Erziehung als Kulturkampf (Teil 3/4)

Es folgt der dritte Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Hier geht es zum ersten und zweiten Teil.

7. Folgen staatlicher Kindererziehung

Was passiert nun, wenn ein Staat nach den Kindern greift? Da es keine religiöse und moralische Neutralität gibt, wird der Staat – bewusst oder unbewusst – eine ganz bestimmte religiöse und moralische Initiation, ein tief im Menschen sitzendes Grundverständnis von Kult, Kultur und Moral erschaffen und in den Kindern, die ihm anvertraut sind, verankern. Dasselbe gilt auch für den Erziehenden, der formal privat ist, aber der staatlichen Lizenz bedarf und staatliche Regulierung des Inhalts seiner Erziehungstätigkeit zu befolgen hat.

In der DDR hat der Staat das absichtlich getan, um die Kinder zu guten Sozialisten zu erziehen. Doch selbst wenn er gar keine Indoktrination beabsichtigt, kann er nicht anders als zu erziehen, bewusst oder unbewusst, wenn ihm die Kinder anvertraut sind.

Nehmen wir den pluralistischen Staat an, der es wirklich nur gut meint, und keine Indoktrination beabsichtigt; nehmen wir also den bestmöglichen Fall an. Seine Erziehung im Geiste der religiösen und moralischen Neutralität ist eine Fiktion, weil es keine wahre Neutralität gibt, wie wir gesehen haben. „Alle Religionen sind gleichermaßen privat“ und „Moral ist Privatsache“ sind nicht neutral, sondern indifferentistisch. Sie sind ebenfalls Teil einer ganz bestimmten Kult-Kultur-Ganzheit, nämlich einer Kultur des Pluralismus und Indifferentismus, die sich in Abgrenzung zu anderen Ganzheiten derselben Art definiert. Man könnte diese Ganzheit als „Relativismus“ bezeichnen.

8. Sieg staatlicher Initiation – Entrechtung der Eltern

Die Initiation in den Relativismus schließt eine gleichzeitige konfliktfreie Initiation in eine andere Kult-Kultur-Ganzheit aus. Man kann nicht zugleich zum Relativisten und zum Katholiken erzogen werden. Es kommt hier zu unauflöslichen Konflikten, zu Widersprüchen. Wer wird sich durchsetzen? Der, der den stärksten Einfluss auf das Kind hat. Wer ist das? Der Erzieher, dessen Initiationsrichtung identisch mit derjenigen der Massenmedien, der meisten Gleichaltrigen und der meisten sonstigen Einflüsse ist, die auf das Kind einwirken. Die Eltern, die das Kind an so manchem Abend sehen, werden da wenig gegen tun können. Sie sind damit faktisch entmachtet und entrechtet worden.

Die staatliche Kindererziehung ist also immer gleichbedeutend mit Initiation in die herrschende Kultur, die immer auch zugleich Initiation in den herrschenden Kult und die herrschende Moral ist. In der heutigen Gesellschaft sind dies die relativistische Kultur, die Religion subjektiver, scheinbar moralfreier Spiritualität, und die Moral, die den höchsten Wert in subjektiver Zufriedenheit sieht. Die Initiation in die durch diese Merkmale beschriebene gesellschaftliche Situation ist notwendige Folge staatlicher Kindererziehung in der heutigen Gesellschaft.

Die gesellschaftliche Situation, d.h. der geistige Ort, an dem die Person sich nach erfolgter Initiation befinden wird (sich situiert haben wird), ist je nach Kult-Kultur-Ganzheit dramatisch verschieden. Im Fall der Opposition zwischen modernem Relativismus und Katholizismus ist dieser Gegensatz besonders eklatant, da die Gegensätzlichkeit in allen drei Dimensionen der Initiation – Kultur, Kult und Moral – äußert.

Erziehung ist, wie schon gesagt, Initiation in eine Kulturganzheit, und daher in einer Gesellschaft, in der mehrere Kulturen koexistieren müssen, immer entweder privat oder Gegenstand eines Kulturkampfes.

