Tradi-Ökumene

Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, kündigt sich dieses Ereignis schon an. Jetzt ist es geschehen – Bischof Williamson ist aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen worden, wie man in diesem Kommuniqué des Generalhauses der Bruderschaft nachlesen kann. Ein notorischer Quertreiber, der große Schwierigkeiten mit dem Gehorsam hat, der direkte Anordnungen seines legitimen Oberen nicht befolgt, selbst wenn diese überhaupt nicht im Widerspruch zu Glaube oder Sittenlehre stehen, ist ein großes Problem für jede kirchliche Vereinigung.

Für eine Gruppe wie die Piusbruderschaft, die unter Bischof Fellay den ernsthaften Versuch unternimmt, Widerstand bis zum Ungehorsam gegen die als grenzwertig modernistisch empfundenen Neuerungen des Konzils zu leisten, ohne dadurch einen Bruch mit Rom zu vollziehen, ist so jemand umso schlimmer. In diesem Sinne ist es gut, dass Williamson nun ausgeschlossen worden ist.

Was jetzt passieren wird, ist noch unklar. Williamson und einige (wenige) andere Fellay-Gegner werden vielleicht eine eigene Gruppe eröffnen, vielleicht auch als unabhängige Traditionalisten durch die Welt geistern, und den Abfall der Piusbruderschaft von der Tradition verkünden. Vermutlich wird die Piusbruderschaft sich in Zukunft stärker gegen „williamsonistische“ Strömungen abgrenzen. Ebenso haben sich andere traditionell-katholische Gruppen wie die Petrusbrüder lange von der Piusbruderschaft abgegrenzt, weil diesen – anders als jenen – die kirchenrechtliche Legitimation fehlt.

Trotz wachsender Priesterzahlen und steigender Tendenz bei den Messorten und Messzentren sind die verschiedenen traditionellen bis traditionalistischen Gruppierungen ineffektiv und zum langsamen Tod verurteilt, wenn sie sich immer weiter zersplittern. Wenn wirklich eine Aussicht bestehen soll, der Tradition in Messe, Spiritualität, Theologie usw. wahres Heimatrecht in der Kirche zu verschaffen, auch in der alltäglichen Gemeindepraxis, dann wird das nur funktionieren, wenn die Anhänger der katholischen Tradition entschlossen und einheitlich dafür kämpfen, oder doch zumindest „getrennt marschieren und vereint schlagen“.

Sicher gibt es entscheidende Differenzen zwischen WIlliamson, Fellay, der Petrusbruderschaft und Traditionstreuen, die anderen Gruppierungen angehören, oder innerhalb der diözesanen Strukturen ihren allzu oft vergessenen und einsamen Kampf gegen Banalisierung und Beliebigkeit führen. Williamsons absurde historische Theorie über den Holocaust, die kirchenrechtliche Stellung der FSSPX, die Tatsache, dass einige Petrusbrüder bereit sind, unter bestimmten Umständen den Novus Ordo zu zelebrieren, und die Tatsache, dass die in diözesanen Strukturen tätigen Traditionstreuen dies fast immer tun müssen – all diese Differenzen und viele mehr sollten wir nicht vergessen.

Doch haben wir nicht alle den gleichen Glauben? Gehören wir nicht alle zur gleichen Kirche (weder Williamson noch die FSSPX sind exkommuniziert)? Wäre es nicht besser, wenn alle traditionstreuen Kräfte koordiniert für ihre gemeinsamen Ziele streiten würden, statt ihre Kräfte darauf zu verschleudern, sich praktisch gegenseitig zu exkommunizieren? Die modernistische Strategie ist divide et impera – teile und herrsche. Bisher haben sie Erfolg, weil die Traditionalisten sich teilen, spalten lassen.

Traditionelle Katholiken legen zurecht großen Wert auf die Reinheit der kirchlichen Lehre und Überlieferung, und verweigern Kompromisse, um diese Reinheit nicht zu kompromittieren. Aber in welchen Glaubenssätzen, in welcher Theologie des Messopfers, um nur ein Beispiel zu nennen, unterscheiden sich die Pius- und Petrusbrüder? Ja, ich weiß, die Piusbrüder haben eine irreguläre kirchenrechtliche Stellung, und das ist ein Problem. Doch es ist kein unübersteigbares Problem. Niemand verlangt von den Petrusbrüdern, dass sie den Messbesuch in Pius-Kapellen empfehlen (und umgekehrt). Niemand verlangt von Williamson, dass er sich mit Fellay versöhnt und seine Differenzen inhaltlicher Natur vergisst. Niemand verlangt von den Piusbrüdern, dass sie so tun sollen, als hätte Bischof Williamson sich nicht absolut unerträglich verhalten, und die legitime Autorität des Generaloberen mit Füßen getreten.

Ich fürchte, dass diese Differenzen, diese internen Grabenkämpfe innerhalb der traditionellen katholischen Gemeinschaften, die volle Wiederverankerung der Tradition in lehramtlicher Theologie und pastoraler Praxis, im alltäglichen Leben der Gemeinden, verhindern werden. Ich fürchte, dass in Zukunft jede Äußerung von Williamson aus der FSSPX ebenso negativ kommentiert werden wird, wie es seit langem zwischen Pius- und Petrusbrüdern geschieht. Die einen sind Schismatiker und die anderen haben die Tradition an die Modernisten verkauft. Was für ein Unsinn! Sie alle sind Anhänger der einen, unteilbaren katholischen Tradition, und was sie auch trennen mag, es eint sie ein und derselbe Glaube, die Anhänglichkeit an denselben Papst, und die Feier derselben Sakramente.

Alle, die in Glaube, Papsttum und Sakramenten untereinander geeint sind, und für die Restituition der Tradition in der Kirche eintreten, sollten den Wert etwas ganz pragmatischer, ganz undogmatischer Ökumene lernen. Das mag für traditionalistische Ohren provokativ klingen und ist es vermutlich auch. Doch es geht nicht um dogmatische Kompromisse, sondern um pragmatische Zusammenarbeit.

Mit Zähnen und Klauen verteidigen die verschiedenen Gruppen die katholische Tradition und arbeiten unermüdlich an ihrer Wiederherstellung, wo immer sie beschädigt worden ist. Doch was wäre, wenn sie es schafften, zusammenzuarbeiten? Was wäre, wenn sie nicht mehr ihre Energien darauf verschwendeten, jedem haarklein darzulegen, warum der Traditionalist von Nebenan kein WAHRER Traditionalist ist – sondern ein Schismatiker, oder ein verborgener Modernist?

Vielleicht könnte die Verankerung der Tradition schon viel weiter sein, wenn wir das Feuer unserer Argumente und unserer Tatkraft allein auf die echten Feinde der Tradition – die Neoreformatoren und Modernisten – richten würden.

Wenn die Traditionalisten Erfolg haben wollen, dann müssen sie aufgrund unterschiedlicher Schwerpunkte und Überzeugungen in vielen Einzelfragen vermutlich getrennt marschieren, aber sie müssen auch (aufgrund fundamentaler Einigkeit im Glauben und in den Sakramenten) vereint schlagen. Und das bedeutet: Sie müssen etwas Tradi-Ökumene betreiben. Vielleicht einige inter-traditionalistische Gebetstreffen abhalten, wenn auch sicher nicht in Assisi…

Wahrscheinlich wird die FSSPX jetzt keine Gelegenheit versäumen, um sich von Williamsons Getreuen abzugrenzen – und umgekehrt – so wie es seit Jahren zwischen FSSPX und FSSP geht. Ich habe keine große Hoffnung, dass es diesmal anders laufen wird als sonst.

Während wir uns in internen Scheingefechten zerfleischen, brennt die Kirche, unsere Mutter. Wer würde nicht der Mutter helfen, wenn sie brennt, weil er sich lieber mit seinem Bruder über Details streitet? Nein, alle Brüder, die sich der Tradition verbunden fühlen, müssen mit Wassereimern herbeilaufen, um den Brand zu löschen, auch wenn es unterschiedliche Wassereimer sind. Jeder muss dazutun, was er eben geben kann, auch wenn sein Beitrag den anderen nicht gefällt. Wichtig ist nur, dass wir dabei helfen, den Brand zu löschen.

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Erzbischof Müller: Keine Verhandlungen über den Glauben

In dem bereits gestern angesprochenen Interview hat Erzbischof Müller erklärt, weitere Gespräche mit der Piusbruderschaft seien nicht erforderlich, weil es keine Verhandlungen über den Glauben geben dürfe. Der Erzbischof sagt wörtlich:

„Wir können den katholischen Glauben nicht den Verhandlungen preisgeben. Da gibt es keine Kompromisse.“

Ich möchte dem Erzbischof an dieser Stelle zu seiner hellsichtigen Klarheit gratulieren. Seine Stimme ist wahrhaft ein leuchtendes Beispiel für verwirrte Seelen in aller Welt. Über den Glauben darf man nicht verhandeln. Er steht nicht zur Disposition. Wer also etwa, wie Erzbischof Müller, in einer Abhandlung über Dogmatik erklärt, man solle manche Dogmen, wie die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens, einfach uminterpretieren, so dass sie praktisch nur noch symbolisch gemeint sind, und nicht mehr unbedingt auch über die körperliche Jungfräulichkeit der Gottesmutter sprächen, der sollte sich diese starken Worte zu Herzen nehmen: Es gibt keine Verhandlungen über den Glauben. Am Glauben gibt es nichts herumzukritisieren, umzuinterpretieren oder anzupassen. Was die Kirche lehrt, das lehrt sie. Wenn das für die Aussagen eines Pastoralkonzils gilt, dann gilt das sicher auch für eindeutig definierte Glaubenswahrheiten.

Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Manchmal gibt es Kirchenvertreter, wie Erzbischof Müller, die sich anmaßen, etwa mit schismatischen Gruppen über den Glauben zu verhandeln, oder doch mindestens durch symbolische Gesten deutlich zu machen, dass die Glaubensdifferenzen keine Rolle mehr spielen sollen. Ich habe gehört, dass es auch einen deutschstämmigen Bischof in Italien geben soll, der sich zu der These verstiegen haben soll, schismatische Gruppierungen bräuchten nicht mehr zur Kirche zurückzukehren. Das, was dieser Bischof „Rückkehrökumene“ nannte, sei nicht der richtige Weg. Der Name dieses Bischofs, Ratzinger, ist wohlbekannt, und er ist derzeit der Bischof von Rom. Den leuchtend klaren Worten des Erzbischofs Müller, jenes unerschrockenen Hüters des Wahren Glaubens, ist hier wirklich nichts hinzuzufügen. Es darf keine Verhandlungen über den Glauben geben. Wer den Glauben nicht vollumfänglich annimmt, der kann uns gestohlen bleiben. Wer sich von der Kirche getrennt hat, wie diese traditionalistischen Piusbrüder, oder natürlich auch die schismatische evangelische „Kirche“, der muss erst einmal das Konzil anerkennen, und das bedeutet auch die Suprematie des Römischen Papstes. Danach, erst danach, können wir reden.

Weiter im Text. Auch hinsichtlich des Verhältnisses zu den Juden sprüht die Einsicht des Erzbischofs Müller einen Geist, der an Klarheit nichts vermissen lässt. Auch die Juden sollen erst einmal den Glauben der Kirche anerkennen, bevor wir mit ihnen verhandeln. Manche, darunter wieder einmal der oben erwähnte Bischof von Rom und Erzbischof Müller, haben sich ja sogar zu der Aussage verstiegen, die Bekehrung der Juden sollte nicht mehr aktiv angestrebt werden. Erzbischof Müllers Diktum wendet sich entschlossen gegen diese Auffassung. Es gibt keine Verhandlungen über den Glauben. Die Juden haben nicht den katholischen Glauben. Verhandlungen sollte es nicht geben, bevor diese falsche Religion sich nicht bekehrt.

Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, wie bei so manchem zweifelhaften Treffen, das von Erzbischof Müller positiv gesehen wird, etwa in Assisi, dass alle Religionen gleichwertig seien. Denn der Glaube ist unantastbar und steht nicht zur Disposition, wie Erzbischof Müller mit strahlender Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen vermag. Die Kirche lehrt aber, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gibt. Damit muss man jeden Eindruck vermeiden, als ob sich die Kirche gleichberechtigt neben die ungläubigen Heiden im Kampf für einen bloß weltlichen „Freiden“ stelle. Die Heiden sollen sich lieber erst einmal bekehren und den Glauben der Kirche annehmen. Danach können wir reden.

Die leuchtend klaren Worte des Erzbischofs strahlen das Licht entschlossener Handlungsbereitschaft in eine dunkel werdende Welt.

Allerdings gelten die scharfen Worte des Vorsitzenden der Glaubenskongregation nur den Piusbrüdern, jener ultra-häretischen unkatholischen Gruppierung, die sich anmaßt, den Glauben der vorkonziliaren Päpste nicht den Auffassungen eines Pastoralkonzils anzupassen, wenn ihnen dort Widersprüche zu bestehen scheinen. Alle anderen Gruppen, die das Konzil nicht anerkennen – Protestanten, Orthodoxe, Juden, Moslems, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten, Agnostiker, Marxisten, Freimaurer, Voodoo-Schamanen und viele mehr – können sich freundlicher Verhandlungsbereitschaft sicher sein. Man empfängt sie mit offenen Armen. Man verhandelt mit ihnen über alles. Man lässt sie in katholischen Gotteshäusern ihre Götzen anbeten oder ihre heidnischen Rituale abhalten. Man betrachtet sie als wunderbare Partner in der Welt zur Errichtung eines weltlichen Friedens und des Paradieses auf Erden. Man hofiert sie in jeder Beziehung. Meist verzichtet man aus Höflichkeit sogar darauf, sie auf die Irrtümer ihrer falschen Religionen hinzuweisen, so dass der Eindruck entsteht, die Kirche halte diese Religionen gar nicht mehr für falsch.

Das alles ist bloß Ökumene, interreligiöser Dialog, Dialog mit den „Nicht-Glaubenden“. Doch es wäre eine ganz andere Dimension, wenn man eine offen anti-katholische, anti-kirchliche, anti-päpstliche Sekte wie die Piusbruderschaft durch Gespräche legitimieren würde. Das wäre wirklich untragbar. Die Kirche muss nämlich bekennen, dass es über den Glauben keine Verhandlungen geben darf. Der Glaube ist nicht verhandelbar und nicht antastbar. Er steht nicht zur Disposition, sagt Erzbischof Müller.

Luther ja – Lefebvre nein!

Jetzt ist es also soweit (lange habe ich es schon erwartet): Der neue Glaubenspräfekt der katholischen Kirche, dessen Anhänglichkeit an das Konzil als Superdogma ja nicht erst seit gestern bekannt ist, hat erklärt, es werde keine weiteren Gespräche mit der Piusbruderschaft geben, weil es keine Kompromisse im Glauben geben könne. Bei kath.net heißt es:

«Wir können den katholischen Glauben nicht den Verhandlungen preisgeben. Da gibt es keine Kompromisse», fügte Müller laut NDR hinzu. Man werde in der Glaubenskongregation in Einheit mit dem Papst nun das weitere Vorgehen beschließen. Müller stellte klar, dass das Zweiten Vatikanische Konzil (1962-1965) nicht im Gegensatz zur gesamtkirchlichen Tradition stehe. «Es gibt keine Ermäßigungen, was den katholischen Glauben angeht, gerade wie er auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil gültig formuliert worden ist.»

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Erzbischof Müller das letzte Konzil in allen seinen Aussagen zum Dogma erheben möchte. Die Piusbruderschaft erkennt die ganze Lehre der Kirche bedingungslos und aus Überzeugung an, abgesehen von einigen Aussagen des letzten Konzils und den daraus abgeleiteten Innovationen. Wenn es also unüberbrückbare Differenzen „im Glauben“ gibt, die weitere Gespräche überflüssig machen, dann müssen diese von der Piusbruderschaft abgelehnten Textpassagen des Konzils verbindliche, dogmatische Glaubensaussagen darstellen.

Natürlich hat die Kirche diese strittigen Passagen niemals als dogmatische Lehrsätze festgeschrieben. Im Gegenteil: Das Konzil selbst, und die nachkonziliaren Päpste haben immer daran festgehalten, dass es sich um ein „Pastoralkonzil“ gehandelt habe, das keine neuen Glaubenssätze definiert habe. Seit dem Konzil vertreten die Päpste faktisch eine Hermeneutik der Kontinuität, auch wenn erst Papst Benedikt XVI. diese Formulierung zu wählen begonnen hat. Der Glaube sei nicht fundamental verändert worden. Es bestehe Kontinuität zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Zeit. Einen Bruch, so hieß es, habe es nicht gegeben.

Nun, wenn es keinen Bruch im Glauben gegeben hat (wie der Erzbischof ja selbst in dem Interview behauptet), dann ist der Glaube von 1962 auch noch der Glaube von 2012. Und damit müsste die Piusbruderschaft, die an dem Glauben von 1962 festhält, auch 2012 noch dem Glauben der Kirche entsprechen. Wenn man vorkonzilare Schriften liest, von Enzykliken bis hin zu Katechismen, dann stellt man immer wieder fest, dass dort nichts anderes steht, als was man heute noch in den Schriften der Piusbrüder lesen kann. Und wenn ein einfacher Katholik wie Konrad Adenauer heute eine Kapelle der Piusbruderschaft aufsuchen könnte, dann würde er die dortige Messe sofort wiedererkennen. Was er über die real existierende „Neue Messe“ sagen würde, möchte ich eigentlich gar nicht wissen. Es bräuchte vermutlich viele Erklärungen, bevor er in ihr den Katholizismus, den er als kleines Kind gelernt hat, wiedererkennen würde.

Machen wir etwas Logik:

1. Es hat beim Konzil keinen Bruch im Glauben gegeben. (Aussage des Papstes zur „Hermeneutik der Kontinuität“)

2. Wenn es keinen Bruch im Glauben gegeben hat, dann ist der Glaube der Kirche vor dem Konzil genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

3. (aus 1 und 2) Der Glaube der Kirche vor dem Konzil ist genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

4. Die Piusbruderschaft lehrt denselben Glauben, den die Kirche vor dem Konzil gelehrt hat.

5. (Aus 3 und 4) Der Glaube der Piusbruderschaft ist genauso katholisch wie der Glaube der Kirche nach dem Konzil.

