„Christliche“ Kultur?

Angesichts dieser Daten wohl eher nicht:

Vom sozialen Umfeld lassen sich 44 Prozent der Deutschen leiten und von humanistischen Werten 24 Prozent. An den Gesetzen orientieren sich drei Prozent der Deutschen, an den Zehn Geboten vier Prozent.

Vier Prozent der Deutschen orientieren sich moralisch an den 10 Geboten? Nicht, dass es mich wundert, aber es gibt bekanntlich bis heute noch genug Menschen, auch und gerade innerhalb der katholischen Kirche und der evangelischen Gemeinschaften, die die Existenz einer tiefen Krise des Glaubens leugnen. Manche schwätzen von einer Krise der Kirchlichkeit, doch die Menschen seien immer noch gläubig. Man müsse, so wird gesagt, neue Wege finden, auf denen man die Menschen da abholen kann, wo sie seien, und dies sei eben auf religiösen Pfaden, aber abseits der „amtskirchlichen“ Wege.

Offensichtlich ist angesichts solcher Zahlen (von denen es noch sehr viele mehr zu zitieren gäbe) nicht zu leugnen, dass Deutschland – wie das ganze „christliche“ Abendland – in einer tiefen Glaubenskrise befindet, die sich nicht „bloß“ auf „amtskirchliche Strukturen“ beschränkt. 96% der Deutschen orientieren sich also nicht an den 10 Geboten. Weniger „amtskirchlich“ als „Du sollst nicht töten“ geht es wohl nicht mehr. Wenn man die 10 Gebote aufgeben muss, um sich an die „Menschen Von Heute“ anzupassen, dann müsste doch selbst dem „modernsten“ Christen, sofern er noch wirklich an Gott glaubt, ein Licht aufgehen, dass man sich an dieses implizite oder explizite Neuheidentum nicht anpassen darf, sondern dass man ihm ein Licht in der Finsternis sein muss, indem man die Wahrheit selbst, Jesus Christus, leuchten lässt.

Doch die Augen fest verschlossen vor der Realität zieht die offizielle Weltkirche vor, falsche Allerlösungslehren mindestens zu suggerieren und in Deutschland hat man den Eindruck, als ob es in der Bischofskonferenz zuweilen keine Mehrheit für den christlichen Glauben mehr gäbe, sondern nur noch für das Parteiprogramm des Merkel-Flügels der CDU.

Doch, wie Papst Franziskus auch gesagt hat, wer nicht zu Christus betet, der betet zum Teufel.

So ist es.

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Wahlkampf in Amerika

In etwa zwei Monaten werden die Wähler in den USA darüber entscheiden, ob Barack Obama vier weitere Jahre im Weißen Haus wohnen darf, oder ob dort Mitt Romney einzieht. Es handelt sich dabei wohl um die heißeste Wohnortdebatte der Welt, denn um Inhalte ging es eigentlich leider kaum. Der Hund von Mitt Romney nahm mehr Raum im Wahlkampf ein, als die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten, vor denen die USA stehen. Mit der Auswahl Paul Ryans, eines katholischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses aus Wisconsin, so war erwartet worden, würde sich dies nun ändern. Denn Ryan gilt nicht nur als konservativer Kontrast zu Obama, sondern hat auch einen konkreten Plan zur Bekämpfung des Haushaltsdefizits vorgelegt. Inhaltlich, so scheint es, hat sich Romney damit ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, denn jegliche Reform des Sozialsystems löst in den USA – ebenso wie in Europa – immer heftige polemische Anwürfe von links aus.

Doch wer nunmehr einen inhaltlich bedeutsamen Wahlkampf erwartet hatte, der wurde spätestens bei dem Parteitag der Republikaner in der vergangenen Woche mächtig enttäuscht. Es war die übliche Mischung von Party, inhaltslosen Floskeln und persönlichen Angriffen gegen den Amtsinhaber. In etwa dasselbe, was auch von den Demokraten bei ihrem Parteitag in der nächsten Woche zu erwarten ist.

Wie immer werden diese Shows für einige Tagen die Umfragewerte bewegen, bevor sich das alles wieder normalisiert. Die Kandidaten werden weiterhin Kopf an Kopf liegen.

Viel interessanter als das vordergründige Posieren der beiden Parteien und ihrer Kandidaten als der einzige, der das Land nicht zugrunde richten wird, ist jedoch das, was sich hinter den alltäglichen politischen Trends verbirgt. Interessant ist nicht das politische Wetter, sondern das politische Klima, jene langfristigen Entwicklungen, die sich nicht in Umfragen, Wahlreden und Kurzinterviews niederschlagen, die aber das Fenster des erlaubten Diskurses zu verschieben vermögen.

Grundsätzlich gibt es immer eine gewisse Spannbreite erlaubter Positionen, außerhalb derer sich niemand stellen kann, wenn er überhaupt noch Wahlchancen haben möchte. Ebenso darf man dieses Fenster nicht verlassen, wenn man nicht das Opfer gesellschaftlicher – oder zuweilen sogar strafrechtlicher – Sanktionen werden möchte. Dies sieht man etwa am Beispiel der Holocaustleugnung in Deutschland oder dem Schicksal der antichristlichen Punk-Bande, die ihren blasphemischen Unfug in Russland zu treiben versucht hat. Wer sich zu weit aus dem Meinungsmainstream herauswagt, der bekommt kein Bein mehr auf den Boden. Das ist immer und überall so.

Entscheidend ist für die langfristige politische Entwicklung nun nicht so sehr, welche Partei die Wahl gewinnt, sondern wie sich dieses Fenster erlaubter Positionen im Laufe der Zeit verschiebt. Die familienfeindlichen Parolen, die heute CDU-Programmatik sind, hätte sich kein ehrbarer Sozialdemokrat in der Weimarer Republik zu sagen getraut. 1970 war der hart-linke US-Demokrat Ted Kennedy vehement gegen Abtreibung, wie auch noch in den 80er-Jahren Al Gore, Bill Clinton und viele andere Demokraten, die sich später als Gefolgsleute des Herodes hervorgetan haben. Heute, und damit kehren wir zum aktuellen Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zurück, trauen sich selbst die angeblich „konservativen“ Republikaner nicht mehr, diese Position ernsthaft und überzeugt zu vertreten. Auf ihrem Parteitag war davon wenig zu hören und Romney hat sich erstv rechtzeitig für die Vorwahlen im Sinne der „konservativen Parteibasis“ zum Abtreibungsgegner gewandelt, während er vorher immer für das „Recht auf Abtreibung“ eingetreten ist. Währenddessen haben sich die Demokraten endgültig als die Partei des Todes definiert, in der Abtreibungsgegner mit offener Feindseligkeit behandelt werden, denen man nicht einmal mehr die Freiheit ihres Gewissens zugestehen möchte. Diese Verschiebung ist nicht das Resultat von Wahlen. Im Jahre 1973 erfand der Supreme Court in seinem berüchtigen Urteil im Fall „Roe vs. Wade“ ein nahezu unbeschränktes Recht auf Abtreibung. Vorher war die Abtreibungsgesetzgebung aufgrund der bundesstaatlichen Ordnung der USA Ländersache, doch durch das Urteil von 1973 hob der Supreme Court die Abtreibungsfrage auf die Bundesebene. Zwischen 1976 und 2008 hat nur Bill Clinton das Weiße Haus als Abtreibungsbefürworter erobert, und das auch nur, indem er nicht müde wurde, seinen Wunsch nach „weniger Abtreibungen“ kundzutun.

Nein, die Verschiebung des Fensters der erlaubten Meinungen resultiert nicht aus Wahlergebnissen, sondern aus breiteren kulturellen Entwicklungen. Die Gesellschaft verändert sich immer weiter in eine bestimmte Richtung, und irgendwann werden bestimmte, früher selbstverständliche Haltungen, wie etwa das Lebensrecht für die Ungeborenen, erst umstritten, dann seltsam, dann extrem und schließlich unwählbar. Diese Veränderungen haben nichts mit Wahlen zu tun, weshalb Wahlen auch nur selten wirklich wichtige Ergebnisse zeitigen.

Diese Veränderungen resultieren auch nicht aus dem Volkswillen, denn das Volk als solches hat keinen Willen. Das, was als Volkswille verpackt und mundgerecht medial verabreicht wird, ist nicht der Wille des Volkes, sondern immer – in jedem politischen System – der Wille der gesellschaftlichen und kulturellen Elite. Die Schmiede dieser Elite ist im weitesten Sinn des Wortes die moderne Universität oder das moderne Bildungswesen. Dort werden die Grundansichten und Vorurteile geprägt, die die nächste Generation an Meinungsmachern in Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur und Medien gemeinsam haben wird. Fast alle Meinungsmacher sind Produkte der modernen Universität, besonders jene, die sich für individuell, kreativ und eigenständig genug halten, um sich „zu allem eine eigene Meinung zu bilden“. Die Meinungsbildner machen die Meinungsmacher und die Meinungsmacher machen den Volkswillen.

