Mut zur Lebensferne

Immer wieder begegnet mir die Aussage, irgendetwas sei „lebensfern“, „lebensfremd“ oder „weltfremd“. Oft geht es dabei um die Kirche. Es sei etwa lebensfremd, dass die Kirche bis heute die Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität oder die grundsätzliche Verwerflichkeit von Verhütungsmitteln lehre. So etwas sei den Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln. Es ist lebensfern. Diese Aussage ist in der Regel gleichbedeutend mit: „Es soll geändert werden“. Schließlich, so geht die bekannte Rede, müsse die Kirche zu den Menschen gebracht werden. Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Natürlich stimmt das in einer gewissen Hinsicht auch. Ein Auftrag der Kirche ist tatsächlich, den Menschen zu helfen. In allen Zeiten hat die Kirche sich für die Armen und Schwachen eingesetzt. Selbst Kirchenfeinde würdigen oft ihre soziale Tätigkeit und kaum jemand möchte ernsthaft auf die Leistungen der Kirche in dieser Funktion verzichten – nicht einmal Claudia Roth. Für diese Aufgabe muss die Kirche also ganz nah bei den Menschen sein. Der Helfer muss nah bei den Menschen sein, um helfen zu können und es bringt nicht viel, wenn der Arzt während einer diffizilen Operation zehn Kilometer von seinem Patienten entfernt ist.

Doch selbst wenn wir dies den Agitatoren der „Lebensnähe“ zugestehen, bleibt doch die Frage übrig, ob sich der Auftrag der Kirche in dieser sozialen Tätigkeit erschöpfe. Es ist notwendig, dass die Kirche den Menschen hilft. Doch reicht das schon? Um welche Hilfe geht es dabei? Ist nicht die Aufgabe der Kirche in erster Linie das Seelenheil der Menschen und hilft sie nicht am meisten, indem sie bei der Erlösung hilft? Ist nicht der größte Dienst am Menschen der Dienst an ihrem Seelenheil? Ist das nicht die wahre Grundlage der kirchlichen Tätigkeit?

Was bedeutet es, einem Menschen zu helfen? Man hilft einem Menschen, indem man ihm gibt, was er braucht. Was er braucht kann durchaus etwas ganz anderes sein, als was er will. Der Helfer, und das gilt bei weltlichen ebenso wie bei geistigen Dingen, steht oft vor der Herausforderung, dass der, dem geholfen werden soll, die Hilfe einfach ablehnt. Im Endeffekt muss man das akzeptieren, wenn es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt. Wer die Hilfe ablehnt, dem kann nicht geholfen werden. Wer selbst nach hundertfacher Aufforderung nicht klopfen möchte, dem wird auch nicht aufgetan. Am Ende sind die Menschen für sich selbst verantwortlich, und die Kirche kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen.

Doch sie kann versuchen, sie zu überzeugen. Wenn ein Mensch eine schwere Krankheit hat, und der Arzt weiß, allein die Therapie „x“ kann ihm jetzt noch helfen, dann wird er versuchen, den Patienten von den Vorzügen dieser Therapie zu überzeugen. Vielleicht ist die Therapie schmerzhaft, doch sie ist notwendig, wenn der Patient überleben möchte. Man könnte sagen, der Arzt sei „lebensfremd“, weil er „unbarmherzig“ die Schmerzen des Patienten ignoriert und einfach mit seiner „dogmatischen“, „rigiden“, „unflexiblen“ Therapie fortfährt, ohne sich um die offensichtlichen Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Niemand würde dies ernsthaft behaupten. Der Arzt möchte den Patienten retten, und deswegen rät der Arzt seinem Patienten zu der schmerzhaften Therapie. Das ist keine Lebensferne, und keine Unbarmherzigkeit, sondern einfach gesunder Menschenverstand.

Dasselbe gilt für die Kirche. Auch sie möchte den Menschen helfen. Auch die Therapie, die sie den Menschen anbieten kann, hat öfters schmerzhafte Nebenfolgen. Man muss von seinen Sünden ablassen, stetig gegen sie ankämpfen. Man muss umkehren. „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“, sagt Jesus. Bei vielen Menschen, etwa bei Ehebrechern, ist es notwendig, den ganzen Lebenswandel zu ändern und völlig neu anzufangen. Das kann schmerzhaft und schwierig sein, und wer wollte es dem Einzelnen verübeln, dass er Ressentiments gegen den Arzt entwickelt, der so eine schmerzhafte Therapie verordnet. Das kommt auch bei wirklichen Ärzten manchmal vor.

Doch allein der gesunde Menschenverstand sagt schon, dass eine notwendige Therapie auch dann notwendig bleibt, wenn sie unangenehm ist. So etwas ist in gewisser Hinsicht „lebensfern“, weil man von dem konkreten Schmerz absehen und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen muss. Man muss das Ganze in den Blick nehmen. Und vor diesem Ganzen relativiert sich der weltliche Schmerz, der auftritt, wenn etwa der Ehebrecher zu Umkehr, Reue, Buße aufgerufen wird, und den ernstlichen Versuch unternimmt, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen.

Aus der Vogelperspektive, ganz fern vom einzelnen, individuellen Leben und seinen alltäglichen und besonderen Sorgen, wird sichtbar, dass der Schmerz der Umkehr, die Umstellung des eigenen Lebenswandels, nicht einmal ein kleines Staubkorn ist, wenn man ihn mit dem Lohn vergleicht, der den Heiligen im Himmel erwartet.

Denn eines wird oft vergessen: Das Leben, das wahre Leben, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang.

Oft ist es daher notwendig, diesem Leben fern zu sein, um jenem ganz nahe zu kommen. Unsere Schätze als Christen liegen im Himmel und nicht auf Erden, und keine noch so attraktive Geliebte kann so verzückend sein, wie die Ewige Anschauung des Herrn, der die Liebe ist.

Aber ja, das ist alles lebensfern und weltfremd. Es holt die Menschen nicht da ab, wo sie sind. Viele werden das weder hören noch verstehen wollen. Es spricht den Menschen von heute nicht an.

Na und?

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Homosexualität (5/5)

Die Möglichkeit der Umkehr

Der Mensch ist ein verunstaltetes Meisterwerk. Wunderschön, aber gebrochen. Er bedarf eines großartigen, göttlichen Arztes, um ihn wieder zusammenzuflicken. Dieser göttliche Arzt, Jesus Christus, gibt all diesen gebrochenen Meisterwerken, die auf Erden umherlaufen – ob homosexuell oder nicht – die einzigartige Chance, alle Wunden, alle Brüche zu heilen, wenn sie nur ihre Einwilligung zu der Therapie aus vollem Herzen geben. Diese Therapie heilt aber nicht die äußeren Wunden, sondern die Sünden, die der Mensch auf sich geladen hat. Und diese Sünden sind, wenn man sie nicht vom göttlichen Arzt heilen lässt, wirklich wie innere Verletzungen, die uns Menschen von innen ausbluten lassen, bis wir als blutleere Sklaven der Sünde in die ewige Verdammnis marschieren.

Doch wir, verunstaltete Meisterwerke die wir sind, können (unabhängig von unseren diversen sexuellen Perversionen) von unseren Sünden gereinigt werden, indem wir uns dem göttlichen Arzt aus freiem Willen und mit ganzem Willen hingeben, einwilligen in die Therapie, die er für uns vorgesehen hat, auch wenn diese Therapie oberflächlich betrachtet unangenehm oder gar schmerzhaft ist. Eine solche Einwilligung erfordert aber Vertrauen: Vertrauen, dass Jesus Christus uns nicht enttäuschen wird, dass er immer für uns da sein wird, dass er, auch wenn die Therapie gerade einmal besonders schmerzhaft ist, uns liebt, uns tröstet und uns schützt. Diese Einwilligung in die Therapie des großen göttlichen Heilers ist für alle Menschen gleichermaßen notwendig. Jeder von uns ist ein gebrochenes Meisterwerk. Homosexuelle ebenso wie notorische Faulenzer, gierige Raffzähne, und all die anderen wunderbar liebenswerten, scheußlichen, unnachahmlichen, unerträglichen, unverzichtbaren Sünder, die diesen Planeten bevölkern. Jeder von uns bedarf der Therapie des großen göttlichen Heilers. Niemandem von uns ist damit gedient, eine bestimmte Gruppe von Sündern besonders an den Pranger zu stellen. Aber ebenso ist niemandem damit gedient, eine Gruppe von Sündern zu ignorieren, oder ihnen gar zu erzählen, sie bedürften der Heilung nicht.

