Wessen Wunsch sind „Wunschkinder“?

Jedes Kind, so schallt uns aus der Welt entgegen, solle ein „Wunschkind“ sein. Ist es nicht das beste für alle Beteiligten, für Vater, Mutter und auch das Kind selbst, wenn es aus dem freien Entschluss, dem freien Kinderwunsch der Eltern hervorgeht? Diese Idee klingt so verführerisch wie ein frischer, saftiger Apfel im Paradies, und sie ist in der Tat verführerisch. Denkt man über sie nach, dann scheint die Vorstellung einer Welt glücklicher Eltern auf, die glückliche Kinder haben, und das ist natürlich eine glückliche Welt aus glücklichen Familien. Doch nicht selten täuscht das Vorstellungsbild, das eben durch säuselnde Worte der Verführung in die Irre geleitet werden kann. Dies gilt auch für die Wunschkind-Ideologie.

Denn „Jedes Kind ein Wunschkind“ ist zweideutig. Es kann bedeuten, dass Eltern immer in der Geisteshaltung verharren sollten, dass ein Kind, das jetzt gezeugt und bald geboren würde, wirklich und wahrhaft ein wünschenswerter Segen sei. Doch so wird es in der Regel eben nicht verstanden. Wer von „Wunschkindern“ redet, der meint in Wahrheit geplante Kinder: Kinder, die dann (und nur dann) auf die Welt kommen sollen, wenn sie den Eltern gerade genehm sind. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ impliziert bereits die Vorstellung unerwünschter Kinder.

Wer fordert, jedes Kind möge ein Wunschkind sein, der fordert damit im Umkehrschluss, jedes Kind, das von den Eltern nicht erwünscht wird, möge als kleine Kinderleiche vorgeburtlich entsorgt werden. Wunschkindideologie ist nichts anderes als Abtreibungsideologie.

Woher kommt die Vorstellung, es solle von den Wünschen der Eltern abhängen, ob ein Kind geboren werde? Diese Vorstellung kommt aus der Verhütungsmentalität. Sie besagt, dass Eltern selbst die Entscheidung treffen sollen, ob und wann neues Leben in die Welt kommen darf. Wenn in den Köpfen die Verhütung als Selbstverständlichkeit, als Normalität verankert ist, dann ist die Kinderlosigkeit die „normale“ Option geworden. In der Regel ist Sexualität nicht mehr mit der Schaffung neuen Lebens verbunden. Der Mensch kontrolliert durch Verhütung vielmehr, dass seinen fleischlichen Vergnügungen nicht mehr die natürliche Verantwortung gegenüber steht, infolge besagter Vergnügungen nunmehr für ein Menschenleben da sein zu müssen. Sexualität soll folgenlos sein, damit sie gefahrlos als Freizeitvergnügen zur Erholung konsumiert werden kann. Das ist die Verhütungsmentalität in Reinform.

Wenn man dann irgendwann, wie es meist früher oder später geschieht, den Wunsch nach einem Kinde verspürt, dann wird das Türchen zum neuen Leben, das bisher durch Verhütung versperrt wurde, einen Spalt geöffnet, zu einem sorgfältig ausgewählten Zeitpunkt, an dem das Kind gerade nicht stört, in der Absicht ein „Wunschkind“ auf die Welt zu bringen. Auch das Kind gerät dabei, ebenso wie die Sexualität, zum Konsumgut der Eltern. Das sieht man schon daran, dass der Ruf laut wird, Eltern, die, wenn ihr imperialer Wille es fordert, kein Kind „produzieren“ können, ein solches Kind durch künstliche Befruchtung zu verschaffen. Wir können das Konsumgut Kind nicht selbst herstellen; wir wollen aber ein Stück Kind konsumieren – also, schafft es herbei, auf dass unser imperialer Wille befriedigt werde.

Das „Wunschkind“ ist dasjenige Kind, das gnädig auf die Welt gelassen wurde, um ein Konsumbedürfnis seiner Eltern zu befriedigen. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ entspringt aus der Verhütungsmentalität, durch die Sexualität zum Konsumgut, zur Ware wird*, und macht seinerseits folgerichtig das Kind selbst ebenfalls zum Konsumgut der Eltern.

Dabei bleibt die Kehrseite des Wunschkindes immer der „Unfall“, durch den neues Leben – mangels (sachgerechter) Anwendung der Verhütungsmittel oder durch ihr Versagen – in die Welt kommt. Solcher Unfall wird nun tendenziell zum Abfall, was wiederum logisch ist, denn „jedes Kind“ soll ja ein Wunschkind sein. Alle Kinder, die sein dürfen, sind Wunschkinder. Nicht-Wunschkinder, „Unfälle“, können, dürfen, sollen nicht mehr sein. Wie gesagt, Wunschkindideologie ist fast immer auch Abtreibungsideologie.

Was ist dieser moralisch verarmten Vorstellung vom „Wunschkind“ entgegenzusetzen? Sollen Eltern sich denn keine Kinder wünschen? Was ist die Alternative?

Die Alternative ist, dass die Eltern gerufen sind, ihren eigenen Willen, ihren eigenen Wunsch zurückzustellen. Wenn Gott einem Ehepaar ein Kind, zwei Kinder, elf Kinder zu schenken wünscht, dann sind alle diese Kinder Geschenke Gottes, die in Demut und in gläubiger Überzeugung, dass der Herr für die Seinigen sorgen wird, angenommen und geliebt werden müssen.

Die Alternative zur Wunschkindideologie und zur Verhütungsmentalität, aus der sie entspringt, ist die Haltung, dass Kinder Geschenke Gottes sind. Nicht der Elternwille, sondern der Wille Gottes ist ausschlaggebend. Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner, Herr! Das muss der Wahlspruch christlicher Elternschaft sein.

Der pervertierte Satz, jedes Kind solle ein Wunschkind sein, gelangt so zu seiner echten, christlichen Bedeutung. Jedes Kind ist bereits hier und heute, faktisch, in Wirklichkeit, ein Wunschkind, nämlich ein Kind, das allein auf Wunsch Gottes geschaffen und gezeugt worden ist. Gott erschafft die Seele eines jeden Kindes direkt und den Körper des Kindes indirekt durch den vermittelnden körperlichen Zeugungsakt der Eheleute. Der freie Willensentschluss der Eheleute zum Kind besteht in der Durchführung dieses Zeugungsaktes, nämlich des ehelichen Verkehrs. Mit der Einwilligung in die Durchführung des ehelichen Verkehrs ist in eins gesetzt die Einwilligung in die Erschaffung eines neuen Menschenlebens, so Gott es denn will. Diese freie Einwilligung muss nicht gegeben werden. Aus schwerwiegenden, guten Gründen können Eheleute für eine gewisse Zeit oder sogar dauerhaft auf diese Einwilligung verzichten, indem sie den Akt, der zur Zeugung von Kindern führen kann, nicht ausüben. Doch wenn sie durch ihre Körper im Sexualakt die freie Einwilligung bekennen, dann ist sie unwiderruflich gegeben, und Gott kann und wird sie öfters nutzen.

Das auf diese Weise gezeugte und geborene Kind, das Kind von Eheleuten, die den ehelichen Akt in Offenheit zum Leben vollziehen, ist immer und überall ein Wunschkind, denn die Eheleute wissen ja, wozu der eheliche Akt Gott ermächtigt! Dieses Niveau an Sexualaufklärung hat wohl jeder erwachsene Mensch. Sie müssen also, wann immer sie ihn ausführen, damit rechnen, dass Gott ihnen ein neues Leben schenken wird. Öfters wird dies unerwartet sein, und manchmal wird es den Eheleuten gerade überhaupt nicht passen.

(Ob es wohl Maria gepasst hat, als der Engel ihr erschien und sie zur Kooperation aufforderte? Bestimmt hatte sie gerade wichtige Dinge vor und hätte sich, nach ihrer menschlichen Weisheit, sicher noch kein Kind gewünscht.)

Ob es aber gerade passt oder nicht, jedes Kind ist ein Wunschkind Gottes, und wenn wir Gott wirklich lieben, dann werden wir auch jedes Kind lieben (und seine Existenz wünschen!), so wie Gott es liebt und seine Existenz wünscht.

Und dann ist auch jedes Kind für uns Menschen ein Wunschkind, weil es der Wunsch Gottes ist, und wir uns diesen Wunsch gläubig zu eigen machen, und nicht umgekehrt.

Die Vorstellung der Welt ist, dass ein Kind zu erscheinen habe, wenn die Frau, die Mutter sein möchte, dies begehrt. Menschen hätten, so behaupten inzwischen sogar manche Gerichte, ein „Recht auf Kinder“**. Dieses herbeikommandierte Kind, das Produkt des Egoismus, wird dann propagandistisch zum „Wunschkind“ verklärt.

Die diametral entgegengesetzte Vorstellung der christlichen Religion ist, dass ein Kind erscheint, wenn Gott dies begehrt. Und ein „Recht auf Kinder“ haben die Eheleute nicht. Kinder sind kein Recht, sondern ein Geschenk. Niemand hat ein „Recht“ darauf, beschenkt zu werden. Geschenke bekommt man als Beschenkter immer gratis, also aus Gnade.

_____________________

*kein Wunder, dass die Prostitution, in der Sexualität als Ware verkauft wird, in der heutigen Gesellschaft nicht mehr als moralisch verwerflich, sondern nur noch als potenziell unhygienisch und ausbeuterisch gegenüber der sich prostituierenden Frau gesehen wird. Auch dies ist ein Symptom der Verhütungsmentalität.

**Dieses Recht auf Kinder wird dann, im nächsten Schritt, als Hebel für die Einführung der Homo-Adoption verwendet; da „eingetragene Partnerschaften“ ja nicht zur natürlichen Kinderzeugung fähig sind, müsse ihnen zur Erfüllung ihres Rechts auf Kinder mindestens die Adoption zugestanden werden.

