache, eine Verständigung zwischen Bischof Fellay und dem Heiligen Vater gegeben, die aber aus welchen Gründen auch immer zwischen April und Juni wieder zurückgezogen oder modifiziert wurde. Diese Zusammenhänge stellt Côme de Prévigny auf Rorate Caeli trefflich dar. Man wird nun lange Spekulationen über die möglichen Ursachen dieser wechselnden Winde anstellen können – Winde, die im April Bischof Fellay dazu veranlassten, vorsichtig optimistisch zu sein, und die sich jetzt umgekehrt zu haben scheinen. Ich möchte diese Spekulationen nicht befeuern und stelle sie daher nicht an. Stattdessen verliere ich im folgenden einige Worte über ein grundsätzlicheres Problem, das mir hinter diesem nicht enden wollenden Verhandlungsmarathon zu stehen scheint:

Ich weiß, wie gesagt, eigentlich nicht mehr was ich dazu noch sagen soll. Ich glaube inzwischen auch nicht mehr, dass eine Rekonziliation zwischen der Piusbruderschaft und Rom, eine kirchenrechtliche Anerkennung, derzeit sinnvoll oder auch nur durchsetzbar wäre. Man verstehe mich nicht falsch: Ich würde sie wirklich begrüßen, doch die Umstände scheinen nicht richtig zu sein.

Im April, so heißt es in dem jetzt durchgesickerten Schreiben, habe Bischof Fellay eine Erklärung in Rom vorgelegt, die dem Heiligen Vater ausreichend erschien. Doch nun, am 13. Juni, sei aus Rom eine Art Gegenvorschlag eingegangen, dessen Substanz identisch mit der bereits von der FSSPX abgelehnten Präambel vom 14. September 2011 sei. Mit anderen Worten: Alle Annäherungen, alle Schritte, die vielleicht zu einer Einigung hätten führen können, sind damit wieder hinfällig geworden. Aus irgendeinem Grund hat man sich in Rom hinter den Schutzwall bereits abgelehnter Verhandlungsgrundlagen zurückgezogen. Eine Einigung, so wage ich zu behaupten, ist damit wieder in weite Ferne gerückt. Mehr noch: Das Projekt scheint mir gescheitert.

Wenn Bischof Fellay, wie in dem verlinkten Schreiben behauptet, bereits nach der ersten Durchsicht gesagt hat, man könne diesen Vorschlag unmöglich annehmen, dann wäre dies eine sehr bedeutsame Entwicklung. Denn unter den vier Bischöfen der Bruderschaft war Fellay immer derjenige, der einer Rekonziliation am ehesten positiv gegenüberstand.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es jetzt weitergehen wird. Bei der FSSPX steht nun ihr turnusmäßiges Generalkapitel an, und dort wird man alles noch einmal intensiv durchdiskutieren und von allen Seiten beleuchten. Doch was soll das ändern? Die Piusbruderschaft ist nicht bereit, inhaltliche Abstriche von ihrer Position zu machen. Aus ihrer Sicht bleibt das Konzil ein Irrweg, der Novus Ordo nicht nur theologisch minderwertig, sondern praktisch schädlich, da in ihm ein anderer Glaube als der traditionelle katholische vermittelt werde, und die kirchliche Verkündigung seit dem Konzil durch und durch modernistisch, bis hin zur Ebene der Päpste. Und die FSSPX wird nicht plötzlich von diesen Themen schweigen. Sie glaubt, Christus sei entthront worden, und dafür, ihn wieder auf den Thron zu setzen, wird sie bis zum letzten Atemzug kämpfen. Solange Rom dies nicht in einer kirchenrechtlich regulären Stellung erlauben will, wird sie es in irregulärer Stellung tun.

Umgekehrt ist Rom fest davon überzeugt, dass das Konzil ein großer Wurf war, und dieser Weg weitergegangen werden muss, auch wenn so manche zu radikale Interpretation nun abgeschwächt werden soll. Die Neue Messe ist und bleibt, auch nach dem Willen des Papstes, die normative Messe, und in der „pastoralen“ Praxis ist sie weiterhin die einzige, die in Freiheit zelebriert werden kann. Summorum Pontificum ist praktisch eine Karteileiche – das Motu Proprio wird nicht durchgesetzt und von den meisten Bischöfen einfach ignoriert. Sicher möchte man das Konzil ein wenig uminterpretieren, so dass es nicht mehr als radikaler Bruch mit der Tradition erscheint – Reform statt Revolution. Doch es bleibt dabei: Der Unterschied zwischen Reformern und Revolutionären ist nur das Tempo – das Ziel ist dasselbe. Der Reformer bricht langsam mit der Tradition, so dass es niemandem auffällt. Deswegen ist er häufiger erfolgreich als der Revolutionär. Aber brechen tut er ganz genauso. Die Hermeneutik der Reform ist also eine Hermeneutik des langsamen, kontinuierlichen, schonenden Bruchs. Eine „Hermeneutik des Umbiegens“ sozusagen.

