Staat, Kirche und Religion: Was ist katholische Politik?

Viel wird über katholische Theologie, katholische Frömmigkeit und dergleichen geschrieben, und auch die Soziallehre findet immer wieder positive Erwähnung in den Sonntagsreden diverser Politiker, Bischöfe und Autoren. Doch in einer politisch sehr spannenden Zeit, in der bedeutende Weichenstellungen für die Zukunft getroffen werden, taucht für mich als gläubigen Katholiken unweigerlich immer wieder die Frage auf, ob es überhaupt so etwas wie eine katholische Politik gibt, und welche Folgen die Existenz genuin katholischer Anliegen in der Politik für den „säkularen Staat“ hat.

Ich bin überzeugt, dass die weltliche Sphäre von der geistlichen in einem gewissen Sinne nicht zu trennen ist. Das informierte katholische Gewissen kann zu politischen Entscheidungen wie der Legalisierung von Abtreibung, Euthanasie („aktive Sterbehilfe“) oder der Unterwanderung der natürlichen Familie nicht schweigen. Ebenso muss der Katholik aufbegehren, wenn Gier zum obersten Ordnungsprinzip der Wirtschaft erhoben wird, und Neid die Sozialpolitik beherrscht. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Aber bereits jetzt ist offensichtlich, dass es einige Bereiche gibt, in denen der Katholik bestimmte Positionen nicht vertreten kann, weil dies seinem informierten Gewissen widerspricht. Eine vollständige Trennung von Religion und Staat kann es daher nicht geben.

Man beachte jedoch die Distinktion zwischen „Religion“ und „Kirche“. Das Fehlen dieser wesentlichen Unterscheidung führt zu sehr vielen Irrtümern in der Debatte über das richtige Verhältnis von Kirche und Staat. Denn während die Kirche sehr wohl grundsätzlich vom Staat getrennt werden kann, gilt dies keinesfalls für die Religion. Wenn der Katholik durch seinen Glauben motiviert wird, eine bestimmte politische Position zu beziehen – etwa für ein Abtreibungsverbot, gegen die Einführung der „Homo-Ehe“ oder gegen die Ausbeutung von Arbeitern in vielen Entwicklungsländern – dann ist dies offensichtlich ein Verstoß gegen die „Trennung von Religion und Staat“. Denn viele Katholiken werden sehr wohl religiös motiviert sein, und nicht von einer säkularen ethischen Überlegung, wenn sie solche Thesen vertreten. Aber es ist kein Verstoß gegen die „Trennung von Kirche und Staat“, weil die Kirche überhaupt gar keine politischen Entscheidungen trifft.

Wenn umgekehrt eine Konferenz von Bischöfen aus Gründen der Machtpolitik Politiker beeinflusst, dann muss das noch nichts mit Religion zu tun haben. Es wäre also auch nicht notwendigerweise ein Verstoß gegen die Trennung von Religion und Staat, weil die Handlung dieser Bischöfe gar nicht religiös motiviert wäre. Aber es wäre natürlich ein Verstoß gegen die Trennung von Kirche und Staat – denn die Bischöfe sind offizielle Vertreter der Kirche (und wären sie auch atheistisch, sie blieben Vertreter der Kirche, bis sie von ihren Bischofsstühlen abberufen würden).

Staat und Kirche zu trennen ist daher auch aus traditionell katholischer Sicht meines Erachtens nicht unbedingt problematisch. Die natürliche Aufgabe des Staates ist das menschliche Gemeinwohl, die Aufgabe der Kirche das Seelenheil. Natürlich gibt es hier wichtige Berühungspunkte, etwa im Bildungswesen. Der Staat hat ein gerechtfertigtes Interesse an der Ausbildung der Jugend zu weltlichen Aufgaben. Die Kirche hat ein ebenso legitimes Interesse, nämlich die Jugend zu ihrem Seelenheil zu führen. Idealerweise würden Staat und Kirche nun kooperieren, so dass der Staat die Kirche fördert, wenn sie sich für das Seelenheil der Menschen einsetzt, und die Kirche den Staat unterstützt, wenn es um seine genuinen Aufgaben geht. Hier wird es natürlicherweise zu Spannungen kommen, doch eine solche Kooperation ist möglich. Man beachte, dass diese Kooperation die Trennung von Staat und Kirche gar nicht beeinflusst. Staat und Kirche sind immer noch unabhängig voneinander – sie arbeiten nur zusammen, wenn es für ihre jeweiligen gerechten Anliegen sinnvoll ist.

Doch selbst wenn eine solche Kooperation in der modernen pluralistischen Gesellschaft derzeit nicht möglich ist, können Kirche und Staat getrennt bleiben und neutral koexistieren. Auch eine Trennung von Kirche und Staat in diesem Sinne kann die Kirche meiner Auffassung nach jederzeit akzeptieren. Jedoch nur unter einer Bedingung: Dass es nicht zugleich auch noch eine Trennung von Religion und Staat gibt.

Eine Trennung von Religion und Staat geht nämlich viel weiter: Nur noch sälulare Argumente sollen im öffentlichen Raum zugelassen werden. Das führt zur Diktatur des Säkularismus. Wenn jemand sagt, er sei gegen Abtreibung, weil das Gottes Gesetz widerspricht, dann wird er ausgelacht. Seine Meinung gilt als disqualifiziert, weil sie sich auf ein nichtsäkulares Argument stützt. Die Diktatur des Säkularismus verschanzt sich hinter der These von der „Trennung von Kirche und Staat“, doch fordert in Wahrheit viel mehr. Religiöses Denken soll aus der öffentlichen Diskussion ausgeschlossen werden.

Dies führt jedoch zu einer weiteren Diktatur, die der Heilige Vater immer wieder angeprangert hat: Der Diktatur des Relativismus. Jedes moralische System soll gleichermaßen öffentliches Gehör finden, solange es sich allein auf säkulare Argumente beruft. Manche gehen gar so weit, einer Trennung von Moral und Politik zumindest implizit das Wort zu reden. Moral soll Privatsache sein. Dies ist jedoch widersinnig, da Ethik sich mit dem guten Leben beschäftigt, und dieses aufgrund der Sozialnatur des Menschen immer ein Leben in Gemeinschaft ist (und sei es die kontemplative Klostergemeinschaft). Ethik und Politik, Moral und Politik lassen sich nicht trennen. Jede politische Frage ist eine moralische Frage. Und welche moralische Auffassung richtig ist, hängt entscheidend davon ab, welche religiöse Weltanschauung der Wahrheit entspricht.

Wenn es tatsächlich einen guten Schöpfergott gibt, der uns alle liebt, uns allen das höchste Glück in Ewigkeit ermöglichen will, dann hat das Konsequenzen, auch für moralische Fragen – etwa für den Wert des menschlichen Lebens. Dies sei nur als ein Beispiel aus hunderten herausgegriffen. Jede politische Frage ist eine moralische Frage, und die Antwort auf jede moralische Frage hängt entscheidend von der religiösen Weltsicht ab.

Politik und Religion können daher nicht getrennt werden. Katholiken können, sollen und müssen sich entschieden für das Gute einsetzen, und das gilt auch für die Politik. Bestimmte politische Ansichten sind nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar, und da sehr viele politische Parteien heutzutage in wesentlichen Punkten mit dem Glauben unvereinbare Inhalte vertreten, ist der katholische Glaube auch nicht mit bestimmten Parteien vereinbar.

Drei Thesen möchte ich festhalten:

1. Kirche und Staat können und sollen in ihrem je eigenen Bereich eine echte Autonomie genießen, mithin getrennt sein. Bestimmte Dinge stehen dem Kaiser zu und wir sollten sie ihm geben.

2. Sie sollen in den Bereichen, in denen sie beide legitime Interessen haben, möglichst zusammenarbeiten. Wenn das nicht geht, dann muss der Staat wenigstens die Freiheit der Kirche und der einzelnen Katholiken gewährleisten, ihrem informierten Gewissen unbehindert folgen zu dürfen. Das heißt, der Staat darf von den Katholiken keine unmoralischen oder mit dem Glauben unvereinbaren Handlungen verlangen.

3. Religion, Moral und Politik können und dürfen nicht getrennt werden. Ein starkes Zeugnis von Katholiken – Laien und Geistlichen gleichermaßen – in der öffentlichen politischen Debatte ist unverzichtbar auch im säkularen Staat.

Soweit einige kurz skizzierte Gedanken zu der Frage einer katholischen Politik im säkularen Staat.

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Der Mörder will nur helfen…

Manchmal ist es, wie wir wissen, sehr gefährlich, anderen helfen zu wollen. Vor allem, wenn man die Natur ihrer Probleme gründlich missversteht. Aber selbst wenn man etwas weiter ist, und wenigstens versteht, woran es ihnen fehlt, ist noch längst nicht alles gewonnen. Die Mittel der Hilfe müssen auch noch angemessen sein, nicht nur der Zweck.

So ist der folgende (glücklicherweise fiktive) Verbrecher nicht gerechtfertigt, obwohl er gute Absichten hat:

Ein Serienmörder geht um. Er lauert seinen Opfern vor der Kirche auf, direkt nachdem sie gebeichtet haben. Sein Motiv: Er ist Katholik. Er tötet seine Opfer direkt nach der Beichte, damit sie keine neuen Sünden mehr begehen können. Die alten sind ihnen vergeben – neue haben sie keine begangen. Er ist sicher: Er hat seinen Opfern geholfen, das größte Gut zu erlangen, nämlich die ewige Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht. Deswegen bereut er nichts.

Zugegebenermaßen ist die ewige Schau Gottes im Himmel für Katholiken ein weitaus höheres Gut als das irdische Leben. Dieses ist kurz und vergänglich, jene ewig und unvergänglich. Wenn es von ihm verlangt ist, soll der einzelne Mensch als Märtyrer in den Tod gehen, um den Glauben nicht zu verleugnen. Das ewige Leben ist wichtiger als das irdische, zeitliche Leben.

Doch Güterabwägung ist keine Tugend der christlichen Moral, wenn es um intrinisches Übel geht. Man darf keine ihrer Natur nach verwerfliche Tat tun (wie Mord – oder um eine alte Debatte auf diesem Blog wieder aufzuwärmen – Lüge), um ein größeres Gut zu erreichen. Die christliche Ethik ist absolutistisch – sie nimmt die Existenz eines objektiven, absoluten Standards für das menschliche Verhalten an. Und nach diesem Standard sind bestimmte Handlungen immer und überall moralisch falsch und können nicht gerechtfertigt werden. Das skurrile Beispiel des Mörders ist natürlich eine Überspitzung. Aber haben nicht viele von uns die Tendenz Böses zu rechtfertigen, weil die Bösen damit etwas Gutes tun? Selbst Menschen mit einem sonst gut informierten christlichen Gewissen tappen in diese Falle.

