Wo stehen wir?

Getreu der Aufforderung des Chefökumenisten der katholischen Kirche, Kardinal Koch, möchte ich hier genau diese Frage stellen: Wo stehen wir, die wir uns traditionelle Katholiken nennen? Der Kontext dieser eigenartigen Frage ist natürlich das Konzil (was sonst?). Kardinal Koch wünscht sich die totale Anerkennung. In einem Interview sagt er zur Verbindlichkeit des Konzils:

„Das Zweite Vatikanum hat vier große Konstitutionen erlassen, zudem neun Dekrete und drei Erklärungen. Rein formal kann man natürlich einen Unterschied zwischen diesen drei Gattungen machen. Allerdings stellt sich dann insofern ein Problem, als das Konzil von Trient (1545-1563) nur Dekrete erlassen hat und keine Konstitutionen. Und man wird hier sicher nicht von einem Konzil minderen Grades reden wollen. Also: Rein formal kann man Unterschiede finden, aber man kann kaum Unterschiede in der Verbindlichkeit in inhaltlicher Hinsicht machen. Das Ökumenismus-Dekret beispielsweise hat seine dogmatischen Grundlagen in der Kirchen-Konstitution. (…) Dass Konzile auch irren können, ist allerdings eine Behauptung, die auf Martin Luther zurückgeht. Von daher müssen sich die Traditionalisten schon fragen, wo sie denn eigentlich stehen.

Kardinal Koch vetritt also die Haltung, dass jeder Katholik das Konzil zur Gänze in all seinen Texten vorbehaltlos und vollständig annehmen muss, dass es nicht statthaft ist, manchen Konzilstexten einen höheren Grad an Verbindlichkeit zuzumessen, sondern dass alle Texte gleichermaßen „verbindlich“ sind. Zudem unterstellt er Konzilskritikern eine quasilutheranische Gesinnung. Ob der geschätzte Kardinal mit seinen Freunden aus den „getrennten Gemeinschaften“ auch so diplomatisch umspringt?

Der Kardinal fordert „Traditionalisten“, verstanden als Personen, die das Konzil kritisch sehen, und daher an „vorkonziliaren“ Positionen festhalten, dazu auf, zu überdenken, wo sie eigentlich stehen. Die Frage lautet eigentlich: Seid ihr Traditionalisten überhaupt katholisch?

Man merke: Die feste Überzeugung von der unbezweifelbaren Richtigkeit aller Konzilsaussagen – alles soll gleichermaßen verbindlich sein – wird hier zum Markstein der Glaubenstreue bzw. Orthodoxie. Wer das anders sieht, ist eine Art zweiter Luther. Dies ist ein geradezu lehrbuchmäßiges Beispiel für die Stilisierung eines Pastoralkonzils zum „Superdogma“. Das Konzil selbst hat natürlich, ebenso wie auch die nachkonziliaren Päpste, immer wieder festgestellt, dass gar keine neuen Dogmen definiert worden sind.

Nun, der Kardinal möchte, dass die Traditionalisten sich fragen, wo sie denn eigentlich stehen. Sind sie überhaupt Katholiken? Ich kann natürlich nicht für alle Traditionalisten sprechen, aber soweit ich weiß, sehen die allermeisten sich durchaus als Katholiken. Ich zumindest habe meine oftmals eingestandenen Schwierigkeiten mit dem Konzil, und wäre niemandem böse, wenn es einfach in der Versenkung verschwände, doch ich halte mich durchaus für katholisch.

Vielleicht irre ich mich, und ich bin in Wahrheit ein Schüler Luthers, wie der Kardinal zu insinuieren wünscht. Ich bin – im Gegensatz zum Größten Konzil Aller Zeiten – schließlich nicht unfehlbar. Vielleicht sind die Traditionalisten in Wahrheit gar keine Katholiken, sondern Protestanten. Immerhin würden sie dann in Zukunft vom Ökumenefanclub hofiert, statt verketzert.

Doch die Frage des Kardinals ist ernstzunehmen. Wo stehen die Traditionalisten? Wie gesagt, ich kann nicht für alle Traditionalisten sprechen, sondern nur für mich selbst: Aber hier ist meine Antwort:

Der Zweck des Konzils war erklärtermaßen, den Glauben pastoral zeitgemäß darzustellen, um die Kirche zu stärken, und den Glauben zu verbreiten. Hat das Konzil seinen Zweck erfüllt? Ist die Kirche heute stärker als 1965?

Nur jeder zehnte Katholik besucht regelmäßig die Messe. Wenn er die Messe besucht, dann erlebt er meist eine krampfhaft kreative Gemeindefeier mit Empfang eines nicht besonders schmackhaften Brotplättchens im Gänsemarsch am Ende der Messe. Das ist sein subjektiver Eindruck. Wenn er das Glück hat, noch eine Messe in seiner Gemeinde vorzufinden, und keine „Wort-Gottes-Feier“ mit freundlicher Unterstützung der lokalen Häretikerinnen aus dem Gemeinderat.

90% der Katholiken sind kirchenfern. Die allermeisten nach 1965 geborenen Katholiken haben nicht die geringste Ahnung von ihrem Glauben. Weder ihre Eltern noch die Gemeinden legen besonderen Wert auf die Ausbildung der jungen Menschen in ihrem Glauben. Nur lustig muss es sein, und fröhlich und modern, alles andere ist egal. Zunehmend werden Kinder christlicher Eltern gar nicht mehr getauft. Wenn kann es wundern?

Wenn ein Nichtgläubiger einmal den Weg zur Kirche findet, und einen Priester nach den Inhalten des Glaubens fragt, dann hat er sehr gute Chancen, dass man ihm erklärt, es gehe darum, lieb und nett zu sein, weil alles andere sowieso nur später hinzugedichtet worden sei. Fragt er einen Theologieprofessor, so sind seine Chancen in dieser Hinsicht noch besser. Fragt er einen einfachen katholischen Laien, so wird er vermutlich gar keine zusammenhängende Antwort erhalten. Von den zentralen Gehalten des christlichen Glaubens erfährt er so jedenfalls nichts. Er wird nicht wiederkommen. Warum auch?

Katholische Familien unterscheiden sich nicht vom Rest der Gesellschaft. Diesseitiges Streben nach Geld, Prestige und materiellem Besitz überstrahlt das Streben nach Heiligkeit, sofern letzteres überhaupt noch eine Rolle spielt. Die wenigen nicht verhüteten, nicht abgetriebenen Kinder sind wie in der Mehrheitsgesellschaft eher im Weg, weil sie Mutter und Vater an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Katholische Verbände fordern die Einweisung möglichst aller Kinder ab dem ersten Lebensjahr in staatlich finanzierte Verwahranstalten. Sie haben keine Skrupel, mit Abtreibungslobbyisten gemeinsame Sache zu machen. Die meisten Bischöfe und Priester schweigen dazu vornehm. Man fürchtet sich vor dem, was sie sagen würden.

Katholische Familien leben den Glauben nicht. Das Tischgebet ist kaum noch verbreitet, und ähnliches gilt für das gemeinsame Gebet überhaupt. Die Existenz Gottes ist zweifelhaft, außer als gelegentlich gebrauchte Redensart, die Heilsnotwendigkeit der Kirche unbekannt oder Gegenstand von Spott. Nach einigen Jahren ist die Chance nicht schlecht, dass die katholische Familie auseinanderbricht, weil die Ehepartner sich auseinandergelebt haben, und einer der beiden oder beide jüngeres Fleisch erblickt haben.

In der Ökumene geht es vor allem um den Ausverkauf katholischer Substanz zwecks Vorspiegelung real inexistenter Einheit. Das Ziel der Bekehrung der Irrgläubigen zum Kirche Gottes ist praktisch aufgegeben worden, und jeder, der die Juden auffordert, sich zu Jesus Christus zu bekehren, wird als Antisemit angefeindet, bloß weil ihm das Seelenheil des jüdischen Volkes am Herzen liegt.

Das Konzil hat den Glauben in einer schweren Zeit nicht gestärkt, sondern durch seine Schwammigkeit und seine Schwurbelprosa selbst unter Annahme vollständiger Kontinuität mit der Glaubensüberlieferung massiv geschwächt. Der Konzilskaiser hat keine Kleider.

Die Kirche steht heute vor einem Scherbenhaufen. Ganz Gallien befindet sich in einer tiefen Glaubenskrise. Ganz Gallien? Nein, in einigen kleinen verstreuten Dörfern sieht es deutlich besser aus. Was zeichnet diese kleinen gallischen Dörfer aus, die sich alleingelassen durch die Mainstreamkirche mit bescheidenen Mitteln durch die Glaubenskrise kämpfen? Ist es extreme Treue zu der unerschöpflichen Weisheit des Konzils? Ist es die feste Überzeugung, dass man alle Beschlüsse des Konzils unterschiedslos als richtig und wunderbar annehmen muss?

Oder ist es nicht vielmehr das Festhalten an der traditionellen katholischen Religion, ihrer Frömmigkeit, ihrer dogmatischen Klarheit, ihrer überlieferten Theologie, und nicht zuletzt, ihrer theologisch unmissverständlichen traditionellen Messe, bei der niemand den Eindruck gewinnen kann, er wohnte einer lutheranischen Gedächtnisfeier bei?

Schwere, inhaltliche Kritik oder absolute Anhänglichkeit an jede Konzilsformulierung als verbindliches Glaubensgut: Welche Haltung zum Konzil bringt die richtigen, katholischen Früchte? Kardinal Koch mag dies nach seinen eigenen Kriterien beurteilen.

Doch ich kann das Konzil nur an seinen Früchten messen. Und wenn ich sehe, wie zwei Zwillinge von zwei Bäumen essen, und der eine Zwilling danach schwer erkrankt, während der andere weitgehend gesund bleibt, dann weiß ich, dass die Früchte des einen Baumes vergiftet waren.

