Vom modernen Staat und seinem Charakter (Teil 3 von 3)

Die Aufhebung des Grundkonflikts

Wir hätten einen Kollektivismus, der sich ständig individualistischer Denkstrukturen bedient, und aus einem starken Individualismus motiviert wäre, jedoch letztlich über individuelle Leichen ginge, um das den Nutzen des Kollektivs zu maximieren. Ebenso hätten wir einen Individualismus, dem es genuin darum ginge, dass jedes Individuum, jeder einzelne Mensch, ein gutes, d.h. subjektiv nützliches, erfülltes Leben führte, der sich aber zur Erreichung dieser Ziele letztlich totalitär-kollektivistischer Mittel bediente, um wissenschaftlich fundiert eine Gesellschaft zu „organisieren“, in der jedes Individuum „seinen Traum leben“ könnte.

Das erklärt auch die seltsame Verquickung individueller und kollektiver Elemente in allen modernen politischen Ideologien. Auch dem kollektivistischen Kommunisten geht es eigentlich um den Nutzen der individuellen Menschen. Auch dem liberalen Individualisten bleibt nichts anderes übrig, als zur subjektiven Nutzenmaximierung des Individuums zu letztlich totalitär-kollektivistischen Mitteln der Umerziehung und der Volksbeglückung zu greifen.

Die heutige Gesellschaft, die paradigmatisch eine Gesellschaft der Nutzenmaximierung ist, zerstört daher wahre Gemeinschaft ebenso wie wahre Individualität. Die Individualisten erkennen nur die Erfüllung individueller Bedürfnisse und Präferenzen als legitimes Gesellschaftsziel an, und um möglichst alle Präferenzen zu befriedigen, wird ein umfassendes, jede Individualität erstickendes Programm organisierter Beglückung vertreten – faktisch ist Liberalismus inzwischen dazu verkommen. Selbst unter der Herrschaft des Individualismus hat das Individuum keine Chance.

Letztlich verschwimmen in einer solchen Gesellschaft Kollektivismus und Individualismus ineinander, und aus der einstmals lebhaften Konfliktschärfe des Gegensatzes wird zunehmend, in der Spätphase ihres Lebenszyklus, eine blutleere Funktionärskaste, deren „Parteien“ sich kaum voneinander unterscheiden, was sie nicht davon abhält, um Posten und Funktionen im organisierten, kollektiven Zwangsbeglückungsstaat des radikalen Individualismus zu streiten. Mehr und mehr wird politischer Diskurs dann eine Show, ein Beispiel für Entertainment, und wahre Entscheidungen werden direkt von den Experten getroffen, von den Technokraten, die sich nicht dem alljährlichen Wahlzirkus stellen müssen.

Entdemokratisierung ist die logische Folge und Verfallserscheinung dieses Gesellschaftsprojekts.

Organisierte Anarchie

Wenn wir nun einige zentrale Wesensmerkmale und Strukturkennzeichen der nutzenmaximierenden modernen Gesellschaft aufgefunden haben, dann gilt es immer noch, diese auf einen Begriff zu bringen, der ihr Wesen trefflich auszudrücken vermag. Mir scheint dafür vielleicht der Begriff „organisierte Anarchie“ geeignet zu sein, denn einerseits ist der moderne Staat so gründlich und umfassend durchorganisiert, wie keiner vor ihm, andererseits existiert er allein zu dem expliziten Zweck, jeden Menschen von der Herrschaft zu befreien, die ihm einmal Vorschriften darüber machte, was er zu glauben habe, was moralisch und was unmoralisch sei, was ein gutes Leben sei etc.

Der moderne Staat als totaler Staat

Es ist nach dieser Auffassung letztlich die Unterdrückung durch den „wissenschaftlich“ organisierten Volksbeglückungsstaat, durch die der Mensch von Unterdrückung frei werden kann. Nur die Unterwerfung unter diesen Staat kann den Menschen wirklich frei machen. Man erkennt leicht, dass ein solcher Staat faktisch religiöse Funktionen übernommen hat, wie „neutral“ er sich auch immer gerieren mag. Die befreiende Tyrannei, oder die organisierte Anarchie ist notwendig ein totaler Staat. Totalitarismus heißt nicht Faschismus oder Kommunismus, sondern einfach, dass der Staat letztlich die Hoheit über alle Lebensbereiche hat. Und dies wird ihm heute kaum noch ernsthaft bestritten. Es ist daher gerechtfertigt, den modernen Staat als den seinem Wesen nach prinzipiell totalen und sogar totalitären Staat zu kennzeichnen.

Ersatzmessianismus

Nur der moderne Staat kann den Menschen von seiner Unterdrückung durch andere erlösen (und ich wähle dieses Wort mit Bedacht). Der moderne Staat ist letztlich ein Ersatz für die messianischen Hoffnungen des säkularen Ex-Christen des modernen Westens.

Dieser so beschriebene moderne Staat wird aufgrund seines totalen Anspruchs praktisch identisch mit der modernen Gesellschaft. In jeden Bereich reicht der Staat hinein – Wirtschaft, Bildung, Familie, Medien, Unterhaltung etc. Grenzen, gleich ob moralisch, religiös oder praktisch, erkennt er nicht mehr an.

Die große Verfolgung

Aufgrund verbliebener Reste christlicher Zurückhaltung und demokratischer Verantwortlichkeit scheut er sich derzeit noch, alle Grenzen restlos zu überschreiten und alle Dissidenten mittels modernster Technologie zu verfolgen und zu exterminieren (wofür etwa durch Drohnen, Datenspeicherung und Abschaffung des Bargelds bereits heute wichtige Voraussetzungen geschaffen werden).

Andere Geschmacksrichtungen des totalen Staats haben derartige Skrupel nicht gehabt. In seiner kommunistischen und faschistischen Variante hat der totale Staat zu schrecklichen Völkermorden geführt. Die „organisierte Anarchie“ hat dieses Stadium noch nicht erreicht. Dies ist jedoch nur eine Frage des Entwicklungsstadiums – der heutige Staat ist noch nicht so weit. Er hat nicht den Weg der revolutionären Umwälzung gesucht, sondern sich durch stetige Reformen „totalisiert, und dieser Prozess ist noch längst nicht vobei. Der Reformstaat geht langsamer, bedächtiger vor als der Revolutionsstaat, doch das ändert nichts daran, dass sie beide zum gleichen Ziel hin unterwegs sind, oder um die moderne Phrase zu verwenden, dass sie beide zum gleichen Ziel hin fortschreiten.

Für Christen bedeutet dies dasselbe, wie in allen Staaten dieses Typus, angefangen vom dekadenten Römischen Reich mit seinem vergöttlichten Kaiser bis zu den Gulags der Sowjetunion. Der Wind weht aus den Tiefen und die Verfolgung naht. Denn Christen können niemals einen totalen Staat anerkennen und ihm die Art Huldigung erweisen, die er notwendig früher oder später sowohl in formalen Gesten als auch in alltäglichem Verhalten von seinen „befreiten“ Untertanen erwarten muss.

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Vom modernen Staat und seinem Charakter (Teil 2 von 3)

Manipulation der mechanischen Gesellschaft

Eine weitere Tendenz einer hypothetischen Gesellschaft der Nutzenmaximierer wird daraus sofort offensichtlich. Der Nutzen kann nur maximiert werden, wenn man erkannt hat, wie man die Gesellschaft für seine eigenen Zwecke manipuliert. Die „wissenschaftliche“ Expertise der Elite wäre für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Was dieser Expertise im Wege steht, was sie ablehnt, müsste aus dem Weg geräumt werden. Alternative Zentren von Wissenschaftlichkeit und Weisheit könnten nicht geduldet werden, da sie die Expertise der Elite bezweifelten, und damit die Maximierung des Nutzens gefährdeten. Um der Maximierung ihres Nutzens Willen würde die Elite sich dazu berufen fühlen, die über ihren wahren Nutzen in Unkenntnis befindlichen, unaufgeklärten Volksmassen durch staatliche und „zivilgesellschaftliche“ Umerziehung zur Einsicht in die Richtigkeit der von der Elite vorgeschlagenen Reformen zu bewegen. Das Motiv der „Aufklärung“ wäre ebenso dominant wie das Motiv des „Fortschritts“.

Zwischenbilanz: Wesensmerkmals

Fassen wir zusammen, was wir bisher gesagt haben: Die Gesellschaft der Nutzenmaximierer müsste notwendig bestimmte Charakteristika aufweisen, die zu ihrem Wesen gehören:

1. Sie müsste demokratische Institutionen haben, oder zumindest nach ihnen streben.

2. Sie müsste individualistisch sein, also das Individuum als Grundbaustein der Gesellschaft betrachten.

3. In ihr wäre der zentrale Interessenkonflikt ideologischer Natur: Zwischen denen, die den subjektiven Nutzen des Individuums ins Zentrum ihres Denkens stellen, und denen, die den kollektiven Nutzen der Gesamtheit auch auf Kosten des Nutzens von Minderheiten priorisieren.

4. Beide Seiten dieses Konflikts würden nach dem Mantel der Fortschrittlichkeit streben,

5. Beide Seiten dieses Konflikts würden nach dem Mantel der Wissenschaftlichkeit streben.

6. Es gäbe eine Elite, die sich nicht durch Herkunft, sondern durch im weitesten Sinn „sozialwissenschaftliche“ Expertise (oder ihre Vorspiegelung) definiert, und die notwendig die Deutungshoheit über den Nutzenbegriff anstrebt.

