Wessen Wunsch sind „Wunschkinder“?

Jedes Kind, so schallt uns aus der Welt entgegen, solle ein „Wunschkind“ sein. Ist es nicht das beste für alle Beteiligten, für Vater, Mutter und auch das Kind selbst, wenn es aus dem freien Entschluss, dem freien Kinderwunsch der Eltern hervorgeht? Diese Idee klingt so verführerisch wie ein frischer, saftiger Apfel im Paradies, und sie ist in der Tat verführerisch. Denkt man über sie nach, dann scheint die Vorstellung einer Welt glücklicher Eltern auf, die glückliche Kinder haben, und das ist natürlich eine glückliche Welt aus glücklichen Familien. Doch nicht selten täuscht das Vorstellungsbild, das eben durch säuselnde Worte der Verführung in die Irre geleitet werden kann. Dies gilt auch für die Wunschkind-Ideologie.

Denn „Jedes Kind ein Wunschkind“ ist zweideutig. Es kann bedeuten, dass Eltern immer in der Geisteshaltung verharren sollten, dass ein Kind, das jetzt gezeugt und bald geboren würde, wirklich und wahrhaft ein wünschenswerter Segen sei. Doch so wird es in der Regel eben nicht verstanden. Wer von „Wunschkindern“ redet, der meint in Wahrheit geplante Kinder: Kinder, die dann (und nur dann) auf die Welt kommen sollen, wenn sie den Eltern gerade genehm sind. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ impliziert bereits die Vorstellung unerwünschter Kinder.

Wer fordert, jedes Kind möge ein Wunschkind sein, der fordert damit im Umkehrschluss, jedes Kind, das von den Eltern nicht erwünscht wird, möge als kleine Kinderleiche vorgeburtlich entsorgt werden. Wunschkindideologie ist nichts anderes als Abtreibungsideologie.

Woher kommt die Vorstellung, es solle von den Wünschen der Eltern abhängen, ob ein Kind geboren werde? Diese Vorstellung kommt aus der Verhütungsmentalität. Sie besagt, dass Eltern selbst die Entscheidung treffen sollen, ob und wann neues Leben in die Welt kommen darf. Wenn in den Köpfen die Verhütung als Selbstverständlichkeit, als Normalität verankert ist, dann ist die Kinderlosigkeit die „normale“ Option geworden. In der Regel ist Sexualität nicht mehr mit der Schaffung neuen Lebens verbunden. Der Mensch kontrolliert durch Verhütung vielmehr, dass seinen fleischlichen Vergnügungen nicht mehr die natürliche Verantwortung gegenüber steht, infolge besagter Vergnügungen nunmehr für ein Menschenleben da sein zu müssen. Sexualität soll folgenlos sein, damit sie gefahrlos als Freizeitvergnügen zur Erholung konsumiert werden kann. Das ist die Verhütungsmentalität in Reinform.

Wenn man dann irgendwann, wie es meist früher oder später geschieht, den Wunsch nach einem Kinde verspürt, dann wird das Türchen zum neuen Leben, das bisher durch Verhütung versperrt wurde, einen Spalt geöffnet, zu einem sorgfältig ausgewählten Zeitpunkt, an dem das Kind gerade nicht stört, in der Absicht ein „Wunschkind“ auf die Welt zu bringen. Auch das Kind gerät dabei, ebenso wie die Sexualität, zum Konsumgut der Eltern. Das sieht man schon daran, dass der Ruf laut wird, Eltern, die, wenn ihr imperialer Wille es fordert, kein Kind „produzieren“ können, ein solches Kind durch künstliche Befruchtung zu verschaffen. Wir können das Konsumgut Kind nicht selbst herstellen; wir wollen aber ein Stück Kind konsumieren – also, schafft es herbei, auf dass unser imperialer Wille befriedigt werde.

Das „Wunschkind“ ist dasjenige Kind, das gnädig auf die Welt gelassen wurde, um ein Konsumbedürfnis seiner Eltern zu befriedigen. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ entspringt aus der Verhütungsmentalität, durch die Sexualität zum Konsumgut, zur Ware wird*, und macht seinerseits folgerichtig das Kind selbst ebenfalls zum Konsumgut der Eltern.

Dabei bleibt die Kehrseite des Wunschkindes immer der „Unfall“, durch den neues Leben – mangels (sachgerechter) Anwendung der Verhütungsmittel oder durch ihr Versagen – in die Welt kommt. Solcher Unfall wird nun tendenziell zum Abfall, was wiederum logisch ist, denn „jedes Kind“ soll ja ein Wunschkind sein. Alle Kinder, die sein dürfen, sind Wunschkinder. Nicht-Wunschkinder, „Unfälle“, können, dürfen, sollen nicht mehr sein. Wie gesagt, Wunschkindideologie ist fast immer auch Abtreibungsideologie.

Was ist dieser moralisch verarmten Vorstellung vom „Wunschkind“ entgegenzusetzen? Sollen Eltern sich denn keine Kinder wünschen? Was ist die Alternative?

