Homosexualität und Scheidung

Dieser Tage ist das Thema Homosexualität ja in aller Munde. Die Inselaffen (in gänzlich korrekter evolutionsbiologischer Ableitung) wollen eine „Homo-Ehe“ einführen. Die Franzosen haben denselben Plan gefasst, und in Deutschland sollen Homosexuelle, die in eingetragenen Partnerschaften leben, in Zukunft ein verfassungsgerichtlich erzwungenes erweitertes Adoptionsrecht haben. In der Kirche vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendjemand fordert, die Kirche müsse mit der Zeit statt mit der Bibel gehen und sich endlich für die Partnerschaften von homosexuellen Paaren „öffnen“. In der Praxis haben nicht wenige Seminaristen, Priester und womöglich Bischöfe sich der Homosexualität auch dadurch sehr weit geöffnet, dass sie sie selbst praktiziert haben. Oft genug auch mit Minderjährigen, worauf die überwiegende Mehrzahl der Missbrauchsfälle zurückzuführen ist.

Homosexualität ist also in aller Munde. Politisch wird es zunehmend schwer für diejenigen, die sich nicht dem Zeitgeist beugen, sondern die überlieferte Familie entschlossen verteidigen, und diejenigen, die am eifrigsten nach Toleranz gegenüber Homosexuellen rufen, haben meist überhaupt keine Toleranz, wenn es um die Minderheitenrechte von traditionellen Christen geht, die an der traditionellen, von Gott eingesetzten Ehe festhalten, und dafür auch öffentlich eintreten möchten.

Ich habe großen Respekt vor denen, die gegen die Homo-Ehe in der Öffentlichkeit kämpfen, und ihr Kampf ist notwendig. Doch das eigentliche Übel liegt woanders. Für die meisten Menschen ist einfach nicht einsichtig, warum zwei Homosexuelle nicht heiraten können, wenn sie es doch wollen. Lieben sie sich denn nicht ebenso aufrichtig, wie das heterosexuelle Liebespaar von nebenan? Ist denn nicht ihre Zuneigung deutlich erkennbar? Ja, natürlich, das mag durchaus alles sein. Es gibt solche homosexuellen Paare. Doch wenn zwei Männer einander wirklich aufrichtig lieben, warum sollen sie dann nicht heiraten können? Für den Menschen von heute ist das ein großes Rätsel und sein Unverständnis gegenüber der Haltung der Kirche rührt von daher.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil es in der Ehe nicht in erster Linie um Liebe geht! In Casti Connubii (unbedingt lesen!) zitiert Pius XI. den hl. Augustinus, demzufolge die drei Güter der Ehe „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“ seien.

Die Ehe ist für die Sicherung der Nachkommenschaft da (sowohl Zeugung als auch Aufzucht, Erziehung und Bildung der Kinder, was eine dauerhafte Bindung der Eltern aneinander und an ihre minderjährigen Kinder erfordert).

Die Ehe ist für den gegenseitigen Beistand und die Hilfe der Eheleute da. Die Eheleute stehen sich sowohl in den Fährnissen des alltäglichen Lebens, als auch (und vor allem) auf der Pilgerreise durch dieses zeitliche Leben hin zu ihrer ewigen Bestimmung im Himmel bei.

Die Ehe ist schließlich Sakrament, eine unauflösliche Verbindung zweier Menschen, die durch ihre Verbindung sichtbares Zeichen für die Vereinigung Christi und Seiner Braut, der Kirche, werden, und zwar in einer Weise, dass dieses Zeichen eines der sieben Sakramente ist. Es ist also nicht bloß ein Zeichen, sondern ein wirklich wirksames  Zeichen.

Aus diesem Eheverständnis heraus wird sofort klar, warum es nicht Hass oder Phobie ist, die den Christen zur Ablehnung homosexueller Partnerschaften führt, sondern einfach die offensichtlichen Tatsachen, dass

(1) zwei Homosexuelle durch die Nutzung ihrer natürlichen körperlichen Fähigkeiten prinzipiell niemals Nachkommen miteinander zeugen können,

(2) zwei Homosexuelle sich vielleicht auf dem Weg auf dieser Erde gegenseitig beistehen können, aber nicht auf der Pilgerreise, die in den Himmel führen soll, weil ihr Verhalten dem göttlichen Gebot widerspricht, und

(3) zwei Homosexuelle nicht in der Lage sind, die Vereinigung Christi mit Seiner Braut zu symbolisieren, weil Christus keinen Bräutigam, sondern eine Braut hat, und die Braut keine Christa, sondern den Christus.