Und also esse ich nicht von diesem Baum.

Ich halte an dem überlieferten Baum des wahren Glaubens fest. Von dem weiß ich wenigstens, dass er unbedenklich, verträglich und gesund ist.

Und wenn die Laborergebnisse irgendwann einmal vorliegen, wenn der Konzilsbaum genau untersucht worden ist, und man genau herausgefunden hat, von welchen Früchten des Konzilsbaums man unbedenklich essen kann, dann werde ich von diesen Früchten essen. Bis dahin halte ich an dem Glauben fest, der 1961 wahr war, in der sicheren Zuversicht, dass er heute nicht plötzlich falsch sein kann.

Beantwortet das – zumindest was meinen Fall betrifft – Ihre Frage, Herr Kardinal?

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Die Pius-Tragödie: Nächster Akt

Man weiß bald nicht mehr, was man dazu noch sagen soll – wieder einmal gibt es Neues von dem Tauziehen um die kirchenrechtliche Stellung der Piusbruderschaft (oder ihr Fehlen) zu berichten. Wieder einmal sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Dokumente durchgesickert, und wieder einmal sieht es so aus, als seien auf beiden Seiten – in Rom und in der FSSPX – Kräfte am Werk, die eine fruchtbringende Einigung mit allen Mitteln verhindern wollen. Informieren kann man sich z.B. hier oder hier.

Es sieht, den verlinkten Quellen folgend, jetzt wohl so aus, als habe es bereits im April, als es schon hieß, eine Einigung stehe unmittelbar bevor, oder sei gar eine ausgemachte Sache, eine Verständigung zwischen Bischof Fellay und dem Heiligen Vater gegeben, die aber aus welchen Gründen auch immer zwischen April und Juni wieder zurückgezogen oder modifiziert wurde. Diese Zusammenhänge stellt Côme de Prévigny auf Rorate Caeli trefflich dar. Man wird nun lange Spekulationen über die möglichen Ursachen dieser wechselnden Winde anstellen können – Winde, die im April Bischof Fellay dazu veranlassten, vorsichtig optimistisch zu sein, und die sich jetzt umgekehrt zu haben scheinen. Ich möchte diese Spekulationen nicht befeuern und stelle sie daher nicht an. Stattdessen verliere ich im folgenden einige Worte über ein grundsätzlicheres Problem, das mir hinter diesem nicht enden wollenden Verhandlungsmarathon zu stehen scheint:

Ich weiß, wie gesagt, eigentlich nicht mehr was ich dazu noch sagen soll. Ich glaube inzwischen auch nicht mehr, dass eine Rekonziliation zwischen der Piusbruderschaft und Rom, eine kirchenrechtliche Anerkennung, derzeit sinnvoll oder auch nur durchsetzbar wäre. Man verstehe mich nicht falsch: Ich würde sie wirklich begrüßen, doch die Umstände scheinen nicht richtig zu sein.

Im April, so heißt es in dem jetzt durchgesickerten Schreiben, habe Bischof Fellay eine Erklärung in Rom vorgelegt, die dem Heiligen Vater ausreichend erschien. Doch nun, am 13. Juni, sei aus Rom eine Art Gegenvorschlag eingegangen, dessen Substanz identisch mit der bereits von der FSSPX abgelehnten Präambel vom 14. September 2011 sei. Mit anderen Worten: Alle Annäherungen, alle Schritte, die vielleicht zu einer Einigung hätten führen können, sind damit wieder hinfällig geworden. Aus irgendeinem Grund hat man sich in Rom hinter den Schutzwall bereits abgelehnter Verhandlungsgrundlagen zurückgezogen. Eine Einigung, so wage ich zu behaupten, ist damit wieder in weite Ferne gerückt. Mehr noch: Das Projekt scheint mir gescheitert.

Wenn Bischof Fellay, wie in dem verlinkten Schreiben behauptet, bereits nach der ersten Durchsicht gesagt hat, man könne diesen Vorschlag unmöglich annehmen, dann wäre dies eine sehr bedeutsame Entwicklung. Denn unter den vier Bischöfen der Bruderschaft war Fellay immer derjenige, der einer Rekonziliation am ehesten positiv gegenüberstand.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es jetzt weitergehen wird. Bei der FSSPX steht nun ihr turnusmäßiges Generalkapitel an, und dort wird man alles noch einmal intensiv durchdiskutieren und von allen Seiten beleuchten. Doch was soll das ändern? Die Piusbruderschaft ist nicht bereit, inhaltliche Abstriche von ihrer Position zu machen. Aus ihrer Sicht bleibt das Konzil ein Irrweg, der Novus Ordo nicht nur theologisch minderwertig, sondern praktisch schädlich, da in ihm ein anderer Glaube als der traditionelle katholische vermittelt werde, und die kirchliche Verkündigung seit dem Konzil durch und durch modernistisch, bis hin zur Ebene der Päpste. Und die FSSPX wird nicht plötzlich von diesen Themen schweigen. Sie glaubt, Christus sei entthront worden, und dafür, ihn wieder auf den Thron zu setzen, wird sie bis zum letzten Atemzug kämpfen. Solange Rom dies nicht in einer kirchenrechtlich regulären Stellung erlauben will, wird sie es in irregulärer Stellung tun.

Umgekehrt ist Rom fest davon überzeugt, dass das Konzil ein großer Wurf war, und dieser Weg weitergegangen werden muss, auch wenn so manche zu radikale Interpretation nun abgeschwächt werden soll. Die Neue Messe ist und bleibt, auch nach dem Willen des Papstes, die normative Messe, und in der „pastoralen“ Praxis ist sie weiterhin die einzige, die in Freiheit zelebriert werden kann. Summorum Pontificum ist praktisch eine Karteileiche – das Motu Proprio wird nicht durchgesetzt und von den meisten Bischöfen einfach ignoriert. Sicher möchte man das Konzil ein wenig uminterpretieren, so dass es nicht mehr als radikaler Bruch mit der Tradition erscheint – Reform statt Revolution. Doch es bleibt dabei: Der Unterschied zwischen Reformern und Revolutionären ist nur das Tempo – das Ziel ist dasselbe. Der Reformer bricht langsam mit der Tradition, so dass es niemandem auffällt. Deswegen ist er häufiger erfolgreich als der Revolutionär. Aber brechen tut er ganz genauso. Die Hermeneutik der Reform ist also eine Hermeneutik des langsamen, kontinuierlichen, schonenden Bruchs. Eine „Hermeneutik des Umbiegens“ sozusagen.

Für die Piusbruderschaft ist keine Akzeptanz einer solchen „Hermeneutik des Umbiegens“ möglich. Sie hält unbeirrbar an dem fest, was Erzbischof Lefebvre im Gefolge der Tradition immer geglaubt und gelehrt hat. („Tradidi quod et accepi“) Ginge es wirklich um eine „Hermeneutik der Kontinuität“, so lägen die Dinge womöglich anders. Wollte man in Rom wirklich „Kontinuität“ statt „Reform“, wollte man also wirklich an der Tradition festhalten, bzw. in der „pastoralen“ Praxis zu ihr zurückkehren, so wäre die FSSPX sicher ganz aufgeschlossen. Bischof Fellay hat dies immer wieder deutlich gemacht: Wenn man von der Bruderschaft nicht verlangt, dass sie Abstriche an Glauben, Liturgie und Verkündigung macht, so wird sie nicht nein sagen. Selbst wenn mancher in der FSSPX damit seine Schwierigkeiten hätte, und selbst wenn das einen großen Kampf gegen die Bruchhermeneutiker in der Kirche bedeuten würde.

Doch im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn sie doch Abstriche vom Glauben, von der Liturgie, von der Verkündigung machen soll, dann wird sie nicht ja sagen. Wenn Rom sich weigert, der FSSPX die Gelegenheit zu dem von Erzbischof Lefebvre geforderten „Experiment der Tradition“ zu geben, in voller Freiheit von Behinderungen durch modernistische Ortsbischöfe, die in Europa leider nicht selten sind, dann wird sie – auch das hat Fellay nicht unterschlagen – nein sagen müssen.

Eine kirchenrechtliche Anerkennung einer Piusbruderschaft, die weiterhin einen Bruch zwischen Konzil und Tradition sieht und davon nicht schweigen möchte, scheint mir damit unmöglich, oder zumindest extrem unwahrscheinlich. Beide Seiten haben ihre Überzeugungen, und beide Seiten werden darüber sprechen können, bis sie schwarz werden. Ändern wird das nichts. Für eine Einigung müsste entweder die FSSPX auf ihre Vorbedingung eines freien Experiments der Tradition, das nicht von den Ortsbischöfen ausgehebelt oder aufs Abstellgleis geschoben werden könnte, verzichten, und ihre Konzilskritik weitgehend abschwächen oder einstellen, oder Rom gesteht der FSSPX eben diese volle Freiheit zu. Doch beides scheint inzwischen unmöglich.

Aus der Sicht der FSSPX könnte man möglicherweise sagen: Entweder Rom kehrt zum überlieferten Glauben zurück, oder wir brechen mit dem überlieferten Glauben. Da wir nicht mit dem Glauben brechen können, und Rom nicht dorthin zurückkehren will, ist keine Einigung möglich.

Aus Sicht Roms könnte man vielleicht sagen: Entweder die FSSPX erkennt die Segnungen des Konzils an, oder wir distanzieren uns von dieser dringend nötigen Kirchenreform. Doch wir können das Konzil nicht revidieren, und die FSSPX wird es nicht anerkennen, also ist keine Einigung möglich.

Am Ende, wenn der Rauch aller diplomatischen Initiativen geklärt ist, läuft es immer wieder auf die Integrität des ganzen, überlieferten, wahren katholischen Glaubens heraus. Ist dieser in seiner Substanz durch das Konzil angegriffen? Wenn ja, dann ist keine Versöhnung mit der „Konzilskirche“ möglich, in wie wundervolle diplomatische Floskeln man das auch kleiden mag.

