Salus animarum suprema lex…

Das Heil der Seelen ist das höchste Gesetz der Kirche. Wenn also eine von der Kirche in ihrer Weisheit festgelegte Bestimmung in irgendeinem konkreten Fall dazu führt, dass das Heil menschlicher Seelen in Gefahr gerät, so gilt immer dieses höhere Gesetz. Das Seelenheil steht über allen partikularen rechtlichen Vorschriften. Wir sprechen hier nicht vom göttlichen, sondern vom menschlichen Gesetz, speziell vom kirchlichen Gesetz.

Es ist unbestritten, dass die Piusbruderschaft mindestens durch die Bischofsweihen von 1988 gegen den Buchstaben des Kirchenrechts verstoßen hat. Die Strafe, die sich dem Buchstaben des Gesetzes folgend die an der unerlaubten Weihe beteiligten Personen zugezogen haben, ist seit 2009 aufgehoben, doch das Faktum der unerlaubten Weihe bleibt bestehen. Nun wird, wie meine Leser sicher wissen, von seiten der Piusbruderschaft argumentiert, der Buchstabe des Gesetzes habe in diesem Fall jenem höheren Gesetz weichen müssen. Wie auch immer es damit aussehen mag – darum soll es mir gar nicht gehen. Aber festzuhalten ist, dass man bei der Piusbruderschaft absolut verlässlich die gesunde katholische Lehre zu hören bekommt, an einer zweifellos gültigen und ehrfürchtig zelebrierten Messe teilnehmen kann, die die unverfälschte katholische Theologie des Messopfers klar zum Ausdruck bringt. Und dass die dort zu empfangenden Sakramente derzeit unerlaubt gespendet werden, hat mit der irregulären kirchenrechtlichen Situation zu tun, die, wenn der Heilige Vater es wünscht, einfach dadurch gelöst werden kann, dass er die Bruderschaft ohne weitere Bedingungen regularisiert.

Entsprechend sind auch die Früchte, die die Bruderschaft hervorgebracht hat. Sie wächst, ihre Seminare sind voll, und der heftige Widerstand, der ihr in der „Welt“ entgegengebracht wird, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass hier tatsächlich der Heilige Geist am Werk ist. Die Piusbruderschaft ist ein einziges Zeichen des Widerspruchs in unserer Welt. Deswegen ist sie so unpopulär. Sie richtet sich nicht an der Welt aus, sondern einzig und allein an der katholischen Wahrheit.

Wie alles Menschenwerk ist sie nicht vollkommen, und oft genug stehen die menschlichen Schwächen, Sünden und Begrenzungen auch bei ihr einer größeren Effektivität in ihrer Mission im Wege. Das ist immer so. Nicht einmal die Heiligen sind hier auf Erden absolut perfekt, und die meisten Menschen sind eben keine Heiligen, selbst wenn sie Heiligkeit ernsthaft als Ziel anstreben. Über diese menschlichen Schwächen müssen wir also immer hinwegsehen. Tun wir das, dann finden wir bei der Piusbruderschaft die unverfälschte katholische Lehre vor, die aber immer noch keine reguläre kirchenrechtliche Stellung hat.

Was die Piusbruderschaft derzeit tut, widerspricht dem Buchstaben des Gesetzes.

Und was ist mit denen, die ganz offiziell anerkannt in voller Gemeinschaft mit Rom stehen? Viele von ihnen, darunter die Petrusbruderschaft, die anderen Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, aber auch viele andere Priester und Bischöfe in der ganzen Welt, vollbringen ebenfalls wichtige Werke für das Heil der Seelen und folgen damit auch dem höchsten Gesetz der Kirche, das über dem bloßen Buchstaben steht.

Leider sehen wir auch vielfältige Beispiele für „buchstabentreue“ Kirchenmänner, die sehr wenig Interesse an den Seelen der Menschen zeigen, sondern die Kirche ganz neu aufbrechen wollen, damit eine rein menschliche, weltimmanente Mitmachreligion aus ihr werde, die zwar niemanden mehr erlösen, dafür aber auch keinen mehr aufregen kann. Sie kämpfen nur für die Bewahrung des katholischen Milieus und ihres säkularen Glaubensbekenntnisses, dessen fünf wichtigste Glaubensartikel Alexander Kissler sehr schön aufgeschlüsselt hat. Das Heil der Seelen ist da eher im Weg, verlangt es doch den wahren Glauben, die eine wahre Kirche und, besonders anstößig, auch das ernsthafte Befolgen des Sittengesetzes. Das stört einfach, also wird es ignoriert – oder „aufgebrochen“.

