Der Utilitarismus und seine Folgen

Einen sehr langen und interessanten Kommentar zu diesem Artikel habe ich erhalten, den ich der breiteren Leserschaft nicht vorenthalten möchte, da er ganz wichtige Punkte enthält, über die ich ohnehin noch schreiben wollte. Ich teile den Kommentar in einige Abschnitte, auf die ich dann eine Antwort gebe (es empfiehlt sich als Kontext den Artikel und die dazu bereits ausgetauschten Kommentare zu lesen):

Nochmal Utilitarismus vs deontologische Ethik(en): Vielleicht können wir uns ja doch evtl. darauf einigen, dass die Dinge nicht einfach, sondern komplex sind? – Zum Beispiel kann man im Rahmen einer utilitaristischen Argumentation zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Während der eine bereit ist, anderes Leben zu opfern zum Wohl eines “wertvolleren” Lebens, kann ein anderer, ebenfalls utiltaristisch Argumentierender eben gerade dieses “wertvollere Leben” als nicht so wertvoll ansehen und dann anders entscheiden.

Genau das ist beim Utilitarismus richtig. Moral wird zu einer Frage persönlicher Präferenzen. Ich persönlich finde die Folge x gerade noch akzeptabel, weil etwas weniger schlecht als Folge y, und du siehst es umgekehrt. Moral ist im Utilitarismus letztlich notwendigerweise relativ, weil es keine allgemein akzeptable Präferenzordnung geben kann. Nutzen und Folgen sind irreduzibel und komplex. Zudem kann man die Folgen einer Handlung in realen Situationen einfach nicht verlässlich absehen. Als Grundlage einer Ethik eignen sie sich damit nicht. Wie gesagt, ich möchte damit gar nicht leugnen, dass man die Folgen einer Handlung betrachten muss, um in konkreten Situationen zu richtigen ethischen Urteilen zu kommen. Doch die Folgenbetrachtung nimmt den ihr angemessenen Platz in der ethischen Reflektion erst dann ein, wenn sie sich der vorgängigen Untersuchung der Frage, welche Arten von Handlungen denn niemals zulässig sein können, unterordnet. Beim intrinsischen Übel endet die Folgenbetrachtung, weil man sonst auch Judas freisprechen müsste: Immerhin hat er durch seinen Verrat wesentlich dazu beigetragen, dass Christus gekreuzigt wurde, auferstehen konnte und die Menschen von ihren Sünden erlöst. Judas ist der Schutzpatron des Utilitarismus.

Bei solchen Fallbeispielen, die ja in der Theorie immer eine argumentative Rolle spielen, muss man bedenken, dass sie eben nicht wirklich “praktisch” sind (nicht eine reale Lebenssituation darstellen), sondern künstlich zum Zweck der Klärung einer Position aufgestellt werden. Was ich damit sagen will, ist, dass in einer realen Situation eben situationsbezogen überlegt und gehandelt werden sollte – und das kann man im vorhinein eben nicht für alle Fälle theoretisch “festklopfen”.

Selbstverständlich sind Fallbeispiele immer problematisch. Der Verzicht auf Fallbeispiele ist besonders problematisch für den Utilitaristen, der nämlich allein im theoretischen Elfenbeinturm die Folgen seines Handelns zuverlässig ermessen kann. In der Realität stützt er seine Ethik auf oft falsche, immer aber zweifelhafte Folgenerwartungen. Die reale Komplexität menschlichen Nutzens und wirklicher Folgen verunmöglicht die Findung korrekter ethischer Urteile nach utilitaristischem Maßstab. Er scheitert bereits an den immanenten Forderungen seiner eigenen Theorie. Naturrechtliche Ethik hat dieses Problem nicht in demselben Maße. In ihr ist nämlich durchaus Platz für eine gewisse Flexibilität in konkreten Handlungen (99,9% der möglichen Handlungen sind eben nicht intrinisch falsch, so dass die Umstände durchaus wichtig für ihre moralische Beurteilung sind). Deontologische Ethiken im Gefolge Kants tendieren tatsächlich zum moralischen Rigorismus, weshalb ich sie auch nicht für den richtigen Weg halte. Doch die naturrechtliche Ethik ist nicht rigoristisch – sie hält allerdings trotzdem an der Notwendigkeit absoluter moralischer Prinzipien fest, die, in ihrer christlichen Version, als Gegebenheiten der göttlichen Schöpfungsordnung angesehen werden.

Natürlich fände ich es auch absolut unangebracht, wenn ein Seelsorger aus “Barmherzigkeit” einer vergewaltigten Frau empfehlen würde, ihr Kind abzutreiben. Aber ebenso unangebracht wäre es (das sagst Du ja selbst!), ihr in dieser Situation die “kalten” Prinzipien der Moral an den Kopf zu werfen – das wäre ziemlich lieblos. Ich plädiere dafür, in diesen Situationen mit Verständnis nach einem gangbaren Weg zu suchen – wie immer er aussehen sollte. Und Falls die Frau sich für eine Abtreibung entscheiden sollte, dann steht es uns eben nicht zu, sie moralisch zu verurteilen; denn Du kennst ja das Diktum Jesu aus der Bergpredigt: “Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!” – Wer weiß schon, in welche Situation e r s e l b s t geraten kann und wie er dann evtl. den Moralgesetzen zuwiderhandelt …?

 Die wahren Prinzipien müssen der betroffenen Frau sanft beigebracht werden. Ihr muss jegliche Hilfe, jegliche Unterstützung angeboten werden, zu der man überhaupt fähig ist. Doch es wäre falsch, so zu tun, als ob die Abtreibung nicht immer noch ein intrinsisches Übel bliebe. Aus „Barmherzigkeit“ von der Verurteilung vorsätzlicher Tötungshandlungen gegen Unschuldige abzusehen, ist genauso absurd, wie aus „Barmherzigkeit“ eine solche Tötung zu empfehlen oder sie selbst durchzuführen. Nein, wahre Barmherzigkeit geht nicht auf Kosten des Lebens der Unschuldigen. Wahre Barmherzigkeit rettet an erster Stelle das Leben der Unschuldigen. Und wenn man Jesus zitiert, dann sollte man auch bedenken, dass das Gericht, von dem Jesus spricht, nicht die Jury der Moralphilosophen ist, sondern das göttliche Gericht, vor dem alle Menschen sich verantworten müssen. Jesus hat es mit der Ehebrecherin vorbildlich vorgemacht: Die Leute wollten sie steinigen. Er hat praktisch gesagt, man solle nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt. Aber er hat der Frau auch klar gesagt, sie solle nicht nur einfach gehen, sondern gehen und nicht mehr sündigen. Barmherzigkeit bedeutet nicht das Leugnen der Sünden, und „nicht richten“ hat nichts mit moralischer Blindheit oder Schweigen im Angesicht des Bösen zu tun, auch dann nicht, wenn die böse Handlung von einer Vergewaltigten ausgeht, die ihr Kind töten will.

Ich selbst würde dringend wollen, dass mir jemand mitteilt, wenn ich gegen das moralische Gesetz handle. Wie sollte ich sonst meine Sünden bereuen, wenn man sie mir aus „Barmherzigkeit“ verschwiege? Wahrheit und Barmherzigkeit können nicht getrennt werden. Wenn Abtreibung wirklich vorsätzliche Tötung eines Unschuldigen ist, dann ist es nicht angemessen, aus „Barmherzigkeit“ diese Tatsache zu ignorieren.

 Also eine Empfehlung an Dich (wenn ich mir das mal so erlauben darf …): Konsequente Moral als Richtschnur und Orientierung für das Leben ist unverzichtbar – und zugleich gehört in ein gelingendes Leben auch eine Herzensmilde, die Menschen in ihrer Schwachheit wahrnimmt und sie dennoch auch liebevoll annimmt. Wie das dann im einzelnen aussieht, das kann man eben nicht im vorhinein festlegen (s.o.)!

Selbstverständlichkeit gehört die Annahme der Menschen in ihrer Schwachheit dazu. Doch das bedeutet nicht, die Schwachheit nicht mehr zu benennen oder zu verschweigen. Wenn eine Frau aus Schwäche ihr Kind töten will, muss man zwei Dinge tun: Erstens, vermeiden, dass die Frau die Tötung wirklich begeht, und zweitens, die Gründe ihrer Schwachheit (in diesem Fall, die Vergewaltigung) so sanft und liebevoll wie möglich mit ihr zu besprechen und ihr bei der Überwindung ihres psychischen Notzustandes zu helfen. Wie man das konkret anstellt, kann man tatsächlich nicht im Vorhinein festlegen. Doch man kann durchaus sagen, dass es eine Weise gibt, auf die man es niemals konkret anstellen kann, nämlich, indem man die Tötung einfach zulässt und so tut, als ob sie gar keine vorsätzliche Tötung gewesen wäre. Eine Frau, die nach Vergewaltigung abtreibt, hat sicherlich eine geringere Schuld, als eine Frau, die aus nichtigen Gründen der Bequemlichkeit abtreibt. Doch die Schuld, wenn auch verringert, bleibt bestehen, und die Sünde ist objektiv dieselbe.

Zum Utilitarismus noch ein Wort und ein Denk-Beispiel: Wenn es absolut verboten ist, menschliches Leben zu töten, dann ist es auch klar verboten, ein entführtes Passiergierflugzeug abzuschießen, wenn es ganz offensichtlich auf ein Atomkraftwerd zufliegt – so ist ja auch die Rechtsprechung des BVG. Und nun: Wenn die Entführer klar gesagt haben, sie würden das Flugzeug in das AKW stürzen und wenn ebenso klar ist, dass damit hunderttausende Menschen in der nahe gelegenen Großstadt dadurch ums Leben kommen, und wenn dann genau das passiert, weil das Flugzeug (moralisch korrekt!) n i c h t abgeschossen wurde – glaubst Du, der Verantwortliche (Innen- oder Verteidigungsminister, Bundeskanzler, General oder wer auch immer) kann dann noch ruhig schlafen, weil er ja ein prima Gewissen haben müsste: “Ich habe moralisch einwandfrei gehandelt, mir kann keiner was vorwerfen!” Glaubst Du wirklich, dass er nicht denken würde: “ich hätte diese grausame Katstrophe verhindern können, wenn ich dieses Flugzeug hätte abschießen lassen, auch wenn dadurch einige hundert unschuldige Menschen geopfert worden wären”. Glaubst Du nicht, dass diese Bürde ihn sein Leben lang verfolgen würde? – Ich sage dies nur aus einem einzigen Grund: Das “wirkliche Leben” kann uns tatsächlich in äußerste moralische Bedrängnis bringen – und ich jedenfalls würde diesen Verteidigungsminister sehr gut verstehen, wenn er das Flugzeug hätte abschießen lassen, auch wenn er im vorhinein natürlich nicht hätte wissen können, ob es nicht doch auch eine andere Lösung gegeben hätte, die Katastrophe zu verhindern (vielleicht hätten ja einige Passagiere die Entführer noch im letzten Moment überwältigt, wie damals bei dem einen Flugzeug in USA 2001).