Advertisements

Enthaltsamkeit

Als ich noch ein Atheist war, wurde ich in der Schule mit knapp 16 Jahren gefragt, ob ich denn noch „Jungfrau“ sei. Ich bejahte dies und wurde fast ausgelacht für diese Antwort. Ich muss wohl einer von ganz wenigen gewesen sein. Auch damals war mir intuitiv klar, dass sexueller Kontakt etwas ganz Persönliches, ganz Besonderes ist, das Intimste, das zwei Menschen miteinander teilen können. Und dass man deswegen sexuell enthaltsam leben solle, mindestens, bis man sicher sei, den richtigen Partner fürs Leben gefunden zu haben. Ich hätte dies damals sicher nicht zu einer allgemeinen Regel erhoben, und ich wusste auch nicht so recht, was eigentlich an vorehelicher Sexualität falsch war. Es mangelte auch nicht an Anpassungsversuchen an die Welt. Doch je mehr ich mich von der Richtigkeit der modernen Auffassung zu überzeugen versuchte, umso weniger gelang es mir. Dies war einer der ersten Auslöser, mich mit christlichen Positionen zu beschäftigen – sie waren die einzigen, die solche Ansichten auch vertraten. Alle anderen sahen sexuelle Enthaltsamkeit als etwas Schreckliches an. Und meine Mitschülerinnen hatten, so zumindest mein Eindruck, nichts Eiligeres zu tun, als endlich nicht mehr Jungfrau sein zu müssen. Die meisten waren es wohl mit 15 oder 16 auch nicht mehr. Bei den Mitschülern sah es nicht anders aus, allenfalls noch schlimmer.

Aus meiner heutigen Perspektive kann ich sagen, dass meine damalige Haltung richtig war. Sie hat mich nicht nur vor großem psychischen Leid bewahrt, wie es nur allzu typisch für den modernen Jugendlichen ist, sondern auch einen Grundstein für meine spätere Empfänglichkeit für christliches Gedankengut gelegt. Hier war eine Sympathie zwischen meinen Intuitionen und der Haltung der Kirche – eine kleine Ritze im Panzer der Ablehnung Gottes. Diese Ritze hat Gott für einen massiven Angriff auf meine Trutzburgen genutzt und sie alle, nacheinander, systematisch, zum Fallen gebracht.

Man könnte sagen, er habe mich erobert.

Für unverheiratete Menschen ist Enthaltsamkeit schwierig. Manche sagen sogar, sie sei unmöglich. Die Tugend der Keuschheit verlangt allerdings entweder absolute eheliche Treue oder absolute sexuelle Enthaltsamkeit. Kein Seitensprung hier und da ist in der Ehe erlaubt. Und außerhalb der Ehe ist ebenfalls kein Seitensprung erlaubt.

Wer noch nicht verheiratet ist, der ist bereits gegenüber seinem zukünftigen Ehepartner verpflichtet, diesem treu zu sein, denn Treue gilt lebenslang, und das bedeutet auch vor der Ehe.

Wer nicht verheiratet ist, weil er sich ganz Gott hingeben möchte, und eine Berufung in dieser Richtung verspürt, dem ist dieselbe absolute Treue nicht gegenüber seinem zukünftigen Ehepartner, sondern gegenüber Gott selbst geboten.

Immer ist es absolute Treue – gegenüber dem Menschen, oder gegenüber Gott. Absolute Treue ist schwer. Die Tugend der Keuschheit ist daher ein Schutzwall um die Treue, und dieser Schutzwall verlangt die Beschränkung auf höchstens einen Menschen, dem man diese Intimität schenkt.

Warum nur ein Mensch im ganzen Leben? Die Ehe ist eine Institution der Ganzhingabe, weil sie eine Institution der absoluten Treue ist. Man ist mit Leib und Seele verheiratet. Man ist „ein Fleisch“ geworden. Da sind natürlich immer noch die zwei Körper, doch sie sind zu einer Einheit verschmolzen. Nichts wird da zurückgehalten. Die Einheit steht nicht unter dem Vorbehalt der Fortexistenz emotionaler Zuneigung. Sie steht nicht unter dem Vorbehalt ökonomischer Bequemlichkeit. Sie steht nicht unter dem Vorbehalt der Pille oder des Kondoms – Kinder können ja hinderlich sein. Sie steht unter gar keinem Vorbehalt. Sie verlangt die Aufgabe aller Reserven, bis hin zur Selbstaufgabe. Sie verlangt die Bereitschaft, sich für den Ehepartner hinzugeben, ja sogar für diesen zu sterben, wie Christus am Kreuz für Seine Braut gestorben ist.

Solange wir geistliche Kondome tragen, um uns vor der unheimlichen Befruchtung durch den Opfertod Christi für uns, dir wir Glieder Seiner Braut sind, zu schützen, solange wir auch nur die kleinste Reserve vor Ihm zurückhalten, solange werden wir auch nicht fähig sein, alles unter Christus unserem Ehepartner zu geben. Solange werden wir auch körperliche Kondome tragen und die Empfängnis des neuen Lebens mit „Anti-Baby-Pillen“ verhindern. Denn es gibt eine ganz fundamentale Korrespondenz zwischen dem geistlichen und dem körperlichen Teil des Menschen. Die Sakramente beweisen es: Sie sind körperliche, materielle Zeichen für geistliche Realitäten, doch sie deuten nicht nur auf diese Realitäten hin, sondern sie bewirken sie wahrhaftig. Körperlichkeit und Geistigkeit entsprechen einander. Sie sind zwei verschiedene Ebenen, natürlich, aber zwei Ebenen derselben Realität. Und dies ist eine Realität der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes. Materielle und spirituelle Wirklichkeit durchdringen einander, bis sie manchmal kaum voneinander unterschieden werden können. Das Kondom ist eine Trennwand zwischen den Partnern beim Sexualakt. Es symbolisiert – und realisiert zugleich – die Trennwand in den Seelen der Partner. Es verkörpert eine seelische Realität, selbst wenn diese Realität nicht bewusst reflektiert wird. Sowohl körperliche als auch geistige Realität sind objektiv und sie haben eine Sprache, die wir sprechen, ob wir wollen, oder nicht.

Das Verhütungsmittel sagt – ob wir wollen oder nicht – „ich halte eine Reserve vor Dir. Ich gebe mich Dir nicht ganz hin. Ich will mir alle Optionen offenhalten. Wer weiß, was geschieht, wenn wir wirklich ernst machen.“ Denn dann ist alles möglich – wie immer mit Gott. Dann kann das ganze Leben aus der Bahn geworfen werden. Vielleicht können wir uns die Kinder gar nicht leisten. Wir müssten kürzer treten. Die Frau müsste ihren Beruf aufgeben, um die Kinder zu versorgen. Das wäre alles so hinderlich!

Ja, das wäre es. Ganzhingabe, absolute Treue, vollständige Selbstaufgabe, Verlust des eigenen Selbst in den Armen des Anderen unter Gott, das ist schwer, das ist hinderlich. So schwer, so hinderlich, wie das Kreuz, an dem Er sich für uns ganz hingegeben hat, an dem Er Seinem Vater absolut treu war, und sich vollständig selbst aufgegeben hat, bis zum Verlust des eigenen Selbst durch den Foltertod.

Das ist das Wesen unserer Religion.

Nein, die Ehe ist einmalig, weil man sich nur einmal verschenken kann. Deswegen ist sie übrigens auch nicht wirklich vereinbar mit der anderen Art, sich selbst zu verschenken, nämlich der geistlichen Berufung, besonders dem Priestertum. Wer sich einmal ganz verschenkt hat, der hat sich nicht mehr. Der Andere hat ihn. Er kann nicht mehr einfach so über sich verfügen.

Und weil die Ehe einmalig ist, kann man sie auch nicht vorwegnehmen, indem man sie vorher einfach simuliert oder ausprobiert. Gott vergibt alle unsere Fehler und Sünden, auch die Sünden gegen die Keuschheit, die mit vorehelicher Sexualität einhergehen, wenn wir um Vergebung bitten, und umkehren. Doch sie bleiben Fehler und Sünden, und es ist weitaus besser, wenn man sie nicht begeht.

Außerdem ist Enthaltsamkeit nicht nur sittlich richtig, sondern auch schön. Denn wer sich ganz aufbewahrt für den Anderen, der hat einfach mehr zu verschenken, wenn es dann soweit ist.

Homosexualität und Scheidung

Dieser Tage ist das Thema Homosexualität ja in aller Munde. Die Inselaffen (in gänzlich korrekter evolutionsbiologischer Ableitung) wollen eine „Homo-Ehe“ einführen. Die Franzosen haben denselben Plan gefasst, und in Deutschland sollen Homosexuelle, die in eingetragenen Partnerschaften leben, in Zukunft ein verfassungsgerichtlich erzwungenes erweitertes Adoptionsrecht haben. In der Kirche vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendjemand fordert, die Kirche müsse mit der Zeit statt mit der Bibel gehen und sich endlich für die Partnerschaften von homosexuellen Paaren „öffnen“. In der Praxis haben nicht wenige Seminaristen, Priester und womöglich Bischöfe sich der Homosexualität auch dadurch sehr weit geöffnet, dass sie sie selbst praktiziert haben. Oft genug auch mit Minderjährigen, worauf die überwiegende Mehrzahl der Missbrauchsfälle zurückzuführen ist.

Homosexualität ist also in aller Munde. Politisch wird es zunehmend schwer für diejenigen, die sich nicht dem Zeitgeist beugen, sondern die überlieferte Familie entschlossen verteidigen, und diejenigen, die am eifrigsten nach Toleranz gegenüber Homosexuellen rufen, haben meist überhaupt keine Toleranz, wenn es um die Minderheitenrechte von traditionellen Christen geht, die an der traditionellen, von Gott eingesetzten Ehe festhalten, und dafür auch öffentlich eintreten möchten.

Ich habe großen Respekt vor denen, die gegen die Homo-Ehe in der Öffentlichkeit kämpfen, und ihr Kampf ist notwendig. Doch das eigentliche Übel liegt woanders. Für die meisten Menschen ist einfach nicht einsichtig, warum zwei Homosexuelle nicht heiraten können, wenn sie es doch wollen. Lieben sie sich denn nicht ebenso aufrichtig, wie das heterosexuelle Liebespaar von nebenan? Ist denn nicht ihre Zuneigung deutlich erkennbar? Ja, natürlich, das mag durchaus alles sein. Es gibt solche homosexuellen Paare. Doch wenn zwei Männer einander wirklich aufrichtig lieben, warum sollen sie dann nicht heiraten können? Für den Menschen von heute ist das ein großes Rätsel und sein Unverständnis gegenüber der Haltung der Kirche rührt von daher.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil es in der Ehe nicht in erster Linie um Liebe geht! In Casti Connubii (unbedingt lesen!) zitiert Pius XI. den hl. Augustinus, demzufolge die drei Güter der Ehe „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“ seien.