Die „Ehe“ zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist daher einfach ein Widerspruch in sich. Man kann keine „Homo-Ehe“ einführen, ebenso wie man nicht per Dekret festlegen kann, dass alle Eier in Zukunft perfekte Sechsecke seien. Eier sind nun einmal eiformig, nicht sechseckig, und Ehen sind nun einmal verschiedengeschlechtlich, nicht gleichgeschlechtlich.

Doch dieses Eheverständnis sagt noch viel mehr aus als nur die Unmöglichkeit der „Homo-Ehe“. Auch die Scheidung ist damit unmöglich. Die Pilgerreise, auf der die Eheleute einander beistehen sollen, ist lebenslang. Sie endet erst mit dem Tod. Und die Ehe zwischen Christus und der Kirche ist ewig, so dass eine bloß temporäre Bindung unter Scheidungsvorbehalt aus diesen Gründen ebenfalls ein Widerspruch in sich ist.

Ebenso ist mit diesem Eheverständnis ausgesagt, dass die Ehe, selbst abgesehen von dem sakramentalen Charakter (ohne den eine Ehe ja durchaus gültig sein kann), niemals gänzlich säkular gedacht werden kann, da es nicht nur um gegenseitigen Beistand auf Erden geht, sondern eben auch um Unterstützung und Stärkung auf dem Weg in die ewige Seligkeit.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Implikationen des katholischen Eheverständnisses. Mit diesem gedanklichen Hintergrund kann man ganz ohne Appell an bloße „Ressentiments“ oder „Hass“ oder „Phobien“ erklären, dass eine Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts einfach ein Widerspruch in sich ist. Doch konsequent muss dann auch gegen Scheidung sein, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wenn es bei der Ehe wirklich nur um gegenseitige Zuneigung geht, dann muss die Ehe auch Homosexuellen gestattet werden. Wenn es bei der Ehe aber in erster Linie um etwas ganz anderes als bloße Zuneigung geht, nämlich „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“, dann sieht die Sache ganz anders aus.

Das dominierende Eheverständnis, auch unter vielen Gegnern der „Homo-Ehe“, ist aber das moderne, säkulare Verständnis, die Ehe sei ein sichtbarer Ausdruck für die gegenseitige Liebe der Ehepartner und biete ihnen eine rechtliche Absicherung, die diesem Ausdruck eine gewisse Stabilität bietet, solange die Ehepartner einander noch lieben. Unter diesen Prämissen ist ein Beharren auf der Heterosexualität der Ehe unlogisch und kann dann selbst von gutwilligen Anhängern der „Homo-Ehe“ – von denen ich einige kenne – eigentlich nur als irrationale Ablehnung, als Hass oder Phobie, gedeutet werden. Denn einander lieben können Homosexuelle auch.

Wenn Ehe bloß Liebe + Sex ist, dann sollte Homosexuellen die Ehe geöffnet werden, und Scheidung sollte leicht möglich sein, sobald die Liebe schwindet oder der Sex nicht mehr gut genug ist.

Wenn Ehe aber Nachkommenschaft + Treue + Sakrament bedeutet, dann können zwei Homosexuelle ebensowenig heiraten wie sie die Arme ausstrecken und aus eigener Kraft fliegen können.

Doch dann darf man die moderne Ehe nicht als gegeben hinnehmen, sondern muss für ihre Rückkehr zu den wesentlichen Ehezwecken kämpfen, was dann auch die Unauflöslichkeit bedeutet.

Das ist derzeit politisch nicht durchsetzbar. Doch indem man davon schweigt, wird es nicht leichter durchsetzbar, sondern schwerer.