Ach ja, da ist es wieder, das Fallbeispiel! Ja, ich stimme dem Gericht zu, dass es unzulässig wäre, ein Gesetz zu verabschieden, nach dem die Tötung von Menschen gerechtfertigt werden könnte, um ein (angeblich) größeres Übel zu verhindern. Menschenleben dürfen nicht gegen Menschenleben aufgerechnet werden. Wenn ein konkreter Entscheidungsträger vor diese Situation gestellt wird, dann wird er eine Entscheidung treffen müssen, mit der er leben kann. Entschließt er sich zum Abschuss des Passagierflugzeugs, so muss er damit leben, dass er viele Menschen getötet hat, um viele Menschen zu retten. Er könnte sich strafrechtlich auf etwas berufen, was man übergesetzlichen Notstand nennt. Es gibt Fälle, für die das Gesetz nicht gemacht ist, und für die kein Gesetz gemacht werden kann. Der Entscheidungsträger muss die Verantwortung selbst übernehmen, und zwar nicht nur die politische, sondern auch die moralische. Ich weiß nicht, ob ich selbst noch schlafen könnte, egal wie ich mich entscheiden würde. Aber in letzter Konsequenz, wenn Leben gegen Leben steht – und nicht, wie bei der Vergewaltigung, Leben gegen psychischen Schmerz – haben wir eine andere Situation. So hat die Kirche Abtreibung immer grundsätzlich und ohne Ausnahme abgelehnt, auch bei Lebensgefahr für die Mutter. Und dennoch ist es nach ihrer Lehre zulässig, eine Operation zur Lebensrettung der Mutter zu unternehmen, bei der als Nebenfolge (nicht als beabsichtige Folge) das Kind stirbt. Die Tötung des Kindes darf nicht intendiert sein, aber wenn sie bei der Lebensrettung als Nebenfolge passiert, ist das durchaus zulässig. Ähnlich würde ich den Fall mit dem Flugzeug sehen, das auf ein AKW zusteuert. Wenn der Entscheidungsträger die Rettung des AKW befiehlt, und als Nebenfolge dieser Rettung das Flugzeug abgeschossen wird, dann wäre es zulässig, wenn es auch immer noch schlaflose Nächte bereiten würde. Hier haben wir einen Fall der Anwendung moralischer Prinzipien. Man darf und muss in der Anwendung flexibel sein, aber nicht, wenn dies den Bruch mit dem moralischen Gesetz bedeutet. In letzter Konsequenz darf man nicht Böses intendieren, um Gutes damit zu erreichen.

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Erziehung als Kulturkampf (Teil 4/4)

Es folgt der vierte und letzte Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Hier geht es zum ersten, zweiten und dritten Teil.

10. Bildung als Formung der Person

Erziehung ist mehr als Betreuung, und jetzt, in einem nächsten Schritt, sehen wir, dass Bildung wiederum noch mehr ist als Erziehung. Bildung basiert auf Erziehung. Erziehung initiiert das Kind in eine kulturell-kultische Ganzheit; Bildung „bildet“, also „formt“ den Menschen, und ganz besonders seinen Geist. Natürlich gehört dazu auch das Lernen von „Kompetenzen“ und „Wissen“, doch liegt hier nicht der eigentliche Mittelpunkt von Bildung. Bildung ist die Formung der vom Erzieher geführten Persönlichkeit. Der Erzieher führt das Kind zu dem gewünschten geistigen Ort, und dabei wird dieses Kind durch Bildung geformt. Erziehung und Bildung lassen sich also überhaupt nicht trennen. Jeder Akt der Bildung ist immer auch ein Akt der Erziehung. Und weil Erziehung niemals moralisch und religiös neutral ist, ist auch Bildung niemals moralisch und religiös neutral. Deswegen kann es auch keine staatliche Bildung in der pluralistischen Gesellschaft geben, ohne dass dadurch wieder der erwähnte Kulturkampf aufbricht.

11. Folgerungen

Damit sehen wir, dass die pluralistische Gesellschaft, die nach den jungen Kindern greift, die noch nicht in die Schule gehen, die Initiation dieser Kinder in eine relativistische Situation durchführt, die mit der katholischen Situation inkompatibel ist. Der Katholik kann daher seine Kinder keiner staatlichen oder staatlich kontrollierten „Betreuung“ anvertrauen, weil besagte Betreuung immer Erziehung ist, und speziell relativistische Erziehung.

Doch wir sehen ferner, dass dasselbe auch für staatliche Bildung, wie sind an Schulen angeboten wird, gilt. Der Katholik kann aus denselben Gründen auch nicht akzeptieren, dass seine Kinder an staatlichen Schulen gebildet werden, also eine Formung von Geist und Charakter erhalten, die selbst wieder relativistische Züge trägt, weil sie nicht anders kann, als auch erzieherisch wirksam zu sein.

Als Katholiken müssen wir daher prinzipiell staatliche Bildung, die sich „wertneutral“ oder „religiös neutral“ darstellt, ablehnen, weil sie Initiation in eine falsche Kult-Kultur-Ganzheit ist, damit einer Apostasie vom wahren Glauben Vorschub leistet, und dadurch die Seelen unserer Kinder in die ernstliche Gefahr des ewigen Todes bringt.

Als Alternativen bleiben kirchliche und private Schulen, sofern ihre erzieherische Initiationsrichtung zumindest weitgehend kompatibel mit der Katholischen ist, und, in dem freien Teil der Erde, selbstverständlich auch der Heimunterricht, der in unfreien Staaten wie Deutschland selbstredend verfolgt wird, weil der Staat keine „Parallelgesellschaften“, also keine nicht-relativistischen Kulturganzheiten neben sich dulden kann – was für Totalitarismen aller politischen Richtungen sehr typisch ist. Der Katholik muss versuchen, eine schulische Nische zu finden, in der die Initiationsrichtung nicht zu weit vom Katholizismus entfernt ist. In einem Land, in dem die natürlichen elterlichen Freiheiten so stark beschnitten worden sind, wie in Deutschland, stellt schon das eine schwere Aufgabe dar, doch sie ist noch nicht unlösbar. Es gibt immer noch gute Schulen, wenn sie auch selten sind.

Für die vorschulische Zeit ist jedoch, von genuinen Notsituationen abgesehen (und einmal keinen Urlaub machen zu können, zählt nicht als Notsituation!), von einer „Betreuung“ außerhalb des Elternhauses generell abzuraten. Die Schaffung des tiefen Vertrauens, die, wie wir gesehen haben, eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Erziehung und Bildung ist, hat in den ersten Lebensjahren unbedingten Vorrang. Dies muss geleistet sein, bevor das Kind ins Schulalter kommt, und dies können nur die Eltern des Kindes leisten, besonders die Mutter, die das Kind eben nicht der Selbstverwirklichung wegen verlassen sollte.

Die hier für den Katholiken dargelegten Erwägungen treffen natürlich auch für den Anhänger einer anderen wahrheitsfähigen Religion zu, also für alle ernsthaften Christen, Moslems und (orthodoxen) Juden.

12. Schlussbemerkung: Erziehung zum Seelenheil

Die aktuelle Debatte um die Erziehung von Kindern in Kitas ist daher ein weiterer schwerwiegender Angriff auf die katholische Religion der Kinder katholischer Eltern, und aller anderen, die von ihrer Religion ernsthaft überzeugt sind, und daher ein weiterer widerwärtiger Akt im Kulturkampf, den die relativistischen Eliten gegen die westliche Kultur von Athen, Rom und Jerusalem führen.

Die Forderung nach einer Kitapflicht oder einer Kindergartenpflicht ist als Angriff auf die wahre Religion katholischer Kinder zugleich auch ein schwerwiegender Angriff auf das Seelenheil katholischer Kinder. Und wir wissen, woher Angriffe dieser Art in letzter Konsequenz kommen, und wie wir ihnen begegnen können.

Sancte Michael Archangele,
defende nos in proelio;
contra nequitiam et insidias diaboli esto praesidium.
Imperet illi Deus, supplices deprecamur:
tuque, Princeps militiae Caelestis,
satanam aliosque spiritus malignos,
qui ad perditionem animarum pervagantur in mundo,
divina virtute in infernum detrude.
Amen.

Erziehung als Kulturkampf (Teil 3/4)

Es folgt der dritte Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Hier geht es zum ersten und zweiten Teil.

7. Folgen staatlicher Kindererziehung

Was passiert nun, wenn ein Staat nach den Kindern greift? Da es keine religiöse und moralische Neutralität gibt, wird der Staat – bewusst oder unbewusst – eine ganz bestimmte religiöse und moralische Initiation, ein tief im Menschen sitzendes Grundverständnis von Kult, Kultur und Moral erschaffen und in den Kindern, die ihm anvertraut sind, verankern. Dasselbe gilt auch für den Erziehenden, der formal privat ist, aber der staatlichen Lizenz bedarf und staatliche Regulierung des Inhalts seiner Erziehungstätigkeit zu befolgen hat.

In der DDR hat der Staat das absichtlich getan, um die Kinder zu guten Sozialisten zu erziehen. Doch selbst wenn er gar keine Indoktrination beabsichtigt, kann er nicht anders als zu erziehen, bewusst oder unbewusst, wenn ihm die Kinder anvertraut sind.

Nehmen wir den pluralistischen Staat an, der es wirklich nur gut meint, und keine Indoktrination beabsichtigt; nehmen wir also den bestmöglichen Fall an. Seine Erziehung im Geiste der religiösen und moralischen Neutralität ist eine Fiktion, weil es keine wahre Neutralität gibt, wie wir gesehen haben. „Alle Religionen sind gleichermaßen privat“ und „Moral ist Privatsache“ sind nicht neutral, sondern indifferentistisch. Sie sind ebenfalls Teil einer ganz bestimmten Kult-Kultur-Ganzheit, nämlich einer Kultur des Pluralismus und Indifferentismus, die sich in Abgrenzung zu anderen Ganzheiten derselben Art definiert. Man könnte diese Ganzheit als „Relativismus“ bezeichnen.

8. Sieg staatlicher Initiation – Entrechtung der Eltern

Die Initiation in den Relativismus schließt eine gleichzeitige konfliktfreie Initiation in eine andere Kult-Kultur-Ganzheit aus. Man kann nicht zugleich zum Relativisten und zum Katholiken erzogen werden. Es kommt hier zu unauflöslichen Konflikten, zu Widersprüchen. Wer wird sich durchsetzen? Der, der den stärksten Einfluss auf das Kind hat. Wer ist das? Der Erzieher, dessen Initiationsrichtung identisch mit derjenigen der Massenmedien, der meisten Gleichaltrigen und der meisten sonstigen Einflüsse ist, die auf das Kind einwirken. Die Eltern, die das Kind an so manchem Abend sehen, werden da wenig gegen tun können. Sie sind damit faktisch entmachtet und entrechtet worden.

Die staatliche Kindererziehung ist also immer gleichbedeutend mit Initiation in die herrschende Kultur, die immer auch zugleich Initiation in den herrschenden Kult und die herrschende Moral ist. In der heutigen Gesellschaft sind dies die relativistische Kultur, die Religion subjektiver, scheinbar moralfreier Spiritualität, und die Moral, die den höchsten Wert in subjektiver Zufriedenheit sieht. Die Initiation in die durch diese Merkmale beschriebene gesellschaftliche Situation ist notwendige Folge staatlicher Kindererziehung in der heutigen Gesellschaft.

Die gesellschaftliche Situation, d.h. der geistige Ort, an dem die Person sich nach erfolgter Initiation befinden wird (sich situiert haben wird), ist je nach Kult-Kultur-Ganzheit dramatisch verschieden. Im Fall der Opposition zwischen modernem Relativismus und Katholizismus ist dieser Gegensatz besonders eklatant, da die Gegensätzlichkeit in allen drei Dimensionen der Initiation – Kultur, Kult und Moral – äußert.

Erziehung ist, wie schon gesagt, Initiation in eine Kulturganzheit, und daher in einer Gesellschaft, in der mehrere Kulturen koexistieren müssen, immer entweder privat oder Gegenstand eines Kulturkampfes.

9. Erziehung als Kulturkampf

Staatliche Kindererziehung ist also in der pluralistischen Gesellschaft immer ein Kulturkampf, weil der Staat nur in eine Kulturganzheit initiieren und nur eine Situiertheit anstreben kann. Dieser Kulturkampf ist nicht von den Katholiken begonnen worden, weil die Katholiken nicht nach der Verstaatlichung der Kindererziehung gerufen haben. Aber die Katholiken müssen ihn kämpfen, weil es hier nicht nur um Kultur, sondern auch um Moral; nicht nur um Moral, sondern auch um den Kult, d.h. den wahren Glauben, die wahre Religion, geht. Und weil ohne diese wahre Religion das ewige Seelenheil der Kinder in Gefahr ist.

Wir sehen heute, wie man von „Betreuung“ spricht, die die Kinder in Kitas erhalten sollen. Der Erziehungsbegriff, den die progressivistischen Eliten uns aufzwingen wollen, ist ein auf Betreuung beschränkter Begriff, weil die Initiation in eine materialistische Kultur erfolgen soll, in der die höchsten Werte selbst wieder materiell sind. Materielle Dinge können Betreuer leisten. Da die gewünschte Erziehung einen materialistischen Menschen hervorbringen soll, braucht der Erzieher nicht mehr zu tun, als zu betreuen. Doch für uns ist Erziehung mehr als Betreuung, weil der Mensch kein Materiehaufen ist, sondern eine Person, ein einzigartiges Geschöpf aus Körper und Seele, Materie und Geist, in dem beide Aspekte fest miteinander verwoben sind, so dass sie sich nur durch den Tod trennen lassen.