Christliche Positionen zu äußern, ist heute praktisch undenkbar, wenn man noch als respektables Mitglied der Gesellschaft zu gelten wünscht. Klar, mancher wird noch toleriert, als Hofnarr oder respektabler alter Opa, dessen „vorsintflutliche“ Ansichten bald aussterben. Narr, Fossil oder Paria – das sind die Alternativen für den ernsthaften Christen in der postmodernen Welt.

Zu spüren bekommen hat dies der bewundernswerte christliche Gentleman Todd Akin im Kontext des Wahlkampfes in den USA. Er ist republikanischer Senatskandidat für den Bundesstaat Missouri und gläubiger evangelischer Christ. Er verkündete seine feste Überzeugung, dass Abtreibung immer die Tötung eines unschuldigen Menschen ist, und daher immer, auch nach Vergewaltigungen abgelehnt werden müsse. Zudem sprach er die Binsenweisheit aus, dass es auch „Vergewaltigungsopfer“ gibt, die gar nicht vergewaltigt worden sind. Schließlich tat er noch eine zweifelhafte Äußerung über die bei einer Vergewaltigung ablaufenden biologischen Prozesse und die Wahrscheinlichkeit, mit der sie zu einer Schwangerschaft führen.

Seine Einlassungen zum Thema Biologie waren wohl sachlich weitgehend falsch, und dies kann man gern kritisieren. Er muss sich besser informieren, bevor er sich zu solchen Themen äußert. Dass Vergewaltigung oft einfach behauptet wird, auch wenn sie gar nicht stattgefunden hat, ist allgemein bekannt, aber vielleicht politisch unkorrekt. Dieses Thema im Wahlkampf anzusprechen, kann man aus strategischen Gründen kritisieren, da es die Wahlchancen schmälert, dem politischen Gegner Material liefert, und unsensibel gegenüber vergewaltigten Frauen wirken könnte.

Nach Akins Äußerungen brach ein Sturm der geheuchelten Entrüstung in den linksliberalen Mainstream-Medien los. Das war zu erwarten. Für diese Leute ist Abtreibung ein Sakrament, das nicht kritisiert werden darf.

Akins eigene Partei fiel über ihn mit einer tollwütigen Wildheit her, die seinen milden, unglücklichen Worten nicht angemessen war. Und die Kritik bezog sich nicht auf seinen Faktenirrtum zum Thema Biologie, nicht auf seine etwas unsensible Formulierung, sondern direkt auf den Hauptinhalt seiner Worte: Auf die Ablehnung von Abtreibung nach Vergewaltigung. Dies sei nicht die Position von Romney und Ryan, und nicht die Position der Republikaner, hieß es. Man forderte Akin zum Rücktritt auf. Man entzog ihm jegliche finanzielle Unterstützung der Bundespartei. Es wurden sogar Rufe laut, man möge der kleinen Schar treuer Gefährten, die an Akin festhalten wollte, das Rederecht auf dem Parteitag entziehen. Die Stimmung erinnerte an die Säuberungsaktionen, die in kommunistischen Parteien gegen Dissidenten und „Rechtsabweichler“ öfters vollzogen worden sind.

Akin, ein Mann mit Rückgrat, der sich für die Wortwahl längst entschuldigt und seinen biologischen Kenntnisstand aufgebesser hat, aber inhaltlich an seiner festen Unterstützung des Lebensrechts auch für Kinder, deren Mütter vergewaltigt worden sind, festhält, liegt in den Umfragen nunmehr gleichauf mit seiner Gegenkandidatin McCaskill. Er hat nicht die Absicht, von seiner Kandidatur zurückzutreten. Vielleicht wird es dieser Mann mit dem starken, christlichen Glauben und seinem unverrückbaren Gewissen ja noch in den Senat schaffen. Zu gönnen wäre es ihm.

Doch was auch immer aus Todd Akin werden wird; sein Fall hat bereits heute gezeigt, dass es in den USA keine Partei mehr gibt, die für elementare christliche Grundwerte und die Allerschwächsten einzustehen bereit ist, dass sich auch unter linksliberalen Abtreibungsbefürwortern wie Mitt Romney im Weißen Haus nichts ändern wird, dass die Menschenwürde der Ungeborenen auch unter Heuchlern wie Romney mit Füßen getreten werden wird, und dass die Republikaner sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – längst dem sich verschiebenden Fenster erlaubter Meinungen angepasst haben.

Und dass selbst der heuchlerisch zur Schau gestellte Ökumenismus keinen einzigen katholischen Bischof dazu bewegen konnte, das mutige Zeugnis eines gläubigen evangelischen Mitchristen für die Ungeborenen und Unschuldigen auch nur mit einem einzigen Wort lobend zu erwähnen.

Im modernen Amerika – wie im modernen Europa – ist Abtreibung das einzige anerkannte Sakrament aller etablierten Parteien.

Der Konservative als Nachhut

Gemeinhin wird in unserem politischen System zwischen fortschrittlichen und konservativen Kräften unterschieden. Die einen, so geht dieser Mythos, arbeiteten auf die Umgestaltung der Gesellschaft durch Reformen hin, die anderen wollten den bestehenden Zustand bewahren. Sofern der heutige politische Diskurs überhaupt noch über kohärente Kategorien verfügt, die sich nicht am unmittelbaren Nutzen einer Wählergruppe oder der ökonomischen, politischen und medialen Elite orientieren, reduziert sich politisches Denken auf die Differenz zwischen Liberalen und Sozialdemokraten bzw. Sozialisten und den Kontrast zwischen Fortschrittlichen und Konservativen.

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, diese Begriffe hätten einen sinnvollen Inhalt, der sich tatsächlich zumindest ungefähr abgrenzen läßt. Dies ist auch nicht falsch, denn schließlich kann man wirklich relevante Unterschiede zwischen diesen politischen Grundhaltungen oder Ideologien angeben. Doch verdecken diese oberflächlichen Unterscheidungen meiner Erfahrung nach eine viel tiefere Verbundenheit, als die teils heftig ausgetragenen Differenzen zunächst den Anschein machen.

Mögen sich liberale und sozialdemokratische Redner auch über die optimale Höhe der Steuersätze uneinig sein, und mag zwischen fortschrittlichen und konservativen Politikern ein Unterschied etwa über den Ausbau der frühkindlichen Betreuung bestehen, so basieren diese Unterschiede doch wieder auf viel tiefer liegenden Gemeinsamkeiten. So leugnen weder die meisten Liberalen noch die meisten Sozialdemokraten oder Sozialisten, dass der Staat das Recht hat, Steuern einzuziehen – sie streiten sich nur über die Höhe. Sie sind sich einig, dass die Globalisierung so unumgänglich wie großartig ist – nur schwärmen die einen für den globalen Markt, und die anderen hätten am liebsten den Weltwohlfahrtsstaat, der die bösen Kapitalisten in ihre Schranken verweist.

Ebenso streiten sich fortschrittliche und konservative Kräfte tatsächlich über das Betreuungsgeld. Doch sie sind sich einig, dass Männer und Frauen prinzipiell die gleichen gesellschaftlichen und familiären Rollen übernehmen sollen, dass kostenlose „Betreuung“ in Krippen für Kleinkinder überhaupt staatlich unterstützt werden soll, dass spätestens am dem dritten Lebensjahr des Kindes möglichst alle Mütter wieder einer ganztägigen Erwerbsarbeit nachgehen sollen usw.

In allen diesen Fällen überdecken oberflächliche Streitigkeiten eine viel grundsätzlichere Einigkeit. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Natur des Konservatismus. Es gab einmal eine Zeit, nämlich im 19. Jahrhundert, als nationalistische und liberale Bestrebungen die Avantgarde des Fortschritts und der Modernisierung darstellten. Konservative, die dagegen opponierten, hielten meist an den christlichen Monarchien Europas oder am monarchischen Absolutismus fest. Doch bald verdrängten neue Ideen die Liberalen und Nationalen von der Speerspitze des Fortschritts. Sozialistische und Sozialdemokratische Ideen übernahmen spätestens am Anfang des 20. Jahrhunderts diese Rolle. Liberale, Nationale und Konservative fanden sich nun gemeinsam auf der „Rechten“ wieder – sie alle lehnten die sozialistische Ideologie ab. Unter diesen Bedingungen war es nur sinnvoll, dass sie gemeinsam gegen den Sozialismus antraten. Der Liberalismus, der im 19. Jahrhundert der Linken angehörte, verband sich mit den klassischen konservativen Vorstellungen. Im Laufe der Jahrzehnte ging diese Drift weiter. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg waren Liberalismus und Konservatismus in den meisten westlichen Ländern fest verwachsen.