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Was Gott zusammengeführt hat… (Teil 2)

(Dies ist der zweite Teil eines Artikels zum Thema Scheidung, anlässlich der Legalisierung der Scheidung in Malta. Im ersten Teil hatte ich zum Thema hingeführt und dann die Aussichten Maltas für die Zukunft im Hinblick auf die breitere Thematik stabiler Ehen und Familien untersucht. Nun kommen wir zu den zwei offengebliebenen Fragen.)

2. Auswirkungen auf Ehe und Familie im Allgemeinen

Bei der Argumentation zum vorstehenden Punkt hatten wir die Frage nach Ehe und Familie schon kurz berührt. Jetzt wollen wir jedoch etwas genauer auf die naturrechtlichen und moralischen Grundlagen eingehen, die bereits vor der religiös motivierten Einsicht in die Worte Jesu und der Kirche erkennbar sind. Die Integrität einer jeden Gesellschaft basiert auf der Stärke ihrer Familien. Doch Familien können nur aus sich heraus stark und verlässlich sein, wenn die Ehen, die die Grundlage für sie bilden, stark und verlässlich sind. Das ist aber wiederum nur der Fall, wenn jedes Familienmitglied sich sicher sein kann, dass eine Ehe, die einmal geschlossen worden ist, auch bestehen bleibt. Und während zwar theoretisch einige wenige rechtliche Ausnahmetatbestände für wirkliche Härtefälle vom weltlichen Standpunkt aus bedenkenlos hinnehmbar wären, zeigt die Erfahrung, dass es niemals bei diesen Härtefällen bleibt. Scheidung wird mehr und mehr als Gewohnheitsrecht und selbstverständlicher Teil des Gesellschaftssystems begriffen. Daher ist schon das Zulassen weniger Ausnahmetatbestände der erste Schritt auf dem Weg zur Zerstörung der Integrität der Ehe, und damit der Integrität der Familie, und schließlich zur Zerstörung der Gesellschaft.

Der empfundene Zuwachs an Freiheit, der durch liberale Scheidungsgesetze entsteht, ist sowohl kurzlebig als auch weitgehend illusorisch. Kurzlebig, weil eine Gesellschaft mit liberalen Scheidungsgesetzen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte auf schwerwiegende strukturelle und teils sogar finanzielle Probleme stoßen wird, deren Lösung mehr und mehr staatliche Gesetzgebungstätigkeiten erfordert. Und dies führt langfristig selbst bloß von der Perspektive der Freiheit gesehen, zu weniger Freiheit. Daher ist die durch Scheidung gewonnene Freiheit kurzlebig. Doch selbst diese kurzlebige Freiheit ist wesentlich illusorischer Natur: Wer frei ist sich zu scheiden, ist nicht frei sich dauerhaft zu binden. Die Legalisierung der Scheidung fügt die Freiheit hinzu, seinen Ehepartner zu verlassen. Sie nimmt die Freiheit hinweg, in einer sicheren, dauerhaften Paarbindung zu leben. Nicht alle Menschen werden sich scheiden lassen – aber alle könnten es. Die Verlässlichkeit der Bindung entfällt. Doch wenn ein Partner den anderen jederzeit verlassen kann, dann ist keiner der Partner mehr frei, eine unauflösliche Bindung einzugehen. Der englische Autor G.K.Chesterton schrieb einmal (in seinem Buch „Orthodoxy“), er lege besonderen Wert auf die Freiheit sich zu binden, und an seine Versprechen wirklich gebunden zu sein. Diese Freiheit verliert man in einem Regime liberaler Scheidungsgesetze unwiderruflich. Die Liberalisierung der Scheidung gibt eine Freiheit dazu, nimmt eine andere hinweg. Unterm Strich ändert sich nichts – nicht mehr und nicht weniger Freiheit, sondern nur eine andere Art Freiheit: Ist Scheidung illegal, hat der Mensch die Freiheit zur Verlässlichkeit, ist sie legal, hat er die Freiheit des Verlassens. Menschen, die sich immer ein Hintertürchen aufhalten und niemals an ihre Versprechen gebunden sein wollen, werden sicherlich die zweite Art Freiheit bevorzugen. Doch die moralische Qualität eines Menschen, der Freiheit bloß als Recht auf Unzuverlässigkeit und Anspruch auf Beliebigkeit versteht, lässt zu Wünschen übrig – nicht nur von einem traditionell katholischen Standpunkt.