Moral, Religion und Wahrheit

Aus diesen Erkenntnissen können wir noch weitere Wesensmerkmale einer Gesellschaft des untersuchten Typus ableiten:

7. Der Begriff des Guten würde nur als „Gut für…“ und nicht als „Gut an sich“ verstanden. Mit anderen Worten: „Gut“ wäre ein Prädikat, mit dem man über die Effizienz und Effektivität von Maßnahmen zum vorgegebenen Ziel der Nutzenmaximierung spricht. „Gute“ Politik wäre Politik, die tatsächlich den Nutzen maximiert.

8. Moralische Fragen wären in einer solchen Gesellschaft ebenso wie religiöse Fragen Privatsache. Glaube doch, wenn es dir nützlich ist, und nicht dem Nutzen anderer schadet, aber in der Öffentlichkeit hat das nichts zu suchen. Ebenso in der Moral: Wenn du meinst, du müssest bestimmte moralische Prinzipien verfolgen, um Deinen Nutzen zu maximieren, dann tu‘ es. Aber du darfst dir nicht anmaßen, anderen die Befolgung dieser Prinzipien aufzudrängen. Insbesondere der Staat darf sich in seinen Gesetzen nicht von moralischen Erwägungen leiten lassen.

9. Die Frage nach der Wahrheit verschwände aus dem öffentlichen Bewusstsein und verlöre ihre Relevanz auch für die Expertenelite. Es käme nicht mehr darauf an, ob eine bestimmte Aussage der Wahrheit entspricht, sondern ob sie nützlich für das gegebene Ziel der Nutzenmaximierung wäre.

Ideologischer Protest

10. Aus dem ideologischen Individualismus der nutzenmaximierenden Gesellschaft und der widersetzlichen Gegebenheit der Wirklichkeit würden immer wieder radikale Ideologien hervorgehen, die periodisch die junge Generation begeistern und eine grundlegende Erneuerung der Gesellschaft fordern würden, da diese die in sie gesetzte Erwartung der Nutzenmaximierung nicht erfüllt haben. Solche Bewegungen würden von der fehlenden Nutzenmaximierung bestimmter Gruppen (z.B. Frauen, Arme, Ausländer, Minderheiten aller Art…) ausgehend nach der Revolution rufen, um endlich Gerechtigkeit, d.h. Chance auf Nutzenmaximierung, für alle zu schaffen.

11. Solche Ideologien würden regelmäßig blutig scheitern, da die Wirklichkeit immer widersetzlich bleibt, und der maximale materielle Nutzen einer Gruppe meist nur mit Kompromissen hinsichtlich des maximalen materiellen Nutzens anderer Gruppen zu erkaufen wäre. Aus diesem Grund würde sich die ideologische Auseinandersetzung in dieser Art Gesellschaft entlang soziologischer Gegensätze (Geschlecht, Alter, Wohlstand, Klasse, Ethnizität, Herkunft, Hautfarbe etc.) polarisieren.

Dies wären einige zentrale Wesensmerkmale einer Gesellschaft der Nutzenmaximierer. Dem Leser ist sicher längst aufgefallen, dass es sich bei dieser „hypothetischen“ Gesellschaft in Wahrheit um die typische moderne, westliche Gesellschaftsform handelt, die daher auf der Basis ihrer eigenen (oft unausgesprochenen) Prämissen durchaus in sich logisch konsistent ist.

Ideologie und Ideologiekritik

In einer solchen Gesellschaft wäre es sicher üblich, die nackte Verfolgung des eigenen Nutzens mit allerlei wohlklingenden Floskeln zu beschmücken, doch letztlich wäre eine solche Gesellschaft nicht in der Lage, Werte und Überzeugungen jenseits der Nutzenmaximierung überhaupt in Betracht zu ziehen. Alles würde mit der Zeit und dem Verfall alternativer Denkmuster immer mehr unter die Linse der nackten Rationalität des Nutzens fallen. Heroisch würden sich dagegen Idealisten aller Schattierungen hervortun, die die „Ökonomisierung“ und „Rationalisierung“ scharf kritisieren, die pathetisch von der „Würde der Menschen“ sprechen und „Gerechtigkeit“ fordern. Sie würden die Frage der Moral stellen und der Gesellschaft ihren hässlichen Spiegel vorhalten. Sie würden die Gesellschaft und ihre verborgenen egoistischen Motive „demaskieren“, in klassisch ideologiekritischer Form. Als Quelle kritischer Argumente gegen diese verarmte Gesellschaft der engen, ökonomischen „Rationalität“ wären diese idealistischen Bewegungen äußerst nützlich. Rezepte zur Lösung dieser Probleme hätten sie auch keine zu bieten, da sie letztlich im Spektrum der Nutzenmaximierer stecken blieben, sich nur mehr auf den Nutzen der Gesamtheit beziehen, denn auf den als verwerlich erkannten, letztlich als Egoismus verstandenen Einzelnutzen. Diese Bewegungen wären daher in ihrer Motivation äußerst sympathisch, und würden deshalb sehr viele Menschen, die nach Gerechtigkeit hungern, anziehen, doch sie wären bereits an ihrer Wurzel korrumpiert, da es sich um dieselbe Wurzel handelt, nämlich um den gemeinsamen Grundkonsens der Nutzenmaximierung.

Vom modernen Staat und seinem Charakter (Teil 1 von 3)

Wie soll man den Zustand der heutigen Gesellschaft beschreiben?

Um etwas beschreiben zu können, muss man es zunächst verstehen. Eine Beschreibung ist umso treffender, je näher sie an das Wesen des Beschriebenen herankommt. Verstehen bedeutet, eine Sache ihrem Wesen nach zu erkennen, und nicht nur verschiedene äußerliche Eigenschaften anzugeben. Wir beschreiben einen Menschen, wenn wir sagen, er sei 1,80m groß, habe blonde Haare und eine Fistelstimme. Doch wir treffen damit nicht sein Wesen. Er könnte doch kleiner sein, schwarzhaarig und stumm, und bliebe immer noch im Grunde derselbe Mensch, nur einige äußerliche Merkmale wären anders. Das, was beim individuellen Menschen wirklich wesentlich ist, könnte man seinen Charakter nennen. Ebenso wollen wir das Wesentliche an einer spezifischen Gesellschaft bezeichnen.

Allgemein gesprochen sind staatliche Gesellschaften zur Sicherung des diesseitigen Gemeinwohls da. Man kann verschiedene Arten solcher Gesellschaften danach unterscheiden, auf welche Weise sie nach diesem gemeinsamen Ziel streben, und was sie als Gemeinwohl ansehen. Diese zwei Arten von Differenzen sind sehr eng miteinander verbinden. Wenn eine Gesellschaft unter Gemeinwohl die Nutzenmaximierung der Mehrzahl ihrer Mitglieder versteht, dann werden die Methoden, die Mittel und Wege, auf denen die Gesellschaft zu ihrem Ziel voranzuschreiben beabsichtigt, dazu tendieren, bestimmte Gestalt anzunehmen, die sich besonders für das gegebene Ziel eignet. Je nach dem Zweck einer Gesellschaft werden ihre Institutionen eine andere Form einnehmen, auf unterschiedliche Weise wirken, und die Gesellschaft wird aus unterschiedlichen Grundelementen aufgebaut sein. (Für philosophisch interessierte Leser: Das alles ist nur die Anwendung der aristotelischen Vierursachenlehre auf das staatliche Zusammenleben der Menschen.)

Institutionen, Demokratie und Individualismus

Eine Gesellschaft der Nutzenmaximierer, um das vorige Beispiel aufzugreifen, hat sich als ihren Zweck die Maximierung des individuellen Nutzens der Mehrzahl gesetzt. Um diesen Zweck erreichen zu können, wird sie sich demokratische Institutionen geben, damit die Mehrzahl das, was sie für ihren Nutzen hält, den Regierenden auf organisierte Weise effektiv kundtun kann, und die Regierenden mindestens langfristig nicht anders können, als nach besten Kräften für die Durchsetzung des Mehrheitsnutzens einzutreten, da sie sonst abgewählt würden. Die institutionellen Formen der Gesellschaft werden also demokratisch sein, und die Bewahrung der Demokratie würde in einer solchen Gesellschaft allgemein als grundlegendes Ziel angesehen, und selbst von denen, die eigentlich eine andere Art von Gesellschaft favorisieren, als Beschwörungsformel im Mund geführt, um sich nicht dem Volkszorn der nutzenmaximierenden Mehrheit preiszugeben.

Eine Nutzenmaximierer-Gesellschaft würde als ihren materiellen Grundbaustein das Individuum angeben. Sie wäre in ihrer Selbstdarstellung sehr individualistisch, da es doch letztlich auf den individuellen Nutzen des Einzelnen ankommt, der da maximiert werden soll. Familien, religiöse Institutionen und alle anderen Zusammenschlüsse würden in einer solchen Gesellschaft dann und nur dann geschätzt, wenn sie nach der Meinung der Nutzenmaximierer den individuellen Nutzen des Einzelnen oder den Gesamtnutzen der Gesellschaft optimieren.