Und dann ist noch die Frage, woran man erkennt, ob die Substanz des Glaubens durch das Konzil angegriffen worden ist. Rein dogmatisch-theologisch gesprochen erkennt man dies durch feinsinnige theologische Analysen der Konzilstexte, wie sie ja auch von katholischen Intellektuellen wie Msgr. Gherardini, Roberto de Mattei und anderen gefordert worden sind. Doch für die FSSPX ist das nicht der alleinige Maßstab. Das Konzil wollte „pastoral“ sein. Also schauen sie einfach ganz pastoral in die durchschnittlichen Gemeinden. Ist der Glaube dort in seiner Substanz angegriffen? Wird das Konzil, das real existierende Ereignis des Konzils, als Waffe gegen die Substanz des Glaubens eingesetzt? Und sie kommen zu dem klaren Ergebnis: Ja, es ist so.

Also können sie davon auch nicht schweigen. Und Rom kann sie davon nicht frei reden lassen. Also gibt es keine Einigung. Wie man dies auch immer diplomatisch formulieren mag.

Konzilskritik: Die Kleider des Kaisers

Es gibt gute Gründe für eine genaue theologische Untersuchung der Texte des 2. Vatikanischen Konzils hinsichtlich der Vereinbarkeit des Konzils mit dem früheren Lehramt der Kirche. Ebenso gut, wenn nicht noch besser, sind die Gründe für die Annahme, dass sich in letzter Konsequenz ein hermeneutischer Schlüssel wird finden lassen, der die Interpretation des Konzils in Übereinstimmung mit dem traditionellen Lehramt ermöglicht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Projekt einer „Hermeneutik der Kontinuität“ erfolgreich sein wird, auch wenn ich mit manchen Aussagen des Konzils zum Ökumenismus, zur Religionsfreiheit usw. meine Schwierigkeiten habe.

Ich fürchte allerdings, dass diese Debatte, so wichtig sie auch ist, nicht den Kern des Problems der aktuellen Kirchenkrise trifft. Zunächst einmal sind die Konzilstexte mehrdeutig. Das Konzil hat zumindest in der Hinsicht mit der Tradition gebrochen, dass es eine ganz andere Sprache für seine Verlautbarungen verwendete. Nicht dogmatisch, sondern pastoral wollte es sein. Es wollte den katholischen Glauben in einer neuen, dem modernen Menschen zugänglichen Sprache darstellen.

Und damit ist das Konzil in jedem Fall gescheitert. Selbst wenn jeder einzelne Satz der Konzilsdokumente mit dem traditionellen Lehramt vereinbar ist, dann ist er das nur aufgrund einer komplexen theologischen Interpretation, die sich dem Laien überhaupt nicht erschließt. Gerade das, was das Konzil selbst erreichen wollte, hat es nicht geschafft. Es hat den Glauben dem modernen Menschen nicht näherbringen können.

Das Konzil ist noch in einem anderen Sinn gescheitert. Wir sollen sie an ihren Früchten messen, doch welches Bild gibt die nachkonziliare Ära in dieser Hinsicht ab?

Der Glaube ist höchstens noch lauwarm, er wird an vielen theologischen Fakultäten kaum noch gelehrt, von den Kanzeln (sofern noch vorhanden) meist nur in weichgespülter Wohlfühlform gepredigt, und so gut wie gar nicht mehr weitergegeben. Die Katechese ist seit fünfzig Jahren bestenfalls ausgefallen, schlimmstenfalls zur Immunisierung gegen den Glauben verwendet worden.

Kirchen werden geschlossen, die Priesterseminare sind leer, die katholische Religion überall im Rückwärtsgang. Ihre öffentlichen Vertreter sind handzahm und wehren sich nicht mehr gegen die Säkularisierung der ganzen Gesellschaft. Einige von ihnen treiben sie sogar aktiv voran. Gläubige, traditionelle Priester werden von ihren Bischöfen im Stich gelassen oder gar aggressiv bekämpft.

Die reale Gemeindepraxis hat kaum oder gar nichts mit der katholischen Religion zu tun. Die Messe ist vielerorts zu einem Ort bloß menschlicher Kreativität herabgewürdigt worden. Die Schätze vieler Jahrhunderte sind zerstört worden. Schöne Altäre wurden durch Holztische ersetzt, die Bilderstürmer haben die Kirchen erobert und zu heiligen Lagerhallen umfunktioniert. Es wundert nicht, dass in solchen Kirchen keine ehrfürchtigen Messen zelebriert und kein wahrer Glaube gelehrt wird.

Mancherorts haben ohnehin die Laien längst die Leitung der Kirche übernommen und die Priester sind von ihnen ersetzt oder an den Rand gedrängt worden. Der Opfercharakter der Messe und die Realpräsenz Christi sind weitgehend vergessen oder verdrängt worden. Mehr als zwei Drittel der Katholiken glauben nicht mehr an die Realpräsenz. Sehr viele Priester auch nicht, wenn man sieht, wie sie mit der konsekrierten Hostie umgehen. Ohne das Opfer ist auch der Opferpriester überflüssig. Es wundert nicht, dass die Seminare leer sind.

Die meisten Katholiken gehen gar nicht mehr zur Messe. Warum auch? Man hat ihnen beigebracht, dass das ein nettes sonntägliches Frühstück ist, bei dem man an Jesus denkt und der Kreativität anderer Leute zuschaut. Das alles kann man auch ohne Kirche haben. Sie wissen kaum etwas über ihren Glauben und ihr Lebenswandel ist nicht von den Protestanten und Atheisten zu unterscheiden. Katholiken haben kaum noch Kinder, sie stellen ihre persönliche Selbstverwirklichung über ihren Glauben und ihre Familie. Sie passen sich an das alltägliche säkulare Leben an statt Zeichen des Widerspruchs zu sein. Die Abtreibungskliniken und Scheidungsgerichte sind voll von ihnen. Sie leben, als ob sie gar nicht mehr katholisch sein wollten. Sie sind in der Masse des kollektiven Ameisenhaufens längst aufgegangen. Viele von ihnen lassen ihre wenigen Kinder auch folgerichtig gar nicht mehr taufen. Sie können ja später selbst entscheiden und sind nicht ohnehin alle Religionen gleich?

Man könnte die Aufzählung beliebig fortführen. Eins steht jedenfalls fest: Wenn wir die letzten 50 Jahre kirchlichen Handelns an ihren Früchten messen wollen, dann müssen wir ehrlich und offen sprechen. Sich vornehm um die Wahrheit herumzudrücken bringt nichts. Die Früchte sind eine einzige Katastrophe. Man kann jetzt lange darüber streiten, ob nur der „Geist des Konzils“ dafür verantwortlich ist, oder das Konzil selbst. Doch der Streit ist, so interessant er auch ist, letztlich müßig. Wenn wir das Konzil an seinen Früchten messen wollen, dann ist es ein Fehlschlag gewesen. Es hat die Säkularisierung, sogar die Apostasie nicht aufhalten können. Und das gilt auch dann, wenn man das Konzil ja ganz anders hätte interpretieren können; das Konzil hat einer Bruchhermeneutik in der Realität keinen Widerstand entgegengesetzt.

Der Kaiser hat gar keine Kleider an. Das Konzil ist eine einzige riesige pastorale Katastrophe gewesen, ganz gleich, ob es theologische Irrtümer gelehrt hat, oder alles in Einheit mit der Tradition zu lesen ist. Es hat schlicht und einfach nicht funktioniert. Man muss Fehler erkennen und erkannte Fehler berichtigen. Alles andere wäre bloß Sturheit.

Doch wenn das Konzil eine einzige pastorale Katastrophe war, was sollen wir dann tun? Nun, wir sehen, wo es die pastoralen Katastrophen nicht gegeben hat. Nämlich dort, wo man sich durch das Konzil gar nicht hat irritieren lassen. Dort, in den traditionellen Gruppen, sind Nachwuchs, Eifer, Glaube und Tradition erhalten geblieben. Dort sind die Kirchen nicht leer, die Gläubigen nicht gleichgültig, und die Priesterseminare voll. Dort wird der katholische Glaube gelebt und er ist quicklebendig. Er ist lebendig, und er wächst.

Wir sollen sie an ihren Früchten erkennen, und das gilt auch für den Baum des Konzils. Seine Früchte sind giftig gewesen. Es mag sein, dass es auch hätte anders kommen können, wenn man von Anfang an auf breiter Front die richtige Hermeneutik verwendet hätte. Man hat es aber nicht getan. Und der Grund dafür ist einfach. Man hat es nicht getan, weil man es nicht wollte. Die Konzilsväter sind 1965 heimgefahren und haben das umgesetzt, was sie für richtig hielten, und das toleriert, was sie nicht für falsch hielten. Was sie getan haben ist das, was das Konzil aus ihrer Sicht tun sollte. Sie haben nicht auf dem Konzil „Kontinuität“ gefordert und dann daheim den Bruch versucht, so als ob es da einen plötzlichen Sinneswandel gegeben hätte. Sie haben den Bruch schon auf dem Konzil beabsichtigt. Der Heilige Geist hat den theologischen Bruch wohl verhindert – den pastoralen Bruch jedoch nicht.