Gottes Liebe für die Homosexuellen

Alle homosexuellen Menschen werden von Gott bedingungslos geliebt, und er möchte auf keinen einzigen von ihnen verzichten. Doch gerade deswegen darf die Kirche die Wahrheit nicht verschweigen. Ausgelebte Homosexualität ist, unabhängig von der Frage wie sie entstanden ist oder warum ein Mensch sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, eine Willensentscheidung. Niemand ist gezwungen mit einem anderen Menschen zu schlafen, gleich welchen Geschlechts. Und eine Willensentscheidung, die sich im Widerspruch zu der von Gott eingerichteten und in Bibel und Überlieferung bezeugten natürlichen Ordnung befindet, nennen wir eine Sünde. Das ist schlicht und ergreifend der Fall und niemandem ist damit gedient, dies zu leugnen.

Gott liebt die Homosexuellen. Deswegen will er sie auch bei sich im Himmel haben. Und daher legt er großen Wert darauf, dass sie ihre Schwächen so weit wie möglich schon in diesem Leben bekämpfen, statt ihre Schwachheit zu leugnen. Wir alle sind schwach. Wir alle werden manchmal schwach. Das ist in Ordnung. Gott kennt unsere Schwäche. Dafür hat er größtes Verständnis. Doch wer fällt, der soll wieder aufstehen – und Gott hilft ihm hoch. Wieder und wieder und wieder und wieder… sooft wie nötig. Gott ist geduldig mit uns. Doch alle Geduld der Welt reicht nicht aus, um jemandem hochzuhelfen, der von sich behauptet, er sei gar nicht gefallen.

Die „stolze“ Homosexuellenlobby

Und damit kommen wir zum letzten Problem. Heute ist es oft so, dass homosexuelle Menschen nicht nur die Lehre der Kirche ablehnen und privat homosexuell sind, ohne sich deswegen als Sünder zu fühlen, sondern auf ihre spezielle Sexualneigung einen gewissen Stolz entwickeln. Sie paradieren durch die Straßen, als ob ihre bestimmte Sexualneigung irgendwie öffentlichen Wert hätte. (Paradoxerweise sind das dieselben Leute, die ständig erklären, ihre Sexualität sei privat und gehe den Staat und die verklemmte Gesellschaft nichts an!)

Diese Gruppe von Homosexuellen leugnet nicht nur, dass ihr Verhalten sündig ist, sondern predigt ihre spezielle Sünde der ganzen Welt als wundervolle Sache. Damit weigern sie sich nicht nur selbst, die Gnade Gottes anzunehmen, sondern sie ermutigen auch Andere, dem Weg fort von Gott zu folgen. Das ist wesentlich schlimmer als nur homosexuelle Akte durchzuführen. Für diese Propagandisten kann die Kirche kein besonders großes Verständnis aufbringen. Selbst zu sündigen ist schlimm genug, doch andere zur Sünde zu animieren oder die Sünde als feiernswert darzustellen ist wesentlich schlimmer. Um wieder auf unser Beispiel mit dem Arzt zurückzukommen: Es ist schlimm genug, seine Krankheit nicht behandeln zu lassen, doch dann draußen herumzulaufen und andere anzustecken setzt dem ganzen die Krone auf.

Vermutlich sind diese „stolzen“ Homosexuellen nach wie vor eine Minderheit. Die meisten Homosexuellen – selbst diejenigen, die die Lehre der Kirche ablehnen – wollen ihren Trieben privat frönen und tun dies auch. Aber es gibt eben auch die radikalen Aktivisten, und das sind die öffentlich sichtbaren Propagandisten einer letztlich moralfreien Sexualität, in der nur noch die Verwirklichung des eigenen Triebes und kurzfristigen Willens zählt, und der andere, der Partner, wahrhaft zum Objekt des Triebes statt zum Subjekt der Liebe wird. Diese Propagandisten können nicht für sich reklamieren, einfach nur das zu leben, was ihre Triebe ihnen sagen.

Schlusswort

Abschließend lässt sich formulieren, dass die Trennung von Sünde und Sünder eine differenzierte Beurteilung der Problematik der gleichgeschlechtlichen Sexualakte ermöglicht. Der Sünder wird geliebt, und gerade deswegen ist die Sünde entschieden abzulehnen.

Homosexualität (4/5)

Der rechte Abgrund

Natürlich, wenn ein Homosexueller stolz auf seine Sexualneigung ist, dann hat er in unserer Gesellschaftsordnung das Recht dazu. Und er kann auch die liebevolle Belehrung durch die Kirche jederzeit ignorieren. Zwang ist grundsätzlich abzulehnen – Bekehrung, Umkehr, Kampf gegen die Sünde kann nicht erzwungen werden, sondern nur aus einer Haltung der Einsicht und einer Willensanstrengung erwachsen.

Wir dürfen den Menschen nicht so lassen wie er ist, denn er ist ein Sünder. Wir müssen den Menschen so annehmen wie er ist, bis auf die Sünde. Doch auch wenn diese Gefahr – die linke Seite des Abgrundes in unserer Metapher – real ist, so gibt es doch auf der anderen Seite eine weitere Gefahr. Denn es gibt – auch in der katholischen Kirche – immer wieder Personen, die Homosexualität an sich als Sünde titulieren, die zum Himmel schreie, als schecklichste Perversion und einiges mehr. Doch auch hier liegt ein nicht ganz falsches, aber eben auch nicht ganz richtiges Fragment der Wahrheit vor. Ja, gelebte Homosexualität ist moralisch verwerflich, und sie ist von Natur aus fehlgeordnet, selbst wenn sie nicht gelebt wird (doch an der natürlichen Fehlordnung trägt der einzelne Homosexuelle keine Schuld). Doch diese „rechte Seite des Abgrunds“ übersieht ein wesentliches Prinzip: Wir sollen zwar die Sünde (in diesem Falle gelebte Homosexualität) hassen, doch den Sünder lieben. Denn der Sünder ist ein unnachahmliches, einzigartiges Abbild Gottes, ein Mensch, eine Person. Doch die Sünde ist nichts dergleichen. Die Sünde ist die schreckliche Perversion, die zum Himmel schreit. Die Sünde, nicht der Sünder, verdient unsere Ablehnung. Der Sünder verdient unser Verständnis, unsere Unterstützung und (wenn er es wünscht) unsere Hilfe. Er verdient all das in seinem Kampf gegen die Sünde.

Der Fehler derjenigen, die radikal gegen Homosexuelle predigen, die (vor allem in manch vergangener Zeit) wirklich den Eindruck erweckten, als kämen Homosexuelle automatisch in den wärmsten Teil der Hölle, besteht darin, dass sie es unterlassen den Sünder von der Sünde zu trennen. Der Arzt trennt das Krebsgeschwür von seinem Patienten – er hasst den Krebs und liebt den Krebskranken. Er tut sein Möglichstes (wenn der Patient das will), um zu heilen, um den Patienten von seinem Krebs zu befreien. Im Felde der Chirurgie ist die Mitarbeit des Patienten während der Operation eher hinderlich, doch im Felde der Bekämpfung von Sünden ist sie unerlässlich. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Fällen. Doch die Gemeinsamkeit ist wesentlich größer als der Unterschied. Sowohl der Arzt als auch der besorgte Katholik kämpft gegen etwas, das eindeutig übel ist (Krebs im einen Fall, Sünde im anderen) und vermag wohl zwischen dem Üblen und dem Guten zu unterscheiden. Der Arzt lehnt den Krebs ab, aber er lehnt den Krebs gerade deswegen ab, weil der Krebs den Patienten tötet. Er hasst den Krebs, weil er den Menschen liebt. Dasselbe gilt für den Katholiken. Er lehnt die Sünde (in diesem Fall gelebte Homosexualität) ab, nicht weil er etwas gegen den Homosexuellen hat, sondern weil er etwas für ihn hat. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder liebt. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder retten will.

Dies vergessen radikale Prediger gern. Sie verdammen den Sünder, weil er sündig ist, doch werfen dabei Sünder und Sünde in einen Topf. Der gute Katholik folgt allerdings dem Lehramt der Kirche und unterscheidet scharf, wie mit dem Skalpell, zwischen beidem. Er liebt den Sünder und hasst gerade deswegen die Sünde so sehr. Allerdings gebietet die Liebe gegenüber dem Sünder auch, dass man ihn als Person mit einer unveräußerlichen Menschenwürde anerkennt, und nicht gegen seinen Willen handelt. Man sollte also niemanden „umerziehen“ oder „ummodeln“. Aber man sollte jeden Menschen im Geiste brüderlicher Korrektur auf seine Schwächen, die man an ihm entdeckt, aufmerksam machen und ihm beim Kampf gegen sie helfen. Das gebietet die Nächstenliebe. (Freilich muss man dann auch in der Lage sein, mit einer ähnlichen Kritik, die sich gegen die eigenen Schwächen richtet, umzugehen. Man kann nicht den Splitter im Auge des Nächsten kritisieren, solange man vor dem Balken im eigenen Auge davonläuft, statt ihn zu bekämpfen. Und mit diesem Teil der Gleichung haben wir Menschen oft die größten Probleme.)