Im Moment erleben wir den nächsten Schritt dieser Entwicklung. Mit dem Aufkommen des radikalen Feminismus und der sogenannten 68er-Bewegung fanden sich klassische Sozialdemokraten der alten Schule immer mehr von der Speerspitze des Fortschritts verdrängt – ebenso wie einige Generationen vor ihnen die Liberalen und Nationalisten verdrängt worden waren. In den USA ist dies besonders drastisch an den Demokraten zu erkennen, die sich mit dem New Deal einer im Wesentlichen sozialdemokratisch ausgerichteten Position zugewandt hatten, nur um dann spätestens 1972 von der Neuen Linken übernommen zu werden, die die Partei heute zu einer Interessenvereinigung transformiert hat, in der enthusiastische Zustimmung zu Abtreibung und Feminismus jederzeit klassische soziale Ziele übertrumpfen. Aber auch in Europa gibt es diesen Effekt. Es sind nicht umsonst gerade die sozial schwachen Schichten, in denen der unartikulierte Widerstand gegen Multikulturalismus, Feminismus und andere Ziele der Neuen Linken besonders stark brodelt, und in denen diverse Protestparteien (gleich welcher Ausrichtung) besonders starken Zuspruch finden.

So werden nun klassische Sozialdemokraten mehr und mehr nach „rechts“ abgedrängt, und finden sich damit in der Position wieder, die die Liberalen ausgangs des 19. Jahrhunderts bereits vorgefunden hatten. Der Marsch des Fortschritts ist weitergegangen, die Avantgarde hat ein neues Hobby gefunden – die „Gleichheit“ von Frauen, Homosexuellen, Ausländern usw. hat die „Gleichheit“ der Arbeiter längst überflügelt.

So verwundert es auch nicht, dass ein Thilo Sarrazin mit seinen Thesen generell als „rechts“ eingeordnet wird, obgleich seine Lösungen meist klassisch sozialdemokratisch sind.

Die alte liberal-national-konservative Koalition, die wohl unter Adenauer und Erhard in Deutschland ihren Höhepunkt gehabt haben dürfte, hat sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr von ihrem konservativen (und damit aufgrund der historischen Bedeutung des Christentums für Europa auch christlichen) Standbein verabschiedet. Faktisch haben explizit christliche oder traditionell konservative (also gegen „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ und die Werte von 1789 eingestellte) Kräfte praktisch kein politisches Gewicht mehr in den westlichen Ländern. Aus der liberal-national-konservativen Koalition ist wohl schon unter Kohl und Lambsdorff, spätestens aber in der Merkel-CDU das konservative Standbein weggebrochen.

Und angesichts der aktuellen Eurokrise versucht man das nationale Standbein auch zu verscharren, weil es für den Machterhalt der derzeitigen Elite hinderlich geworden ist.

Die „Rechte“ wird – zumindest sofern sie sich nicht nationalsozialistisch geriert (und das ist nur eine winzige Minderheit) – heute nahezu total von einer wirtschaftsliberalen Elite beherrscht, die noch vor 150 Jahren als links und äußerst progressiv gegolten hätte. Die heutige „Rechte“ ist internationalistisch, befürwortet eine globale Marktwirtschaft und einen globalen Nachtwächterstaat, lehnt traditionelle Bindungen an Familie, Heimat, Gott und Vaterland als rückschrittlich und unmodern ab, und möchte sie im Namen von Flexibilität und Fortschritt überwinden.

Die heutige Rechte ist also bloß die gestrige Linke und die gestrige Rechte bloß die vorgestrige Linke. So kann man erwarten, dass die morgige Rechte die heutige Linke sein wird. Diese Tendenzen sind in der Merkel-CDU bereits zu erkennen. Eine Ursula von der Leyen, deren etatistische Allmachtsphantasien wohl früheren sozialdemokratischen Wählern zu extremistisch vorgekommen wären, repräsentiert diese Rechte der Zukunft, die bloß die Linke der Gegenwart ist.

Dies ist letztlich das Problem des Konservatismus. Er bewahrt immer die Irrtümer seiner Vorgänger. Er ist die Nachhut des Fortschritts.

Vorhut und Nachhut sind zwei ganz unterschiedliche Teile einer Formation – doch sie gehören beide zu derselben Formation, selbst wenn sie in ihr verschiedene Aufgaben erfüllen.

Konservatismus ist daher überhaupt keine nennenswerte politische Kraft. Die „Konservativen“ des 19. Jahrhunderts konservierten bloß die politischen Strukturen des 18. Jahrhunderts, so wie die „Konservativen“ des 20. Jahrhunderts krampfhaft am liberalen und nationalen Denken des 19. Jahrhunderts klebten, und wie die heutigen Konservativen stupide die Ideen des 20. Jahrhunderts verteidigen.

„Konservativ“ ist kein politisches Bekenntnis, sondern ein Offenbarungseid. Der Konservative bekennt sich zu den gescheiterten Ideen von gestern, statt zu den Ideen von heute, die erst noch scheitern werden. Weder der Progressive noch der Konservative besitzen die geistige Munterkeit, sich auf die zeitlosen Ideen zu stützen, ganz gleich, ob sie gerade populär sind, oder als absurd gelten.

Der Konservative bewahrt die Strukturen, die der Progressive gestern eingeführt hat. Chesterton definierte den Progressiven als jemanden, der ständig neue Fehler mache, und den Konservativen als den, der die Korrektur dieser Fehler verhindere.

Konservatismus ist daher immer schwammig und fließend. Er beharrt auf Strukturen, nicht auf grundsätzlichen Wahrheiten.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich in Abgrenzung von dem hier beschriebenen Konservatismus als „wertkonservativ“ bezeichnen, um damit anzudeuten, dass sie nicht bloß irgendwelche historisch zufälligen gesellschaftlichen Entwicklungsstadien mumifizieren und für immer beibehalten wollen, sondern dass sie ganz bestimmte absolute, nicht verhandelbare Werte besitzen, in denen sie keine Handbreit nachgeben werden, komme was wolle. Diese „Wertkonservativen“ trifft meine Kritik nicht. Sie sind nicht Nachhut, sondern Überbleibsel. Sie sind der Rest, der sich mit dem Fortschritt gar nicht versöhnen kann, der nicht immer bloß einen Schritt hinter dem Fortschritt herzurennen gedenkt, sondern der starr und unflexibel auf seinen Überzeugungen beharrt.

Wenn sie wirklich fest und treu an den westlichen Traditionen, an Athen, Rom und Jerusalem, festzuhalten gedenken, dann haben sie ein solides Fundament, auf dem ihr Denken und ihr Handeln aufbauen kann. Sie sind keine orientierungslosen Mitläufer des Fortschritts – wie die heutigen etablierten „Konservativen“. Sie sind aber auch nicht gesellschaftsfähig. Sie sind ewige Störenfriede, weil sie sich nicht anpassen wollen und nicht anpassen können.

Homosexualität (5/5)

Die Möglichkeit der Umkehr

Der Mensch ist ein verunstaltetes Meisterwerk. Wunderschön, aber gebrochen. Er bedarf eines großartigen, göttlichen Arztes, um ihn wieder zusammenzuflicken. Dieser göttliche Arzt, Jesus Christus, gibt all diesen gebrochenen Meisterwerken, die auf Erden umherlaufen – ob homosexuell oder nicht – die einzigartige Chance, alle Wunden, alle Brüche zu heilen, wenn sie nur ihre Einwilligung zu der Therapie aus vollem Herzen geben. Diese Therapie heilt aber nicht die äußeren Wunden, sondern die Sünden, die der Mensch auf sich geladen hat. Und diese Sünden sind, wenn man sie nicht vom göttlichen Arzt heilen lässt, wirklich wie innere Verletzungen, die uns Menschen von innen ausbluten lassen, bis wir als blutleere Sklaven der Sünde in die ewige Verdammnis marschieren.

Doch wir, verunstaltete Meisterwerke die wir sind, können (unabhängig von unseren diversen sexuellen Perversionen) von unseren Sünden gereinigt werden, indem wir uns dem göttlichen Arzt aus freiem Willen und mit ganzem Willen hingeben, einwilligen in die Therapie, die er für uns vorgesehen hat, auch wenn diese Therapie oberflächlich betrachtet unangenehm oder gar schmerzhaft ist. Eine solche Einwilligung erfordert aber Vertrauen: Vertrauen, dass Jesus Christus uns nicht enttäuschen wird, dass er immer für uns da sein wird, dass er, auch wenn die Therapie gerade einmal besonders schmerzhaft ist, uns liebt, uns tröstet und uns schützt. Diese Einwilligung in die Therapie des großen göttlichen Heilers ist für alle Menschen gleichermaßen notwendig. Jeder von uns ist ein gebrochenes Meisterwerk. Homosexuelle ebenso wie notorische Faulenzer, gierige Raffzähne, und all die anderen wunderbar liebenswerten, scheußlichen, unnachahmlichen, unerträglichen, unverzichtbaren Sünder, die diesen Planeten bevölkern. Jeder von uns bedarf der Therapie des großen göttlichen Heilers. Niemandem von uns ist damit gedient, eine bestimmte Gruppe von Sündern besonders an den Pranger zu stellen. Aber ebenso ist niemandem damit gedient, eine Gruppe von Sündern zu ignorieren, oder ihnen gar zu erzählen, sie bedürften der Heilung nicht.