Wie etwa Kardinal Woelki, wenn er die „Treue“ von Homosexuellen in dauerhaften Partnerschaften lobt. Ja, „Treue“ ist für sich genommen ein hohes Gut. Aber das verwerfliche Mittel (die Ausübung homosexueller Akte) wird durch den guten Zweck (eine treue Partnerschaft zu haben) nicht gerechtfertigt.

Wir alle sind vor solchen Trugschlüssen nicht gefeit. Man kann nicht die bösen Handlungen eines Menschen loben, weil dabei auch gute Resultate erzielt werden. Sonst müsste man, wäre man konsequent, in sein Lob auch den genannten „Beichtmörder“ aufnehmen – denn die Resultate lassen sich wirklich sehen. Alle Menschen, die direkt nach ihrer aufrichtigen Beichte getötet worden sind, kommen direkt zu Gott, dem Herrn, und genießen die ewige Glückseligkeit.

Doch glücklicherweise heiligt der Zweck niemals die Mittel – nicht bei „treuen“ Homosexuellen, nicht bei Lügnern, und nicht beim „Beichtmörder“.

Ein ganz deutliches Bild

Quelle: Washington Times

Der eigentliche Grund für die natürliche Familie aus Vater, Mutter und Kindern ist aus christlicher Sicht nicht soziologischer Natur. Selbst wenn aus irgendwelchen Gründen die christliche Familie nicht die nach weltlichen Maßstäben beste Lebensform für die Menschen wäre, könne der Christ aus theologischen und moralischen Gründen nicht anders als sie zu unterstützen.

Doch auch wenn die ganz weltlichen, praktischen Gründe für den Christen nicht ausschlaggebend sein können, so weisen sie trotzdem auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Dass die Ehe nämlich nach wie vor der Ort ist, an dem Kinder besonders gut und geistig wie körperlich gesund aufwachsen. Dass Kinder immer noch in einer Familie aus Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, am besten aufgehoben sind, und nicht in irgendwelchen allein aus ideologischen Interessen heraus unter dem Vorwand von „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Selbstverwirklichung“ erfundenen sonstigen „Partnerschaftsformen“.

Bei Mundabor bin ich auf eine weitere Studie aufmerksam geworden, die das alles erneut dreimal unterstreicht. Die obige Grafik fasst ihre Ergebnisse zusammen – sie sind selbst von einem nichtchristlichen, rein weltlichen Standpunkt ziemlich eindeutig.

Buttigliones Stockholm-Syndrom

Rocco Buttiglione ist ein italienischer katholischer Politiker, der vor einigen Jahren internationale Berühmtheit erlangte, indem er zur Lehre der Kirche beim Thema Homosexualität auch in der Öffentlichkeit stand, und sich dadurch als untragbar für die säkularistische EU-Kommission erwies. Er wurde so zügig wie möglich aus dem Verkehr gezogen.

Nun scheint er sich mit dem Stockholm-Syndrom herumzuschlagen. Die säkularistische Elite peinigt ihn und hat seine politische Karriere zu zerstören versucht, seinen katholischen Glauben zu Hasspropaganda stilisiert und aus der Öffentlichkeit in Europa zunehmend vertrieben. Und doch fühlt er sich genötigt, die Handlungen der Selbstsäkularisierer in der Kirche mit seinem gewichtigen und respektierten Wort zu decken. So verteidigt er etwa in diesem auf kath.net übersetzten Artikel das Verhalten von Kardinal Schönborn, das ich bereits ausführlich kommentiert hatte. Es folgen einige Kommentare zum Artikel in gewohnter roter Schrift.

(…) Ich verteidige die Entscheidung des Kardinals und sage, dass sie mir eine intelligente pastorale Sicht der Position der Kirche über die Homosexuellen und die Homosexualität zu sein scheint. (Wenn es pastoral ist, die kirchliche Sittenlehre zugunsten des Zeitgeistes zu ignorieren, dann ist der vorstehende Satz richtig. Schade, dass Herr Buttiglione sich nun auch dem Mainstream anpasst. Er war bisher immer ein Leuchtturm katholischen Denkens.) Um zu verstehen, müssen wir von der traditionellen Unterscheidung zwischen dem Irrenden und dem Irrtum ausgehen. (Die Entscheidung ist wichtig, aber in dem gegebenen Fall nicht relevant. Dazu später mehr.)  Diese Unterscheidung gilt immer, für jeden Sünder, für die Homosexuellen wie für die anderen, für jeden von uns. Nach katholischer Lehre ist die Homosexualität objektiv schwerwiegend moralisch ungeordnet. (Ja, das hat Herr Buttiglione immer schon gesagt. Umso trauriger ist nun seine Abkehr von der logischen Folge aus dieser Einsicht.)  Ich habe nicht den Eindruck, dass Kardinal Schönborn diese Wahrheit leugnet (Nein, er leugnet sie nicht. Er handelt nur so als ob er sie leugnen würde, wenn er dazu nicht so still wäre.) Der Homosexuelle ist ein Mensch, den Gott retten will und für den Jesus Christus sein Blut vergossen hat. (Genau. Und gerade deswegen ist es so fatal, wenn offizielle Vertreter der Kirche einen öffentlich in schwerer Sünde lebenden Mann, der keinerlei Anstalten einer Umkehr zu macht, und gar von den Kirchenrevoluzzern für seine Sünden gefeiert wird, nicht zur Umkehr auffordern, sondern sie in den Gemeinderat befördern, selbst wenn dies objektiv der gültigen Wahlordnung widerspricht, einfach um ein Zeichen gegen den katholischen Glauben zu setzen.)

Kann man zugleich Christ und Homosexueller sein?  Wir sprechen hier nicht von Personen, die homosexuelle Tendenzen haben, aber keusch leben, sondern von denen, die eine homosexuelle Praxis haben. (Ja, man kann das. Wenn man sich ernstlich bemüht, von seinen Sünden loszukommen. Wenn man sich stolz in seinen Sünden suhlt und diese öffentlich durch „eingetragene Partnerschaften“ zur Schau stellt, dann zeigt man damit allerdings keinen christlichen Geist.) Kann so jemand gleichzeitig den Glauben haben, die Faszination der Gegenwart Christi spüren, Christ sein? Die Antwort ist offensichtlich ja. Die Sünde bewirkt nicht den Verlust des Glaubens, auch wenn sie das Verbleiben in diesem Geschenk Gottes bedroht. Jeder lebt seinen Glauben auch – schmerzlich – durch seine Sünde. (Herr Stangl ist nicht nur ein normaler Sünder, dessen Hauptproblem eben eine homosexuelle Triebstruktur ist, sondern er lebt seinen Stolz auf diese Sünde öffentlich. Dies sollte Herr Buttiglione durchaus verstehen können. Es macht einen Unterschied, ob ich schwach werde und immer wieder sündige und bereue, oder ob ich meine Sünde für moralischen Fortschritt ausgebe und durch eine „eingetragene Partnerschaft“ feiere. Dies ist ein ganz fundamentaler Unterschied.) Die Kirche ist „das heilige Volk Gottes“ (Lumen Gentium) (eine äußerst zweifelhafte Ekklesiologie; es wundert mich nicht, dass sie aus dem II. Vaticanum stammt, aber dieses Thema lasse ich jetzt in der Schublade.), sie umfasst Sünder in ihrem eigenen Schoße, sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung (Lumen Gentium). (Und genau den Weg der Buße will der Herr Stangl nicht gehen. Er feiert seine Sünde öffentlich durch seine eingetragene Partnerschaft.) Die Heiligen (es genügt, ihre Lebensbeschreibungen zu lesen) sind nie ihrer selbst sicher, weil sie wissen, dass sie jederzeit schwer sündigen können. Und die Sünder dürfen niemals resignieren, weil auch sie berufen sind, am Ende des großartigen und schrecklichen Verlaufs des Lebens heilig zu werden. Kann ein Christ eine große Liebe in der Sünde leben und Christ bleiben? (Was soll das bedeuten? Herr Buttiglione hätte bei der Prosa einen ganz guten Konzilsvater abgegeben.) Gewiss kann er das, Gott will ihn trotz dieser Liebe retten , aber auch in dieser Liebe und durch diese Liebe. (Was sagt Herr Buttiglione da? Ich traue meinen Augen nicht. Gott rettet Herrn Stangl durch dessen stolzes Beharren in der Todsünde, fälschlich als „Liebe“ gekennzeichnet?) Die Akte, die diese Liebe begleiten (also der homosexuelle Geschlechtsakt), sind verfehlt, aber in sich ist die Liebe nicht verfehlt. (Also leugnet jetzt, nach Herrn Stangl und Herrn Kardinal Schönborn auch Herr Buttiglione ziemlich eindeutig die Verwerflichkeit gelebter Homosexualität. Zumindest drückt er sich sehr schwurbelig aus.) Auch wenn es ständig notwendig ist, sich zu fragen „wie muss die Liebe gelebt werden, damit sie ihre menschliche und göttliche Verheißung ganz verwirklicht“ (Deus caritas est). (Herr Buttiglione sollte sich für diese Erniedrigung der päpstlichen Enzyklika zur Entschuldigung der schweren Sünde, in der Herr Stangl ohne Rücksicht auf den Zustand seiner Seele wider besseren Wissens zu persistieren wünscht, schämen.)

