Der Trugschluss der Islamkritiker

Anlässlich der nun schon ein paar Wochen zurückliegenden Attentage in Norwegen möchte ich in dem folgenden Essay kurz einige Gedanken zur sogenannten „Islamisierung“ Europas zusammentragen.

Gern wird nun von interessierter Seite behauptet, Breivik sei ein „christlicher Fundamentalist“ gewesen, und manche gehen sogar so weit zu behaupten, Breiviks Taten zeigten, wie gefährlich traditionsverbundene Gruppen in der katholischen Kirche seien, obwohl Breivik nicht einmal Katholik war. (Matthias Matussek nimmt zu dieser absurden These hier Stellung.)

Die Instrumentalisierung der Akte von Einzeltätern, durch die unliebsame politische Bewegungen als Ganze diskreditiert werden sollen, ist aus meiner Sicht grundsätzlich abzulehnen, es sei denn es gibt wirklich zwingende Beweise für einen Ursachenzusammenhang. Viele Islamkritiker behaupten, solche Beweise gebe es für den Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus. Wie dem auch sei, für den Zusammenhang zwischen traditionellem Christentum und Terrorismus gibt es praktisch keine Beweise. Selbst Breiviks Taten können dazu nicht dienen, da er von sich selbst gar nicht behauptete, ein gläubiger Christ zu sein – eingestandenermaßen benutzte er das Christentum nur, um seine anti-islamischen Ideen mit einer kulturellen Unterfütterung zu versehen.

Doch ich habe bislang zu den Attentaten geschwiegen, und werde auch jetzt den Streit über die Ursachen anderen überlassen. Ich möchte vielmehr an dieser Stelle eine Unterscheidung kenntlich machen, die in der öffentlichen Debatte generell untergeht. Es geht mir grob gesagt um die Unterscheidung von „kulturellen“ und „religiösen“ Christen, die Breivik in seinem Manifest selbst trifft, und in der er sich den „kulturellen“ Christen zuordnet. Es gibt einige, in Europa derzeit aufstrebende, Parteien und Gruppen, die den Islam als gefährlich ablehnen und die Einwanderung von Moslems stoppen oder gar umkehren wollen. Aufgrund der höheren Geburtenraten der Moslems, so geht das Argument, drohe ohnehin schon eine schleichende Islamisierung der Gesellschaft. Generell läuft das Argument darauf hinaus, dass wir die westliche Kultur schützen müssen. Doch warum ist aus dieser Sicht die „westliche Kultur“ so bedeutsam? Nun, betrachtet man die gesellschaftlichen Positionen dieser Islamgegner, so findet man, dass sie im Wesentlichen gescheiterte 68er sind. Sarrazin ist ein SPD-Politiker, und seine Lösungsvorschläge in „Deutschland schafft sich ab“ beinhalten die üblichen Forderungen nach mehr Staat, früherer staatlicher Kontrolle über den Nachwuchs usw. Ähnliches gilt für Geert Wilders in Holland und generell für eine Strömung der Islamkritiker. Sie stören sich am Vormarsch des Islam hauptsächlich, weil er die „Errungenschaften“ der westlichen Kultur gefährdet. Und diese Errungenschaften sind oft: Freie Abtreibung, Homo-Ehe, sogenannte Frauenemanzipation, religiöser Indifferentismus usw. Sie sind „kulturelle“ Christen, weil sie im Christentum ein nützliches Symbol für den geeinten Kampf der Europäer gegen den Islam und seine Förderer in Europa sehen.

Diese Islamkritiker nehmen die „Fortschritte“ der letzten 50 Jahre als gut und richtig hin, erkennen aber, dass diese Fortschritte durch die multikulturelle Gesellschaft bedroht werden könnten, sobald religiös und gesellschaftspolitisch konservative Moslems durch zunehmenden Bevölkerungsanteil Einfluss auf Wahlen gewinnen. Außerdem argumentieren sie oft wirtschaftspolitisch, d.h. gegen Zuwanderung „in die Sozialsysteme“, um diese „Sozialsysteme“ vor dem Zusammenbruch zu schützen, sie zu bewahren. Es handelt sich um gesellschaftspolitisch zumindest gemäßigt progressive Anhänger eines umfassenden Wohlfahrtsstaates, für die die strikte Form der Trennung von Kirche und Staat (wie in der kemalistischen Türkei oder in Frankreich) das Ziel ist. Klingt nicht gerade nach traditionalistischen Katholiken, oder?

Und damit komme ich zu der zweiten Gruppe unter den Islamkritikern: Religiöse Konservative lehnen den Islam oft mit an der Oberfläche ähnlichen Beweggründen ab. Auch sie sind gegen Masseneinwanderung aus islamischen Ländern, für die Bewahrung der „jüdisch-christlichen Kultur“. Doch haben sie oft ganz andere Motivationen. In der Regel handelt es sich um entschlossene Gegner der modernen Wohlfahrtsstaaten, der angeblichen Fortschritte der letzten 50 Jahre im gesellschaftlichen Bereich usw.