Grundkonflikt der Nutzenmaximierer-Gesellschaft

Damit ist auch der zentrale politische Grundkonflikt einer solchen Gesellschaft bereits vorgezeichnet. Es tritt ganz von selbst ein Interessengegensatz zwischen zwei Gruppen auf, die sich beide die Maximierung des Nutzens auf die Fahne geschrieben haben, diesen Nutzen aber unterschiedlich interpretieren. Für die eine Seite dieses Konflikts wäre der individuelle Nutzen des Einzelnen entscheidend, und sie würden auf den ideologischen Individualismus pochen, der wesentlich für diese Gesellschaftsform wäre. Wenn es zum Konflikt zwischem dem Einzelnutzen und dem Gesamtnutzen der Gesellschaft kommt, würden sie Partei für den Einzelnutzen ergreifen. Umgekehrt gäbe es notwendig in einer solchen Gesellschaft eine Seite, die für die Maximierung des Gesamtnutzens auch dann eintreten würde, wenn es dem Einzelnutzen einer Minderheit von Individuen schadete. Die erste Seite würde ihre Haltung unter Berufung auf den grundlegenden Individualismus begründen, und sicher nach allerlei Mittel und Wegen suchen, die Verwirklichung möglichst vieler Einzelnutzen mit der Maximierung des Gesamtnutzens gleichzusetzen. Die andere Seite würde ihren Gegnern vorwerfen, egoistische Motive zu verfolgen und sich dem Fortschreiten der Gesellschaft zu ihrem Ziel der Nutzenmaximierung zu widersetzen. Sie würde sich den Mantel der Fortschrittlichkeit umhängen, und die andere Seite der Ungerechtigkeit bezichtigen.

Gerechtigkeit und Nutzenmaximierung

Überhaupt könnte eine Gesellschaft der Nutzenmaximierer Gerechtigkeit nur noch als die Chance, seine eigene, private Nutzenvorstellung für sich umsetzen zu können, verstehen. Ungerecht wäre nach ihren eigenen Maßstäben alles, was andere Menschen davon abhielte, ihren eigenen individuellen Nutzen zu maximieren. Hier taucht dann wieder der Grundkonflikt dieser Gesellschaft auf: Wann und unter welchen Umständen ist es gerechtfertigt, den Nutzen einzelner Menschen zu mindern, um der Gesamtheit zu helfen? Ist es gerecht, einer kleinen Gruppe Unrecht zu tun, weil dies gut für die Mehrheit und die Gesamtheit wäre? Ist das Individuum wichtiger als das Kollektiv? Ist es gerechtfertigt, den Reichen zwangsweise zu nehmen, um den Armen zu geben? Fragen dieser Art würden den Gerechtigkeitsdiskurs einer nutzenmaximierenden Gesellschaft dominieren.

Technokratie, Expertise und Scheinwissenschaft

Sie gäbe sich demokratische Institutionen und würde zwischen einem ideologisch grundlegenden Individualismus und einem Hang zum Kollektivismus als Maximierung des materiellen Gesamtnutzen tendieren, der noch eine weitere wichtige Folge hätte. Da die Nutzenmaximierung absolut zentral wäre, würde die Gesellschaft ihre geistigen und materiellen Ressourcen so stark wie möglich auf die Erforschung materieller Mittel und Wege richten, wie man denn den Nutzen der Mehrzahl maximieren kann. Man würde wissen wollen, nach welchen Mechanismen die Gesellschaft funktioniert, und wie man sie durch politisches Handeln so modifizieren kann, dass sie dem gegebenen Ziel möglichst nahekommt. Mit anderen Worten: In einer solchen Gesellschaft gäbe es so etwas wie Sozialwissenschaft (im weitesten Sinn des Wortes, inklusive Ökonomie etc.), und ihre Vertreter hätten die Reputation, die Experten für die Planung der Gesellschaft zu sein. Ihre Aufgabe wäre, den Mechanismus der Gesellschaft zu erkennen, damit er zur Erreichung der politischen Ziele beliebig manipuliert werden könnte. Es wäre unausweichlich, dass es zur Bildung einer Elite käme, die sich aus diesen Experten – Soziologen, Ökonomen, Psychologen, Juristen etc. – rekrutierte. Diese Elite wäre einigermaßen homogen, insofern sie identische Interessen hinsichtlich der Manipulation der Gesellschaft durch staatliches und „zivilgesellschaftliches“ Handeln hätte. Es wäre natürlich, dass für diese Elite gewachsene Strukturen, die der wissenschaftlichen Nutzenmaximierung im Wege stünden, keinen Wert besäßen und insofern wäre diese Elite „fortschrittlich“. Allerdings wäre sie trotz ihrer relativ homogenen Interessenstruktur unausweichlich in dieselben zwei Lager gespalten, die auch die breitere Gesellschaft spalten würde. Auch hier würde die Frage aufbrechen, ob es im Konfliktfall um den Nutzen des Einzelnen gehen solle, oder ob dieser hinter dem Gesamtnutzen zurückstehen sollte.

Die zwei Kirchenbilder nach Kardinal Bergoglio

Vor dem Konklave hat der damalige Kardinal Bergoglio offenbar eine programmatische Rede vor der Kardinalsversammlung gehalten, die von nicht wenigen Beobachtern als mindestens teilweise ausschlaggebend für den späteren Verlauf des Konklaves gesehen wird. Sie lässt sich in deutscher Übersetzung auf kath.net nachlesen. Ich möchte sie an dieser Stelle (wie üblich) in roter Schrift kommentieren. Hervorhebungen von Catocon.

Ich habe Bezug genommen auf die Evangelisierung. (Mission?) Sie ist der Daseinsgrund der Kirche. Es ist die «süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden» (Paul VI.). Es ist Jesus Christus selbst, der uns von innen her dazu antreibt.

1. Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit (was ist damit gemeint? Dass jeder sagen soll, was er gerade so denkt, ohne Rücksicht auf die überlieferten Wahrheiten? Der Begriff ist leider katastrophal vieldeutig.) voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends. (Was soll das bedeuten? Es klingt ganz schön. Was bringen aber die Luftblasen, die man sonst hauptsächlich aus den Einlassungen deutscher Bischöfe kennt?)

2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht (was auch immer das heißen soll…) , um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln (als da wären? Von welchen Übeln spricht Kardinal Bergoglio? Jeder kann darin seine Lieblingsübel sehen.), haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. (Was auch immer das nun schon wieder bedeuten soll. Die Stoßrichtung, solange man aus den unscharfen Worten so etwas überhaupt ersehen kann, deutet auf mehr „Aggiornamento“ hin – die Kirche verlässt sich selbst, um der modernen Welt entgegenzukommen.)

In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen … Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche (was ist das? Man merkt, dass Bergoglio seine Theologie aus Deutschland hat und Kardinal Kaspers theologisches Denken bewundert. Es fehlt an klaren Worten.) beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten. (Worin besteht der Vorwurf an die ach so egozentrische Kirche? Bergoglio wird jetzt ein wenig deutlicher. Das Problem ist, dass die Kirche „Jesus für sich beansprucht“. Nun ja, immerhin hat Jesus die Kirche eingesetzt, und außerhalb ihrer ist kein Heil. Oder glaubt der Kardinal das am Ende überhaupt nicht mehr?)

3. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre (Kardinal Bergoglio hat tiefenpsychologische Einsichten in den Geist des diffus-unscharfen Phantoms, das er als Feindbild aufbaut, ohne zu sagen, gegen wen und was er sich eigentlich richten möchte) – dass sie eigenes Licht hat. (Wer behauptet das? Das Licht der Kirche kommt von Christus, doch es ist in Fülle allein der Kirche gegeben, und eben nicht den von Bergoglio in Buenos Aires so bewunderten schismatischen und häretischen Gruppen im Gefolge der protestantischen Revolte.) Die Kirche Sie hört auf, das «Geheimnis des Lichts» zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der «geistlichen Mondänität» Raum (nach Worten de Lubacs (eines Neomodernisten) das schlimmste Übel, was der Kirche passieren kann). Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das «Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet»; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.

Dies muss ein Licht auf die möglichen Veränderungen und Reformen werfen, die notwendig sind für die Rettung der Seelen.

Was sagt uns diese programmatische Rede?

Erstens, dass der neue Papst die Fortführung des Aggiornamento nach Stil und Inhalt uneingeschränkt wünscht, denn seine Worte sind ja nichts anderes, als was die Aggiornamento-Fanatiker der letzten 50 Jahre ständig gebetsmühlenartig wiederholen, zweitens, dass er mindestens dem Wort nach noch von „getreuer“ Verkündigung spricht, doch ohne zu sagen, wem diese Verkündigung treu bleiben soll, drittens, dass er den wesentlichen Konflikt nicht zwischen der Verkündung der wahren Lehre aus Schrift und Überlieferung und den Häretikern sieht, sondern zwischen den Verstockten, die immer noch wollen, dass die Kirche „Jesus für sich beansprucht“ und denen, die solche Ansprüche nicht mehr erheben, sondern stattdessen mit unklaren Zielen in die Welt hinausgehen wollen.

Viertens, dass Kardinal Bergoglio seine Worte mit Bedacht gewählt hat, so dass sie neben der sich aufdrängenden modernistischen Interpretation mit etwas Phantasie auch orthodox-katholisch gelesen werden können, dass er also die Nebelkerzendiktion des II: Vatikanums kritiklos übernimmt.

Fünftens, dass Kardinal Bergoglios Rede keinerlei brauchbare Ansätze für eine wirkliche Rückkehr zur Missions- oder (meinetwegen) Evangelisierungsarbeit bietet, sondern allein den üblichen vieldeutigen Singsang postkonziliarer Bruchhermeneutiker nachbetet, wie man es auch nicht anders hätte erwarten können, wenn man sein Werk als Erzbischof von Buenos Aires betrachtet.

Sechstens, dass er die Fortführung der praktisch umgesetzten Revolution nach dem Konzil nicht nur befürwortet, sondern für die „Rettung der Seelen“ wörtlich als „notwendig“ bezeichnet.