Gottes Liebe für die Homosexuellen

Alle homosexuellen Menschen werden von Gott bedingungslos geliebt, und er möchte auf keinen einzigen von ihnen verzichten. Doch gerade deswegen darf die Kirche die Wahrheit nicht verschweigen. Ausgelebte Homosexualität ist, unabhängig von der Frage wie sie entstanden ist oder warum ein Mensch sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, eine Willensentscheidung. Niemand ist gezwungen mit einem anderen Menschen zu schlafen, gleich welchen Geschlechts. Und eine Willensentscheidung, die sich im Widerspruch zu der von Gott eingerichteten und in Bibel und Überlieferung bezeugten natürlichen Ordnung befindet, nennen wir eine Sünde. Das ist schlicht und ergreifend der Fall und niemandem ist damit gedient, dies zu leugnen.

Gott liebt die Homosexuellen. Deswegen will er sie auch bei sich im Himmel haben. Und daher legt er großen Wert darauf, dass sie ihre Schwächen so weit wie möglich schon in diesem Leben bekämpfen, statt ihre Schwachheit zu leugnen. Wir alle sind schwach. Wir alle werden manchmal schwach. Das ist in Ordnung. Gott kennt unsere Schwäche. Dafür hat er größtes Verständnis. Doch wer fällt, der soll wieder aufstehen – und Gott hilft ihm hoch. Wieder und wieder und wieder und wieder… sooft wie nötig. Gott ist geduldig mit uns. Doch alle Geduld der Welt reicht nicht aus, um jemandem hochzuhelfen, der von sich behauptet, er sei gar nicht gefallen.

Die „stolze“ Homosexuellenlobby

Und damit kommen wir zum letzten Problem. Heute ist es oft so, dass homosexuelle Menschen nicht nur die Lehre der Kirche ablehnen und privat homosexuell sind, ohne sich deswegen als Sünder zu fühlen, sondern auf ihre spezielle Sexualneigung einen gewissen Stolz entwickeln. Sie paradieren durch die Straßen, als ob ihre bestimmte Sexualneigung irgendwie öffentlichen Wert hätte. (Paradoxerweise sind das dieselben Leute, die ständig erklären, ihre Sexualität sei privat und gehe den Staat und die verklemmte Gesellschaft nichts an!)

Diese Gruppe von Homosexuellen leugnet nicht nur, dass ihr Verhalten sündig ist, sondern predigt ihre spezielle Sünde der ganzen Welt als wundervolle Sache. Damit weigern sie sich nicht nur selbst, die Gnade Gottes anzunehmen, sondern sie ermutigen auch Andere, dem Weg fort von Gott zu folgen. Das ist wesentlich schlimmer als nur homosexuelle Akte durchzuführen. Für diese Propagandisten kann die Kirche kein besonders großes Verständnis aufbringen. Selbst zu sündigen ist schlimm genug, doch andere zur Sünde zu animieren oder die Sünde als feiernswert darzustellen ist wesentlich schlimmer. Um wieder auf unser Beispiel mit dem Arzt zurückzukommen: Es ist schlimm genug, seine Krankheit nicht behandeln zu lassen, doch dann draußen herumzulaufen und andere anzustecken setzt dem ganzen die Krone auf.

Vermutlich sind diese „stolzen“ Homosexuellen nach wie vor eine Minderheit. Die meisten Homosexuellen – selbst diejenigen, die die Lehre der Kirche ablehnen – wollen ihren Trieben privat frönen und tun dies auch. Aber es gibt eben auch die radikalen Aktivisten, und das sind die öffentlich sichtbaren Propagandisten einer letztlich moralfreien Sexualität, in der nur noch die Verwirklichung des eigenen Triebes und kurzfristigen Willens zählt, und der andere, der Partner, wahrhaft zum Objekt des Triebes statt zum Subjekt der Liebe wird. Diese Propagandisten können nicht für sich reklamieren, einfach nur das zu leben, was ihre Triebe ihnen sagen.

Schlusswort

Abschließend lässt sich formulieren, dass die Trennung von Sünde und Sünder eine differenzierte Beurteilung der Problematik der gleichgeschlechtlichen Sexualakte ermöglicht. Der Sünder wird geliebt, und gerade deswegen ist die Sünde entschieden abzulehnen.

Homosexualität (4/5)

Der rechte Abgrund

Natürlich, wenn ein Homosexueller stolz auf seine Sexualneigung ist, dann hat er in unserer Gesellschaftsordnung das Recht dazu. Und er kann auch die liebevolle Belehrung durch die Kirche jederzeit ignorieren. Zwang ist grundsätzlich abzulehnen – Bekehrung, Umkehr, Kampf gegen die Sünde kann nicht erzwungen werden, sondern nur aus einer Haltung der Einsicht und einer Willensanstrengung erwachsen.

Wir dürfen den Menschen nicht so lassen wie er ist, denn er ist ein Sünder. Wir müssen den Menschen so annehmen wie er ist, bis auf die Sünde. Doch auch wenn diese Gefahr – die linke Seite des Abgrundes in unserer Metapher – real ist, so gibt es doch auf der anderen Seite eine weitere Gefahr. Denn es gibt – auch in der katholischen Kirche – immer wieder Personen, die Homosexualität an sich als Sünde titulieren, die zum Himmel schreie, als schecklichste Perversion und einiges mehr. Doch auch hier liegt ein nicht ganz falsches, aber eben auch nicht ganz richtiges Fragment der Wahrheit vor. Ja, gelebte Homosexualität ist moralisch verwerflich, und sie ist von Natur aus fehlgeordnet, selbst wenn sie nicht gelebt wird (doch an der natürlichen Fehlordnung trägt der einzelne Homosexuelle keine Schuld). Doch diese „rechte Seite des Abgrunds“ übersieht ein wesentliches Prinzip: Wir sollen zwar die Sünde (in diesem Falle gelebte Homosexualität) hassen, doch den Sünder lieben. Denn der Sünder ist ein unnachahmliches, einzigartiges Abbild Gottes, ein Mensch, eine Person. Doch die Sünde ist nichts dergleichen. Die Sünde ist die schreckliche Perversion, die zum Himmel schreit. Die Sünde, nicht der Sünder, verdient unsere Ablehnung. Der Sünder verdient unser Verständnis, unsere Unterstützung und (wenn er es wünscht) unsere Hilfe. Er verdient all das in seinem Kampf gegen die Sünde.

Der Fehler derjenigen, die radikal gegen Homosexuelle predigen, die (vor allem in manch vergangener Zeit) wirklich den Eindruck erweckten, als kämen Homosexuelle automatisch in den wärmsten Teil der Hölle, besteht darin, dass sie es unterlassen den Sünder von der Sünde zu trennen. Der Arzt trennt das Krebsgeschwür von seinem Patienten – er hasst den Krebs und liebt den Krebskranken. Er tut sein Möglichstes (wenn der Patient das will), um zu heilen, um den Patienten von seinem Krebs zu befreien. Im Felde der Chirurgie ist die Mitarbeit des Patienten während der Operation eher hinderlich, doch im Felde der Bekämpfung von Sünden ist sie unerlässlich. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Fällen. Doch die Gemeinsamkeit ist wesentlich größer als der Unterschied. Sowohl der Arzt als auch der besorgte Katholik kämpft gegen etwas, das eindeutig übel ist (Krebs im einen Fall, Sünde im anderen) und vermag wohl zwischen dem Üblen und dem Guten zu unterscheiden. Der Arzt lehnt den Krebs ab, aber er lehnt den Krebs gerade deswegen ab, weil der Krebs den Patienten tötet. Er hasst den Krebs, weil er den Menschen liebt. Dasselbe gilt für den Katholiken. Er lehnt die Sünde (in diesem Fall gelebte Homosexualität) ab, nicht weil er etwas gegen den Homosexuellen hat, sondern weil er etwas für ihn hat. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder liebt. Er hasst die Sünde, weil er den Sünder retten will.

Dies vergessen radikale Prediger gern. Sie verdammen den Sünder, weil er sündig ist, doch werfen dabei Sünder und Sünde in einen Topf. Der gute Katholik folgt allerdings dem Lehramt der Kirche und unterscheidet scharf, wie mit dem Skalpell, zwischen beidem. Er liebt den Sünder und hasst gerade deswegen die Sünde so sehr. Allerdings gebietet die Liebe gegenüber dem Sünder auch, dass man ihn als Person mit einer unveräußerlichen Menschenwürde anerkennt, und nicht gegen seinen Willen handelt. Man sollte also niemanden „umerziehen“ oder „ummodeln“. Aber man sollte jeden Menschen im Geiste brüderlicher Korrektur auf seine Schwächen, die man an ihm entdeckt, aufmerksam machen und ihm beim Kampf gegen sie helfen. Das gebietet die Nächstenliebe. (Freilich muss man dann auch in der Lage sein, mit einer ähnlichen Kritik, die sich gegen die eigenen Schwächen richtet, umzugehen. Man kann nicht den Splitter im Auge des Nächsten kritisieren, solange man vor dem Balken im eigenen Auge davonläuft, statt ihn zu bekämpfen. Und mit diesem Teil der Gleichung haben wir Menschen oft die größten Probleme.)