Sie erkennen das Hauptproblem nicht so sehr in der Einwanderung von Moslems (selbst wenn sie diese oft auch beschränken möchten), sondern in dem gesellschaftlichen Kollaps im Westen, genau in dem Säkularismus, mit dem die erste Gruppe der Islamkritiker (z.B. Wilders) kooperieren will.

Die Unterscheidung lässt sich vielleicht in kurzen Worten so zusammenfassen: Die einen Islamkritiker sehen den „modernen Westen“ durch „rückschrittliche“ islamische Traditionalisten bedroht, und wollen daher eine Allianz zwischen Säkularisten und Christen unter dem Banner eines „kulturellen“ Christentums schaffen, mit der sich dann der islamische Einfluss auf Europa reduzieren ließe. Die anderen Islamkritiker sehen den „traditionellen Westen“ durch „fortschrittliche“ Säkularisten bedroht, und verweigern daher eine Allianz zwischen Säkularisten und Christen. Stattdessen stehen sie für eine Wiedergeburt eines authentischen, religiösen Christentums, das dann als Nebeneffekt auch das Problem der „Islamisierung“ lösen würde – denn religiöse Christen würden sicher nicht (wie „kulturelle“ Christen) 1,4 Kinder pro Frau zeugen und dadurch die demographische Entwicklung der Islamisierung erst plausibel erscheinen lassen.

Auf der einen Seite des Lagers der Islamkritiker stehen also säkularisierte, „kulturelle“ Christen an der Seite „säkularisierter“ Moslems (wie Ayaan Hirsi Ali) und überzeugter Atheisten, die den modernen Westen vor der Welle der Moslems schützen wollen (und daher die Multikulturalisten als Hauptfeind sehen, die in dieser Ideologie nur als Verräter erscheinen können, da sie ja die „Schleusentore“ geöffnet haben, durch die die Moslems jetzt ins Land kommen können) – doch eine traditionelle christliche Gesellschaft würden sie als abscheulich sehen, und würden sie fast ebenso entschlossen bekämpfen, wie eine traditionelle islamische Gesellschaft.

Viele dieser Islamkritiker befürworten einige „traditionalistische“ Positionen aus pragmatischen Erwägungen heraus – möglicherweise lehnen einige von ihnen die Abtreibung ab, um dadurch das Volk nicht noch zahlenmäßig weiter zu schwächen, oder befürworten die katholische Hierarchie, um sich ihrer Symbole und Traditionen als Identifikationsmerkmal und kulturellen Einigungsfaktor bedienen zu können. Aber sie vertreten diese „traditionellen“ Positionen nicht, weil sie sie wirklich für wahr halten, sondern weil sie nützlich sind. Damit unterscheiden sie sich von den Traditionalisten ganz erheblich. Abtreibung ist moralisch verwerflich, ja. Aber nicht, weil sie das demographische Problem verstärkt, sondern weil sie die Tötung unschuldigen Menschenlebens bedeutet – also aus demselben Grund, aus dem Breiviks Attentat auf das Jugendlager verwerflich war. Die katholische Hierarchie ist gut, und wir sollten reformkatholischen Angriffen auf sie widerstehen, ja. Aber nicht, weil sie sich als kulturelle Identifikationsfigur oder Basis für einen anti-islamischen Kreuzzug nutzen ließen, sondern weil sie von unserem Erlöser Jesus Christus eingerichtet worden ist, um die Seelen zum Heil zu führen.

Selbst wenn die oberflächlichen Ziele also ähnlich zu sein scheinen, die dahinter stehende Motivation traditioneller, religiöser Islamkritiker ist nicht vergleichbar mit derjenigen ihrer säkularisierten, „kulturchristlichen“ Brüder.

Breivik gehört nun eindeutig zu den säkularisierten Islamkritikern. Traditionalistische oder fundamentalistische Christen wären nicht Mitglied bei den Freimaurern, sie glaubten wirklich an Gott und an die Gottessohnschaft, Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi usw. Wenn es also überhaupt einen Zusammenhang zwischen Attentat und Islamkritikern gibt, dann  wäre dieser eben nicht bei den religiösen Traditionalisten, sondern bei den Säkularisten zu suchen.

Ich bin allerdings davon überzeugt, dass man selbst hier keinen allzu engen Zusammenhang konstruieren kann. Dass Breivik Islamkritiker beider Denkrichtungen zitiert, kann nicht als relevant gewertet werden. Er zitiert auch Angela Merkel. Ist diese jetzt Mitschuld an den Attentaten? Schon der Gedanke ist lächerlich. Und nirgendwo haben Wildern, Broder, Sarrazin und andere Islamkritiker zu Gewalt und Terror aufgerufen. (Im Gegenteil: Wilders hat von solchen Drohungen und Aufrufen abgesehen, obwohl gegen ihn seit Jahren regelmäßig Morddrohungen eingehen und er deshalb unter Polizeischutz leben muss). Wilders, Sarrazin und andere säkularisierte Islamkritiker sind nicht als „geistige Brandstifter“ zu werten, da sie keine Brände gelegt haben, und auch nicht zum Legen von Bränden aufrufen. In ihren Schriften und Worten findet sich nichts, was man auch nur ernsthaft in diese Richtung interpretieren könnte. Ich werfe ihnen keine Mitschuld vor, und es ist ungerecht es zu tun.