Siebtens, dass es gerade unter Papst Franziskus wichtig ist, die Treue zum Papstamt und zur Kirche nicht mit der Zustimmung zu den Wortmeldungen des Papstes zu verwechseln.

Achtens, dass Papst Franziskus ein sehr intelligenter, zielstrebiger Mann ist, der nun wie erwartet ganz genau die Ideen umzusetzen beginnt, die er schon vor dem Konklave gegenüber den Kardinälen in diffusen, aber doch der Tendenz nach verständlichen Worten mitgeteilt hat, und die sein Wirken als Erzbischof von Buenos Aires charakterisiert haben.

Neuntens, dass es offenbar für die anti-benediktinische Bruchhermeneutik, die in der Praxis bisher immer zu Modernismus im Glauben, Indifferentismus in der Sittenlehre und Missbrauch der Liturgie geführt hat, wobei die Erzdiözese von Buenos Aires keine Ausnahme darstellt, eine erdrutschartige Mehrheit im Konklave gegeben hat.

„Gebt es doch den Armen!“

Once you strip the altar, you might as well roll dice for its garments. (Patrick Archbold)

A Church truly dedicated to the poor would provide them the most magnificent liturgy possible. (Patrick Archbold)

In der heutigen Zeit ist es populär, prachtvolle Kirchen, liturgische Gewänder und edle Gefäße abzulehnen, weil es die Aufgabe der Kirche sei, den Armen zu helfen. Die „Kirche der Armen“ solle sich auch durch einen kargen äußeren Ausdruck auszeichnen, sozusagen in einer Art vorauseilender Solidarität. Diese Auffassung ist nicht neu. Schon zu biblischen Zeiten war diese Auffassung unter den Aposteln des Herrn vertreten, und zwar passenderweise durch Judas, wie der Evangelist Johannes schreibt:

„Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später verriet, sagte:5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.7 Jesus erwiderte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue.8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“

Es ist kein Zufall, dass es gerade der Verräter Judas war, der diese säkularisierte Haltung vertreten hat. Er, der nach dem Zeugnis der Evangelisten Matthäus und Markus direkt nach dieser Episode seinen Verrät in Gang gesetzt und den Herrn für 30 Silberstücke verkauft hat, konnte natürlich nicht wirklich verstehen, warum das Hochheilige außerhalb bloß weltlicher Nutzenkalküle steht, und warum es den Armen nicht wirklich geholfen hätte, das wertvolle Öl zu verkaufen und den Erlös unter die Armen zu verteilen. Für ihn war Jesus, der sich einfach mit diesem prächtigen Öl salben ließ, ein Verschwender, einer, der knappe Ressourcen nicht für die Armen einsetzte, und sie auch nicht einmal in die eigenen Taschen wirtschaftete, sondern sie für die Salbung des Heiligen ausgab. Der Herr selbst wurde an diesem Tag gesalbt, und Er sollte gekreuzigt werden; ihn würde man nicht alle Tage in körperlicher Form bei sich haben – die Armen hingegen schon.

Christus erkannte, wie auch Maria in dieser Geschichte, dass den Armen nicht damit gedient ist, das Heilige zu vernachlässigen, oder seine innere Schönheit durch äußere Hässlichkeit und Kargheit zu verstecken. Nein, ihm gebührt ein der inneren Pracht und Heiligkeit angemessener äußerer Ausdruck, weil geistliche und materielle Realität in einer Welt der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes untrennbar zusammengehören. Was für Christus gilt, das gilt ebenso für den wahrhaft gegenwärtigen Herrn im hochheiligen Messopfer und für die Altäre und Kirchen, auf bzw. in denen man es zelebriert. Die würdige Zelebration der heiligen Liturgie ist natürlich nicht abhängig von irgendeinem Prunk. Die Hütte, in der sich die Gläubigen in einem bitterarmen Dorf treffen, um vor einem einfachen Holzkreuz auf einem liebevoll, doch mit einfachsten Mitteln geschmückten Tischaltar der Feier des Heiligen Messopfers beizuwohnen, ist ebenso würdig, wie das prunkvolle Pontifikalamt eines Pius XII. Dies liegt aber nicht daran, dass die liturgische Pracht egal oder unwichtig wäre, sondern an den zur Verfügung stehenden Mitteln.

Das geistliche Zentrum des katholischen Lebens ist die Kirche, und in der Kirche der Altar, auf dem das Messopfer gefeiert wird. Das Messopfer, die erneute (unblutige) Vergegenwärtigung des allein heilbringenden Kreuzesopfers unseres Herrn Jesus Christus, das höchste der sieben Sakramente, ist Mittelpunkt des irdischen Gnadenlebens des Katholiken. Und da das geistliche Leben wichtiger ist als das bloß weltliche Leben, ist auch die geistliche Mitte wichtiger als die weltliche Mitte, und dies muss sich auch im Einsatz der Ressourcen widerspiegeln. Eine Messe, die trotz immensen Wohlstands an einem Sperrholzaltar in schlichten Gewändern und mit einfachen, statt edlen Gefäßen zelebriert wird, ist kein Akt von Demut oder Präferenz für die Armen, sondern der Herabwürdigung des Heiligen vor den profanen Ideologien dieser Welt.

Wenn Maria den Herrn salbt, dann tut sie dies, weil sie (anders als Martha, Judas, und die heutigen Apostel der Armen, ob mit oder ohne weißer Soutane) von einem tiefen Verständnis der Bedeutung des Heiligen durchdrungen ist. Sie versteht etwas vom Vorrang des Geistlichen, so wie ja auch in der Liebe zuerst die Gottesliebe kommt, und dann (als Folge aus der Gottesliebe) die Liebe zum Nächsten. Wer nicht Gott, und damit das Messopfer, in dem Gott selbst auf unseren Altären gegenwärtig wird, an die erste Stelle setzt, sondern die weltlichen Sorgen der Menschen, der handelt damit gegen Christus und gegen seine Lehre.

Es ist ein Irrglaube, dass man mittels Bildersturm und Holzaltar eine Kirche der Armen schaffen könnte. Die Kirche der Armen, die wirkliche Kirche der Armen, ist nicht die falsche Demut der Holzaltäre und Eisenkreuze, sondern das sind die gotischen Kathedralen, jene prachtvollen Meisterwerke der Baukunst im Dienste des Herrn, die von den Armen und für die Armen gebaut worden sind, und immer am meisten von den Armen geliebt wurden und ihnen zur bildreichen und wortlosen Inspiration gereicht haben.

Wohlhabende Liturgieprofessoren erklären uns, wie ihr geistliches Vorbild, von dem oben im Evangelium die Rede war, man solle auf Pracht und Prunk verzichten, und das Geld lieber den Armen geben. Progressistische, modernistische Theologen und ihre Anhänger in der Kirchenhierarchie reden uns dies seit Jahrzehnten ebenfalls ein. Doch das wahre Geschenk an die Armen sind nicht die dreißig Silberstücke, die man durch die Auslieferung des Heiligen bekommt, nicht die dreihundert Denare, die man durch minimalistische Feier der Heiligen Geheimnisse womöglich unter die Armen ausschütten könnte.

Das wahre Geschenk an die Armen ist das Hochheilige Messopfer, durch das die Erlösung, die Gnade Gottes, an sie ausgeschüttet wird, und die ewige Schau des Herrn von Angesicht zu Angesicht im Himmel, zu dem diese Gnade führt, wenn sie denn gläubig angenommen wird.

Das wahre Geschenk an die Armen ist der Herr. Dominus est – es ist der Herr, heißt ein Büchlein von Weihbischof Athanasius Schneider, das zwar hauptsächlich mit anderen liturgischen Fragen beschäftigt ist, aber den richtigen, katholischen Geist verströmt, und daher von höchster Wichtigkeit ist, gerade in dieser Zeit, in dem der Antiliturgismus, die Bilderstürmerei, die Ablehnung wertvoller und wichtiger Zeichen und Symbole, bis in die höchsten Positionen der Kirche tragischerweise Einlass gefunden hat.

Lassen wir uns von diesen Irrtümern, die bis auf Judas zurückgehen, nicht beeindrucken, sondern setzen wir uns für die ehrfürchtige, würdige, und prachtvolle Feier der göttlichen Liturgie ein, die eben mehr ist als nur ein weltliches Fest, das ggf. hinter wirtschaftlichen Erwägungen zurückzustehen hätte.

Es ist ein schlimmer Irrtum, Demut und Bescheidenheit gegen die würdige Feier der göttlichen Geheimnisse auszuspielen, so als ob die Braut Christi sich nicht mehr für ihren Bräutigam schmücken sollte, wenn die Gelegenheit dies nahelegt, damit sie prahlen kann, sie sei ja so demütig und solidarisch mit den Armen.

Zweite Reaktion

Nun, „habemus papam“. Soviel steht zumindest fest. Dem Amt des Papstes gebührt Respekt, vollkommen unabhängig von der Person, die es zufällig gerade besetzt, oder ihren politischen oder liturgischen Positionen.

Dennoch bleibt es bei einigen Einschätzungen, die in sehr emotionaler Art und Weise in meiner ersten Reaktion zum Ausdruck gekommen sind.