Der Betreuer ist schon seinem Namen nach immer ein Materialist. Er kann nicht anders, es sei denn, er wollte mehr tun als einem Betreuer zusteht, und zu einem sich selbst als ein solcher verstehenden Erzieher werden.

Soweit der dritte Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Der vierte und letzte Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

Erziehung als Kulturkampf (Teil 2/4)

Es folgt der zweite Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Der erste Teil findet sich hier.

3. Zweitrangigkeit materieller Faktoren

Noch weniger heißt das, dass die Bildungsergebnisse nach den Maßstäben der schulischen Tests und beruflichen Leistungen nicht womöglich durch die Kita verbessert werden können. Vielleicht kann man durch systematische Abrichtung der Kinder auf die Aneignung karrierenützlicher Kenntnisse tatsächlich erreichen, dass die Kinder nach dem Maßstab der Welt im Durchschnitt besser sind, als daheim erzogene Kinder. Ich bezweifle es, aber ausschließen kann ich es nicht.

Doch darauf kommt es auch gar nicht in erster Linie an. Der Zweck von Bildung besteht nicht in erster Linie in der Erlangung möglichst hohen ökonomischen oder schulischen Erfolgs. Bildung ist nicht für den Arbeitsmarkt, sondern für den Menschen da. Wenn Kinder, die bei ihren Eltern aufgewachsen und von ihnen erzogen worden sind, tatsächlich schlechter in der Schule und später auf dem Arbeitsmarkt zurecht kommen sollten, dann wäre das ein notwendiger Preis für die Rettung der ganzheitlichen, wahren Bildung, die den ganzen Charakter, die ganze Person erfasst, und die in der Kita im Normalfall einfach nicht möglich ist.

Um es noch einmal zu wiederholen: Ich bin davon überzeugt, dass daheim erzogene Kinder auch auf dem Arbeitsmarkt besser prosperieren werden, als die gezüchteten Ameisenmenschen aus der Kita-Legebatterie. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn alle daheim erzogenen Kinder zu einem Leben in bitterer Armut verdammt wären, wäre dies kein Argument für die Kita, sondern ein Argument für den Wert der Armut.

Ein ganz armer Mensch mit einem reichen Charakter ist tausendmal besser als ein ganz reicher Mensch mit einem armen Charakter.

Und ein reicher Charakter kommt meistens dann zustande, wenn das Kind erzogen, und nicht nur betreut wird. Worin besteht der Unterschied?

4. Erziehung als teleologischer Begriff

Betreuung ist, wie oben beschrieben, der Vorgang, durch den das Kind alles bekommt, was es materiell braucht. Es wird versorgt. Alle seine messbaren Bedürfnisse werden erfüllt.

Erziehung ist vollkommen anders gelagert. Ein Kind zu erziehen (educare) bedeutet, das Kind zu führen. Doch wenn man jemanden führen will, muss man zuerst sein Vertrauen erlangen, sonst wird er nicht mitkommen. Und mehr noch: Wenn man jemanden führen will, muss man wissen, woher man kommt, und vor allem wohin man will. Erziehung ist immer Weg zu einem Ziel. Erziehung ist wesentlich teleologisch, auf einen bestimmten Zweck gerichtet. Daher gibt es auch keine wertneutrale Erziehung. Jede Erziehung ist Werteerziehung. Jede Erziehung ist moralische Erziehung.

Man muss sich ferner darüber klar werden, dass man nicht nicht erziehen kann. Jeder Kontakt mit dem Kind ist Erziehung. Wenn man nicht weiß, wohin man das Kind führen möchte, führt man es ziellos. Man ist dann ein schlechter Erzieher.

5. Erziehung als ganzheitliche Initiation

Gehen wir jetzt einen Schritt weiter: Erziehung ist nicht nur Führung, sondern Führung zu einem ganz bestimmten Ziel. Doch Erziehung ist mehr als dies. Sie ist immer Initiation. Wer ein Kind erzieht, führt es ein, und zwar in eine Kultur. So wie moralische Überzeugungen niemals bloß individuell, sondern immer kulturell verwurzelt sind, und wie ein Glaube in Abwesenheit einer religiösen Gemeinschaft meist nicht lange fortbestehen kann, so gibt es auch keine Erziehung ohne Initiation in eine Gemeinschaft. Das erzogene Kind ist initiiert in die Geheimnisse der Kultur, in der es leben soll.

Das, wodurch ein Mensch initiiert wird, nennt man einen Ritus, nämlich einen Initiationsritus. Es ist sehr treffend, dass Kultur und Kult so eng verbunden sind – beide sind rituell. So wie man durch kultische Riten in eine religiöse Gemeinschaft aufgenommen wird, so wird man durch kulturelle Riten in die weltliche Gemeinschaft aufgenommen. Es gibt keine totale Trennung von Kultur und Kult, weil es derselbe Mensch ist, der sowohl kulturell als auch kultisch agiert. Es gibt daher auch keine totale Trennung von kultischer Initiation und kultureller Initiation. Deswegen ist jede Erziehung zumindest teilweise Erziehung zum Kult, also religiös. Es gibt also auch keine religiös neutrale Erziehung.

Unter Erziehung verstehen wir also einen Prozess, durch den der Mensch in die Gesamtheit aus Kult und Kultur seiner Gesellschaft initiiert wird, indem er die Geheimnisse (Mysterien) seiner Kult-Kultur-Ganzheit lernt. Dieser Prozess ist immer zugleich moralisch und religiös.

6. Problem des Pluralismus

Daraus folgt sofort, dass in einer pluralistischen Gesellschaft (der Gesellschaft, in der viele Kulte und Kulturen nebeneinander bestehen) niemals Einigkeit über die Erziehung der Kinder herrschen kann, weil keine Einigkeit über die Natur der notwendigen kulturellen, moralischen und kultischen Initiation vorliegt. Diese Fragen ausklammern zu wollen, indem man sie zur Privatsache erklärt, ist die Lösung der Liberalismus. Doch damit verunmöglicht man Erziehung grundsätzlich. Es gibt keine liberale Erziehung, weil es keine religiös und moralisch neutrale Erziehung gibt. Entweder das Kind wird durch die Erziehung in Kult und Kultur des Liberalismus initiiert – wobei der Liberalismus auch eine ganz bestimmte Weltanschauung ist, die Agnostizismus und eine ganz spezifische Kultur in sich fasst – oder es wird gar nicht bewusst erzogen, was wieder die Situation bloßer Betreuung schafft (also unbewusste Erziehung in rein materieller Weise)

Kinder staatlich zu erziehen ist daher nur in einer kultisch und kulturell homogenen Umgebung möglich. Es ist auch nicht praktikabel, die kultischen Aspekte von der sonstigen Erziehung zu separieren und in einen „Religionsunterricht“ auszulagern, weil Kult und Kultur eben nicht zwei unabhängige Aspekte sind, sondern sich gegenseitig durchdringen. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Initiation des Kindes in die eine Welt ist nicht denkbar, solange sie nicht die korrespondierende andere Welt ebenfalls in sich fasst, weil eine andere Kultur zu einem anderen Kult und ein anderer Kult zu einer anderen Kultur führt. Erziehung kann also nur „ganzheitlich“ sein, also alle „Subsysteme“ des Menschen gleichzeitig betreffen. Entweder der ganze Mensch wird initiiert, oder der Mensch wird gar nicht initiiert.

Soweit der zweite Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Der dritte Teil wird voraussichtlich am Montag veröffentlicht.

Erziehung als Kulturkampf (Teil 1/4)

Einleitung: Eine unheilige Kraft

Immer wieder hört man von den Anhängern der Fremdbetreuung von Kindern, man wolle den Kindern bereits frühzeitig Bildung vermitteln. Die Ministerprasidentin von NRW, Hannelore Kraft (SPD) bekannte sich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen eindeutig zu der Absicht, langfristig alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr zu „verkrippen“.

Kraft sagte der F.A.S., die SPD sei sich mit der CDU bisher darin einig gewesen, dass Bildung in der Kita beginnen müsse. „Dann müssen wir auch sicherstellen, dass alle Kinder da sind.“

Das Ziel ist also klar: Alle Kinder sollen ab dem ersten Lebensjahr in der Kindertagesstätte „betreut“ werden. Zuerst wird man es mit freiwilligen Angeboten versuchen. Doch inzwischen wird auch offen über einen Krippenzwang diskutiert, und zwar „sachlich“, wie Cem Özdemir demselben Artikel zufolge forderte.

Was steckt dahinter? Einerseits natürlich der übliche radikale Feminismus, der die Mobilisierung aller Frauen für den Arbeitsmarkt als Hauptziel der „Emanzipation“ sieht. Mit anderen Worten: Erst wenn die Frau wie der Mann geworden ist und ihre Mutterrolle als veralteten kulturellen Ballast abgestreift hat, kann sie wirklich frei sein. Diesen Feminismus, der den Mann ganz chauvinistisch als von Natur aus überlegen sieht, und möchte, dass Frauen ihrer Weiblichkeit und Mütterlichkeit entsagen, um sich zu vermännlichen, findet man in allen relevanten politischen Parteien der Bundesrepublik. Doch um ihn soll es in diesem Artikel auch gar nicht gehen.

1. Die Möglichkeiten der Betreuung

Es steckt nämlich noch einiges mehr hinter dem Kitawahn der progressivistischen Eliten. Bildung sollen die Kinder erlangen, die man in die Kita einweist. Es ist seltsam, wie verformt ein Bildungsbegriff sein muss, bevor man ernsthaft glauben kann, man könne in einer Kita, einem Kindergarten oder einer staatlichen Schule „Bildung“ erlangen. Tatsächliche Bildung ist nämlich immer ganzheitlich, das heißt es geht nicht um die Vermittlung von „Kompetenzen“ oder „Kenntnissen“ für sich genommen, sondern um die Bildung der ganzen Persönlichkeit, des ganzen Charakters, des ganzen Menschen.

Der oft verwendete Begriff „Betreuung“ ist gänzlich unzureichend, um das zu beschreiben, was die Eltern mit dem Kind tun, wenn sie sich selbst darum kümmern. „Betreuen“ können Kitas die Kinder jederzeit. Dazu sind keine besonderen Voraussetzungen notwendig. Ein „betreutes“ Kind erhält alles, was es zum Leben wissenschaftlich gesehen braucht. Es bekommt Nahrung, Wasser, falls sinnvoll ein Bett, pädagogisch und psychologisch wohl ausgewählte Spielsachen, Kontakt mit anderen Personen, darunter Betreuerinnen, die wissenschaftlich verantwortete Zuneigungsplacebos absondern, um dem Kind die benötigte Zuneigung wenigstens vorspiegeln zu können; ferner Kompetenzen und Fähigkeiten, und später, wenn es älter ist, schulisches Wissen. Das Kind erhält, klinisch rein, alles, was es „objektiv“ betrachtet braucht. Das ist der Idealfall einer außerfamiliären „Betreuung“. Im Regelfall liegen die Dinge natürlich nicht so gut. Die Betreuer sind unzufrieden, manche unfähig, die Gruppen zu groß, die Umgebung nicht so wunderbar pädagogisch wertvoll, wie sich die kinderlosen Pädagoginnen ausgedacht haben usw.

2. Keine Bildung ohne Vertrauen

Es fehlt aber alles, was man als wahre Bildung bezeichnen kann, als Bildung im oben erwähnten ganzheitlichen Sinn. Eine solche Bildung beginnt immer mit dem, was man „Vertrauen“ nennt. Es handelt sich dabei nicht um die Art rationalen Vertrauens, den ein Erwachsener, oder ein älteres Kind, einer anderen Person entgegenbringt, weil man sich darauf verlassen kann, dass der andere sich auch an die Spielregeln halten wird. Es ist ein „Urvertrauen“. Kinder können ohne dieses Urvertrauen überhaupt gar keine ganzheitliche Bildung bekommen. Doch dieses tiefe Vertrauen kann man durch keine noch so professionelle, universitätsgebildete Betreuerin simulieren. Sie macht ihren Job; wenn sie sehr gut ist, macht sie ihren Job sehr gut. Doch sie liebt die Kinder nicht wie eine Mutter sie liebt – sie ist nämlich nicht die Mutter. Sie ist bloß eine Fremde. Das tiefe Vertrauen fehlt also selbst in der idealen Kita. Da sie ganztägig ist, erlebt das Kind seine Eltern nur als beiläufige Charaktere, die irgendwie auch manchmal da sind, ohne aber zu der Mutter eine ebensolche tiefe Vertrautheit aufbauen zu können, wie es für wahre Bildung bräuchte.