Die Alternative ist, dass die Eltern gerufen sind, ihren eigenen Willen, ihren eigenen Wunsch zurückzustellen. Wenn Gott einem Ehepaar ein Kind, zwei Kinder, elf Kinder zu schenken wünscht, dann sind alle diese Kinder Geschenke Gottes, die in Demut und in gläubiger Überzeugung, dass der Herr für die Seinigen sorgen wird, angenommen und geliebt werden müssen.

Die Alternative zur Wunschkindideologie und zur Verhütungsmentalität, aus der sie entspringt, ist die Haltung, dass Kinder Geschenke Gottes sind. Nicht der Elternwille, sondern der Wille Gottes ist ausschlaggebend. Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner, Herr! Das muss der Wahlspruch christlicher Elternschaft sein.

Der pervertierte Satz, jedes Kind solle ein Wunschkind sein, gelangt so zu seiner echten, christlichen Bedeutung. Jedes Kind ist bereits hier und heute, faktisch, in Wirklichkeit, ein Wunschkind, nämlich ein Kind, das allein auf Wunsch Gottes geschaffen und gezeugt worden ist. Gott erschafft die Seele eines jeden Kindes direkt und den Körper des Kindes indirekt durch den vermittelnden körperlichen Zeugungsakt der Eheleute. Der freie Willensentschluss der Eheleute zum Kind besteht in der Durchführung dieses Zeugungsaktes, nämlich des ehelichen Verkehrs. Mit der Einwilligung in die Durchführung des ehelichen Verkehrs ist in eins gesetzt die Einwilligung in die Erschaffung eines neuen Menschenlebens, so Gott es denn will. Diese freie Einwilligung muss nicht gegeben werden. Aus schwerwiegenden, guten Gründen können Eheleute für eine gewisse Zeit oder sogar dauerhaft auf diese Einwilligung verzichten, indem sie den Akt, der zur Zeugung von Kindern führen kann, nicht ausüben. Doch wenn sie durch ihre Körper im Sexualakt die freie Einwilligung bekennen, dann ist sie unwiderruflich gegeben, und Gott kann und wird sie öfters nutzen.

Das auf diese Weise gezeugte und geborene Kind, das Kind von Eheleuten, die den ehelichen Akt in Offenheit zum Leben vollziehen, ist immer und überall ein Wunschkind, denn die Eheleute wissen ja, wozu der eheliche Akt Gott ermächtigt! Dieses Niveau an Sexualaufklärung hat wohl jeder erwachsene Mensch. Sie müssen also, wann immer sie ihn ausführen, damit rechnen, dass Gott ihnen ein neues Leben schenken wird. Öfters wird dies unerwartet sein, und manchmal wird es den Eheleuten gerade überhaupt nicht passen.

(Ob es wohl Maria gepasst hat, als der Engel ihr erschien und sie zur Kooperation aufforderte? Bestimmt hatte sie gerade wichtige Dinge vor und hätte sich, nach ihrer menschlichen Weisheit, sicher noch kein Kind gewünscht.)

Ob es aber gerade passt oder nicht, jedes Kind ist ein Wunschkind Gottes, und wenn wir Gott wirklich lieben, dann werden wir auch jedes Kind lieben (und seine Existenz wünschen!), so wie Gott es liebt und seine Existenz wünscht.

Und dann ist auch jedes Kind für uns Menschen ein Wunschkind, weil es der Wunsch Gottes ist, und wir uns diesen Wunsch gläubig zu eigen machen, und nicht umgekehrt.

Die Vorstellung der Welt ist, dass ein Kind zu erscheinen habe, wenn die Frau, die Mutter sein möchte, dies begehrt. Menschen hätten, so behaupten inzwischen sogar manche Gerichte, ein „Recht auf Kinder“**. Dieses herbeikommandierte Kind, das Produkt des Egoismus, wird dann propagandistisch zum „Wunschkind“ verklärt.

Die diametral entgegengesetzte Vorstellung der christlichen Religion ist, dass ein Kind erscheint, wenn Gott dies begehrt. Und ein „Recht auf Kinder“ haben die Eheleute nicht. Kinder sind kein Recht, sondern ein Geschenk. Niemand hat ein „Recht“ darauf, beschenkt zu werden. Geschenke bekommt man als Beschenkter immer gratis, also aus Gnade.

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*kein Wunder, dass die Prostitution, in der Sexualität als Ware verkauft wird, in der heutigen Gesellschaft nicht mehr als moralisch verwerflich, sondern nur noch als potenziell unhygienisch und ausbeuterisch gegenüber der sich prostituierenden Frau gesehen wird. Auch dies ist ein Symptom der Verhütungsmentalität.

**Dieses Recht auf Kinder wird dann, im nächsten Schritt, als Hebel für die Einführung der Homo-Adoption verwendet; da „eingetragene Partnerschaften“ ja nicht zur natürlichen Kinderzeugung fähig sind, müsse ihnen zur Erfüllung ihres Rechts auf Kinder mindestens die Adoption zugestanden werden.

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4 Gedanken zu „Wessen Wunsch sind „Wunschkinder“?