Liebt den Sünder – Hasst die Sünde

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die kirchliche Position eine vorbildliche Balance zwischen Exzessen auf der linken und der rechten Seite darstellt. Auf der einen Seite sind diejenigen, die in ihrem wohlmeinenden Eifer, alle Menschen so anzuerkennen wie sie sind, die Sünde gleich mit in den Rang des Würdesubjekts, das gefeiert werden soll, erheben. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die in ihrem genauso wohlmeinenden Eifer nicht nur die Sünde selbst, sondern auch den schwachen Menschen, der sich in ihrem gierigen Griff befindet, verdammt. Doch oft genug können Menschen gar nichts für die Antriebe, mit denen sie aus Gewohnheit, aus psychologischen oder aus genetischen Gründen geschlagen sind, und vor denen sie immer wieder einknicken. In diesem Fall darf man niemals das Kind mit dem Bade ausschütten. Der Homosexuelle bleibt ein Sünder (wie wir alle), aber er bleibt auch ein Würdesubjekt, eine Person, die unsere unbedingte Anerkennung und unsere Liebe verdient. Die Kirche wendet sich mit gleicher Entschiedenheit gegen beide wohlmeinenden Irrtümer und propagiert die authentische Lehre Jesu Christi, durchzogen von größter Liebe gegenüber dem schlimmsten Sünder und daraus folgend einer tiefsitzenden Abneigung gegen die hässlichen Sündennarben, die das Antlitz Gottes in ihm verunzieren.

Homosexualität (3/5)

Der linke Abgrund

Nachdem nun einige populäre Irrtümer über die Haltung der Kirche zur Homosexualität beseitigt sind, wollen wir uns noch kurz der Frage zuwenden, was denn eigentlich die Haltung der Kirche ist.

Um die ausgefeilte Präzision der kirchlichen Position zu diesem Thema, die ganze Komplexität, verstehen zu können, muss man in den Blick nehmen, dass links und rechts neben der lehramtlichen Meinung der Kirche zwei gigantische, geradezu monströse Abgründe klaffen. Auf der einen Seite ist die Ansicht, der Mensch sei genauso zu akzeptieren wie er geschaffen worden sei, und daher dürfe man grundsätzlich niemanden für seine Anlagen und Triebe kritisieren. Denn schließlich sei der Mensch Gottes Schöpfung und Gott weiß was er tut, also ist ein homosexueller Mensch Gottes Wille. Daher, so sagen die Anhänger des Abgrunds auf der linken Seite, müsse man homosexuelle Menschen nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern sie geradezu ermutigen, ihre sexuelle Orientierung auch öffentlich auszuleben, sie positiv zu sehen, sie anzunehmen, nicht mehr gegen sie anzukämpfen und einiges mehr. Doch diese Position hat den riesigen Pferdefuß, dass sie die Glaubenswahrheit der Erbsünde übersieht. Worin besteht dieser Fehler?

Man stellt sich auf den Standpunkt, man müsse den Menschen so annehmen wie er ist. Das hört sich zunächst einmal tolerant und gut an. Und es ist ja auch nicht falsch. Es ist sogar fast richtig – aber eben nur fast. Man soll in der Tat alle Menschen so annehmen wie sie sind – bis auf die Sünde im Menschen. Die Sünde im Menschen trennt diesen im Extremfall von seinem höchsten Zweck (auf ewig das Angesicht Gottes zu schauen). Einen Menschen zu lieben heißt daher nicht nur ihn anzunehmen wie er ist, sondern auch darauf zu hoffen, dass er seine Sünden überwindet. Ja, wir sollen den Menschen annehmen wie er ist. Auch den Homosexuellen? Ja, auch ihn. Aber diese Annahme kann nicht übersehen, dass er einen heftigen Antrieb in sich hat, der ihn von Gott entfernt, der ihm damit objektiv betrachtet schadet. Seit der Erbsünde sind alle Menschen mit diversen moralischen Fehlern geschlagen. Bei Homosexuellen ist es eben eine Unordnung im Sexualbereich, andere bekommen diese Probleme in anderen Lebensbereichen. Doch wo auch immer die moralischen Fehler auftauchen – wahre Liebe gegenüber dem Menschen bedeutet, ihm diese Fehler nicht zu verschweigen und ihm auch nicht einzureden, die Fehler seien in Wahrheit gar keine Fehler.

Im Gegenteil! Wenn wir einen Menschen wirklich lieben, werden wir versuchen mit ihm an seinen Fehlern zu arbeiten. Niemand würde seinem Kind nach einer „5“ in Mathe sagen, Mathe sei doch nicht so wichtig und es solle doch einfach seine „5“ stolz annehmen, sie zelebrieren. Nein, das würden liebende Eltern nicht tun. Auch dann nicht, wenn das Kind aufgrund einer Matheschwäche niemals besonders gut wird werden können. Etwas besser als „5“ geht wahrscheinlich schon. Und dasselbe gilt auch für alle anderen menschlichen Schwächen, auch und gerade im Bereich der Moral. Homosexuelle sitzen damit wieder im selben Boot wie wir alle. Wahrscheinlich wird niemand von uns jemals völlig frei von der Sünde werden – aber wenn wir nicht mehr gegen sie ankämpfen, haben wir schon verloren. Auch Homosexuelle werden wahrscheinlich niemals ihren Trieb loswerden, doch das was zählt ist der Wille, der ernstliche Versuch, gottgefällig, heiliggemäß zu leben. Gottes Gnade wird den Rest dazutun, den ständig fehlenden Rest, den wir niemals aus eigener Kraft herbeischaffen können.

Doch wenn wir, wie die Anhänger des Abgrundes auf der linken Seite, die Sünde zelebrieren, feiern, mit dem gottgefälligen Verhalten „gleichstellen“ wollen, dann ist das ein immenser Fehler. Und es ist auch kein Ausdruck von Liebe, sondern höchstens von gleichgültiger Apathie gegenüber dem Betroffenen.

Homosexualität (2/5)

Wozu Sünden führen

Das Ergebnis aller Sünden ist allerdings die Entfremdung von Gott, da jede Sünde eine (zumindest implizite) Entscheidung gegen Gottes Willen und zugunsten des eigenen Willens darstellt. Jede Sünde ist in dieser Hinsicht eine Art Vergegenwärtigung des Sündenfalls, bei dem Adam und Eva sich gegen Gott entschieden, indem sie ihm nicht den liebenden Gehorsam entgegenbrachten, den sie Gott schuldeten, sondern lieber – seinem Willen trotzend – von dem Baum aßen, von dem er ihnen zu Essen verboten hatte. Jede Sünde ist eine Abwendung des Sünders von Gott. Lässliche Sünden sind kleinere Abwendungen von Gott, die das Band zwischen Mensch und Gott nicht zerschneiden, sondern nur schwächen. Todsünden sind so schwerwiegende Abwendungen, dass durch ihr Begehen der Sünder das ihn mit Gottes Gnade verbindende Band zerschneidet. Gott ist jedoch bei allen Sünden – auch bei schwersten Todsünden – bereit, den Sünder sofort wieder in seine liebevolle Umarmung aufzunehmen, wenn dieser durch echte Reue (und anschließenden Gebrauch des für diese Zwecke eingesetzten Sakraments) seinen diesbezüglichen Willen deutlich macht.

Verwerflichkeit gelebter Homosexualität

Gelebte Homosexualität, die die Kirche als Sünde ansieht, ist also ebenso wie alle anderen Sünden eine Abwendung von Gott. Warum ist sie das? Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen und ihnen aufgetragen fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Zu diesem Zweck gab er dem Mann und der Frau einander ergänzende Sexualorgane, deren vornehmlicher Zweck in der Erfüllung eben dieses Auftrages zu finden ist. Homosexuelle Akte sind ihrer Natur nach aber grundsätzlich unfruchtbar, steril, nicht fähig neues Leben zu schenken. In dieser Hinsicht bewegt sich gelebte Homosexualität in derselben Kategorie wie künstliche Verhütung und ist aus demselben Grund moralisch falsch: Sowohl gelebte Homosexualität als auch künstliche Verhütung machen dem natürlichen Zweck der Sexualität sozusagen einen großen Strich durch die Rechnung. Doch sich dem Willen Gottes zu widersetzen ist eine Abwendung von Gott, da dieser, allmächtig, allwissend und gütig, das, was wirklich und wahrhaftig gut für uns ist, besser kennt als wir selbst (unser Verstand ist oft vernebelt von kurzlebigen Trieben, Ambitionen und Ablenkungen aller Art). Eine Abwendung von Gott ist aber nichts anderes als Sünde. Sünde trennt den Menschen von Gott. Homosexualität ist, sofern man sie auslebt, sündig, also trennt sie ebenso wie jede andere Sünde auch, den Menschen von Gott. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir sind alle Sünder, wir alle haben Gottes Gnade schon oft durch unser Handeln auf die Probe gestellt. Homosexuelle nehmen hier wiederum keinerlei Sonderstellung ein. Sie verdienen wie jede Gruppe von Menschen, die mit einem schwer zu beherrschenden Drang zu sündhaften Handlungen ausgestattet ist, unser Mitgefühl, unsere Hilfe bei ihrem Kampf gegen ihre eigenen Schwächen.