Damit fehlt selbst in der idealen Kita jegliche Voraussetzung für ganzheitliche Bildung. Natürlich heißt das nicht, dass es nicht Fälle geben könnte, in denen Kinder mit der Lage ganz gut klarkommen und keine Schäden davontragen. Ausnahmen bestätigen im Umgang mit Menschen immer die Regel – es gibt keine exakte Wissenschaft vom Menschen.

Soweit der erste Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Der zweite Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

Philosophie ist unheilbar…

Die meisten modernen Menschen stellen sich die großen, grundsätzlichen, wesentlichen Fragen überhaupt nicht mehr. Sie haben ja so viel „Zeug“ – sie hätten gar keine Zeit zur Reflektion. Stille, so der dänische Philosoph und protestantische Christ Søren Kierkegaard bereits im 19. Jahrhundert, sei das, was dem Menschen besonders fehle. In unserer Zeit trifft dies sicher noch mehr zu. Ohne Stille keine Refektion, ohne eine solche Reflektion keine Einsicht. Das gilt für philosophische Einsichten ebenso wie für eher religiös-mystische. Der Geist der Kontemplation ist in der modernen Welt vollkommen geschwunden.

All unser „Zeug“, und der stete Drang nach mehr, obwohl wir es eigentlich nicht bräuchten, der ständige Wunsch, das ganze „Zeug“ auch zu konsumieren, treibt uns in eine ungesunde Eile. Noch nie hatten wir so viel Freizeit und noch nie so wenig freie Zeit.

Doch es bleibt immer eine Gruppe, so mag man vielleicht denken, die die großen Fragen noch stellt. Dem dieser Welt verhafteten Durchschnittsmenschen mögen philosophische Konzepte nichts mehr sagen, doch, so mag man denken, es gibt ja noch die professionellen Philosophen. Noch nie gab es so viele Philosophieprofessoren wie im 20. und 21. Jahrhundert. Noch nie gab es so wenig gesunde Philosophie. Denn die heutige, moderne Philosophie befindet sich in einer fundamentalen Sinnkrise, oder besser gesagt, Sackgasse. Heutige Philosophen fragen nämlich gar nicht mehr nach dem Grundsätzlichen. Sie beschäftigen sich nicht mehr, in den Worten eines bekannten Sinnspruchs, „Gott und der Welt“. Womöglich verzehren sie sich in der haarspalterischen Analyse logischer Sprachstrukturen oder der existenzialistischen Infragestellung aller objektiven Realität. Sie „konstruieren“ sich erklärtermaßen ihre eigene Welt.

Der moderne Philosophiestudent lernt, dass es in der Philosophie im Wesentlichen um die Frage geht, ob der Tisch vor unseren Augen wirklich da ist, oder nur eine Projektion unseres Verstandes sei.

Kein Wunder, dass der Philosophie unter allen nicht geisteskranken Menschen die Reputation der Belanglosigkeit und Lächerlichkeit anhängt. Ich möchte damit nicht leugnen, dass es auch heute noch ernstzunehmende Philosophen gibt, und nicht einmal, dass die heutige Philosophie durchaus ihren Wert hat.

Doch das ist nicht wirklich der Zweck der Philosophie. Platon zufolge geht die Philosophie aus dem Staunen des Menschen hervor. Der Mensch fragt nach dem Gründen hinter den Dingen, weil er sie verstehen möchte. Doch die moderne Philosophie leugnet mittels ihres allumfassenden Subjektivismus (alles ist Sprache, alles ist sozial konstruiert) entweder die Möglichkeit des wirklichen Verstehens der Dinge (alles ist durch die Sprache gefiltert), oder gleich die objektive Existenz der Dinge (alles wird durch die Sprache konstruiert). Platon würde die heutige Philosophie, wie sie an den meisten säkularen Universitäten betrieben wird, wohl nicht mehr als Philosophie erkennen, weil dort nicht mehr die Freunde der Weisheit tätig sind. Dort wird nicht mehr nach den Urgründen der Dinge gefragt, weil man sich lieber zurücklehnt und den staunenden Zuhörer darüber belehrt, dass der Gedanke, es könne so etwas wie „Urgründe der Dinge“ geben, gar nicht allzu weit hergeholt sei – immerhin entstamme er nichts als der eigenen Vorstellungskraft. Nach den Urgründen der Dinge zu suchen verlangt zunächst einmal einen Glauben daran, dass die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, mit unserem Verstand untersuchen und mit unseren Worten ausdrücken, tatsächlich real sind, und dass wir sie wirklich wahrnehmen, nicht nur konstruieren; untersuchen, nicht nur erschaffen; und ausdrücken, nicht nur erfinden können.

Dieser Glaube ist unter modernen Philosophen mausetot. Die moderne Philosophie, angetreten im 17. Jahrhundert mit der Absicht, den „scholastischen“ Dogmatismus zu überwinden, der traditionellen Philosophie durch rationale Wissenschaft den Garaus zu machen, hat sich totgelaufen an der unübersteigbaren Tatsache, dass ohne einen außermenschlichen Bezugspunkt, an dem man sich festhalten kann, alles Wissen letztlich der Beliebigkeit anheim fällt. Unsere Sinne können sich täuschen, unser Verstand ist nicht unfehlbar und kann überhaupt nur unter Zuhilfenahme der Sinne arbeiten, und die Worte, in denen wir zu denken gezwungen sind, entspringen bloß menschlicher Schöpfung. Ferner variieren nicht nur die Worte, sondern offenbar auch die dahinter stehenden Konzepte. Eine Übersetzung von der einen Sprache in eine andere ist selten verlustfrei möglich. Die andere Sprache konstruiert, so könnte man sagen, die Realität eben etwas anders als die eine. Dieser Unterschied wird bei nicht miteinander verwandten Sprachen sehr groß. Es gibt keinen festen Haltepunkt mehr, kein Fundament, auf dem sich menschliches Denken unter diesen Voraussetzungen aufbauen ließe. Also ist alles relativ. Doch das eigene Denken ist ebenfalls von diesem umfassenden „alles“ nicht ausgenommen. Es ist also auch relativ. Es kann keine objektive Gültigkeit beanspruchen, so wie alles andere auf der Welt. Selbst die Einsicht in die objektive Gültigkeit ist nicht objektiv gültig.

Es gibt also keine objektive Wahrheit – nicht in der Religion, nicht in der Ethik, nicht im täglichen Leben. Doch man kann nicht einmal sagen, es gebe keine objektive Wahrheit. Auch das wäre ja wieder ein objektiver Wahrheitsanspruch.

Ein universelles Schwindelgefühl ist die Folge dieses universellen Schwindels.

Nichts, absolut nichts, kann diese Philosophie noch retten. Kein logisches Argument für die objektive Wahrheit oder die wirkliche Existenz der Außenwelt kann einen konsequenten modernen Philosophen überzeugen – denn das Argument basiert unvermeidlich auf den Gesetzen der Logik, deren wirkliche Gültigkeit Voraussetzung für die Gültigkeit des Arguments ist. doch wirkliche Gültigkeit kann es nicht geben.

Nicht alle Philosophen sind so extrem – was daran liegt, dass nicht alle Philosophen die moderne Philosophie bis ans logische Ende gedacht haben. Doch sie kann zwangsläufig, wenn man konsequent ist, nur zum gerade angedeuteten Nihilismus führen, weil es keinen objektiven, festen Anhalt gibt, an dem man sozusagen das gesamte Denken aufhängen kann.

Die moderne Philosophie ist also in einer tiefen Sackgasse ohne Ausweg. Wie kommt man aus einer Sackgasse also heraus? Indem man wendet und zurückfährt. Eine Rückkehr zur traditionellen Philosophie ist notwendig, damit die Philosophie wieder die Fragen stellt, die zu stellen ihre eigentliche Aufgabe ist, und damit sie die Antworten liefert, zu denen sie fähig ist.

Glücklicherweise ist Philosophie unheilbar. Die großen Fragen sind nicht auszurotten. Wenn auch nur eine Minderheit, so wird es immer Menschen geben, die nach „Gott und der Welt“, nach den Urgründen der Realität fragen, und nicht bereit sind, sich defätistisch mit dem Argument abspeisen zu lassen, alle Realität sei nur sozial konstruiert. Auf Dauer wird der Mensch sich diesem imperialistischen Quasi-Solipsismus nicht beugen.

Wenn doch ohnehin alles relativ ist, nichts wirklich wahr und nichts wirklich falsch, und überdies nichts wirklich wirklich ist, dann definieren wir doch einfach einige Sätze als wirklich wahr. Wirklich falsch kann das ja wohl auch nicht sein, wenn nichts wirklich falsch sein kann, weil wir nicht einmal wissen können, ob die Wirklichkeit wirklich wirksam ist.

Aber ernsthaft: Wenn alle Argumente das Resultat sprachlicher oder sozialer Konstruktionen sind, wenn alle Wahrheiten nicht wirklich wahr sind, dann ist auch das Argument, mit dem die Relativisten und Konstruktivisten diese These zu etablieren gedenken, nicht wirklich, sondern nur sozial konstruiert. Es kann daher keine Gültigkeit beanspruchen, die über den individuellen Verstand des einzelnen Konstruktivisten hinaus ginge. Wir können es also getrost ignorieren und stattdessen sinnvolle Fragen stellen.

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ist eine unheilbare Gesundheit des Menschen.

Assisi (1/3) – Vom Sinn des interreligiösen Dialogs

Interreligiöser Dialog im Allgemeinen:

Wer meinen Blog über längere Zeit gelesen hat, wird wissen, dass ich dem Ökumenismus wie er in der Kirche über die letzten Jahrzehnte praktiziert worden ist, nicht viel abgewinnen kann. In einem Artikel sprach ich sogar von „ökumanischen Irrwegen“. Generell lehne ich den religiösen und moralischen Relativismus ab, der oft zumindest durchscheint, wenn ökumenische Treffen abgehalten werden.

Und was für die innerchristliche Ökumene gilt, trifft in noch größerem Maße auf den interreligiösen Dialog zu. Die Gemeinsamkeiten sind deutlich kleiner, die Differenzen größer. Die Gefahr, auf wichtige religiöse Wahrheiten zu verzichten, um auf jeden Fall eine Einigung zu erzielen, oder sich aneinander anzunähern, ist immens, und nur allzu leicht entsteht der Eindruck, eigentlich verhandelten doch alle Religionen wie in einer Art Koalitionsgespräch auf „Augenhöhe“ – und man verzichte auf Wahrheitsansprüche. Hier bricht sich spätestens der mit dem katholischen Glauben unvereinbare Relativismus fröhlich Bahn.

Ich bin generell der Auffassung, dass sowohl innerhalb der traurigerweise zersplitterten Christenheit als auch im Umgang mit anderen Religionen immer die Menschenwürde respektiert werden sollte – das bedeutet, wir sollten den Irrenden als Menschen sehen, der unseren Respekt als Abbild Gottes verdient, und gerade deswegen sollte es uns besonders wichtig sein, ihm den Irrtum seiner Wege aufzuzeigen, durch Argumente, aber vor allem durch das Vorbild der Heiligkeit. Respekt vor der Menschenwürde bedeutet aber keinesfalls Respekt vor den Irrtümern der Menschen. Im Gegenteil: Der Katholik kann niemals die Frage nach der Wahrheit ausklammern, eben weil der WAHRE Glaube, und nicht irgendein diffuser Glaube an irgendetwas oder irgendjemanden, heilsnotwendig ist.