Liebt den Sünder – Hasst die Sünde

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die kirchliche Position eine vorbildliche Balance zwischen Exzessen auf der linken und der rechten Seite darstellt. Auf der einen Seite sind diejenigen, die in ihrem wohlmeinenden Eifer, alle Menschen so anzuerkennen wie sie sind, die Sünde gleich mit in den Rang des Würdesubjekts, das gefeiert werden soll, erheben. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die in ihrem genauso wohlmeinenden Eifer nicht nur die Sünde selbst, sondern auch den schwachen Menschen, der sich in ihrem gierigen Griff befindet, verdammt. Doch oft genug können Menschen gar nichts für die Antriebe, mit denen sie aus Gewohnheit, aus psychologischen oder aus genetischen Gründen geschlagen sind, und vor denen sie immer wieder einknicken. In diesem Fall darf man niemals das Kind mit dem Bade ausschütten. Der Homosexuelle bleibt ein Sünder (wie wir alle), aber er bleibt auch ein Würdesubjekt, eine Person, die unsere unbedingte Anerkennung und unsere Liebe verdient. Die Kirche wendet sich mit gleicher Entschiedenheit gegen beide wohlmeinenden Irrtümer und propagiert die authentische Lehre Jesu Christi, durchzogen von größter Liebe gegenüber dem schlimmsten Sünder und daraus folgend einer tiefsitzenden Abneigung gegen die hässlichen Sündennarben, die das Antlitz Gottes in ihm verunzieren.

Homosexualität (3/5)

Der linke Abgrund

Nachdem nun einige populäre Irrtümer über die Haltung der Kirche zur Homosexualität beseitigt sind, wollen wir uns noch kurz der Frage zuwenden, was denn eigentlich die Haltung der Kirche ist.

Um die ausgefeilte Präzision der kirchlichen Position zu diesem Thema, die ganze Komplexität, verstehen zu können, muss man in den Blick nehmen, dass links und rechts neben der lehramtlichen Meinung der Kirche zwei gigantische, geradezu monströse Abgründe klaffen. Auf der einen Seite ist die Ansicht, der Mensch sei genauso zu akzeptieren wie er geschaffen worden sei, und daher dürfe man grundsätzlich niemanden für seine Anlagen und Triebe kritisieren. Denn schließlich sei der Mensch Gottes Schöpfung und Gott weiß was er tut, also ist ein homosexueller Mensch Gottes Wille. Daher, so sagen die Anhänger des Abgrunds auf der linken Seite, müsse man homosexuelle Menschen nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern sie geradezu ermutigen, ihre sexuelle Orientierung auch öffentlich auszuleben, sie positiv zu sehen, sie anzunehmen, nicht mehr gegen sie anzukämpfen und einiges mehr. Doch diese Position hat den riesigen Pferdefuß, dass sie die Glaubenswahrheit der Erbsünde übersieht. Worin besteht dieser Fehler?

Man stellt sich auf den Standpunkt, man müsse den Menschen so annehmen wie er ist. Das hört sich zunächst einmal tolerant und gut an. Und es ist ja auch nicht falsch. Es ist sogar fast richtig – aber eben nur fast. Man soll in der Tat alle Menschen so annehmen wie sie sind – bis auf die Sünde im Menschen. Die Sünde im Menschen trennt diesen im Extremfall von seinem höchsten Zweck (auf ewig das Angesicht Gottes zu schauen). Einen Menschen zu lieben heißt daher nicht nur ihn anzunehmen wie er ist, sondern auch darauf zu hoffen, dass er seine Sünden überwindet. Ja, wir sollen den Menschen annehmen wie er ist. Auch den Homosexuellen? Ja, auch ihn. Aber diese Annahme kann nicht übersehen, dass er einen heftigen Antrieb in sich hat, der ihn von Gott entfernt, der ihm damit objektiv betrachtet schadet. Seit der Erbsünde sind alle Menschen mit diversen moralischen Fehlern geschlagen. Bei Homosexuellen ist es eben eine Unordnung im Sexualbereich, andere bekommen diese Probleme in anderen Lebensbereichen. Doch wo auch immer die moralischen Fehler auftauchen – wahre Liebe gegenüber dem Menschen bedeutet, ihm diese Fehler nicht zu verschweigen und ihm auch nicht einzureden, die Fehler seien in Wahrheit gar keine Fehler.

Im Gegenteil! Wenn wir einen Menschen wirklich lieben, werden wir versuchen mit ihm an seinen Fehlern zu arbeiten. Niemand würde seinem Kind nach einer „5“ in Mathe sagen, Mathe sei doch nicht so wichtig und es solle doch einfach seine „5“ stolz annehmen, sie zelebrieren. Nein, das würden liebende Eltern nicht tun. Auch dann nicht, wenn das Kind aufgrund einer Matheschwäche niemals besonders gut wird werden können. Etwas besser als „5“ geht wahrscheinlich schon. Und dasselbe gilt auch für alle anderen menschlichen Schwächen, auch und gerade im Bereich der Moral. Homosexuelle sitzen damit wieder im selben Boot wie wir alle. Wahrscheinlich wird niemand von uns jemals völlig frei von der Sünde werden – aber wenn wir nicht mehr gegen sie ankämpfen, haben wir schon verloren. Auch Homosexuelle werden wahrscheinlich niemals ihren Trieb loswerden, doch das was zählt ist der Wille, der ernstliche Versuch, gottgefällig, heiliggemäß zu leben. Gottes Gnade wird den Rest dazutun, den ständig fehlenden Rest, den wir niemals aus eigener Kraft herbeischaffen können.

Doch wenn wir, wie die Anhänger des Abgrundes auf der linken Seite, die Sünde zelebrieren, feiern, mit dem gottgefälligen Verhalten „gleichstellen“ wollen, dann ist das ein immenser Fehler. Und es ist auch kein Ausdruck von Liebe, sondern höchstens von gleichgültiger Apathie gegenüber dem Betroffenen.

Homosexualität (2/5)

Wozu Sünden führen

Das Ergebnis aller Sünden ist allerdings die Entfremdung von Gott, da jede Sünde eine (zumindest implizite) Entscheidung gegen Gottes Willen und zugunsten des eigenen Willens darstellt. Jede Sünde ist in dieser Hinsicht eine Art Vergegenwärtigung des Sündenfalls, bei dem Adam und Eva sich gegen Gott entschieden, indem sie ihm nicht den liebenden Gehorsam entgegenbrachten, den sie Gott schuldeten, sondern lieber – seinem Willen trotzend – von dem Baum aßen, von dem er ihnen zu Essen verboten hatte. Jede Sünde ist eine Abwendung des Sünders von Gott. Lässliche Sünden sind kleinere Abwendungen von Gott, die das Band zwischen Mensch und Gott nicht zerschneiden, sondern nur schwächen. Todsünden sind so schwerwiegende Abwendungen, dass durch ihr Begehen der Sünder das ihn mit Gottes Gnade verbindende Band zerschneidet. Gott ist jedoch bei allen Sünden – auch bei schwersten Todsünden – bereit, den Sünder sofort wieder in seine liebevolle Umarmung aufzunehmen, wenn dieser durch echte Reue (und anschließenden Gebrauch des für diese Zwecke eingesetzten Sakraments) seinen diesbezüglichen Willen deutlich macht.