Falsche Fährten: Krankheit

Ein letztes populäres Missverständnis ist noch, dass die Kirche Homosexualität als Krankheit sehe. Doch auch dies ist nicht der Fall. Ob die Anlage zur Homosexualität genetisch oder anerzogen ist, behandelt werden kann oder so tief im Menschen sitzt, dass eine Behandlung unmöglich ist, all diese Fragen haben absolut nichts mit der Lehre der Kirche zu tun. Die Kirche maßt sich keine besondere psychologische oder medizinische Kompetenz an. Das ist nicht ihre Aufgabe. Früher gingen die meisten Fachleute davon aus, Homosexualität sei eine Krankheit und dachten sich eine Vielzahl von Therapien aus. Heute sehen viele Fachleute dies als den falschen Weg (allerdings bei weitem nicht alle). Doch wie auch immer diese Fachdebatte ausgehen mag, und was auch immer in dieser Frage die Wahrheit sein mag, an der Lehre der Kirche ändert sich dadurch nichts. Das Ausleben homosexueller Triebe ist moralisch falsch. Dies ist eine moralische Wertung, keine psychologische, medizinische oder therapeutische. Und alle Menschen sind dafür verantwortlich wie sie handeln (es sei denn sie unterliegen direktem körperlichem Zwang, was im Falle eines Sexualtriebs nicht der Fall ist, da wir nicht gezwungen sind, dem Sexualtrieb nachzugeben, wenn wir das nicht wollen). Also ist auch der homosexuelle Mensch für sein Handeln verantwortlich, egal wie die Wissenschaft sich die Tatsache erklärt, dass es Menschen mit solchen Anlagen gibt.

Auch hier ist wieder festzustellen, dass die Position der Kirche meist falsch dargestellt worden ist (auch und gerade von Vertretern der Kirche in der Hitze öffentlicher Debatten gerade in einer Zeit, in der man nicht die Möglichkeit bekommt, ausgefeilte, nuancierte Beiträge von einiger Länge zu schreiben, sondern einfach plötzlich irgendeine Frage vorgehalten bekommt, für deren Antwort man maximal eine Minute Zeit hat).

Homosexualität (1/5)

Eine Vorbemerkung

Kurz nach meinem Kirchenbeitritt führte ich ein Gespräch mit einem anderen Gemeindemitglied, in dem es unter anderem auch um die Frage der Homosexualität ging. Ich bekannte mich zur kirchlichen Position der Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität und erntete heftigen Widerspruch, das sei ja diskriminierend und überholt. Die anschließende Diskussion führte zu nichts und das Gespräch endete sehr bald zwar höflich, aber ohne besondere Freundschaftlichkeit.

Das Gespräch motivierte mich dazu, einen Text zu schreiben, der die kirchliche Lehre zur Homosexualität kurz erläuterte, gegen einige populäre Missverständnisse bzw. Vorurteile zu verteidigen suchte, und sich dabei auf einem möglichst allgemeinverständlichen Niveau bewegte. Zudem unternahm ich den Versuch, jegliche Polemik zu vermeiden.

Anlässlich der seltsamen Äußerungen von Kardinal Woelki zu diesem Thema habe ich mich entschlossen, diesen alten Artikel wieder hervorzukramen, ihn zu überarbeiten (wodurch er an Länge zugenommen hat) und hier zu veröffentlichen. Er ist insofern ungewöhnlich für diesen Blog, als ihm – zumindest in der Absicht des Autors – jegliche Polemik oder undiplomatische Ausdrucksweise fehlt. Es ist schlicht der Versuch, das Fingerspitzengefühl aufzuweisen, um das Kardinal Woelki bei seinen Worten wohl bemüht gewesen sein dürfte, allerdings ohne dabei zu seltsamen Äußerungen zu kommen, die einen Bruch mit der kirchlichen Lehre suggerieren.

Einleitung

Kaum eine heutige Diskussion über den katholischen Glauben kommt ohne Debatte über Homosexualität aus. Denn selbst wenn der durchschnittliche Deutsche nichts über den Glauben weiß, so ist ihm doch bekannt, dass die Kirche „gegen Homosexuelle“ ist. Dies ist dem Deutschen in den Medien über Jahre hinweg bei jeder Gelegenheit eingehämmert worden, so dass man an dieser festen Überzeugung wahrlich nicht vorbeikommt. Dabei ist sie voll und ganz falsch, auch wenn dies vermutlich absolut unglaubwürdig klingt. Die Kirche ist nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen gelebte Homosexualität. Und die Gründe dafür mögen dem Durchschnittsbürger zwar schleierhaft sein, doch es gibt sie. Ich möchte in den folgenden Zeilen zwei Ziele erreichen: Dem Leser erstens ein Grundverständnis vermitteln, was die Kirche zu diesem Thema glaubt (und es kann sich nur um ein Grundverständnis handeln, da das Thema mit fast allen anderen sittlichen Fragen zusammenhängt und eine gründliche Behandlung den Rahmen sprengte), und zweitens warum sie das tut.

Um dies effektiv zu ermöglichen ist allerdings ein kurzer Einschub zu der Frage notwendig, was die Kirche alles NICHT glaubt. Denn da gibt es einige falsche Fährten.

Falsche Fährten: Alle Homosexuellen kommen in die Hölle

Oft hört man, die Kirche lehre, alle Homosexuellen kämen in die Hölle. Dies ist jedoch nicht der Fall. Nach katholischer Lehre ist die Tendenz zur Homosexualität weder verwerflich noch sündig. Aufgrund der natürlichen Ordnung der menschlichen Sexualität auf die Fortpflanzung hin (biologischer Zweck des Sexualakts) widerspricht die homosexuelle Ausrichtung allerdings der natürlichen Ordnung. Sie kann also als fehlgeordnet bezeichnet werden (was keine religiöse, sondern eine rein weltliche Einsicht ist). Allerdings können Menschen in der Regel nichts für ihre Anlagen, egal ob sie angeboren, oder im frühen Kindesalter ansozialisiert wurden. Deswegen ist kein Mensch schuldig oder sündhaft, bloß weil er die Anlage zur Homosexualität hat. Um es zu wiederholen: Die Kirche glaubt nicht, dass Menschen mit homosexueller Triebstruktur per se sündig sind.

Und wenn sie schon das nicht glaubt, dann gilt das umso mehr für die Frage, ob Homosexuelle in die Hölle kommen. Eine homosexuelle Triebstruktur ist keine Sünde, weder eine lässliche noch eine Todsünde. Und selbst wenn, dann gäbe es immer noch das Sakrament der Buße, mit dem sich selbst schwerste Todsünden (bei Vorliegen von Reue) tilgen lassen. Die Kirche lehrt zudem, dass niemand die ewige Verdammnis erfährt, ohne dass er (im Nachhinein) das Urteil als gerecht ansieht.

Falsche Fährten: Verfolgung von Homosexuellen

Ein weiterer häufiger Irrtum ist, dass die Kirche für die Verfolgung oder Ausgrenzung von Menschen mit homosexuellen Tendenzen sei. Niemals hat die Kirche gelehrt, dass jemand nur wegen seiner Triebstruktur zu verfolgen sei. Heute legt sie (vollkommen zurecht) großen Wert darauf, dass es weder sündhaft noch strafbar sein sollte, eine bestimmte Triebstruktur zu haben, auch wenn diese (wie im Fall der Homosexualität) aus Gründen der natürlichen Struktur menschlicher Fortpflanzung objektiv fehlgeordnet ist.

Die Verfolgung von Menschen aufgrund irgendwelcher nicht-selbstverschuldeter Eigenschaften ist grundsätzlich sündhaft und kann niemals gerechtfertigt werden. Und eine Ausgrenzung oder Diskriminierung ist zwar nicht grundsätzlich abzulehnen, aber sie bedarf eines sehr guten Sachgrundes.

Falsche Fährten: Genetik und Sozialisation

Ein dritter Irrtum ist, dass die Lehre der Kirche voraussetzt, dass Homosexualität nicht angeboren ist. Es wird behauptet, wenn Homosexualität genetisch veranlagt sei, dann müsse es in Ordnung sein sie auszuleben. Doch ist die Frage der Ursache von Homosexualität, so wichtig sie für den konkreten Umgang mit der Anlage für die Betroffenen und ihr Umfeld sein mag, für die Frage nach der rein moralischen Bewertung irrelevant. Denn die Ausübung fehlgeordneter Antriebe ist grundsätzlich moralisch verwerflich, unabhängig davon, woher sie auch stammen mögen. Ob angeboren oder nicht, das Ausleben eines fehlgeordneten Triebes ist moralisch nicht zulässig.