Die Früchte des Konzils haben wir heute vor uns und sie sind giftig. Der Kaiser hat keine Kleider, er ist nackt. Heißt das, dass wir das Konzil wieder abschaffen müssen? Nein, natürlich nicht. Aber es heißt, dass die Neuerungen des Konzils nicht zum Maßstab des Glaubens werden dürfen. Es heißt, dass derjenige, der die Neuerungen des Konzils ablehnt, nicht weniger katholisch ist, als ihr Befürworter, und dass er in voller Einheit mit der Kirche sein kann, selbst wenn er besagte Neuerungen zugleich scharf kritisiert. Es heißt, dass das Konzil keine zukunftsweisende Reform war, sondern höchstens ein pastoraler Fehltritt, aus dem man jetzt das beste machen muss. Es heißt, dass das Ziel der anfangs erwähnten theologischen Diskussionen nur sein kann, eine Interpretation des Konzils anhand der Tradition zu erarbeiten und nicht die Tradition anhand des Konzils zu interpretieren.

Und schließlich heißt es, dass wir allen dankbar sein sollten, die nach bestem Wissen versucht haben, den traditionellen Glauben der Kirche unter großem persönlichem Einsatz durch den Sturm der Nachkonzilszeit getragen haben, und so das Reservoir gesunder Lehre und Praxis bewahrt haben, aus dem man für die jetzt notwendige wahre Erneuerung schöpfen kann.

Staatskirche, Christlicher Staat und Religionsfreiheit (2/2)

Bewertung

Im ersten Teil des Artikels habe ich den Versuch einer Typologie oder Systematisierung einiger grundsätzlicher Optionen in der Debatte um das richtige Verhältnis von Kirche und Staat unternommen. Es folgt eine kurze Bewertung der dargestellten Ideen.

Staatskirchensysteme sind mit dem wohlverstandenen wahren katholischen Glauben in keiner Form zu vereinbaren. Schon der Hl. Augustinus bestand, angesichts der beginnenden Christianisierung der weltlichen Autorität, vehement auf einer prinzipiellen Trennung zwischen weltlicher und religiöser Sphäre. Ebenso ist jedoch die gegenteilige Abirrung zu verurteilen, nach welcher eine absolute religiöse Neutralität des Staates anzustreben sei (wie dies durch die Verurteilungen liberalistischer und sozialistischer Irrlehren im 19. und frühen 20. Jahrhundert lehramtlich deutlich zum Ausdruck gebracht worden ist).

Mit dem christlichen Glauben unvereinbar sind damit also die Fälle (1) bis (3) sowie (8) und (9). Zu der derzeitigen Kontroverse um die Vereinbarkeit der Konzilslehre von der Religionsfreiheit mit dem traditionellen katholischen Glauben möchte ich mich im Rahmen des Artikels nicht äußern. Diese Frage muss ich besser informierten Zeitgenossen überlassen. Dass die Zweischwerterlehre zumindest ebenso zweifelhaft ist, wie die „gemäßigte Form“ der Religionsfreiheit am entgegengesetzten Ende des Spektrums christlicher Gesellschaftslehre, ist eindeutig, weil eine reale Autonomie der weltlichen Sphäre berechtigt und notwendig ist.

Übrig bleiben damit die Konzeptionen des klassischen Bekenntnisstaates und die Minimalversion. Ersterer setzt jedoch eine weitgehend christliche Gesellschaft voraus, da kein Staat langfristig gegen sein eigenes Volk regieren kann ohne zur Tyrannei zu werden. Er ist daher, wenn auch theoretisch sehr ansprechend, praktisch keine Option in der modernen, multikonfessionellen, säkularistisch geprägten westlichen Demokratie, ebenso wie er auch im Rom des frühen 2. Jahrhunderts nicht denkbar war.

Die Minimalversion eines christlichen Staates, in der Typologie mit (6) gekennzeichnet, setzte weitgehende Inaktivität der staatlichen Macht in einer Reihe sehr wichtiger Themengebiete, darunter Bildungs- und Sozialpolitik, voraus, was ebenfalls kaum durchsetzbar erscheint.

Eine einfache, klare und durchsetzbare Lösung des Problems der Rollenverteilung zwischen Kirche und Staat scheint es nicht zu geben. Praktisch sieht sich die Kirche heute einem Feind gegenüber, der ihr selbst die religiöse Neutralität noch streitig machen will – wie man an der Kontroverse um das Krankenversicherungsgesetz in den USA sieht, wo die Kirche sich mittels der Idee der Religionsfreiheit gegen den Versuch zur Wehr setzt, katholische Institutionen und Individuen zur finanziellen Unterstützung von Verhütung, Sterilisierung und frühabtreibenden Mitteln zu zwingen. Die Verteidigung der religiösen Neutralität des Staates wird daher heute zu einem wichtigen Anliegen der Kirche, wodurch sich das „Pastoralkonzil“ des 20. Jahrhunderts ausnahmsweise einmal tatsächlich als pastoral wegweisend zeigt. Wie auch immer die theologische Debatte um die Religionsfreiheit ausgehen mag, muss die Kirche heute nicht ihre Privilegien verteidigen, sondern ihre Grundrechte, und diese Grundrechte lassen sich mit der konziliaren Religionsfreiheit ganz vortrefflich und auf eine für moderne Ohren nicht extremistisch klingende Weise verteidigen.

Wie schon öfters begibt sich der Autor damit zwischen alle Stühle und Stuhlkreise. „Pastoral“ halte ich die Lösung des Konzils sogar für ziemlich günstig, obwohl ich mit ihr theologisch große Schwierigkeiten habe, so dass ich sie nicht für eine Dauerlösung und schon gar nicht für ideal halten kann, selbst wenn es eine Möglichkeit geben sollte, wie man diese Konzeption mit der traditionellen Idee eines christlichen Staates in Einklang bringen kann.

Ich bin davon überzeugt, dass wir drei verschiedene Dinge unterscheiden müssen:

(1) Eine derzeit nützliche Konzeption, die sich mit der kirchlichen Lehre vereinbaren lässt, und eine gute strategische Verteidigungsposition für die kommenden Angriffe auf die Freiheit der Kirche darstellt. Dafür scheint sich mir die Lehre des letzten Konzils zu eignen, so denn die dogmatischen Schwierigkeiten sich als überwindbar herausstellen, was ich für sehr wahrscheinlich halte.

(2) Eine ideale Konzeption, also das, was wir als Ziel anstreben; die bestmögliche Gesellschaftsordnung, die sich unter den Bedingungen dieser Welt (Erbsünde usw.) erreichen lässt. Dies ist meiner Ansicht nach in jedem Fall ein christlicher Bekenntnisstaat wie die vorkonziliaren Päpste ihn gefordert haben, in dem die wahre Religion die Förderung des Staates erhält, soweit dies je nach den spezifischen Zeitumständen möglich und sinnvoll erscheint, und die Ausübung der verbreiteten falschen Religionen toleriert, aber nicht gefördert wird. Ein solcher Staat müsste ferner strikt begrenzte Kompetenzen und Aufgabengebiete haben, damit er weder in die den Familien und Einzelpersonen zustehenden Freiheiten eingreift, noch die Kirche in ihrem heilbringenden Werk in irgendeiner Form beschränken kann.

(3) Einen Mittelweg zwischen beiden, also eine Konzeption, die anzustreben als Zwischenziel sinnvoll erscheint, das modifiziert wird, wenn ein Zwischen- oder Etappenziel erreicht worden ist. Wie dieser aussehen könnte, muss in jedem Land einzeln untersucht werden, da dies von der Ausgangsposition, der rechtlichen Stellung der Kirche in diesem Land, den historisch-kulturell gewachsenen Traditionen, der Rechtsordnung usw. abhängt. Ein solches Zwischenziel könnte heute zum Beispiel darin bestehen, dass islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen abgeschafft wird, um eine Sonderstellung des christlichen Glaubens zu bewahren, doch das ist nur ein Beispiel. Gemeint sind hier Zwischenschritte, pragmatische Reformvorschläge, die praktisch umsetzbar sind, und die Gesamtlage der Kirche und ihrer Rechte verbessern.

Sowohl der klassische Bekenntnisstaat und seine traditionellen und traditionalistischen Verteidiger (etwa in der Piusbruderschaft), als auch diejenigen, die sich, unbeschadet der theologischen Schwierigkeiten der Konzeption, ganz praktisch für die Verteidigung wenigstens gleicher Rechte der Kirche gegenüber Staat und den falschen Religionen einsetzen, haben damit ihre legitime, sinnvolle Berechtigung in der heutigen Gesellschaft. Wir brauchen sie beide, und ich möchte beide dazu aufrufen, dass sie das Gute anerkennen, das die jeweils andere Seite zu verteidigen versucht, ohne dabei das Gute aufzugeben, für das sie sich selbst einsetzen, und dass Kritik, wo notwendig, sachlich und in christlicher Nächstenliebe vorgebracht wird, statt mit Polemik, wie es leider oft der Fall zu sein scheint, wenn „Anhänger“ und „Gegner“ der „konziliaren Religionsfreiheit“ aufeinander prallen.

Staatskirche, Christlicher Staat und Religionsfreiheit (1/2)

Angespornt durch einen Artikel auf dem neuen Blog des geschätzten Johannes habe ich dort kommentiert und mich dann dazu entschlossen, die dort im Kommentar angedeuteten Gedanken etwas weiter auszuformulieren. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist der vorliegende Artikel. Als Vorbemerkung möchte ich darauf hinweisen, dass die folgenden Gedanken in keiner Weise die offizielle Lehre der Kirche darstellen. Die Darstellung ist nicht katechetischer Natur, auch wenn sie in keinem Punkt absichtlich von der Lehrtradition der Kirche abweicht. Für versehentliche Abweichungen kann ich nichts – ich bitte dann um brüderliche Korrektur bei diesem schwierigen Thema.

Doch genug der Vorrede, kommen wir zum Thema. Die Absicht des Artikels ist eine Systematisierung verschiedener Vorstellungen des Verhältnisses von Kirche, Religion und Staat.

