„If Landlords and Laws and Sciences are against it…“

Gilbert Keith Chesterton dürfte vielen Lesern als der Schöpfer von Father Brown bekannt sein, und gerade in den letzten Jahren scheinen seine Werke sogar im deutschsprachigen Raum auch über Father Brown hinaus wieder weitere Verbreitung gefunden zu haben.

Ich möchte an dieser Stelle auch auf die „Deutsche Chesterton-Gesellschaft“ verweisen, die sich gerade im Aufbau befindet, und Interessenten sucht (Link).

Abgesehen von Father Brown sind besonders Werke wie Orthodoxy und Heretics bekannt (ich gebrauche im Folgenden immer die englischen Titel, da ich die deutschen Übersetzungen, so sie denn überhaupt existieren, nicht gelesen habe, und zudem wohl wirklich gute Chesterton-Übersetzungen aufgrund seines Sprachstils praktisch unmöglich sein dürften.

Mich persönlich haben von Chestertons Werken auf dem Weg zum Übertritt in die katholische Kirche vorwiegend „Orthodoxy“, „The Everlasting Man“ und ein weiteres, etwas weniger gut bekanntes Werk namens „What’s Wrong with the World“ (im Folgenden: W4) beeinflusst. Um das letztere soll es mir im Folgenden gehen.

Chesterton gibt auf die im Titel gestellte Frage zwei Antworten, beide gleichermaßen zufriedenstellend. Die erste ist kürzer, zugleich aber auch besonders profund – sie trifft auf jeden von uns zu, besonders auf die, die das nicht so sehen:

What’s Wrong with the World? Antwort: I am.

Mit der zweiten Antwort auf die Titelfrage beschäftigt Chesterton sich in seinem gleichnamigen Werk, in dem er auf unnachahmliche Weise seine philosophischen, (und überraschenderweise sogar wirtschaftsethischen) Einsichten in unvergessliche Sätze und Formulierungen verpackt. Worum geht es ihm im Kern? Er fasst es am Ende des Buches in einer für mich unvergesslichen Passage zusammen, die ich gleich im englischen Original zitieren möchte*.

Diese eine Passage zerlegt vollständig und unwiderlegbar sämtliches moderne Denken zur Verbesserung der Welt durch zentrale Planung von Wirtschaft und Gesellschaft, destruiert die menschliche Hybris staatlicher Sozialplaner wie privater Konzernchefs gleichermaßen, führt die moderne Orthodoxie, die um keinen Preis eine solche sein möchte, ad absurdum, und fokussiert das Denken des Lesers auf das was wirklich zählt, das was wirklich wichtig ist. Hier ist diese Passage: (Seite 215 in der Dover Books-Ausgabe)

Now the whole parable and purpose of these last pages, and indeed of all these pages, is this: to assert that we must instantly begin all over again, and begin at the other end. I begin with a little girl’s hair. That I know is a good thing at any rate. Whatever else is evil, the pride of a good mother in the beauty of her daughter is good. It is one of those adamantine tendernesses which are the touchstones of every age and race. If other things are against it, other things must go down. If landlords and laws and sciences are against it, landlords and laws and  sciences must go down. With the red hair of one she-urchin in the gutter I will set fire to all modern civilization. Because a girl should have long hair, she should have clean hair; because she should have clean hair, she should not have an unclean home: because she should not have an unclean home, she should have a free and leisured mother; because she should have a free mother, she should not have an usurious landlord; because there should not be an usurious landlord, there should be a redistribution of property; because there should be a redistribution of property, there shall be a revolution. That little urchin with the gold-red hair, whom I have just watched toddling past my house, she shall not be lopped and lamed and altered; her hair shall not be cut short like a convict’s; no, all the kingdoms of the earth shall be hacked about and mutilated to suit her. She is the human and sacred image; all around her the social fabric shall sway and split and fall; the pillars of society shall be shaken, and the roofs of ages come rushing down, and not one hair of her head shall be harmed.