Für die Piusbruderschaft ist keine Akzeptanz einer solchen „Hermeneutik des Umbiegens“ möglich. Sie hält unbeirrbar an dem fest, was Erzbischof Lefebvre im Gefolge der Tradition immer geglaubt und gelehrt hat. („Tradidi quod et accepi“) Ginge es wirklich um eine „Hermeneutik der Kontinuität“, so lägen die Dinge womöglich anders. Wollte man in Rom wirklich „Kontinuität“ statt „Reform“, wollte man also wirklich an der Tradition festhalten, bzw. in der „pastoralen“ Praxis zu ihr zurückkehren, so wäre die FSSPX sicher ganz aufgeschlossen. Bischof Fellay hat dies immer wieder deutlich gemacht: Wenn man von der Bruderschaft nicht verlangt, dass sie Abstriche an Glauben, Liturgie und Verkündigung macht, so wird sie nicht nein sagen. Selbst wenn mancher in der FSSPX damit seine Schwierigkeiten hätte, und selbst wenn das einen großen Kampf gegen die Bruchhermeneutiker in der Kirche bedeuten würde.

Doch im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn sie doch Abstriche vom Glauben, von der Liturgie, von der Verkündigung machen soll, dann wird sie nicht ja sagen. Wenn Rom sich weigert, der FSSPX die Gelegenheit zu dem von Erzbischof Lefebvre geforderten „Experiment der Tradition“ zu geben, in voller Freiheit von Behinderungen durch modernistische Ortsbischöfe, die in Europa leider nicht selten sind, dann wird sie – auch das hat Fellay nicht unterschlagen – nein sagen müssen.

Eine kirchenrechtliche Anerkennung einer Piusbruderschaft, die weiterhin einen Bruch zwischen Konzil und Tradition sieht und davon nicht schweigen möchte, scheint mir damit unmöglich, oder zumindest extrem unwahrscheinlich. Beide Seiten haben ihre Überzeugungen, und beide Seiten werden darüber sprechen können, bis sie schwarz werden. Ändern wird das nichts. Für eine Einigung müsste entweder die FSSPX auf ihre Vorbedingung eines freien Experiments der Tradition, das nicht von den Ortsbischöfen ausgehebelt oder aufs Abstellgleis geschoben werden könnte, verzichten, und ihre Konzilskritik weitgehend abschwächen oder einstellen, oder Rom gesteht der FSSPX eben diese volle Freiheit zu. Doch beides scheint inzwischen unmöglich.

Aus der Sicht der FSSPX könnte man möglicherweise sagen: Entweder Rom kehrt zum überlieferten Glauben zurück, oder wir brechen mit dem überlieferten Glauben. Da wir nicht mit dem Glauben brechen können, und Rom nicht dorthin zurückkehren will, ist keine Einigung möglich.

Aus Sicht Roms könnte man vielleicht sagen: Entweder die FSSPX erkennt die Segnungen des Konzils an, oder wir distanzieren uns von dieser dringend nötigen Kirchenreform. Doch wir können das Konzil nicht revidieren, und die FSSPX wird es nicht anerkennen, also ist keine Einigung möglich.

Am Ende, wenn der Rauch aller diplomatischen Initiativen geklärt ist, läuft es immer wieder auf die Integrität des ganzen, überlieferten, wahren katholischen Glaubens heraus. Ist dieser in seiner Substanz durch das Konzil angegriffen? Wenn ja, dann ist keine Versöhnung mit der „Konzilskirche“ möglich, in wie wundervolle diplomatische Floskeln man das auch kleiden mag.

Und dann ist noch die Frage, woran man erkennt, ob die Substanz des Glaubens durch das Konzil angegriffen worden ist. Rein dogmatisch-theologisch gesprochen erkennt man dies durch feinsinnige theologische Analysen der Konzilstexte, wie sie ja auch von katholischen Intellektuellen wie Msgr. Gherardini, Roberto de Mattei und anderen gefordert worden sind. Doch für die FSSPX ist das nicht der alleinige Maßstab. Das Konzil wollte „pastoral“ sein. Also schauen sie einfach ganz pastoral in die durchschnittlichen Gemeinden. Ist der Glaube dort in seiner Substanz angegriffen? Wird das Konzil, das real existierende Ereignis des Konzils, als Waffe gegen die Substanz des Glaubens eingesetzt? Und sie kommen zu dem klaren Ergebnis: Ja, es ist so.