Verwerflichkeit gelebter Homosexualität

Gelebte Homosexualität, die die Kirche als Sünde ansieht, ist also ebenso wie alle anderen Sünden eine Abwendung von Gott. Warum ist sie das? Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen und ihnen aufgetragen fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Zu diesem Zweck gab er dem Mann und der Frau einander ergänzende Sexualorgane, deren vornehmlicher Zweck in der Erfüllung eben dieses Auftrages zu finden ist. Homosexuelle Akte sind ihrer Natur nach aber grundsätzlich unfruchtbar, steril, nicht fähig neues Leben zu schenken. In dieser Hinsicht bewegt sich gelebte Homosexualität in derselben Kategorie wie künstliche Verhütung und ist aus demselben Grund moralisch falsch: Sowohl gelebte Homosexualität als auch künstliche Verhütung machen dem natürlichen Zweck der Sexualität sozusagen einen großen Strich durch die Rechnung. Doch sich dem Willen Gottes zu widersetzen ist eine Abwendung von Gott, da dieser, allmächtig, allwissend und gütig, das, was wirklich und wahrhaftig gut für uns ist, besser kennt als wir selbst (unser Verstand ist oft vernebelt von kurzlebigen Trieben, Ambitionen und Ablenkungen aller Art). Eine Abwendung von Gott ist aber nichts anderes als Sünde. Sünde trennt den Menschen von Gott. Homosexualität ist, sofern man sie auslebt, sündig, also trennt sie ebenso wie jede andere Sünde auch, den Menschen von Gott. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir sind alle Sünder, wir alle haben Gottes Gnade schon oft durch unser Handeln auf die Probe gestellt. Homosexuelle nehmen hier wiederum keinerlei Sonderstellung ein. Sie verdienen wie jede Gruppe von Menschen, die mit einem schwer zu beherrschenden Drang zu sündhaften Handlungen ausgestattet ist, unser Mitgefühl, unsere Hilfe bei ihrem Kampf gegen ihre eigenen Schwächen.

Falsche Fährten: Krankheit

Ein letztes populäres Missverständnis ist noch, dass die Kirche Homosexualität als Krankheit sehe. Doch auch dies ist nicht der Fall. Ob die Anlage zur Homosexualität genetisch oder anerzogen ist, behandelt werden kann oder so tief im Menschen sitzt, dass eine Behandlung unmöglich ist, all diese Fragen haben absolut nichts mit der Lehre der Kirche zu tun. Die Kirche maßt sich keine besondere psychologische oder medizinische Kompetenz an. Das ist nicht ihre Aufgabe. Früher gingen die meisten Fachleute davon aus, Homosexualität sei eine Krankheit und dachten sich eine Vielzahl von Therapien aus. Heute sehen viele Fachleute dies als den falschen Weg (allerdings bei weitem nicht alle). Doch wie auch immer diese Fachdebatte ausgehen mag, und was auch immer in dieser Frage die Wahrheit sein mag, an der Lehre der Kirche ändert sich dadurch nichts. Das Ausleben homosexueller Triebe ist moralisch falsch. Dies ist eine moralische Wertung, keine psychologische, medizinische oder therapeutische. Und alle Menschen sind dafür verantwortlich wie sie handeln (es sei denn sie unterliegen direktem körperlichem Zwang, was im Falle eines Sexualtriebs nicht der Fall ist, da wir nicht gezwungen sind, dem Sexualtrieb nachzugeben, wenn wir das nicht wollen). Also ist auch der homosexuelle Mensch für sein Handeln verantwortlich, egal wie die Wissenschaft sich die Tatsache erklärt, dass es Menschen mit solchen Anlagen gibt.

Auch hier ist wieder festzustellen, dass die Position der Kirche meist falsch dargestellt worden ist (auch und gerade von Vertretern der Kirche in der Hitze öffentlicher Debatten gerade in einer Zeit, in der man nicht die Möglichkeit bekommt, ausgefeilte, nuancierte Beiträge von einiger Länge zu schreiben, sondern einfach plötzlich irgendeine Frage vorgehalten bekommt, für deren Antwort man maximal eine Minute Zeit hat).

Homosexualität (1/5)

Eine Vorbemerkung

Kurz nach meinem Kirchenbeitritt führte ich ein Gespräch mit einem anderen Gemeindemitglied, in dem es unter anderem auch um die Frage der Homosexualität ging. Ich bekannte mich zur kirchlichen Position der Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität und erntete heftigen Widerspruch, das sei ja diskriminierend und überholt. Die anschließende Diskussion führte zu nichts und das Gespräch endete sehr bald zwar höflich, aber ohne besondere Freundschaftlichkeit.

Das Gespräch motivierte mich dazu, einen Text zu schreiben, der die kirchliche Lehre zur Homosexualität kurz erläuterte, gegen einige populäre Missverständnisse bzw. Vorurteile zu verteidigen suchte, und sich dabei auf einem möglichst allgemeinverständlichen Niveau bewegte. Zudem unternahm ich den Versuch, jegliche Polemik zu vermeiden.

Anlässlich der seltsamen Äußerungen von Kardinal Woelki zu diesem Thema habe ich mich entschlossen, diesen alten Artikel wieder hervorzukramen, ihn zu überarbeiten (wodurch er an Länge zugenommen hat) und hier zu veröffentlichen. Er ist insofern ungewöhnlich für diesen Blog, als ihm – zumindest in der Absicht des Autors – jegliche Polemik oder undiplomatische Ausdrucksweise fehlt. Es ist schlicht der Versuch, das Fingerspitzengefühl aufzuweisen, um das Kardinal Woelki bei seinen Worten wohl bemüht gewesen sein dürfte, allerdings ohne dabei zu seltsamen Äußerungen zu kommen, die einen Bruch mit der kirchlichen Lehre suggerieren.

Einleitung

Kaum eine heutige Diskussion über den katholischen Glauben kommt ohne Debatte über Homosexualität aus. Denn selbst wenn der durchschnittliche Deutsche nichts über den Glauben weiß, so ist ihm doch bekannt, dass die Kirche „gegen Homosexuelle“ ist. Dies ist dem Deutschen in den Medien über Jahre hinweg bei jeder Gelegenheit eingehämmert worden, so dass man an dieser festen Überzeugung wahrlich nicht vorbeikommt. Dabei ist sie voll und ganz falsch, auch wenn dies vermutlich absolut unglaubwürdig klingt. Die Kirche ist nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen gelebte Homosexualität. Und die Gründe dafür mögen dem Durchschnittsbürger zwar schleierhaft sein, doch es gibt sie. Ich möchte in den folgenden Zeilen zwei Ziele erreichen: Dem Leser erstens ein Grundverständnis vermitteln, was die Kirche zu diesem Thema glaubt (und es kann sich nur um ein Grundverständnis handeln, da das Thema mit fast allen anderen sittlichen Fragen zusammenhängt und eine gründliche Behandlung den Rahmen sprengte), und zweitens warum sie das tut.

Um dies effektiv zu ermöglichen ist allerdings ein kurzer Einschub zu der Frage notwendig, was die Kirche alles NICHT glaubt. Denn da gibt es einige falsche Fährten.

Falsche Fährten: Alle Homosexuellen kommen in die Hölle

Oft hört man, die Kirche lehre, alle Homosexuellen kämen in die Hölle. Dies ist jedoch nicht der Fall. Nach katholischer Lehre ist die Tendenz zur Homosexualität weder verwerflich noch sündig. Aufgrund der natürlichen Ordnung der menschlichen Sexualität auf die Fortpflanzung hin (biologischer Zweck des Sexualakts) widerspricht die homosexuelle Ausrichtung allerdings der natürlichen Ordnung. Sie kann also als fehlgeordnet bezeichnet werden (was keine religiöse, sondern eine rein weltliche Einsicht ist). Allerdings können Menschen in der Regel nichts für ihre Anlagen, egal ob sie angeboren, oder im frühen Kindesalter ansozialisiert wurden. Deswegen ist kein Mensch schuldig oder sündhaft, bloß weil er die Anlage zur Homosexualität hat. Um es zu wiederholen: Die Kirche glaubt nicht, dass Menschen mit homosexueller Triebstruktur per se sündig sind.

Und wenn sie schon das nicht glaubt, dann gilt das umso mehr für die Frage, ob Homosexuelle in die Hölle kommen. Eine homosexuelle Triebstruktur ist keine Sünde, weder eine lässliche noch eine Todsünde. Und selbst wenn, dann gäbe es immer noch das Sakrament der Buße, mit dem sich selbst schwerste Todsünden (bei Vorliegen von Reue) tilgen lassen. Die Kirche lehrt zudem, dass niemand die ewige Verdammnis erfährt, ohne dass er (im Nachhinein) das Urteil als gerecht ansieht.

Falsche Fährten: Verfolgung von Homosexuellen

Ein weiterer häufiger Irrtum ist, dass die Kirche für die Verfolgung oder Ausgrenzung von Menschen mit homosexuellen Tendenzen sei. Niemals hat die Kirche gelehrt, dass jemand nur wegen seiner Triebstruktur zu verfolgen sei. Heute legt sie (vollkommen zurecht) großen Wert darauf, dass es weder sündhaft noch strafbar sein sollte, eine bestimmte Triebstruktur zu haben, auch wenn diese (wie im Fall der Homosexualität) aus Gründen der natürlichen Struktur menschlicher Fortpflanzung objektiv fehlgeordnet ist.