Ferner wird der organisierte Dialog zwischen Vertretern verschiedener Religionen generell nicht fruchtbar sein, von seltenen Ausnahmen, wie etwa im katholisch-orthodoxen Verhältnis, abgesehen. Wahre Ökumene kann darin bestehen, dass man praktisch mit Menschen zusammenarbeitet, mit denen man ähnliche Auffassungen teilt, wie dies etwa zwischen katholischen und protestantischen Christen in der Lebensrechtsbewegung der Fall ist, aber auch, auf höherer Ebene, in den diversen Gremien der UNO, wo der Vatikan im Verbund mit der islamischen Welt und (bis zur Wahl Obamas) auch den Vereinigten Staaten gegen die Abtreibungs- und Genderlobbyisten kämpft. Wo es Gemeinsamkeiten gibt, kann man zusammenarbeiten.

Auch wenn ich an dieser Stelle noch nicht darüber geschrieben habe, sehe ich aus ähnlichen Erwägungen heraus das kommende interreligiöse Treffen in Assisi sehr reserviert. Ich vertraue dem Heiligen Vater; er ist kein Relativist und er wird ernsthaft versuchen, den Relativismus aus diesem Treffen fernzuhalten. Doch auch hier liegt das Problem wieder in einem riesigen Treffen von Personen, die als offizielle Vertreter ihrer jeweiligen Religionen fungieren, und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Religion repräsentieren. Selbst wenn sie nur zusammenkommen, um sich für den Frieden auszusprechen, tun sie dies immer noch als Vertreter ihrer Religion – der Eindruck eines Welt-Religionsparlamentes wird sich für oberflächliche Betrachter nicht vermeiden lassen.

Und leider sind fast alle Journalisten und Medien sehr oberflächliche Betrachter, und daher auch fast alle Menschen nur oberflächlich informiert. Ein relativistischer Eindruck wird also entstehen.

Dies ist die große Gefahr des interreligiösen Dialogs. Manche Traditionalisten werfen dem Papst vor, er verstoße durch die bloße Ausrichtung eines interreligiösen Treffens bereits gegen das erste Gebot. Doch kann man wirklich gegen das erste Gebot verstoßen, wenn man dies gar nicht will? Wenn man wirklich nur zu dem einen wahren Gott in drei Personen betet, nicht zu den Götzen anderer Religionen? Papst Benedikt verstößt nicht gegen das erste Gebot, indem er in einem Raum mit Vertretern anderer Religionen ist, und nicht einmal, wenn er persönlich, während die Vertreter anderer Religionen ebenfalls beten, zum einen wahren Gott in drei Personen betet.

Man verstößt ja auch nicht gegen das sechste Gebot, wenn der Nachbar Ehebruch begeht.

Aber selbst wenn der Papst nicht gegen das erste Gebot verstößt (und davon bin ich fest überzeugt), so fordert er durch das Treffen in Assisi, so unzweideutig man es auch gestalten will, zumindest entsprechende Spekulationen heraus, stößt besonders zarte, empfindsame Gemüter von sich (etwa die oben zitierten Traditionalisten), und gibt einer feindseligen Medienlandschaft sowie den innerkirchlichen Relativisten neue Munition, so oberflächlich diese auch sein mag, die diese sofort verwenden werden, um den Glauben an die Heilsnotwendigkeit der Kirche (extra ecclesiam nulla salus) weiter zu erschüttern.

Hier endet der erste Teil eines dreiteiligen Artikels über das interreligiöse Treffen von Assisi.

Schüller – Ich bin Häretiker, und das ist auch gut so!

So langsam sollte das Maß selbst des Geduldigsten voll sein. Der Aufrührer-Pfarrer Helmut Schüller hat jetzt, kath.net zufolge, in einem Interview noch einmal draufgesattelt. Seine häretische Pfarrerinitiative hatte bereits vor diesem Interview eindeutig das Maß des Zulässigen in der katholischen Kirche überschritten. Einige seiner neuen Aussagen übertreffen dies aber nochmal um Längen. Beispiele:

In einem Interview mit dem Magazin „Weekend“ meint Schüller jetzt auf die Frage, ob er denn selbst gerne heiraten würde: „Ich habe das nie ganz ausgeschlossen…“

(…)

Seiner Meinung nach seien sogar Frauen die „besseren Priester“. Wörtlich sagte Schüller: „Das Wichtigste in diesem Beruf haben wir von Frauen gelernt. In zwei Dritteln der Welt wird der Alltag von Frauen geschupft. Dieses Element fehlt uns vollkommen in der Pfarrerschicht.“

Der ehemalige Wiener Generalvikar zeigt sich dann auch überzeugt, dass es einmal eine „Päpstin“ geben werde. „Sobald das Priesteramt für Frauen geöffent ist, gibt es keine Schranken mehr.

(…)

„Es gibt viele Karawanen der Gottsuche, aber letztlich haben wir mehr gemeinsam als uns trennt. In Österreich haben wir 14 christliche Kirchen. Europa wächst zusammen und was tun die Kirchen? Sie trennen einander.“ Er selber fühle sich übrigens als „Aktionär“ in der Kirche und nicht als Kunde oder Mitglied. „Es ist mein Ding. Die Kirche gehört nicht nur dem Papst und nicht den Bischöfen sondern uns allen“, behauptet er dann.

Da ich nur begrenzte Zeit habe, werde ich auf eine Analyse dieses himmelschreienden Unsinns verzichten, und mir nur drei Punkte herausgreifen:

1. Weibliche Priester

Durch die dogmatische Festlegung von Ordinatio Sacerdotalis sind weibliche Priester nicht möglich. Zum einen liegt dies an der Tatsache, dass Jesus, obgleich er viel mit Frauen verkehrte und diese keineswegs herabwürdigte, eben nur Männer zu seinen Aposteln berufen hat. Zum anderen hat dies aber auch mit der natürlichen Zeichenhaftigkeit der beiden Geschlechter zu tun, die Peter Kreeft hier in englischer Sprache erläutert, und die ich kürzlich mit dem geschätzten Mitblogger Johannes auf dessen Blog diskutiert habe. Welcher Grund letztlich der Ausschlaggebende für Gott war, werden wir nie herausfinden können, aber sowohl die rationalen als auch die Offenbarungsgründe sprechen eine klare Sprache: Es können nur Männer Priester sein – der Priester ist immer ein geistlicher Vater, keine geistliche Mutter.

Dass der zukünftige Ex-Pfarrer Schüller dies anders sieht, war zu erwarten. Wer die Wahrheit aus Geltungs- und Anerkennungssucht in einem wesentlichen Punkt verlassen hat, der wird sich regelmäßig auch nicht scheuen, die Wahrheit aus denselben Gründen in anderen Punkten im Stich zu lassen.

Schön finde ich an seinen Aussagen jedoch, dass er sich klar den Konsequenzen seiner Forderung stellt, was die schwammigeren Vertreter der Zeitgeistkirche oft krampfhaft zu vermeiden suchen. Wenn das Priesteramt an eine Frau übertragen werden kann, dann geht das auch mit dem Bischofsamt, und also auch mit dem Bischofsamt in Rom. Gibt es Priesterinnen, so kann es auch Päpstinnen geben. Und dasselbe trifft faktisch auch auf Diakone zu, da man erst zum Diakon, dann zum Priester geweiht wird. Es handelt sich um zwei Stufen desselben Weihesakraments. Daher sollten Frauen auch nicht zu Diakonen geweiht werden (und aufgrund des Effekts auf Priesterberufungen auch nicht Meßdiener werden können, aber das führte vom Thema weg) – obgleich dies natürlich noch nicht in derselben Klarheit vom Lehramt dogmatisch festgelegt wurde, so dass Abweichler in dieser Frage keine direkte Häresie äußern.

Festzuhalten ist: Schüller sieht, wohin sein Weg führt, nämlich zur völligen innerkirchlichen Austauschbarkeit von Männern und Frauen. Und wenn eine Frau erstmal Priester, Bischof, Papst „geworden ist“ (natürlich kann sie das nicht, weil solche Weihen ungültig wären, aber lassen wir das einmal außen vor), dann kann die Messe nicht mehr so verstanden werden, dass der Priester als „alter Christus“ eben für Christus steht. Das ganze Verständnis der Messe wäre damit unwiderruflich zu einer bloßen Gemeindefeier herabgestuft, ohne übernatürliche Bedeutung. Daher ist die Forderung nach der Priesterweihe für Frauen nichts als die Forderung nach Abschaffung des allerheiligsten Altarsakramentes (und aller anderen Sakramente, bei denen der Geweihte für Christus steht) und also nach Umformung der Kirche zu einem reinen Sozialverein.

2. Karawanen der Gottsuche

Auch hier scheint Schüllers vollständige Abkehr vom katholischen Glauben wieder durch. Er sieht also in „den verschiedenen Kirchen“ verschiedene „Karawanen der Gottsuche“. Viele Wege führen also zu Gott. Der Mensch schafft sich seiner Auffassung nach solche Wege wie er sie braucht. Keiner dieser Wege kann sich im Besitz „der Wahrheit“ sehen, da alle Wege nur vom Menschen gemachte Routen auf der ewigen Suche nach dem unfasslichen Übernatürlichen sind.

Aber wenn alle Wege gleich sind, nur verschiedene „Karawanen der Gottsuche“ unterwegs sind, dann kann Jesus Christus nicht Gott gewesen sein, sondern nur ein Lügner und Betrüger. Denn er hat ja gesagt, er sei DER Weg, DIE Wahrheit. Nicht ein Weg unter vielen, sondern der eine, einzige Weg. Nicht meine persönliche Wahrheit oder deine oder seine, sondern die Wahrheit, die einzige Wahrheit. Dass Herr Schüller wesentliche Gebote und Dogmen der Kirche leugnet ist ja nichts Neues. Aber selbst ein guter Protestant im Geiste Martin Luthers könnte diese himmelschreiende Leugnung unseres Herrn niemals aussprechen. Es gibt gute Protestanten, die nichts für die Spaltung können, die lange vor ihrer Geburt stattgefunden hat. Ihnen ist kein Vorwurf für den Irrtum zu machen, in dem sie sich befinden. Diese Protestanten glauben an Gott, an Jesus Christus und stehen hinter dem Credo. Schüller als Möchtegern-Protestanten zu bezeichnen wäre eine ungerechte Beleidigung dieser gutwilligen Protestanten.

Eine Anmerkung zu den „Karawanen“ noch. Gestern schrieb ich über Erzbischof Zollitschs neues Skandalinterview (Skandal im klassischen Sinne), in dem der Erzbischof ebenfalls eine der indifferentistischen Sicht der vielen verschiedenen Kirchen, die alle den Weg zu Gott auf ihre Weise suchen, gefährlich nahe stehende Aussage tätigte. Zollitsch verbrämte seinen Relativismus wenigstens noch mit schwammigen Formulierungen, Schüller spricht inhaltlich dasselbe aus – viele Karawanen der Gottsuche, statt Offenbarung des Herrn – nur ohne die Floskeln und die Rhetorik. Er bekennt sich zum Relativismus, und ist damit wenigstens ehrlich.

3. Aktionär statt Mitglied

Der Pfarrer Schüller will fernerhin Aktionär statt Mitglied in „seiner“ Kirche sein. Nun, kurze Empfehlung: Wenn Sie nicht Mitglied sein wollen, dann treten Sie doch aus. Wenn die Kirche dann an die Börse geht („ihre“ Kirche wird dies wahrscheinlich bald tun, um die Marktkapitalisierung zu erhöhen oder so), dann können Sie doch ein Paar Aktien für die wenigen Cent kaufen, die solche Aktien dann noch wert sein werden.

Aber mal ernsthaft: Er versteht sich als Aktionär in der Kirche. Der Aktionär ist ein Anteilseigner – er kann bei der jährlichen Versammlung seinem Anteil entsprechend über den Kurs des Unternehmens abstimmen. Auch dies ist wieder nur eine deutliche, ehrliche Formulierung derselben Ansicht, die auch von so manchem Verbandskatholiken und sogar Bischof in Deutschland immer wieder andeutungsweise vertreten wird. Auch hier besteht der Unterschied eigentlich nur in Schüllers Ehrlichkeit – er versteckt sich nicht hinter Tarnkappen und Worthülsen, sondern sagt was er will. Das macht es leichter, ihn der Häresie zu überführen. Aber das macht die Äußerungen der hinter Tarnkappen verschanzten Kirchenleute nicht besser.