[NACHTRAG: EINE ÜBERSETZUNG DER TEXTSTELLE VON ULTRAMONTANUS AUS DER KOMMENTARSPALTE:

Das ganze Gleichnis und die Absicht der vorigen Seiten ist dies: zu erklären, dass wir auf der Stelle wieder ganz neu anfangen müssen, und zwar am andern Ende. Ich fange mit dem Haar eines Mädchens an. Das ist, ich weiß es, in jedem Falle eine gute Sache. Was auch immer sonst von Übel sein mag, der Stolz einer guten Mutter über die Schönheit ihrer Tochter ist gut. Es ist eine jener adamantenen Zärtlichkeiten, die die Prüfsteine jeder Zeit und jedes Volks sind. Wenn andere Dinge dagegen sind, dann müssen andere Dinge untergehen. Wenn Vermieter und Gesetze und Wissenschaft dagegen sind, müssen Vermieter und Gesetze und Wissenschaft untergehen. Mit dem roten Haar einer Straßengöre im Abfluss lege ich Feuer an die ganze moderne Zivilisation. Weil ein Mädchen langes Haar haben sollte, sollte sie sauberes Haar haben; weil sie sauberes Haar haben sollte, sollte sie kein unsauberes Heim haben; weil sie kein unsauberes Heim haben sollte, sollte sie eine freie und nicht gehetzte Mutter haben; weil sie eine freie Mutter haben sollte, sollte sie keinen Wucherer als Vermieter haben; weil es keinen Wucherer als Vermieter geben sollte, sollte es eine Neuverteilung des Besitzes geben; weil es eine Neuverteilung des Besitzes geben sollte, soll es eine Revolution geben. Das kleine Gör mit dem goldroten Haar, das ich gerade an meinem Haus vorbeilaufen sah, sie soll nicht gestutzt, verdroschen und verformt werden; ihr Haar soll nicht geschoren werden, wie das eines Sträflings; nein, alle Königreiche der Erde sollen zertrümmert und verstümmelt werden, um sich ihr anzupassen. Sie ist das menschliche und heilige Abbild; der ganze Gesellschaftsbau um sie herum soll wanken und zerspringen und fallen; die Säulen der Gesellschaft sollen erzittern und die Gewölbe der Zeiten niederstürzen, und nicht ein Haar ihres Hauptes soll ein Leid erfahren.]

Eigentlich ist jedes Wort, das ich dazu schreiben könnte, wie eine Narbe auf der Schönheit des Gesamtkunstwerkes. Trotzdem will ich kurz versuchen, einige der wesentlichen dahinter stehenden Konzepte wenigstens anzudeuten, für jene, die nicht mit Chestertons Denken vertraut sind, und daher womöglich die obige Passage falsch verstehen könnten.

1. Was wirklich zählt, auf menschlicher Ebene, ist die individuelle Person. Alle Vorstellungen, die die Gesellschaft zentral planen wollen, sind generell abzulehnen, weil sie den Menschen zu einem Rädchen im Getriebe, zu einer unbedeutenden statistischen Ziffer machen. Zu Chestertons Zeit war wohl im Gespräch, aufgrund der Gefahr des Lausbefalls, Mädchen aus armen Verhältnissen die Haare abzuschneiden – zumindest bezieht sich Chesterton auf diese Idee, nimmt sie zum Anlass für die obige generelle Aussage. Er distanziert sich aufs Schärfste von diesem Versuch, den Menschen an die Umgebung anzupassen, statt umgekehrt die Umgebung an den Menschen.

2. Chesterton denkt immer zuerst an die „einfachen Leute“, aber in der Absicht, ihnen wirklich zu helfen, was ihn von Sozialisten und Kapitalisten fundamental unterschiedet. Der Sozialist nutzt das Elend seiner Mitbürger aus, um seine politische Ideologie der Zentralisierung und Verstaatlichung umzusetzen. Der Kapitalist verfolgt sein Eigeninteresse – wenn das zufällig anderen Menschen hilft, dann ist es genau das: Zufall. Oft genug schadet es anderen Menschen, aber was interessiert das den Kapitalisten? Chesterton lehnt Sozialismus und Kapitalismus gleichermaßen ab. Chesterton ist Distributivist.

3. Wie für die katholische Kirche ist auch für Chesterton die natürliche Familie die Urzelle jeder menschlichen Gesellschaft. Vater, Mutter, Kinder, idealerweise mit einem Stück Land, das sie ihr Eigen nennen, und auf dem sie möglichst unabhängig von den beiden Götzen Staat und Kapital leben können.