Also können sie davon auch nicht schweigen. Und Rom kann sie davon nicht frei reden lassen. Also gibt es keine Einigung. Wie man dies auch immer diplomatisch formulieren mag.

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Ein kleines Pius-Update

In den letzten Wochen hat sich hinsichtlich einer möglichen kirchenrechtlichen Anerkennung der Piusbruderschaft nicht mehr viel getan. Nachdem sich die Glaubenskongregation im Mai mit der Frage befasst hatte, dürfte der ganze Vorgang nun  beim Heiligen Vater liegen. Obwohl mache Spekulationen erwarten ließen, dass eine Entscheidung noch im Mai fallen würde, steht es dem Papst natürlich frei, wie lange er über die Sache nachdenken und was er unternehmen will, wenn er denn handelt. Seitens der Piusbruderschaft weist man immer wieder darauf hin, dass nun alles in den Händen des Papstes liege, und man auf seine nächste Reaktion warte. In dieser Zeit, so etwa Bischof Fellay in diesem Interview, sollten die Gläubigen intensiv für einen guten Ausgang der Verhandlungen beten und in ihren diesbezüglichen Bemühungen nicht nachlassen.

Ich kann daran, egal von welcher „Seite“ der Debatte um die Piusbruderschaft man kommt, nichts schlechtes finden. Die Angelegenheit liegt in den Händen des Papstes, und bis dieser zu einer Entscheidung gelangt ist, und diese dann verkündet, sollten alle Katholiken darum beten, dass Gottes Wille getan werde, und alle Beteiligten sich diesem Willen ganz unterwerfen.

Die Schwierigkeiten sind immens. Nach wie vor scheinen zumindest einige der drei anderen Bischöfe der Bruderschaft jeglichem bisher existierenden Einigungsvorschlag sehr skeptisch gegenüber zu stehen – wie Bischof Tissier de Mallerais bei einer Predigt am Dreifaltigkeitssonntag deutlich zu verstehen gegeben hat. Ob die Bedenken gegen den am Ende vorliegenden Vorschlag stark genug sind, um die Piusbruderschaft zu zersplittern, kann man jetzt noch nicht absehen. Dass aber zumindest eine kleine Rumpf-FSSPX übrigbleiben wird, die sich den Annäherungsversuchen aus Rom entschieden aus Angst vor einer „Ansteckung durch das modernistische Rom“ widersetzt, kann man für den Fall einer erfolgreichen Einigung ebenso absehen, wie dass es die regularisierten Piusbrüder in ihrer neuen kirchenrechtlichen Stellung sehr schwer haben und großen Behinderungen ihres Wirkens durch modernistische Laien, Priester und Bischöfe ausgesetzt sein werden.

Über diese Wahrscheinlichkeiten hinaus, lässt sich sehr wenig über die aktuelle Lage mit zureichender Sicherheit sagen. Überraschend finde ich allerdings, dass angesichts der grassierenden Lecks im Vatikan noch keine Details über die Gespräche mit der FSSPX durchgesickert sind. Wollen wir hoffen, dass das auch so bleibt, bis die Gespräche zu einem guten Ende, worin dies auch bestehen mag, gekommen sind.

Beten für Fellay

Heute ist es soweit: Das lange antizipierte Treffen zwischen hochrangigen Vertretern des Vatikan und der Piusbruderschaft im Rahmen eines wirklich bedeutsamen Dialogprozesses wird heute stattfinden. Was wurde nicht alles spekuliert! Der Vatikan wolle den Piusbrüdern eine Personalprälatur anbieten, nach dem Vorbild von Opus Dei. Andere wollten erfahren haben, ein Ordinariat nach dem Vorbild von Anglicanorum Coetibus stehe den Piusbrüdern ins Haus. Die Spekulationen über eventuelle Spaltungen innerhalb der Bruderschaft zwischen Fellay und Williamson, zwischen Anhängern einer Einigung und quasi-sedevakantistischen Gegnern wollten nicht abreißen.

Die Versuchung sich an diesen Spekulationen zu beteiligen war für viele sehr groß, und einige sind ihr erlegen. Gestern nun, am 13. September, fand ich diesen Text in englischer Sprache, der abermals zu wissen behauptete, was denn genau bei dem Treffen geschehen werde.

