Philosophie ist unheilbar…

Die meisten modernen Menschen stellen sich die großen, grundsätzlichen, wesentlichen Fragen überhaupt nicht mehr. Sie haben ja so viel „Zeug“ – sie hätten gar keine Zeit zur Reflektion. Stille, so der dänische Philosoph und protestantische Christ Søren Kierkegaard bereits im 19. Jahrhundert, sei das, was dem Menschen besonders fehle. In unserer Zeit trifft dies sicher noch mehr zu. Ohne Stille keine Refektion, ohne eine solche Reflektion keine Einsicht. Das gilt für philosophische Einsichten ebenso wie für eher religiös-mystische. Der Geist der Kontemplation ist in der modernen Welt vollkommen geschwunden.

All unser „Zeug“, und der stete Drang nach mehr, obwohl wir es eigentlich nicht bräuchten, der ständige Wunsch, das ganze „Zeug“ auch zu konsumieren, treibt uns in eine ungesunde Eile. Noch nie hatten wir so viel Freizeit und noch nie so wenig freie Zeit.

Doch es bleibt immer eine Gruppe, so mag man vielleicht denken, die die großen Fragen noch stellt. Dem dieser Welt verhafteten Durchschnittsmenschen mögen philosophische Konzepte nichts mehr sagen, doch, so mag man denken, es gibt ja noch die professionellen Philosophen. Noch nie gab es so viele Philosophieprofessoren wie im 20. und 21. Jahrhundert. Noch nie gab es so wenig gesunde Philosophie. Denn die heutige, moderne Philosophie befindet sich in einer fundamentalen Sinnkrise, oder besser gesagt, Sackgasse. Heutige Philosophen fragen nämlich gar nicht mehr nach dem Grundsätzlichen. Sie beschäftigen sich nicht mehr, in den Worten eines bekannten Sinnspruchs, „Gott und der Welt“. Womöglich verzehren sie sich in der haarspalterischen Analyse logischer Sprachstrukturen oder der existenzialistischen Infragestellung aller objektiven Realität. Sie „konstruieren“ sich erklärtermaßen ihre eigene Welt.

Der moderne Philosophiestudent lernt, dass es in der Philosophie im Wesentlichen um die Frage geht, ob der Tisch vor unseren Augen wirklich da ist, oder nur eine Projektion unseres Verstandes sei.

Kein Wunder, dass der Philosophie unter allen nicht geisteskranken Menschen die Reputation der Belanglosigkeit und Lächerlichkeit anhängt. Ich möchte damit nicht leugnen, dass es auch heute noch ernstzunehmende Philosophen gibt, und nicht einmal, dass die heutige Philosophie durchaus ihren Wert hat.

Doch das ist nicht wirklich der Zweck der Philosophie. Platon zufolge geht die Philosophie aus dem Staunen des Menschen hervor. Der Mensch fragt nach dem Gründen hinter den Dingen, weil er sie verstehen möchte. Doch die moderne Philosophie leugnet mittels ihres allumfassenden Subjektivismus (alles ist Sprache, alles ist sozial konstruiert) entweder die Möglichkeit des wirklichen Verstehens der Dinge (alles ist durch die Sprache gefiltert), oder gleich die objektive Existenz der Dinge (alles wird durch die Sprache konstruiert). Platon würde die heutige Philosophie, wie sie an den meisten säkularen Universitäten betrieben wird, wohl nicht mehr als Philosophie erkennen, weil dort nicht mehr die Freunde der Weisheit tätig sind. Dort wird nicht mehr nach den Urgründen der Dinge gefragt, weil man sich lieber zurücklehnt und den staunenden Zuhörer darüber belehrt, dass der Gedanke, es könne so etwas wie „Urgründe der Dinge“ geben, gar nicht allzu weit hergeholt sei – immerhin entstamme er nichts als der eigenen Vorstellungskraft. Nach den Urgründen der Dinge zu suchen verlangt zunächst einmal einen Glauben daran, dass die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit unserem Verstand untersuchen und mit unseren Worten ausdrücken, tatsächlich real sind, und dass wir sie wirklich wahrnehmen, nicht nur konstruieren; untersuchen, nicht nur erschaffen; und ausdrücken, nicht nur erfinden können.

