Hermeneutik der Kontinuität – Ein praktisches Beispiel

Das Konzil ist für viele, wenn auch nicht für alle, ein ewiger Zankapfel.

Manche lehnen das Konzil mit Stumpf und Stiel ab, weil es modernistisch sei. Solche Ideen finden sich auf dem „Williamson-Flügel“ der Piusbruderschaft nicht selten. Ihnen ist entgegenzuhalten, dass 95% des Konzils nichts anderes tun, als bereits bekannte Lehren zu wiederholen, und sei es vielleicht auch in weniger prägnanter Form, so bleiben es doch dieselben Lehren. Warum sollten diese Lehren auf einmal modernistisch sein, bloß weil sie von anderen Textabschnitten umgeben sind, die ziemlich modernistisch klingen?

Andere lehnen das Konzil ebenso radikal mit Stumpf und Stiel ab, weil es ihnen nicht weit genug gegangen ist. Diese Gruppe hatte lange Zeit die praktische Interpretationshoheit über das Konzil und rechtfertigte ihr Unwesen mit dem „Geist“ des Konzils, der kein anderer war, als der Geist von „68“. Sie werten jede Kritik am Geist von 68 als Kritik am Konzil. Auch sie verunmöglichen eine rationale Rezeption der Texte.

Zwischen diesen Extrempositionen bewegt sich der Heilige Vater mit seiner Hermeneutik der Reform in Kontinuität mit der ganzen Tradition der Kirche. Ob sie tatsächlich für alle Konzilstexte vollkommen ausreichend ist, bedarf weiterer theologischer Klärung. Für die meisten Texte passt sie jedoch unzweifelhaft.

Father Z präsentiert auf seinem sehr lesenswerten Blog nunmehr einen Artikel, in dem er eine sehr traditionelle Interpretation der Texte aus Sacrosanctum Concilium über den Gregorianischen Choral vorlegt. Er demonstriert, dass es die Absicht des Konzils war, der Gregorianik einen absolut zentralen Platz in der Liturgie zuzuweisen. In der Praxis ist er aber fast völlig verdrängt worden. Father Z kommt zu der Schlussfolgerung:

„When we read SC 116 “latinly”, it says that, barring something out of the ordinary, Gregorian chant is the first type of sacred music that is to be used in the Roman liturgy, because the Church claims and acknolwedges and declares Gregorian chant to have the “first place” among all legitimate types of sacred music. Just as when a father recognized a first-born son that son became the principle heir, to be preferred over even all other legitimate children, so to the Church places Gregorian chant in the first place over all other types of sacred liturgical music. At the same time, there are rare occasions when something other than Gregorian chant can be used.“

[Wenn wir SC 116 „lateinisch“ lesen, besagt es, dass Gregorianischer Choral, von außergewöhnlichen Umständen abgesehen, die erste Art von heiliger Musik ist, die in der römischen Liturgie zu benutzen ist, weil die Kirche behauptet und anerkennt und erklärt, dass der Gregorianische Choral den „ersten Rang“ unter allen legitimen Arten heiliger Musik hat. Wenn der Vater einen erstgeborenen Sohn anerkannte, bekam dieser Sohn der vornehmliche Erbe, der selbst allen anderen legitimen Kindern vorzuziehen ist. Ebenso setzt die Kirche den Gregorianischen Choral an die erste Stelle, vor alle anderen Arten heiliger liturgischer Musik. Gleichzeitig gibt es seltene Gelegenheiten, zu denen etwas anderes als der Gregorianische Choral benutzt werden kann.]

Ein beeindruckendes Beispiel für die Tatsache, dass die Hermeneutik der Kontinuität das Konzil in ein Licht zu rücken vermag, in dem es bislang zu selten betrachtet worden ist.

Die Sammlung der Konzilstexte in einer Vielzahl von Sprachen findet sich übrigens auf der Vatikanseite, damit wir alle lesen können, was das Konzil wirklich gesagt hat.

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Literaturempfehlung

Ich bin gestern bei Summorum Pontificum auf einige ins Deutsche übersetzte Auszüge aus einem Buch des Ungarn László Dobszay zur Liturgierreform gestoßen. Die übersetzten Stellen beziehen sich konkret auf die Reformen der Karwochenliturgien, die Dobszay ziemlich negativ beurteilt. (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Dobszay scheint hierbei aber auch kein unkritischer Anhänger der Tridentinischen Messe zu sein, die er zuweilen bereits als eine „Verarmung“ der Liturgie ansieht, und deren Reformbedarf er nicht leugnet.

Das Buch kann derzeit zur Gänze kostenlos heruntergeladen werden, allerdings nur in englischer Sprache. Eine deutsche Version habe ich bisher nicht finden können und vermute, dass es gar keine Übersetzung gibt. Es handelt sich um eine ziemlich grundsätzliche Kritik an der Neuen Messe und der gesamten Liturgiereform, die sich, nach der Intention des Autors, aber im Rahmen der „Reform der Reform“ von Benedikt XVI. bewegt.

Ich bin bei meiner Lektüre bislang noch nicht weiter als bis zum zweiten Kapitel gekommen, aber was ich gelesen habe, erscheint mir recht fundiert und sicher lesenswert. Wer also des Englischen mächtig und an liturgischen Fragen interessiert ist, sollte sich das Buch vielleicht herunterladen und sich diese fundierte Beschäftigung mit den bis heute umstrittenen Fragen zu Gemüte führen.

Auch die nicht englischsprachigen interessierten Leser können sicher von einer Lektüre der auf Summorum Pontificum übersetzten Abschnitte zur Liturgie der Karwoche profitieren.