1. Papst Franz hat durch seinen ersten Auftritt gleich deutlich gezeigt, wohin die Reise gehen wird. Exsurge Domine hat dazu einige Worte verloren. Doch selbst ohne diesen Auftritt ist vollkommen klar, wessen Geistes Kind dieser Papst ist. Er ist nicht umsonst 2005 der Favorit der Anti-Ratzingerianer gewesen. Er war der Lieblingskandidat des sogenannten „progressiven“ Flügels, dem es vor einem Pontifikat, in dem womöglich der wahre Glaube und eine ehrfürchtige Liturgie wieder auf dem Programm stehen könnten, wahrlich graute. All jene, die heute die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist bejubeln, können sich freuen: Sie haben jetzt einen Verbündeten im Vatikan, der buchstäblich alle Schranken zur Verwirklichung der kühnsten nicht-dogmatischen Träume der Abbruchunternehmer beiseite räumen kann, einfach kraft seiner Autorität.

2. Dieses Pontifikat wird die Abbruchhermeneutiker lehren, dass sie sich nicht von Rom zu lösen brauchen, weil Rom alles unternehmen wird, um sich von der Tradition zu lösen. Bergoglio, Papst Franz, ist 2005 wie 2013 der Liebling der Abbruchhermeneutiker gewesen – ganz sicher nicht, weil er so liebenswürdig ist, sondern weil er ihren Positionen vollumfänglich zustimmt.

3. Sicher, der frühere Erzbischof von Buenos Aires hat sich gegen die Einführung der Homo-Ehe und der Abtreibung in Argentinien ausgesprochen. Das tun ja die deutschen Pillenbischöfe auch immer wieder. Nur in beiden Fällen folgen selbstverständlich keine Taten, abgesehen von zeitgeistkonformer Anbiederung an die Mächtigen, die bei Papst Franz auch gegenüber der argentinischen Militärdiktatur vor einigen Jahrzehnten bereits hoch im Kurs gestanden hat.

4. Liturgisch ergibt bereits eine einfache Bildersuche im Internet, was wir von dem neuen Papst zu erwarten haben. Ob sich die liturgischen Tänzerinnen nach einer achtjährigen Auszeit jetzt schon wieder warmlaufen? Ehrfurcht und Anbetung ist von diesem Papst jedenfalls nicht zu erwarten.

5. Alle Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen der traditionellen Katholiken sind mit dem Ausgang des Konklaves restlos hinweggefegt. Wir haben es mit einem Papst zu tun, der sehr energisch die Umsetzung von Summorum Pontificum in seinem Erzbistum Buenos Aires unterbunden hat.

6. Selbstverständlich wird dieser Papst niemals eine überlieferte Messe zelebrieren, und er wird auch nicht einen einzigen Finger rühren, um die überlieferte Messe zu verteidigen. Im Gegenteil. Ich erwarte in etwa einem halben Jahr eine gründliche Überarbeitung und Modernisierung der sogenannten „außerordentlichen Form“. Selbstverständlich wird er Summorum Pontificum nicht abschaffen – aber er wird es unterlaufen, wo und wie er kann.

7. Es darf spekuliert werden, wann Gesinnungsgenosse Hans Küng in Kardinalswürden erhoben werden wird.

8. Die erneute Exkommunikation der Piusbruderschaft dürfte auch anstehen – welch ein Glück, dass die FSSPX standhaft geblieben ist. Hätte sie damals der Einigung unter den damaligen Vorzeichen zugestimmt, wäre es nur wenige Monate später unter einem radikal feindseligen Papst direkt wieder zum Bruch gekommen. Die „harte“ Haltung der Bruderschaft hat sich damit vollumfänglich bestätigt. Ein Progressist auf dem Stuhl Petri wird das Konzil als Superdogma ansehen.

9. Alles, was in den letzten Jahren langsam, zaudernd, zart ins Rollen gekommen war, ist mit dieser Entscheidung hinfällig. Kommando zurück, heißt es – Paul VI. ohne Humanae Vitae sozusagen.

10. Ich prophezeihe, dass der neue liberal-progressive Papst sehr schnell die Gunst der Medien verlieren wird, sobald er ihnen nicht mehr radikal genug ist.

11. Die Progressisten haben einen großen Coup geschafft. Endlich haben sie einen der Ihren durchgesetzt. Dass es kaum mehr als 24 Stunden gedauert hat, für ihn eine Zweidrittelmehrheit zusammenzubringen, beweist, dass die Progressisten von Anfang an eine riesige Mehrheit unter den Kardinälen hatten. Dies sagt einiges über die Kardinalsernennungen des Papstes Benedikt, denn 2005 gab es eine solche Mehrheit nicht einmal im Ansatz – im Gegenteil, Kardinal Ratzinger, ein Liebling des eher konservativen Flügels, wurde ebenso schnell und problemlos gewählt. Die neuen Kardinäle müssen beinahe einstimmig für den progressistischen Papst gestimmt haben.

12. Dies ist der schwärzeste Tag für die Kirche seit dem Tag, an dem die von revolutionärem Geist infizierte qualifizierte Mehrheit der Konzilsväter 1962 die vorbereiteten Schemata zerrissen hat, um mit der Kirche ganz neu anzufangen.

13. Es steht zu hoffen, dass ich mich vollkommen irre, und Papst Franz eine totale Kehrtwende vollziehen wird und in Zukunft als Verteidiger der Wahren Religion und ihrer Tradition auftreten wird, statt (wie bisher) als einer ihrer prononcierteren progressistischen Gegenspieler.

14. Auf einigen Blogs habe ich gelesen, sie seien von der Papstwahl überrascht gewesen. Ich war es nicht. Dass es – bei der Zusammensetzung des Konklaves – eigentlich nur ein gemäßigter oder ein radikaler Modernist sein konnte, war schon vorher klar. Und bei einem kurzen Konklave mussten die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der Modernisten sehr, sehr klar gewesen sein. Wer wäre als modernistischer Wunschkandidat in Frage gekommen? Scherer hatte sich durch seinen Wahlkampf diskreditiert, Schönborn wäre zu offen als Hätschler der Häresie dahergekommen, einen weiteren deutschen Papst konnte man nicht durchsetzen. Wer bot sich also an? Kardinal Bergoglio, der schon 2005 die Rolle des Widersachers der glaubenstreuen Fraktion übernommen hatte, der bezeichnenderweise in Deutschland Theologie studiert hat etc. etc. Als der weiße Rauch aufstieg, dachte ich sofort: Scherer? Schönborn? Vielleicht, aber eher unwahrscheinlich. Wer könnte sonst noch von diesem Flügel gewählt werden? Und einer der wenigen Namen, die mit dort einfielen, war „Bergoglio“.

15. Diese Wahl ist also keine Überraschung, sondern die erwartete Katastrophe. Wie gesagt, vielleicht irre ich mich ja. Gott ist sicher in der Lage, auch einen Progressisten wie Papst Franz zur Tradition zu führen, wenn und sofern dieser dazu bereit ist, auf Gott zu hören.

Heiliger Papst Pius X., bitte für uns!

Konklave: Hoffnung statt Optimismus

In diesen Tagen wählen die Kardinäle einen neuen Papst. Diese Tatsache dürfte wohl keinem Leser dieses Blogs bislang verborgen geblieben sein. Mir begegnen dazu manchmal zwei falsche Haltungen unter kirchentreuen Katholiken, die beide fatale Irrtümer enthalten, weil sie, wie mir scheint, die Tugend der Hoffnung falsch verstehen. Diese beiden Haltungen möchte ich Optimismus und Pessimismus nennen.

Die Optimisten sehen jedes Gerücht, es könne vielleicht ein traditionell katholischer Kardinal ins Papstamt erhoben werden, als Anlass, zu glauben, jetzt gehe es langsam wieder bergauf. Sie zitieren mit Vorliebe die Tatsache herbei, dass die meisten der stimmberechtigten Kardinäle während des Pontifikats Benedikts XVI. kreiert wurden, und leiten daraus die Schlussfolgerung ab, es sei jetzt ohnehin wahrscheinlich, dass jemand Papst würde, der die benediktinische oder „ratzingerianische“ Linie einer „Reform der Reform“ oder einer „Hermeneutik der Kontinuität“ weiterverfolgen werde. Diesen Optimisten möchte ich entgegenhalten, dass ihr Optimismus nicht in der Realität begründet liegt. Sieht man sich die relevante Kardinalsliste an, so erkennt man schnell, dass eine Zweidrittelmehrheit für einen auch nur entfernt traditionellen Papst, wenn nicht unmöglich, so doch sehr unwahrscheinlich ist, zumal die Qualität der Kardinalsernennungen des letzten Pontifikats doch äußerst gemischt war, um dies einmal vorsichtig auszudrücken. Radikalmodernistische Anhänger der bruchhermeneutischen Schule von Bologna (Tagle) wechseln sich dort mit traditionellen Katholiken (z.B. Burke) ab – und fast alle Schattierungen dazwischen sind vertreten. Rein weltlich betrachtet finden wir im Konklave eine Handvoll traditionell katholischer Vertreter (Burke, Ranjith etc.), maximal 10% der Teilnehmer, eine starke modernistische Präsenz (Scherer, Schönborn, die deutschen Pillenkardinäle etc.), die ich auf 30-50% schätzen würde, und dazwischen die „konservativen“ Anhänger einer Hermeneutik der Kontinuität, die gern die Linie Benedikts fortsetzen würden (z.B. Scola, Ouellet).