Wenn nun also Erzbischof Müller Aussage 5 leugnet, indem er sagt, es seien keine weiteren Gespräche mit der Piusbruderschaft erforderlich, weil es beim Glauben keine Kompromisse geben könne, dann muss er eine der Prämissen (1,2 und 4) leugnen. Denn eine durch einen gültigen logischen Schluss gewonnene Konklusion ist wahr, genau dann, wenn die Prämissen wahr sind. Der obige logische Schluss ist gültig. Also ist er genau dann wahr, wenn die Prämissen wahr sind.

Sind die Prämissen wahr? Dass die Piusbruderschaft denselben Glauben lehrt wie die vorkonziliare Kirche, ist unmittelbar offensichtlich. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man sich mit den Schriften der Piusbruderschaft beschäftigt. Was dort steht, ist nichts anderes, als was die Kirche immer gelehrt hat. Satz 4 ist also wahr.

Die Wahrheit von Satz 2 ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes Bruch.

Damit ist noch Prämisse 1 übrig. Der Erzbischof sagt in dem oben zitierten Textabschnitt eindeutig, dass das Konzil in Kontinuität zur gesamtkirchlichen Überlieferung stehe. Wenn sich diese Prämisse aber als wahr erweist, wie der Erzbischof behauptet, so ist auch die Konklusion (Satz 5) wahr. Nur wenn sich die Prämisse als falsch erweist, kann die Konklusion (Satz 5) falsch sein. Doch Erzbischof Müller leugnet Satz 5. Er sagt, Gespräche mit der FSSPX seien sinnlos, weil man keine Kompromisse im Glauben machen könne. Die Piusbrüder haben gesagt, dass sie von ihrer ablehnenden Haltung bestimmter Konzilspassagen nicht abrücken werden. Wenn diese Konzilspassagen dogmatische Glaubenssätze sind, dann machen weitere Gespräche mit der FSSPX wirklich keinen Sinn. Solange sie nicht den ganzen Glauben anerkennen, braucht man nicht unnötig Papier zu füllen und zu schwätzen. Das ist eine wunderbare Einsicht, die den heutigen Kirchenvertretern hinsichtlich der sogenannten Ökumene allzu oft fehlt. Dafür gebührt Erzbischof Müller ein großes Lob.

Doch seine ganze Argumentation, warum man mit der FSSPX nicht weiter zu verhandeln brauche, basiert auf der Prämisse, dass die von der FSSPX abgelehnten Konzilspassagen dogmatische Glaubenssätze seien. Wenn es sich nur um pastorale Aussagen handelt, die für ihre Zeit Gültigkeit besitzen mögen, die aber durchaus nicht zum Glaubensgut im engen Sinne gehören, dann kann man diese Aussagen durchaus ablehnen, und auch offen als falsch kritisieren, ohne sich dadurch eines Defizits im „Glauben“ schuldig zu machen.

Doch für Erzbischof Müller müssen die Piusbrüder alle Aussagen des Konzils anerkennen, um in die volle Gemeinschaft der Kirche zurückkehren zu können. Das Konzil ist für ihn also der zentrale Markstein für die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben. Wer das Konzil auch nur in einzelnen Passagen für falsch hält, der gehört nicht dazu, und mit dem braucht man auch gar nicht zu verhandeln, bis er den Irrtum seiner Wege einsehend um Einlass in die Kirche bittet und seinen Irrlehren widersagt.

Damit behandelt er das ganze Konzil als Dogma. Es ist das größte je formulierte Dogma der Kirchengeschichte; das Superdogma eben. Die Mutter aller Dogmen. Ein Dogma, mit dessen Textausgabe man jemanden buchstäblich erschlagen kann. Waren Dogmen früher klar und eindeutig formulierte Lehrsätze, so sind sie heute unübersichtliche Textmassen weitschweifiger, ungelenker, fortschrittsoptimistischer Soziologenprosa.

Damit leugnet er offenbar auch Prämisse 1 (dass es beim Konzil keinen Bruch im Glauben gegeben habe), wie man aus der obigen logischen Analyse entnehmen kann. Der Erzbischof behauptet, es habe keinen Bruch gegeben, doch seine Haltung gegenüber der FSSPX setzt logischerweise die Annahme eines solchen Bruchs voraus.

Wenn man einen einfachen, gläubigen Katholiken von 1950 in eine Zeitmaschine setzen und in die heutige Zeit transportieren könnte, dann wäre er nach dieser Auffassung kein guter Katholik mehr, sondern einer, der den wahren Glauben nicht hat. Er wäre, da der wahre Glaube nach der Lehre der Kirche heilsnotwendig ist, faktisch in der Gefahr des ewigen Todes, sobald der freundliche Erzbischof ihm die neuen Dogmen erklärt hat, und der Zeitreisende damit nicht mehr in unverschuldetem Irrtum verharrt.

Wenn diese Auffassung stimmt, dann gab es auf dem Konzil sehr wohl einen Bruch, und dieser Bruch ging über Äußerlichkeiten und zeitbedingte Erscheinungsformen weit hinaus. Das ist es aber, was die Piusbrüder und Erzbischof Lefebvre immer behauptet haben.

Nun soll also nach dem Willen von Erzbischof Müller nicht mehr katholisch sein, was bis zum Konzil immer katholisch war, obwohl es angeblich keinen Bruch gegeben habe…. Das geht aber nur, wenn die Wahrheit sich ändern kann. Wenn der wahre, ganze Glaube vor dem Konzil heute plötzlich ernsthafte Irrtümer beinhaltet, oder ihm entscheidende Teile fehlen. Eine solche Veränderlichkeit der Wahrheit ist explizit als Modernismus verurteilt worden.

Der offensichtliche Schluss wäre, dass Erzbischof Müller eine modernistische Auffassung von der katholischen Wahrheit hat: sie vermag sich zu ändern, wenn ein Pastoralkonzil das so beschließt. Hier liegt dann auch der Unterschied zur Piusbruderschaft, die eindeutig bekennt, was alle Päpste bis zum Konzil immer bekannt haben: Dass die Wandlung in der Messe eine echte Transsubstantiation ist, dass die Gottesmutter nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich Jungfrau ist, dass der wahre Glaube sich nicht ändern kann, usw.

Aber wir sollten nie vergessen, dass die Piusbruderschaft das Superdogma nicht anerkennt und daher eine indiskutable, quasi-häretische Gruppe darstellt, mit der man nicht zu reden braucht, während man eifrig katholische Wahrheiten unter den Tisch kehrt, um sich bei den schismatischen Gefolgsleuten Luthers anzubiedern.

Pius-Katechismus für Erwachsene

Die Piusbruderschaft ist, wie auch immer man zu ihre Haltung zu manchen seit dem Konzil umstrittenen Fragen beurteilen mag, in den grundsätzlichen Fragen des katholischen Glaubens grundsolide. Das gilt auch für den Erwachsenen-Katechismus, den sie auf der Internetseite ihres deutschen Distrikts seit einigen Monaten in unregelmäßigen Abständen zugänglich macht. Dabei handelt es sich um Audio-Aufzeichnungen eines Glaubenskurses für Erwachsene, wie er (meiner Meinung nach) sein sollte. Der katholische Glaube wird klar, systematisch und ohne jede Neuinterpretation im Lichte irgendwelcher angeblich neuer Einsichten aus Philosophie, Theologie und Gender Studies dargestellt, so dass der Zuhörer weiß, was die Kirche glaubt, und oft auch warum sie es glaubt.

Der Kurs ist vom Niveau her allgemeinverständlich, aber keinesfalls anspruchslos. Man kann gut folgen, auch wenn man nicht philosophisch vorgebildet ist, weil womöglich unbekannte Begriffe klar definiert und erklärt werden, statt sie einfach stillschweigend vorauszusetzen und zu hoffen, dass niemandem auffällt, dass keiner weiß, wovon eigentlich die Rede ist (ziemlich gängig bei modernen Theologen).

Alles in allem kann ich den Erwachsenen-Katechismus nur wärmstens allen empfehlen, die eine systematische Erklärung des katholischen Glaubens suchen. Vieles von dem, was ich mir mühselig und aus vielen verschiedenen Quellen selbst habe beibringen müssen, findet man hier zusammengefasst und erklärt.

Und jetzt die noch bessere Nachricht: Den Katechismus gibt es jetzt laut Angabe von pius.info nicht mehr „in unregelmäßigen Abständen“, sondern „jeden Montag“.

Wo stehen wir?