Der Aktionär kann, wenn er die nötige Mehrheit der Anteile hinter sich versammelt hat, beschließen was er will. Es gibt keine unveränderlichen Lehrsätze in einer Aktiengesellschaft. Damit offenbart Schüller endgültig, wohin er „seine“ Kirche steuern will. In die völlige Beliebigkeit, in den Zynismus, der immer das für wahr hält, was die Mehrheit gerade denkt – bis die Mehrheit ihre Meinung ändert. Dann kann die Kirche aber keine Orientierung mehr bieten. Orientierung bietet ein Fähnchen im Wind nämlich nicht, die Kompassnadel aber schon.

Eine solche „Kirche“ wäre nicht einmal mehr als rein weltliche Sozialgemeinschaft sinnvoll, da sie nicht einmal mehr Orientierung oder ein Ziel vorgeben kann, und wäre es nur ein rein weltliches Ziel. Eine solche Kirche wäre schlicht vollkommen nutzlos. Und als solche ginge sie auch ganz schnell unter.

Die drei in dieser Bewertung des Schüller-Interviews genannten Punkte sind von mir nicht zufällig ausgewählt worden. Sie stellen vielmehr eine sukzessive Steigerung der Häresie dar. Zuerst werden einige wesentliche Glaubensinhalte geleugnet, dann führt dies zur Leugnung der Sakramente (Punkt 1), was wiederum den Unterschied zwischen „den Kirchen“ einebnet (Punkt 2) und letztlich sogar den Unterschied dieser multiplen relativistischen Kirchen zu rein weltlichen Unternehmen vernichtet (Punkt 3). Erst streicht man das Besondere am Katholizismus, nur um dann verwundert festzustellen, dass katholische und evangelische Kirche gleich sind.

Dann streicht man das Besondere am Christentum – die Einzigartigkeit Jesu Christi als DEM EINEN Weg, nur um dann verwundert festzustellen, dass doch alle Religionen und Konfessionen gleichermaßen bloß indifferente „Karawanen der Gottsuche“ seien.

Schließlich spricht man diesen substanzlosen Karawanen der Gottsuche auch noch die Charakteristika ab, die sie wenigstens noch zu „Gottsuchern“ gemacht hat, indem man sie zu reinen Aktionären degradiert.

Dieser unheilige Dreischritt ist das Werk des Schüller. Eine viel vollständigere Leugnung nicht nur des katholischen Glaubens, sondern des Christentums überhaupt; nicht nur des Christentums, sondern des Religiösen überhaupt, lässt sich kaum denken. Dagegen sind Atheisten fast noch fromm.

Mir drängen sich nach diesem unheiligen Dreischritt noch drei nicht ganz so unheilige Fragen auf:

1. Wann wird Pfarrer Schüller laisiert – und warum haben die österreichischen Bischöfe, an erster Stelle Kardinal Schönborn noch nicht längst entschlossen gehandelt?

2. Wann tritt seine Generation endlich ab? (Lieber 100 gute Pfarrer als 100000 schlechte, und die wenigen Neuen sind generell keine stolzen Häretiker)

3. Haben Sie schon beim Aufruf zum Gehorsam mitgemacht?

Relativismus als Dialogmittelweg?

Kath.net ist eine der wenigen Nachrichtenquellen, die ein gläubiger Katholik normalerweise in Ruhe lesen kann, ohne redaktionellen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Das trifft auch (wenn auch nur zu einem geringen Teil) auf den Gastkommentar von Andreas Püttmann zur sogenannten Dialoginitiative und ihrem Auftakt in Mannheim zu. Leider ist es jedoch auch das Beste, was man aus katholischer Perspektive dazu sagen kann. Ansonsten ist er ein unklares Sammelsurium zur Schau getragener „Offenheit“ gegenüber denjenigen, die den Glauben und die Sittenlehre der Kirche im Geiste des Säkularismus zu demontieren suchen. Beispiele gefällig?

(1) Suggestive Titelwahl

Püttmann schreibt bereits im Titel – „Dialogseligkeit und Dialogressentiment“ – einen Gegensatz hoch, der wohl nur in seinem Kopf als solcher zu verurteilen ist. Wenn man der Meinung ist, dass Glaubens- und Sittenwahrheiten auf den Tisch gehören und abgebaut werden sollen, damit die Kirche an oberflächlicher „Relevanz“ gewinnt, dann wird man zu den „Dialogseligen“, denn es ist transparent, dass dies das einzige Ziel der Dialoginitiative ist. Ansonsten hätte man die Sache ganz anders aufziehen müssen. Ist man hingegen der Meinung, dass Glaube und Sittenlehre durch das ordentliche Lehramt der Kirche festgelegt sind und nicht dem Mehrheitswillen angepasst werden dürften, dann wird man diesen Dialogprozess ablehnen. Püttmann bezeichnet diese beiden Gegensätze extrem tendenziös als „Seligkeit“ und „Ressentiment“. Wie wir alle wissen, ist im katholischen Kontext „Seligkeit“ etwas sehr Gutes, während „Ressentiment“ eie nicht von Argumenten zu untermauerndes, generell vorurteilsbehaftetes, irrationales Gefühl der Abneigung ist, von dem Menschen normalerweise Abstand nehmen sollten. Schon die Titelwahl zeigt also die Tendenz des Kommentars: Die Abrißbirnen der Kirche sind „selig“, während die Verteidiger des Lehramts von „Ressentiments“ zerfressen sind.

(2) Die Kirche für 30 Silberstücke und etwas weltliches Ansehen verjuxen?

In den ersten zwei Absätzen scheint es dann, als ob der Titel unberechtigt oder unbedacht gewählt sei. Püttmann schreibt, man habe in der Dialoginitiative zwischen der „Diskursethik von Habermas“ und der naturrechtlichen Tradition der Kirche, besonders des Papstes Benedikt zu wählen. Er charakterisiert damit treffend die Wahl, vor der der heutige Katholik steht. Er kann sich der Lehre der Kirche, dem sittlichen Naturrecht und dem Heiligen Vater anschließen, oder einem kruden Soziologismus, der jeder Fundierung in der Wahrheit entbehrt und immer das als „richtig“ ansieht, was die Mehrheit im „Diskurs“ oder „Dialog“ beschließt.

„Nimmst Du nicht an der Wahrheit Maß, dann bleibt Dir nur der Habermas“, lautet ein Bonmot des Professors für Christliche Gesellschaftslehre, Lothar Roos. Er hält es offensichtlich mehr mit Ratzinger, dem Naturrecht und der Lehrtradition als mit dem berühmten „Diskursethiker“.

Zwischen der Erkenntnislehre dieser beiden „Päpste“ haben die deutschen Katholiken in gewisser Hinsicht jetzt zu wählen.

Man ist geneigt, Püttmann für diese klare Darstellung der Alternativen zu loben. Umso erschreckender ist das was folgt:

Denn alle Stuhlkreise hatten drei Prioritäten einer zukünftigen Kirche „mit großer Ausstrahlungskraft“ zu wählen und von dieser wiederum die wichtigste, die dann coram publico vorgetragen wurde. Hierbei dominierten – ohne dass es dazu im Plenum Widerworte der anwesenden Bischöfe gab – die bekannten „Reizthemen“: Frauenpriestertum (oder –diakonat), Zölibat, Machtverteilung zwischen Geweihten und Laien sowie Fragen des Sechsten Gebotes, insbesondere zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen.

Darüber lässt sich trefflich debattieren, mit guten Argumenten auf beiden Seiten. Modifikationen kirchlicher Morallehre unter veränderten zivilisatorischen Bedingungen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen gab es früher schon, etwa bei den „Ehezwecken“, der Todesstrafe, der Sklaverei, oder dem Zinsverbot. Wo „Glaube und Vernunft“ wirklich voneinander lernen sollen, ist die geistig-geistliche Anstrengung auch zur Überprüfung kirchlicher Lehren legitim, zumal wenn diese nicht zum „Credo“ des Christentums gehören.

An dieser Stelle angekommen, muss man sich fragen, ob Herr Püttmann nicht vielleicht lieber einer Glaubensgemeinschaft beitreten sollte, in der die Wahrheit dasselbe ist wie die Meinung der Mehrheit. Man lasse sich diese zwei Absätze auf der Zunge zergehen. Erst stellt Püttmann absolut klar, worum es geht: Kirche, Papst, Lehramt, Naturrecht auf der einen Seite, Habermas, Zeitgeist, Diskursethik und Relativismus auf der anderen Seite. Dann plädiert er auf Neutralität zwischen beiden Seiten! Es hätten, so Püttmann, die üblichen Reizthemen dominiert, darunter Frauenpriestertum, Homosexualität, „Machtverteilung“ zwischen Laien und Geweihten, „Fragen des sechsten Gebots“ – also Sexualmoral auf Dialogchinesisch verklausuliert.

Das alles sind aber keine „Diskussionsthemen“, sondern Teil der unveränderlichen Lehre der Kirche. Homosexuelle Akte sind sündig, Frauen können nicht Priester werden, Sexualität außerhalb der Ehe, Scheidung, Verhütung, Abtreibung usw. sind ebenfalls durch das Lehramt klar entschieden worden. Püttmann behauptet, alle diese Fragen seien diskutabel, mit guten Argumenten auf beiden Seiten, auch innerhalb der Kirche, schließlich habe die Kirche ja schon früher ihre Lehre abgeändert. Nun, wenn Püttmann das wirklich glaubt, kann er dann guten Gewissens das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen? „Ich glaube an… die heilige katholische Kirche…“? Wenn die Kirche als Institution ihre Lehre abgeändert hat, und dies wieder tun kann, dann ist sie nicht die Kirche, die Gott „in die ganze Wahrheit führen“ wollte. Dann ist sie eine menschliche Erfindung und alles was sie sagt ist prinzipiell so suspekt, wie die Worte gewohnheitsmäßiger Lügner. Denn dann wäre die Kirche nichts anderes als eine gewohnheitsmäßige Lügnerin, die seit 2000 Jahren viele Millionen Menschen verführt hat. Sie wäre die schändlichste Institution, die jemals die Erde besudelt hätte. Sie hätte ferner ihre Existenzberechtigung verloren.

Eine bloß menschliche Organisation kann nämlich auch nicht Brot und Wein in den Herrn verwandeln. Es gäbe damit in der katholischen Kirche keine Eucharistie, keine Realpräsenz, keine Wandlung, im Tabernakel keinen Herrn. Keine Existenzberechtigung für Priester, kein Lehramt, nichts. Die Kirche wäre ihres ganzen Sinnes beraubt, wenn sie ihre Lehre wirklich abändern könnte.

Kann die Kirche von Zeit zu Zeit disziplinarische Vorschriften modifizieren? Ja, sie kann, und sie hat. Das ist etwa bei der Todesstrafe der Fall. Die Kirche lehnt die Tötung Unschuldiger generell ab. Sie lehnt NICHT generell die Todesstrafe ab, aber sie hält dazu an, sofern möglich, andere Mittel zu wählen, wie etwa lebenslange Haftstrafen. Die Todesstrafe ist in modernen westlichen Gesellschaften, gegeben aktuelle Sicherheitsstandards in Gefängnissen, gegeben die Möglichkeit lebenslanger Haftstrafen usw. nicht notwendig. Dies ist jedoch keine Veränderung der kirchlichen Moral, sondern eine Veränderung der gesellschaftlichen Umstände, auf die die kirchliche Moral angewendet wird. Die Sittenlehre ist dieselbe: Die Tötung als Strafe für ein Kapitalverbrechen ist nicht an sich unmoralisch, aber sie ist in der heutigen Gesellschaft kaum oder gar nicht notwendig. Lesen Sie den Katechismus, Herr Püttmann, bevor Sie behaupten, die Kirche habe „ihre Lehre verändert“.