Die Verfolgung von Menschen aufgrund irgendwelcher nicht-selbstverschuldeter Eigenschaften ist grundsätzlich sündhaft und kann niemals gerechtfertigt werden. Und eine Ausgrenzung oder Diskriminierung ist zwar nicht grundsätzlich abzulehnen, aber sie bedarf eines sehr guten Sachgrundes.

Falsche Fährten: Genetik und Sozialisation

Ein dritter Irrtum ist, dass die Lehre der Kirche voraussetzt, dass Homosexualität nicht angeboren ist. Es wird behauptet, wenn Homosexualität genetisch veranlagt sei, dann müsse es in Ordnung sein sie auszuleben. Doch ist die Frage der Ursache von Homosexualität, so wichtig sie für den konkreten Umgang mit der Anlage für die Betroffenen und ihr Umfeld sein mag, für die Frage nach der rein moralischen Bewertung irrelevant. Denn die Ausübung fehlgeordneter Antriebe ist grundsätzlich moralisch verwerflich, unabhängig davon, woher sie auch stammen mögen. Ob angeboren oder nicht, das Ausleben eines fehlgeordneten Triebes ist moralisch nicht zulässig.

Falsche Fährten: Sonderstellung der Homosexualität

Ein vierter Irrtum in der öffentlichen Meinung über die Lehre der Kirche ist, dass die Kirche Homosexuelle „ausgucke“ oder dergleichen. Doch auch dies ist absolut nicht der Fall. Gelebte Homosexualität ist nach der Lehre der Kirche moralisch falsch, und kann, da es sich um eine wichtige Sache handelt (menschliche Fortpflanzung und Sexualität sind für den Fortbestand der Spezies entscheidend, und daher enorm wichtig), das Niveau der Todsünde erreichen, wenn sie wissentlich und willentlich ausgelebt wird. Doch exakt dasselbe gilt auch für alle anderen sündhaften Tätigkeiten in wichtigen Sachen. Homosexuelle sitzen in demselben Boot wie wir alle. Wir alle haben einige Triebe und Wünsche, die nicht vereinbar mit der von Gott gegebenen moralischen Lehre sind, und wir alle machen uns einer Sünde schuldig, wenn wir diese Triebe und Wünsche ausleben. Die Sünde gelebter Homosexualität ist dabei in keiner Weise besonders herauszuheben. (Man muss immer die Sünden betonen, für die das Bewusstsein in der Gesellschaft gerade fehlt, damit dieses Bewusstsein erwacht, und so eine Umkehr der Menschen möglich wird. Heute, in Zeiten der „Normalisierung“ aller möglichen fehlgeordneten Triebstrukturen, ist dies eben die Homosexualität. Dies ist aber kein besonderes Merkmal der Homosexualität, sondern ein besonderes Merkmal unserer Zeit.) Sie ist in dem hier verfolgten Zusammenhang eine Sünde wie jede andere auch.

Über Demokratie und Fortschritt

Zwei Zitate zum Thema „Demokratie und Fortschritt“:

Democracies are the blossoming of the aloe, the sudden squandering of the vital force which has accumulated in the long years when it was contented to be healthy and did not aspire after a vain display. The aloe is glorious for a single season. It progresses as it never progressed before. It admires its own excellence, looks back with pity on its earlier and humbler condition, which it attributes only to the unjust restraints in which it was held. It conceives that it has discovered the true secret of being ‚beautiful for ever,‘ and in the midst of the discovery it dies.

— James Anthony Froude

[Demokratien sind das Erblühen der Aloe, das plötzliche Verschleudern der Lebenskraft, die sich in den langen Jahren angesammelt hat, in denen sie zufrieden damit war, gesund zu sein und sich nicht eitel zur Schau zur stellen. Die Aloe ist prächtig für eine Jahreszeit. Sie schreitet voran, wie sie nie zuvor vorangeschritten ist. Sie bewundert ihre eigene Vortrefflichkeit, schaut mitleidig auf ihren früheren und demütigeren Zustand zurück, für den sie einzig die ungerechten Einschränkungen verantwortlich macht, in denen sie gehalten wurde. Sie stellt sich vor, dass sie das wahre Geheimnis der „ewigen Schönheit“ entdeckt hat – und mitten in dieser Entdeckung stirbt sie.]

Und noch eines meiner Lieblingszitate von C.S.Lewis

We all want progress. But progress means getting nearer to the place where you want to be. And if you have taken a wrong turning, then to go forward does not get you any nearer. If you are on the wrong road, progress means doing an about-turn and walking back to the right road; and in that case the man who turns back soonest is the most progressive man.

— C.S. Lewis

[Wie alle wollen Fortschritt. Doch Fortschritt bedeutet, dem Ort näher zu kommen, an dem man sein will. Und wenn man falsch abgebogen ist, dann kommt man nicht näher heran, indem man weiter vorwärts geht. Wenn man auf dem falschen Weg ist, bedeutet Fortschritt, umzukehren und auf den rechten Weg zurückzugehen; und in diesem Fall ist der Mensch, der zuerst umkehrt der fortschrittlichste Mensch.]

Resümee zum Papstbesuch

Ich möchte zunächst einmal auf diese Zusammenfassung und Wertung des Papstbesuchs vom wie üblich lesenswerten Armin Schwibach auf Kath.net verweisen. Viele wesentliche Punkte, die ich eigentlich in diesem Resümee auch hätte ansprechen wollen, sind dort schon erwähnt, so dass ich mich auf einige kurze persönliche Anmerkungen und Beobachtungen beschränken werde.

Der Opti-Mist:

1. Ich war nicht selbst dabei – aber ich konnte alles verfolgen was ich wollte, und war immer gut informiert. Dies liegt allerdings nicht an der Berichterstattung der Mainstreammedien, die ich, soweit möglich, vollständig ignoriert habe, sondern vielmehr an der vorbildlichen Berichterstattung im Internet verfügbarer katholischer Medien. Besonders kath.net war, wie meistens, eine unverzichtbare Informationsquelle über alle möglichen Details des Besuchs, die sonst selbst persönlich Anwesenden hätten entgehen können. Ein großes Lob also an die für diese Berichterstattung Verantwortlichen.

2. Die Reden, Predigten und Ansprachen des Papstes waren definitiv Höhepunkte der Reise (abgesehen von den Worten beim Treffen mit der EKD, die deutlicher hätten herausstellen müssen, dass es keine Gremien-Ökumene mit einer Gruppierung geben kann, die darauf besteht, sich in allen wesentlichen Punkten mit Volldampf vom Christentum abzusetzen, um der Welt zu gefallen). Besonders die Ansprache im Bundestag muss als Jahrhundertrede gelten, da sie die Grundlagen gerechter Rechtsfindung hervorgehoben hat, und zwar in einer Weise, die sehr wenige Deutsche bislang jemals gehört haben.

3. Die Papstmessen haben gezeigt, dass der Deutsche durchaus in der Lage ist, mit lateinischen Antworten in der Messe umzugehen. Allerdings werde ich die Papstmessen weiter unten noch genauer behandeln müssen.

Der Pessi-Mist:

4. Leider waren die Papstmessen nicht wirklich Höhepunkte der Reise, obwohl das eigentlich Wichtigste, nämlich Christus, dort wirklich präsent war. Dies lag an einer Vielzahl von Faktoren: Die belanglosen Liedchen mit musikalischen Arrangements irgendwo im fruchtlosen Niemandsland zwischen Jazz, Disco und Woodstock, für den Anhänger dieser Art Musik womöglich ganz gefällig, aber definitiv ungeeignet für eine Messe trugen einen gewichtigen Teil dazu bei.

5. Der Kommunionempfang bei der Heiligen Messe in Berlin (bei den anderen Messen habe ich nicht so sehr darauf geachtet, aber ich fürchte, es wird nicht anders gewesen sein) hat wieder einmal gezeigt, dass Massenmessen generell nicht besonders zielführend sind, und ich möchte gar nicht wissen zu wie vielen Sakrilegien es dabei gekommen ist. Die Mehrzahl der Anwesenden ebenso wie die Mehrzahl der „Kommunionspender“ schienen nicht den geringsten Sinn für den ehrfürchtigen Umgang mit dem Leib des Herrn zu haben. Im Gegensatz dazu stand die Mundkommunion des Papstes.

6. Bereits im Vorfeld des Besuchs absehbar war die mit 2000 Jahren kirchlicher Tradition einfach nicht zu vereinbarende Dominanz von Frauen am Altar. Es ist bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Dienst am Altar und Priesterberufungen gibt – je mehr man weiblichen Personen Zugang zu solchen Diensten ermöglicht, umso weniger Priesterberufungen wird es geben. Außerdem wird in den Köpfen vieler Katholiken die Präsenz von Frauen am Altar die Vorstellung weiblicher Priester immer „normaler“ werden lassen.