Getreu der Aufforderung des Chefökumenisten der katholischen Kirche, Kardinal Koch, möchte ich hier genau diese Frage stellen: Wo stehen wir, die wir uns traditionelle Katholiken nennen? Der Kontext dieser eigenartigen Frage ist natürlich das Konzil (was sonst?). Kardinal Koch wünscht sich die totale Anerkennung. In einem Interview sagt er zur Verbindlichkeit des Konzils:

„Das Zweite Vatikanum hat vier große Konstitutionen erlassen, zudem neun Dekrete und drei Erklärungen. Rein formal kann man natürlich einen Unterschied zwischen diesen drei Gattungen machen. Allerdings stellt sich dann insofern ein Problem, als das Konzil von Trient (1545-1563) nur Dekrete erlassen hat und keine Konstitutionen. Und man wird hier sicher nicht von einem Konzil minderen Grades reden wollen. Also: Rein formal kann man Unterschiede finden, aber man kann kaum Unterschiede in der Verbindlichkeit in inhaltlicher Hinsicht machen. Das Ökumenismus-Dekret beispielsweise hat seine dogmatischen Grundlagen in der Kirchen-Konstitution. (…) Dass Konzile auch irren können, ist allerdings eine Behauptung, die auf Martin Luther zurückgeht. Von daher müssen sich die Traditionalisten schon fragen, wo sie denn eigentlich stehen.

Kardinal Koch vetritt also die Haltung, dass jeder Katholik das Konzil zur Gänze in all seinen Texten vorbehaltlos und vollständig annehmen muss, dass es nicht statthaft ist, manchen Konzilstexten einen höheren Grad an Verbindlichkeit zuzumessen, sondern dass alle Texte gleichermaßen „verbindlich“ sind. Zudem unterstellt er Konzilskritikern eine quasilutheranische Gesinnung. Ob der geschätzte Kardinal mit seinen Freunden aus den „getrennten Gemeinschaften“ auch so diplomatisch umspringt?

Der Kardinal fordert „Traditionalisten“, verstanden als Personen, die das Konzil kritisch sehen, und daher an „vorkonziliaren“ Positionen festhalten, dazu auf, zu überdenken, wo sie eigentlich stehen. Die Frage lautet eigentlich: Seid ihr Traditionalisten überhaupt katholisch?

Man merke: Die feste Überzeugung von der unbezweifelbaren Richtigkeit aller Konzilsaussagen – alles soll gleichermaßen verbindlich sein – wird hier zum Markstein der Glaubenstreue bzw. Orthodoxie. Wer das anders sieht, ist eine Art zweiter Luther. Dies ist ein geradezu lehrbuchmäßiges Beispiel für die Stilisierung eines Pastoralkonzils zum „Superdogma“. Das Konzil selbst hat natürlich, ebenso wie auch die nachkonziliaren Päpste, immer wieder festgestellt, dass gar keine neuen Dogmen definiert worden sind.

Nun, der Kardinal möchte, dass die Traditionalisten sich fragen, wo sie denn eigentlich stehen. Sind sie überhaupt Katholiken? Ich kann natürlich nicht für alle Traditionalisten sprechen, aber soweit ich weiß, sehen die allermeisten sich durchaus als Katholiken. Ich zumindest habe meine oftmals eingestandenen Schwierigkeiten mit dem Konzil, und wäre niemandem böse, wenn es einfach in der Versenkung verschwände, doch ich halte mich durchaus für katholisch.

Vielleicht irre ich mich, und ich bin in Wahrheit ein Schüler Luthers, wie der Kardinal zu insinuieren wünscht. Ich bin – im Gegensatz zum Größten Konzil Aller Zeiten – schließlich nicht unfehlbar. Vielleicht sind die Traditionalisten in Wahrheit gar keine Katholiken, sondern Protestanten. Immerhin würden sie dann in Zukunft vom Ökumenefanclub hofiert, statt verketzert.

Doch die Frage des Kardinals ist ernstzunehmen. Wo stehen die Traditionalisten? Wie gesagt, ich kann nicht für alle Traditionalisten sprechen, sondern nur für mich selbst: Aber hier ist meine Antwort:

Der Zweck des Konzils war erklärtermaßen, den Glauben pastoral zeitgemäß darzustellen, um die Kirche zu stärken, und den Glauben zu verbreiten. Hat das Konzil seinen Zweck erfüllt? Ist die Kirche heute stärker als 1965?

Nur jeder zehnte Katholik besucht regelmäßig die Messe. Wenn er die Messe besucht, dann erlebt er meist eine krampfhaft kreative Gemeindefeier mit Empfang eines nicht besonders schmackhaften Brotplättchens im Gänsemarsch am Ende der Messe. Das ist sein subjektiver Eindruck. Wenn er das Glück hat, noch eine Messe in seiner Gemeinde vorzufinden, und keine „Wort-Gottes-Feier“ mit freundlicher Unterstützung der lokalen Häretikerinnen aus dem Gemeinderat.

90% der Katholiken sind kirchenfern. Die allermeisten nach 1965 geborenen Katholiken haben nicht die geringste Ahnung von ihrem Glauben. Weder ihre Eltern noch die Gemeinden legen besonderen Wert auf die Ausbildung der jungen Menschen in ihrem Glauben. Nur lustig muss es sein, und fröhlich und modern, alles andere ist egal. Zunehmend werden Kinder christlicher Eltern gar nicht mehr getauft. Wenn kann es wundern?

Wenn ein Nichtgläubiger einmal den Weg zur Kirche findet, und einen Priester nach den Inhalten des Glaubens fragt, dann hat er sehr gute Chancen, dass man ihm erklärt, es gehe darum, lieb und nett zu sein, weil alles andere sowieso nur später hinzugedichtet worden sei. Fragt er einen Theologieprofessor, so sind seine Chancen in dieser Hinsicht noch besser. Fragt er einen einfachen katholischen Laien, so wird er vermutlich gar keine zusammenhängende Antwort erhalten. Von den zentralen Gehalten des christlichen Glaubens erfährt er so jedenfalls nichts. Er wird nicht wiederkommen. Warum auch?

Katholische Familien unterscheiden sich nicht vom Rest der Gesellschaft. Diesseitiges Streben nach Geld, Prestige und materiellem Besitz überstrahlt das Streben nach Heiligkeit, sofern letzteres überhaupt noch eine Rolle spielt. Die wenigen nicht verhüteten, nicht abgetriebenen Kinder sind wie in der Mehrheitsgesellschaft eher im Weg, weil sie Mutter und Vater an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Katholische Verbände fordern die Einweisung möglichst aller Kinder ab dem ersten Lebensjahr in staatlich finanzierte Verwahranstalten. Sie haben keine Skrupel, mit Abtreibungslobbyisten gemeinsame Sache zu machen. Die meisten Bischöfe und Priester schweigen dazu vornehm. Man fürchtet sich vor dem, was sie sagen würden.

Katholische Familien leben den Glauben nicht. Das Tischgebet ist kaum noch verbreitet, und ähnliches gilt für das gemeinsame Gebet überhaupt. Die Existenz Gottes ist zweifelhaft, außer als gelegentlich gebrauchte Redensart, die Heilsnotwendigkeit der Kirche unbekannt oder Gegenstand von Spott. Nach einigen Jahren ist die Chance nicht schlecht, dass die katholische Familie auseinanderbricht, weil die Ehepartner sich auseinandergelebt haben, und einer der beiden oder beide jüngeres Fleisch erblickt haben.

In der Ökumene geht es vor allem um den Ausverkauf katholischer Substanz zwecks Vorspiegelung real inexistenter Einheit. Das Ziel der Bekehrung der Irrgläubigen zum Kirche Gottes ist praktisch aufgegeben worden, und jeder, der die Juden auffordert, sich zu Jesus Christus zu bekehren, wird als Antisemit angefeindet, bloß weil ihm das Seelenheil des jüdischen Volkes am Herzen liegt.

Das Konzil hat den Glauben in einer schweren Zeit nicht gestärkt, sondern durch seine Schwammigkeit und seine Schwurbelprosa selbst unter Annahme vollständiger Kontinuität mit der Glaubensüberlieferung massiv geschwächt. Der Konzilskaiser hat keine Kleider.

Die Kirche steht heute vor einem Scherbenhaufen. Ganz Gallien befindet sich in einer tiefen Glaubenskrise. Ganz Gallien? Nein, in einigen kleinen verstreuten Dörfern sieht es deutlich besser aus. Was zeichnet diese kleinen gallischen Dörfer aus, die sich alleingelassen durch die Mainstreamkirche mit bescheidenen Mitteln durch die Glaubenskrise kämpfen? Ist es extreme Treue zu der unerschöpflichen Weisheit des Konzils? Ist es die feste Überzeugung, dass man alle Beschlüsse des Konzils unterschiedslos als richtig und wunderbar annehmen muss?

Oder ist es nicht vielmehr das Festhalten an der traditionellen katholischen Religion, ihrer Frömmigkeit, ihrer dogmatischen Klarheit, ihrer überlieferten Theologie, und nicht zuletzt, ihrer theologisch unmissverständlichen traditionellen Messe, bei der niemand den Eindruck gewinnen kann, er wohnte einer lutheranischen Gedächtnisfeier bei?

Schwere, inhaltliche Kritik oder absolute Anhänglichkeit an jede Konzilsformulierung als verbindliches Glaubensgut: Welche Haltung zum Konzil bringt die richtigen, katholischen Früchte? Kardinal Koch mag dies nach seinen eigenen Kriterien beurteilen.

Doch ich kann das Konzil nur an seinen Früchten messen. Und wenn ich sehe, wie zwei Zwillinge von zwei Bäumen essen, und der eine Zwilling danach schwer erkrankt, während der andere weitgehend gesund bleibt, dann weiß ich, dass die Früchte des einen Baumes vergiftet waren.