4. Wie schon im ganzen Buch, so betont Chesterton auch hier die besondere Beziehung zwischen Mutter und Kind, die vom Vater zu schützen ist, d.h. das, was man heute relativistisch „traditionelle Rollenverteilung“ nennt. Sie ist nicht optional, oder gleichgültig, oder „eine persönliche Präferenz“, sondern eine Grundvoraussetzung für das Wohl der Familie, und damit das Wohl der individuellen Personen, die in der Gesellschaft leben. Chesterton glaubt nicht an die „Emanzipation“ der Frau von ihrer eigenen Familie, die „Befreiung“ der Frau aus den Fesseln der Mutterschaft durch abhängige Lohnarbeit. Er befindet sich damit vollumfänglich auf der Linie der katholischen Kirche, wie jeder in Casti Connubii, Rerum Novarum und einer Vielzahl anderer Enzykliken nachlesen kann. (Einie davon finden sich auf diesem Blog unter „Lehre der Kirche„)

Das beinhaltet auch die heute besonders unpopuläre innerfamiliäre Hierarchie – mit dem Vater als natürlichem Haupt der Familie. Chesterton erkannte jedoch:

It can, perhaps, be most correctly stated by saying that, even if the man is the head of the house, he knows he is the figurehead.

— G.K. Chesterton: All Things Considered

Natürlich liegt die wahre Macht in jeder Gesellschaft immer bei den Frauen. Besonders schön drückt ein Gedicht von William Ross Wallace diese eindeutige Tatsache aus:

The Hand that rocks the cradle

Is the hand that rules the world.

Natürlich kann der Mann in einer gerechten Gesellschaft nicht mehr sein als eine Galionsfigur – Christus ist ein Mann geworden, denn er entäußerte sich und wurde zum Diener. Patriarchat ist, wenn die Diener herrschen! (Vergleiche: Epheser 5, 22-33, für die ganz Hartgesottenen hier die Vulgata)

5. „She is the human and Sacred Image“, sie ist das heilige Bild, das Abbild Gottes. Nicht die „Gesellschaft“. Nicht „Effizienz“, „Erfolg“, „Fortschritt“, „Nation“, „Rasse“, „Freiheit“, „Wohlstand“, oder sogar „Gesundheit“ sind heilige Bilder, sondern der Mensch. Und auch er ist ein „heiliges Bild“ nur weil er von dem Schöpfer kommt, er hat seine Würde nur, weil er von ihm mit ihr ausgestattet worden ist, ebenso wie das Bild seine Schönheit aus der Kunstfertigkeit des Malers bezieht.

Das kleine Mädchen ist nicht nur wichtiger oder wertvoller als all diese abstrakten Ideale, sondern unendlich viel wertvoller, eben weil sie das „heilige Bild“ ist, das Abbild Gottes. Daher ist es auch viel wichtiger, dass „nicht ein Haar auf ihrem Kopf beschädigt werde“, als dass die Gesellschaftsstruktur unversehrt bleibe.

6. „The roofs of ages come rushing down“. Chesterton was sicher kein Gegner der Tradition – im Gegenteil, er war einer ihrer größten Verteidiger im 20.Jahrhundert. Aber es ist ein Fehler, Tradition gegen Menschen auszuspielen. Der Sabbat ist für den Menschen da. Das ist keine „Liberalisierung“ oder Verwässerung des Gebots (wie der Heilige Vater im 1. Band seines Jesusbuches überzeugend argumentiert), sondern eine Vertiefung, eine Erkenntnis des inneren Sinns. Ebenso auch mit der Tradition. Sie (hier sprechen wir natürlich von menschlichen Traditionen, nicht von der Überlieferung der Heiligen Mutter Kirche!) ist nur für den Menschen da, nicht umgekehrt. Das bedeutet nicht, dass wir Traditionen einfach ignorieren könnten oder sollten, bloß weil sie uns nicht gefallen, oder sie uns behindern. Im Gegenteil! Es bedeutet, dass die Traditionen sich nach dem moralischen Gesetz richten müssen, dass sie sich vor dem Tribunal des informierten Gewissens zu verantworten haben, und dass sie fallen müssen, wenn sie gegen das natürliche moralische Gesetz stehen.

„If landlords and laws and sciences are against it, landlords and laws and  sciences must go down.“

Diese eine kurze Passage beinhaltet noch weitaus mehr Einsichten, und sie ist nicht die einzige, die eine eingehende Betrachtung verdient. Chestertons „What’s Wrong with the World“ besticht als Gesamtwerk durch eine bis heute unbestreitbar aktuelle Gesellschaftskritik, die mit den kleinen und kleingeistigen Ideologien der Menschen gründlich aufräumt, und den Blick aufs Wesentliche ermöglicht.