Diese Vorgänge sind alle konform mit dem Buchstaben des Gesetzes, oder falls nicht, stört es zumindest keinen so wirklich. Solange man nicht zu viel Staub aufwirbelt, wie die Ungehorsamsinitiative eines beträchtlichen Teils der österreichischen Pfarrer, passiert gar nichts. Und wenn doch, bekommt man einige milde Hinweise, man möge doch bitte gehorsam sein. Aber Sanktionen gibt es keine.

Das ist leider alltägliche Praxis in der Kirche, die von den Mächten der Unterwelt nicht überwältigt, aber doch zeitweise in arge Bedrängnis gebracht werden kann, wie schon öfters in ihrer langen Geschichte geschehen, und wie auch heute wieder.

Wir haben hier einen ganz interessanten und ganz tragischen Konflikt.

Auf der einen Seite über fünfhundert traditionelle Priester, hunderttausende traditionelle Gläubige weltweit, die den wahren Glauben haben, leben, verkünden, lieben, und für ihn sterben würden, die aber aus formaljuristischen Gründen nicht an der vollen Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater teilhaben, obwohl sie in Wort und Tat den wahren Glauben aufweisen.

Auf der anderen Seite sehr viele lauwarme, modernisierte, angepasste Katholiken, von denen die meisten gar nicht mehr in die Kirche gehen und sicher keinen katholischen Glauben mehr haben, geführt von hauptsächlich an der Bewahrung weltlichen Ansehens und des kulturellen Milieus interessierten Hirten, die aber aus formaljuristischen Gründen in voller Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater stehen, obwohl sie kaum weiter von ihm entfernt sein könnten. Und überall dazwischen einige Katholiken, unter ihnen Laien, Priester und Bischöfe, die sich gegen dieses drückende säkularisierte Milieu eines glaubensfreien, konventionellen Kulturchristentums wehren, aber mit ihren Mitstreitern im Geiste nicht vereint werden können, weil der Graben der formaljuristischen „vollen Gemeinschaft mit Rom“ sie trennt, obwohl der Glaube sie vereint.

Die einzige Lösung ist in dieser Situation, das Problem mit der „vollen Gemeinschaft“ aufzubrechen, indem die Kirche erklärt, dass mindestens jeder getaufte und gefirmte Christ, der den ganzen, unverkürzten, wahren katholischen Glauben hat, in dieser ominösen „vollen Gemeinschaft“ zu finden ist, und zwar unabhängig davon, ob er die pastoralen Richtlinien des Pastoralkonzils der 60er-Jahre für besonders zielführend hält.

Wenn wir erst einmal an diesem Punkt angekommen wären, dann wäre schon viel gewonnen.

Es ist eine sehr effektive Strategie, den Gegner erst aufzuspalten, und dann jede Kompanie einzeln zu besiegen. Das hat die Spaltung der traditionellen Katholiken entlang der Trennlinie der „vollen Gemeinschaft“ wieder einmal gezeigt. Die Modernisten tanzen auf den Tischen, weil die traditionstreuen Katholiken zu sehr mit unsinnigen Bruderkämpfen beschäftigt sind, um sich vereint dem wirklichen Gegner in den Weg zu stellen.

Das, so steht jedenfalls fest, ist für das Heil der Seelen sehr schlecht, und steht daher in eklatantem Widerspruch zum höchsten Gesetz der Kirche.

Bereits jetzt kursieren Gerüchte, dass Kardinal Ranjith sein Priesterseminar nach einer möglichen Einigung der Piusbruderschaft übergeben möchte, um die Qualität der Ausbildung zu steigern. In Deutschland wäre so etwas zwar noch nicht denkbar, aber wir sehen an diesem einen Beispiel, was alles möglich wäre, wenn die traditionell gesinnten Kräfte innerhalb der Kirche endlich an einem Strang ziehen würden.

Das wäre, so steht ebenfalls fest, für das Heil der Seelen sehr gut.

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