Und also esse ich nicht von diesem Baum.

Ich halte an dem überlieferten Baum des wahren Glaubens fest. Von dem weiß ich wenigstens, dass er unbedenklich, verträglich und gesund ist.

Und wenn die Laborergebnisse irgendwann einmal vorliegen, wenn der Konzilsbaum genau untersucht worden ist, und man genau herausgefunden hat, von welchen Früchten des Konzilsbaums man unbedenklich essen kann, dann werde ich von diesen Früchten essen. Bis dahin halte ich an dem Glauben fest, der 1961 wahr war, in der sicheren Zuversicht, dass er heute nicht plötzlich falsch sein kann.

Beantwortet das – zumindest was meinen Fall betrifft – Ihre Frage, Herr Kardinal?

Strukturelle und inhaltliche Kontinuität

Alle Vergleiche hinken. Dies gilt auch und gerade für den folgenden Vergleich zwischen politischem und theologischem „Konservatismus“. Der Vergleich hinkt sogar sehr stark, weil der christliche oder katholische theologische „Konservative“ über einen durch göttliche Offenbarung unhintergehbar zugesagten Schatz von Glaubenswahrheiten verfügt, die nicht mehr Gegenstand der theologischen Debatte sein können. Gerade für den Katholiken sind die fleischliche Auferstehung Christi, die immerwährende Jungfräulichkeit Marias, der Charakter der Messe als Opfer, die Einzigkeit und Heilsnotwendigkeit der Katholischen Kirche usw. nicht verhandelbare Gegenstände politischer oder quasipolitischer Debatten. Sie sind diplomatischen Zugeständnissen, ökumenischen oder interreligiösen Gesten oder opportuner Anpassung an den Zeitgeist schlicht und einfach nicht zugänglich.

Der theologische „Konservative“ vertritt also in seinem Festhalten an der überlieferten Glaubenswahrheit nicht bloß eine prinzipiell bestreitbare, möglicherweise falsche Überzeugung, dass eine bestimmte Sache bewahrenswert sei, sondern die gewisse Sicherheit, dass Gott seine Kirche in Fragen des Glaubens und der Sittenlehre in die Wahrheit und nicht in den Irrtum führen wird.

Politischer Konservatismus mag bis zu einem gewissen Grad Gegenstand individueller Temperamente sein. Mancher neigt vielleicht eher zur Risikobereitschaft und ist bereit, gesellschaftliche Veränderungen auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich als Irrtümer herausstellen und Schaden verursachen könnten. Ein anderer ist eher vorsichtig. Er bewertet die Vermeidung potenziell schädlicher Irrtümer höher als die Möglichkeit eventueller positiver Fortschritte. So unterscheiden sich die Menschen. In der politischen Sphäre kann man daher nicht objektiv sagen, ob in einer gewissen politischen Streitfrage der Konservative oder sein Gegner im Recht ist. In lehramtlich geklärten theologischen Fragen kann der Katholik hingegen genau diese Feststellung treffen. Wer behauptet, Christus sei gar nicht wirklich fleischlich auferstanden mit einem echten, sichtbaren, wenn auch verklärten Leib, sondern bloß in der Hoffnung oder religiösen Erfahrung seiner Anhänger, der leugnet eine sichere Glaubenswahrheit. Er hat nicht nur einfach ein experimentierfreudiges Temperament, oder ist für oder gegen Fortschritt, sondern er leugnet die Grundbasis des christlichen Glaubens.

Eine Person als „politisch konservativ“ einzustufen, gibt Auskunft über diese Person, über ihr Temperament, ihre Haltung zu Tradition und Fortschritt usw. Eine Person als „theologisch konservativ“ einzustufen, heißt einfach nur, dass sie an den sicheren und gewissen Glaubenswahrheiten festhalten will. Man könnte statt „theologisch konservativ“ also auch einfach „orthodox“ oder „katholisch“ sagen, was zugleich prägnanter und aussagekräftiger wäre.

Wenn ich nun diesen zugegeben extrem stark hinkenden Vergleich heranziehen möchte, dann nur, um zwei verschiedene Strömungen innerhalb der heutigen katholischen Kirche konzeptionell voneinander zu trennen, die beide kein kirchliches Dogma leugnen, sich aber dennoch in ihren theologischen Positionen deutlich voneinander unterscheiden. Zu diesem Zweck möchte ich die gestern bereits dargestellte Unterscheidung von „Strukturkonservatismus“ und „Wertkonservatismus“ heranziehen. Der Strukturkonservative hält an den gesellschaftlichen Strukturen fest. Er lehnt eine Veränderung ab, weil sie das Skelett der Gesellschaft, ihre Grundstruktur angreift. Der Strukturkonservative ist meist von vorsichtigem Temperament, schätzt Experimente überhaupt nicht, und fühlt sich wohl, wenn alles beim Alten bleibt. Der Wertkonservative hat ein ganz bestimmtes, inhaltlich klar definiertes Idealbild einer Gesellschaft im Auge, von dem er glaubt, dass bestimmte „Fortschritte“ oder „Reformen“ ihm entgegenstehen und deshalb verhindert werden müssen. Der Wertkonservative, sofern er wertkonservativ ist, lehnt Veränderungen gar nicht per se ab. Er lehnt Reform „x“ nicht ab, weil sie eine Veränderung der gesellschaftlich-politischen Struktur ist, sondern weil die Reform inhaltlich in die falsche Richtung geht.

Natürlich sind viele Strukturkonservative auch wertkonservativ (und umgekehrt), doch konzeptionell liegt hier eine klare Differenz vor.

Diese politische Unterscheidung möchte ich analog – wenn auch mit größter Vorsicht und Vorläufigkeit – auf die „kirchenpolitische“ Lage übertragen. Es gibt Kräfte in der Kirche (die üblichen Reformkatholiken), die weder struktur- noch wertkonservativ sind. Sie beharren nicht auf den überlieferten kirchlichen Strukturen, und auch nicht auf den Glaubensinhalten. Dann gibt es Kirchenmänner wie den Erzbischof Müller, die durchaus an den überlieferten, hierarchischen Strukturen festhalten möchten, die etwa das Frauenpriestertum, die diversen Laienaufstände usw. immer eindeutig und unmissverständlich abgelehnt haben, und die auch die Struktur der katholischen Theologie beibehalten möchten. Sie bleiben bei den traditionellen theologischen Begriffen. Sie wollen keine neue Theologie schaffen, die den offenen Bruch mit der traditionellen, katholischen Theologie vollzieht. Kurzum: Sie sind für Kontinuität der Strukturen in jeder Hinsicht.

Und doch verändern sie subtil die Bedeutung überlieferter Glaubenswahrheiten. Wenn Erzbischof Müller die Jungfräulichkeit, die Maria auch heute noch hat, so stark spiritualisiert, dass man darin nur noch mir sehr viel Wohlwollen ein Bekenntnis zur auch physischen Jungfräulichkeit lesen kann, dann haben wir genau das, was ich mit dem hinkenden Vergleich zum „Strukturkonservatismus“ beleuchten möchte. Ebenso, wenn derselbe Erzbischof erklärt, man hätte den auferstanden Jesus nicht mit einer Filmkamera aufnehmen können. Hier wird der Leib des Auferstandenen so stark spiritualisiert, dass er nicht mehr materiell genug wäre, dass diese Materie auch objektiv, unabhängig von den „Erfahrungen“ gläubiger Menschen wahrnehmbar wäre. Dies schließt zwar die traditionelle Deutung nicht explizit aus – bricht also nicht mit der Struktur der katholischen Überlieferung – verschiebt aber die Inhalte so stark, dass im Grunde eine andere Theologie dabei herauskommt. Ein fleischlicher, verklärter Leib, den der zweifelnde Thomas anfassen, und der Fisch essen konnte, ist eine ganz andere Sache, als ein spiritualisierter Leibrest, der nur in den Erfahrungen der Gläubigen überhaupt wahrnehmbar ist, selbst wenn beide Deutungen formal in Einklang mit der traditionellen Doktrin zu bringen sein sollten.

Hier haben wir den Unterschied zwischen strukturkonservativem und wertkonservativem Denken auch in der katholischen Theologie. Beide Arten von „Konservativen“ sind formal orthodox – sie leugnen formal keine Glaubenswahrheit. Und doch ist die Haltung, die etwa hier zum Ausdruck kommt grundsätzlich anders als die, die Erzbischof Müller zum Ausdruck bringt.

Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen einer Hermeneutik der strukturellen Kontinuität („Kontinuität des einen Subjekts Kirche“, wie es der Heilige Vater ausdrückt), und einer Hermeneutik der inhaltlichen Kontinuität, in der nicht nur die gleiche Kirche mit den gleichen Strukturen ihrer göttlichen Verfassung die gleichen Glaubenssätze lehrt, sondern in der sie auch noch inhaltlich dasselbe mit diesen Glaubenssätzen meint.