Hätte der Kardinal gesagt, dass die Homosexualität nicht schwerwiegend moralisch ungeordnet ist, würde er einen Fehler machen. Aber das sagt er nicht. (Aber er handelt danach.) Er sagt einfach, dass der Homosexuelle ein gläubiger Sünder ist, einer, der um den Glauben kämpft (einer, der gegen seinen Glauben kämpft, der ihm durch Gottes Gnade wohl immer noch in Fragmenten erhalten geblieben ist, indem er sich weigert, wenigstens öffentlich von seiner stolzen, schweren Sünde Abstand zu nehmen) und den man in diesem Kampf mit dem freundschaftlichen und diskreten Dialog unterstützen muss. (Man müsste Herrn Stangl bei dem Entschluss unterstützen, einen ernsthaften Versuch der Abkehr von der Sünde zu unternehmen, statt ihn dazu aufzufordern, sein öffentliches Glorifizieren der Sünde nunmehr in kirchlichem Auftrag als Gemeinderatsmitglied fortzuführen, und dadurch nicht nur seine Seele, sondern auch die Seelen aller Menschen, die lernen müssen, dass Sittlichkeit in der Kirche nicht mehr zählen soll, in ernsthafte und schwerwiegende Gefahr bringt.) Es ist nicht möglich, ihn zu den Sakramenten zuzulassen (nein, aber das ist der nächste Schritt dieses geplanten Zerstörungswerks an der Kirche Christi… Glaubt jemand ernsthaft, der Gemeinderat Stangl werde in Zukunft nicht zur Kommunion gehen? Wer will diesem zu einer Art Antiheiligen hochgejubelten Mann denn die Kommunion verweigern, wenn der Kardinal ihn höchstamtlich lobt, schützt und protegiert?) , aber man muss ihn einladen, an den Gottesdiensten und am Leben der Pfarrgemeinde teilzunehmen. (Ja, das muss man. Und man muss ihn einladen, sich endlich von der Sünde abzuwenden, und als ersten Schritt wenigstens nicht mehr öffentlich für sie durch seine „eingetragene Partnerschaft“ zu werben.) Kardinal Schönborn hat es gut gesagt: „Der gute Hirt sieht beide Momente: die Überzeugung, dass das Projekt Gottes gut für den Menschen ist und ihn glücklich macht (welches Glück soll den Menschen glücklich machen? Das gefälschte Glück der Sünde, oder das Glück Gottes?), und den geduldigen und barmherzigen Weg, auf dem Jesus uns mit seiner Freundschaft führt. Es gibt nur einen Weg, den schon die Jünger Jesu erfahren haben: Jesus besser kennen lernen, in seiner Freundschaft wachsen“. Die Kirche ist – wie gesagt – keine Gemeinschaft von Vollkommenen. (Nein. Aber sie ist eine Gemeinschaft derer, die mit Gottes Hilfe nach der Heiligkeit streben, zu der auch moralische Vortrefflichkeit notwendig gehört.) Der Homosexuelle wird in der Gemeinschaft als ein Sünder sein. Aber nicht als ein Isolierter. In der Tat, wer, der zur christlichen Gemeinschaft gehört, kann behaupten, kein Sünder zu sein? (Niemand kann das behaupten. Aber das ist auch nicht der Grund, warum Herr Stangl nicht in den Gemeinderat gehört. Noch einmal: Wäre Stangl ein Homosexueller, der den ernstlichen Versuch unternimmt, von seiner Sünde Abstand zu nehmen und umzukehren, dann wäre die ganze Kontroverse niemals aufgetaucht, selbst wenn Herr Stangl aufgrund menschlicher Schwäche immer noch „rückfällig“ würde. Wir hätten das akzeptiert – wir wissen, dass das nicht mehr sündigen ziemlich schwer ist. Aber Stangl ist nicht nur Sünder, sondern er beharrt stolz auf seiner Sünde und trägt sie öffentlich wirksam vor sich her.)

(…)

Vergessen wir nicht, dass es nicht nur die sexuellen Sünden gibt. Da sind jene, die mit dem übertriebenen Streben nach Besitz und Macht kämpfen, oder mit der Herzensträgheit oder der Feigheit…Einige dieser moralischen Übel sind gesellschaftlich mehr sichtbar, andere weniger. (Ja, Herr Buttiglione. Wie Sie richtig sagen: Sie „kämpfen“. Sie suhlen sich nicht in der Fortschrittlichkeit, Modernität ihrer wunderbaren Lieblingssünde und sie leben nicht in öffentlichem Stolz auf diese Sünde.)  Wenn alle Sünder von der Teilnahme am Leben der Kirche ausgeschlossen werden müssten, würden die Kirchen leer bleiben. Vielleicht sogar sind die Kirche heute gerade deshalb in Gefahr, leer zu bleiben, weil sich die Idee ausbreitet, dass sie kein geeigneter Ort für die Sünder sind. (Das träge Totschlagargument der selbsternannten Kirchenreformer. Die Kirche darf nicht mehr gegen Sünde sein, und das Streben nach sittlicher Reinheit einfordern, weil sich sonst so mancher stolze Sünder von der Kirche abgestoßen fühlen könnte. Ja, das ist wohl möglich. Das gab es schon öfters. Die Kirche ist nicht immer beliebt, wenn sie Christus treu ist. Im Gegenteil.) Dies deshalb, weil die Sünde in einer juridischen Sichtweise einfach als Regelverletzung gesehen wird, während die Wirklichkeit der Sünde nur im Licht der Offenbarung geklärt werden kann.

Aus der kirchlichen Gemeinschaft sind nicht die Sünder ausgeschlossen, sondern die Häretiker. (Niemand wollte Herrn Stangl aus der Kirche ausschließen. Es geht um einen Gemeinderatsposten, der laut Wahlordnung Anerkennung des Glaubens der Kirche voraussetzt. Und diese Anerkennung ist nicht gegeben, wenn jemand durch seine „eingetragene Partnerschaft“ verkündet, dass er die Sittenlehre der Kirche für überholt und falsch hält.Buttigliones Polemik gegen kirchentreue Katholiken nimmt inzwischen geradezu groteske Züge an, indem er unterstellt, jemand habe Herrn Stangl aus der Kirche ausschließen wollen.) Der Häretiker ist jemand, der aus seiner eigenen Schwäche das Maß aller Dinge macht (so wie Herr Stangl gegen die Sexualmoral der Kirche ist, weil sie von ihm Keuschheit verlangt.) und sich daher nicht als Sünder bekennt. (Herr Stangl bekennt sich als Kirchenreformer, und seine Anhänger sehen ihn so, nicht als Sünder.) Er ist jemand, der sagt, dass die moralische Norm verfehlt sei, nicht jemand, der anerkennt, nicht fähig zu sein, die Norm voll zu erfüllen und der sich doch der Barmherzigkeit Gottes anvertraut. (Herr Stangl erkennt die Norm nicht an, sondern kämpft gegen sie. Sonst hätte er die Wahlordnung ja einfach akzeptieren und gar nicht erst antreten können. Sein Akt kann nur als bewusster Akt des Trotzes gegenüber der Kirche gewertet werden. Auf die Barmherzigkeit Gottes müssen wir alle vertrauen. Doch wie soll man auf sie vertrauen, wenn man zugleich seine Sündhaftigkeit öffentlich seligpreist und ihre staatliche Anerkennung wünscht?)

Schönborn hat Florian (gemeint ist Herr Stangl) nicht als moralisches Beispiel bezeichnet (nein, er hat dies nur suggeriert.) , er hat ihn einfach als Mitglied der kirchlichen Gemeinschaft anerkannt, der in dieser einen bestimmten Dienst ausüben kann. (Einen Dienst, der laut Wahlordnung denen vorbehalten ist, die der Kirche nicht zu trotzen beabsichtigen.)

Wir brauchen alle eine Kirche, die unnachgiebig sagt, was gut und was böse ist. (Genau. Und deswegen sollten relativistische Verwässerer wie Kardinal Schönborn, Herr Stangl und teilweise auch Herr Buttiglione diesen Ratschlag in Zukunft einmal zu beherzigen beginnen.) Aber sie ist zugleich barmherzig bei der unendlich geduldigen Begleitung des Schicksals eines jeden, weil am Ende nur Gott Richter ist– und von ihm wissen wir mit Sicherheit, dass er es liebt, zu verzeihen statt zu verurteilen. (Ja, aber wer, wie Herr Stangl, jegliche Verzeihung als unnötig sieht, weil er stolz auf seine Sünde ist, der stellt Gott eine sehr schwere Aufgabe. Und die Hirten, die Herrn Stangl eine kirchliche Position anvertrauen, und dafür sogar die Wahlordnung brechen, werden sich für ihre fahrlässige Gefährdung des Seelenheils der ihnen anvertrauten Schäfchen auch verantworten müssen, wie jene Mietlinge, von denen im Evangelium die Rede ist.)

Nur eine Sünde kann nicht verziehen werden und das ist der Hochmut, das heißt die Weigerung, auf die Knie zu sinken, sich als Sünder zu bekennen. (Und das ist die Sünde von Herrn Stangl. Hochmütig weigert er sich, eine Umkehr auch nur zu versuchen. Er persistiert hochmütig in seiner Sünde. Das ist ja das Problem.)

Eine Haltung der lehrmäßigen Unnachgiebigkeit im Hinblick auf die Homosexualität darf nicht von einer Haltung der menschlichen Ablehnung oder der Feindschaft gegenüber den Homosexuellen begleitet sein. (Es ist keine Feindschaft, sondern Freundschaft gegenüber Homosexuellen, die den kirchentreuen Katholiken in dieser Frage so aufbringt. Weil wir alle Sünder zu lieben versuchen, können wir nicht verstehen, warum man sie in ihren Sünden bestärkt, statt ihnen zur Umkehr zu helfen.) Das scheint mir die Lektion zu sein, die in diesen Tagen aus Wien kommt. (Die Lektion aus Wien ist, wie meistens bei diesem Kardinal, dass man machen kann, was man will, wie man will und mit wem man will, solange man nicht auf dem traditionellen Glauben der Kirche beharrt.)

Bedauerlich, dass Herr Buttiglione, der für seine früheren klaren Aussagen zur Homosexualität von den Gralshütern der Politischen Korrektheit auf widerliche Weise angegriffen worden ist, sich nun an ihre Seite stellt und zum Angriff auf die traditionelle Sittlichkeit der Kirche bläst. Selbst wenn er pro forma noch sagt, Homosexualität sei fehlgeordnet, befürwortet er in der Stangl-Affäre die Position des Kardinals Schönborn. Und das ist eine falsche Position.

Herr Stangl ist nicht bloß aus Schwäche ein aktiver Homosexueller. Wäre dies so, dann hätte Buttiglione gute Argumente für seine Haltung. Wer sündigt, weil er schwach ist, und sich um Umkehr bemüht, dem kann geholfen werden. Und der kann ein sehr guter Christ sein und natürlich den ganzen kirchlichen Glauben teilen.

Herr Stangl ist ein aktiver Homosexueller aus tiefer Überzeugung von der Richtigkeit seines Verhaltens. Sonst würde er nicht in einer „eingetragenen Partnerschaft“ leben und sich als Propagandaobjekt für die Ramschverkäufer christlichen Glaubensguts missbrauchen lassen. Er ist auf dieselbe Weise homosexuell wie Herr Wowereit. Er findet es gut so. Und das, nicht irgendeine moralische Schwäche, ist das eigentliche Problem.

Kardinal Schönborn als Verwalter der Apostasie

Kardinal Schönborn hat, kath.net zufolge, entschieden, dass auch jemand, der durch seinen Lebenswandel öffentlich bekundet, dass er den Glauben der Kirche nicht teilt, in einem Pfarrgemeinderat tätig sein kann. Damit bestätigt er leider nur die faktisch seit langem geltende Linie, wonach alles erlaubt ist, solange damit nur ein weiterer Ramschverkauf katholischer Glaubenswahrheiten einhergeht. Es folgt seine Stellungnahme, zitiert nach dem oben verlinkten Artikel, im Wortlaut, mit roten Kommentaren und schwarzen Hervorhebungen von Catocon.