Die Ehe ist für die Sicherung der Nachkommenschaft da (sowohl Zeugung als auch Aufzucht, Erziehung und Bildung der Kinder, was eine dauerhafte Bindung der Eltern aneinander und an ihre minderjährigen Kinder erfordert).

Die Ehe ist für den gegenseitigen Beistand und die Hilfe der Eheleute da. Die Eheleute stehen sich sowohl in den Fährnissen des alltäglichen Lebens, als auch (und vor allem) auf der Pilgerreise durch dieses zeitliche Leben hin zu ihrer ewigen Bestimmung im Himmel bei.

Die Ehe ist schließlich Sakrament, eine unauflösliche Verbindung zweier Menschen, die durch ihre Verbindung sichtbares Zeichen für die Vereinigung Christi und Seiner Braut, der Kirche, werden, und zwar in einer Weise, dass dieses Zeichen eines der sieben Sakramente ist. Es ist also nicht bloß ein Zeichen, sondern ein wirklich wirksames  Zeichen.

Aus diesem Eheverständnis heraus wird sofort klar, warum es nicht Hass oder Phobie ist, die den Christen zur Ablehnung homosexueller Partnerschaften führt, sondern einfach die offensichtlichen Tatsachen, dass

(1) zwei Homosexuelle durch die Nutzung ihrer natürlichen körperlichen Fähigkeiten prinzipiell niemals Nachkommen miteinander zeugen können,

(2) zwei Homosexuelle sich vielleicht auf dem Weg auf dieser Erde gegenseitig beistehen können, aber nicht auf der Pilgerreise, die in den Himmel führen soll, weil ihr Verhalten dem göttlichen Gebot widerspricht, und

(3) zwei Homosexuelle nicht in der Lage sind, die Vereinigung Christi mit Seiner Braut zu symbolisieren, weil Christus keinen Bräutigam, sondern eine Braut hat, und die Braut keine Christa, sondern den Christus.

Die „Ehe“ zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist daher einfach ein Widerspruch in sich. Man kann keine „Homo-Ehe“ einführen, ebenso wie man nicht per Dekret festlegen kann, dass alle Eier in Zukunft perfekte Sechsecke seien. Eier sind nun einmal eiformig, nicht sechseckig, und Ehen sind nun einmal verschiedengeschlechtlich, nicht gleichgeschlechtlich.

Doch dieses Eheverständnis sagt noch viel mehr aus als nur die Unmöglichkeit der „Homo-Ehe“. Auch die Scheidung ist damit unmöglich. Die Pilgerreise, auf der die Eheleute einander beistehen sollen, ist lebenslang. Sie endet erst mit dem Tod. Und die Ehe zwischen Christus und der Kirche ist ewig, so dass eine bloß temporäre Bindung unter Scheidungsvorbehalt aus diesen Gründen ebenfalls ein Widerspruch in sich ist.

Ebenso ist mit diesem Eheverständnis ausgesagt, dass die Ehe, selbst abgesehen von dem sakramentalen Charakter (ohne den eine Ehe ja durchaus gültig sein kann), niemals gänzlich säkular gedacht werden kann, da es nicht nur um gegenseitigen Beistand auf Erden geht, sondern eben auch um Unterstützung und Stärkung auf dem Weg in die ewige Seligkeit.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Implikationen des katholischen Eheverständnisses. Mit diesem gedanklichen Hintergrund kann man ganz ohne Appell an bloße „Ressentiments“ oder „Hass“ oder „Phobien“ erklären, dass eine Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts einfach ein Widerspruch in sich ist. Doch konsequent muss dann auch gegen Scheidung sein, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wenn es bei der Ehe wirklich nur um gegenseitige Zuneigung geht, dann muss die Ehe auch Homosexuellen gestattet werden. Wenn es bei der Ehe aber in erster Linie um etwas ganz anderes als bloße Zuneigung geht, nämlich „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“, dann sieht die Sache ganz anders aus.

Das dominierende Eheverständnis, auch unter vielen Gegnern der „Homo-Ehe“, ist aber das moderne, säkulare Verständnis, die Ehe sei ein sichtbarer Ausdruck für die gegenseitige Liebe der Ehepartner und biete ihnen eine rechtliche Absicherung, die diesem Ausdruck eine gewisse Stabilität bietet, solange die Ehepartner einander noch lieben. Unter diesen Prämissen ist ein Beharren auf der Heterosexualität der Ehe unlogisch und kann dann selbst von gutwilligen Anhängern der „Homo-Ehe“ – von denen ich einige kenne – eigentlich nur als irrationale Ablehnung, als Hass oder Phobie, gedeutet werden. Denn einander lieben können Homosexuelle auch.

Wenn Ehe bloß Liebe + Sex ist, dann sollte Homosexuellen die Ehe geöffnet werden, und Scheidung sollte leicht möglich sein, sobald die Liebe schwindet oder der Sex nicht mehr gut genug ist.

Wenn Ehe aber Nachkommenschaft + Treue + Sakrament bedeutet, dann können zwei Homosexuelle ebensowenig heiraten wie sie die Arme ausstrecken und aus eigener Kraft fliegen können.

Doch dann darf man die moderne Ehe nicht als gegeben hinnehmen, sondern muss für ihre Rückkehr zu den wesentlichen Ehezwecken kämpfen, was dann auch die Unauflöslichkeit bedeutet.

Das ist derzeit politisch nicht durchsetzbar. Doch indem man davon schweigt, wird es nicht leichter durchsetzbar, sondern schwerer.

Drei einfache Beobachtungen

1. Abtreibung ist nach katholischer Lehre grundsätzlich verwerflich, auch wenn sie in den ersten Stunden oder Tagen nach der Befruchtung stattfindet. Da es sich bei Abtreibung um die Tötung eines unschuldigen Menschen handelt, reicht selbst ein geringer Verdacht, es könne zur Abtreibung kommen, bereits aus, um die Einnahme der „Pille danach“ kategorisch abzulehnen. Auch wenn es einige Studien gibt (auf die sich die deutschen Bischöfe jetzt berufen wollen), nach denen die „Pille danach“ womöglich ohne nidationshemmende (=frühabtreibende) Wirkung funktioniert, gibt es ebenso Studien, die das genaue Gegenteil behaupten. Die Wirkweise ist nicht endgültig geklärt. Es ist also keinesfalls auszuschließen, dass es durch die „Pille danach“ zu Frühabtreibungen kommt.

Im Zweifelsfall daher für das Leben und gegen die „Pille danach“.

2. Die Tötung unschuldiger Menschen ist auch dann nicht erlaubt, wenn eine Vergewaltigung vorhergegangen ist. Die Tatsache, dass die Mutter vergewaltigt wurde, entschuldigt nicht, dass sie ihr Kind (durch die Einnahme einer möglicherweise frühabtreibenden Medikation) womöglich tötet. Selbstverständlich kann durch die Situation extremer psychischer Belastung, der eine Frau infolge einer Vergewaltigung oft ausgesetzt ist, im Einzelfall die Schuldfähigkeit der Frau mindern, doch Abtreibung bleibt eine Todsünde und eine Abtreibung billigend in Kauf zu nehmen, indem man die „Pille danach“ nimmt (oder sie einer Frau anbietet, verabreicht, verschreibt etc.) ist nicht viel besser. Übrigens kann das Kind am allerwenigsten für seinen Vater. Wer gegen die Todesstrafe für Vergewaltiger ist, der sollte die Todesstrafe für das Kind des Vergewaltigers erst recht ablehnen.

Vergewaltigung rechtfertigt also keinesfalls, die Tötung des unschuldigen Kindes billigend in Kauf zu nehmen, wie dies bei der Einnahme der „Pille danach“ geschieht.

3. Verhütung ist nach der Lehre der Kirche ein intrinsisches Übel, d.h. sie kann nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden. Sie ist an sich moralisch falsch. Es gibt einige orthodoxe katholische Theologen, die die Einnahme eines (nicht-frühabtreibenden) Verhütungsmittels in Extremsituationen rechtfertigen wollen, um ein größeres Übel zu verhindern. Wie auch immer es damit bestellt sein mag – im Falle einer bereits geschehenen Vergewaltigung wird durch die „Pille danach“, selbst wenn sie nicht frühabtreibend wirkt, kein „größeres Übel“ verhindert, sondern die Entstehung eines von Gott selbst geschaffenen Menschenlebens! Das ist kein Übel, sondern ein Segen, wie schrecklich die Umstände seiner Entstehung auch gewesen sein mögen.

Das geschehene große Übel, die Vergewaltigung, kann durch eine nachträgliche Verhütung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie ist unwiderruflich geschehen. Die Frage bleibt nur, was man dann aus der Situation macht. Wie gesagt, das Kind kann nichts für seinen Vater. Ich verstehe, dass Frauen nach Vergewaltigungen oft das in ihnen wachsende Leben hassen. Sie müssen es auch, wenn sie sich dazu nicht in der Lage fühlen, nicht großziehen.

Aber sie dürfen es nicht töten und sie dürfen auch keine schweren Sünden (wie Verhütung) begehen, damit sich ihr belasteter psychischer Zustand dadurch bessere.

Zusammenfassung:

1. Abtreibung ist ein intrinsisches Übel, eine schwere Sünde, die niemals zulässig ist, auch nicht zur Verhinderung eines anderen Übels. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

2. Da Abtreibung nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden kann, gilt dies auch für Kinder, die von Gott infolge dieses großen Übels Vergewaltigung geschaffen worden sind.

3. Was für Abtreibung gilt, trifft auch für Verhütung zu.

Die Einnahme der „Pille danach“ ist aus diesen drei Gründen auch in Fällen von Vergewaltigung grundsätzlich und generell abzulehnen.

Sie zu empfehlen, zu verschreiben oder zu verabreichen stellt eine Form der Kooperation oder Beihilfe zur Begehung dieser Sünde dar und ist daher ebenfalls auch in Fällen von Vergewaltigung generell und grundsätzlich abzulehnen.

Dies ändert sich auch durch die falsche Meinung der Zeitgeistbischöfe, befeuert von falsch verstandenem Mitleid mit dem tatsächlich schrecklichen Schicksal vergewaltigter Frauen, nicht. Selbst wenn ein Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben der stehenden Haltung seiner eigenen Behörde im Interesse des Zeitgeists widerspricht. Mit dem Bauch zu denken und auf Meinungsumfragen zu hören führt gerade im Feld der Sittenlehre nur allzuoft zu schrecklichen Fehlschlüssen.