Beide lehnen die „Hermeneutik des Bruches“ ab, doch das heißt noch nicht, dass sie sich einig in ihrem Verständnis von Kontinuität wären. Dies ist weder bei dem ewigen Zankapfel des letzten Konzils der Fall, noch bei allen anderen Fragen des Glaubens und der Sittenlehre. Ein Verfechter der Hermeneutik der strukturellen Kontinuität beharrt auf der Kirche wie sie immer war, doch er ist bis zu einem gewissen Grad bereit, die Bedeutung der Strukturen (auch sprachlicher Strukturen, wie Glaubenssätzen) neu zu fassen oder umzuinterpretieren. Er geht dabei nicht so weit wie der typische Modernist, der gleich das ganze Dogma umstülpt und einfach eine politisch korrekte Floskel über Nächstenliebe daraus macht, aber er feilt durchaus an den Inhalten auf eine Weise, dass die Glaubenswahrheit nachher einen anderen Bedeutungshorizont hat, selbst wenn die Worte unverändert bleiben und kein inhaltlicher Aspekt direkt geleugnet wird.

Ich möchte abschließend noch zweierlei betonen: Erstens, dass es sich hier um eine konzeptionelle Unterscheidung handelt. Verschiedene Katholiken, wie etwa der Heilige Vater, Erzbischof Müller, Bischof Fellay, Catocon und viele andere, werden sicherlich von beiden Arten der Kontinuität etwas in sich haben. Gewisse inhaltliche Verschiebungen wird selbst der schärfste real existierende Verfechter einer umfassenden, inhaltlichen Kontinuität nicht ablehnen, solange sie fernab jeder festgelegten Glaubenswahrheit liegen, und auch der Anhänger einer „strukturellen Kontinuität“ im oben angedeuteten Sinne ist nicht zu jeder Umdeutung der Strukturen bereit, weil er weiß, dass ein solches Unterfangen in häretischem Modernismus enden kann, wenn man sich nicht vorsieht. Insofern ist der reale Unterschied geringer als der idealtypische. Ich glaube jedoch, dass diese beiden Idealtypen in der realen katholischen Welt vielfache Anwendung finden können.

Zweitens, dass ich mir nicht anmaße, die eine oder die andere Seite außerhalb des orthodoxen, glaubenstreuen Katholizismus zu verorten. Solche Feststellungen zu treffen ist nicht meine Sache, und darüber bin ich auch sehr glücklich. Ich versuche hier nur, mittels eines hinkenden, doch meines Erachtens trotzdem nützlichen Vergleichs aus der politischen Sphäre, einige Eindrücke zu vermitteln, denen ich mich bei der Betrachtung der katholischen Landschaft nicht verwehren kann. Der Zweck dieses Essays ist daher Analyse, nicht Urteil.

Einige Klarstellungen zur FSSPX-Diskussion

Mein Beitrag über die mögliche Reaktion der deutschsprachigen Bischöfe auf eine Regularisierung der Piusbruderschaft hat ein reges Interesse hervorgerufen – sowohl im Kommentarbereich hier auf Kreuzfährten, als auch auf der Webseite „Summorum Pontificum“, deren Artikel ich kommentiert hatte. Aufgrund dieser unerwarteten Aufmerksamkeit, und um Missverständnisse auszuschließen, die vielleicht aufgetreten sein könnten, möchte ich an dieser Stelle noch einmal einige Punkte klarstellen:

1. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob es wirklich einen Plan der deutschsprachigen Bischöfe gegen eine regularisierte Piusbruderschaft gibt. Summorum Pontificum, ein sonst recht zuverlässiges Portal, berichtete davon, jedoch ohne eine ausdrückliche Quelle zu nennen. Es erscheint auch recht plausibel, da sehr viele Bischöfe auch gegenüber der vergleichsweise gemäßigten Petrusbruderschaft und anderen bereits heute kirchenrechtlich regulären traditionellen Gruppierungen eine Linie der unbedingten Opposition verfolgt haben. Doch ob der konkrete Plan wirklich existiert, kann ich nicht beurteilen.

2. Ich möchte aus diesem Grund klar und deutlich feststellen, dass es mir in keiner Form darum geht, ein Gerücht zu verbreiten, oder ihm irgendeinen Raum zu geben. Vielmehr bestand und besteht meine Absicht darin, auf die Schwierigkeiten des kirchenrechtlichen Konstrukts einer Personalprälatur für die Piusbruderschaft hinzuweisen. Zudem wollte ich meinen Eindruck darlegen, dass ein solcher „Verhinderungsplan“ jederzeit rechtens wäre, selbst wenn er nicht dem Geist einer Rekonziliation entspräche. Das ohnehin auch ohne mein Zutun veröffentlichte und verbreitete Gerücht eines möglichen internen Anti-Pius-Plans war dazu nur der Anlass, nicht der Grund.

3. Die in der Reaktion auf meinen Beitrag auf Summorum Pontificum angedeutete Unterscheidung zwischen „Recht“ und „richtig“ teile ich in vollem Maße. Wenn man im Vollsinn des Wortes legitim reagieren will, kann man einer kirchenrechtlich anerkannten Piusbruderschaft nicht grundsätzlich die Zusammenarbeit verweigern oder sie gar von jeglicher Aktivität in der Diözese ausschließen, selbst wenn man kirchenrechtlich dazu befugt ist. Die durch das (womöglich fiktive) Schreiben ausgedrückte Haltung ist meines Erachtens vollkommen legal, aber nicht legitim. Gerade im Kirchenrecht müssen formaljuristische Auslegungsfragen immer unter dem übergeordneten Gesichtspunkt des Seelenheils betrachtet werden. Den Ausführungen auf Summorum Pontificum zu diesem Thema kann ich mich nur anschließen.

4. Auf Summorum Pontificum wird meinem Beitrag eine „solide juristische Grundausbildung“ attestiert. Dies mag der Fall sein, oder auch nicht. Ich verfüge allerdings über keine formale kirchenrechtliche Bildung. Wenn ich etwas über kirchenrechtliche Fragen weiß, dann ist dies keine Folge formaler Bildung, sondern nur meines Interesses an einer Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft. Falls jemand den Eindruck gewonnen haben sollte, ich besäße besondere juristische Expertise, so wäre dieser Eindruck falsch.

5. In manchen Kommentaren zu dem Beitrag über die „FSSPX und das Trojanische Pferd“ (oben verlinkt) wurde die Kritik geäußert, ich hätte eine zu negative Sicht der Absichten aus Rom bzw. des Papstes. Besonders kritisch wurde die These gesehen, Rom stelle der FSSPX entweder eine Falle, oder begehe einen tragischen Irrtum. Ich möchte deutlich betonen, dass ich dem Heiligen Vater keinerlei böse Absicht unterstelle. Er hat auch sicherlich bessere kirchenrechtliche Experten als ich. Zudem ist er direkt über die Sachlage informiert (oder wir wollen es zumindest hoffen – auszuschließen wage ich kaum etwas). Ferner möchte ich betonen, dass ich Bischof Fellay und dem Heiligen Vater vertraue, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

6. Kommentieren kann man nur auf der Basis der bekannten Informationen in Verbindung mit Vermutungen, für die wenigstens vertrauenswürdige Quellen oder gut begründbare Indizien sprechen. Deswegen ist jeder Kommentar immer abhängig von der Verfügbaren Faktenlage. Sollte das rechtliche Konstrukt einer Personalprälatur für die Piusbruderschaft tatsächlich modifiziert werden, wie etwa Bischof Fellay es sich zu wünschen scheint, so könnten alle meine Worte hinfällig sein. Womöglich wäre die Personalprälatur in ihrer modifizierten Form das beste rechtliche Vehikel für eine Regularisierung der FSSPX unter Wahrung ihrer legitimen Anliegen und Handlungsfreiheit auch unter feindlichen Ortsbischöfen. Diese Entwicklungen bleiben selbstverständlich abzuwarten.

7. Das allerwichtigste, das ich in meinem thematisch eng umgrenzten Beitrag nicht erwähnt habe, das man aber eigentlich nie unerwähnt lassen sollte, wenn man zu den Einigungsbestrebungen zwischen Rom und FSSPX spricht, ist allerdings das Gebet. Bischof Fellay unterlässt diesen Hinweis in keinem Interview und keiner Äußerung zum Thema. Alle Leser, gleich welche Auffassung sie zu den diversen umstrittenen Fragestellungen auch haben mögen, sollten dafür beten, dass in jedem Fall Gottes Wille geschehe. Wenn die Einigung jetzt möglich und sinnvoll ist, dann soll sie geschehen. Wenn sie noch verfrüht ist, und beide Seiten mehr Zeit brauchen, dann sollten wir auch diese Verzögerungen akzeptieren.

Ich persönlich hielte es für besonders angemessen, den Heiligen Papst Pius X., den Streiter gegen den Modernismus, den Namensgeber der Piusbruderschaft, den größten Papst des 20. Jahrhunderts, um seine Fürsprache zu bitten. Doch überhaupt sollten wir alles versuchen, und den Himmel mit unseren Gebeten bestürmen, dass ein Weg gefunden werde, damit die großen Gaben, mit denen die FSSPX beschenkt ist, in voller Gemeinschaft mit Petrus zu noch größerem Erfolg eingesetzt werden können, und dass auch die Herzen der Verantwortlichen auf Diözesanebene in den deutschsprachigen Ländern erweicht und dazu bewegt werden, das „Experiment der Tradition“ ohne Vorurteile zuzulassen.