Staatskirche

In einer staatskirchlich verfassten Gesellschaft sind Staat und Kirche in keiner Form getrennt. Das Oberhaupt des Staates ist zugleich das Oberhaupt der Kirche oder zumindest ist einer von beiden gegenüber dem anderen weisungsbefugt. Generell gibt es nun drei mögliche Grundformen einer Staatskirche, die sich danach unterscheiden, welche Macht – weltliche oder religiöse – nun dominant ist.

(1) Theokratie: In einer Theokratie ist die Kirche oder sonstige Religionsgemeinschaft dominant. Der Staat ist bloß das ausführende Organ der religiösen Führer. Das beste Beispiel dürfte das Regime der Ayatollahs im Iran sein.

(2) Echte Staatskirche: Der Staat und die Kirche sind absolut identisch. Ein Unterschied zwischen weltlicher und religiöser Sphäre wird nicht gemacht. Das Staatsoberhaupt ist identisch mit dem religiösen Oberhaupt und wird entweder als Gott angebetet und anderweitig religiös verehrt. Ein Beispiel wäre die Herrschaft der ägyptischen Pharaonen.

(3) Säkularismus: Der Staat dominiert die Kirche und bestimmt, was die Kirche tun und lassen darf. Die Ausübung der Religion ist nur insoweit zulässig, wie sie den Gesetzen und Ideologien der im Staat herrschenden säkularen Eliten nicht zuwiderläuft. Diese Form der Staatskirche befindet sich derzeit in Westeuropa im Vormarsch. Eine bekannte Vertreterin dieser Thesen ist etwa Claudia Roth, wobei sie sich jedoch auch gut unter Punkt (9) weiter unten einordnen ließe.

Christlicher Staat

Unter einem christlichen Staat ist ein jeglicher Staat zu verstehen, zu dessen Fundamenten das Bekenntnis zum christlichen Glauben gehört. Dies kann prinzipiell sowohl in Demokratien als auch in Monarchien geschehen – der Monarch kann sich natürlich zum christlichen Glauben bekennen, aber es kann auch nicht änderbare Verfassungsprinzipien geben, die ein solches Bekenntnis voraussetzen bzw. für die Staatsführung vorschreiben. Weltliche und religiöse Gewalt sind in einem christlichen Staat grundsätzlich voneinander getrennt, arbeiten aber in allen Bereichen zusammen, in denen sowohl weltliche als auch religiöse Aspekte bedeutsam sind. Eine vollständige Trennung von Kirche und Staat ist nicht möglich, da das Gemeinwohl – die genuine Staatsaufgabe – eben in der Realität auch religiöse Anteile hat. Auch hier möchte ich drei Grundtypen beschreiben, deren Unterscheidungsmerkmal diesmal der Grad der Zusammenarbeit zwischen weltlicher und religiöser Gewalt ist.

(4) Zweischwerterlehre: Diese Auffassung kommt, soweit ich sie verstanden habe, der Staatskirchenidee recht nahe. Die weltliche Gewalt bleibt zwar prinzipiell von der Kirche getrennt, ist jedoch nur das zweite Schwert der kirchlichen Gewalt, besitzt also keine reale, religionsunabhängige Autonomie.

(5) Bekenntnisstaat: In einem Bekenntnisstaat, wie die vorkonziliaren Päpste ihn in diversen Enzykliken beschrieben haben, bekennt sich der Staat zum christlichen Glauben und fördert die Ausübung der wahren Religion nach Kräften. Die Unterscheidung zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt bleibt davon jedoch unangetastet, und der Staat besitzt eine reale Autonomie, eine Kernkompetenz in rein weltlichen Fragen. Seine Aufgabe ist das Gemeinwohl, und er muss mit der Kirche zusammenarbeiten, wo das Gemeinwohl religiöse Fragen berührt. Die klassische christliche Monarchie ist das Paradebeispiel für einen Bekenntnisstaat.

(6) Minimalversion: Ein christlicher Staat, in dem religiöse und staatliche Gewalt eine maximale Trennung erhalten sollen, müsste zumindest ein implizites verfassungsmäßiges Bekenntnis zur christlichen Religion enthalten, der Kirche volle Handlungsfreiheit in allen Dingen gewähren, die die religiöse Sphäre berühren, und dürfte die falschen Religionen nicht fördern (er dürfte ihnen aber neutral gegenüberstehen, indem er sie im Namen der Freiheit einfach „leben lässt“, ohne von ihnen weiter Notiz zu nehmen) und der wahren Religion nicht schaden. Ein solcher Staat wäre sehr minimalistisch, d.h. er müsste sich aus der Regelung aller Fragen zurückziehen, die in die religiöse Sphäre hineinreichen – da er sonst zur Parteinahme für die Wahrheit und gegen die falschen Religionen verpflichtet wäre. Damit wäre, um ein wichtiges Beispiel zu nennen, ein staatliches Bildungssystem nicht möglich, da in staatlichen Schulen entweder die wahre Religion (was eine Förderung der wahren Religion bedeutete), oder alle Religionen (was einer Förderung der falschen Religionen gleichkäme), oder gar keine Religion (was eine Förderung des Atheismus bedeutete, und damit der wahren Religion schadete) unterrichtet werden müsste. Eine gewisse „religiöse Neutralität“ wäre auf diese Weise in einem christlichen Staat durchaus umsetzbar, ob diese Minimalversion wünschenswert wäre, möchte ich nicht beurteilen. Sie scheint mir jedoch den Punkt maximalen christlichen Entgegenkommens gegenüber den falschen Religionen darzustellen.

Religionsfreiheit

Unter Religionsfreiheit kann man wiederum verschiedene Dinge verstehen. Generell soll aber in einem nach dem Prinzip der Religionsfreiheit organisierten Staat keine Religion gefördert werden. In irgendeinem Sinne soll der Staat „religiös neutral“ sein. Auch hier möchte ich wieder drei verschiedene Ausprägungen unterscheiden, diesmal nach dem Kriterium, inwieweit der Staat im Rahmen der religiösen Neutralität die Ausübung der wahren Religion als gut, neutral oder schlecht begreift.

(7) Konziliare Religionsfreiheit: Ich nenne diesen Typus so, weil er mir das zu sein scheint, was etwa Papst Benedikt, das II. Vatikanische Konzil und das nachkonziliare Lehramt anzudeuten scheinen. Darunter ist eine Religionsfreiheit zu verstehen, die ein freiwilliges, starkes und kämpferisches Bekenntnis zum wahren Glaubens seitens der Staatsführer durchaus nicht ablehnt, sondern sogar begrüßt. Ein religiös neutraler Staat dürfte nach dieser Auffassung  jederzeit von christlichen moralischen Prinzipien geleitet sein, und sogar die christliche Religion fördern (etwa durch christlichen Religionsunterricht oder Schulgebete). Er bleibt dem Naturrecht uneingeschränkt verpflichtet, da dies nicht auf einer religiösen Offenbarung, sondern auf der allgemeinen Menschenvernunft aufsetzt.

(8) Liberale Religionsfreiheit: Im Liberalismus ist Religion Privatsache. Für das Verhältnis von Kirche und Staat bedeutet dies eine strikte Trennung. Ausübung der Religion (egal welcher Religion) ist zulässig (und der individuelle Liberale mag sehr fromm sein) doch kann niemals staatliche Förderung erhalten, oder wenn doch, dann müssten alle Religionen gleichermaßen gefördert werden. Dieses Verständnis ist von der Kirche immer klar und eindeutig verurteilt worden.

(9) Atheistische Religionsfreiheit: Ein auf einer so verstandenen Religionsfreiheit basierender Staat müsste die Ausübung der Religion aktiv bekämpfen.  Er wäre „religiös neutral“, weil er diese Bekämpfung auf alle Religionen ausdehnt. Faktisch fördert er dadurch natürlich den Atheismus, selbst wieder ein bestimmtes Glaubensbekenntnis, und ist dadurch in die Nähe einer atheistischen Staatskirche – wie in (3) beschrieben – zu rücken. Beispiele für diese Art Religionsfreiheit bieten die kommunistischen Regime in großer Zahl, und der moderne Westen entfernt sich rapide von der liberalen Religionsfreiheit und schreitet zu ihrer radikalisierten atheistischen Version voran. Dass die Kirche sie lehramtlich verurteilt, ist sowohl vor wie nach dem Konzil vollkommen klar.

Soweit die Typologie. Es folgt morgen im zweiten Teil des Artikels eine Zusammenfassung samt kritischer Bewertung der dargestellten Inhalte unter besonderer Berücksichtigung der Frage nach dem Verhältnis von Christlichem Staat und Religionsfreiheit. Dem Autor ist bewusst, dass eine solche Typologie keine Konzeption erschöpfend darstellen, oder ihr auch nur gerecht werden kann, und dass im Interesse der Übersichtlichkeit wichtige Punkte der Darstellungsweise zum Opfer fallen müssen, doch er glaubt, dass auch für solche Übersichtsdarstellungen Platz sein muss, da sie allein Orientierung in der Komplexität solcher sozialethischer und theologischer Debatten bieten können.

Vom Weg der Wahrheit und der Kreuzung von 1962

Johannes hat auf seinem Blog gerade eine sehr interessante Reihe über die Piusbruderschaft gestartet. Hier die Links zu den bislang veröffentlichten Artikeln:

Zu den Piusbrüdern 1

Die Piusbrüder und die Nazikarte

Freikirchen, die Piusbrüder und die wahre Kirche Christi

Ich kann nicht sagen, dass ich mit allem, was Johannes da geschrieben hat, einverstanden bin. In manchen Punkten bin ich ganz anderer Meinung als er und sehe die Piusbruderschaft positiver. Doch das ändert nichts daran, dass seine Ausführungen, wie eigentlich immer, empfehlenswert sind. Sowohl für Anhänger als auch für Gegner der Piusbrderschaft, und für alle dazwischen, stellen die drei bislang veröffentlichten Artikel eine differenzierte Perspektive fernab der üblichen eingefahrenen Diskussionspfade dar.