____________________________________________________

Einige Verweise zum Thema:

Offizielle Stellungnahme der Päpstlichen Akademie für das Leben zur „Pille danach“ (2000) – dürfte wohl höher zu bewerten sein als die persönliche Meinung des Präsidenten… Hier ist keine Spur von moralischem Sentimentalismus bzw. Populismus. Die Wahre Lehre wird klar und deutlich vermittelt.

German Bishops give qualified approval of morning after pill (Life Site News)

World’s Top Authority on morning-after-pill says women must be told it may cause abortions (Life Site News) – Die Studienlage ist eben unklar. Im Zweifel für das Leben.

Vatican versus Vatican (Rorate Caeli) – Verschiedene widersprüchliche Aussagen aus dem Vatikan zum Thema „Pille danach“

Vatican II at 50: German bishops OK abortifacient morning-after-pill (Rorate Caeli)

Pope Benedict: Inaction to the end? (Mundabor)

Mut zur Lebensferne

Immer wieder begegnet mir die Aussage, irgendetwas sei „lebensfern“, „lebensfremd“ oder „weltfremd“. Oft geht es dabei um die Kirche. Es sei etwa lebensfremd, dass die Kirche bis heute die Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität oder die grundsätzliche Verwerflichkeit von Verhütungsmitteln lehre. So etwas sei den Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln. Es ist lebensfern. Diese Aussage ist in der Regel gleichbedeutend mit: „Es soll geändert werden“. Schließlich, so geht die bekannte Rede, müsse die Kirche zu den Menschen gebracht werden. Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Natürlich stimmt das in einer gewissen Hinsicht auch. Ein Auftrag der Kirche ist tatsächlich, den Menschen zu helfen. In allen Zeiten hat die Kirche sich für die Armen und Schwachen eingesetzt. Selbst Kirchenfeinde würdigen oft ihre soziale Tätigkeit und kaum jemand möchte ernsthaft auf die Leistungen der Kirche in dieser Funktion verzichten – nicht einmal Claudia Roth. Für diese Aufgabe muss die Kirche also ganz nah bei den Menschen sein. Der Helfer muss nah bei den Menschen sein, um helfen zu können und es bringt nicht viel, wenn der Arzt während einer diffizilen Operation zehn Kilometer von seinem Patienten entfernt ist.

Doch selbst wenn wir dies den Agitatoren der „Lebensnähe“ zugestehen, bleibt doch die Frage übrig, ob sich der Auftrag der Kirche in dieser sozialen Tätigkeit erschöpfe. Es ist notwendig, dass die Kirche den Menschen hilft. Doch reicht das schon? Um welche Hilfe geht es dabei? Ist nicht die Aufgabe der Kirche in erster Linie das Seelenheil der Menschen und hilft sie nicht am meisten, indem sie bei der Erlösung hilft? Ist nicht der größte Dienst am Menschen der Dienst an ihrem Seelenheil? Ist das nicht die wahre Grundlage der kirchlichen Tätigkeit?

Was bedeutet es, einem Menschen zu helfen? Man hilft einem Menschen, indem man ihm gibt, was er braucht. Was er braucht kann durchaus etwas ganz anderes sein, als was er will. Der Helfer, und das gilt bei weltlichen ebenso wie bei geistigen Dingen, steht oft vor der Herausforderung, dass der, dem geholfen werden soll, die Hilfe einfach ablehnt. Im Endeffekt muss man das akzeptieren, wenn es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt. Wer die Hilfe ablehnt, dem kann nicht geholfen werden. Wer selbst nach hundertfacher Aufforderung nicht klopfen möchte, dem wird auch nicht aufgetan. Am Ende sind die Menschen für sich selbst verantwortlich, und die Kirche kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen.

Doch sie kann versuchen, sie zu überzeugen. Wenn ein Mensch eine schwere Krankheit hat, und der Arzt weiß, allein die Therapie „x“ kann ihm jetzt noch helfen, dann wird er versuchen, den Patienten von den Vorzügen dieser Therapie zu überzeugen. Vielleicht ist die Therapie schmerzhaft, doch sie ist notwendig, wenn der Patient überleben möchte. Man könnte sagen, der Arzt sei „lebensfremd“, weil er „unbarmherzig“ die Schmerzen des Patienten ignoriert und einfach mit seiner „dogmatischen“, „rigiden“, „unflexiblen“ Therapie fortfährt, ohne sich um die offensichtlichen Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Niemand würde dies ernsthaft behaupten. Der Arzt möchte den Patienten retten, und deswegen rät der Arzt seinem Patienten zu der schmerzhaften Therapie. Das ist keine Lebensferne, und keine Unbarmherzigkeit, sondern einfach gesunder Menschenverstand.

Dasselbe gilt für die Kirche. Auch sie möchte den Menschen helfen. Auch die Therapie, die sie den Menschen anbieten kann, hat öfters schmerzhafte Nebenfolgen. Man muss von seinen Sünden ablassen, stetig gegen sie ankämpfen. Man muss umkehren. „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“, sagt Jesus. Bei vielen Menschen, etwa bei Ehebrechern, ist es notwendig, den ganzen Lebenswandel zu ändern und völlig neu anzufangen. Das kann schmerzhaft und schwierig sein, und wer wollte es dem Einzelnen verübeln, dass er Ressentiments gegen den Arzt entwickelt, der so eine schmerzhafte Therapie verordnet. Das kommt auch bei wirklichen Ärzten manchmal vor.

Doch allein der gesunde Menschenverstand sagt schon, dass eine notwendige Therapie auch dann notwendig bleibt, wenn sie unangenehm ist. So etwas ist in gewisser Hinsicht „lebensfern“, weil man von dem konkreten Schmerz absehen und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen muss. Man muss das Ganze in den Blick nehmen. Und vor diesem Ganzen relativiert sich der weltliche Schmerz, der auftritt, wenn etwa der Ehebrecher zu Umkehr, Reue, Buße aufgerufen wird, und den ernstlichen Versuch unternimmt, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen.

Aus der Vogelperspektive, ganz fern vom einzelnen, individuellen Leben und seinen alltäglichen und besonderen Sorgen, wird sichtbar, dass der Schmerz der Umkehr, die Umstellung des eigenen Lebenswandels, nicht einmal ein kleines Staubkorn ist, wenn man ihn mit dem Lohn vergleicht, der den Heiligen im Himmel erwartet.

Denn eines wird oft vergessen: Das Leben, das wahre Leben, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang.

Oft ist es daher notwendig, diesem Leben fern zu sein, um jenem ganz nahe zu kommen. Unsere Schätze als Christen liegen im Himmel und nicht auf Erden, und keine noch so attraktive Geliebte kann so verzückend sein, wie die Ewige Anschauung des Herrn, der die Liebe ist.

Aber ja, das ist alles lebensfern und weltfremd. Es holt die Menschen nicht da ab, wo sie sind. Viele werden das weder hören noch verstehen wollen. Es spricht den Menschen von heute nicht an.

Na und?

Mut zum Patriarchat

Wir leben in der „vaterlosen“ Gesellschaft. Wenn es ein Merkmal gibt, das unsere moderne, westliche Gesellschaft sowohl von ihrem Wesen her als auch in vielen ihrer individuellen Ausprägungen treffend zu charakterisieren vermag, dann ist es wohl die Vaterlosigkeit.

Wir haben uns seit der Französischen Revolution von der Monarchie als normaler Staatsform verabschiedet. Die noch verbliebenen europäischen Monarchen sind eigentlich Aushängeschilder ohne echte politische Macht. Sie hängen von der Gnade gewählter Parlamentarier ab, die sie jederzeit endgültig abschaffen könnten, wenn ihnen gerade danach wäre. Wir haben die Könige praktisch kastriert, wenn wir sie nicht gerade im Eifer aufklärerischer Befreiung aufgeknüpft, oder, nach dem berühmten Vorschlag des Voltaire*, mit den Innereien des letzten Priesters erdrosselt haben. Der Fachbegriff dafür ist Demokratisierung.

Der Kampf gegen den Vater als Haupt der Familie ist durch den modernen Feminismus weitgehend erfolgreich abgeschlossen worden. Der Sirenengesang der Ideologie hat Millionen Frauen dazu verführt, mehr ihrer „Selbstverwirklichung“ nachzuhängen, als ihrer unverzichtbaren Rolle als Herz ihrer Familie. Zugleich ist durch den innerfamiliären Egalitarismus eine Generation von Männern herangezogen worden, die ihre Rolle als Haupt der Familie, als echter Vater, gar nicht mehr wahrnehmen kann, weil ihr dazu die charakterliche Stärke fehlt. Die traditionelle Familie ist längst kein Leitmodell mehr; in vielen Landesteilen hat sie bereits den Charakter einer ungeliebten Seltsamkeit. Der Vater ist höchstens noch eine Lachfigur. Immer mehr Kinder wachsen, mit teils schwerwiegenden Folgen, ohne Vater auf.

Auch in der Kirche ist der Vater nicht mehr Gegenstand hohen Ansehens. Väter gibt es in der Kirche viele – angefangen beim Heiligen Vater. Aber auch der einfache Pfarrer oder Pastor ist durch seinen priesterlichen Dienst der geistliche Vater seiner Gemeinde. Die katholische Kirche hat kaum noch priesterliche Berufungen. Viele Priester beschäftigen sich lieber mit Ungehorsamsaufrufen, statt sich um das Wohl ihrer geistlichen Kinder zu kümmern. In der breiteren Gesellschaft, aber auch unter Katholiken, ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Feindseligkeit gegenüber Priestern längst hoffähig geworden. Die Rolle der Priester soll immer weiter eingeschränkt werden. Laien, auch Frauen, sollen viele der Tätigkeiten übernommen, die traditionell Klerikern, geistlichen Vätern, vorbehalten waren. Selbst die Gemeindeleitung wird inzwischen zunehmend von Laien übernommen, weil es an Priestern mangelt, aber auch weil die Ideologie es so will.