Ein kleines Pius-Update

In den letzten Wochen hat sich hinsichtlich einer möglichen kirchenrechtlichen Anerkennung der Piusbruderschaft nicht mehr viel getan. Nachdem sich die Glaubenskongregation im Mai mit der Frage befasst hatte, dürfte der ganze Vorgang nun  beim Heiligen Vater liegen. Obwohl mache Spekulationen erwarten ließen, dass eine Entscheidung noch im Mai fallen würde, steht es dem Papst natürlich frei, wie lange er über die Sache nachdenken und was er unternehmen will, wenn er denn handelt. Seitens der Piusbruderschaft weist man immer wieder darauf hin, dass nun alles in den Händen des Papstes liege, und man auf seine nächste Reaktion warte. In dieser Zeit, so etwa Bischof Fellay in diesem Interview, sollten die Gläubigen intensiv für einen guten Ausgang der Verhandlungen beten und in ihren diesbezüglichen Bemühungen nicht nachlassen.

Ich kann daran, egal von welcher „Seite“ der Debatte um die Piusbruderschaft man kommt, nichts schlechtes finden. Die Angelegenheit liegt in den Händen des Papstes, und bis dieser zu einer Entscheidung gelangt ist, und diese dann verkündet, sollten alle Katholiken darum beten, dass Gottes Wille getan werde, und alle Beteiligten sich diesem Willen ganz unterwerfen.

Die Schwierigkeiten sind immens. Nach wie vor scheinen zumindest einige der drei anderen Bischöfe der Bruderschaft jeglichem bisher existierenden Einigungsvorschlag sehr skeptisch gegenüber zu stehen – wie Bischof Tissier de Mallerais bei einer Predigt am Dreifaltigkeitssonntag deutlich zu verstehen gegeben hat. Ob die Bedenken gegen den am Ende vorliegenden Vorschlag stark genug sind, um die Piusbruderschaft zu zersplittern, kann man jetzt noch nicht absehen. Dass aber zumindest eine kleine Rumpf-FSSPX übrigbleiben wird, die sich den Annäherungsversuchen aus Rom entschieden aus Angst vor einer „Ansteckung durch das modernistische Rom“ widersetzt, kann man für den Fall einer erfolgreichen Einigung ebenso absehen, wie dass es die regularisierten Piusbrüder in ihrer neuen kirchenrechtlichen Stellung sehr schwer haben und großen Behinderungen ihres Wirkens durch modernistische Laien, Priester und Bischöfe ausgesetzt sein werden.

Über diese Wahrscheinlichkeiten hinaus, lässt sich sehr wenig über die aktuelle Lage mit zureichender Sicherheit sagen. Überraschend finde ich allerdings, dass angesichts der grassierenden Lecks im Vatikan noch keine Details über die Gespräche mit der FSSPX durchgesickert sind. Wollen wir hoffen, dass das auch so bleibt, bis die Gespräche zu einem guten Ende, worin dies auch bestehen mag, gekommen sind.

Konzilskritik: Die Kleider des Kaisers

Es gibt gute Gründe für eine genaue theologische Untersuchung der Texte des 2. Vatikanischen Konzils hinsichtlich der Vereinbarkeit des Konzils mit dem früheren Lehramt der Kirche. Ebenso gut, wenn nicht noch besser, sind die Gründe für die Annahme, dass sich in letzter Konsequenz ein hermeneutischer Schlüssel wird finden lassen, der die Interpretation des Konzils in Übereinstimmung mit dem traditionellen Lehramt ermöglicht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Projekt einer „Hermeneutik der Kontinuität“ erfolgreich sein wird, auch wenn ich mit manchen Aussagen des Konzils zum Ökumenismus, zur Religionsfreiheit usw. meine Schwierigkeiten habe.

Ich fürchte allerdings, dass diese Debatte, so wichtig sie auch ist, nicht den Kern des Problems der aktuellen Kirchenkrise trifft. Zunächst einmal sind die Konzilstexte mehrdeutig. Das Konzil hat zumindest in der Hinsicht mit der Tradition gebrochen, dass es eine ganz andere Sprache für seine Verlautbarungen verwendete. Nicht dogmatisch, sondern pastoral wollte es sein. Es wollte den katholischen Glauben in einer neuen, dem modernen Menschen zugänglichen Sprache darstellen.

Und damit ist das Konzil in jedem Fall gescheitert. Selbst wenn jeder einzelne Satz der Konzilsdokumente mit dem traditionellen Lehramt vereinbar ist, dann ist er das nur aufgrund einer komplexen theologischen Interpretation, die sich dem Laien überhaupt nicht erschließt. Gerade das, was das Konzil selbst erreichen wollte, hat es nicht geschafft. Es hat den Glauben dem modernen Menschen nicht näherbringen können.

Das Konzil ist noch in einem anderen Sinn gescheitert. Wir sollen sie an ihren Früchten messen, doch welches Bild gibt die nachkonziliare Ära in dieser Hinsicht ab?

Der Glaube ist höchstens noch lauwarm, er wird an vielen theologischen Fakultäten kaum noch gelehrt, von den Kanzeln (sofern noch vorhanden) meist nur in weichgespülter Wohlfühlform gepredigt, und so gut wie gar nicht mehr weitergegeben. Die Katechese ist seit fünfzig Jahren bestenfalls ausgefallen, schlimmstenfalls zur Immunisierung gegen den Glauben verwendet worden.

Kirchen werden geschlossen, die Priesterseminare sind leer, die katholische Religion überall im Rückwärtsgang. Ihre öffentlichen Vertreter sind handzahm und wehren sich nicht mehr gegen die Säkularisierung der ganzen Gesellschaft. Einige von ihnen treiben sie sogar aktiv voran. Gläubige, traditionelle Priester werden von ihren Bischöfen im Stich gelassen oder gar aggressiv bekämpft.

Die reale Gemeindepraxis hat kaum oder gar nichts mit der katholischen Religion zu tun. Die Messe ist vielerorts zu einem Ort bloß menschlicher Kreativität herabgewürdigt worden. Die Schätze vieler Jahrhunderte sind zerstört worden. Schöne Altäre wurden durch Holztische ersetzt, die Bilderstürmer haben die Kirchen erobert und zu heiligen Lagerhallen umfunktioniert. Es wundert nicht, dass in solchen Kirchen keine ehrfürchtigen Messen zelebriert und kein wahrer Glaube gelehrt wird.

Mancherorts haben ohnehin die Laien längst die Leitung der Kirche übernommen und die Priester sind von ihnen ersetzt oder an den Rand gedrängt worden. Der Opfercharakter der Messe und die Realpräsenz Christi sind weitgehend vergessen oder verdrängt worden. Mehr als zwei Drittel der Katholiken glauben nicht mehr an die Realpräsenz. Sehr viele Priester auch nicht, wenn man sieht, wie sie mit der konsekrierten Hostie umgehen. Ohne das Opfer ist auch der Opferpriester überflüssig. Es wundert nicht, dass die Seminare leer sind.

Die meisten Katholiken gehen gar nicht mehr zur Messe. Warum auch? Man hat ihnen beigebracht, dass das ein nettes sonntägliches Frühstück ist, bei dem man an Jesus denkt und der Kreativität anderer Leute zuschaut. Das alles kann man auch ohne Kirche haben. Sie wissen kaum etwas über ihren Glauben und ihr Lebenswandel ist nicht von den Protestanten und Atheisten zu unterscheiden. Katholiken haben kaum noch Kinder, sie stellen ihre persönliche Selbstverwirklichung über ihren Glauben und ihre Familie. Sie passen sich an das alltägliche säkulare Leben an statt Zeichen des Widerspruchs zu sein. Die Abtreibungskliniken und Scheidungsgerichte sind voll von ihnen. Sie leben, als ob sie gar nicht mehr katholisch sein wollten. Sie sind in der Masse des kollektiven Ameisenhaufens längst aufgegangen. Viele von ihnen lassen ihre wenigen Kinder auch folgerichtig gar nicht mehr taufen. Sie können ja später selbst entscheiden und sind nicht ohnehin alle Religionen gleich?

Man könnte die Aufzählung beliebig fortführen. Eins steht jedenfalls fest: Wenn wir die letzten 50 Jahre kirchlichen Handelns an ihren Früchten messen wollen, dann müssen wir ehrlich und offen sprechen. Sich vornehm um die Wahrheit herumzudrücken bringt nichts. Die Früchte sind eine einzige Katastrophe. Man kann jetzt lange darüber streiten, ob nur der „Geist des Konzils“ dafür verantwortlich ist, oder das Konzil selbst. Doch der Streit ist, so interessant er auch ist, letztlich müßig. Wenn wir das Konzil an seinen Früchten messen wollen, dann ist es ein Fehlschlag gewesen. Es hat die Säkularisierung, sogar die Apostasie nicht aufhalten können. Und das gilt auch dann, wenn man das Konzil ja ganz anders hätte interpretieren können; das Konzil hat einer Bruchhermeneutik in der Realität keinen Widerstand entgegengesetzt.