7. Die Machenschaften der Kirchenbürokratie in Deutschland bereits Monate vor der Messe, bis direkt zu dem kleinen Skandal um die Verweigerung von zugesagten Eintrittskarten für Deutschland pro Papa, deutet bereits die Absicht weiter Teile der zuständigen Bürokraten an, den Besuch möglichst verpuffen zu lassen. Die Einpeitschung der anwesenden Jugendlichen mit tendenziösen Fragen zu den üblichen Plapperthemen der Verbandskatholiken in Freiburg ließ zusätzlich noch erkennen, dass die Zuständigen selbst während des Papstbesuchs nicht ruhten, um den Heiligen Vater zu brüskieren.

Zusammenfassung:

Der Heilige Vater hat nun Deutschland wieder verlassen, und er hat den Deutschen alles gesagt, was er ihnen sagen musste. Er hat ihnen einen Ausblick über die üblichen Fragen im verbandskatholischen Plapperprozess geboten, er hat sie auf die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr hingewiesen, ihnen erklärt, dass Rechtssetzung immer im Einklang mit dem natürlichen moralischen Gesetz stehen muss, und vieles mehr.

Doch leider ist dies alles nicht genug gewesen. Nichts was der Papst hätte tun können, hätte je genug sein können. Denn die überwältigende Mehrheit der Deutschen erfährt von dem Besuch nur aus den politisch korrekten Mainstream-Medien – das gilt auch für die meisten Katholiken – und vielleicht noch aus ebenso politisch korrekten Kirchen- oder Bistumszeitungen. Alles, was sie vom Papst hören, ist sorgfältig chemisch gereinigt, auf belanglose Floskeln reduziert, oder zumindest in einen Schwall von Protesten und politisch korrekten Wertungen eingebettet, dass es seine explosive Wirkung verliert.

Die Mehrzahl der deutschen Bischöfe, Gremienkatholiken und sonstigen Verantwortlichen ist ohnehin so verhärtet in ihren Ansichten, dass persönliche Bekehrungen unmöglich erscheinen. Dazu braucht es wenigstens ein offenes Herz. Gänzlich unmöglich ist mit Gottes Hilfe natürlich nichts, aber dass die Opladens und Zollitschs dieses Landes auf einmal papsttreu werden, ist doch ziemlich unwahrscheinlich.

Die Auswirkungen des Papstbesuches werden also auf eine kleine Zahl schon vorher überzeugter Zuschauer beschränkt bleiben, die von den Aussagen des Papstes in ihrem Glauben bestärkt werden. Der Heilige Vater ist ein großer Philosoph, manche nennen ihn gar einen Propheten. Doch jeder Philosoph und jeder Prophet kann nur Erfolg haben, wenn man ihm mit offenem Herz zuhört.

Das ist jedenfalls nicht geschehen. Jetzt wo der Papst wieder sicher im Ausland ist (ich habe erstmal durchgeatmet, dass er wenigstens aus diesem Land heil entkommen ist – keine Selbstverständlichkeit, betrachtet man das Kesseltreiben der Medien und modernen linken Politiker gegen ihn), können die üblichen Verdächtigen ihre üblichen Spiele in sicheren Pfründen weitertreiben, bis ihnen das Dach der schrumpfenden Kirche endgültig auf den Kopf fällt, oder der Vatikan endlich auf der Abschaffung der Zwangskirchensteuer besteht, die diese Pfründe bewässert.

Der Papst hat sein Möglichstes getan, und Gott wird daraus reiche Früchte sprießen lassen. Doch wie viele dieser Früchte werden seine Rückkehr nach Rom überdauern? Und wie viele werden von den Gremien durch irgendeinen neuen Vorstoß direkt wieder zertreten, bevor sie dem Status Quo gefährlich werden können?

Nachdem englischsprachige Katholiken im Internet und der Papst mich bekehrt hatten, brauchte ich 18 Monate, bis ich meine Abscheu gegen die „Kirchenhierarchie“ in Deutschland endlich überwinden konnte. Inhaltlich war ich schon im Frühjahr 2009 überzeugt – bei der Kirche gemeldet habe ich mich im Herbst 2010. Der Grund dafür war, dass ich bei der Kirche in Deutschland kaum Spuren des katholischen Glaubens entdecken konnte, den ich gerade erst lieben gelernt hatte.

Wie viele andere Menschen wird es geben, die ähnlich denken, sich aber nie den letzten Ruck geben? Wie viele Bekehrungen, wie viele Konversionen sind vom Verbands- und Bürokratiemorast schon erstickt worden? Wir werden es nie wissen. Aber Gott weiß es.

Und wenn die Verantwortlichen dafür irgendwann vor IHM stehen – dann Gnade ihnen Gott.

Denn es geht hier nicht um diesen oder jenen Musikgeschmack, nicht um modern oder traditionell, sondern um unsterbliche Seelen.

Katholizismus ist ganz einfach…

Fr. Longenecker hat sich wieder einmal selbst übertroffen mit einem relativ kurzen, aber unglaublich treffenden Artikel unter der Überschrift „The Great Transaction“. In wenigen Zeilen entlarvt er die Vorstellung, man finde Gott in der Introspektion, und indem man seinen innersten Leidenschaften nachgebe, als Häresie. Lohnt die fünf Minuten für eine Lektüre definitiv. Hier nun ein (sehr langer) Auszug, und meine Kommentare wie immer in rot. Hervorhebungen grundsätzlich von Catocon.

In the church today there is a heresy that doesn’t yet have a name–or perhaps it does and I have not learned it yet. It goes like this: „Mankind is in search of meaning. In every person there is a God-shaped space. By looking within, by searching for one’s own heart desire, we will eventually find meaning. We will have an encounter with Christ. We will realize that the Christian way is the true way. Then we will walk in this way with peace, joy and a fulfilled life.“ Let’s for the want of a better term call this heresy ‚personalism'(…).

Like all heresies, it’s not all wrong.[Eine ganz entscheidende Einsicht. Alle Häresien nehmen einen Aspekt der Wahrheit, blasen ihn immer weiter auf, und verabsolutieren ihn, bis kein Platz mehr für die entgegengesetzten Wahrheiten mehr ist. Das beste Beispiel ist der Modernismus – er nimmt die an sich richtige Idee, dass religiöse Erfahrungen einen wichtigen Weg zur Gotteserkenntnis darstellen können, behauptet dann aber, dies sei der einzige Weg zur Gotteserfahrung, und daher könne man Dogmen der aktuellen Zeit anpassen, damit sie „relevant“ blieben. Jede Häresie – und alle modernen Ideologien sind bloß christliche Häresien – ist die Verabsolutierung einer richtigen Idee] It’s just that it’s not all right. Sure there is a God-shaped space in each one of us. Sure, the source and summit of all our desires is, in the end, the Christ who loves us. Sure, if we seek we will find, and if we search we will discover. If we ask we will be answered. However, what this new „existentialist fideism“ does is places the human person at the heart of the search for God.[Klassischer Subjektivismus] It sounds nice and humanistic and all that, but it’s not really in the Bible is it?[Das ist immer das Ergebnis der Protestantisierung katholischer Lehren. Das beste Argument gegen die diversen vom Protestantismus inspirierten Häresien ist immer noch „sola scriptura“] It’s not really the way of the saints. You don’t find God telling the patriarchs to „search their inner being to discover the light.“ He says, „Obey me. Leave all, and go to the promised land.“
(…)

This new personalism is very often subjective in it’s declared encounter with Christ, and as such it is unreliable.[Darum brauchen wir eine „objektive“ Religion, wir brauchen Dogmen, ein Lehramt usw. Die bloße Erfahrung oder Meinung von Menschen ist nicht verlässlich. Entweder gibt es gar keine Sicherheit im Glauben, kein religiöses Wissen, und daher auch keinen Grund überhaupt zu glauben, oder es gibt einen sicheren, d.h. von Gott eingerichteten, nicht bloß vom Menschen erdachten, Weg zur Glaubenserkenntnis]

I’m increasingly in favor of the simple transaction that the gospel and the church have always called for. „Repent and believe the Gospel.“ There’s the basic encounter with Christ. A soul says, „God, I’m sorry for my sin. I want to do better and can’t unless you help me. Give me the power of Christ and I will follow him.“ Within this simple transaction is all that is required. Not a lot of soul searching is needed. Not a lot of philosophical or theological discussion…not a lot of learning. [Obwohl ich sagen möchte, dass philosophische und theologische Diskussion zwar nicht erforderlich für die Erlösung ist – oft ist sie sogar hinderlich, wie wir an der heutigen Theologenschaft in Deutschland erkennen können – aber trotzdem gute und wichtige Erkenntnisse zu erbringen vermag] Just simple obedience and humble acceptance of Christ. Just simple metanoia–turning from my own way to the way of Christ.[Wer schickt diesen Artikel den diversen Buchstabensuppen-Gremien im deutschen katholischen Rätewald?]