Dieser Glaube ist unter modernen Philosophen mausetot. Die moderne Philosophie, angetreten im 17. Jahrhundert mit der Absicht, den „scholastischen“ Dogmatismus zu überwinden, der traditionellen Philosophie durch rationale Wissenschaft den Garaus zu machen, hat sich totgelaufen an der unübersteigbaren Tatsache, dass ohne einen außermenschlichen Bezugspunkt, an dem man sich festhalten kann, alles Wissen letztlich der Beliebigkeit anheim fällt. Unsere Sinne können sich täuschen, unser Verstand ist nicht unfehlbar und kann überhaupt nur unter Zuhilfenahme der Sinne arbeiten, und die Worte, in denen wir zu denken gezwungen sind, entspringen bloß menschlicher Schöpfung. Ferner variieren nicht nur die Worte, sondern offenbar auch die dahinter stehenden Konzepte. Eine Übersetzung von der einen Sprache in eine andere ist selten verlustfrei möglich. Die andere Sprache konstruiert, so könnte man sagen, die Realität eben etwas anders als die eine. Dieser Unterschied wird bei nicht miteinander verwandten Sprachen sehr groß. Es gibt keinen festen Haltepunkt mehr, kein Fundament, auf dem sich menschliches Denken unter diesen Voraussetzungen aufbauen ließe. Also ist alles relativ. Doch das eigene Denken ist ebenfalls von diesem umfassenden „alles“ nicht ausgenommen. Es ist also auch relativ. Es kann keine objektive Gültigkeit beanspruchen, so wie alles andere auf der Welt. Selbst die Einsicht in die objektive Gültigkeit ist nicht objektiv gültig.

Es gibt also keine objektive Wahrheit – nicht in der Religion, nicht in der Ethik, nicht im täglichen Leben. Doch man kann nicht einmal sagen, es gebe keine objektive Wahrheit. Auch das wäre ja wieder ein objektiver Wahrheitsanspruch.

Ein universelles Schwindelgefühl ist die Folge dieses universellen Schwindels.

Nichts, absolut nichts, kann diese Philosophie noch retten. Kein logisches Argument für die objektive Wahrheit oder die wirkliche Existenz der Außenwelt kann einen konsequenten modernen Philosophen überzeugen – denn das Argument basiert unvermeidlich auf den Gesetzen der Logik, deren wirkliche Gültigkeit Voraussetzung für die Gültigkeit des Arguments ist. doch wirkliche Gültigkeit kann es nicht geben.

Nicht alle Philosophen sind so extrem – was daran liegt, dass nicht alle Philosophen die moderne Philosophie bis ans logische Ende gedacht haben. Doch sie kann zwangsläufig, wenn man konsequent ist, nur zum gerade angedeuteten Nihilismus führen, weil es keinen objektiven, festen Anhalt gibt, an dem man sozusagen das gesamte Denken aufhängen kann.

Die moderne Philosophie ist also in einer tiefen Sackgasse ohne Ausweg. Wie kommt man aus einer Sackgasse also heraus? Indem man wendet und zurückfährt. Eine Rückkehr zur traditionellen Philosophie ist notwendig, damit die Philosophie wieder die Fragen stellt, die zu stellen ihre eigentliche Aufgabe ist, und damit sie die Antworten liefert, zu denen sie fähig ist.

Glücklicherweise ist Philosophie unheilbar. Die großen Fragen sind nicht auszurotten. Wenn auch nur eine Minderheit, so wird es immer Menschen geben, die nach „Gott und der Welt“, nach den Urgründen der Realität fragen, und nicht bereit sind, sich defätistisch mit dem Argument abspeisen zu lassen, alle Realität sei nur sozial konstruiert. Auf Dauer wird der Mensch sich diesem imperialistischen Quasi-Solipsismus nicht beugen.