Im Gegensatz zu so mancher Spekulation erscheint mir diese Quelle schon eher vertrauenswürdig – Andrea Tornielli ist oft ganz gut informiert – doch ich bleibe bei meinem Aufruf: Beten statt spekulieren!

Und deswegen möchte ich an dieser Stelle alle Katholiken, ob sie Anhänger der neuen oder der alten Messform sind, ob sie bisher eher skeptisch gegenüber der Piusbruderschaft waren, oder schon lange die Regularisierung herbeigesehnt haben, darum bitten, am heutigen Tag für alle Beteiligten, besonders für Bischof Fellay, auf dem nun die Hauptlast zu liegen scheint, zu beten. Ich denke, dass wir uns in einer entscheidenen Phase befinden. Father Z spricht oft von einem Marshall-Plan, den Papst Benedikt für die Kirche hat, einen Plan, durch den die Kirche – besonders in Europa – wieder gestärkt werden kann.

In diesem Plan wäre dann die Rückkehr von fast 500 traditionellen katholischen Priestern, die alle Dogmen der Kirche anerkennen und vorbehaltlos auch in der Öffentlichkeit vertreten, in den Schoß der vollen Gemeinschaft mit der heiligen Mutter Kirche so etwas wie die Luftbrücke über Berlin. Die Kirche in Deutschland und im ganzen Westen befindet sich quasi in einem Belagerungszustand. Die Mächte der Weltlichkeit haben fast alle Bastionen eingenommen und selbst in der Kirche sind viele noch vor 50 Jahren uneinnehmbar geglaubte Festungen gefallen – in der Liturgie, in der Volksfrömmigkeit und im praktischen Glauben vieler einfacher Katholiken, Priester und teils sogar Bischöfe.

Wenn die Informationen aus dem oben verlinkten Artikel stimmen, dann wird Bischof Fellay heute ein zweiseitiges Dokument in die Hand bekommen, in dem sich die Zusammenfassung der vom Vatikan vertretenen Positionen zu den theologischen Streitfragen mit der Piusbruderschaft befinden. Die Zustimmung zu den dort beschriebenen Positionen sei, soweit Tornielli, Voraussetzung für eine Rückkehr in volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.

Was allerdings auf diesen zwei Seiten steht, weiß er nicht, ich weiß es nicht, keiner weiß es im Moment.

Aus Torniellis Artikel geht ferner hervor, dass das Angebot wohl praktisch unverhandelbar ist. Fellay dürfe sich Bedenkzeit ausbitten, er dürfe auch um Klarstellungen einzelner Punkte ersuchen, aber die Piusbruderschaft werde schließlich dieses Papier so annehmen müssen, oder sich gegen eine Einigung mit Rom aussprechen.

Wie gesagt, ob das alles stimmt, weiß derzeit niemand außerhalb eines sehr engen Zirkels in Rom – und in dem Zirkel spricht derzeit niemand darüber.

Wir werden also einfach warten müssen – warten und beten, denn die Piusbruderschaft wäre aus so vielen wichtigen Gründen eine Bereicherung für die ganze Kirche.

Ich hoffe und bete, dass der Vatikan den Piusbrüdern ein annehmbares Angebot macht, das weiterhin die nötige schwere Kritik an einigen Passagen der Konzilstexte und erst recht ihrer gängigen Auslegungen ermöglicht, und das, ganz wichtig, die Bruderschaft nicht unter die Oberhoheit der Ortsbischöfe stellt, was hier in Deutschland ein Desaster wäre.

Ich hoffe und bete, dass Bischof Fellay und die anderen an einer Einigung interessierten Kräfte in der Piusbruderschaft sich gegen die Obstruktionisten durchsetzen können, und das oben erwähnte vernünftige Angebot des Vatikans ohne großes Zögern akzeptieren, ohne Wenn und Aber in den Schoß der Kirche zurückkehren, um ihre gedeihliche Arbeit der letzten Jahre und Jahrzehnte nunmehr ohne Zweifel an ihrem Status in der Kirche mit dem vollen Segen Petri fortzuführen.

Und mit einer kleinen Lachfalte im Mundwinkel hoffe und bete ich für den Fall einer Einigung zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan, dass die lieben FreundInnen von Non Serviam Wir Sind Kirche das Erlebnis gut überstehen und sich mit den dann entstehenden neuen Verhältnissen gut arrangieren…

Außerdem hoffe ich, dass sich viele diesem Gebet anschließen werden, alle Beteiligten werden es brauchen.