Kurz zum Hintergrund: Ein aktiver, in einer „eingetragenen Partnerschaft“ lebender Homosexueller war in den Pfarrgemeinderat mit großer Mehrheit gewählt worden. Wer eine solche Partnerschaft eingeht, bekundet dadurch, dass er die Absicht hat, eine homosexuelle Beziehung zu führen, und wer für den Pfarrgemeinderat kandidiert, bekundet wohl, dass er den katholischen Glauben kennt. Es handelt sich also um einen offenen Akt des Trotzes, eine Art Kampfansage an die katholische Kirche. Wir haben es hier mit einem offenen Angriff auf die katholische Moral zu tun. Und mit einem Hirten, dem es nicht gleichgültiger sein könnte, wenn in seiner Diözese noch die letzten Grundsätze im Namen der Anpassung an den Zeitgeist verramscht werden.

„Ich danke allen Menschen, die durch ihre Kandidatur bei den Pfarrgemeinderatswahlen gezeigt haben, dass ihnen die Kirche und der Glaube ein großes Anliegen sind. (Die durch ihr Wahlverhalten gezeigt haben, dass der Ausverkauf des Glaubens der Kirche ihnen ein Anliegen sind) Sie bezeugen damit die Lebendigkeit der Kirche. (Wenn man unter Lebendigkeit Beliebigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben und der Sittenlehre der Kirche versteht, ist dieser Satz wahr.) In ihrer Vielfalt spiegelt sich die Vielfalt heutiger Lebens- und Glaubenswege. (Genau. Vielleicht sollten wir Lady Gaga zum Papst wählen, Eminenz.) So gibt es auch unter den Pfarrgemeinderäten viele, deren Lebensentwürfe nicht in allem den Idealen der Kirche entsprechen. (Gut zu wissen, dass auch in Ihrer Diözese, Eminenz, der Glaube schon lange der persönlichen Triebbefriedigung untergeordnet worden ist.) Im Blick auf ihr jeweiliges Lebenszeugnis in seiner Gesamtheit und auf ihr Bemühen um ein Leben aus dem Glauben (zum Leben aus dem Glauben gehört mindestens, dass man aufhört, öffentlich seine Sünden durch unmoralische „Partnerschaften“ vor sich her zu tragen, als ob man vom Stolz auf sie zerfressen wäre.) freut sich die Kirche über ihr Engagement. (Nein, danke. Lieber gar kein „Engagement“ als ein Rendezvous mit der Dampfwalze des Unglaubens.) Damit stellt sie die Ideale nicht in Frage. (Hier geht es nicht um irgendwelche beliebigen Ideale. Hier geht es darum, Eminenz, dass jemand, der es vorzieht, durch seinen Lebenswandel öffentlich in Verachtung des katholischen Glaubens und der katholischen Sittenlehre zu leben, von Ihnen persönlich unterstützt und in seinem Stolz auf seine Sündhaftigkeit bestärkt wird. Falls sie an so antiquierte Sachen noch glauben, werden Sie wissen, was Jesus über die Mietlinge gesagt hat, und was am jüngsten Tag mit denen passiert, denen Schäfchen anvertraut waren, es aber vorgezogen haben, diese nicht vor den Wölfen zu schützen.)

In der kleinen, von mir sehr geschätzten Pfarrgemeinde Stützenhofen gibt es eine rege Beteiligung am kirchlichen Leben, auch in der jüngeren Generation.  Das hat sich auch in der hohen Wahlbeteiligung bei der Pfarrgemeinderatswahl gezeigt. (Klar, es ging ja auch um Protest gegen die Kirche, um Modernisierung. Da lassen sich die Massen mobilisieren. So wie sie ja auch „kreuzigt ihn“ geschrien haben. Für Events sind die Massen immer zu haben.) Die dabei aufgetretenen Formfehler (Der Kardinal spricht davon, dass es illegal ist, wenn bei einer Pfarrgemeinderatswahl jemand antritt und gewählt wird, der sich gegen den Glauben und die Kirche stellt. Noch so eine antiquierte Verordnung, die der universellen Dampfwalze entgegensteht.) stellen das Wahlergebnis an sich nicht in Frage, bei dem die meisten Stimmen auf den jüngsten Kandidaten, Florian Stangl, entfielen. (Es geht nicht um das Wahlergebnis. Es geht darum, dass wieder einmal ein Stück katholische Substanz abverkauft wird, um den Wölfen zu gefallen, die sich seit Jahrzehnten ungehindert an den Schafen gütlich tun.)

Bei dem persönlichen Gespräch, das ich mit Herrn Stangl führen konnte, war ich von seiner gläubigen Haltung, (es fragt sich, woran er glaubt. Wäre es der Katholizismus, so unternähme er ernstliche Schritte, seinen öffentlichen Trotz gegen den Glauben der Kirche in Form seiner „Partnerschaft“ unverzüglich zu beenden und von seinen sündhaften Wegen umzukehren) seiner Bescheidenheit  und seiner gelebten Dienstbereitschaft (ich möchte ehrlich nicht wissen, welche Dienste geleistet werden, wenn jemand, der in offenem Trotz gegen die Sittenlehre der Kirche lebt, auf die Kinder einer Gemeinde, um nur ein Beispiel zu nennen, losgelassen wird.  Einer anderen Gruppe von Männern, die ebenfalls gegen die Sittenlehre der Kirche verstoßen und diese generell verachtet hat, ist es inzwischen gelungen, den Ruf der Kirche in der Öffentlichkeit so sehr zu beschmutzen, dass Priester schon bestimmte Kraftausdrücke, die sich auf gewisse scheußliche Akte mit Minderjährigen beziehen, nachgerufen bekommen, wenn sie auf die Straße gehen. Danke für diesen Dienst, Eminenz.) sehr beeindruckt. Ich verstehe daher, warum die Stützenhofener so eindeutig für seine Präsenz im Pfarrgemeinderat votiert haben. (Ich auch. Sie haben den katholischen Glauben seit langem durch eine Neuerfindung der 1960er Jahre ersetzt, in dem der einzige Gott das unter der Herrschaft des Fürsten dieser Welt befindliche Ego ist.)

Wir haben heute im Bischofsrat den komplexen Fall Stützenhofen eingehend beraten und einhellig folgenden Beschluss gefasst: (Der Fall ist nicht komplex. Er ist unbequem. Er erfordert nur Mut statt Angst und Entschlossenheit statt Anpassung.)

1. Die Diözesanleitung erhebt keinen Einspruch gegen die Wahl und ihr Ergebnis. (Nein, natürlich nicht. Wer auch immer gegen den Glauben der Kirche arbeitet, ist willkommen. Aber wehe, ein Priester zelebriert die lateinische Messe oder predigt tatsächlich den ganzen Glauben. Dann handelt man sofort.)

2. Der Bischofsrat gibt den Auftrag, in der Pfarrgemeinderatsordnung die Voraussetzungen für eine Kandidatur im Kontext weitergehender Überlegungen zu Wesen und Aufgabe des Pfarrgemeinderats präziser zu fassen.“ (Das heißt: Die Pfarrgemeinderatsordnung soll so abgeändert werden, dass sie der Wahl der fünften Kolonne nicht mehr im Wege steht.)

Das alles lässt drei Schlüsse zu:

1. Die Pfarrgemeinderäte waren eine ganz schlechte Idee. Man setzt damit die Gemeinden der öffentlichen Meinung aus, und das kann schief gehen, wie wir wieder sehen. Wir bräuchten keine Gemeindesowjets, sondern starke Priester. Diese Affäre ist wieder einmal ein Sieg der neoprotestantischen Verbandskatholiken.

2. Kardinal Schönborn wird allgemein als „papabile“ angesehen. Er ist allerdings nicht einmal bereit, elementare Grundsätze des katholischen Glaubens durchzusetzen (man denke nur an das Gerede um die Ungehorsamsinitiative der neoprotestantischen Rebellenpfarrer – der Kardinal hat immer noch nicht gehandelt. Er ist nur deswegen kein Kollaborateur, weil sein Nichtstun keine Arbeit (labor), sondern ein Unterlassen darstellt.). Dass er überhaupt Bischof bzw. Kardinal geworden ist, und dass manche ihn als möglichen Nachfolger von Papst Benedikt sehen, zeigt, in welch desolatem Zustand die Kirche ist. Die Krise der Kirche ist eine Krise der Bischöfe, wie man sagt.

3. Kardinal Schönborn ist ein Mann der katholischen Worte und der antikatholischen Taten, wie man an dieser treffenden Erklärung zur schändlichen Untätigkeit der Kirche in den letzten 40 Jahren bei Themen wie Verhütung, Abtreibung und sexuelle Perversion sehen kann. Er sollte sich seine Worte zu Herzen nehmen. Er sollte sie wirklich glauben, und dann danach handeln. Vielleicht könnte er dann zu einer Kraft für die Wiederherstellung des Katholischen in der Kirche werden, statt zu einem ständig drohenden Abbruchkommando, das nur darauf lauert, wieder einmal ein „Tabu“ brechen zu können, um modern zu wirken.

Rechtfertigung und Schuld

In einer kleinen, freundschaftlichen Kommentarschlacht zu meinem Artikel über Notstand und die Piusbrüder geht es um die Frage des Lügens. Die Kirche lehrt, dass Lügen zur Gruppe der intrinsisch falschen Handlungen, also nur aufgrund der moralischen Qualität der Handlung bereits (unabhängig von den Umständen) immer falschen Handlungen gehört. Wer lügt, verstößt gegen das moralische Gesetz. Egal, welche Umstände hinzutreten mögen, der Verstoß gegen das moralische Gesetz bleibt bestehen.

Die logische Schlussfolgerung daraus, die auch sowohl von mir als auch von den kritischen Kommentatoren gezogen wird, ist nun, dass die Lüge niemals moralisch gerechtfertigt werden kann. Lüge ist immer moralisches Unrecht.

Die weitergehende Frage nach der Zumessung der Schuld ist einer abschließenden Beurteilung durch den Menschen entzogen. Sie kommt Gott zu, und wir sind gerufen nicht zu richten – wir können auch nie alle Faktoren kennen oder angemessen berücksichtigen. Denn bei der Schuld liegen die Dinge nicht so einfach. Man kann objektiv eine Sünde begehen, ohne dafür Schuld zu tragen (etwa durch eine Unwissenheit, die man nicht hätte vermeiden können). Ebenso spielen auch die Umstände bei der Frage nach Schuld immer, auch bei intrinsisch falschen Handlungen, in die Bewertung der Handlung mit hinein. Ob man jemanden im Affekt töte, weil man ihn auf frischer Tat mit der Ehefrau ertappt habe, oder ihn kaltblütig ermordet, um seine Millionen zu erben, das macht für die Rechtfertigung keinen Unterschied. Intrinsisch falsche Handlungen werden nicht durch Umstände gerechtfertigt. Aber für die Schuld macht es einen womöglich sehr großen Unterschied.