Über aller Vaterlosigkeit der modernen Gesellschaft steht als Wurzel des Übels die eine Vaterlosigkeit, von der alle weltliche Vaterlosigkeit ihren Namen hat: Die Abwesenheit Gottes, sozusagen des ultimativen Vaters, in den Herzen der Menschen. Nicht, dass die Mehrheit überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde – weit gefehlt. Umfragen zeigen immer wieder, dass die meisten Menschen an irgendwelche schattenhaft vorgestellten übernatürlichen Wesenheiten glauben, und immer noch mehr als 50% bringen diese diffusen Vorstellungen in Verbindung mit dem Wort „Gott“. Doch der christliche Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, ist dem modernen Menschen definitiv zuviel.

Dabei ist auffällig, dass der Sohn, Jesus Christus, immer noch eine gewisse sentimentale Zuneigung hervorruft. Selten wird er abgelehnt, meist möchte man ihn eher vereinnahmen. Als netten Menschen ist man bereit ihn zu tolerieren, solange er sich wohlfeil verhält, und nicht aus der Rolle fällt. Auch der Heilige Geist ist nicht allzu unpopulär. Aber der Vater? Der mit den ganzen Geboten? Der, von dem alle Autorität auf Erden stammt?

Die moderne westliche Gesellschaft flüchtet vor dem Himmlischen Vater und allen kleinen, weltlichen, irdischen Vätern, die einen winzigen Teil seiner Vaterschaft übertragen bekommen haben. Sie führt einen Stellvertreterkrieg gegen echte, starke Väter in Politik, Gesellschaft und Familie, weil wir an den einzig wahren Vater nicht herankommen. Wir spucken auf die Abbilder, weil das Urbild unerreichbar ist.

In dieser Situation braucht der Christ „Mut zum Patriarchat“. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Herrschaft des Vaters. Die ganze Schöpfung ist ein riesiges Patriarchat: Gott-Vater hat sie geschaffen und er regiert sie bis heute, auch wenn die Menschen gegen ihn rebelliert haben und dies mit Freuden immer noch tun.

Auch die Kirche ist ein Patriarchat. Das wahre Oberhaupt der Kirche ist der himmlische Vater. Der bis in den Tod gehorsame Sohn hat sie gestiftet, und alles was der Sohn tut, kommt vom Vater. Vom Sohn hat Petrus, der Fels, die Leitung der Kirche übertragen bekommen. Bis heute ist das sichtbare Oberhaupt der Kirche der geistliche Vater aller Katholiken und sie sind gerufen, der legitimen Autorität dieses Vaters zu gehorchen. Die Kirche ist keine egalitäre, sondern eine patriarchalische Institution.

Das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Dasselbe gilt für die Familie. Auch sie ist nicht egalitär, sondern patriarchalisch. Auch in ihr ist der Vater das Haupt. Er vertritt mit seiner väterlichen Autorität die väterliche Autorität Gottes. Die Familie ist bekanntlich immer auch eine kleine Kirche (ecclesiola) und wie in der „großen“ Kirche gibt es in ihr geistliche Autorität, Hierarchie und Leitung.

Auch das ist kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Im Staat ist prinzipiell auch eine demokratische Regierungsform legitim; es gibt hierzu keine verbindliche lehramtliche Festlegung. Trotzdem kann man wohl kaum leugnen, zumindest als Ideal, dass der katholische Monarch eine Figur ist, die sehr gut in die hier beschriebene patriarchalische Ordnung passt. So wie der göttliche Vater seine Schöpfung und der Heilige Vater seine Kirche und der Familienvater seine Familie zu leiten hat, so obliegt auch dem katholischen Monarchen die Leitung seines Volkes. Das Ausmaß der Autorität, und ihre jeweils konkrete Ausprägung variiert natürlich mit den Aufgaben, die ihr übertragen sind, doch immer bleibt es eine Autorität, und nie ist diese Autorität unpersönlich-neutral, sondern persönlich, väterlich, nach dem Bilde Gottes.

Alle Autorität kommt von Gott – man kann sie missbrauchen, doch selbst dann kommt sie noch von Gott. Selbst wenn man dem Träger dieser Autorität aufgrund des Missbrauchs den Gehorsam verweigern muss. Und weil sie von Gott kommt, und weil Gott Vater ist, ist Autorität ihrer Natur nach väterlich. Deswegen spricht man ja auch von „Herrschaft„. Selbst die Feministen sprechen nicht von „Frauschaft“ oder „Damenschaft“.

Nun ist es ein ganz besonderes christliches Faktum, dass jede Herrschaft immer eigentlich Dienst ist. Gott ist hier wieder das Urbild. Wir, seine Geschöpfe, sündigen, beleidigen und verhöhnen ihn. Und was tut er? Ja, er straft uns. Er ist ein gerechter Gott, und Strafe muss sein. Doch er tut mehr. Er schickt seinen eigenen Sohn. Gott selbst nimmt Menschengestalt an, demütigt sich, entäußert sich, lässt sich zu Tode foltern und ans Kreuz schlagen, besiegt den Tod und öffnet uns den Weg zurück zu ihm. Er ist der Herr. Doch als guter Herr opfert er sich für seine Diener.

Weil alle Autorität väterlich ist und von Gott kommt, ist jeder Vater, jeder, der Autorität hat, dazu gerufen, sich ebenso zu verhalten. Auch er soll sich hingeben für seine „Diener“. Auch er soll nicht um seines eigenen Vorteils willen herrschen, sondern für die seiner Herrschaft oder Autorität anvertrauten Personen. Auch er soll sich demütigen und entäußern, wenn sich dies als notwendig erweist.

So ist ein Christliches Patriarchat nicht einfach die Herrschaft der Väter, sondern auch die Herrschaft der Diener.

_____________________________________________________

* Anmerkung: Ich wurde in einem Kommentar darüber aufgeklärt, dass der Satz ursprünglich gar nicht von Voltaire stammt, sondern von einem katholischen Priester (!) namens Jean Meslier, der materialistische und atheistische Religionskritik schrieb. Anscheinend ändern sich die Zeiten nie… Solche Priester hatten wir schon immer.

Von der „relativen“ Armut Deutschlands

Als ich mir am vergangenen Sonntag eine SPD-Parteitagsrede Predigt zum Thema Caritas und Soziale Gerechtigkeit anhören durfte, ertappte ich mich dabei, wie mir die Melodie der „Internationalen“ durch den Kopf ging. Irgendwie passte die Melodie ganz gut zur Predigt.

Soziale Gerechtigkeit, so nahm der Laie an diesem Sonntag mit nach Hause, ist hauptsächlich über real existierende statistische Gleichheit hinsichtlich ökonomischer Maßzahlen zu definieren. Diese statistische, ökonomische Gleichheit soll durch staatliche Umverteilung erreicht werden, und wer dagegen aufbegehrt, ist unsozial und unchristlich. Natürlich kann und soll auch nach Auffassung des Diakons, der die Predigt gehalten hat, zusätzlich zur staatlichen Umverteilung noch so etwas wie nachbarschaftliche Hilfe stattfinden, aber selbst diese wurde nahezu ausschließlich im Kontext institutionalisierter katholischer Sozialverbände gesehen.

Von einem einzigen Satz abgesehen wurde nicht-institutionelle, unbürokratische Hilfe überhaupt nicht angesprochen.

Das Problem „soziale Gerechtigkeit“ kam im Kontext der Armutsdiskussion auf. Ein schrecklich hoher Prozentsatz der Deutschen gilt ja bekanntlich als arm. Und Armut macht krank, Armut tötet, reduziert die Partizipation am Bildungswesen usw. Die Armut, so die Aussage der Predigt, müsse unbedingt bekämpft werden. Der Diakon schilderte freundlicherweise, wie schrecklich Armut sein kann. Wenn die Menschen nicht genug zu essen haben, wenn sie kein Obdach haben und im Winter erfrieren müssen, und wenn der Zugang zu ganz elementarer medizinischer Versorgung fehlt.

Dass diesen Menschen unbedingt geholfen werden muss, und dass dies in einer weitgehend heidnischen Gesellschaft wohl nur durch staatliche Hilfe funktionieren wird, dürfte unstrittig sein.

Nur sollte man nicht vergessen – wie es in der Predigt leider geschah – dass diese Form existenzieller Armut etwas ganz anderes ist, als die „Armut“, von der in Deutschland über 15% der Menschen betroffen sind.

Das ist der Unterschied zwischen „absoluter“ und „relativer“ Armut. Absolute Armut liegt vor, wenn jemand nicht satt wird, kein Obdach hat oder an einfach heilbaren Krankheiten stirbt, weil er sich die Behandlung nicht leisten kann. Solche absolute Armut ist in der Welt extrem verbreitet, aber in Deutschland, dieser Insel des ökonomischen Reichtums, ist sie glücklicherweise sehr selten. Relative Armut ist eine statistische Maßzahl, die am Durchschnittseinkommen gemessen wird. Wer weniger als z.B. 60% des Durchschnittseinkommens (Medianeinkommens) verdient, der gilt als arm. Und zwar unabhängig davon, ob das Durchschnittseinkommen in einem Land bei 50 oder 5000 Euro im Monat liegt.

Wer in Deutschland in den Armutsstatistiken auftaucht, der hat weniger als einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens. Die Armut, die von den Armutsstatistiken gemessen wird, wäre in fast allen nicht-westlichen Ländern gar keine Armut, sondern Reichtum (und zwar auch hinsichtlich der realen Kaufkraft), weil in diesen Ländern das Durchschnittseinkommen weitaus niedriger ist.

Es gebe in Deutschland immer mehr Armut, hört man ständig in den Medien. Immer mehr Menschen seien arm. Doch wenn der normale Mensch das Wort „Armut“ hört, dann hat er existenzielle Armut vor Augen, dann sieht er hungernde Kinder vor sich.

Doch das ist nicht das reale Bild der Armut in Deutschland. Arme Kinder leiden überdurchschnittlich häufig an Überernährung, nicht Unterernährung, haben in der Regel ein Telefon, einen Fernseher, und mehrheitlich auch einen Computer zu Hause. Die Eltern haben ein Auto, wenn auch vielleicht ein älteres. Sie haben eine Wohnung, die ihren Großeltern luxuriös vorgekommen wäre. Diese Menschen gelten in Deutschland aber als arm, weil der Rest der Gesellschaft eben noch reicher ist. Sie sind „relativ“ zu ihren Mitbürgern arm, aber absolut gesehen, sowohl im geographischen als auch historischen Vergleich, sind sie eher wohlhabend. (Aus christlicher Perspektive könnte man auch kritisieren, dass die Gesellschaft einen solchen Zustand materieller Überversorgung noch als Armut begreift, und dadurch ihre eigene Anhänglichkeit an den Mammon-Kult offenbart.)