Trotzdem haben sie nicht Recht. Das Problem ist nicht der Islam und nicht die Islamisierung. Wenn man sich ernsthaft mit dem Islamismus beschäftigt, so stellt man fest, dass er ein relativ junges Phänomen ist. Er ist im Wesentlichen als Antwort auf die Verwestlichung islamischer Staaten entstanden (und hat diese ziemlich erfolgreich zurückdrängen können, etwa im Iran, was auch immer man über die verwerflichen Methoden sagen mag).

Das Problem ist auch nicht in erster Linie der Multikulturalismus oder die Masseneinwanderung. Sie sind beide die Folge anderer Entwicklungen. Das Problem sind nicht die vielen Moslems, sondern die wenigen Christen. Wenn wir wirklich die westliche Kultur verteidigen oder wiederherstellen wollen, dann müssen wir zunächst zwei wichtige Fragen beantworten:

(1) Was genau ist die „westliche Kultur“ die wir erhalten wollen? Ist es der religiös indifferente Sumpf der Dekadenz und des Libertinismus der letzten 50 Jahre? Oder ist es der traditionelle christliche Glaube mitsamt seiner Sittenlehre?

(2) Im Anschluss daran: Worin bestehen die Ursachen der heutigen Krise.

Ich persönlich sehe nichts Erhaltenswertes in dem dekadenten Sumpf, der sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr des Westens bemächtigt hat. Und ich glaube nicht, dass die Ursachen der Krise bei den Moslems oder im Multikulturalismus zu suchen sind. Es ist eine Tatsache: Derzeit ist der Westen ohne massive Zuwanderung überhaupt nicht überlebensfähig – denn die übersättigten Wohlstandskinder sind zu sehr auf ihre persönliche Selbstverwirklichung und Triebbefriedigung ausgerichtet, um überhaupt fähig zu Familien mit mehreren Kindern zu sein. Und selbst die wenigen Kinder, die die Europäer noch haben, lernen in Schulen praktisch nichts, wachsen immer seltener bei ihren beiden leiblichen Elternteilen auf (und selbst wenn, sehen sie sie nur spät abends), bekommen keine religiösen und moralischen Überzeugungen mehr vermittelt, haben deshalb in einer immer früher über sie hereinbrechenden, dekadenten, moralfreien Massenkultur kaum eine Chance zu anständigen Menschen heranzuwachsen, und selbst wenn es ihnen gelingt, die schlimmsten Perversionen von sich fernzuhalten, werden sie niemals die Schätze authentischer westlicher Kultur kennenlernen, da man sie ihnen vorenthält. Für sich genommen ist der Westen nicht überlebensfähig. Er ist abhängig von Einwanderern, bei allen Problemen, die das mit sich bringt. Sie sind seine einzige Hoffnung, solange der Westen nicht den Irrtum seiner modernistischen Wege einsieht.

Mutter Teresa hat einmal gesagt (ich paraphrasiere): Wenn eine Mutter ihr eigenes Kind töten kann, was kann man dann an einer Zivilisation noch retten? Und die implizierte Antwort war natürlich: Nichts. Recht hat sie.

Wenn die derzeitigen Tendenzen in der Gesellschaft sich wie erwartet fortsetzen, werden wir irgendwann eine Situation erreichen, in der der verbliebene „einheimische“ Bevölkerungskern einer großen ethnisch diversen Minderheit mit sehr vielen Moslems gegenübersteht, und ringsherum die Gesellschaft auseinanderfällt. Das ist der ideale Nährboden für einen Volksverführer. Vielleicht werden die einheimischen Wutbürger dann wieder einmal ihre fremden Nachbarn in spezielle Lager ohne Wiederkehr schicken. In diese Richtung driftet der Westen nahezu unaufhaltsam. Er braucht immer mehr Einwanderer, um seine sozialen Einrichtungen und seine Wirtschaft am Laufen zu halten, doch langfristig werden auch die Einwanderer die Europäer nicht retten können, weil Masseneinwanderung ganz andere Probleme mit sich bringt. Irgendwann kommt die große Krise – vielleicht morgen, vielleicht erst in 10 oder 20 Jahren – und dann explodiert das ganze Gebräu der letzten Jahrzehnte.

Dann wird Catocon an der Seite der Einwanderer stehen. Verglichen mit den moralischen Werten und dem größtenteils heidnisch-okkulten Glauben des modernen Westens („Kultur des Todes“) wäre eine islamische Gesellschaft ein Segen. Doch Gott möge verhindern, dass es jemals soweit kommt, denn eine Wiedergeburt des traditionellen Westens wäre bei weitem vorzuziehen.

Dass eine Abwehr der „Islamisierung“ den Triumph des Westens bedeuten würde, statt nur seinen ungehinderten Zusammenbruch, das ist der fatale Trugschluss der Islamkritiker.

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