Wenn doch ohnehin alles relativ ist, nichts wirklich wahr und nichts wirklich falsch, und überdies nichts wirklich wirklich ist, dann definieren wir doch einfach einige Sätze als wirklich wahr. Wirklich falsch kann das ja wohl auch nicht sein, wenn nichts wirklich falsch sein kann, weil wir nicht einmal wissen können, ob die Wirklichkeit wirklich wirksam ist.

Aber ernsthaft: Wenn alle Argumente das Resultat sprachlicher oder sozialer Konstruktionen sind, wenn alle Wahrheiten nicht wirklich wahr sind, dann ist auch das Argument, mit dem die Relativisten und Konstruktivisten diese These zu etablieren gedenken, nicht wirklich, sondern nur sozial konstruiert. Es kann daher keine Gültigkeit beanspruchen, die über den individuellen Verstand des einzelnen Konstruktivisten hinaus ginge. Wir können es also getrost ignorieren und stattdessen sinnvolle Fragen stellen.

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ist eine unheilbare Gesundheit des Menschen.

Aufruhr in England und der Kirche

Fundstück beim unverzichtbaren Father Z:

In London and elsewhere in England there were riots, and there will be more upheaval there and in Europe, because those values which restrain people, which make them think about others, which instil in young people a sense of right and wrong, have been undermined.  They are imbued with relativism and its fruits, and they rampage around, doing what they feel like doing, without reference to the common good.  This has come about because parents and schools and the media have in a double effort of reckless irresponsibility, not exercised governance and discipline over their children.  In London and elsewhere they are now reaping the results.  Neighborhoods are terrorized, businesses harmed, and the fabric of society weakened, thus perpetuating the recourse to violence.

 

In the Church, there has been relatively little exercise of discipline of the Faith in schools and pulpits as far as teaching is concerned, and little oversight in some places for liturgical worship.  The lack of clear Catholic teaching or the mixed messages that come from heterodoxy in one parish and fidelity in another, even between priests in the same parish, has produced the impression that even the clearest dogmas of the Faith are up to personal choice and interpretation.  This has produced gangs which can roam nearly unchecked up and and down the streets of the Church, rampaging and intimidating and spiritually bullying the faithful, leaving them spiritually impoverished and confused.  The theological hoods, yobs, are now almost entirely beyond hope.  They do violence to the Church’s doctrine and worship, and thereby diminish the fabric of the Church wherever they are.

Ein provokativer, doch treffender Vergleich!

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.

Familienidentität

Auf What’s Wrong with the World findet sich derzeit ein faszinierender Artikel von Jeff Culbreath (dessen Worte oft richtig, manchmal provozierend, immer aber lesenswert sind) zum Thema Familienidentität. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich Culbreaths Artikel (und die darin verlinkte Rede zum gleichen Thema) zu Gemüte führen. Wer die Sprache Shakespeares (oder vielmehr, was seit seiner Zeit aus ihr geworden ist) nicht lesen kann, verpasst etwas, aber hier seien die Hauptpunkte kurz (zu kurz) zusammengefasst:

Die Prämisse des Artikels: Weder der moderne Individualismus noch das, was die meisten selbsternannten Konservativen dagegen setzen (die Kernfamilie aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder) sind in Wirklichkeit geeignet, den notwendigen Familienzusammenhalt und eine eigene Familienidentität zu erschaffen zu beizubehalten. Die hierfür nötigen erweiterten Familieneinheiten mit vielen Kindern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen sind aber extrem selten geworden. Meist leben die Kinder, wenn sie erwachsen sind, nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern (der Apfel fällt hier weit vom Stamm), und sie haben wenige Geschwister, und kaumj Kontakt zum weiteren Umfeld. Man lebt in selbstgewählten Milieus, die oft genug nicht persönlichkeitsbildend sondern zerstörend wirken, indem sie hinter der Schimäre des Individualismus das schutzlos und ohne Rückhalt umherirrende Individuum immer abhängiger von der Zustimmung des Milieus und langfristig der Massenmedien machen. Widerstand gegen Gruppendruck und massenmedial inszenierten Herdentrieb kann aber nur von starken Persönlichkeiten geleistet werden – solche Persönlichkeiten entstehen in der Auseinandersetzung mit der nicht frei gewählten Familie und den vielfältigen Persönlichkeiten, die sich dort befinden. zudem haben Menschen aus großen Familienclans in der Regel einen gewissen Rückhalt aus ihrer Familie. Sie bedürfen daher nicht im gleichen Maße der Zustimmung von außen – sie sind unabhängiger von ihr. (Culbreath führt das alles weiter aus – Lektüre des ganzen Artikels sei abermals empfohlen, denn meine Zusammenfassung wird ihm nicht gerecht)

Wie kann man also in der modernen Zeit für solche starken Familieneinheiten sorgen, die ihrerseits gesunde Individualität fördern, gerade weil sie kruden Individualismus („Selbstverwirklichung“ um jeden Preis) schwächen? Culbreath nennt einige Möglichkeiten, die man ganz praktisch anwenden kann, wenn man sich glücklich schätzt, in einer solchen Großfamilie zu leben, oder eine aufbauen zu können. Sie alle laufen auf die Stärkung der gemeinsamen Familienidentität heraus. Eine solche Großfamilie bedarf, um die vielfältigen Eigenschaften der ganzen Beteiligten unter einen Hut zu bringen, einer gemeinsamen Identität, eines eigenen Wesens – sie muss etwas Distinktives haben. Sie muss wirklich zu einem Clan zusammenwachsen, mit:

– eigenen Familientraditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und die den Zusammenhalt der Generationen fördern. Familie ist wahrer Generationenvertrag – zwischen den heute Lebenden, ihren zukünftigen Kindern und den Ahnen. Man sollte immer auf dem aufbauen, was vorher kam – radikale Brüche mit der Tradition sind nur ganz selten anzuraten.

– einem gemeinsamen Glauben, durch den und in dem man lebt. Man besucht gemeinsam die Kirche, betet gemeinsam usw. Besonders der katholische Glaube bietet, abgesehen natürlich von seiner Wahrheit, gerade in dieser Hinsicht besonders reiche Möglichkeiten.

– einem gemeinsamen Familiencharakter. Gemeint ist etwas, das die Familie ausmacht. Eine Art Schwerpunkt für die gemeinsamen Aktivitäten, ein Thema, das sich in sehr vielen einzelnen Mitgliedern der Großfamilie immer wieder zeigt, wenn auch in vielfältigen Variationen. Culbreath sagt es aber besser.

– einer großen Zahl von Kindern. Dies ist besonders wichtig, da große Familien eben per definitionem viele Menschen beinhalten. Und Familienclans sind oft weit verzweigt, was nur möglich ist, wenn es in jeder Generation einige Geschwister gibt. Dieser Punkt macht die Ablehnung der Verhütungsmentalität notwendig, die davon ausgeht, Kinder wären ein Gut, das man planen sollte, das man sorgsam und vorsichtig in den Rest seines Lebens einhegen sollte, damit sie nicht so stören (diese Mentalität drückt sich perfekt und präzise in Obamas berüchtigtem Spruch aus dem Wahlkampf von 2008 aus: Er wollte nicht, dass seine Töchter mit einem Kind bestraft würden – „punished with a baby“ – wenn sie ungeplant schwanger würden). Das heißt: Man muss sich entschlossen von der Kultur des Todes (Johannes Paul II.) abwenden.