Der Zuwachs an Freiheit, der durch Scheidungsliberalisierung zu entstehen scheint, ist also sowohl kurzlebig als auch illusorisch. Der Verlust an gesellschaftlicher Stabilität hingegen ist dauerhaft und real. Selbst vom Standpunkte der bloß weltlichen Vernunft ist Scheidung generell abzulehnen und in keinem Falle zu rechtfertigen. Für wirkliche Härtefälle gibt es die Möglichkeit des Getrenntlebens. Dies ist, wie gesagt, vom Standpunkt der rein weltlichen Vernunft bereits der Fall. Das Scheidungsverbot ist nicht bloß Teil der christlichen Offenbarung, sondern schon Teil des moralischen Naturrechts. Es ist daher zugänglich für jeden gutwilligen Menschen, der sich ernsthaft und informiert Gedanken über das gute Zusammenleben in der Gesellschaft – also über Ethik – macht. Es setzt keinen Offenbarungsglauben voraus. Der Offenbarungsglaube des Katholizismus bestätigt oder ratifiziert hier nur noch bereits aus natürlicher moralischer Reflektion erlangte Einsichten. Auch ohne die Offenbarung des Christentums, ohne Neues und Altes Testament, ohne Bibel, ohne kirchliches Lehramt, wäre Scheidung verwerflich und nicht im Interesse des Gemeinwohls.

Daher ist, nebenbei erwähnt, ein Scheidungsverbot selbst vom Standpunkt des modernen säkularen Staates aus betrachtet, kein Eingriff der Religion in die Gesetzgebung, sondern höchstens ein Eingriff der natürlichen moralischen Vernunft – die vermutlich selbst säkulare Staaten nicht ablehnen.

3. Lehren für Katholiken aus dem Fall Malta

Die erste und wesentliche Einsicht, die wir als Katholiken aus dieser Situation ziehen sollten, ist, dass wir uns in dieser Frage keinesfalls auf religiöse Erklärungsmuster zu verlassen brauchen. Solche Erklärungsmuster stellen zwar sicheres Wissen dar (Glaubenswahrheiten), sind aber nur für gläubige Katholiken zugänglich. Der allergrößte Teil der christlichen Moral – darunter ausnahmslos jede heute ernsthaft umstrittene moralische Frage, wie Verhütung, Abtreibung, Euthanasie, Homosexualität und eben Scheidung – gehört nicht zum Glaubensgut im strengen Sinn. Alle Glaubenswahrheiten müssen vom Katholiken geglaubt werden. Jedoch gibt es Glaubenswahrheiten, die sich nicht durch die menschliche Vernunft beweisen lassen (Dreifaltigkeitsdogma, Realpräsenz usw.). Andere Glaubenswahrheiten, vor allem im Bereich der Sittenlehre, lassen sich hingegen durch die Mittel der natürlichen Vernunft aufweisen. Diese weltlichen, nicht-religiösen Argumente für die moralischen Überzeugungen des Christen sind die einzigen, die einen Nicht-Christen überzeugen könnten. Wer Jesus nicht für Gott hält, wird schwerlich seine Maximen für besonders wichtig halten. Aber sachliche Argumente und weltlich-rationale Vernunft lassen sich nicht so leicht leugnen.

Sehr viele Katholiken scheinen diese Argumente aber weitgehend zu ignorieren. Modernisten spielen die Offenbarung kräftig herunter oder leugnen sie glatt, weil sie unpopulär ist und nicht als „zeitgemäß“ erscheint – und im selben Atemzug werden auch die nicht gesellschaftlich respektablen Teile des Sittengesetzes geleugnet, obgleich sie nicht der Kraft der Offenbarung bedürfen – einfach um der Anpassung an den Zeitgeist Willen. Doch auch auf traditionell katholischer Seite geraten die weltlich-ethischen Argumente gegen die Irrtümer der Moderne oft ins Hintertreffen. Hier beruft man sich sehr gern auf die Bibel, die Kirchenväter, lehramtliche Dokumente und dergleichen. Das alles ist gut und richtig und hat seinen würdigen Platz. Aber damit überzeugt man keine Skeptiker – damit hätte man mich vor fünf Jahren definitiv nicht überzeugt. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, so ignorieren doch die verschiedenen Strömungen innerhalb der heutigen Kirche gern die weltlichen Einsichten der natürlichen Vernunft.