Der Kaiser hat gar keine Kleider an. Das Konzil ist eine einzige riesige pastorale Katastrophe gewesen, ganz gleich, ob es theologische Irrtümer gelehrt hat, oder alles in Einheit mit der Tradition zu lesen ist. Es hat schlicht und einfach nicht funktioniert. Man muss Fehler erkennen und erkannte Fehler berichtigen. Alles andere wäre bloß Sturheit.

Doch wenn das Konzil eine einzige pastorale Katastrophe war, was sollen wir dann tun? Nun, wir sehen, wo es die pastoralen Katastrophen nicht gegeben hat. Nämlich dort, wo man sich durch das Konzil gar nicht hat irritieren lassen. Dort, in den traditionellen Gruppen, sind Nachwuchs, Eifer, Glaube und Tradition erhalten geblieben. Dort sind die Kirchen nicht leer, die Gläubigen nicht gleichgültig, und die Priesterseminare voll. Dort wird der katholische Glaube gelebt und er ist quicklebendig. Er ist lebendig, und er wächst.

Wir sollen sie an ihren Früchten erkennen, und das gilt auch für den Baum des Konzils. Seine Früchte sind giftig gewesen. Es mag sein, dass es auch hätte anders kommen können, wenn man von Anfang an auf breiter Front die richtige Hermeneutik verwendet hätte. Man hat es aber nicht getan. Und der Grund dafür ist einfach. Man hat es nicht getan, weil man es nicht wollte. Die Konzilsväter sind 1965 heimgefahren und haben das umgesetzt, was sie für richtig hielten, und das toleriert, was sie nicht für falsch hielten. Was sie getan haben ist das, was das Konzil aus ihrer Sicht tun sollte. Sie haben nicht auf dem Konzil „Kontinuität“ gefordert und dann daheim den Bruch versucht, so als ob es da einen plötzlichen Sinneswandel gegeben hätte. Sie haben den Bruch schon auf dem Konzil beabsichtigt. Der Heilige Geist hat den theologischen Bruch wohl verhindert – den pastoralen Bruch jedoch nicht.

Die Früchte des Konzils haben wir heute vor uns und sie sind giftig. Der Kaiser hat keine Kleider, er ist nackt. Heißt das, dass wir das Konzil wieder abschaffen müssen? Nein, natürlich nicht. Aber es heißt, dass die Neuerungen des Konzils nicht zum Maßstab des Glaubens werden dürfen. Es heißt, dass derjenige, der die Neuerungen des Konzils ablehnt, nicht weniger katholisch ist, als ihr Befürworter, und dass er in voller Einheit mit der Kirche sein kann, selbst wenn er besagte Neuerungen zugleich scharf kritisiert. Es heißt, dass das Konzil keine zukunftsweisende Reform war, sondern höchstens ein pastoraler Fehltritt, aus dem man jetzt das beste machen muss. Es heißt, dass das Ziel der anfangs erwähnten theologischen Diskussionen nur sein kann, eine Interpretation des Konzils anhand der Tradition zu erarbeiten und nicht die Tradition anhand des Konzils zu interpretieren.

Und schließlich heißt es, dass wir allen dankbar sein sollten, die nach bestem Wissen versucht haben, den traditionellen Glauben der Kirche unter großem persönlichem Einsatz durch den Sturm der Nachkonzilszeit getragen haben, und so das Reservoir gesunder Lehre und Praxis bewahrt haben, aus dem man für die jetzt notwendige wahre Erneuerung schöpfen kann.

Ein guter Rat von Erzbischof Lefèbvre

Aus einem Vortrag von Erzbischof Lefèbvre in Angers (1980)

„Heute stehen wir vor den gleichen Schwierigkeiten. Wir müssen die Irrtümer zurückweisen und fest bleiben, bis ein Papst nach dem Vorbild des hl. Papst Pius X. wiederkehrt. Dann wird es keine Probleme mehr geben. Die heilige Kirche wird uns in der Wahrheit wiederfinden und wir werden mit dem Papst hundertprozentig vereint sein, der zur Tradition zurückgefunden hat. Ich werde dann vermutlich nicht mehr auf dieser Erde weilen. Man muß dennoch hoffen, daß diese Angelegenheiten mit Papst Johannes Paul II. in Ordnung kommen.
Wir verlangen vielleicht lediglich, daß über die theoretischen Probleme nicht zu viel diskutiert wird. Fragen, die uns spalten, wie zum Beispiel die Frage über die Religionsfreiheit, sollte man dahingestellt sein lassen. Man ist nicht dazu verpflichtet, alle diese Probleme sofort zu lösen. Die Zeit wird eher Klarheit und eine Lösung bringen.
Ich habe es bereits einpaar mal erwähnt. Der Papst sollte uns in der Praxis das Experiment der Tradition machen lassen. Man könnte mir erwidern: „Sie können dieses Experiment doch durchführen!“ Stellen Sie sich vor, der Papst würde zu den Bischöfen sagen: „Laßt sie in Ruhe! Laßt sie gewähren! Sie machen nichts anderes, als das, was wir unser halbes Leben, oder zwei Drittel unseres Lebens getan haben. Laßt sie gewähren. Man wird sehen, was geschieht.“ Das ist das einzige, was wir verlangen!Ich bin davon überzeugt, daß in diesem Augenblick die Wahrheit zu ihrem Recht kommen wird. Die Tradition wird ihren wahren Platz finden und die Kirche wird eine neue Jugend erleben“

Das „Experiment der Tradition“ wäre genau die richtige Leitlinie für eine Einigung zwischen Rom und der Piusbruderschaft. Alle traditionellen und traditionalistischen Gruppen müssen wirklich gleiche Bedingungen erhalten. Sie müssen neben den bestehenden Diözesen weltweit operieren dürfen, ohne von den lokalen Bischöfen in dieser Tätigkeit beschränkt zu werden.

Bereits heute sieht der aufmerksame Beobachter den Niedergang der sich an die Moderne anpassenden Kirche. Es gibt keinen Nachwuchs, kaum neue Priester, Seminare werden geschlossen, Kirchen verkauft, Gemeinden (und bald auch Bistümer) zusammengelegt. Das Ende nähert sich schneller als den verbandskatholischen Eliten und so manchem Bischof lieb ist.

In scharfem Kontrast steht dazu die fortdauernde Vitalität der Kirche, wo immer die Tradition hochgehalten wird, egal ob es sich um die Ecclesia Dei-Gemeinschaften, die Piusbruderschaft, oder auch die eine oder andere sehr konservative „Novus Ordo“-Gemeinschaft handelt. Dort gibt es den dringend benötigten Nachwuchs, dort sind junge Familien, besonders auch junge Männer. Dort liebt man die Kirche, und versucht ihren Glauben auch in seinen herausfordernden Teilen zu leben.

An ihren Früchten sollen wir sie erkennen. Die traditionellen Teile der Kirche machen bereits heute vor, wie eine wahre Erneuerung des Glaubens auszusehen hat, wie die Kirche ihre Krise überwinden kann, obwohl sie durch modernistische Laien, Priester und selbst Bischöfe behindert werden. Wie viel mehr könnten sie für die Kirche tun, wenn sie unabhängig von diesen hindernden Einflussen agieren könnten.

Kurzum: Es geht darum, einen echten freien Wettbewerb zwischen zwei verschiedenen Visionen der Zukunft der katholischen Kirche zuzulassen. Es geht nicht darum, dass „Rom sich vom Modernismus abwendet“, oder „die Piusbruderschaft das Konzil anerkennt“, sondern dass die verschiedenen Vorstellungen frei miteinander innerhalb der Kirche konkurrieren können. Und dann werden wir die Früchte sehen. Wir werden sehen, wie sich die modernistischen und traditionellen Teile und alle, die in diesem Spektrum irgendwo dazwischen stehen, weiter entwickeln. Wir werden sehen, wo Heiligkeit, Liebe zu Gott, der Kirche und dem Nächsten am besten gedeihen.

Wir werden sie an ihren Früchten erkennen. Der erste Schritt auf diesem Weg ist mit der Wiederzulassung der traditionellen Messe durch Summorum Pontificum geschehen. Man muss diesen Weg jetzt entschlossen weitergehen und das „Experiment der Tradition“, nach dem der Erzbischof bereits 1980 gerufen hat, zulassen. In diesem Geiste sollte eine Einigung mit der Piusbruderschaft möglich sein. Bietet ihnen dieses Experiment an. Lasst sie einfach gewähren. Lasst sie glauben und lehren, was sie immer geglaubt und gelehrt haben, wo, wie und wann sie wollen. Lasst sie das Konzil, den Ökumenismus und all die anderen Punkte weiter kritisieren, wie bisher. Lasst sie weltwert ungehindert operieren. Doch lasst es nicht bei der Piusbruderschaft bewenden. Das muss auch für die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, die der FSSPX verbundenen Ordensgemeinschaften und alle anderen traditionellen katholischen Gruppen gelten, die Papst Benedikt als Nachfolger Petri anerkennen und damit den Sedisvakantismus ablehnen.

Lasst es uns einfach ausprobieren, und wir werden immer besser erkennen, wo die Früchte gesund sind, und wo giftig.