Ebenso liegen die Dinge bei der Lüge auch. Lügen ist intrinsisch falsch, kann also nicht gerechtfertigt sein. Doch wenn man jemanden belügt, um sich zu bereichern, oder um das Ansehen einer dritten Person zu beschädigen, oder einfach aus Boshaftigkeit, dann ist sein Verhalten in höherem Maße schuldhaft, als wenn man eine Sekretärin anweist, zu behaupten, man sei gerade in einer Besprechung, obwohl man nur eine kleine Pause machen und dabei ungestört sein will. Solche Lügen sind immer noch nicht gerechtfertigt, aber die Schuldhaftigkeit ist sehr gering.

Wenn nun gelogen wird, um das Leben eines anderen Menschen zu retten – wenn man etwa einem selbstmordgefährdeten Menschen eine schreckliche Hiobsbotschaft vorenthält – dann schwindet sie Schuld noch weiter. Man handelt immer noch ungerechtfertigt – die Lüge ist immer noch intrinsisch falsch – aber dieses Verhalten überhaupt noch als schuldhafte Sünde zu bezeichnen, erscheint mir übertrieben.

In dem diskutierten Beispiel mit dem Juden und dem SS-Mann, der den Juden sucht, und dem ich nun antworten muss, ist die moralisch beste Antwort in jedem Fall eine wahre Antwort, die aber den SS-Mann von dem Versteck des Juden weglenkt. „Woher soll ich wissen, wo er ist?“ wurde als Möglichkeit vorgeschlagen. Doch was ist, wenn der SS-Mann nachhakt? Wenn er mich direkt fragt, ob ich den Juden bei mir verstecke und nur „ja“ oder „nein“ als Antwort akzeptiert? Man kann auch dann jede Antwort verweigern, nicht lügen, und dafür selbst ins KZ gehen. Das wäre heldenhafte Tugend und eines Heiligen würdig. Wenn der Jude aber in meinem Haus versteckt ist, dann stirbt er trotz aller heldenhaften Tugend trotzdem, weil man ihn bei der Hausdurchsuchung, die ich durch mein Schweigen erst recht provoziert haben dürfte, natürlich findet.

Wenn ich nun lüge, um den Juden zu schützen, dann handle ich immer noch intrinsisch falsch. Wenn ich nun diese heroische Tugend nicht besitze, oder selbst ihre Ausübung dem Juden nicht helfen würde, und ich deswegen zu einer solchen Lüge greife, dann ist auch das intrinsisch falsch und objektiv eine Sünde. Es ist nicht gerechtfertigt. Aber wer könnte behaupten, der „Lügner“ trüge in diesem Fall eine wahrnehmbare moralische Schuld? Sein Handeln wäre sicherlich nicht optimal und nicht perfekt gewesen, aber verglichen mit der moralischen Infamie und Verkommenheit, den Juden seinen Mördern freundlich und hilfsbereit lächelnd auszuliefern, um „schuldlos“ zu bleiben, wäre die Handlung des „Lügners“ bei weitem vorzuziehen.

Auch wenn sie weder ideal noch gerechtfertigt ist, kann ich in ihr praktisch keine moralische Schuld wahrnehmen.

Der Irrweg der Experten und die Soziallehre

Von Ideologien ist heute nicht mehr viel die Rede. Alle politischen Parteien verkaufen sich als technische Problemlöser ohne feste Grundüberzeugungen, wir leben in einer Zeit der Macher, die eben nicht viel übrig haben für rigide Theoriegebäude, wie sie von überzeugten Liberalen und Sozialisten vertreten werden. Zumindest ist das die Selbstdarstellung der Politiker und Medienleute. Es geht mehr um Sachverstand als um Grundsätze. Politik will sich heute mehr denn je „wissenschaftlich“ geben und die daraus erwachsende Verschränkung des politischen, medialen und universitären Raums zu einer einheitlichen „Expertokratie“ wird eher als Fortschritt denn als Problem gesehen.

Doch schon der Durchschnittsbürger, der sich wenig mit Politik beschäftigt und nicht viel über die fachlichen Fragen weiß, mit denen sie sich heute herumschlägt, ahnt dunkel etwas davon, dass es um den Sachverstand der Politiker und ihrer weithin unbekannten Vordenker und Hintermänner nicht allzu gut bestellt ist. So erkennt eine große Mehrheit der Deutschen intuitiv die Phrasenhaftigkeit und geistige Leere, die hinter dem großen Expertenkult steckt. Verantwortung für große Grundsatzentscheidungen wird abwechselnd auf die Meinung der Experten oder auf unmittelbaren Sachzwang abgeschoben. Sachverstand wird ersetzt durch den Anschein desselben.

Ist diese Intuition des einfachen Bürgers falsch? Gibt es inzwischen wirklich eine sachverständige Elite, welche die Geschicke des Staates und der Gesellschaft besser zu lenken versteht, als die einfachen Bürger? Wenn unter Berufung auf das Urteil der Ökonomen – ob einheillig oder nicht – die weitgehende Abtretung nationaler Souveränität und sogar des hart von den Königen und Kaisern erkämpften Budgetrechts an eine weder demokratisch noch anderweitig legitimierte kleine Gruppe von Menschen gerechtfertigt wird, dann liegt dieser Schluss nahe. Ebenso wenn unter Berufung auf das Urteil der Pädagogen und Kinderpsychologen immer mehr Eingriffe in das elterliche Erziehungsrecht vorgenommen werden, um etwa „Kinder aus bildungsfernen Schichten“ vor dem drohenden Unheil materieller und geistiger Rückständigkeiten zu bewahren. Den größten Sieg des Expertenkultes finden wir jedoch bei der Debatte um den sogenannten Klimawandel. Ein internationales Wissenschaftlergremium, das International Panel on Climate Change (IPCC), spricht unter Berufung auf eine Vielzahl von Klimaforschern von einer gefährlichen Erwärmung des Klimas auf der Erde. Und unter Berufung auf das Urteil der Experten soll nach dem Willen der Befürworter dieser Entwicklungen eine radikale Reform der Weltwirtschaft geschehen, durch die die Gefahr für das Weltklima so weit wie möglich minimiert werde.

Diese drei Beispiele mögen genügen, doch viele weitere ließen sich anführen. In jedem Falle wird unter Berufung auf den überlegenen Sachverstand der Experten eine Entdemokratisierung angestrebt. Man handelt schließlich aufgrund von Sachzwängen und ist ausgestattet mit wissenschaftlich bewiesenen Vorstellungen.

Lassen wir die eindeutige Tatsache, dass es in der Naturwissenschaft gar keine „Beweise“ geben kann, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, und dass deshalb jede Theorie falsifizierbar sein muss, damit sie überhaupt als eine naturwissenschaftliche Theorie gelten darf, einmal beiseite und konzentrieren uns nur auf die verwandte Frage, ob eine solche Expertenherrschaft wirklich einen Schritt in die richtige Richtung darstellt. Dies ist der Fall, wenn der Experte wirklich über einen einschlägigen größeren Sachverstand verfügt. Ist der Experte wirklich einer, der es besser weiß, dann wäre es nur vulgärer Antiintellektualismus, begehrte man gegen seine weisen Worte und Empfehlungen auf. Doch weiß „es“ der Experte in der heutigen politischen Diskussion wirklich besser?

Die naheliegende Antwort ist: Es kommt auf das Thema und den Experten an. Manche wissen wirklich bescheid, andere nicht, und in manchen Fragen weiß der Experte mehr, nämlich wenn es um sein Fachgebiet geht, und in anderen wiederum womöglich nicht. Diese Antwort ist natürlich nicht falsch. Aber sie ist auch nicht vollständig. Denn wenn wir spezifisch nach „politischen“ Diskussionen fragen, dann müssen wir hinzufügen, worin denn die Natur spezifisch politischer Diskussionen besteht.

Um die Frage nach der Rechtfertigung von Politik unter Berufung auf Experten und Sachzwänge beantworten zu können, ist daher eine Antwort auf die Frage nach der Natur des politischen Diskurses notwendig. Was ist überhaupt Politik? Die Natur einer Sache läßt sich aus ihrem Zweck erkennen. Wofür ist also Politik da? Dem Leser fallen hier sicherlich ziemlich viele Aufgaben ein: Landesverteidigung, Rechtssprechung, je nach politischer Ausrichtung auch die Bereitstellung von Schulen oder allgemein wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen. Doch das sind nur nachgeordnete Zwecke der Politik. Sie rechtfertigen sich wieder durch innerpolitische Argumente. Auch sie sind wieder „für etwas da“, haben einen Zweck. Bereitstellung von Landesverteidigung und einer verlässlichen Rechtssprechung sind einzelne Aufgaben des Staates, aber nicht der Zweck des Staates. Sie sind die Mittel und Wege, durch die Staaten ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen versuchen. Manche dieser Mittel und Wege sind unstrittig, wie die Landesverteidigung, andere sind strittig, wie bestimmte sozialpolitische Maßnahmen, aber sie alle werden von ihren Befürwortern gerechtfertigt unter Berufung auf etwas, das in der Regel „Gemeinwohl“ genannt wird. Dieser abstrakte Begriff ist von vielen politischen Theoretikern und Praktikern bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden, so dass er heute einen negativen Beiklang besitzt. Was ist nicht alles im Namen des Gemeinwohls gerechtfertigt worden! Es scheint, als ob die Gemeinschaft ohne Gemeinwohl besser dran wäre. Doch der Missbrauch einer Sache schließt nicht den korrekten Gebrauch aus. Wir sollten nicht „das Kind mit dem Bade“ ausschütten.