Falsche Fährten: Sonderstellung der Homosexualität

Ein vierter Irrtum in der öffentlichen Meinung über die Lehre der Kirche ist, dass die Kirche Homosexuelle „ausgucke“ oder dergleichen. Doch auch dies ist absolut nicht der Fall. Gelebte Homosexualität ist nach der Lehre der Kirche moralisch falsch, und kann, da es sich um eine wichtige Sache handelt (menschliche Fortpflanzung und Sexualität sind für den Fortbestand der Spezies entscheidend, und daher enorm wichtig), das Niveau der Todsünde erreichen, wenn sie wissentlich und willentlich ausgelebt wird. Doch exakt dasselbe gilt auch für alle anderen sündhaften Tätigkeiten in wichtigen Sachen. Homosexuelle sitzen in demselben Boot wie wir alle. Wir alle haben einige Triebe und Wünsche, die nicht vereinbar mit der von Gott gegebenen moralischen Lehre sind, und wir alle machen uns einer Sünde schuldig, wenn wir diese Triebe und Wünsche ausleben. Die Sünde gelebter Homosexualität ist dabei in keiner Weise besonders herauszuheben. (Man muss immer die Sünden betonen, für die das Bewusstsein in der Gesellschaft gerade fehlt, damit dieses Bewusstsein erwacht, und so eine Umkehr der Menschen möglich wird. Heute, in Zeiten der „Normalisierung“ aller möglichen fehlgeordneten Triebstrukturen, ist dies eben die Homosexualität. Dies ist aber kein besonderes Merkmal der Homosexualität, sondern ein besonderes Merkmal unserer Zeit.) Sie ist in dem hier verfolgten Zusammenhang eine Sünde wie jede andere auch.

Grüne für Geschlechtertrennung an Schulen?

Die Schulministerin von NRW, Sylvia Löhrmann von der Wassermelonenpartei (außen grün, innen rot…) hat jetzt an dieser Stelle einmal ein Lob verdient. Der Leser mag sich die Augen reiben. Der erzkonservative Catocon lobt eine grüne Schulministerin? Man mag es wirklich kaum glauben. Doch Wunder gibt es bekanntlich immer wieder, auch wenn moderne Theologen das oft nicht mehr einsehen können. Was ist geschehen?

Das Presseorgan der Dunkelkatholiken, kath.net, schreibt unter Berufung auf die WELT:

Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen (NRW), Sylvia Löhrmann (Grüne), fordert geschlechtergetrennten Unterricht in manchen Fächern. Das meldet die „Welt“.
In Naturwissenschaften, Mathematik oder Informatik könne dies sinnvoll und förderlich sein, wie Studien zeigten: Schülerinnen entwickelten sich in Mädchengruppen in diesen Fächern besser. Es gehe darum, dem „unterschiedlichen Zugang von Jungen und Mädchen zum Lernen gerecht zu werden“, sagte die Grünen-Politikerin.“

Ja, da erkennt eine Politikerin der Genderpartei real existierende Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen an! Natürlich lernen Mädchen, gerade in einem bestimmten Alter, besser mit anderen Mädchen, und Jungen mit anderen Jungen. Zudem haben Mädchen und Jungen im Durchschnitt unterschiedliche Begabungen, was eine gesunde Schulpolitik, wie die Ministerin richtig sagt, berücksichtigt werden muss:

„Lehrkräfte müssen darauf vorbereitet werden, dass Mädchen einen anderen Zugang brauchen, um anzubeißen“, sagte Löhrmann. Mädchen bräuchten in der Naturwissenschaft eher einen Anwendungsbezug, müssten wissen, wofür sie es konkret brauchen könnten, während viele Jungen Technik an sich fasziniere.

Wie richtig! Es deckt sich nicht nur mit meiner eigenen Erfahrung, sondern auch mit dem gesunden Menschenverstand und einer realistischen Einschätzung der geschlechtlichen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau, die auch in einem christlichen Menschenbild einen wichtigen Platz genießt. Natürlich könnte man an dieser Stelle kritisieren, dass sie weiterhin nur auf den Lernerfolg von Mädchen konzentriert ist, und die gerechtfertigten Belange von Jungen vollkommen ignoriert werden, doch wir wollen an dieser Stelle wohlwollend über Schwächen hinwegsehen, die kaum vermeidlich sind, wenn man von ganz weit her, von weitab des christlichen Menschenbildes, kommt. Doch einen Moment noch! Frau Löhrmann hat sogar hier Einsicht:

„Bei der Leseförderung könnten wiederum Jungen von getrennten Lerngruppen profitieren, wenn Bücher ausgewählt werden, die sie mehr ansprechen.“

Selbst dieser eine Kritikpunkt, den man sonst den seltenen vernünftigen Äußerungen zu Geschlechterfragen bei den Grünen immer noch anzuhängen vermag, die feministische Zentriertheit auf Mädchen, trifft Frau Löhrmanns Worte nicht.

Wenn man das liest, traut man seinen Augen nicht. Ist das eine Ente? Oder hat die grüne Schulministerin das tatsächlich gesagt?

Ein großes Lob für diese klaren Worte von Frau Löhrmann. Es wäre zu hoffen, dass diese mutige Initiative, die sicher seitens der radikalen Feministen auf harsche Kritik stoßen wird, auch umgesetzt wird, und daher Schüler nordrhein-westfälischer Schulen bald in den Genuß dieser neuen Regelung kommen werden. Immerhin wäre das eine gute Entscheidung im Ozean einer sonst immer hoffnungslos angestaubten egalitär-sozialistischen Bildungspolitik der rot-grünen Landesregierung.

Und was sagen die Anhänger eines christlichen Menschenbildes dazu? Nun, der Bundesvorsitzende der Schüler-Union hat sich dazu geäußert. Kath.net schreibt:

„Eine Geschlechtertrennung gehörte vor hundert Jahren zur Schulpolitik, heute ist unsere Gesellschaft schon deutlich weiter“, erklärt Bundesvorsitzender Lutz Kiesewetter die Haltung der Schüler Union in einer Aussendung, und nannte den Vorschlag eine „absurde Idee“.

Na toll! Wie immer ist die „C“DU treu auf Linie orthodoxen Alice-Schwarzer-Feminismus, und überholt jetzt die Grünen noch hinsichtlich des Egalitarismus links. In der Tat ist die Geschlechtertrennung Schulpolitik von vor 100 Jahren, die durch das Aufkommen des Feminismus und den scheinbar endgültigen Sieg des radikalen Egalitarismus seit Jahrzehnten erledigt schien.

Jetzt entdeckt die grüne Schulministerin den Wert dieser durch und durch konservativen Idee wieder, und die CDU hat nichts besseres zu tun, als der Regierung in den Rücken zu fallen, weil die Grünen nicht progressiv genug sind?

Angela Merkel jubelt, während Konrad Adenauer sich wieder einmal im Grab umdreht, wie schon so oft seit seine Partei von rückgratlosen Karrierefanatikern vollkommen unwählbar gemacht worden ist. Das Argument lautet dann immer, man solle die CDU wählen, weil sie das kleinere Übel sei.

Doch wenn das so weiter geht, dann ist sie auch nicht einmal mehr das kleinere Übel, sondern einfach das linientreue Organ der antichristlichen Eliten, verglichen mit der sich sogar hartlinke Feministinnen wie Sylvia Löhrmann noch fast konservativ-traditionell ausnehmen.

Wie gesagt, ein Lob für Sylvia Löhrmann. Und, wie inzwischen üblich, ein Armutszeugnis für die selbsternannten Verteidiger eines „christlichen“ Menschenbiles.

Die Homo-Ehe als Vorbote der Verfolgung

Man kann derzeit den deutschen Medien entnehmen, dass US-Präsident Barack Obama seine Meinung zur „Homo-Ehe“ geändert habe und diese nun unterstütze. Dies trifft auch auf die offizielle Position des Präsidenten zu – bisher hatte er immer die Auffassung vertreten, die Ehe sei zwischen Mann und Frau zu belassen. Doch ist die Rede von Obamas Gesinnungswandel hinsichtlich seines realen Verhaltens vollkommen irreführend. Schon 2008 hatte Obama sich gegen ein Referendum im Staate Kalifornien ausgesprochen, durch das die angeblich auch von Obama geteilte Haltung zur Frage der Homo-Ehe, in der Verfassung verankert werden sollte. Später, während seiner Amtszeit als Präsident, setzte er sich immer wieder für die Förderung der Anliegen der Homolobby ein. Noch vor wenigen Wochen sprach er sich gegen ein weiteres Referendum aus, diesmal im Bundesstaat North Carolina, das den Schutz der Ehe in der Verfassung verankert hätte.