Natürlich gibt es noch regionale Präferenzen, die alte Spaltung zwischen der Kurie und ihren Gegnern, sowie zwischen Italienern, anderen Europäern und den außereuropäischen Kardinalen und einige andere Faktoren mehr, die alle großen Einfluss auf die Stimmgewichte im Konklave haben könnten. Doch die entscheidende Frage ist, ob der nächste Papst zum (post-)konziliaren Neomodernismus zurückkehren oder die zarten Ansätze des gerade vergangenen Pontifikats aufnehmen und verstärken wird. Daran wird das nächste Pontifikat, ob der Papst es will oder nicht, gemessen werden. Und realistisch betrachtet wird es (weltlich gesprochen) mindestens eine Sperrminorität der Kardinäle auf der Linie Schönborns und Scherers geben, so dass eine Papstwahl ohne mindestens die Duldung einiger Neomodernisten absolut ausgeschlossen erscheint.

Ein antimodernistischer Papst ist von diesem Konklave nicht zu erwarten, und wahrscheinlich auch kein lupenreiner Ratzingerianer oder „Kontinuitätshermeneutiker“. Weltlich betrachtet muss sogar mit der absoluten Katastrophe gerechnet werden, dass diejenigen, die „mit dem sechsten Gebot Schwierigkeiten haben“, zusammen mit den ideologischen (Neo-)Modernisten die erforderlichen 77 Stimmen auf sich vereinigen und ihren Wunschkandidaten auf den Stuhl Petri heben können.

Die Haltung der Optimisten ist also vollkommen blind gegenüber der wirklichen Kräfteverteilung in der modernen katholischen Kirche.

Andererseits hört man im traditionellen Spektrum immer wieder, dass aus dieser Einschätzung nun folge, dass der nächste Papst eben eine Katastrophe sein werde, und daraus werden manchmal gar seltsame Schlussfolgerungen abgeleitet. Einige meinen, man müsse im Falle der Wahl eines radikalen Modernisten den Sedisvakantismus in Betracht ziehen. Andere gehen nicht ganz so weit, doch verbreiten einen Pessimismus, der fast an Verzweiflung grenzt. Auch diese Position ist nicht zu halten, weil sie die andere Seite der Medaille übersieht: Das Konklave ist nicht nur eine menschliche Veranstaltung, sondern auch und gerade eine Veranstaltung, bei der der Heilige Geist eine wichtige Rolle spielt. Natürlich können die Kardinäle ihn einfach ignorieren, doch es kann eben auch sein, dass sie auf ihn hören, und das Ergebnis kann dann ziemlich spektakulär und positiv ausfallen. Sollten sich die Kardinäle wirklich ganz der Leitung des Heiligen Geistes anvertrauen, dann wird das Ergebnis die kühnsten Erwartungen der Optimisten noch übertreffen.

Pius XIII. könnte in diesem Falle in Kürze im Anschluss an seine Inthronisation die traditionelle Messe im Petersdom zelebrieren und einen Syllabus über die Irrtümer der Konzilsinterpretation veröffentlichen, nachdem er die Piusbruderschaft per Dekret anerkannt und mit einer guten kirchenrechtlichen Struktur ausgestattet hat.

Das Problem der Optimisten ist, dass ihr Optimismus eben keine christliche Hoffnung, sondern blindes Vertrauen auf die Weisheit der Menschen im Kardinalskollegium ist.

Das Problem der Pessimisten besteht darin, dass ihr Pessimismus die christliche Hoffnung außer acht lässt und daher nur die Verderbtheit der Sünder und den Modernismus vieler Kardinäle sieht.

Zwischen diesen beiden falschen Extremen liegt die gesunde, rationale Einschätzung, dass, menschlich gesprochen, dieses Konklave so ziemlich zu allem fähig ist, einschließlich der Wahl Margot Käßmanns, und gleichzeitig ein Konklave nicht bloß weltliches Wahlgeschehen ist, sondern in besonderer Weise göttliche Unterstützung genießt, so dass die Kardinäle durchaus über sich hinauswachsen können, wenn sie sich dieser Führung anvertrauen.

In diesem Sinne sollten wir mit der Katastrophe rechnen und trotzdem auf den Heiligen Geist, nicht auf weltliche Gerüchte über Allianzen und Mehrheiten, vertrauen.

Zudem sollten wir nicht aufhören, für einen starken Papst zu beten.

Herr, wir flehen Dich an: Schenke Deiner Kirche nicht den Papst, den sie verdient, sondern den Papst, den sie braucht.

Drei einfache Beobachtungen

1. Abtreibung ist nach katholischer Lehre grundsätzlich verwerflich, auch wenn sie in den ersten Stunden oder Tagen nach der Befruchtung stattfindet. Da es sich bei Abtreibung um die Tötung eines unschuldigen Menschen handelt, reicht selbst ein geringer Verdacht, es könne zur Abtreibung kommen, bereits aus, um die Einnahme der „Pille danach“ kategorisch abzulehnen. Auch wenn es einige Studien gibt (auf die sich die deutschen Bischöfe jetzt berufen wollen), nach denen die „Pille danach“ womöglich ohne nidationshemmende (=frühabtreibende) Wirkung funktioniert, gibt es ebenso Studien, die das genaue Gegenteil behaupten. Die Wirkweise ist nicht endgültig geklärt. Es ist also keinesfalls auszuschließen, dass es durch die „Pille danach“ zu Frühabtreibungen kommt.

Im Zweifelsfall daher für das Leben und gegen die „Pille danach“.

2. Die Tötung unschuldiger Menschen ist auch dann nicht erlaubt, wenn eine Vergewaltigung vorhergegangen ist. Die Tatsache, dass die Mutter vergewaltigt wurde, entschuldigt nicht, dass sie ihr Kind (durch die Einnahme einer möglicherweise frühabtreibenden Medikation) womöglich tötet. Selbstverständlich kann durch die Situation extremer psychischer Belastung, der eine Frau infolge einer Vergewaltigung oft ausgesetzt ist, im Einzelfall die Schuldfähigkeit der Frau mindern, doch Abtreibung bleibt eine Todsünde und eine Abtreibung billigend in Kauf zu nehmen, indem man die „Pille danach“ nimmt (oder sie einer Frau anbietet, verabreicht, verschreibt etc.) ist nicht viel besser. Übrigens kann das Kind am allerwenigsten für seinen Vater. Wer gegen die Todesstrafe für Vergewaltiger ist, der sollte die Todesstrafe für das Kind des Vergewaltigers erst recht ablehnen.

Vergewaltigung rechtfertigt also keinesfalls, die Tötung des unschuldigen Kindes billigend in Kauf zu nehmen, wie dies bei der Einnahme der „Pille danach“ geschieht.

3. Verhütung ist nach der Lehre der Kirche ein intrinsisches Übel, d.h. sie kann nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden. Sie ist an sich moralisch falsch. Es gibt einige orthodoxe katholische Theologen, die die Einnahme eines (nicht-frühabtreibenden) Verhütungsmittels in Extremsituationen rechtfertigen wollen, um ein größeres Übel zu verhindern. Wie auch immer es damit bestellt sein mag – im Falle einer bereits geschehenen Vergewaltigung wird durch die „Pille danach“, selbst wenn sie nicht frühabtreibend wirkt, kein „größeres Übel“ verhindert, sondern die Entstehung eines von Gott selbst geschaffenen Menschenlebens! Das ist kein Übel, sondern ein Segen, wie schrecklich die Umstände seiner Entstehung auch gewesen sein mögen.

Das geschehene große Übel, die Vergewaltigung, kann durch eine nachträgliche Verhütung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie ist unwiderruflich geschehen. Die Frage bleibt nur, was man dann aus der Situation macht. Wie gesagt, das Kind kann nichts für seinen Vater. Ich verstehe, dass Frauen nach Vergewaltigungen oft das in ihnen wachsende Leben hassen. Sie müssen es auch, wenn sie sich dazu nicht in der Lage fühlen, nicht großziehen.

Aber sie dürfen es nicht töten und sie dürfen auch keine schweren Sünden (wie Verhütung) begehen, damit sich ihr belasteter psychischer Zustand dadurch bessere.

Zusammenfassung:

1. Abtreibung ist ein intrinsisches Übel, eine schwere Sünde, die niemals zulässig ist, auch nicht zur Verhinderung eines anderen Übels. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

2. Da Abtreibung nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden kann, gilt dies auch für Kinder, die von Gott infolge dieses großen Übels Vergewaltigung geschaffen worden sind.

3. Was für Abtreibung gilt, trifft auch für Verhütung zu.

Die Einnahme der „Pille danach“ ist aus diesen drei Gründen auch in Fällen von Vergewaltigung grundsätzlich und generell abzulehnen.

Sie zu empfehlen, zu verschreiben oder zu verabreichen stellt eine Form der Kooperation oder Beihilfe zur Begehung dieser Sünde dar und ist daher ebenfalls auch in Fällen von Vergewaltigung generell und grundsätzlich abzulehnen.

Dies ändert sich auch durch die falsche Meinung der Zeitgeistbischöfe, befeuert von falsch verstandenem Mitleid mit dem tatsächlich schrecklichen Schicksal vergewaltigter Frauen, nicht. Selbst wenn ein Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben der stehenden Haltung seiner eigenen Behörde im Interesse des Zeitgeists widerspricht. Mit dem Bauch zu denken und auf Meinungsumfragen zu hören führt gerade im Feld der Sittenlehre nur allzuoft zu schrecklichen Fehlschlüssen.

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Einige Verweise zum Thema:

Offizielle Stellungnahme der Päpstlichen Akademie für das Leben zur „Pille danach“ (2000) – dürfte wohl höher zu bewerten sein als die persönliche Meinung des Präsidenten… Hier ist keine Spur von moralischem Sentimentalismus bzw. Populismus. Die Wahre Lehre wird klar und deutlich vermittelt.