Nun aber noch einige Worte zur Frage der Piusbrüder. Was ist von ihnen zu halten? Ich sehe das alles sehr zweischneidig.

Vom Irrweg der Unabhängigkeit von Rom

Es ist gar keine Frage, dass die Piusbruderschaft dringend in volle Einheit mit Rom geführt werden muss und dass alle existierenden Tendenzen zum Sedisvakantismus oder „Unabhängigkeit“ vom „modernistischen“ Rom letztlich bekämpft werden müssen. Dennoch sind die Piusbrüder bereits heute in (unvollständiger) Einheit mit Rom. Sie erkennen alle Dogmen der Kirche an, bewahren bis heute einige Schätze, die in der weiteren Kirche so gut wie vollständig verloren, vergessen und begraben worden sind, und für diesen unschätzbaren Dienst kann man Erzbischof Lefèbvre und seinen Getreuen, trotz all ihrer allzu menschlichen Fehler, gar nicht genug danken.

Vom Verdienst der Piusbruderschaft

Wenn man einmal die wenigen Streitpunkte (Religionsfreiheit, Ökumenismus usw.) beiseite lässt, und nur die Gemeinderealität betrachtet, so stellt man fest, dass Priester, die ehrfürchtig die Heilige Messe feiern (egal ob ordentlich oder außerordentlich), den ganzen unverkürzten katholischen Glauben verkündigen und sich nicht scheuen, auch unpopuläre Themen anzusprechen, ziemlich selten geworden sind.

Bei der Piusbruderschaft ist das noch selbstverständlich. Man kann sich beim Besuch eines Messzentrums darauf verlassen, dass eine gültige, ehrfürchtige Messe zelebriert wird, dass der traditionelle Glaube der Kirche verkündet wird, und dass man sich dort nicht in Anpassung an den Zeitgeist suhlt.

Bei der Petrusbruderschaft und anderen Ecclesia Dei Gruppen ist das auch selbstverständlich (und deshalb erscheint mir der Streit zwischen diesen Gruppen auch so unsinnig). Aber sie sind selbst in der weiteren Kirche ziemlich unbekannt. Die Piusbrüder sind, ob es uns gefällt oder nicht, derzeit der öffentlich bekannteste Leuchtturm des explizit traditionellen Glaubens, der, wenn die „Hermeneutik der Kontinuität“ denn zutrifft, nicht plötzlich nach dem Konzil falsch geworden sein kann.

Von den Fehlern der Piusbruderschaft

Das alles soll nicht über die realen Fehler der Piusbruderschaft hinwegtäuschen. Sie gebärdet sich manchmal selbstgerecht und fast schon hochmütig gegenüber anderen Katholiken. Wie jede Gruppe, die viele Schätze hat, ist sie der Versuchung ausgesetzt, andere, die über diese Schätze nicht verfügen, herabzusetzen. Ferner macht sie den Fehler, der für Anhänger einer Tradition naheliegt, wenn diese Tradition umgestürzt werden soll. Sie mumifiziert in gewisser Weise diese Tradition und schirmt sie nicht nur den Umsturzversuchen gegenüber ab, sondern auch ganz natürlichen, organischen Veränderungen, die dem Geist der Tradition gar nicht widersprechen. Der katholische Glaube, wie er 1962 geglaubt wurde, ist nicht falsch geworden durch das Konzil. Wer ihn glaubt, ist auch heute noch ein guter Katholik. Aber die Gefahr der Piusbrüder ist, sich von einer legitimen, traditionstreuen Entwicklung abzuschneiden, und nicht nur von den Abbruch- und Aufbruchunternehmen seit dem Konzil.

Kreuzung von 1962 und Weg der Wahrheit

Die Sache mit den Piusbrüdern ist ziemlich zweischneidig. Auf der einen Seite wäre die Kirche tatsächlich besser dran, wenn sie mit der Anpassung an den Zeitgeist, der auf Gemeinde- und selbst Bistumsebene fast wichtiger erscheint als der Heilige Geist, schlicht aufhörte, und zum traditionellen Glauben zurückkehrte. Wer falsch abgebogen ist – und das sind die Verfechter der Mitmach-Messen und Verbandslaienaufstände mit Sicherheit – der kehrt am besten um und geht bis an die Kreuzung zurück, an der er falsch abgebogen ist. Insofern wäre eine Rückkehr zum traditionellen Glauben, wie die Piusbrüder ihn verkünden, der richtige Weg. Und die Stellung an dieser Kreuzung immer gehalten zu haben, ist das große Verdienst der Bruderschaft.

Doch falsch abgebogen zu sein bedeutet nicht, dass man gar nicht hätte abbiegen sollen. Die Kreuzung ist nicht das Ziel, sondern nur eine Wegstation auf dem Weg zu dem Ziel. Man muss abbiegen, aber richtig abbiegen. So ist es auch mit der Kirche. Auch sie kann nicht für immer an der Kreuzung stehenbleiben, an der die Piusbruderschaft heute so treu Wache hält. Es gibt legitime Entwicklung der Tradition durch tieferes Verständnis derselben. Solcherart Entwicklung vertieft die Tradition, macht sie nicht ungültig, aber verschafft neue Einsichten.

Vom Licht des Heiligen Geistes: Der Papst als Vorhut

Und so wird der Heilige Geist, wie immer, die Kirche früher oder später auf den Weg der Wahrheit lenken, der von der Kreuzung von 1962 aus abzweigt. Diesen Weg der Wahrheit hat die Piusbruderschaft nicht gepachtet, aber die Kreuzung gegen großen Widerstand verteidigt zu haben, ist ihr Verdienst. Umgekehrt haben die Anhänger des „Konzilsgeistes“ eine Reihe von Irrwegen begangen, die alle in Sackgassen enden. Und Papst Benedikt wäre in diesem Bild so etwas wie die Vorhut, die den Weg der Wahrheit mit vorsichtigen, tastenden, noch nicht immer absolut trittsicheren Schritten beschreitet, noch nicht vollständig kartographiert hat, sich aber in der Dunkelheit vom Licht des Heiligen Geistes leiten lässt. Wenn dieser Weg der Wahrheit, der den traditionellen Glauben in Gänze bestätigt, ihn aber organisch und natürlich weiterentwickelt, erst einmal kartographiert und beleuchtet ist, dann wird es die Aufgabe der Piusbruderschaft sein, ihn als Nachhut zu beschreiten und gegen Angriffe abzusichern.

Sich dann zu weigern, wäre ein Schisma. Doch so weit ist es noch nicht.

Ein Interview mit Pater Schmidberger

Ein sehr gutes, neutral und mit Sachverstand von Paul Badde geführtes Interview kann man auf der Homepage der WELT lesen. Es folgen einige Auszüge aus dem Interview mit Kommentaren von Catocon in feuerroter Färbung.

Die Welt: In Rom mehren sich die Signale, dass es endlich zu einer vollständigen Aussöhnung mit der Priesterbruderschaft Pius X. kommen könnte und dass sie bald schon eine eigene Personalprälatur haben dürften, die dem Status des Opus Dei nicht nachsteht.  (Das wäre wunderbar. Aber es scheint etwas zu optimistisch, es sei denn es hat dogmatische Annäherungen und Klärungen gegeben, die mich noch nicht erreicht haben, was nicht verwunderlich wäre, erfahre ich doch traditionell alles immer zuletzt.) Es heißt aber auch, die Verhandlungen des Vatikans mit der Pius-Bruderschaft seien gescheitert. (Diese Meldung, soll man sie als Ente, als Wunschdenken oder als Fehlinterpretation einer zweifelhaften Predigt bezeichnen, ist dementiert worden mit einer Schärfe, dass man davon ausgehen kann, dass zumindest noch kein Scheitern feststeht.) Können Sie Klarheit schaffen?

Pater Franz Schmidberger: Nichts lieber als das. Am 14. September 2011 hat Kardinal Levada Bischof Fellay, unserem Generaloberen, eine „lehrmäßige Präambel“ überreicht, deren Annahme die Bedingung sei für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Pius-Bruderschaft. Wir haben über den Text eingehend beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass er so nicht annehmbar ist. Schließlich habe ich selbst am 1. Dezember die Antwort des Generaloberen nach Rom gebracht, und auf die römische Bitte hin hat er diese Antwort dann noch einmal präzisiert. Jetzt warten wir mit Spannung auf das Ergebnis der Beratungen der Glaubenskongregation. (Gute, knappe Zusammenfassung der Lage, soweit sie öffentlich zugänglich ist.)

(…)

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Die Welt: Erzbischof Lefevbre, der Gründer der Priesterbruderschaft, wird der Satz zugeschrieben, dass er „mit ganzem Herzen am Ewigen Rom“ hänge? Hätte er sich nicht schon längst mit dem Papst versöhnt, bei dessen ausgestreckter Hand? (Mir gefällt, wie Badde hier und an anderer Stelle den Erzbischof Lefebvre als Maßstab der FSSPX anerkennt und sein Verhalten mit dem der jetzigen Anführer der Bruderschaft kontrastiert. Auf diese Weise kommt er mit den Piusbrüdern ins Gespräch auf der Basis einer Autorität, die beide Seiten für relevant halten und nicht von vornherein ablehnen. Das ist geschickte Interviewführung und ermöglicht eine inhaltliche Auseinandersetzung.)

Pater Franz Schmidberger: So einfach sind die Dinge nicht. Während der Visitation unseres Werkes durch Kardinal Gagnon im Jahre 1987 schrieb Erzbischof Lefebvre dem Kardinal einen Brief und machte Vorschläge für eine kirchenrechtliche Struktur unserer Bruderschaft. Dabei machte er sehr deutlich, dass der heutige Ökumenismus unter dem Zeichen des religiösen Relativismus, die Religionsfreiheit, deren Frucht der heutige Säkularismus ist, und die Kollegialität, die das gesamte kirchliche Leben lähmt, für uns unannehmbar sind. Leider gibt es auch hier heute noch Differenzen mit dem regierenden Papst. (Das sind die bekannten Streitfragen. Die Struktur wird von selbst folgen, sobald diese Streitfragen zufriedenstellend gelöst sind.)