Es ist kein explizit „katholisches“ oder „christliches“ Buch, aber es ist immens kompatibel mit einer traditionellen Lesart der katholischen Soziallehre, wie sie in Rerum Novarum und Quadragesimo Anno zum Ausdruck kommt.

Wer es noch nicht gelesen hat, der lese!

Wer es schon gelesen hat, der lese es erneut!

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*Wer über eine Übersetzung verfügt, oder gar seine eigene Hand daran versuchen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Mein Versuch, die Passage zu übersetzen, ist kläglich gescheitert. Ich würde mich über Wortmeldungen im Kommentarbereich zu diesem Thema freuen.

Familienidentität

Auf What’s Wrong with the World findet sich derzeit ein faszinierender Artikel von Jeff Culbreath (dessen Worte oft richtig, manchmal provozierend, immer aber lesenswert sind) zum Thema Familienidentität. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sich Culbreaths Artikel (und die darin verlinkte Rede zum gleichen Thema) zu Gemüte führen. Wer die Sprache Shakespeares (oder vielmehr, was seit seiner Zeit aus ihr geworden ist) nicht lesen kann, verpasst etwas, aber hier seien die Hauptpunkte kurz (zu kurz) zusammengefasst:

Die Prämisse des Artikels: Weder der moderne Individualismus noch das, was die meisten selbsternannten Konservativen dagegen setzen (die Kernfamilie aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kinder) sind in Wirklichkeit geeignet, den notwendigen Familienzusammenhalt und eine eigene Familienidentität zu erschaffen zu beizubehalten. Die hierfür nötigen erweiterten Familieneinheiten mit vielen Kindern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen sind aber extrem selten geworden. Meist leben die Kinder, wenn sie erwachsen sind, nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern (der Apfel fällt hier weit vom Stamm), und sie haben wenige Geschwister, und kaumj Kontakt zum weiteren Umfeld. Man lebt in selbstgewählten Milieus, die oft genug nicht persönlichkeitsbildend sondern zerstörend wirken, indem sie hinter der Schimäre des Individualismus das schutzlos und ohne Rückhalt umherirrende Individuum immer abhängiger von der Zustimmung des Milieus und langfristig der Massenmedien machen. Widerstand gegen Gruppendruck und massenmedial inszenierten Herdentrieb kann aber nur von starken Persönlichkeiten geleistet werden – solche Persönlichkeiten entstehen in der Auseinandersetzung mit der nicht frei gewählten Familie und den vielfältigen Persönlichkeiten, die sich dort befinden. zudem haben Menschen aus großen Familienclans in der Regel einen gewissen Rückhalt aus ihrer Familie. Sie bedürfen daher nicht im gleichen Maße der Zustimmung von außen – sie sind unabhängiger von ihr. (Culbreath führt das alles weiter aus – Lektüre des ganzen Artikels sei abermals empfohlen, denn meine Zusammenfassung wird ihm nicht gerecht)

Wie kann man also in der modernen Zeit für solche starken Familieneinheiten sorgen, die ihrerseits gesunde Individualität fördern, gerade weil sie kruden Individualismus („Selbstverwirklichung“ um jeden Preis) schwächen? Culbreath nennt einige Möglichkeiten, die man ganz praktisch anwenden kann, wenn man sich glücklich schätzt, in einer solchen Großfamilie zu leben, oder eine aufbauen zu können. Sie alle laufen auf die Stärkung der gemeinsamen Familienidentität heraus. Eine solche Großfamilie bedarf, um die vielfältigen Eigenschaften der ganzen Beteiligten unter einen Hut zu bringen, einer gemeinsamen Identität, eines eigenen Wesens – sie muss etwas Distinktives haben. Sie muss wirklich zu einem Clan zusammenwachsen, mit:

– eigenen Familientraditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und die den Zusammenhalt der Generationen fördern. Familie ist wahrer Generationenvertrag – zwischen den heute Lebenden, ihren zukünftigen Kindern und den Ahnen. Man sollte immer auf dem aufbauen, was vorher kam – radikale Brüche mit der Tradition sind nur ganz selten anzuraten.

– einem gemeinsamen Glauben, durch den und in dem man lebt. Man besucht gemeinsam die Kirche, betet gemeinsam usw. Besonders der katholische Glaube bietet, abgesehen natürlich von seiner Wahrheit, gerade in dieser Hinsicht besonders reiche Möglichkeiten.