Doch selbst wenn wir die besten nicht auf der Annahme der Gottheit Christi basierenden Argumente vorlegen, werden sich natürlich die meisten Menschen nicht überzeugen lassen. Der Zug Scheidung scheint weitgehend abgefahren zu sein. Lohnt es sich überhaupt, sich darüber noch aufzuregen? Natürlich! Etwas wird nicht dadurch besser, dass es älter ist. Wenn etwas verwerflich ist, dann bleibt es verwerflich, auch wenn alle es akzeptieren. Werden wir die Mehrheit überzeugen? Wahrscheinlich nicht. Sollten wir es versuchen? Klar!

Doch auch wenn das Scheidungsverbot sich aus der natürlichen Vernunft heraus a-religiös begründen lässt, sollten Katholiken natürlich trotzdem versuchen, die Wahrheit zum Thema Scheidung, wenn angemessen und aussichtsreich, auch mit religiösen Argumenten zu begründen. Vor allem, da sich unter den Scheidungsbefürwortern überall auch viele Christen, und eben auch viele Katholiken befinden. Malta ist zu 98% katholisch. Mindestens die Hälfte dieser Katholiken muss für die Liberalisierung der Scheidungsgesetzgebung gestimmt haben – gegen den direkten Aufruf ihrer Hirten. Vermutlich zumindest teilweise unter Berufung auf die angebliche religiöse Neutralität des weltlichen Staates – doch damit kommen wir, wie eben schon einmal erwähnt, in sehr tiefe Gewässer, die ich heute unberührt lassen möchte, bis auf einen einzigen Hinweis: Wenn etwas wahr ist, dann wird es nicht dadurch falsch, dass Atheisten es nicht erkennen können. Und wenn etwas sehr Wichtiges wahr ist, dann ist es die Pflicht aller gutwilligen Menschen, die diese Wahrheit erkannt haben, für ihre Anerkennung, sofern sinnvoll, auch durch staatliche Gesetze zu kämpfen. Das ist keine Theokratie, sondern Nächstenliebe.

Viele weitere Schlüsse ließen sich noch ziehen, doch dieser Artikel ist ohnehin schon lang genug. Daher muss eine weitere Frage genügen, mit deren Beantwortung ich den Leser allein lassen möchte: Wie viele deutsche Bischöfe würden die Liberalisierung der Scheidung in Deutschland rückgängig machen, wenn sie könnten? 5 Prozent? 10 Prozent? Überhaupt jemand? Die Antwort auf diese Frage zeigt, dass möglicherweise das Hauptproblem der Katholiken nicht so sehr in der Überzeugungskraft nach außen zu suchen ist, als im Abfall vom Glauben im Inneren.

Was Gott zusammengeführt hat… (Teil 1)

(Dies ist der erste Teil eines Artikels zum Thema Scheidung, anlässlich der Legalisierung der Scheidung in Malta. Aufgrund seiner Länge habe ich den Artikel in zwei Hälften zerschnitten. Die zweite Hälfte wird in Kürze veröffentlicht.)