9. Erziehung als Kulturkampf

Staatliche Kindererziehung ist also in der pluralistischen Gesellschaft immer ein Kulturkampf, weil der Staat nur in eine Kulturganzheit initiieren und nur eine Situiertheit anstreben kann. Dieser Kulturkampf ist nicht von den Katholiken begonnen worden, weil die Katholiken nicht nach der Verstaatlichung der Kindererziehung gerufen haben. Aber die Katholiken müssen ihn kämpfen, weil es hier nicht nur um Kultur, sondern auch um Moral; nicht nur um Moral, sondern auch um den Kult, d.h. den wahren Glauben, die wahre Religion, geht. Und weil ohne diese wahre Religion das ewige Seelenheil der Kinder in Gefahr ist.

Wir sehen heute, wie man von „Betreuung“ spricht, die die Kinder in Kitas erhalten sollen. Der Erziehungsbegriff, den die progressivistischen Eliten uns aufzwingen wollen, ist ein auf Betreuung beschränkter Begriff, weil die Initiation in eine materialistische Kultur erfolgen soll, in der die höchsten Werte selbst wieder materiell sind. Materielle Dinge können Betreuer leisten. Da die gewünschte Erziehung einen materialistischen Menschen hervorbringen soll, braucht der Erzieher nicht mehr zu tun, als zu betreuen. Doch für uns ist Erziehung mehr als Betreuung, weil der Mensch kein Materiehaufen ist, sondern eine Person, ein einzigartiges Geschöpf aus Körper und Seele, Materie und Geist, in dem beide Aspekte fest miteinander verwoben sind, so dass sie sich nur durch den Tod trennen lassen.

Der Betreuer ist schon seinem Namen nach immer ein Materialist. Er kann nicht anders, es sei denn, er wollte mehr tun als einem Betreuer zusteht, und zu einem sich selbst als ein solcher verstehenden Erzieher werden.

Soweit der dritte Teil des Essays „Erziehung als Kulturkampf“. Der vierte und letzte Teil wird voraussichtlich morgen veröffentlicht.

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3 Gedanken zu „Erziehung als Kulturkampf (Teil 3/4)

  1. Irgendwie bin ich es leid, immer wieder auf die FSSPX hinweisen zu müssen, als würde es sonst kein Thema in der Kirche geben. Gern würde ich auch auf andere Gruppierungen verweisen, doch ich finde keine. Jedenfalls nicht, wenn ich diesem Text zustimme.
    Die zahlenmäßig kleine Bruderschaft baut Schulen, um die Kinder diesem staatlich materialistischen, relativistischen,agnostisch-atheistischen Erziehungssystem zu entziehen.
    Welche Möglichkeiten hätte die finanziell üppig ausgestattete Großkirche, katholische Schulen denjenigen Eltern anzubieten, die ihre Kinder bewusst gläubig erziehen möchten.
    Doch, was schreibe ich: Die Verantwortlichen sehen ja nicht mal die Notwenigkeit ein…
    Natürlich gibt es noch katholische Privatschulen auf hohem Niveau. Was allgemeine Lehrinhalte betrifft.. Ob in den Jesuiten-Gymnasien die Schüler wirklich noch den authentischen katholischen Glauben lernen, ob sie hier lernen können, sich gegen den gesellschaftlichenTrend zu wappnen, wage ich zu bezweifeln. Ausnahmen bestätigen die Regel…

    • Cuppa,
      ich denke bei dem Thema auch immer an die Schulen der Piusbrüder und an die Kirchensteuermittel, mit denen man die umfassende katholische Erziehung und Bildung flächendeckend fördern könnte. Aber das ist ja nicht modern und angepasst genug!

  2. Pingback: Erziehung als Kulturkampf (Teil 4/4) | Kreuzfährten: Wahrheit statt Mehrheit

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