Gemeinwohl bezieht sich auf das (irdische) Wohl der Gemeinschaft. In der christlich geprägten Tradition des Westens gab es immer schon eine klare Unterscheidung zwischen dem Staat, dessen Zweck ein rein Diesseitiger ist, und der Kirche, welche auch und vor allem für das Heil der Seelen verantwortlich ist. Natürlich spielt die Sorge um das Heil der Seelen in mancher Frage – nämlich in Glaube und Sittenlehre – in weltliche Angelegenheiten herein, und umgekehrt sind die weltlichen Dinge nicht unbedeutend für das Seelenheil der Menschen, so dass diese Trennung keine strikte und absolute sein kann. Sprechen wir im politischen Sinne von Gemeinwohl, so kann nur das irdische Wohl der Menschen, der Individuen und ihrer Familien gemeint sein. Doch etwas gereicht einem Menschen zum Wohl, wenn es gut für ihn ist. Die Frage nach dem Guten, und zwar dem Guten in einem spezifisch ethischen Sinne, kommt über das Gemeinwohl unweigerlich in die Politik. Denn es reicht für das Gemeinwohl eben nicht, wenn etwas nur „gut für mich“ oder „gut für dich“ ist – das ist purer Egoismus. Ebenso ist es nicht ausreichend, wenn etwas „gut für die Mehrheit“ ist, denn es kann aus der Sicht der Mehrheit durchaus gut sein, andere Menschen auszurotten oder ihnen das Leben schwerer als nötig zu machen. Und dass etwas „gut für alle“ sein könnte, dass also alle Menschen einer Gesellschaft eine bestimmte Handlung zugleich als für sie selbst gut einstufen könnten, ist vollkommen utopisch. Wir benötigen also für die Frage nach dem Gemeinwohl eine Begrifflichkeit des „objektiv Guten“ – dessen, was nicht für irgendjemanden oder irgendetwas gut ist, sondern gut als Solches, oder gut an sich. Etwas also, dass für den Menschen gut ist, insofern er nicht irgendetwas anderes ist, sondern eben ein Mensch. Diesen Begriff des Guten nennen wir aber einen „ethischen“ Begriff.

Dies schließt freilich nicht aus, dass im Gemeinwohl auch einige nichtethische Zusammenhänge ihre Rolle und ihren angemessenen Platz haben könnten. Aber ohne einen Begriff vom moralisch Guten können wir das Gemeinwohl nicht definieren. Ohne Moral kein Gemeinwohl, und ohne Gemeinwohl keine Politik. Moral ist die Voraussetzung des Gemeinwohls und Gemeinwohl ist der Zweck der Politik. Daraus folgt streng logisch: Ohne Moral ist Politik zwecklos. Moral ist entscheidender Bestandteil der Politik. Politik befasst sich mit der Verwirklichung des moralisch Guten im menschlichen Zusammenleben nach irdischem Maß.

Nun zeichnet sich aber die Moral gerade dadurch aus, dass es in ihr keine Experten gibt, die sich diesen Expertenstatus durch irgendein intellektuelles Wissen erworben hätten. Kein Diplom und kein Abschluss macht einen Menschen zu einem besseren Menschen, sondern höchstens zu einem gebildeteren Menschen, was etwas ganz anderes ist, wie uns spätestens die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte gelehrt haben müsste. Der Experte ist derjenige, der den Gegenstand besser kennt als der Nicht-Experte. Der einzige Experte in der Moral ist also der tugendhafte moralische Mensch, dem das moralische Gesetz zur zweiten Natur geworden ist. So ein Mensch dürfte selten genug sein, und er ist an Universitäten gewiss nicht häufiger als woanders.

In der Moral können alle Menschen mitreden, weil jedem Menschen das moralische Gesetz ins Herz geschrieben ist, und jeder Mensch gleichermaßen dazu fähig ist, den Antreiben des Gewissens zu folgen oder sie im Laufe der Jahre immer schwächer wetrden zu lassen, bis die Stimme des Gewissens letztlich von dem wilden Kreischen der niederen Gelüste und Antriebe übertönt und damit unhörbar geworden ist. Alle Menschen sind ihren Fähigkeiten und Anlagen nach gleichermaßen moralfähig. Kurz können wir sagen: Der Mensch ist seiner Natur nach moralfähig.

Der Professor und der Bauer mögen unterschiedliches Vokabular verwenden, wenn sie über Moral sprechen. Der Ethiker mag ein scharfes philosophisches Verständnis diverser ethischer Ansätze entwickelt haben, das dem Bauern vollkommen fehlt. Aber wenn der Ethiker die Tötung der Unschuldigen rechtfertigt, und der Bauer sagt, „man tut das nicht“, dann ist der Bauer der ethische Experte und der Ethiker der Dumme.

Wenn es aber in der Moral keine Experten gibt, die sich durch formale Qualifikationen auszeichnen, dann gilt das auch für das Gemeinwohl, das der moralischen Fundierung bedarf, wenn es nicht zu einem reinen Kampf um den größtmöglichen selbstbezogenen Vorteil werden soll, bei dem die Stärkeren immer gewinnen. Doch wenn das Gemeinwohl ebenfalls keine diplombewehrten Experten kennt, dann gilt dasselbe auch für die spezifisch politischen Fragen.

Natürlich weiß der Ökonom wahrscheinlich mehr über Ökonomie als der Bauer. Er kann uns aber nur sagen, zu welchen Folgen bestimmte Handlungen seiner Theorie nach führen werden. Im Idealfall, wenn er wirklich bescheid weiß, dann werden diese Prognosen auch eintreffen. Davon sind wir natürlich weit entfernt. Doch selbst unter Annahme absoluten Expertenwissens wäre der Ökonom keine Hilfe bei der Frage nach dem Ziel.

Vielleicht könnte der perfekte Klimaforscher ausrechnen, dass „x“ Emissionen zu einem Temperaturanstieg von „y“ führen. Doch ob wir bereit sind, diesen Temperaturanstieg hinzunehmen, ob wir ihn als etwas Gutes sehen, und die negativen Folgen zu lindern versuchen, oder ob wir ihn als etwas Schlechtes sehen, und die guten Folgen als eher geringfügig betrachten, das ist keine Frage der Klimaforschung, sondern eine der Politik. Denn es ist die Frage nach dem Ziel, die Frage danach, was dem Gemeinwohl am besten dient, und damit letztlich eine moralische Frage.

Die Expertokratie ist daher ein Irrweg. Experten, die sich durch den einen oder anderen Abschluss auszeichnen, und mit genug Diplomen wedeln können, um als Alleinverantwortliche für die Abholzung der Regenwälder zu erscheinen, wissen vielleicht in ihrem Fachgebiet viel, doch sagt dies nicht das Geringste über den Zustand ihres Gewissens aus.

Kein Bildungszertifikat kann jemals so viel Weisheit vermitteln wie eine dieser zeitlosen Banalitäten, die sich schon die Bauern vor tausenden von Jahren erzählt haben.

Eine andere Folge dieser ganzen Überlegung ist aber, dass die Experten, wenn sie ihre politischen Meinungen gar nicht aus ihrem Expertenstatus schöpfen können, an ihre politischen Positionen ebenso herankommen wie die Nicht-Experten. Vielleicht können sie sie geschliffener formulieren, doch das konnten die Sophisten auch. Vielleicht sind die Sophisten sogar heute mal wieder wortgewandter als die Nachfolger des Sokrates, was womöglich daran liegt, dass die Nachfolger des Sokrates sich weithin den Sophisten angeschlossen haben. Die Experten haben kein privilegiertes Wissen in Fragen von Moral und Politik – daher sind diejenigen, die sich auf Experten für ihre politischen und moralischen Ansichten berufen, entweder einfach einer Täuschung erlegen, oder maskieren durch die Berufung auf die angeblich wissensbedingte Autorität der Experten nur eine bestimmte politisch-moralische Ideologie.

Da die Expertenlüge eigentlich sehr leicht zu durchschauen ist, zumal die Experten ja nicht einmal in ihren Fachgebieten wirklich fähig sind – ein Beispiel: welcher Ökonom hat die Krise von 2008 vorhergesagt? – trifft die Hypothese der Maskierung einer politischen Ideologie vermutlich auf die meisten Personen des öffentlichen Lebens zu, die sich, quer durch alle Parteien und Medien, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, auf die scheinbare Autorität der Experten berufen.

In diesem Sinne erscheint gerade die repetitive Vehemenz, mit der immer wieder vorgetragen wird, es handle sich nicht um ideologische Ziele, sondern um Sachzwänge, die etwa die Zentralisierung politischer und wirtschaftlicher Macht in den Händen der Wenigen, die sogenannte „Globalisierung“, die Reaktion auf den Klimawandel, die Abtretung nationalstaatlicher Budgetsouveränität und dergleichen mehr erforderlich machten, als indirekter Beweis für die ideologische Absicht, die hinter den gegenteiligen Beteuerungen steckt.

Man sagt uns immer wieder, es gebe keine Alternative. Ist das wirklich so? Gibt es keine Alternative? Die generell vorgeschlagenen Alternativen sind die bekannten politischen Ideologien, die längst alle gescheitert sind, und deren Scheitern ihre Anhänger der Selbstdarstellung folgend auf wundersame Weise zu nüchternen, sachlichen, technokratische „Lösungen“ vorschlagenden Experten gemacht hat. Doch ansonsten? Wenn wir keine Liberalisten, Sozialisten oder Nationalisten sein wollen, wenn wir weder dem Markt noch dem Staat über den Weg trauen, bleibt uns denn dann etwas anderes übrig, als uns auf den puren Sachverstand der Experten zu verlassen, selbst wenn er nur ein schöner Schein ist, hinter dem sich eine seltsame Mischung von Egozentrismus und politischer Ideologie verbirgt?

Und ob. Denn der gemeinsame Punkt aller gescheiterten Ideologien und der heutigen Schein-Expertokratie ist eben dieser: Dass sie sich alle in der einen oder anderen Weise auf die zeitlosen Banalitäten der Moral berufen, von denen beiläufig schon die Rede war. Dass sie alle aber ein bestimmtes an sich richtiges moralisches Prinzip herausgreifen und es so weit unter Ausschluss aller anderen Prinzipien radikalisieren, bis es über den Status der Richtigkeit hinaus zum Irrtum aufgestiegen ist.

Dem gegenüber steht einsam die katholische Soziallehre, die peinlich die Übersteigerung eines einzelnen moralischen Prinzips meidet, indem sie das ganze moralische Gesetz berücksichtigt. Hier haben wir ein Ideal, das, Chesterton zufolge, nicht versucht und für schlecht befunden, sondern für schwer befunden, und deswegen nicht versucht worden ist. Wäre es nicht eine gute Idee, dieser Idee eine Chance zu geben, nachdem alle anderen Ideen heillos gescheitert sind, und bevor wir uns in den radikalen Nihilismus stürzen, der die Folge des Scheiterns sinngebender Ideologien zu sein pflegt?

Das moderne Wrack

Ich verstehe nicht viel von Kunst, um das gleich vorweg zu sagen, doch das folgende Bild scheint mir ästhetisch ziemlich ansprechend zu sein, und zugleich irgendwie sehr gut auf die heutige gesellschaftliche Lage und die zukünftigen Aussichten zu passen, die uns bevorstehen, wenn wir nicht umkehren, oder es einen direkten Eingriff von GANZ oben gibt.

Gefunden habe ich es hier. Das Bild ist von William Turner und heißt „The Wreck of the Minotaur“. Es stammt aus dem Jahr 1810.