This is the only gospel I have to proclaim. It is the only gospel there is. I don’t know of any other.
(…)

Within this transaction the Sacred Heart of Jesus takes my heart in his and makes it one. Within this transaction my little life is gathered up into his cosmic life. In this simple transaction I am both lost and found.

This Great Transaction is the burning diamond heart of the Christian faith.

Alle diejenigen, die den Glauben an die empfundene Notwendigkeit der „heutigen Zeit“ anpassen möchten, Feministinnen, die glauben, sie seien von Gott zum Priestertum berufen, nur weil sie sich selbst dazu berufen fühlen, Zeitgeistchristen aller Schattierungen, Rationalisierer, die Wunder heute für „unmöglich“ statt bloß „unglaublich“ zu halten und viele mehr, werden hier den Kopf schütteln und die Augen rollen. Wie altertümlich? Ist es nicht im Heute glaubend nötig Kirche neu zu sein, oder so? Unsinn. Wir müssen umkehren, denn das Himmelreich ist nahe – so nahe, dass wir die ersten Ausläufer schon bei jeder Heiligen Messe am Altar beobachten dürfen – und es wäre schrecklich, verlören wir es im letzten Moment noch an die pharisäerhaften Kleingläubigen mit Doktortitel, die uns weismachen wollen, der Glaube sei heute anders als zu Zeiten Jesu.

Er ist es nicht. Der Glaube ist immer noch derselbe, und er wird sich nicht ändern. Wir sind Sünder und bedürfen der Erlösung und der Reinigung – wir haben die Chance zu Lebzeiten umzukehren, unsere Sünden zu bereuen, und die Erlösung die uns allein Jesus Christus anbieten kann, anzunehmen. Doch wir können sie auch abweisen, uns von Gott lossagen, ihm nicht folgen. Auch das akzeptiert Gott am Ende, denn er liebt uns und lässt uns unseren freien Willen. Das ist die Wahl, vor der wir stehen. Und das ist es, worum es für alle Menschen eigentlich geht.

Alles andere ist, so schön und richtig und wichtig viele weltliche Dinge auch sein mögen, in letzter Konsequenz irrelevant.

Das moderne Wrack

Ich verstehe nicht viel von Kunst, um das gleich vorweg zu sagen, doch das folgende Bild scheint mir ästhetisch ziemlich ansprechend zu sein, und zugleich irgendwie sehr gut auf die heutige gesellschaftliche Lage und die zukünftigen Aussichten zu passen, die uns bevorstehen, wenn wir nicht umkehren, oder es einen direkten Eingriff von GANZ oben gibt.

Gefunden habe ich es hier. Das Bild ist von William Turner und heißt „The Wreck of the Minotaur“. Es stammt aus dem Jahr 1810.

Doch natürlich geht es mir nicht nur darum, meinen vermutlich nicht vorhandenen Kunstgeschmack zu zelebrieren, oder den Leser auf dieses Bild aufmerksam zu machen, sondern eigentlich um etwas anderes, nämlich den Zustand unserer Gesellschaft. Der Gewohnheitsleser des Blogs wird wissen, dass sein Autor eher zum Pessimismus neigt, um das einmal vorsichtig auszudrücken, zumindest kurz- und mittelfristig. Langfristig wird die Sache natürlich ganz anders aussehen, darüber haben wir als Katholiken recht zuverlässige Informationen, um auch dies vorsichtig zu formulieren.

Doch in den nächsten 10, 20 vielleicht 50 Jahren? Wir haben gesehen, wie stark sich die Welt in 50 Jahren verändern kann. Nur die hellsichtigsten Zeitgenossen waren 1960 in der Lage die nahezu vollständige Zerstörung des sogenannten traditionellen Familienbildes vorhersehen, und selbst dass nur 20 Jahre später in fast ganz Europa und Nordamerika scheinbar zivilisierte Völker die Tötung der schutzlosesten Menschen, der Ungeborenen, legalisiert haben würden, wäre vermutlich den meisten völlig absurd vorgekommen.

Ähnliches gilt für den Kult, und man beachte dieses Wort, denn ich gebrauche es mit Bedacht, der um „alternative Sexualneigungen“ getrieben wird. Generell ist jedes Verständnis für die Tatsache, dass beide Geschlechter (und es gibt nur zwei, nicht zehn oder dreihundertneunundachtzig, egal was die Genderisten uns weismachen wollen) gerade weil sie so wertvoll und großartig sind, verschieden sein müssen, dass diese Verschiedenheit einen guten, lebensspendenden Grund hat, abhanden gekommen. Klar, auch heute würden nur die radikalsten Ideologen die EXISTENZ der Geschlechterdifferenz leugnen. Die Menschen sehen die Differenz, aber sie sehen nicht mehr, dass sie gut und schützenswert ist. Und doch basiert auf ihr die Fortexistenz des Menschen durch natürliche Fruchtbarkeit, und die natürliche Familie aus Mann, Frau und Kindern, auf der wiederum die Gesellschaft unverzichtbar aufbaut. All dies wird in der Theorie und zunehmend auch in der Praxis geleugnet. All dies hätten die Menschen 1960 nicht verstanden.

Ich bin überzeugt, dass ein Zeitreisender aus dem Jahre 1960, selbst wenn man ihm die ganze neue Technik erklärt und er sie verstanden hätte, sich 2010 nicht mehr zurechtfinden könnte. Es hat keinen großen Krieg gegeben, und doch lässt man Kinder nicht bei ihren Eltern, bei Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, aufwachsen, sondern in künstlichen Anstalten, fernab von der so notwendigen elterlichen Liebe. Es gibt keine immense finanzielle Not, und trotzdem sind Mütter nicht mehr für ihre Kinder, sondern nur noch für den wirtschaftlichen Austausch da (und scheinen das auch noch gut zu finden). Und Männer, die mit einer Frau ein Kind zeugen, heiraten diese nicht mehr, sondern zahlen lieber etwas Unterhalt, und es gibt kaum gesellschaftlichen Druck auf sie. Und selbst wenn sie heiraten, lassen sie sich bald wieder scheiden.

Unser fiktiver Zeitreisender sähe Kirchen, in denen die Lehre der Kirche nicht mehr gepredigt wird, sondern nur noch ihre Leere herbeigeredet. Er sähe eine evangelische Kirche, die inzwischen offen antichristliche Thesen vertritt, die Tötung der Ungeborenen akzeptiert hat. Er sähe eine katholische Kirche, doch er wäre unfähig, sie als solche zu erkennen. Wo ist der Altar? Was macht dieser komische hässliche Tisch da vorn im Heiligtum? Wo ist der Tabernakel? Warum starrt mich der Priester während der Messe an, hat der nichts Besseres zu tun, wie etwa zu Gott zu beten? Warum verschweigt er uns, wenn er an diesem komischen, lächerlichen Redepult da vorne steht, die Hälfte der Wahrheit? Warum erkennt man ihn nicht als Priester, wenn er nicht gerade die Messe liest? Und was machen die ganzen Mädchen am Altar? Warum hält keiner diese anmaßenden Laien auf, die permanent im Heiligtum umherlaufen, als sei es ein Schauspielhaus? Warum gibt es keinen Respekt vor dem Priester? Warum gibt es keine jungen Leute mehr in der Kirche, und wo sind die ganzen Kinder? Warum ist ein Drittel der Katholiken geschieden? Warum geht niemand beichten? Warum hassen viele von ihnen den Papst so sehr? Die Liste seiner entsetzten Fragen ließe sich endlos fortsetzen. Doch man könnte ihm nicht verübeln, wenn er zu dem Ergebnis käme, er hätte sich in der Tür geirrt, da dies offensichtlich nichts mit einer katholischen Kirche zu tun hat.

Vermutlich würde er Sedisvakantist, wenn ihm niemand gründlich erklärte, was wirklich abgelaufen ist.