Die Welt: Welche vernünftigen Argumente hat die Bruderschaft eigentlich noch gegen die Religionsfreiheit, deren Durchsetzung heute geradezu eine Schlüsselrolle für den Weltfrieden zukommt?

Pater Franz Schmidberger:(Es folgt eine klare Darstellung der traditionellen Lehre der Kirche zum Thema, ohne Polemik und ohne Übertreibungen. So muss Kritik am Konzil sein, wenn man sie üben möchte.) Die Religionsfreiheit ist nicht in erster Linie eine praktische Frage, sondern eine Frage der Lehre: Die Verurteilung der Religionsfreiheit durch die Päpste hat nie besagt, dass man andere Menschen zur katholischen Religion zwingen will, sondern dass ein Staat mit katholischer Bevölkerungsmehrheit die katholische Religion als die von Gott geoffenbarte anerkennen soll. Dabei kann er anderen Religionen und Bekenntnissen sehr wohl im öffentlichen Bereich eine Duldung einräumen und diese sogar durch bürgerliche Gesetze festschreiben.Selbstverständlich müsste in der heutigen Zeit des Pluralismus diese Toleranz eine breite Anwendung finden. Andererseits hat der Irrtum nie ein (Natur-)Recht. Wenn es aber darum geht, dass der Mensch kraft des Lichtes der Vernunft Gott erkennen und um die wahre Religion wissen kann, dann gilt dies auch für den Staatsmann; und genau dies haben die Päpste bis einschließlich Pius XII. festgehalten, indem sie die Religionsfreiheit verurteilt haben. Alles andere ist eben letztendlich Agnostizismus. (Also der Versuch religiöser Neutralität seitens der Staatsmänner)

Die Welt: Die letzten Päpste haben sich alle der -kumene verschrieben, sogar der Vereinigung der Konfessionen – nach dem Wort Christi, „dass sie doch alle eins sein mögen“, wie Jesus betete (Joh. 17,21). Was wollen Sie dagegen vorbringen?

Pater Franz Schmidberger:(Auch hier wieder eine klare, polemikfreie Darstellung der traditionellen Position zur Ökumene. Vorbildlich, wie Pater Schmidberger die traditionalistische Position artikuliert, sie durchaus auch mit modernen Vorstellungen kontrastiert, aber dabei immer sachlich bleibt. Wie gesagt, solche Kritik am Konzil muss zulässig sein.) Jeden Sonntag singen die Gläubigen: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“; das Gebet Christi bezieht sich nicht darauf, dass sie erst eins werden müsste. Allerdings sind im Laufe der Geschichte immer wieder Gruppen von dieser einen Kirche weggebrochen, so im 11. Jahrhundert die Griechen, im 16. Jahrhundert Luther mit seinen Gefolgsleuten. Für jeden aufrechten Christenmenschen ist dies ein großer Schmerz, und so beten wir täglich um die Rückkehr der von der Kirche Getrennten ins eine Vaterhaus.

Die Welt: Bisher hat noch jede Sekte der Dünkel ausgezeichnet, auf der richtigen Seite zu stehen – mit einer guten Portion Überheblichkeit für die große Mehrheit. Bei Erzbischof Lefevbre war es nicht so. (Wieder dieser geschickte Bezug auf Erzbischof Lefebvre…) Er hat noch sehr gelitten unter der drohenden Spaltung und dem Notstand des ungeklärten Status der Bruderschaft. Hat sich die Priesterbruderschaft inzwischen an diesen Notstand gewöhnt – oder ist das Bewusstsein für die Gefahr einer bleibenden Abspaltung hier immer noch als Not verbreitet?

Pater Franz Schmidberger: Ein Notstand ist ein Notstand, er ist abnormal und strebt zur Normalisierung hin. Wie aber sollen wir mit Assisi-Treffen, die implizit (nicht explizit!) behaupten, alle Religionen seien Heilswege, zu einem Ausgleich kommen? (eine GANZ wichtige Unterscheidung zwischen implizit und explizit. Diese Assisi-Treffen suggerieren unterschwellig bestimmte Haltungen, selbst wenn man ihnen angestrengt mit Worten widerspricht. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das ist die eigentliche traditionalistische Kritik, nicht das, was man von mancherlei Traditionalisten gehört hat, etwa dass der Papst selbst an die Gleichwertigkeit aller Religionen glauben würde oder so. Es ist einfach, dass solche Treffen keinen anderen Eindruck vermitteln können, selbst wenn das nicht beabsichtigt sein sollte. Der Indifferentismus ist implizit, nicht explizit. Auch hier wieder hervorragende, sachliche Kritik ohne Polemik) Gewiss leiden wir unter der heutigen Situation; aber wir leiden noch tausendmal mehr darunter, dass dieser religiöse Relativismus schließlich zu Indifferenz und Atheismus führt und unzählige Seelen ins Verderben stürzt. (Ein wahres Wort.)

(…)

Die Welt: Sogar die Anglikaner finden nun in der katholischen Kirche eine Heimat. Was hat denn eigentlich verhindert, dass Sie sich seit Jahrzehnten in der Kirche nicht mehr so zu Hause fühlen durften?

Pater Franz Schmidberger: Im Grunde haben sich die gleichen Tendenzen, die die Anglikaner zur katholischen Kirche fliehen lassen, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch innerhalb der katholischen Kirche breitgemacht und zu einem verheerenden Glaubensverlust, zu einem sittlichen Niedergang und zu einer Verwüstung in der Liturgie geführt. (Es ist eine gesamtgesellschaftliche Krise. Deswegen kann man die Schuld nicht nur dem Konzil geben. Die Schuld des Konzils besteht darin, diesen Strömungen nicht entschlossen genug entgegengetreten zu sein, und dies ist auch die Schuld der Kirche nach dem Konzil.) Wenn Sie nur jetzt während der Faschingszeit an die Narrenmessen denken (daran möchte ich gar nicht denken…), die überall in die Kirchen eindringen. Sehen Sie, ich habe hier die Ansprache des Papstes an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011 vor mir. (Piusbruderschaft zitiert den „nachkonziliaren“ Papst. Bischofskonferenz spielt ihn herunter…) Darin sagt er: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ (Problem der Zweideutigkeit: Erneuerung hat eben in der modernen Sprache immer die Bedeutung von „Altes durch Neues ersetzen“, und darum geht es bei der Erneuerung der Kirche eben nicht. Es geht darum, den Wahren Glauben wieder im Vollmaß anzunehmen.) Durch das Konzil hat eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen, sondern umgekehrt ist der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. (Treffende Diagnose. Der Rauch Satans usw. Das wusste schon Paul VI.)

Die Welt: Ich sage Ihnen nichts Neues, wenn ich auf den Rest in Ihrer Mitte (oder am Rand) hindeute, der keine Einigung mit dem Papst mitmachen wird. Sind Sie bereit, um dieses Restes willen die Versöhnung scheitern zu lassen, oder sind Sie bereit, sich von ihm zu trennen?

Pater Franz Schmidberger: Wenn die römischen Autoritäten für eine kirchenrechtliche Anerkennung der Bruderschaft nicht etwas fordern, was der traditionellen Lehre und Praxis der Kirche widerspricht, so wird es kein allzu großes Problem für eine Regularisierung geben. Wenn dagegen Rom fordern sollte, wir müssten das ganze zweite Vatikanum ohne Wenn und Aber anerkennen, dann sehe ich keine Möglichkeit für eine Lösung. (Das gibt Hoffnung für eine Einigung. Denn „ohne Wenn und Aber“ muss das Konzil niemand anerkennen. Er kann eine Menge „wenns“ und „abers“ vortragen, und immer noch ein Katholik in voller Einheit mit dem Papst sein.)

(…)

Pater Schmidberger versteht es auch in diesem Interview wieder, die Position der Piusbruderschaft deutlich und unmissverständlich klarzustellen, ohne sich in wilden Polemiken, Verschwörungstheorien und Anschuldigungen zu ergehen, wie es dem leider nicht immer völlig unbegründeten Zerrbild des Traditionalisten oder Piusbruders entspricht. Ich denke, dass eine Einigung auf dieser Basis möglich sein müsste, solange sichergestellt wird, dass inhaltliche Kritik auch an den Texten des Konzils, in der Form wie Pater Schmidberger sie hier vorbringt, jederzeit gestattet ist, und die Praxis der Piusbrüder hinsichtlich Lehre und Liturgie nicht angetastet wird.

Jetzt gilt es weiterhin abzuwarten, auf eine positive Antwort aus Rom zu hoffen und für sie und alle Beteiligten auf beiden Seiten der Verhandlungen zu beten.

Hinweis zur Religionsfreiheit

Ein ziemlich verworrenes und umstrittenes Thema in der innerkirchlichen Debatte vor, während und nach dem II. Vaticanum ist die Religionsfreiheit. Da mir derzeit die nötige Ruhe fehlt, um mich an diesem Blog eingehender mit dieser, kürzlich auch im hiesigen Kommentarbereich aufgetauchten, Fragestellung zu beschäftigen, äußere ich mich lieber gar nicht als ohne Sachverstand. In der Zwischenzeit möchte ich den geneigten Leser jedoch auf einen sehr interessanten wissenschaftlichen Aufsatz in englischer Sprache zu eben diesem Thema aufmerksam machen („What is the Catholic doctrine of religious liberty?“), der hier eingesehen werden kann.