Doch natürlich geht es mir nicht nur darum, meinen vermutlich nicht vorhandenen Kunstgeschmack zu zelebrieren, oder den Leser auf dieses Bild aufmerksam zu machen, sondern eigentlich um etwas anderes, nämlich den Zustand unserer Gesellschaft. Der Gewohnheitsleser des Blogs wird wissen, dass sein Autor eher zum Pessimismus neigt, um das einmal vorsichtig auszudrücken, zumindest kurz- und mittelfristig. Langfristig wird die Sache natürlich ganz anders aussehen, darüber haben wir als Katholiken recht zuverlässige Informationen, um auch dies vorsichtig zu formulieren.

Doch in den nächsten 10, 20 vielleicht 50 Jahren? Wir haben gesehen, wie stark sich die Welt in 50 Jahren verändern kann. Nur die hellsichtigsten Zeitgenossen waren 1960 in der Lage die nahezu vollständige Zerstörung des sogenannten traditionellen Familienbildes vorhersehen, und selbst dass nur 20 Jahre später in fast ganz Europa und Nordamerika scheinbar zivilisierte Völker die Tötung der schutzlosesten Menschen, der Ungeborenen, legalisiert haben würden, wäre vermutlich den meisten völlig absurd vorgekommen.

Ähnliches gilt für den Kult, und man beachte dieses Wort, denn ich gebrauche es mit Bedacht, der um „alternative Sexualneigungen“ getrieben wird. Generell ist jedes Verständnis für die Tatsache, dass beide Geschlechter (und es gibt nur zwei, nicht zehn oder dreihundertneunundachtzig, egal was die Genderisten uns weismachen wollen) gerade weil sie so wertvoll und großartig sind, verschieden sein müssen, dass diese Verschiedenheit einen guten, lebensspendenden Grund hat, abhanden gekommen. Klar, auch heute würden nur die radikalsten Ideologen die EXISTENZ der Geschlechterdifferenz leugnen. Die Menschen sehen die Differenz, aber sie sehen nicht mehr, dass sie gut und schützenswert ist. Und doch basiert auf ihr die Fortexistenz des Menschen durch natürliche Fruchtbarkeit, und die natürliche Familie aus Mann, Frau und Kindern, auf der wiederum die Gesellschaft unverzichtbar aufbaut. All dies wird in der Theorie und zunehmend auch in der Praxis geleugnet. All dies hätten die Menschen 1960 nicht verstanden.

Ich bin überzeugt, dass ein Zeitreisender aus dem Jahre 1960, selbst wenn man ihm die ganze neue Technik erklärt und er sie verstanden hätte, sich 2010 nicht mehr zurechtfinden könnte. Es hat keinen großen Krieg gegeben, und doch lässt man Kinder nicht bei ihren Eltern, bei Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, aufwachsen, sondern in künstlichen Anstalten, fernab von der so notwendigen elterlichen Liebe. Es gibt keine immense finanzielle Not, und trotzdem sind Mütter nicht mehr für ihre Kinder, sondern nur noch für den wirtschaftlichen Austausch da (und scheinen das auch noch gut zu finden). Und Männer, die mit einer Frau ein Kind zeugen, heiraten diese nicht mehr, sondern zahlen lieber etwas Unterhalt, und es gibt kaum gesellschaftlichen Druck auf sie. Und selbst wenn sie heiraten, lassen sie sich bald wieder scheiden.

Unser fiktiver Zeitreisender sähe Kirchen, in denen die Lehre der Kirche nicht mehr gepredigt wird, sondern nur noch ihre Leere herbeigeredet. Er sähe eine evangelische Kirche, die inzwischen offen antichristliche Thesen vertritt, die Tötung der Ungeborenen akzeptiert hat. Er sähe eine katholische Kirche, doch er wäre unfähig, sie als solche zu erkennen. Wo ist der Altar? Was macht dieser komische hässliche Tisch da vorn im Heiligtum? Wo ist der Tabernakel? Warum starrt mich der Priester während der Messe an, hat der nichts Besseres zu tun, wie etwa zu Gott zu beten? Warum verschweigt er uns, wenn er an diesem komischen, lächerlichen Redepult da vorne steht, die Hälfte der Wahrheit? Warum erkennt man ihn nicht als Priester, wenn er nicht gerade die Messe liest? Und was machen die ganzen Mädchen am Altar? Warum hält keiner diese anmaßenden Laien auf, die permanent im Heiligtum umherlaufen, als sei es ein Schauspielhaus? Warum gibt es keinen Respekt vor dem Priester? Warum gibt es keine jungen Leute mehr in der Kirche, und wo sind die ganzen Kinder? Warum ist ein Drittel der Katholiken geschieden? Warum geht niemand beichten? Warum hassen viele von ihnen den Papst so sehr? Die Liste seiner entsetzten Fragen ließe sich endlos fortsetzen. Doch man könnte ihm nicht verübeln, wenn er zu dem Ergebnis käme, er hätte sich in der Tür geirrt, da dies offensichtlich nichts mit einer katholischen Kirche zu tun hat.

Vermutlich würde er Sedisvakantist, wenn ihm niemand gründlich erklärte, was wirklich abgelaufen ist.

Die heutige, moderne Gesellschaft ist ein Wrack, sie befindet sich derzeit noch auf hoher See, doch die Felder von Eisbergen werden immer dichter. Und die Kirche, die sie vielleicht aus diesem Moloch befreien könnte, ist intern mit kleinen Streitfragen beschäftigt, die sie seit Jahrzehnten ihres Missionseifers berauben. Irgendwelche anmaßenden Laienvertreter befassen sich mit Dingen, die sie nichts angehen, und viele Priester und Bischöfe leben und predigen, als ob sie sich niemals vor ihrem Schöpfer verantworten müssten. Manche treiben es bis in die Strafbarkeit (etwa beim Missbrauchsskandal), andere sind moralisch weniger verdorben, lassen dafür ihre Schäfchen massenhaft ins Verderben laufen, indem sie Häresien predigen, den Glaubensverfall „pastoral“ begleiten, statt ihn ernsthaft zu bekämpfen (was wirklich pastoral ist, denn der Pastor ist der Hirte, und der Hirte ist dafür verantwortlich, dass die Schafe nicht in den Abgrund stürzen), und nicht den Eindruck machen, als ginge es ihnen um die Wahrheit, sondern nur um Popularität.

Natürlich gibt es gute Priester und Bischöfe, und es gibt gute Laien (und durch das Internet können sie sogar etwas mehr Einfluss gewinnen, und so vielleicht den Niedergang verlangsamen, vielleicht mit viel Glück sogar lokal stoppen oder umkehren). Genauso wie es sie immer gab und immer geben wird. Doch die große Masse der Menschen ist, so unpopulär und „undemokratisch“ das klingen mag, letztlich immer einigen wenigen gefolgt, die sie geführt haben. 99% der Menschen führen ihr Leben nicht nach sorgfältig durchdachten, logischen, zusammenhängenden Prinzipien, aber sie haben Vorbilder, Neigungen, Eltern, eine sie umgebende Gesellschaft, und all dies prägt die Menschen und beeinflusst ihren Willen. Kaum jemand ist wirklich unabhängig von „den Anderen“ und ihren Ansichten – heute im Zeitalter der Massenmedien noch weniger als je zuvor. Langfristig, und ich spreche von mindestens den letzten 400 Jahren, ist die Tendenz der Zersplitterung, des Glaubensverfalls, immer wieder als Sieger aus den Auseinandersetzungen hervorgegangen – das ist die Periode, die Geschichtswissenschaftler unter Moderne zusammenfassen, etwa seit dem frühen 17. Jahrhundert. Und in dieser Periode hat es immer wieder kurzfristige Siege der Kirche gegeben, aber niemals haben diese Siege lange gehalten. Immer war die nächste Flut höher als die letzte, und die Wasser des „Fortschritts“ gingen niemals wieder so weit zurück, wie bei der letzten Ebbe.

War alles, was die Moderne gebracht hat, notwendigerweise schlecht? Nein, es gab auch viele gute Errungenschaften. Technischer Fortschritt hat das Leben vereinfacht und verlängert. Das positive Potenzial dieser Art Fortschritt ist enorm. Aber wofür haben die Menschen es genutzt? Mord, Zerstörung, zwei schreckliche Weltkriege und eine niemals dagewesene Vernichtung ihrer natürlichen Lebensumgebung, der meist so bezeichneten „Umwelt“. Und hat selbst so etwas wunderbares wie ein höheres Lebensalter wirklich nur positive Auswirkungen auf die Seele des Menschen? Oder gibt es nicht die Versuchung, je länger man lebt, dem alten Traum von der Unsterblichkeit mit den Mitteln des Menschen, statt mit denen Gottes nachzuhängen? Und was ist mit Technologien wie dem Automobil? Klar, Menschen können nun weitere Strecken zurücklegen, sie sind flexibler. Das KANN gute Auswirkungen haben. Doch hat es nicht die Zerstreuung von Familieneinheiten über das ganze Land begünstigt, in dem vergeblichen Geiste, man könne einander ja besuchen? Hat es nicht mehr zur Zerstörung echter lokaler Gemeinschaften beigetragen, als kaum eine Erfindung der letzten 200 Jahre? Ähnlich lassen sich Fragen aufwerfen bezüglich aller großen gefeierten technischen Fortschritte außerhalb des strikt medizinischen Bereichs – Handy, diverse Kühltechnologien, und ganz sicher der Computer.

Technik verlängert den Arm des Menschen, noch wofür nutzt er den verlängerten Arm? Das hängt von seiner sittlichen Grundhaltung ab, und die ist noch nie besonders gut gewesen. Die technische Unfähigkeit der Menschen, ihre starke lokale Gebundenheit, ihre kurze Lebensspanne, all dies hat die Fähigkeit des Menschen zum Guten wie zum Bösen immer geschwächt. Für sich ist Technologischer Fortschritt also neutral – doch der Mensch ist nicht neutral; er untersteht zunächst einmal dem Fürsten dieser Welt und ist von der Erbsünde gezeichnet. Auch wir Christen sündigen ständig und tun anderen großes Leid an. Mit den Mitteln moderner Technik multiplizieren wir dieses Leid tausendfach. Wir können auch das Gute multiplizieren, auf dieselbe Weise. Aber es gibt nur so wenige Heilige, und so viele unbußfertige Sünder! Die Schwäche des Menschen ist Gottes Quarantäne – und wir haben sie unterwandert. Doch wir haben unsere Krankheit, die die Quarantäne notwendig gemacht hat, dabei nicht abgelegt, wir haben unsere Seelen nicht geheilt, sondern sie immer kränker gemacht, uns immer mehr berauscht an Gier, Neid, Hochmut, Wollust und ihren Gefährten.