Die heutige, moderne Gesellschaft ist ein Wrack, sie befindet sich derzeit noch auf hoher See, doch die Felder von Eisbergen werden immer dichter. Und die Kirche, die sie vielleicht aus diesem Moloch befreien könnte, ist intern mit kleinen Streitfragen beschäftigt, die sie seit Jahrzehnten ihres Missionseifers berauben. Irgendwelche anmaßenden Laienvertreter befassen sich mit Dingen, die sie nichts angehen, und viele Priester und Bischöfe leben und predigen, als ob sie sich niemals vor ihrem Schöpfer verantworten müssten. Manche treiben es bis in die Strafbarkeit (etwa beim Missbrauchsskandal), andere sind moralisch weniger verdorben, lassen dafür ihre Schäfchen massenhaft ins Verderben laufen, indem sie Häresien predigen, den Glaubensverfall „pastoral“ begleiten, statt ihn ernsthaft zu bekämpfen (was wirklich pastoral ist, denn der Pastor ist der Hirte, und der Hirte ist dafür verantwortlich, dass die Schafe nicht in den Abgrund stürzen), und nicht den Eindruck machen, als ginge es ihnen um die Wahrheit, sondern nur um Popularität.

Natürlich gibt es gute Priester und Bischöfe, und es gibt gute Laien (und durch das Internet können sie sogar etwas mehr Einfluss gewinnen, und so vielleicht den Niedergang verlangsamen, vielleicht mit viel Glück sogar lokal stoppen oder umkehren). Genauso wie es sie immer gab und immer geben wird. Doch die große Masse der Menschen ist, so unpopulär und „undemokratisch“ das klingen mag, letztlich immer einigen wenigen gefolgt, die sie geführt haben. 99% der Menschen führen ihr Leben nicht nach sorgfältig durchdachten, logischen, zusammenhängenden Prinzipien, aber sie haben Vorbilder, Neigungen, Eltern, eine sie umgebende Gesellschaft, und all dies prägt die Menschen und beeinflusst ihren Willen. Kaum jemand ist wirklich unabhängig von „den Anderen“ und ihren Ansichten – heute im Zeitalter der Massenmedien noch weniger als je zuvor. Langfristig, und ich spreche von mindestens den letzten 400 Jahren, ist die Tendenz der Zersplitterung, des Glaubensverfalls, immer wieder als Sieger aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen – das ist die Periode, die Geschichtswissenschaftler unter Moderne zusammenfassen, etwa seit dem frühen 17. Jahrhundert. Und in dieser Periode hat es immer wieder kurzfristige Siege der Kirche gegeben, aber niemals haben diese Siege lange gehalten. Immer war die nächste Flut höher als die letzte, und die Wasser des „Fortschritts“ gingen niemals wieder so weit zurück, wie bei der letzten Ebbe.

War alles, was die Moderne gebracht hat, notwendigerweise schlecht? Nein, es gab auch viele gute Errungenschaften. Technischer Fortschritt hat das Leben vereinfacht und verlängert. Das positive Potenzial dieser Art Fortschritt ist enorm. Aber wofür haben die Menschen es genutzt? Mord, Zerstörung, zwei schreckliche Weltkriege und eine niemals dagewesene Vernichtung ihrer natürlichen Lebensumgebung, der meist so bezeichneten „Umwelt“. Und hat selbst so etwas wunderbares wie ein höheres Lebensalter wirklich nur positive Auswirkungen auf die Seele des Menschen? Oder gibt es nicht die Versuchung, je länger man lebt, dem alten Traum von der Unsterblichkeit mit den Mitteln des Menschen, statt mit denen Gottes nachzuhängen? Und was ist mit Technologien wie dem Automobil? Klar, Menschen können nun weitere Strecken zurücklegen, sie sind flexibler. Das KANN gute Auswirkungen haben. Doch hat es nicht die Zerstreuung von Familieneinheiten über das ganze Land begünstigt, in dem vergeblichen Geiste, man könne einander ja besuchen? Hat es nicht mehr zur Zerstörung echter lokaler Gemeinschaften beigetragen, als kaum eine Erfindung der letzten 200 Jahre? Ähnlich lassen sich Fragen aufwerfen bezüglich aller großen gefeierten technischen Fortschritte außerhalb des strikt medizinischen Bereichs – Handy, diverse Kühltechnologien, und ganz sicher der Computer.

Technik verlängert den Arm des Menschen, noch wofür nutzt er den verlängerten Arm? Das hängt von seiner sittlichen Grundhaltung ab, und die ist noch nie besonders gut gewesen. Die technische Unfähigkeit der Menschen, ihre starke lokale Gebundenheit, ihre kurze Lebensspanne, all dies hat die Fähigkeit des Menschen zum Guten wie zum Bösen immer geschwächt. Für sich ist Technologischer Fortschritt also neutral – doch der Mensch ist nicht neutral; er untersteht zunächst einmal dem Fürsten dieser Welt und ist von der Erbsünde gezeichnet. Auch wir Christen sündigen ständig und tun anderen großes Leid an. Mit den Mitteln moderner Technik multiplizieren wir dieses Leid tausendfach. Wir können auch das Gute multiplizieren, auf dieselbe Weise. Aber es gibt nur so wenige Heilige, und so viele unbußfertige Sünder! Die Schwäche des Menschen ist Gottes Quarantäne – und wir haben sie unterwandert. Doch wir haben unsere Krankheit, die die Quarantäne notwendig gemacht hat, dabei nicht abgelegt, wir haben unsere Seelen nicht geheilt, sondern sie immer kränker gemacht, uns immer mehr berauscht an Gier, Neid, Hochmut, Wollust und ihren Gefährten.

Und selbst heute: Kehren wir um? Es gibt kaum ein Anzeichen, dass ein signifikanter Anteil der Menschen überhaupt erkennt, dass es Grund zur Besorgnis gibt. Wir plappern von großen Bedrohungen, doch verstehen tun wir nichts. Wir können noch so sehr gegen die Banker, Spekulanten, Kapitalisten, Sozialschmarotzer, Ausländer, Moslems, Patriarchen, Reaktionäre, Juden und all die anderen Sündenböcke hetzen – die Schuld tragen wir selbst, mit jeder einzelnen Sünde, mit der wir unseren Erlöser erneut kreuzigen, sein zartes Herz durchbohren, und unsere eigenen Seelen und die unserer Mitmenschen verderben und verführen. Für unsere Missetaten ist niemand verantwortlich als wir selbst – und unsere Missetaten sich wirklich, ernst, und haben schreckliche Folgen in diesem und im nächsten Leben. Doch wer hört das heute noch in Kirchen? Kaum jemand. Und so schlafwandeln wir in den irdischen, zeitlichen Abgrund, aber auch in den ewigen.

Klar gibt es diejenigen, die sagen, alles sei auf dem Weg der Besserung. Selbst der sonst so realistische Fr. Longenecker stimmt in diesem Triumphalismus hemmungslos mit ein. Ja, traditionelle Orden und Priesterbruderschaften haben mehr Nachwuchs, und es mag auch sein, dass unter den heutigen Kirchgängern unter 30 die Einsicht der Papsttreue sich durchsetzen wird oder schon hat. Doch es sind so wenige, und es werden weniger! Und wir leben nun einmal in einer Demokratie, wo die Mehrheit entscheidet, d.h. es entscheidet die Elite, die in der Lage ist, die Mehrheit effektiv zu indoktrinieren. Und diese Elite ist nicht auf unserer Seite und wird es auch in Zukunft nicht sein.

Nein, wir sind nicht auf dem Weg der Besserung, zumindest nicht auf viele Generationen hinaus, zumindest nicht in Westeuropa und Nordamerika. Wir sind vielmehr, und damit komme ich zum Schluss, in der gleichen Lage, wie die Passagiere des oben abgebildeten Schiffs. Es gibt Rettungsboote, und wir werden nicht alle umkommen, aber die Lage ist ernst. Und es bringt nichts, nachdem die Titanic den Eisberg schon gerammt hat, und bereits im Sinken begriffen ist, noch fröhlich auf Deck Liedchen zu pfeifen, wie schön frisch doch der Tag ist, wenn man nicht wenigstens die wirkliche Lage realisiert. die moderne Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen kann – sie kann nur von der Substanz aus vormoderner Zeit zehren. Doch diese Substanz ist nicht unendlich, sie wird irgendwann aufgebraucht sein, und dann Gnade uns Gott.

Hörempfehlung: Manche diskutieren über den Verfall der Kultur, oder die „Kultur des Todes“. Anthony Esolen stellt in dieser Tonaufzeichnung eines Vortrags (in englischer Sprache) die Frage, ob wir überhaupt noch eine Kultur haben – und antwortet für die USA mit nein. Doch seine Analyse trifft auch auf uns zu. (Titel des Vortrags: „Is Culture a Thing of the Past?“)