Einleitung: Scheidung in Malta

Als vor kurzem per Referendum knapp 53% der Wähler Maltas für eine (vorerst begrenzte) Legalisierung der Scheidung stimmten, endete damit eine Periode der Sonderstellung für das kleine katholische Land: Es war das einzige europäische Land, in dem Scheidung nicht zugelassen war. Am Ende brach Malta unter einer intensiven Kampagne angeblich fortschrittlicher Kräfte zusammen, obgleich die Bischöfe sich auf eine in Deutschland gänzlich unbekannte Art entschlossen gegen das Anliegen des Referndums ausgesprochen hatten. Dass nur knapp 53% der Bürger für die Abschaffung des Scheidungsverbots stimmten, zeigt wie umstritten das Thema war. Und es ist sicher, aus katholischer Perspektive, ein gutes Zeichen, dass fast die Hälfte der Bürger die Ehe für unauflöslich zu halten scheinen. Doch nun, da die Gesetzesänderung infolge des Referendums per Parlamentsbeschluss endgültig angenommen worden ist, muss Bilanz gezogen werden: Was bedeutet die Aufhebung des Scheidungsverbots für Malta und für die Stellung von Ehe und Familie in dem kleinen Inselstaat? Wie ist die korrekte katholische Haltung zum Thema Scheidung? Gibt es überhaupt eine? Zumindest die letzte Frage kann eindeutig mit ja beantwortet werden: Was Gott zusammengeführt hat, soll der Mensch nicht trennen. Für Jesus ist die Ehe grundsätzlich unauflöslich, und dies ist eine der wenigen Fragen, bei denen man selbst aus der Schrift allein kaum einen anderen Schluss zu ziehen vermag, will man die Worte Jesu in ihrer alltäglich verständlichen und ziemlich eindeutigen Formulierung verstehen. Natürlich kann man bizarre und absurde Konstrukte aufrichten, die begründen sollen, dass Jesus „in Wahrheit“ doch etwas ganz Anderes gemeint habe – etwas, das sich besser mit den provinziellen Vorurteilen des Europäers im 21. Jahrhundert verträgt. Doch täuschen wir uns nicht: Jesus war gegen Scheidung, und zwar ausnahmslos. Natürlich bedeutet dies noch nicht, dass ein Staat die Scheidung zu verbieten hat, zumal europäische Staaten heute generell großen Wert auf die Trennung der religiösen und politischen Sphären legen (ob zurecht oder nicht sei hier dahingestellt – das ist zu tiefes Wasser für mein heutiges Anliegen).

Stellen wir uns also die drei Fragen der Reihe nach: Was bedeutet die Legalisierung der Scheidung für Malta? Was bedeutet sie für Ehe und Familie im Allgemeinen? Wie sollten Katholiken mit der Lage umgehen?

1. Auswirkungen der Legalisierung von Scheidung

Natürlich rufen derzeit alle, es gehe ja nur um einige wenige, wirklich zerrüttete Ehen. Und man wolle damit ja eigentlich die Ehe stärken. Einen Ausweg für verzweifelte Paare schaffen. Die Malteser haben sich jedenfalls von derlei „Argumenten“ mehrheitlich überzeugen lassen. Zwar ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite der Mehrheit zu finden, aber in Demokratien geht dieser Unterschied aus Staatsraison verloren. Was sind die Auswirkungen der Legalisierung von Scheidungen in der Realität (statt in den Elfenbeintürmen der Sozialingenieure)? Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch die Erfahrung aus Ländern, in denen die Scheidung seit langem legal ist, deuten auf ein klares Ergebnis hin: Je leichter eine Scheidung möglich ist, umso weiter geht das gesellschaftliche Ansehen der Ehe zurück, umso mehr schwindet die Erwartung an ein Ehepaar, dass es auch zusammen bleibt, umso schwächer werden die sozialen Verbindungen, das soziale Gefüge, das eine Gesellschaft zusammenhält. Die Ehe ist die Grundlage der Familie, Mann und Frau zeugen Kinder, und die Familie ist die Keimzelle oder Urzelle der Gesellschaft. So lehrt es die Kirche – und so lehrt es schon der gesunde Menschenverstand – ohne Familien gibt es keine Zukunft.