Thomas Pink, Professor für Philosophie am King’s College in London, beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern es eine Kontinuität hinsichtlich des Verhältnisses zwischen individuellen Gläubigen und Ungläubigen, der Kirche und dem Staat, besonders was ein angebliches oder tatsächliches Recht auf Religionsfreiheit betrifft, zwischen der Zeit vor und nach dem Konzil von Trient, dem Lehramt der Päpste im 19. Jahrhundert, und dem letzten Konzil gibt. Wie man schon an der Fragestellung ablesen kann, ordnet Pink die Debatte zwischen „Traditionalisten“ und „Progressiven“ in einen wesentlich breiteren  Rahmen ein als man dies üblicherweise in der Debatte wahrnimmt.

Ein interessanter wissenschaftlicher Aufsatz, den ich durchaus empfehlen möchte, da er mir auf einem hohen theologischen und argumentativen Niveau zu stehen scheint, ob man den Schlussfolgerungen nun zustimmen möchte oder nicht. Ohne der Lektüre vorgreifen zu wollen, möchte ich hervorheben, dass seine Deutung von Dignitatis Humanae auf eine etwas gewagt erscheinende Weise im Ergebnis zu mit der „Hermeneutik der Kontinuität“ konsistenten Ergebnissen führt. Ich finde die Erklärung allerdings zu weit hergeholt und daher nicht allzu überzeugend. Doch dies möge der Leser selbst beurteilen – interessant ist sie allemal.

Roberto de Mattei zum Zweiten Vatikanum

Aus der Einleitung des Werkes „Das zweite Vatikanische Konzil – Eine bislang ungeschriebene Geschichte“ von Roberto de Mattei (inzwischen in deutscher Übersetzung erhältlich):

„Die Hermeneutik der Kontinuität bekräftigt mit Recht den Primat des Lehramtes, aber nimmt das Risiko auf sich, nicht nur eine falsche theologische Konzeption zu eliminieren, sondern auch das Geschehen selbst, über das man diskutiert. Die Konsequenz dieses Unterfangens das Ereignis [des Konzils, Anm. von Catocon] zu eliminieren, zeigt sich darin, dass es heute keine ernsthafte Alternative zur Schule von Bologna gibt; dieser muss somit das Verdienst zuerkannt werden, die erste, wenn auch tendenziöse Rekonstruktion der Fakten des Geschehens vorgelegt zu haben.

Viele Anhänger der These von der Hermeneutik der Kontinuität lassen die geschichtliche Dimension des Konzils als Ereignis unberücksichtigt und trennen das Konzil von der nachkonziliaren Epoche ab, um letztere als eine Krankheit, die sich an einem gesunden Körper entwickelt hat, zu isolieren. Man hat sich jefoch die Frage zu stellen, ob die Tilgung der Ereignisdimension des Konzils dazu beiträgt, ein tiefgreifendes Verständnis für das zu bekommen, was in der nachkonziliaren Epoche vorgefallen ist. Das Zweite Vatikanische Konzil war in der Tat ein Ereignis, das nicht mit seiner feierlichen Schlusssitzung endete, sondern auch aus geschichtlicher Umsetzung und Rezeption bestand. Nach dem Konzil passierte etwas, das eine logische Folge davon war.“

In seinem Werk folgt de Mattei beharrlich und in beeindruckender Genauigkeit, unter Berücksichtigung der verfügbaren offiziellen Dokumente und einer Unzahl privater Aufzeichnungen der Teilnehmer, den Ereignissen des letzten Konzils und liefert damit ein unverzichtbares Grundlagenwerk für den Katholiken ab, der verstehen will, was damals eigentlich abgelaufen ist. De Mattei erzählt aber nicht nur die Geschichte des Konzils, sondern auch seine Vor- und Nachgeschichte, und weist auf die Zusammenhänge hin, die zwischen der vorkonziliaren Periode, dem Konzil selbst, und seiner späteren Umsetzung bestehen.

Allein die guten Kritiken, die de Mattei aus traditionellen und traditionalistischen Kreisen erhalten hat, weisen schon darauf hin, wo die Sympathien des Autors zu finden sind. Doch die Tatsache, dass de Mattei für sein Werk den (nicht gerade von Traditionalisten dominierten) angesehenen italienischen Historikerpreis „Premio Acqui Storia“ erhalten hat, lässt erkennen, dass de Matteis Konzilsgeschichte eine auch vom neutralen oder gar progressistischen Blickwinkel aus betrachtet ein profundes Werk historischer Gelehrsamkeit und Detailtreue ist, welches dennoch für den interessierten Laien auf verständlichem Niveau bleibt.

Das Bild, das de Mattei vom Konzil zeichnet, ist ein Gemischtes, das mir sehr viel plausibler erscheint, als die Karikaturen, die man manchmal in der Diskussion hört: Entweder war das Konzil „nur eines von vielen“ und eindeutig in Kontinuität mit der Tradition, oder es war „das zweite Pfingsten“, das „Ereignis der Kirchengeschichte“, durch das nun alles anders sei. Als Historiker enthält sich de Mattei eines abschließenden Urteils über derartige Fragen, da, wie er im Schlußwort schreibt, vom Tod Pauls VI. bis heute mehr als dreißig Jahre verstrichen seien, was eine zu geringe Zeitdauer darstelle, als dass sie dem Historiker erlaubte, die Geschehnisse dieser Zeit objektiv zu bewerten.“ Ähnliches gilt auch von den theologischen Fragen, die der ganzen Debatte zugrunde liegen. De Mattei schreibt:

„Am Ende dieses Buches sei es mir erlaubt, mich voller Verehrung an Seine Heiligkeit Benedikt XVI. zu wenden, in dem ich den Nachfolger Petri erkenne, dem ich mich unlöslich verbunden weiß, und ihm meine tiefe Dankbarkeit dafür zum Ausdruck zu bringen, die Tore zu einer seriösen Debatte über das Zweite Vatikanum aufgestoßen zu haben. Zu dieser Debatte, bekräftige ich, wollte ich einen Beitrag nicht als Theologe, sondern als Historiker leisten, wobei ich mich jedoch den Bitten jener Theologen anschließe, die in respektvoller und kindlicher Haltung den Stellvertreter Christi auf Erden darum bitten, eine vertiefte Untersuchung des Zweiten Vatikanischen Konzils in seiner ganzen Komplexität und Ausdehnung voranzubringen, um seine Kontinuität zu den zwanzig vorangegangenen Konzilien zu prüfen und um die Schatten und Zweifel zu zerstreuen, die seit fast einem halben Jahrhundert die Kirche leiden lassen – in der Gewissheit, dass die Pforten der Unterwelt sie niemals überwinden werden.“

Alles in allem das beste historische Werk über das Zweite Vatikanum, das ich bisher gelesen habe.

Anmerkung in eigener Sache: Die Reihe zum atheistischen Kommunismus wird bald fortgesetzt, vermutlich in den nächsten Tagen. Im Moment bin ich in meiner freien Zeit durch Roberto de Matteis exzellentes Werk und die Scholien von Dávila abgelenkt.

Kontinuität oder Bruch?

Papst Pius XI.:

10 Daraus geht hervor, ehrwürdige Brüder, aus welchen Gründen der Apostolische Stuhl niemals die Teilnahme der Seinigen an den Konferenzen der Nichtkatholiken zugelassen hat. Es gibt nämlich keinen anderen Weg, die Vereinigung aller Christen herbeizuführen, als den, die Rückkehr aller getrennten Brüder zur einen wahren Kirche Christi zu fördern, von der sie sich ja einst unseligerweise getrennt haben. Zu der einen wahren Kirche Christi, sagen Wir, die wahrlich leicht erkennbar vor aller Augen steht, und die nach dem Willen ihres Stifters für alle Zeiten so bleiben wird, wie er sie zum Heile aller Menschen begründet hat. Die mystische Braut Christi ist ja im Laufe der Jahrhunderte niemals befleckt worden, und sie kann nie befleckt werden nach den schönen Worten Cyprians: „Zum Ehebruch lässt sich die Braut Christi nicht führen, sie ist unbefleckt und züchtig. Nur ein Haus kennt sie, die Heiligkeit eines Schlafgemaches bewahrt sie in keuscher Scham (21). Dieser heilige Märtyrer wunderte sich deshalb auch mit Fug und Recht, wie jemand glauben konnte, „diese der göttlichen Festigkeit entstammende und mit himmlischen Geheimnissen engverbundene Einheit könne bei der Kirche zerrissen und durch den Widerstreit einander widerstrebender Meinungen aufgelöst werden“ (22). Der mystische Leib Christi, das ist die Kirche, ist ja eine Einheit (23), zusammengefügt und zusammengehalten (24) wie der physische Leib Christi, und so ist es unangebracht und töricht zu sagen, der mystische Leib könne aus getrennten und zerstreuten Gliedern bestehen. Wer mit dem mystischen Leib Christi nicht eng verbunden ist, der ist weder ein Glied desselben, noch hat er einen Zusammenhang mit Christus, dem Haupte (25)

11 In dieser Kirche Christi kann niemand sein und niemand bleiben, der nicht die Autorität und die Vollmacht Petri und seiner rechtmäßigen Nachfolger anerkennt und gehorsam annimmt.

— Papst Pius XI., Enzyklika Mortalium Animos

Das II. Vatikanische Konzil:

3. In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden (15), die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt (16); in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. Denn wer an Christus glaubt und in der rechten Weise die Taufe empfangen hat, steht dadurch in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche. Da es zwischen ihnen und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist. Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert (17), darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt (18).

Hinzu kommt, daß einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente oder Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht und zu ihm hinführt, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi.

(…)

Ebenso sind diese getrennten Kirchen (19) und Gemeinschaften trotz der Mängel, die ihnen nach unserem Glauben anhaften, nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.

— II. Vatikanisches Konzil, Unitatis Redintegratio

Alle Hervorhebungen von Catocon.