Jetzt hat er also auch offiziell bestätigt, was jeder vorher schon wusste. Obama befürwortet den Abbau, nein sogar die Zerstörung, des christlichen Glaubens und aller Spuren christlicher Ethik. Er befürwortet nicht nur ein unbegrenztes Recht auf die Tötung von Kindern im Mutterleib, sondern geht noch weiter. Selbst das Verbot der Tötung geborener Kinder infolge fehlgeschlagener Abtreibungen, das in vielen US-Bundesstaaten vor einigen Jahren verabschiedet wurde, fand nicht die Zustimmung jenes antichristlichsten Präsidenten, den die USA jemals hatten. Zu seiner Zeit im Senat von Illinois stimmte er nicht nur gegen den „Born Alive Infants Protection Act“, sondern sprach vehement gegen dieses Gesetz im Senat von Illinois. Ein ähnliches Gesetz verabschiedete der US-Senat mit Zustimmung selbst der radikalsten anderen Abtreibungsbefürworter einstimmig. Doch Obama – damals noch in der Landespolitik – war vehement dagegen.

Obama befürwortet die staatliche Förderung von Abtreibungen – sie sind, wenn auch auf der politischen Opportunität geschuldeten Umwegen, in Obamas Krankenversicherungsgesetz inbegriffen. Obamas Kampf gegen die Freiheit der Kirche ist zwar in Deutschland weitgehend medial ignoriert worden, doch deswegen nicht weniger intensiv.

Die Liste könnte noch lange weitergeführt werden, doch Obamas gesellschaftspolitisches Streben ist von scharfer Feindschaft gegen die katholische Kirche und die anderen christlichen Gemeinschaften geprägt, selbst wenn er sich selbst als Christen bezeichnet. Doch was Obama unter Christentum versteht, kann jeder für sich herausfinden, wenn er sich die vom unheiligen Geist erleuchtete rassistische Hetzpropaganda eines Jeremiah Wright anhört. Obamas Familie lauschte über Jahre andächtig diesen Predigten. Erst als das im Jahr 2008 politisch problematisch für Obamas Wahlchancen wurde, distanzierte er sich in einem polittaktischen Manöver von Wright.

Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass ein Präsident, der sich in einem heftigen Kulturkampf gegen jegliche Form des authentisch Christlichen befindet, auch die sogenannte Homo-Ehe unterstützt.

Zugleich hat sich das Volk von North Carolina mit etwa 61% der Stimmen zugunsten der vorgeschlagenen Verfassungsänderung ausgesprochen, durch die die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau definiert wird. Sie haben den progressistischen Sozialingenieuren damit erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Doch bei einem staatlichen oder staatlich kontrollierten Schulwesen, wie es auch in den USA mehr und mehr üblich wird, ist die Umerziehung der nächsten Generation ja immer möglich. In zehn bis zwanzig Jahren wird Kritik an der „Homo-Ehe“ genauso unmöglich erscheinen wie heute Kritik an der Verhütungsmentalität, die ja selbst Konservative längst als wunderbaren Fortschritt akzeptiert haben. Die Zerstörer des christlichen Glaubens und die Streiter gegen das natürliche Sittengesetz gehen immer in Etappen vor. Zu jeder beliebigen Einzelfrage – ob Abtreibung, Homo-Ehe, Scheidung, Verhütung und was auch immer – äußern sie sich zuerst sehr negativ, dann zurückhaltend, dann abwartend, dann als ob es selbstverständlich wäre, und am Ende wird die Äußerung der „traditionellen“ Position gesellschaftlich oder gar strafrechtlich sanktioniert. Dieser Verlauf wird hier sehr treffend beschrieben:

Stage 1: “Oh please. Only a far-right-wing nutjob would make such a paranoid and ridiculous accusation – I suppose next you’ll accuse us of wanting to poison your precious bodily fluids!” [Bitte. Nur ein rechtsextremistischer Spinner würde mir einen solch paranoiden und lächerlichen Vorwurf machen – ich vermute, Sie werden uns als nächstes beschuldigen, dass wir Ihre Körperflüssigkeiten trinken wollen!]

Stage 2: “Well, I wouldn’t go as far as X. All the same, it’s good to be open-minded about these things. I mean, people used to think ending slavery was a crazy idea too…”

[„Nun ja, ich würde nicht so weit gehen wie X. Dennoch sollte man für diese Dinge offen sein. Ich meine, die Leute dachten ja auch, die Abschaffung der Sklaverei sei eine verrückte Idee…“]

Stage 3: “Hey, the Europeans have had X for years and the sky hasn’t fallen. But no, I admit that this backward country probably isn’t ready for X yet.”

[„Hey, die Europäer haben X schon seit Jahren und die Welt ist nicht untergegangen. Aber nein, ich gebe zu, dieses rückständige Land ist für X noch nicht bereit.“]

Stage 4: “Of course I’m in favor of X – it’s in the Constitution! Only a far-right-wing nutjob could possibly oppose it.”

[„Natürlich bin ich für X – es steht in der Verfassung! Nur ein rechtsextremistischer Spinner könnte überhaupt dagegen sein.“]

Stage 5: “You have the right to remain silent. Anything you say can be used against you in a court of law…”

[Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden…]

Ebenso sind heute die amerikanischen Konservativen gegen die Homo-Ehe. Doch auch hier kann man dieselben fünf Stufen beobachten. Sie verlaufen meist so – ebenfalls in dem oben verlinkten Artikel beschrieben.

Stage 1: “Mark my words: if the extreme left had its way, they’d foist X upon us! These nutjobs must be opposed at all costs.”

(„Merken Sie sich das: Wenn die extreme Linke sich durchsetzte, würden sie uns X aufzwingen. Diese Verrückten müssen um jeden Preis bekämpft werden.“)

Stage 2: “Omigosh, now even thoughtful, mainstream liberals favor X! Fortunately, it’s political suicide.”

(„Oh mein Gott, inzwischen sind selbst nachdenkliche, angesehene Liberale [in den USA gleichbedeutend mit „Linke, Anm. von Catocon] für X. Glücklicherweise ist das politischer Selbstmord.)

Stage 3: “X now exists in 45 out of 50 states. Fellow conservatives, we need to learn how to adjust to this grim new reality.”

(„X gibt es jetzt in 45 von 50 Staaten. Meine konservativen Freunde, wir müssen lernen, wie wir mit dieser harten neuen Realität umzugehen.“)

Stage 4: “X isn’t so bad, really, when you think about it. And you know, sometimes change is good. Consider slavery…”

(„X ist wirklich nicht so schlimm, wenn man darüber nachdenkt. Und, wissen Sie, manchmal ist Veränderung gut, wie bei der Sklaverei…“)

Stage 5: “Hey, I was always in favor of X! You must have me confused with a [paleocon, theocon, Bible thumper, etc.]. But everyone knows that mainstream conservatism has nothing to do with those nutjobs…”

(Hey, ich war immer für X! Sie müssen mich mit einem [Traditionalisten, Anhänger eines Gottesstaates, radikalen Bibelklopfer usw.] verwechseln. Aber jeder weiß, dass angesehen Konservative mit diesen Verrückten nichts zu tun haben…“)

Diese zwei Fünfstufenprogramme klappen immer. Graduell verwandeln sich die beiden akzeptablen gesellschaftlichen Positionen und sie verschieben sich immer weiter nach Links, hin zur Auflösung traditioneller, gewachsener Strukturen, besonders wenn es sich um christliche Strukturen handelt. Die Säure der Moderne frisst sich durch das gesellschaftliche Gewebe immer weiter durch, bis nichts mehr übrig ist, oder das halb aufgelöste Gewebe reißt. Und „Konservative“ können und wollen nichts dagegen tun, weil sie bloß bewahren.

Die Progressiven machen Fehler, und die Konservativen verhindern, dass sie korrigiert werden. Diese Einsicht hatte schon Chesterton.

Im November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Obama hat sich als entschlossener Gegner des Christentums und des Naturrechts längst etabliert. Sein wahrscheinlicher Herausforderer, der Mormone Mitt Romney, steht den Finanzkapitalisten sehr nahe und gilt ansonsten als inhaltlich unendlich flexibel. Bis vor wenigen Jahren erklärte Romney öffentlich, er sei für das Recht auf Abtreibung, und er unterstützte auch sonst jede progressivistische Haltung, die man nur haben kann. Seit er republikanischer Präsidentschaftskandidat geworden ist, gibt er sich plötzlich als Konservativer aus.

Natürlich ist Romney nicht konservativ, sondern bloß ein Freund des Großkapitals. Deshalb wird er auch große Schwierigkeiten haben, die republikanische Basis, besonders in entscheidenden Bundesstaaten wie Ohio, Pennsylvania, Florida, Virginia und North Carolina, die allesamt gesellschaftspolitisch eher konservativ ausgerichtet sind, obwohl sie 2008 für Obama gestimmt haben, zu mobilisieren. Und die politische Mitte wird ein uncharismatischer Managertyp mit großer Affinität zu den Finanzhaien von der Wall Street sicher nicht anziehen.

Vier weitere Jahre für Obama sind also der derzeit wahrscheinlichste Ausgang. Und wenn Obama sich nicht mehr um die Wiederwahl sorgen muss, wird es mit der Hatz auf die christliche Sittlichkeit und den christlichen Glauben erst so richtig losgehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die amerikanischen Christen sich nicht in vorauseilendem Gehorsam selbst zum Schweigen bringen werden, wie es ihre europäischen Glaubensgenossen weitgehend getan haben.