Diese Art „relativer“ Armut, auch das sollte nicht unterschlagen werden, ist tatsächlich eher die Folge des Wohlfahrtsstaates. Wenn er halbwegs funktioniert, wird der Wohlfahrtsstaat in einem reichen Land existenzielle Armut so weit reduzieren, dass sie zu einem Randphänomen wird, das nur wenige Menschen betrifft, und statistisch gar nicht mehr erfasst werden kann. Was übrigbleibt, sind die Menschen, die zwar absolut gesehen nicht arm sind, die aber vergleichen mit ihren Mitbürgern einen unterdurchschnittlichen Verdienst aufweisen.

Diese Art Armut kann man nur bekämpfen, indem man dafür sorgt, dass sich reale Leistungsunterschiede nicht mehr in realen Einkommensunterschieden niederschlagen dürfen. Denn ansonsten wird es immer Menschen geben, die vergleichen mit ihren Mitmenschen schlechter abschneiden und daher einfach nicht so viel Geld verdienen. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass Menschen nicht gleich sind, sondern äußerst verschieden, und das gilt auch hinsichtlich aller Faktoren, die für ökonomischen Erfolg entscheidend sind: Glück, Fleiß, Talent, Leistungsbereitschaft, die richtigen Kontakte… Alle diese Güter sind unterschiedlich verteilt, und kein noch so „sozial gerechter“ Staat kann das ändern, weil er die Menschen nicht ändern kann. (Und was passiert, wenn der Staat den Menschen doch zu verändern versucht, kann man in allen totalitären Diktaturen sehen. Ich hoffe, dass unsere wohlmeinenden „sozial gerechten“ Umverteilungsapostel in Staat und Kirche vor der Aufrichtung eines solchen Systems zurückschrecken werden, selbst wenn das die Aufgabe ihres Gleichmachungsziels bedeutet.)

„Relative Armut“ ist in jeder Gesellschaft gegeben. Und es kann sogar sein, dass relative Armut steigt, wenn alle Menschen reicher werden. Wenn nämlich das Durchschnittseinkommen um 10% steigt, und sich zugleich das Einkommen in unteren sozialen Schichten nur um 5% erhöht, dann sind zwar alle „absolut“ reicher geworden, aber „relativ“ hat sich die Armut erhöht, und die Druckerpressen können wieder anlaufen und apodiktisch verkündigen, dass „die Armen ärmer und die Reichen reicher“ werden und die „Schere zwischen Arm und Reich“ immer weiter anwächst.

Ja, natürlich. Aber trotzdem sind alle reicher geworden, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Das, was der heutige Hartz-IV-Empfänger (kaufkraftäquivalent) zur Verfügung hat, kann sich verglichen mit dem Lohn eines einfachen kleinbürgerlichen Arbeitnehmers aus den 50er und 60er-Jahren durchaus sehen lassen. Der kleinbürgerliche, abgesicherte Arbeitnehmer aus der Generation meines Großvaters hatte nicht mehr als der heutige Hartz-IV-Empfänger.

Der entscheidende Unterschied ist: Er wusste damit besser umzugehen.

Worin bestehen diese Unterschiede? Er wusste sparsam zu wirtschaften. Er hatte in der Regel eine Ehefrau (und nur eine!) zu versorgen, und im Schnitt drei Kinder. Er hat fünf Personen von diesem einen Einkommen ernährt, weil er sparsam war. Er hatte keine unrealistischen Erwartungen; er wusste, dass jemand, der einen einfachen Job hatte, keine großen Sprünge erwarten durfte. Er versagte sich und seiner Familie daher jeglichen überflüssigen Luxus, nicht als Asket, sondern als rationaler Hedonist. Er war sparsam, um sich dann später, kalkuliert, wenn es Sinn machte, etwas leisten zu können.

Wenn unsere heutigen Deutschen nach einem Krieg alles wieder aufbauen müssten, würde ihnen nichts besseres einfallen, als Transparente zu greifen und für mehr staatliche Hilfen zu demonstrieren. Und in vollkommener Frustration irgendetwas von der „Schere zwischen Arm und Reich“ zu schwafeln, wenn der Staat ihnen ihre zerbombten Häuser  nicht innerhalb von sechs Monaten größer und besser wieder aufbaut.

Die „relative Armut“ in Deutschland mag größer sein als vor 50 Jahren. Doch das bedeutet nur, dass das Durchschnittseinkommen, an dem „relative Armut“ gemessen wird, gestiegen ist.

Wenn diese Armut für viele Betroffene heute stärker fühlbar ist, als dies noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war, dann hat das nichts mit ökonomischen Maßzahlen zu tun, sondern damit, dass die Stützpfeiler einer Gesellschaft (Familie, Nachbarschaftlichkeit, Gemeindesolidarität, freiwillige „mittlere“ Institutionen aller Art usw.) durch eine gezielte, als „Fortschritt“ verkaufte politisch-kulturelle Revolution, systematisch gesprengt worden sind; mit allen Auswirkungen auf die soziale Sicherheit, aber auch die Charakterbildung, die so eine Revolution hat.

Als Folge davon haben wir heute eine wachsende Anzahl Bürger, die ganz einfach unfähig sind, ein sparsames, kleinbürgerliches Leben an dem sozialen Ort, den manche Sozialforscher untere Mittelschicht nennen möchten, zu führen, weil ihnen schlicht die Tugenden – ja, Tugenden! – fehlen, um aus wenigen Ressourcen und einer nicht idealen sozialen Position das beste zu machen.

Es sind die bekannten, viel kritisierten bürgerlichen Tugenden wie Disziplin, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit, die aus „bitterer, relativer Armut“ eine anständige, respektable Existenz zu machen fähig sind. Und diese Tugenden lernt man eben nur durch Übung, indem man sie immer wieder nachahmt. Normalerweise geschieht dies in der Familie.

So kann es nicht verwundern, dass selbst die „relative“ Kinderarmut unter Kindern, die einen Vater und eine Mutter haben, die verheiratet sind, und von denen mindestens einer berufstätig ist, etwa bei 2% liegt, während fast die Hälfte der Kinder von „Alleinerziehenden“ unterhalb der ominösen „Armutsschwelle“ liegen.

Doch darüber herrscht auf den Kanzeln das große Schweigen, denn man will ja niemandem auf die Füße treten. Am Ende tritt so jemand noch aus der Kirche aus und verkleinert dadurch die steuerlichen Pfründe, auf denen sich die säkularisierte, modernistische Schattenkirche ausruht.

Dabei hat die Kirche doch eine so große Soziallehre, die leider immer mehr in Vergessenheit gerät, weil die offiziellen Vertreter der Kirche sie durch weichgespülten Sozialismus ersetzen.

„Soziale Gerechtigkeit“ als Irrweg

Alexander Kissler schreibt in gewohnt hoher Qualität im Vatican-Magazin über die „Innere Verzwergung“ des modernen Westmenschen. Der Artikel ist online einsehbar, und es lohnt sich wirklich ihn in Gänze zu lesen. Hier wie üblich einige (längere) Auszüge mit eingestreuten Kommentaren in roter Schrift von Catocon:

Manchmal ist alles furchtbar leicht, wollen alle das Beste, das wunderbarerweise Dasselbe ist (es ist dies die gutmenschliche Ursuppe), planetarische Glückseligkeit (die gefährlichste Idee seit der Schlange) breitet sich aus: Wer ist denn nicht für Nächstenliebe und Solidarität und gegen soziale Ungleichheit? Sahra Wagenknecht mag da ebenso wenig abseits stehen wie geschätzte 95 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Weil dem so ist, warb die atheistische Kommunistin auf dem „Katholikentag“ des Zentralkomitees für eine engere Zusammenarbeit von Kirche und „Linkspartei“. Jeder, der die gesellschaftliche Gerechtigkeit stärken will, sei herzlich eingeladen, sich bei der „Linkspartei“ zu engagieren. (Aber was ist diese „gesellschaftliche“ oder „soziale“ Gerechtigkeit? Kissler zerlegt diesen Gedanken gleich.)
Jesus aber war nicht nur, wie das Buch eines evangelischen Theologen klarstellt, „kein Vegetarier“. Er war ebenso gewiss kein Kommunist. (Das könnte man aber aus der durchschnittlichen Verkündigung im evangelischen und selbst im katholischen Bereich nicht ersehen. Ich kann nur immer wieder bis zum Erbrechen auf Divini Redemptoris für das perfekte Gegenbeispiel verweisen.) Gerade wurde eine Streitschrift mit dem Titel „Jesus, der Kapitalist“ angekündigt. (Ein Kapitalist war Jesus aber auch nicht. Diese Kategorie existierte zur Zeiten des irdischen Lebens Jesu überhaupt gar nicht.) Der Unterschied zwischen den sozialistischen Gerechtigkeitsphantasien und dem christlichen Gerechtigkeitsimperativ ist gravierend. (Das ist richtig. Ebenso ist der Unterschied zwischen den kapitalistischen Effizienzphantasien und dem christlichen Gerechtigkeitsimperativ gravierend. Keine der einfachen, typisch modernen Ideologien vermag die Tiefe christlichen Denkens darzustellen. Deswegen ist die katholische Soziallehre auch weder kapitalistisch noch sozialistisch. Sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus sind innerweltliche Ideologien.) Er passt in kein Weihrauchgefäß. Wenn Sozialisten und die vereinigte Sozialdemokratie aus SPD, CDU, Grünen von Gerechtigkeit reden und Solidarität, dann denken sie an den Staat. Er soll weiter wachsen, damit er Gerechtigkeit zuteile und Solidarität verwalte. Der feiste Hegemon – ein Garfield in Bürokratengestalt – soll den Bürger der Sorge um den Mitbürger entheben, indem er allen die Taschen leert. Vor Gott und dem Staat soll jedes Menschenwesen gleich bedürftig erscheinen. (Nicht „vor Gott und dem Staat“. Da unterstellt man eine Dualität, die so im wesentlich atheistischen Sozialdemokratismus nicht existiert. Gott wird geleugnet und deswegen rückt der Staat bei den Sozialisten an seine Stelle. Dasselbe machen Kapitalisten der Tendenz nach mit dem „Markt“.)
Biblisch ist das nicht, christlich nicht, katholisch nicht; wenngleich vom allgemeinen Staatstaumel längst führende Kreise der Kirche infiziert sind – die Diözese Rottenburg-Stuttgart (unter Bischof Fürst, dem Fürsten des Modernismus) und ihr Caritasverband etwa, die beide ins selbe Horn blasen, wenn sie das Betreuungsgeld ablehnen (sie sind halt modern. Heute kann man es von der Mutter nicht mehr verlangen, dass sie sich um ihre Kinder kümmert. Und vom Vater nicht mehr, dass er sich um seine Familie – inklusive Mutter und Kindern – kümmert. Schließlich herrscht die individuelle Autonomie, auch bekannt als „imperialer Egoismus“. Das Problem des Betreuungsgeldes ist, dass nur scheinbar Abhilfe schafft, solange es mit einer weit höheren staatlichen Förderung von Kinderverwahranstalten kombiniert wird.), die staatliche „Kleinkindbetreuung“ preisen, die „Kita“ selig sprechen und das elterliche Erziehungsrecht gering achten. (Genau das ist die christliche Alternative. Die ELTERN, nicht der STAAT, haben das erste und ursprüngliche Erziehungsrecht für ihre Kinder. Solange sie ihnen keinen schweren, nachweisbaren körperlichen Schaden zufügen, ist es die Sache der ELTERN, nicht des STAATES, für die Kinder zu sorgen.) „Der Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige ist ohne Alternative“ , ließen Bistum und Caritas verlauten. (Falsch. Die Alternative wäre die christliche Soziallehre mit ihrer bei allen Modernisten unpopulären Lehre von der natürlichen Familie. Doch die verträgt sich leider nicht mit dem Karrierefetischismus des Feministen und der raubtierhaften Gier, die das Verhältnis des modernen Menschen zum Konsum so treffend beschreibt.) So redet, wer dem Staat neue Untertanen zutreiben will und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen nicht so recht über den Weg traut. (Weil es nach Ansicht der Ideologie keinen Gott gibt. Und die „katholischen“ FunktionärInnen übernehmen die wesentlichen Teile dieser Ideologie unhinterfragt. Wo ist die Ideologiekritik, wenn wir sie brauchen?)
Was nämlich kam durch das Christentum einst in die Welt? Der Soziologe Franz Kromka erinnert an eine fast vergessene Wahrheit: „Im Gegensatz zu anderen Religionen rückt das Christentum das Individuum mit seiner unsterblichen und nach ihrem Heil strebenden Seele in den Mittelpunkt. (In gewisser Weise meint der Soziologe das Richtige. Das ist bei Soziologen schon selten genug. Doch eigentlich ist nicht das Individuum, das heißt der Einzelne, sofern er Einzelner ist, sondern die Person, das heißt der Einzelne, sofern er in Gemeinschaft mit anderen Personen ist, Zentrum der christlichen Lehre vom Menschen in der Gesellschaft. Die Heilsperspektive ist individuell, aber sie ist nicht, wie der moderne Individualist es vielleicht verstehen würde, unabhängig von anderen. Wir gehen in der kirchlichen Gemeinschaft als Einzelne auf das Heil zu, Doch vielleicht langweilen diese Distinktionen meine Leser – ich halte sie für wichtig, weil eine individualistische Lesart des Christentums ebenso falsch wäre wie die heute verbreitete kollektivistische Interpretation.) Die Person (genau. Die Person. Also der Einzelne insofern er in Gemeinschaft ist oder zumindest sein kann.) existiert vor dem Staat und der universale Gott mit seiner Gerechtigkeit und vor allem Barmherzigkeit über dem Staat.“ Die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft sahen genau aus diesem Grund Christentum, Freiheit und Markt schicksalshaft aufeinander bezogen. Für Wilhelm Röpke (ein selten vernünftiger Ökonom. Normalerweise ist Ökonomie keine Wissenschaft, sondern eine Plage. Doch Röpke ist eine seltene Ausnahme.) war bekanntlich der Mensch das Maß der Wirtschaft, das Maß des Menschen aber sein Verhältnis zu Gott. Wo diese Letztverankerung schwindet, so Röpke 1958, entstehe „die geistig-moralische Zwergwuchsrasse, die sich willig, ja freudig, weil erlöst, zum Rohstoff des modernen kollektivistisch-totalitären Massenstaats gebrauchen lässt.“(Dies ist die Schlüsseleinsicht zum Verständnis des modernen politisch-ökonomischen Systems.)
Totalitär wird man unsere bräsige Bundesrepublik nicht nennen wollen. (Was bedeutet denn „totalitär“? Es gibt sicher viele geistreiche Definitionen. Doch in meiner Erfahrung gibt es ein absolut sicheres Kriterium, an dem man freie von totalitären Gesellschaften unterscheiden kann: Totalitär ist eine Gesellschaft dann, wenn alles auf den Staat bezogen ist. Totalitarismus bedeutet in der Praxis: „Alles ist politisch.“ Egal was passiert, immer ist der Staat zuständig, immer handelt er, immer wird er als Retter in allen Lebenslagen behandelt. Totalitarismus bedeutet, dass der Staat als Gottersatz fungiert. Nach diesem Kriterium ist die BRD vielleicht noch nicht totalitär, aber in jedem Fall rapide auf dem Weg dahin. Ein Beispiel ist die Politisierung sportlicher Großereignisse. Ein anderes die Tendenz, dass alle Probleme durch staatliche Eingriffe gelöst werden sollen.) Die Freiheitsräume jedoch des Denkens und Entscheidens schwinden. (Was wohl auch an einem strukturell totalitären Bildungssystem liegt. Die staatlichen Schulen dienen faktisch eher der Indoktrination bzw. Initiation in eine antichristliche Kulturganzheit als der Bildung im eigentlichen Sinn des Wortes.) Die innere Verzwergung (der Individualist steht hilflos vor den komplexen Problemen der Welt und wird dadurch ganz klein. Die Person, eingebunden in die Bindungen von Familie, Gemeinde, Heimat, Vaterland und Kirche, vermag auf ein stärkendes Netzwerk zurückzugreifen, das dem Zugriff des modernen Wohlstandsnomaden aufgrund seiner hochgelobten Flexibilität – zu deutsch: Bindungsunfähigkeit – entzogen ist.) schreitet voran. Das Individuum gilt als Problem, weil es das reibungslose Funktionieren technischer oder staatlicher „Prozesse“ behindere. (Ich weise noch einmal auf die oben getroffene haarspalterische Unterscheidung zwischen Individuum und Person hin. Kissler meint das Richtige, doch er ist missverständlich. Viele werden dies lesen und sich denken, der Individualist sei die richtige Alternative zum Kollektivisten. Doch das ist nicht wahr. Der Individualist ist eine moderne Erfindung und hat mehr zum Entstehen des heutigen Kollektivismus beigetragen als jeder andere historische Charakter. Was den Individualisten fehlt ist die Rückbindung des Einzelnen an die schützenden und stützenden Gemeinschaften von Familie, Gemeinde, Heimat, Vaterland und Kirche, diese konzentrischen Kreise der charakterlichen Ausbildung.) Der Staat soll alles richten und richtet über den Menschen.Das Leben wird zum fortwährenden Tribunal. (Hier sieht man wieder die Vergötterung des Staates. Nicht mehr Gott ist der Richter, sondern der Staat.) Das freiwillige Geben hingegen, die konkrete Hilfe von Aug‘ zu Aug‘ schärfte Jesus seinen Jüngern ein. (In der katholischen Soziallehre ist Solidarität immer freiwillig. Solidarität hat nichts mit staatlicher Zwangsgewalt zu tun. Wenn man jemanden zwingt, dem Armen zu geben, dann übt er keine Solidarität, sondern bestenfalls Gehorsam gegen die legitime staatliche Autorität.)
Der Samariter beugte sich herab und wurde so zum Nächsten. Wäre er ein Deutscher unserer Tage, er hielte eine mitleidige Rede und gäbe dem Überfallenen den Ratschlag, sich doch an das nächste Staatskrankenhaus zu wenden. Auf dem Weg dorthin aber wäre er verblutet. (Aber er hätte wenigstens eine Krankenversicherung gehabt…!)

Alexander Kissler zerlegt den Mythos von der angeblichen Kompatibilität moderner Vorstellungen von „sozialer Gerechtigkeit“ mit der christlichen Soziallehre wie gewohnt gründlich und überzeugend. Das bedeutet nun nicht, dass jegliches staatliches Sozialsystem grundsätzlich abzulehnen wäre. Aber es bedeutet, dass die Moralkeule von Links nicht funktioniert. Man ist kein schlechter Christ, wenn man gegen mehr staatliche Einmischung im Sozialsystem ist.

Einen Schwachpunkt hat Kisslers Darstellung allerdings: Sie lobt immer wieder das Individuum als Alternative zum staatlichen Kollektiv. Im Laufe des Artikels wies ich immer wieder auf den Unterschied zwischen dem Menschen als Individuum und dem Menschen als Person hin. Spaemann macht diese Unterschiede an sehr vielen Stellen seiner Schriften sehr deutlich. Die Person ist immer schon Teil einer Gemeinschaft, in der sie ihnen bestimmten eigenen Platz hat. Die Person hat Wurzeln in der Vergangenheit, Bindungen in der Gegenwart und einen Platz in der Erinnerung seiner Nachkommen in der Zukunft. Der Mensch ist als Person Teil einer Gemeinschaft, die kein Kollektiv ist. Ein Kollektiv zeichnet sich durch die Anonymität seiner Mitglieder und ihre Austauschbarkeit aus. Da kein Mensch ganz allein durch die Welt geht, der Individualist aber die Bindungen der Person als „Fesseln“ abzustreifen wünscht, wird er Teil eines Kollektivs, das keine Gemeinschaft mehr ist.

Kissler meint vermutlich dasselbe wie ich, doch in seinem Beitrag kommt der Eindruck an, als ob der Individualist mit seinem kapitalistischen Markt die gewünschte Alternative zum Kollektivisten sei. In Wirklichkeit sind Individualismus und Kollektivismus nur scheinbar Gegensätze – sie bedingen einander. Der Individualist ist Teil eines Kollektivs und ein Kollektiv besteht aus unterdrückten, ins System eingezwängten Individualisten.