Soweit zu der lächerlichen Behauptung, die Kirche könne in den von Püttmann und den „Dialogseligen“ aufgebrachten Themengebieten, einfach das Gegenteil von dem sagen, was sie immer gelehrt hat, ohne damit jegliche Glaubwürdigkeit zu verspielen, die sie je gehabt haben mag. Denn bei ihnen geht es nicht um die Anwendung moralischer Prinzipien auf eine neue Zeit, sondern um eine Änderung der Prinzipien. Sexualität ist natürlich auf die Fortpflanzung hingeordnet – daher sind sexuelle Akte, die prinzipiell die Möglichkeit der Fortpflanzung willentlich ausschließen, immer moralisch falsch. Darunter fallen sowohl Verhütung, als auch Homosexualität, um nur zwei Reizthemen der Kirchendemonteure zu nennen. (Für Katholiken sind das übrigens keine „Reizthemen“, sondern wunderschöne Glaubenswahrheiten!) Und es gibt auch keine „Wiederverheiratet-Geschiedene“ aus dem einfachen Grund, dass es keine „Geschiedenen“ gibt. Scheidung ist unmöglich. Was durch den Ehebund zusammengefügt worden ist, ist zusammengefügt. Kein Mensch kann diesen Bund aufheben – und der Versuch ist moralisch verwerflich. Man kann also Menschen, die freiwillig und öffentlich in schwerer Sünde persistieren, obgleich ihnen die Möglichkeit gegeben worden ist, aus diesem Zustande zu entfliehen, keinesfalls zur Kommunion zulassen.

Herr Püttmann behauptet ferner, die genannten Glaubens- und Sittenwahrheiten gehörten nicht zum Credo. Wie oben schon gezeigt, stimmt auch das nicht. Wer seinen Glauben an die Kirche bekennt, und dann die Lehre der Kirche nicht akzeptiert, der widerspricht sich selbst. Eine von zwei Aussagen muss falsch sein – entweder man glaubt an die Kirche, oder man glaubt ihr nicht. Da muss man sich schon entscheiden.

Die meisten im Mannheimer Meinungsbild vertretenen Thesen sind offen oder versteckt häretisch. Und das zu sagen ist „Ressentiment“, um Herrn Püttmanns Kommentartitel zu zitieren.

(3) Der Ausverkauf des Glaubens

Doch Herr Püttmann ist offenbar entschlossen, allen irgendwie zu gefallen, und damit ein Kind seiner Zeit – nur die Kirche bewahrt den Menschen vor der Sklaverei, ein Kind seiner Zeit zu sein, wie Chesterton sagen würde. Denn er kritisiert dann auch noch die „Seligen“, um Herrn Püttmanns Dialogterminologie zu folgen:

Man kann dies der „Reformpartei“ [Püttmann meint die Mutablilität der Glaubens- und Moralwahrheiten, von der er oben verklausuliert sprach – Anm. von Catocon] zugestehen und dennoch finden, dass die „Reizthemen“-Fixation an der radikalsten Herausforderung, der Glaubenskrise, vorbeigeht: [1] An den Zweifeln an unserer christlichen Auferstehungshoffnung, [2] der göttlichen Allmacht und Güte angesichts von Leid und Katastrophen, [3] der Realpräsenz Christi in der Eucharistie, [4] am Sinn des Bußsakraments, [5] am Auftrag zur Mission. Von all dem hörte man aber kaum etwas in Mannheim.

Nun, wenn die Kirche die Lehre in Glaubens- und Moralfragen einfach so abändern kann, was Herr Püttmann ja seinen „Dialogseligen“ zugesteht, dann gibt es kein einziges Argument mehr gegen den Reformeifer, denn Herr Püttmann hier ungerecht kritisiert. Wenn die Lehre der Kirche wirklich beliebig ist – was er den Neo-Reformatoren ja erklärtermaßen zugestanden hat – warum soll man dann nicht versuchen „anzukommen“ und der Welt zu gefallen? Gehen wir die obenvon mir mit Ziffern versehenen Anliegen Püttmanns vor dem Hintergrund seines zur Schau gestellten und zugestandenen Relativismus also durch:

[1] Die Auferstehungshoffnung: Sie basiert auf den durch das Neue Testament überlieferten Worten Jesu. Das Neue Testament ist eine Sammlung von frühchristlichen Schriften, die verbindlich von der Kirche zu einem Kanon zusammengestellt worden ist. Wenn aber die Kirche ihre Lehren einfach so ändern kann, vielleicht ist dann ja demnächst das Thomas-Evangelium Teil des Kanons, und das Johannes-Evangelium nicht mehr, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Bibel bezeugt, interpretiert durch die Linse der Tradition, die Auferstehungshoffnung, doch wenn die Linse Tradition (=Lehramt) suspekt geworden ist, was sie werden muss, wenn man den Neo-Reformatoren Püttmanns Zugeständnisse macht, dann kann man die Bibel auch anders interpretieren. Fragen Sie mal Herrn Bultmann. Die Auferstehungshoffnung kann nicht bestehen ohne das Lehramt der Kirche, und das ist, nach Herrn Püttmanns Auffassung, schön öfters im Irrtum gewesen, kann also keine Glaubwürdigkeit mehr für sich beanspruchen.

[2] Die göttliche Allmacht und Güte im Angesicht von Katastrophen: Ist ebenfalls nicht mehr notwendig, wenn man erst einmal Herrn Püttmanns Zugeständnisse gemacht hat. Die Gnostiker waren in der Lage, sich die Texte so zurechtzulegen, dass der Gott des Alten Testaments böse war, und Jesus ihn abgelöst hat. Das passiert eben schonmal ohne Treue zum Lehramt der Kirche…

[3] Die Realpräsenz Christi in der Eucharistie: Wenn das Lehramt der Kirche in wichtigen Fragen der Sitten- oder Glaubenslehre irrt, kann man ihm kein Vertrauen mehr schenken. Und da die einzig Gott angemessene Anbetung eines bloßen Brotes nichts anderes ist als Gotteslästerung er schlimmsten Art, reicht schon ein geringer Zweifel an der absoluten Vertrauenswürdigkeit des Lehramts dazu aus, um davon Abstand zu nehmen. Es ist aber einzig die Überlieferung der Kirche – in Bibel und Lehramtstexten – die uns die Realpräsenz garantiert. Das Dogma fällt dann also auch.

[4] Der Sinn des Bußsakraments: Beichten ist unangenehm. Warum beichten, wenn ich einfach behaupten kann, da müsse sich bei meiner Lieblingssünde die Kirche einfach geirrt haben!? Unter Herrn Püttmanns Konzessionen an die „Dialogseligen“ GIBT ES KEINEN Sinn des Bußsakraments mehr.

[5] Auftrag zur Mission: Wenn die Kirche sich in Fragen des Glaubens und der Sittenlehre korrigieren kann und fortan eine neue, modernere, Moral vertreten kann, dann ist die Wahrheit entweder bloß relativ, oder die Kirche hat sich in ihrer Geschichte über 2000 Jahre geirrt, bis die Aufgeklärten „Dialogseligen“ sie unter ihrer abgestandenen Dunstglocke von, um Herrn Püttmann zu zitieren, „Ressentiments“ zu befreien. So eine Institution hat eigentlich keinen Grund zur Mission. Und der Auftrag Jesu zur Mission ist im Neuen Testament – das, wie wir weiter oben gesehen haben, ja aus der Feder der frühen Kirche stammt, und von der nicht ganz so frühen Kirche im 4. Jahrhundert kanonisiert worden ist. Sie ist also auch nicht mehr zuverlässig.

Wir sehen also: Alle für Herrn Püttmann wichtigen Punkte sind faktisch nicht mehr haltbar oder zumindest extrem fragwürdig, wenn man den „Dialog-Seligen“ Püttmanns Zugeständnisse erst einmal gemacht hat. Warum sich die Mutter aller Stuhlkreise in Mannheim also mit solchen Trivialitäten befassen soll, sagt Herr Püttmann uns nicht.

(4) Scheinargumente

Herr Püttmann nennt dann noch drei „Argumente“, die die „Dialogseligen“ zu größerer „Mäßigung“ anhalten sollen:

Mehr Skepsis gegenüber allzu leichtfüßigem „Reform“-Eifer sollte auch wecken, dass die Reformideen der Mannheimer Wunschliste (1.) genau die Agenda widerspiegeln, die der Kirche von der säkularen Gesellschaft und ihren Medien ständig aufgedrängt werden; sie (2.) im noch rascher geschrumpften deutschen Protestantismus bereits weitgehend realisiert sind; und dass sie (3.) nicht von der deutschen Kirchenprovinz, sondern nur von der römisch-katholischen „Weltkirche“ zu entscheiden sind, in der die Deutschen kaum 2 Prozent der Mitglieder auf die Waage bringen. Rom aber hat in diesen Fragen schon klar gesprochen, teilweise definitiv wie Johannes Paul II. zum Priestertum der Frau.

Doch Herr Püttmann hat von Anfang an gesagt, dass die von ihm jetzt kritisierte Agenda sehr gute Argumente für sich habe, und die Kirche diese Fragen auch abändern könnte, wenn sie wollte. Warum soll eine Agenda schlecht sein, nur weil sie von Säkularisten stammt, da doch die Kirche nicht als verlässlich gelten kann, wenn man Herrn Püttmanns Annahmen zu Ende denkt? Das Argument, die Kirche solle sich nicht protestantisieren, weil die Protestanten noch stärker geschrumpft seien, könnte da schon eher tragen, ist jedoch bloß Marketingstrategie. Und dass Deutschland nur 2% in der Weltkirche ausmacht, ist irrelevant, wenn man so denkt wie die „Dialogseligen“ und in Teilen auch Herr Püttmann – denn das bedeutet ja bloß, dass die anderen noch nicht so aufgeklärt sind wie wir und wir die Chance haben, intellektuelle Avantgarde für einen neuen, aus dem Sumpf der Papisten und der „Ressentiments“ befreiten Glauben zu werden. Eine verlockende Aussicht, wenn man die Unfehlbarkeit des Lehramts in Glaubens- und Sittenfragen erst einmal aufgegeben hat, wie die „Dialogseligen“ und ihr faktischer, wenn auch nicht erklärter, Erfüllungsgehilfe Herr Püttmann.

Dasselbe gilt für das Argument, der Papst habe die Priesterweihe der Frau definitiv ausgeschlossen. Ja, aber wenn die Kirche doch ihre Lehre schon öfters geändert hat, wie Herr Püttmann weiter oben ja behauptet, dann kann sie dies wieder tun. Und wenn man Humanae Vitae und Casti Connubii dem Zeitgeist opfern kann, was Herr Püttmann zumindest für „mit guten Argumenten auf beiden Seiten“ diskutabel hält, warum dann nicht auch Ordinatio Sacerdotalis?

(5) Der Feldzug gegen die Wahrheit

Püttmann fährt dann fort, nachdem er pflichtgemäß einige Konzessionen an die „Ressentiment“-Seite der Debatte gemacht hat, die Kritiker der Mutter aller Stuhlkreise anzugreifen. Beispiel Lebensrecht:

Im gleichen Blatt klagte der Vorsitzende des „Bundesverbandes Lebensrecht“, man habe bei der Teilnehmerauswahl die Lebensschützer wohl „vergessen“.

Die Erklärung ist viel einfacher: Sie gehören dort als Organisationen nicht hin. Denn die „Aktion Lebensrecht für Alle“ oder die „Christdemokraten für das Leben“ sind aus gutem Grund überkonfessionell konzipiert. Ihre Sprecher dürfen nicht selbst dazu beitragen, den Lebensschutz als eine katholische Sondermoral erscheinen zu lassen und so das Geschäft ihrer Gegner zu betreiben, die das Thema gern in die Kirchenecke abdrängen.

Dieses Argument schießt in seiner Inköhärenz wirklich den Vogel ab und übertrifft fast noch die vorherigen Einlassungen des Kommentators. Lebensrechtsverbände gehören nicht an den Verhandlungstisch innerhalb der katholischen Kirche, weil sie nicht allein katholisch, sondern überkonfessionell sind? Ich fürchte, da erübrigt sich jedes Argument, ich versuche es aber trotzdem. In allen heute diskutierten Fragen der Sittenlehre kann die Wahrheit von allen Menschen guten Willens, ob gläubig oder nicht, erkannt werden. Wenn allein die Tatsache, dass es auch nichtkatholische Lebensrechtler gibt, den Ausschluss der Lebensrechtler vom Verhandlungstisch in der Kirche bedeutet, dann darf überhaupt keine an Fragen der Sittenlehre interessierte Gruppe, die auch vielleicht Nichtkatholiken beinhalten könnte, mehr in der Kirche mitreden.