German Bishops give qualified approval of morning after pill (Life Site News)

World’s Top Authority on morning-after-pill says women must be told it may cause abortions (Life Site News) – Die Studienlage ist eben unklar. Im Zweifel für das Leben.

Vatican versus Vatican (Rorate Caeli) – Verschiedene widersprüchliche Aussagen aus dem Vatikan zum Thema „Pille danach“

Vatican II at 50: German bishops OK abortifacient morning-after-pill (Rorate Caeli)

Pope Benedict: Inaction to the end? (Mundabor)

Tradi-Ökumene

Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, kündigt sich dieses Ereignis schon an. Jetzt ist es geschehen – Bischof Williamson ist aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen worden, wie man in diesem Kommuniqué des Generalhauses der Bruderschaft nachlesen kann. Ein notorischer Quertreiber, der große Schwierigkeiten mit dem Gehorsam hat, der direkte Anordnungen seines legitimen Oberen nicht befolgt, selbst wenn diese überhaupt nicht im Widerspruch zu Glaube oder Sittenlehre stehen, ist ein großes Problem für jede kirchliche Vereinigung.

Für eine Gruppe wie die Piusbruderschaft, die unter Bischof Fellay den ernsthaften Versuch unternimmt, Widerstand bis zum Ungehorsam gegen die als grenzwertig modernistisch empfundenen Neuerungen des Konzils zu leisten, ohne dadurch einen Bruch mit Rom zu vollziehen, ist so jemand umso schlimmer. In diesem Sinne ist es gut, dass Williamson nun ausgeschlossen worden ist.

Was jetzt passieren wird, ist noch unklar. Williamson und einige (wenige) andere Fellay-Gegner werden vielleicht eine eigene Gruppe eröffnen, vielleicht auch als unabhängige Traditionalisten durch die Welt geistern, und den Abfall der Piusbruderschaft von der Tradition verkünden. Vermutlich wird die Piusbruderschaft sich in Zukunft stärker gegen „williamsonistische“ Strömungen abgrenzen. Ebenso haben sich andere traditionell-katholische Gruppen wie die Petrusbrüder lange von der Piusbruderschaft abgegrenzt, weil diesen – anders als jenen – die kirchenrechtliche Legitimation fehlt.

Trotz wachsender Priesterzahlen und steigender Tendenz bei den Messorten und Messzentren sind die verschiedenen traditionellen bis traditionalistischen Gruppierungen ineffektiv und zum langsamen Tod verurteilt, wenn sie sich immer weiter zersplittern. Wenn wirklich eine Aussicht bestehen soll, der Tradition in Messe, Spiritualität, Theologie usw. wahres Heimatrecht in der Kirche zu verschaffen, auch in der alltäglichen Gemeindepraxis, dann wird das nur funktionieren, wenn die Anhänger der katholischen Tradition entschlossen und einheitlich dafür kämpfen, oder doch zumindest „getrennt marschieren und vereint schlagen“.

Sicher gibt es entscheidende Differenzen zwischen WIlliamson, Fellay, der Petrusbruderschaft und Traditionstreuen, die anderen Gruppierungen angehören, oder innerhalb der diözesanen Strukturen ihren allzu oft vergessenen und einsamen Kampf gegen Banalisierung und Beliebigkeit führen. Williamsons absurde historische Theorie über den Holocaust, die kirchenrechtliche Stellung der FSSPX, die Tatsache, dass einige Petrusbrüder bereit sind, unter bestimmten Umständen den Novus Ordo zu zelebrieren, und die Tatsache, dass die in diözesanen Strukturen tätigen Traditionstreuen dies fast immer tun müssen – all diese Differenzen und viele mehr sollten wir nicht vergessen.

Doch haben wir nicht alle den gleichen Glauben? Gehören wir nicht alle zur gleichen Kirche (weder Williamson noch die FSSPX sind exkommuniziert)? Wäre es nicht besser, wenn alle traditionstreuen Kräfte koordiniert für ihre gemeinsamen Ziele streiten würden, statt ihre Kräfte darauf zu verschleudern, sich praktisch gegenseitig zu exkommunizieren? Die modernistische Strategie ist divide et impera – teile und herrsche. Bisher haben sie Erfolg, weil die Traditionalisten sich teilen, spalten lassen.

Traditionelle Katholiken legen zurecht großen Wert auf die Reinheit der kirchlichen Lehre und Überlieferung, und verweigern Kompromisse, um diese Reinheit nicht zu kompromittieren. Aber in welchen Glaubenssätzen, in welcher Theologie des Messopfers, um nur ein Beispiel zu nennen, unterscheiden sich die Pius- und Petrusbrüder? Ja, ich weiß, die Piusbrüder haben eine irreguläre kirchenrechtliche Stellung, und das ist ein Problem. Doch es ist kein unübersteigbares Problem. Niemand verlangt von den Petrusbrüdern, dass sie den Messbesuch in Pius-Kapellen empfehlen (und umgekehrt). Niemand verlangt von Williamson, dass er sich mit Fellay versöhnt und seine Differenzen inhaltlicher Natur vergisst. Niemand verlangt von den Piusbrüdern, dass sie so tun sollen, als hätte Bischof Williamson sich nicht absolut unerträglich verhalten, und die legitime Autorität des Generaloberen mit Füßen getreten.

Ich fürchte, dass diese Differenzen, diese internen Grabenkämpfe innerhalb der traditionellen katholischen Gemeinschaften, die volle Wiederverankerung der Tradition in lehramtlicher Theologie und pastoraler Praxis, im alltäglichen Leben der Gemeinden, verhindern werden. Ich fürchte, dass in Zukunft jede Äußerung von Williamson aus der FSSPX ebenso negativ kommentiert werden wird, wie es seit langem zwischen Pius- und Petrusbrüdern geschieht. Die einen sind Schismatiker und die anderen haben die Tradition an die Modernisten verkauft. Was für ein Unsinn! Sie alle sind Anhänger der einen, unteilbaren katholischen Tradition, und was sie auch trennen mag, es eint sie ein und derselbe Glaube, die Anhänglichkeit an denselben Papst, und die Feier derselben Sakramente.

Alle, die in Glaube, Papsttum und Sakramenten untereinander geeint sind, und für die Restituition der Tradition in der Kirche eintreten, sollten den Wert etwas ganz pragmatischer, ganz undogmatischer Ökumene lernen. Das mag für traditionalistische Ohren provokativ klingen und ist es vermutlich auch. Doch es geht nicht um dogmatische Kompromisse, sondern um pragmatische Zusammenarbeit.

Mit Zähnen und Klauen verteidigen die verschiedenen Gruppen die katholische Tradition und arbeiten unermüdlich an ihrer Wiederherstellung, wo immer sie beschädigt worden ist. Doch was wäre, wenn sie es schafften, zusammenzuarbeiten? Was wäre, wenn sie nicht mehr ihre Energien darauf verschwendeten, jedem haarklein darzulegen, warum der Traditionalist von Nebenan kein WAHRER Traditionalist ist – sondern ein Schismatiker, oder ein verborgener Modernist?

Vielleicht könnte die Verankerung der Tradition schon viel weiter sein, wenn wir das Feuer unserer Argumente und unserer Tatkraft allein auf die echten Feinde der Tradition – die Neoreformatoren und Modernisten – richten würden.

Wenn die Traditionalisten Erfolg haben wollen, dann müssen sie aufgrund unterschiedlicher Schwerpunkte und Überzeugungen in vielen Einzelfragen vermutlich getrennt marschieren, aber sie müssen auch (aufgrund fundamentaler Einigkeit im Glauben und in den Sakramenten) vereint schlagen. Und das bedeutet: Sie müssen etwas Tradi-Ökumene betreiben. Vielleicht einige inter-traditionalistische Gebetstreffen abhalten, wenn auch sicher nicht in Assisi…

Wahrscheinlich wird die FSSPX jetzt keine Gelegenheit versäumen, um sich von Williamsons Getreuen abzugrenzen – und umgekehrt – so wie es seit Jahren zwischen FSSPX und FSSP geht. Ich habe keine große Hoffnung, dass es diesmal anders laufen wird als sonst.

Während wir uns in internen Scheingefechten zerfleischen, brennt die Kirche, unsere Mutter. Wer würde nicht der Mutter helfen, wenn sie brennt, weil er sich lieber mit seinem Bruder über Details streitet? Nein, alle Brüder, die sich der Tradition verbunden fühlen, müssen mit Wassereimern herbeilaufen, um den Brand zu löschen, auch wenn es unterschiedliche Wassereimer sind. Jeder muss dazutun, was er eben geben kann, auch wenn sein Beitrag den anderen nicht gefällt. Wichtig ist nur, dass wir dabei helfen, den Brand zu löschen.

Luther ja – Lefebvre nein!

Jetzt ist es also soweit (lange habe ich es schon erwartet): Der neue Glaubenspräfekt der katholischen Kirche, dessen Anhänglichkeit an das Konzil als Superdogma ja nicht erst seit gestern bekannt ist, hat erklärt, es werde keine weiteren Gespräche mit der Piusbruderschaft geben, weil es keine Kompromisse im Glauben geben könne. Bei kath.net heißt es:

«Wir können den katholischen Glauben nicht den Verhandlungen preisgeben. Da gibt es keine Kompromisse», fügte Müller laut NDR hinzu. Man werde in der Glaubenskongregation in Einheit mit dem Papst nun das weitere Vorgehen beschließen. Müller stellte klar, dass das Zweiten Vatikanische Konzil (1962-1965) nicht im Gegensatz zur gesamtkirchlichen Tradition stehe. «Es gibt keine Ermäßigungen, was den katholischen Glauben angeht, gerade wie er auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil gültig formuliert worden ist.»