Die Bürger Maltas mögen es nicht wissen, aber hierzulande wird mindestens jede dritte Ehe geschieden, und geschieden zu sein gehört beinahe schon zum guten Ton. Niemand käme in Deutschland oder anderen „fortschrittlichen“ westlichen Staaten auf die Idee, jemanden schief anzusehen, „bloß weil er geschieden ist“. Scheidung ist normal. Und da der längste Weg mit einem ersten kleinen Schritt anfängt, ist die scheinbar harmlose Gesetzesänderung in Malta für diesen Staat der Anfang eines bereits jetzt vorgezeichneten Weges. Die Zerstörung der unauflöslichen Ehe bedeutet ganz praktisch einen Rückgang des gesellschaftlichen Erwartungsdrucks. Was zuerst als mehr Freiheit erscheinen mag, entpuppt sich in der Praxis als tiefes Meer persönlicher und familiärer Tragödien, steigender Kinderarmut (neben Arbeitslosigkeit ist Scheidung der größte Einflussfaktor für Kinderarmut) und einer Vielzahl anderer gesellschaftlicher Übel. Je weiter dieser Prozess voranschreitet, umso stärker wird der Druck auf den Gesetzgeber, sich „der veränderten Situation anzupassen“ und die Gesetze weiter zu „liberalisieren“. Ein Teufelskreis entsteht, in dem jede neue Liberalisierung von einem weiteren Zerfall der Familienstrukturen begleitet wird, der wiederum zu Rufen nach liberaleren Scheidungsgesetzen führt. Eine neue Generation wächst in einer Kultur auf, in der Scheidung nicht mehr als Stigma sondern zunehmend als Selbstverständlichkeit gilt. Diese Generation wird das alte Verständnis der Bedeutung von Ehe und Familie nicht mehr kennenlernen – und daher auch nicht weiter bewahren wollen. Der Druck verstärkt sich dann noch mehr, und immer radikalere Forderungen werden laut.

Wenn es erst einmal so weit ist, dass Scheidung eine Selbstverständlichkeit darstellt, dann hat sich die Vorstellungswelt der Bevölkerung so weit von den ursprünglichen moralischen Werten gelöst, dass der intrinsische Zusammenhang von Ehe und Familie nicht mehr erkannt wird. Wenn man Kinder zeugen und aufziehen kann, ohne verheiratet zu sein (eine notwendige Folge der legalen Scheidung), dann hat sich längst die Einstellung breitgemacht, Kinder bräuchten nicht eine Mutter und einen Vater, sondern irgendwelche „Aufsichtspersonen“ oder „Betreuer“ genügten. Die Folgen sind: Homosexuelle Adoption, zunehmende Auslagerung der Kindererziehung aus der (scheinbar nicht mehr benötigten) Familie, generelles Zerreißen des Bundes zwischen Eltern und Kind. Die weiteren Folgen sind weotreichend: Gibt es einen Sozialstaat in dem betreffenden Land, so wird dieser für die entstandene Kinder- und Mütterarmut und die vielen Betreuungsplätze aufkommen müssen. Selbst die Staatsfinanzen blieben also nicht lange unberührt.

Jeder Mensch kann diese Folgen heute kennen. Sie alle haben sich abgespielt, wo immer man Scheidungen legalisiert hat. Nur ein fester, unauflöslicher Ehebund bietet die notwendige Sicherheit für Kinder (und für die Eltern, die im Falle lebenslanger Verbundenheit viel besser planen und innerfamiliäre Arbeitsteilung organisieren können). Ohne einen solchen durch strenge gesellschaftliche Tabus abgesicherten Ehebund keine starken Familien. Und ohne starke Familien langfristig keine gesunde Gesellschaft, keine Gesellschaft mit Zukunft, sondern ein Auslaufmodell – wie die BRD.

Malta hat sich für die Scheidung entschieden. Der Prozess wird nun auch in Malta seinen Lauf nehmen – schneller und immer schneller. Die Revoluzzer haben ein weiteres Land, das letzte seiner Art in Europa, zu Fall gebracht. Kann man den Prozess umkehren? Theoretisch ja, und man sollte es mit allen legalen Mitteln versuchen. Aber Illusionen braucht man sich keine zu machen. Demokratien, die einmal Scheidung legalisiert haben, schaffen sie nicht mehr ab. Das Volk gewöhnt sich an oberflächliche Freiheiten, ist aber nicht intelligent und interessiert genug, um die tieferliegenden Folgen zu erkennen – die dann auf allerlei Sündenböcke abgeschoben, aber niemals behoben werden. Schon Aristoteles hatte gewusst: Das Verhalten der Bürger in einer Demokratie ist eben oft nicht das Verhalten, das der Demokratie zugute kommt.

Damit kommen wir zum Ende des ersten Teils. Im zweiten Teil werden wir uns die zwei anderen Fragen anschauen.