– einem gemeinsamen Familiencharakter. Gemeint ist etwas, das die Familie ausmacht. Eine Art Schwerpunkt für die gemeinsamen Aktivitäten, ein Thema, das sich in sehr vielen einzelnen Mitgliedern der Großfamilie immer wieder zeigt, wenn auch in vielfältigen Variationen. Culbreath sagt es aber besser.

– einer großen Zahl von Kindern. Dies ist besonders wichtig, da große Familien eben per definitionem viele Menschen beinhalten. Und Familienclans sind oft weit verzweigt, was nur möglich ist, wenn es in jeder Generation einige Geschwister gibt. Dieser Punkt macht die Ablehnung der Verhütungsmentalität notwendig, die davon ausgeht, Kinder wären ein Gut, das man planen sollte, das man sorgsam und vorsichtig in den Rest seines Lebens einhegen sollte, damit sie nicht so stören (diese Mentalität drückt sich perfekt und präzise in Obamas berüchtigtem Spruch aus dem Wahlkampf von 2008 aus: Er wollte nicht, dass seine Töchter mit einem Kind bestraft würden – „punished with a baby“ – wenn sie ungeplant schwanger würden). Das heißt: Man muss sich entschlossen von der Kultur des Todes (Johannes Paul II.) abwenden.

Ferner ist entscheidend, dass es gelingt, die erweiterte Familie in relativ geringer Entfernung zu halten, damit enger Kontakt zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern auf persönlicher Basis möglich bleibt. Ein wichtiger Punkt ist hierbei die gegenseitige Familienhilfe, durch die vielfältige Fähigkeiten intern verfügbar werden, für die man sonst oft teuer bezahlen muss. (Nebenbei gesagt ist der Zerfall der Großfamilie für einen nicht zu kleinen Anteil des angeblichen Wirtschaftswachstums im Westen seit etwa 1960 verantwortlich: Was früher innerhalb der Familie erledigt wurde, geschieht heute außerhalb und geht dadurch erstmals ins Sozialprodukt ein, obwohl die entsprechenden Dienstleistungen immer schon erledigt wurden. Kinder wurden immer schon erzogen. Doch heute erzieht Frau Maier die Kinder von Frau Müller und bezahlt sie dafür. Frau Müller erzieht im Gegenzug die Kinder von Frau Maier und bezahlt sie dafür. Und das nennt man dann Wachstum!)

Ein wesentlicher Einwand gegen die in dem Artikel vertretene These, dass eine solche Rückkehr zu Familienidentitäten und Großfamilien wünschenswert wäre, besteht natürlich in der ökonomischen Realität. Doch ökonomische Realitäten sind, unter der Annahme menschlicher Willensfreiheit, kontingent und vermögen nicht das Handeln des Menschen zu determinieren. Wenn nur genügend viele Menschen sich gegen die angebliche Notwendigkeit, weit weg zu ziehen, um dort zu arbeiten, wendeten, dann entwickelte sich schnell ein großes Interesse auf der Seite der Arbeitgeber, Heimarbeit und dergleichen stärker in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet: Wirtschaftliche Hindernisse sind immer durch entschlossenes Handeln ausreichend vieler Menschen überwindbar. Am Ende richten sich Angebot und Nachfrage in einer freien Marktwirtschaft aufeinander ein.

Dieser Einwand ist damit nicht entkräftet (denn er besteht in der heutigen Lage weiterhin, da wenige Menschen eine Rückkehr zur Großfamilie zu betreiben wünschen), aber es ist zumindest ein Weg aufgezeigt, der ihn obsoletieren könnte.

Doch lassen wir erst einmal alle möglichen Einwände beiseite. Kann denn ernsthaft bezweifelt werden, dass die Folgen einer solchen Gesellschaftsstruktur überwältigend positiv wären? Und dass sie sich in einer tiefen Harmonie mit den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre befindet? Innerfamiliäre Hilfe ist die ideale Vereinigung von Subsidiarität und Solidarität, zwei fundamentalen Prinzipien der Soziallehre. Und die Familie ist derselben Soziallehre folgend, die unverzichtbare Keim- und Urzelle der Gesellschaft, die, Papst Leo XIII. in Rerum Novarum folgend, sogar vor dem Staat angesiedelt werden muss, und eigene Rechte besitzt, die der Staat weder einführen, noch beschneiden oder abschaffen kann, sondern die zu respektieren und zu schützen ihm aufgegeben ist.

Culbreaths Artikel ist wahrhaftig ein faszinierender Denkanstoß.