Und selbst heute: Kehren wir um? Es gibt kaum ein Anzeichen, dass ein signifikanter Anteil der Menschen überhaupt erkennt, dass es Grund zur Besorgnis gibt. Wir plappern von großen Bedrohungen, doch verstehen tun wir nichts. Wir können noch so sehr gegen die Banker, Spekulanten, Kapitalisten, Sozialschmarotzer, Ausländer, Moslems, Patriarchen, Reaktionäre, Juden und all die anderen Sündenböcke hetzen – die Schuld tragen wir selbst, mit jeder einzelnen Sünde, mit der wir unseren Erlöser erneut kreuzigen, sein zartes Herz durchbohren, und unsere eigenen Seelen und die unserer Mitmenschen verderben und verführen. Für unsere Missetaten ist niemand verantwortlich als wir selbst – und unsere Missetaten sich wirklich, ernst, und haben schreckliche Folgen in diesem und im nächsten Leben. Doch wer hört das heute noch in Kirchen? Kaum jemand. Und so schlafwandeln wir in den irdischen, zeitlichen Abgrund, aber auch in den ewigen.

Klar gibt es diejenigen, die sagen, alles sei auf dem Weg der Besserung. Selbst der sonst so realistische Fr. Longenecker stimmt in diesem Triumphalismus hemmungslos mit ein. Ja, traditionelle Orden und Priesterbruderschaften haben mehr Nachwuchs, und es mag auch sein, dass unter den heutigen Kirchgängern unter 30 die Einsicht der Papsttreue sich durchsetzen wird oder schon hat. Doch es sind so wenige, und es werden weniger! Und wir leben nun einmal in einer Demokratie, wo die Mehrheit entscheidet, d.h. es entscheidet die Elite, die in der Lage ist, die Mehrheit effektiv zu indoktrinieren. Und diese Elite ist nicht auf unserer Seite und wird es auch in Zukunft nicht sein.

Nein, wir sind nicht auf dem Weg der Besserung, zumindest nicht auf viele Generationen hinaus, zumindest nicht in Westeuropa und Nordamerika. Wir sind vielmehr, und damit komme ich zum Schluss, in der gleichen Lage, wie die Passagiere des oben abgebildeten Schiffs. Es gibt Rettungsboote, und wir werden nicht alle umkommen, aber die Lage ist ernst. Und es bringt nichts, nachdem die Titanic den Eisberg schon gerammt hat, und bereits im Sinken begriffen ist, noch fröhlich auf Deck Liedchen zu pfeifen, wie schön frisch doch der Tag ist, wenn man nicht wenigstens die wirkliche Lage realisiert. die moderne Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht hervorbringen kann – sie kann nur von der Substanz aus vormoderner Zeit zehren. Doch diese Substanz ist nicht unendlich, sie wird irgendwann aufgebraucht sein, und dann Gnade uns Gott.

Hörempfehlung: Manche diskutieren über den Verfall der Kultur, oder die „Kultur des Todes“. Anthony Esolen stellt in dieser Tonaufzeichnung eines Vortrags (in englischer Sprache) die Frage, ob wir überhaupt noch eine Kultur haben – und antwortet für die USA mit nein. Doch seine Analyse trifft auch auf uns zu. (Titel des Vortrags: „Is Culture a Thing of the Past?“)

Antikatholizismus: Eine Zukunftsperspektive (Teil 2)

(Dies ist der zweite Teil der Artikelserie zum Antikatholizismus anlässlich der diversen Vorfälle beim Weltjugendtag und um ihn herum. Der erste Teil findet sich hier)

Mögliche Gegenmaßnahmen

Wie sollte man als Katholik, besonders als junger Katholik, mit dieser Lage umgehen? Ein Abfall vom Glauben aus politischer Korrektheit sollte überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden. Man wird also entschlossen die Wahrheit sagen müssen, sich zugleich auf eine Verschlechterung der Lage einrichten, vorbereiten, so dass man seinen Glauben so gut kennt, dass man ihn auch in einer sehr feindseligen Umgebung entschlossen vortragen und verteidigen kann, und die nötige moralische Festigkeit entwickeln („fortitudo“), auch schwerwiegenden Bedrohungen und selbst einer möglichen neuen Christenverfolgung in Treue zum Glauben und zur Kirche gegenübertreten zu können.

Mit dieser inneren Stärke und Überzeugung sowie dem soliden Glaubenswissen (und den besten Argumenten für den Glauben) ausgerüstet, kann dem Katholiken eigentlich nicht so viel passieren. Historisch haben viele Menschen ihr Leben verloren, sind brutal ermordet worden, nicht weil sie ein Verbrechen begangen hätten, sondern einfach nur, weil sie offen ihren christlichen Glauben bekannt haben. Diese Märtyrer haben die schlimmsten Dinge bereits durchgemacht, die einem Christen auf dieser Erde drohen können – und sie haben in Festigkeit und Treue zum Glauben und zur Wahrheit gestanden. Mehr wird von uns auch nicht verlangt werden können – wahrscheinlich viel weniger. Das sollten wir doch schaffen können.

Der kommende Bruch

Ein Einwand könnte vorgebracht werden: Man könnte sagen, es sei doch viel eher unsere Aufgabe, das gesellschaftliche Klima zu beeinflussen wo wir können, um das Abgleiten der Gesellschaft in offenen Hass und vielleicht gar Verfolgung abwenden zu können, und ihr sogar wieder auf einen besseren Weg zu verhelfen. Das zu tun ist sicher richtig, soweit man dazu in der Lage ist. Doch der faktische Einfluss des Katholizismus auf das Denken und Handeln der breiten Bevölkerungsmehrheit tendiert gegen Null. Ähnliches gilt inzwischen auch für den Einfluss des Glaubens auf die Politik, selbst innerhalb von CDU und CSU. Daher kann man sicher sein Möglichstes tun, und sollte es sogar. Doch ich fürchte, das wird nicht ausreichen – haben denn nicht die gläubigen Katholiken schon bisher in dieser Hinsicht alles versucht und sind glatt gescheitert? Die Kraft der heutigen winzigen Minderheit gläubiger, junger Katholiken wird nicht in erster Linie in der Bekehrung der Gesellschaft durch Argumente und ein gutes Beispiel liegen, sondern in der Bewahrung des Schatzes der Wahrheit für zukünftige Generationen, die wieder ein Interesse daran entwickeln werden, wenn das derzeitige Gesellschaftssystem an seinen schweren Konstruktionsfehlern zerbrochen ist. Böckenförde und andere wussten schon lange, dass die moderne Gesellschaft von Grundvoraussetzungen und Werten lebt, die sie selbst nicht bereitstellen, sondern von denen sie nur zehren kann. Schon heute sehen wir das Modell der relativistischen Wohlfahrtsgesellschaft überall knirschen und knarren – wirtschaftlich, kulturell, ethnisch, in allen Bereichen driftet die europäische Gesellschaft auf einen Bruch- oder Wendepunkt zu. Vor diesem Bruchpunkt wird es keine kulturelle Umkehr geben, keine Abkehr von einem sittlichen Standpunkt der zunehmenden Verrohung, in dem aufgrund seiner moralischen Verwerflichkeit schon latent die Abneigung gegen das gediegene, ausgeglichene Wertesystem des traditionellen Katholizismus steckt, allein schon um seiner Selbstrechtfertigung Willen.

Doch nach diesem Bruchpunkt, nachdem die illusorische Sicherheit nicht mehr existiert, die uns der weitgehend auf Pump und auf Kosten der gesellschaftlichen und familiären Substanz angehäufte Wohlstand oberflächlich zu bieten vermag, werden die Menschen allein schon um der Sicherung ihres physischen Überlebens Willen von ihren derzeitigen Ideologien Abstand nehmen müssen. Wer dann die traditionellen Tugenden noch beherrscht, in einer traditionellen christlichen Gemeinde seine Heimat findet, und sich auf die Unterstützung einer traditionellen Familie verlassen kann, der hat Glück gehabt. Die anderen werden dann, nach dem Wegfall großzügiger Wohlfahrtssysteme, schon eher in Schwierigkeiten geraten.

Das heutige Gesellschaftsmodell ist nicht überlebensfähig. Es basiert auf Voraussetzungen, die es nicht selbst bereitstellen kann. Es kann nur von ihnen zehren – und das tut die gesellschaftliche Moderne schon seit 200 Jahren. Die Reserven sind immer weiter geschrumpft, und mit dem Zerfall der Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kindern in den letzten 50 Jahren, sowie der damit einhergehenden Auslagerung elementarer Funktionen aus diesem Familienverbund hin zum Staat (z.B. Kindererziehung, Altenpflege) ist eine weitere Reserve aufgebraucht. Die Substanz, von der die moderne Gesellschaft noch zehren kann, ist, jenseits oberflächlicher Wohlstandsillusionen, die verschwinden, sobald das Finanzsystem endgültig sein Vertrauen in Papiergeld und Papieraktien verliert, die nur so viel wert sind wie das Vertrauen, das „der Markt“ in sie setzen möchte, extrem dünn geworden. Alles ist „vermarktet“, alle sind abhängig von diesem weltweiten Markt – keiner könnte mehr lokal leben. Zugleich sind die ökonomischen Ansprüche so überzogen hoch, dass schon ein kleiner Wohlstandsverlust zu schweren gesellschaftlichen Verwerfungen und massiven bürgerkriegsähnlichen Gewaltexzessen führen kann. Alles das sind Symptome der Substanzlosigkeit einer Gesellschaft, zusammen mit der moralischen Verrohung, und nicht unabhängig von ihr.

Abschluss: Saat und Ernte

Die Abneigung gegen den traditionellen katholischen Glauben ist dem modernen Gesellschaftssystem in der einen oder anderen Form schon seit seiner Erfindung durch die Aufklärer des 18. und frühen 19. Jahrhunderts inhärent. Nicht immer kam es zu virulenten Ausbrüchen, aber latent fehlte sie nie. Vielleicht wird sie noch einmal zu voller Blüte erwachen, wenn die Schwierigkeiten, die sich vor der Moderne auftürmen, immer höher, immer unübersteigbarer, immer unlösbarer werden, wenn sich wieder einmal die Chance ergibt, die Schuld einem Sündenbock zuzuschieben, ob es die „Reaktionären“, die „Juden“, die „Kapitalisten“, die „Banker“ oder wer auch immer sind. Und dass es sehr schwer ist, solchen Versuchungen zu widerstehen, wenn man kein solides Wertefundament hat – und das hat der moderne Westen nicht – ist aus der Geschichte nur zu gut bekannt.

Sollte dieser latente Antikatholizismus noch einmal größte Virulenz erreichen, so wird man in späteren Generationen auf diese unsere Zeit, die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts, als die Zeit zurückblicken, in der die Saat ausgebracht worden ist, deren Ernte die Verfolgung gewesen sein wird.