Ferner ist entscheidend, dass es gelingt, die erweiterte Familie in relativ geringer Entfernung zu halten, damit enger Kontakt zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern auf persönlicher Basis möglich bleibt. Ein wichtiger Punkt ist hierbei die gegenseitige Familienhilfe, durch die vielfältige Fähigkeiten intern verfügbar werden, für die man sonst oft teuer bezahlen muss. (Nebenbei gesagt ist der Zerfall der Großfamilie für einen nicht zu kleinen Anteil des angeblichen Wirtschaftswachstums im Westen seit etwa 1960 verantwortlich: Was früher innerhalb der Familie erledigt wurde, geschieht heute außerhalb und geht dadurch erstmals ins Sozialprodukt ein, obwohl die entsprechenden Dienstleistungen immer schon erledigt wurden. Kinder wurden immer schon erzogen. Doch heute erzieht Frau Maier die Kinder von Frau Müller und bezahlt sie dafür. Frau Müller erzieht im Gegenzug die Kinder von Frau Maier und bezahlt sie dafür. Und das nennt man dann Wachstum!)

Ein wesentlicher Einwand gegen die in dem Artikel vertretene These, dass eine solche Rückkehr zu Familienidentitäten und Großfamilien wünschenswert wäre, besteht natürlich in der ökonomischen Realität. Doch ökonomische Realitäten sind, unter der Annahme menschlicher Willensfreiheit, kontingent und vermögen nicht das Handeln des Menschen zu determinieren. Wenn nur genügend viele Menschen sich gegen die angebliche Notwendigkeit, weit weg zu ziehen, um dort zu arbeiten, wendeten, dann entwickelte sich schnell ein großes Interesse auf der Seite der Arbeitgeber, Heimarbeit und dergleichen stärker in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet: Wirtschaftliche Hindernisse sind immer durch entschlossenes Handeln ausreichend vieler Menschen überwindbar. Am Ende richten sich Angebot und Nachfrage in einer freien Marktwirtschaft aufeinander ein.

Dieser Einwand ist damit nicht entkräftet (denn er besteht in der heutigen Lage weiterhin, da wenige Menschen eine Rückkehr zur Großfamilie zu betreiben wünschen), aber es ist zumindest ein Weg aufgezeigt, der ihn obsoletieren könnte.

Doch lassen wir erst einmal alle möglichen Einwände beiseite. Kann denn ernsthaft bezweifelt werden, dass die Folgen einer solchen Gesellschaftsstruktur überwältigend positiv wären? Und dass sie sich in einer tiefen Harmonie mit den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre befindet? Innerfamiliäre Hilfe ist die ideale Vereinigung von Subsidiarität und Solidarität, zwei fundamentalen Prinzipien der Soziallehre. Und die Familie ist derselben Soziallehre folgend, die unverzichtbare Keim- und Urzelle der Gesellschaft, die, Papst Leo XIII. in Rerum Novarum folgend, sogar vor dem Staat angesiedelt werden muss, und eigene Rechte besitzt, die der Staat weder einführen, noch beschneiden oder abschaffen kann, sondern die zu respektieren und zu schützen ihm aufgegeben ist.

Culbreaths Artikel ist wahrhaftig ein faszinierender Denkanstoß.

Lest Esolen!

Der Titel dürfte selbsterklärend sein. Für alle Katholiken und eigentlich alle Menschen sind die Artikel von Anthony Esolen ein absolutes Muss. Esolen schreibt mit einem Einfühlungsvermögen und immenser Tiefe über die Probleme der Zeit, dass man ihn zu den Weisen dieser Generation rechnen muss. Ein äußerst gelehrter Mann im besten Sinne des Wortes. Einige Artikel, die mich besonders überzeugt haben, werde ich hier verlinken. Doch eigentlich sind alle ausnahmslos lesenswert und größtenteils wiederlesenswert.

Women of Leisure

Marriage in A Cubicle

No Family, No Society

Moral Capital

Moderne Menschen sehen solche Ideen wahrscheinlich als absurd an. Doch sie sind es nicht. Ich fordere alle Leser dazu auf, ernstlich über seine Ideen nachzusinnen.