  1. Es gibt, alleine aus naturwissenschaftlichen Gründen, keine Pflicht Kinder zu bekommen. Aber es gibt nach katholischer Doktrin eine Pflicht der Eheleute, alles, was die katholische Kirche erlaubt, zu tun, um Kinder zu bekommen.

    • Altkatholik,
      naturwissenschaftliche Gründe konstituieren oder negieren keine Pflichten. Pflichten gehören der sittlichen Sphäre an, und können mit naturwissenschaftlichen Methoden weder gefunden noch widerlegt werden.

  2. Bei der Lektüre dieser kleinen Abhandlung zum Thema „Wunschkinder“ kam mir ein Bild vor Augen; zwei Extreme, die einander gegenüberstehen: Einerseits eine Gesellschaft, in der jeder Mensch nur als ein kleines Rädchen im Getriebe gesehen wird, das ohne einen eigenen Willen zu haben (bzw. haben zu dürfen), die von ihm geforderten Verhaltensweisen zeigt, und andererseits eine Gesellschaft, in der jeder maximaler Egoist ist, der ohne Rücksicht auf irgendwelche moralischen Vorstellungen oder andere Menschen seine Wünsche und / oder Triebe auslebt. Beide Extreme sind schlimm und für eine menschliche Gemeinschaft letztlich tödlich. Warum schreibe ich das hier?
    Vielleicht gab es in früheren Zeiten zuviel Druck, zuviel Einschränkung der menschlichen Freiheit: Ehen wurden abgesprochen – oft ohne die betroffenen künftigen Eheleute (die meist zur Zeit der Absprache sogar noch Kinder waren) zu fragen, man war eingebunden in Moralsysteme und Verhaltensnormen, die man strikt einzuhalten hatte – oder man hatte gravierende Nachteile in Kauf zu nehmen, vielleicht sogar sein Leben zu geben. Der Grad der Unfreiheit in vergangenen Gesellschaften in Europa und gegenwärtigen Gesellschaften in anderen Teilen der Erde war und ist hoch – kein Wunder eigentlich, wenn es da zu Revolutionen kam: die Menschen wollen die Freiheit, weil sie ein Stück der menschlichen Natur ist!
    ABER, und nun kommt natürlich das „Aber“, diese Freiheit muss eingegrenzt sein, sie kann nicht absolut und schrankenlos sein. Nur eine Gesellschaft, in der die Freiheit jedes Menschen von sicheren (moralischen) Normen für die ganze Gesellschaft gewissermaßen „gehalten“ wird, kann eine stabile Gesellschaft sein.
    Was Catocon in seinem Beitrag zu den „Wunschkindern“ beschreibt, ist eine heutige sehr gängige Praxis, die Freiheit des Einzelnen so hoch anzusetzen, dass sie sogar über das Recht auf Existenz anderer Menschen hinausragt: Wenn nämlich diese anderen Menschen schwach und klein sind. Im Moment gilt dies nur für die kleinen Kinder im Bauch der Mutter – aber schon gibt es (lauter werdende) Forderungen von „Berufs-Öffentlichkeitsarbeitern“ (Journalisten, Wissenschaftler, Polititker etc.) das Recht auf Abtreibung auch auf geborene (!) Kinder auszudehnen (die Quelle ist mir nicht mehr erinnerlich – würde mich aber nicht wundern, wenn dies demnächst auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert würde …).
    Das ist für mich ein schlagendes Beispiel für die immer schneller werdende Verschiebung des gesellschaftlichen Koordinatensystems in Richtung des o.g. Extrems der absoluten individuellen Freiheit. „Ich mache, was ich will“, „mein Bauch gehört mir“, „jeder soll doch tun, was ihm gefällt“, „Kinder sind (nur) willkommen, wenn es uns passt“ – man könnte die Liste der derzeit gültigen Zeitgeist-Slogans beliebig verlängern. Offen bleibt die Frage, ab welchem Punkt der „Verfreiheitung“ (die im Umkehrschluss eine zunehmde Ablehnung der Verantwortung für andere bedeutet) unsere Gesellschaft zu kollabieren beginnen wird. Werden wir vielleicht alle noch erleben (leider!).

    • Rainer,
      ja, das ist richtig. Die andere Frage ist, ob man überhaupt von Zunahme der Freiheit sprechen kann. Freiheit ist nicht einfach das Recht zu tun, was ich will und wie ich will. Freiheit kann nicht gänzlich vom Guten getrennt werden; Freiheit beinhaltet immer das Element der moralischen Verantwortlichkeit. Einige der amerikanischen Gründerväter (zum Beispiel) haben diesen Zusammenhang sehr klar gesehen, und deswegen ein System geordneter Freiheit errichten wollen – die frühe amerikanische Republik. Der Mensch, der nicht moralisch verantwortlich ist, kann gar nicht frei sein. Wer sich nicht selbst zu kontrollieren versteht, wird früher oder später unter Fremdkontrolle fallen. Allein der sittlich gute Mensch ist zu wahrer Freiheit fähig, weil er die Kontrolle von Außen nicht mehr bräuchte.

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