Komisch, wie Herrn Püttmanns „Sorge“ um die Überkonfessionalität des Lebensschutzes immer wieder zu den gleichen Ergebnissen führt, wie die „Sorge“ der Abtreibungslobbys, die alle Lebensschützer von der öffentlichen Debatte ausschließen möchten. Wieder einmal liegt Herr Püttmann mit den Konsequenzen seiner Worte voll auf der Linie seiner „Dialogseligen“, „Säkularisten“ und „Diskursethiker“. Herr Püttmann weiter:

Fatal wäre auch der Eindruck, die 300 am Gesprächsforum beteiligten Katholiken hätten sich nicht alle um das menschliche Lebensrecht zu sorgen, weil es dafür spezielle Organisationen gebe.

Aha. Und weil Mitglieder von Gemeinderäten in den Stuhlkreisen vertreten waren, könnte der Eindruck entstehen, es müssten sich nicht „alle beteiligten Katholiken“ um den Zustand der Gemeinden sorgen, weil es dafür spezielle Organisationen gebe? Es wird immer lächerlicher. Es geht nur darum, das Lebensrecht aus der Kiche auszusperren, die Anliegen der Lebensschützer zusammen mit ihren Kreuzen in der Spree zu versenken, wie Herrn Püttmanns Gesinnungsgenossen (?) es jedes Jahr beim Marsch für das Leben in Berlin vormachen!

Ferner beklagt sich Herr Püttmann noch darüber, dass viele „Konservative“ – gemeint sind kirchentreue Katholiken – die Gremienkatholiken einer „schweigenden Mehrheit“ von Katholiken an der Basis gegenübersetzten. Er argumentiert, wenn man das so nennen kann:

Der Veränderungsdruck, den die Mannheimer Stuhlkreise ventilierten, entspricht durchaus der letzten großen Repräsentativbefragung deutscher Katholiken im „Trendmonitor“ 2010: Vier von fünf Katholiken kritisieren den Zölibat, drei von vier „die Rolle der Frau in der Kirche“, eine Zweidrittelmehrheit „den Umgang mit Kritikern innerhalb der katholischen Kirche“. Noch breitere und wachsende Mehrheiten stören sich an der „Haltung zur Sexualität“ (79%), am „Umgang mit Homosexuellen in der Kirche“ (68%) und an der Lehre zur Empfängnisverhütung (85%)

Nun, ich möchte noch einige Zahlen hinzufügen: 90% der Katholiken gehen nicht zur Messe. Mehr als 70% glauben nicht an die Realpräsenz usw. Die Umfrage unterschiedet, wie Herr Püttmann später selbst kleinlaut zugesteht, nicht nach Kirchgängern und apathischen Taufscheinchristen, denen der Austritt zu stressig ist. Zur letzteren Gruppe gehören die 90% der Katholiken, die es nicht einmal mehr für nötig halten, regelmäßig zur Messe zu kommen – eine Stunde in der Woche für den Herrn scheint ihnen zuviel. Ja, diese 90% sind säkularisiert. Und sie vertreten säkularistische Positionen. Kein Wunder.

Doch was ist mit den 10% der Katholiken, die noch die Kirche aufsuchen? Denken dort auch große Mehrheiten, die Kirche solle aufhören Kirche zu sein und sich lieber als Sozialverband und Umweltschutzorganisation neu definieren? Man weiß es nicht. Eine andere Umfrage zeigt aber, dass über 40% der regelmäßigen Kirchgänger eine in ihrer Pfarrei angebotene Messe in der außerordentlichen Form zumindest einmal monatlich aufsuchen würden, und 68% fänden es normal, wenn beide Formen in der Pfarrei zelebriert würden. Ich fürchte, dass diese Leute nicht gerade erbaut wären, wenn die Kirche ihren Glauben „zeitgemäßer“ gestaltete, und sich damit selbst ad absurdum führte.

Abschließend sagt Herr Püttmann noch und offenbart damit die Wurzel seines Irrtums:

Wo der Dialog nur als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Einsichten betrachtet wird, muss er in Frustration enden.

Hier offenbart sich Herr Püttmann als einfacher Relativist. Beide Seiten des „Dialogs“ werden, völlig unabhängig vom Wahrheitswert ihrer Aussagen, als gleichberechtigt nebeneinanderstehend gedacht, und dann müssten sie von ihren „eigenen Einsichten“ abstrahieren und nicht mehr versuchen sie durchzusetzen. Ein wundervolles Rezept – wenn es keine objektive Wahrheit gibt, sondern alles, Habermas folgend, als „Diskurs“ verstanden wird, in dem jede Gruppe ihre „Ethik“ demokratisch beschließt. Diese Mentalität verunmöglicht es Herrn Püttmann leider, sich erfolgreich für die Lehre der Kirche und die Wahrheit einzusetzen.

Natürlich muss der Dialog in Frustration enden, wie Herr Püttmann sagt, aber nicht weil es da „Selige“ und „Ressentimentgeladene“ gibt, sondern weil die Kirche von ihrem Herrn, nicht von ihrem Stuhlkreis und den Massenmedien, in die ganze Wahrheit geführt wird.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass es sich bei dem Gastkommentar um das Schwächste handelt, das ich bei kath.net jemals gelesen habe. Herr Püttmann unternimmt den Versuch, einen Mittelweg zwischen „Dialogseligen“ und „Dialogressentiment“ zu finden, spricht aber sowohl durch die Titelwahl als auch durch den Inhalt des Kommentars den lehramtstreuen Katholiken jegliches Argument ab und schreibt ihnen stattdessen eben diffuse „Ressentiments“ gegen die ehrlichen, wenn auch teilweise aus seiner Sicht fehlgeleiteten und übereifrigen, „Reformbemühungen“ der „Seligen“ zu. Dass das nicht gerade ein Mittelweg ist, sondern eher eine distanzierte Parteinahme für den „Reformflügel“ der Kirche, ist aber auch klar.

Eine solche Parteinahme ist Herrn Püttmanns gutes Recht, aber man sollte sie auch als solche bezeichnen, und nicht als „Mittelweg“ verkaufen.

Abtreibung und Subjektivismus

In der heutigen Diktatur des Relativismus tauchen solche Fragen schon einmal auf:

Wenn die Einstellung zur Abtreibung entweder modern oder antimodern ist und nicht der Würde der menschlichen Natur entsprechend oder widersprechend, muß man sich dann überhaupt noch wundern?

Wir leben in einer Gesellschaft, die als wesentlichen Standard der moralischen Bewertung menschlichen Verhaltens entweder emotionale Bedürfnisse oder „gesellschaftlichen Fortschritt“ anlegt. Die Würde der menschlichen Natur ist ein objektives Kriterium, dessen Anwendbarkeit – wie alle objektiven Kriterien – notwendigerweise auf der Existenz einer objektiven, d.h. vom Beobachter unabhängigen Außenwelt beruht, über die wir mit den Mitteln der naturwissenschaftlichen oder philosophischen Rationalität etwas erfahren können. Ferner setzt sie voraus, dass diese objektive Außenwelt ebenfalls objektiv eine natürliche moralische Ordnung beinhaltet.

Derartige Annahmen sind seit dem 17. oder 18. Jahrhundert in der Philosophie außer Mode. Stattdessen gehen Philosophen seitdem davon aus, dass wir gar nicht fähig sind, objektive Muster in der Außenwelt wahrzunehmen, sondern dass alles durch den Filter unseres Wahrnehmungsapparates möglicherweise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet worden sein könnte. Auf dieser Basis kann eine objektive Menschenwürde ebensowenig angenommen werden wie allgemein ein objektives moralisches Gesetz. Und wer jetzt glaubt, diese philosophischen Abstraktionen seien für das Alltagsleben der Menschen irrelevant, der irrt sich gewaltig. Natürlich denken die wenigsten Menschen bewusst über ihre Philosophie nach. Aber das heißt nicht, dass sie keine hätten. Wer nicht über seine Philosophie nachdenkt, der bekommt sie unbemerkt durch seine Umgebung, durch Massenmedien, durch die dominanten Paradigmen in Schule und Universität usw. „aufgedrängt“.

Und was für eine Philosophie bekommen wir aufgedrängt, wenn wir uns nicht aktiv mit solchen Fragen befassen? Diejenige, die sich in den letzten 250 Jahren von den Philosophen und einigen damals modernen Theologen über die Universitäten und von dort in alle gesellschaftlichen, medialen und politischen Bereiche ausgebreitet hat – eben die oben beschriebene Philosophie des Relativismus und Subjektivismus.

Diese Philosophie ist, soviel steht außer Frage, inkompatibel mit jeglichem traditionellem Christentum, da sie uns sicheres Wissen über eine natürliche Schöpfungsordnung ebenso verbaut wie sicheres Glaubenswissen über Gott. Alles was uns dann bleibt, sind religiöse „Erfahrungen“, die ihrem Charakter nach immer subjektiv und anfechtbar bleiben. Glaube wird damit zur bloßen „subjektiven Präferenz“, und da es in allen Religionen Mystiker und Visionäre gibt (Menschen mit tiefgreifenden religiösen Erlebnissen) kann keine Religion für sich das Mantel der Wahrheit behaupten. Das ist die Wurzel des religiösen Indifferentismus, der heute so viele öffentliche Einlassungen „progressiver“ Theologen entscheidend prägt.

Diese Philosophie ist ebenso inkompatibel mit traditionellen moralischen Werten, da die rationale Argumentation für sie unausweichlich auf der Annahme natürlicher Zwecke („Finalursachen“ in der technischen Terminologie) beruht, welche letztlich nur dann objektiv in der Wirklichkeit feststellbar sein können, wenn wir uns zumindest teilweise auf die Zuverlässigkeit unserer Wahrnehmungsorgane berufen können. Doch genau diesen Schritt macht die Philosophie des Subjektivismus unmöglich. Jede Wahrnehmung ist nur (persönlich gefärbte) Erfahrung, keine besitzt irgendeinen Wahrheitsanspruch. Das gilt auch für die Wahrnehmung natürlicher Zwecke oder natürlicher Funktionen in der Außenwelt. Biologisch gesehen ist etwa Sexualität zur Fortpflanzung da. Doch ohne natürliche Zwecke ist dies ein bloßes Faktum ohne jede moralische Schlussfolgerung – so wie etwa in der modernen Evolutionsbiologie und -psychologie. Nur wenn es Finalursachen, natürliche Zwecke, gibt, d.h. wenn die Funktion der Sexualität objektiv, unabhängig von den persönlichen Wünschen und Emotionen des Beobachters, den Zweck der Fortpflanzung hat, dann kann man es als moralischen Fehler qualifizieren, wenn jemand vorsätzlich gegen diese Zwecke handelt.

Solange aber der Subjektivismus in den Köpfen der Menschen herrscht, wird es immer dabei bleiben, dass der eine sagt, er sehe den Naturzweck der Sexualität in der Fortpflanzung und der Andere, er sehe ihn in etwas anderem, vielleicht in der Freude, die durch den Sexualakt entsteht, und ein dritter leugnet die Existenz von Naturzwecken vollständig. Gegeben die Annahme des Subjektivismus, ist es vollkommen unmöglich, dass einer der drei im Recht und die anderen im Unrecht sein könnten. Eine objektive, wahrhaft gültige Moralität kann es damit ebensowenig geben wie eine objektiv wahre Religion.

Der Subjektivismus macht daher die christliche Religion und christliche Moral zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Ein überzeugter Subjektivist kann Abtreibung nicht objektiv als Verstoß gegen die moralische Ordnung oder die Menschenwürde sehen, sondern höchstens eine „persönliche Meinung“ zu dem Thema haben, die er „natürlich niemandem aufzwingen will“. Er ist „persönlich gegen Abtreibung“, aber „tolerant“. Und wenn diese Art Toleranz modern ist, ja dann ist Abtreibung tatsächlich „modern“ und Abtreibungsgegner „antimodern“.

Denn auch Begriffe wie „Fortschritt“, „Rückschritt“, „modern“ oder „antimodern“ sind wieder rein relativistische oder subjektivistische Begriffe – sie basieren auf den persönlichen Präferenzen des Redners. Insofern gesellschaftliche oder moralische Ordnung auf sich gestellt ähnlich der physikalischen Entropie immer zum Zerfall tendiert, ist in der Tat Abtreibung „fortschrittlich“, insofern sie ein fortgeschrittenes Stadium der moralischen und gesellschaftlichen Entropie darstellt.