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Erzbischof Müller das letzte Konzil in allen seinen Aussagen zum Dogma erheben möchte. Die Piusbruderschaft erkennt die ganze Lehre der Kirche bedingungslos und aus Überzeugung an, abgesehen von einigen Aussagen des letzten Konzils und den daraus abgeleiteten Innovationen. Wenn es also unüberbrückbare Differenzen „im Glauben“ gibt, die weitere Gespräche überflüssig machen, dann müssen diese von der Piusbruderschaft abgelehnten Textpassagen des Konzils verbindliche, dogmatische Glaubensaussagen darstellen.

Natürlich hat die Kirche diese strittigen Passagen niemals als dogmatische Lehrsätze festgeschrieben. Im Gegenteil: Das Konzil selbst, und die nachkonziliaren Päpste haben immer daran festgehalten, dass es sich um ein „Pastoralkonzil“ gehandelt habe, das keine neuen Glaubenssätze definiert habe. Seit dem Konzil vertreten die Päpste faktisch eine Hermeneutik der Kontinuität, auch wenn erst Papst Benedikt XVI. diese Formulierung zu wählen begonnen hat. Der Glaube sei nicht fundamental verändert worden. Es bestehe Kontinuität zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Zeit. Einen Bruch, so hieß es, habe es nicht gegeben.

Nun, wenn es keinen Bruch im Glauben gegeben hat (wie der Erzbischof ja selbst in dem Interview behauptet), dann ist der Glaube von 1962 auch noch der Glaube von 2012. Und damit müsste die Piusbruderschaft, die an dem Glauben von 1962 festhält, auch 2012 noch dem Glauben der Kirche entsprechen. Wenn man vorkonzilare Schriften liest, von Enzykliken bis hin zu Katechismen, dann stellt man immer wieder fest, dass dort nichts anderes steht, als was man heute noch in den Schriften der Piusbrüder lesen kann. Und wenn ein einfacher Katholik wie Konrad Adenauer heute eine Kapelle der Piusbruderschaft aufsuchen könnte, dann würde er die dortige Messe sofort wiedererkennen. Was er über die real existierende „Neue Messe“ sagen würde, möchte ich eigentlich gar nicht wissen. Es bräuchte vermutlich viele Erklärungen, bevor er in ihr den Katholizismus, den er als kleines Kind gelernt hat, wiedererkennen würde.

Machen wir etwas Logik:

1. Es hat beim Konzil keinen Bruch im Glauben gegeben. (Aussage des Papstes zur „Hermeneutik der Kontinuität“)

2. Wenn es keinen Bruch im Glauben gegeben hat, dann ist der Glaube der Kirche vor dem Konzil genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

3. (aus 1 und 2) Der Glaube der Kirche vor dem Konzil ist genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

4. Die Piusbruderschaft lehrt denselben Glauben, den die Kirche vor dem Konzil gelehrt hat.

5. (Aus 3 und 4) Der Glaube der Piusbruderschaft ist genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

Wenn nun also Erzbischof Müller Aussage 5 leugnet, indem er sagt, es seien keine weiteren Gespräche mit der Piusbruderschaft erforderlich, weil es beim Glauben keine Kompromisse geben könne, dann muss er eine der Prämissen (1,2 und 4) leugnen. Denn eine durch einen gültigen logischen Schluss gewonnene Konklusion ist wahr, genau dann, wenn die Prämissen wahr sind. Der obige logische Schluss ist gültig. Also ist er genau dann wahr, wenn die Prämissen wahr sind.

Sind die Prämissen wahr? Dass die Piusbruderschaft denselben Glauben lehrt wie die vorkonziliare Kirche, ist unmittelbar offensichtlich. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man sich mit den Schriften der Piusbruderschaft beschäftigt. Was dort steht, ist nichts anderes, als was die Kirche immer gelehrt hat. Satz 4 ist also wahr.

Die Wahrheit von Satz 2 ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes Bruch.

Damit ist noch Prämisse 1 übrig. Der Erzbischof sagt in dem oben zitierten Textabschnitt eindeutig, dass das Konzil in Kontinuität zur gesamtkirchlichen Überlieferung stehe. Wenn sich diese Prämisse aber als wahr erweist, wie der Erzbischof behauptet, so ist auch die Konklusion (Satz 5) wahr. Nur wenn sich die Prämisse als falsch erweist, kann die Konklusion (Satz 5) falsch sein. Doch Erzbischof Müller leugnet Satz 5. Er sagt, Gespräche mit der FSSPX seien sinnlos, weil man keine Kompromisse im Glauben machen könne. Die Piusbrüder haben gesagt, dass sie von ihrer ablehnenden Haltung bestimmter Konzilspassagen nicht abrücken werden. Wenn diese Konzilspassagen dogmatische Glaubenssätze sind, dann machen weitere Gespräche mit der FSSPX wirklich keinen Sinn. Solange sie nicht den ganzen Glauben anerkennen, braucht man nicht unnötig Papier zu füllen und zu schwätzen. Das ist eine wunderbare Einsicht, die den heutigen Kirchenvertretern hinsichtlich der sogenannten Ökumene allzu oft fehlt. Dafür gebührt Erzbischof Müller ein großes Lob.

Doch seine ganze Argumentation, warum man mit der FSSPX nicht weiter zu verhandeln brauche, basiert auf der Prämisse, dass die von der FSSPX abgelehnten Konzilspassagen dogmatische Glaubenssätze seien. Wenn es sich nur um pastorale Aussagen handelt, die für ihre Zeit Gültigkeit besitzen mögen, die aber durchaus nicht zum Glaubensgut im engen Sinne gehören, dann kann man diese Aussagen durchaus ablehnen, und auch offen als falsch kritisieren, ohne sich dadurch eines Defizits im „Glauben“ schuldig zu machen.

Doch für Erzbischof Müller müssen die Piusbrüder alle Aussagen des Konzils anerkennen, um in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückkehren zu können. Das Konzil ist für ihn also der zentrale Markstein für die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben. Wer das Konzil auch nur in einzelnen Passagen für falsch hält, der gehört nicht dazu, und mit dem braucht man auch gar nicht zu verhandeln, bis er den Irrtum seiner Wege einsehend um Einlass in die Kirche bittet und seinen Irrlehren widersagt.

Damit behandelt er das ganze Konzil als Dogma. Es ist das größte je formulierte Dogma der Kirchengeschichte; das Superdogma eben. Die Mutter aller Dogmen. Ein Dogma, mit dessen Textausgabe man jemanden buchstäblich erschlagen kann. Waren Dogmen früher klar und eindeutig formulierte Lehrsätze, so sind sie heute unübersichtliche Textmassen weitschweifiger, ungelenker, fortschrittsoptimistischer Soziologenprosa.

Damit leugnet er offenbar auch Prämisse 1 (dass es beim Konzil keinen Bruch im Glauben gegeben habe), wie man aus der obigen logischen Analyse entnehmen kann. Der Erzbischof behauptet, es habe keinen Bruch gegeben, doch seine Haltung gegenüber der FSSPX setzt logischerweise die Annahme eines solchen Bruchs voraus.

Wenn man einen einfachen, gläubigen Katholiken von 1950 in eine Zeitmaschine setzen und in die heutige Zeit transportieren könnte, dann wäre er nach dieser Auffassung kein guter Katholik mehr, sondern einer, der den wahren Glauben nicht hat. Er wäre, da der wahre Glaube nach der Lehre der Kirche heilsnotwendig ist, faktisch in der Gefahr des ewigen Todes, sobald der freundliche Erzbischof ihm die neuen Dogmen erklärt hat, und der Zeitreisende damit nicht mehr in unverschuldetem Irrtum verharrt.

Wenn diese Auffassung stimmt, dann gab es auf dem Konzil sehr wohl einen Bruch, und dieser Bruch ging über Äußerlichkeiten und zeitbedingte Erscheinungsformen weit hinaus. Das ist es aber, was die Piusbrüder und Erzbischof Lefebvre immer behauptet haben.

Nun soll also nach dem Willen von Erzbischof Müller nicht mehr katholisch sein, was bis zum Konzil immer katholisch war, obwohl es angeblich keinen Bruch gegeben habe…. Das geht aber nur, wenn die Wahrheit sich ändern kann. Wenn der wahre, ganze Glaube vor dem Konzil heute plötzlich ernsthafte Irrtümer beinhaltet, oder ihm entscheidende Teile fehlen. Eine solche Veränderlichkeit der Wahrheit ist explizit als Modernismus verurteilt worden.

Der offensichtliche Schluss wäre, dass Erzbischof Müller eine modernistische Auffassung von der katholischen Wahrheit hat: sie vermag sich zu ändern, wenn ein Pastoralkonzil das so beschließt. Hier liegt dann auch der Unterschied zur Piusbruderschaft, die eindeutig bekennt, was alle Päpste bis zum Konzil immer bekannt haben: Dass die Wandlung in der Messe eine echte Transsubstantiation ist, dass die Gottesmutter nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich Jungfrau ist, dass der wahre Glaube sich nicht ändern kann, usw.

Aber wir sollten nie vergessen, dass die Piusbruderschaft das Superdogma nicht anerkennt und daher eine indiskutable, quasi-häretische Gruppe darstellt, mit der man nicht zu reden braucht, während man eifrig katholische Wahrheiten unter den Tisch kehrt, um sich bei den schismatischen Gefolgsleuten Luthers anzubiedern.