Frei ist der Mensch allein als Person, das heißt als Ebenbild Gottes in einer Gemeinschaft mit anderen Personen.

Ein ganz deutliches Bild

Quelle: Washington Times

Der eigentliche Grund für die natürliche Familie aus Vater, Mutter und Kindern ist aus christlicher Sicht nicht soziologischer Natur. Selbst wenn aus irgendwelchen Gründen die christliche Familie nicht die nach weltlichen Maßstäben beste Lebensform für die Menschen wäre, könne der Christ aus theologischen und moralischen Gründen nicht anders als sie zu unterstützen.

Doch auch wenn die ganz weltlichen, praktischen Gründe für den Christen nicht ausschlaggebend sein können, so weisen sie trotzdem auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Dass die Ehe nämlich nach wie vor der Ort ist, an dem Kinder besonders gut und geistig wie körperlich gesund aufwachsen. Dass Kinder immer noch in einer Familie aus Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, am besten aufgehoben sind, und nicht in irgendwelchen allein aus ideologischen Interessen heraus unter dem Vorwand von „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Selbstverwirklichung“ erfundenen sonstigen „Partnerschaftsformen“.

Bei Mundabor bin ich auf eine weitere Studie aufmerksam geworden, die das alles erneut dreimal unterstreicht. Die obige Grafik fasst ihre Ergebnisse zusammen – sie sind selbst von einem nichtchristlichen, rein weltlichen Standpunkt ziemlich eindeutig.

35 weltliche Argumente gegen Verhütung

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, mit einer Anhängerin künstlicher Verhütung über dieses Thema auf selten sachliche Weise zu diskutieren. Sie akzeptierte keine religiösen Argumente, und katholisch war sie auch nicht. Aus ihrer Sicht war Abtreibung zwar moralisch falsch, doch Verhütung eine große Errungenschaft. Besonders die „Pille“ schien ihr eine großartige Erfindung zu sein, und trotz aller Sympathie mit der katholischen Moral in anderen Bereichen schien ihr die Haltung der Kirche hier vollkommen rückständig zu sein. Obwohl das Gespräch zuweilen die üblichen Leidenschaften hervorrief, blieb es überraschend sachlich. Da ich der festen Überzeugung bin, dass die katholische Sexualmoral auch in rein weltlicher Hinsicht vollkommen rational ist, versuchte ich ihr die Rationalität dieser Position ohne Bezug auf religiöse Prämissen deutlich zu machen.

Auch die üblichen naturrechtlichen Argumente konnten in dieser Debatte mangels philosophischen Vorwissens der Gesprächspartnerin keine Anwendung finden.

Die folgende Liste ist eine Art Zusammenfassung der von mir vorgebrachten Argumente, die sie zwar nicht zum Umdenken, aber doch zur Nachdenklichkeit veranlasst haben.

Sollten meine Leser noch weitere Argumente gegen künstliche Verhütung kennen, die nicht auf religiösen Prämissen basieren, werde ich sie gern dieser Liste hinzufügen. Ähnliches gilt für weiterführende (nicht-religiös argumentierende) Links zum Thema.

  1. Durch die große Verfügbarkeit der Pille und ihre relativ hohe Zuverlässigkeit bei korrekter Anwendung war abzusehen, dass eine Erwartungshaltung einsetzen würde: Wenn zwei Menschen miteinander Sex haben, wird verhütet, es sei denn man entschließt sich ausnahmsweise ein Kind zu bekommen. Empfängnis wird daher zu einer (selten getroffenen) Entscheidung
  2. Die Verwendung künstlicher Chemikalien zur Regelung natürlicher Körperfunktionen sollte selbst abgesehen von allen anderen Erwägungen mit großer Vorsicht verwendet werden. Ein so tiefer Eingriff in den weiblichen Körper ist eigentlich nur zu verantworten, wenn ein wirklich triftiger Grund dafür besteht. Schwangerschaft ist aber keine Krankheit, also ist die „Pille“ auch keine Medizin
  3. Durch massenhaften Gebrauch hormoneller Verhütungsmittel hat eine signifikante Erhöhung des Anteils weiblicher Hormone in der Umwelt, vor allem im Wasser, stattgefunden. Dies führt unter anderem zur Reduktion männlicher Fruchtbarkeit.
  4. Die Pille hat eine Vielzahl von Nebenwirkungen, die nach langjähriger Erfahrung langsam aber sicher zum Vorschein kommen. Unter anderem reduziert sie nach langer Einnahme die weibliche Fruchtbarkeit dauerhaft
  5. Sie kann eine frühabtreibende Wirkung haben und führt daher, wenn viele Frauen sie verwenden, zu vielen Abtreibungen. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Aber allein in Deutschland verhüten mindestens zehn Millionen Frauen. Wenn nur in 1% der Fälle die frühabtreibende Wirkung auftritt, dann sind das immer noch 100000 Frühabtreibungen pro Jahr, die in keiner Statistik auftauchen
  6. Es wird generell angenommen, dass alle Frauen für den Arbeitsmarkt verfügbar sind (schließlich kann die Mutterschaft fast permanent herausgeschoben werden, indem man sich mit Hormonen voll stopft.)
  7. Männer müssen nicht mehr um eine Frau werben, sondern können die „billige schnelle Nummer“ geradezu erwarten.
  8. Aus diesem Grund sinkt der Respekt vor der Würde der Frau
  9. Kinder werden zur Ausnahme, die Gesellschaft verliert ihre Jugendlichkeit und verwandelt sich langsam in ein sterbendes Altersheim.
  10. Da ein Paar jetzt frei entscheiden kann, ob und wann sie ihre Kinder bekommen, wird die „unerwünschte Schwangerschaft“ plötzlich als großes Übel gesehen. Da auch die Pille nicht 100% zuverlässig ist (und oft nicht sachgerecht eingesetzt wird), kommt es immer noch zu vielen „unerwünschten Schwangerschaften“, doch die Mentalität, dass man ja ein Recht darauf hat zu entscheiden, ob und wann man Kinder bekommt, entsteht ein starker gesellschaftlicher Druck zur Legalisierung der Abtreibung.
  11. Da es weniger Kinder gibt, rücken in der nächsten Generation weniger Beitragszahler nach, die aber mehr Rentner und Kranke versorgen müssen. Folglich bricht langfristig das solidarische Renten- und Krankenversicherungssystem zusammen. Privatisierung dieser Systeme und „Abschalten der Alten“ aus wirtschaftlichen Erwägungen (Euthanasie, Sterbehilfe) sind die Folge.
  12. Da es weniger Kinder gibt, werden Familien mit vielen Kindern immer mehr zur Ausnahme. Ein gesellschaftlicher Druck, nur eines oder zwei Kinder zu haben, entsteht. Die Gesellschaft wird allgemein mehr an den Bedürfnissen der Erwachsenen als der (wenigen) Kinder ausgerichtet.
  13. Durch die Abkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung entsteht der Eindruck, die beiden hätten nichts miteinander zu tun. Wenn man Sex ohne Kinder haben kann, warum dann nicht auch Kinder ohne Sex? (Künstliche Befruchtung, Designerbabys usw.)
  14. Da ein Paar nur noch ein oder zwei Kinder hat, entsteht ein Druck zur Perfektion. Wenn man nur „eine Chance es hinzubekommen“ hat, neigt der Mensch allgemein zum Perfektionismus. Ein guter Teil des heutigen übertriebenen „Bildungswahns“ im Bürgertum kommt daher. Das eine Kind, der Prinz oder die Prinzessin, müssen toll, perfekt, wunderbar sein.
  15. Aus diesem Grund geht auch das Ansehen behinderter Kinder (Down-Syndrom und dergleichen) wieder zurück. Alle Eltern wünschen sich gesunde Kinder. Wenn man nur eines bekommt, ist halt kein Platz für Behinderte. Und außerdem hat die Gesellschaft sich wie oben erwähnt mehr entsprechend der Bedürfnisse der Erwachsenen ausgerichtet, so dass für solche Kinder kein Platz mehr ist. Sie werden heute meist abgetrieben.
  16. Wird die chemische Manipulation des eigenen Körpers durch hormonelle Verhütung erst einmal selbstverständlich, sinken die Hemmschwellen für andere Eingriffe in den menschlichen Körper. Zunehmend erscheint der menschliche Körper daher als „Nutzware“ und „Biomasse“
  17. Wenn die menschliche Fortpflanzung vom Menschen geregelt wird, leistet dies zumindest unbewusst einer Mentalität Vorschub, derzufolge der Mensch berufen sei, alles zu kontrollieren, das Machbare auch machen zu müssen, wenn es ihm Vorteile zu bringen scheint. Hemmschwellen sinken allgemein.
  18. Da die Pille als „praktisch sicher“ gilt, gehen auch die Hemmschwellen zum beiläufigen Sex mit verschiedenen (oft unbekannten) Partnern zurück. One-Night-Stands und kurzfristige Lebensabschnittspartnerschaften werden so selbstverständlich, dass Ehe und Familie völlig aus dem Blick geraten (man kann ja verhüten, nicht wahr?)
  19. Aus diesem Grund wachsen junge Generationen mit dem Wissen auf, dass Sex nichts Besonderes ist, sondern an jeder Straßenecke zu haben. Wie sollen solchermaßen erzogene Menschen (vor allem Männer) eine langfristige Bindungsfähigkeit und Verlässlichkeit erwerben? Die Folge ist, dass immer mehr Menschen einfach gar nicht ehefähig sind. Sie haben nie gelernt, ihre sexuellen Triebe über längere Zeit zu beherrschen, wie werden sie also reagieren, wenn die attraktive Sekretärin vorbeigeht?
  20. Daher steigen eheliche Untreue, und als Folge Scheidung, vaterlose Kinder und viele andere gesellschaftliche (und oft für die Beteiligten schwere psychische) Probleme drastisch an. Selbst wenn es nicht zur Scheidung kommt, führt dies zu unglücklichen Ehen.
  21. Da die Pille trotz ihrer Reputation als „praktisch sicher“ eben keine völlige Sicherheit bietet, die Menschen aber viel öfter Sex haben als früher, kommt es trotz allem noch zu mehr „ungewollten Schwangerschaften“ als vorher. Wiederum wachsen daher mehr Kinder außerhalb der Ehe auf, und ihnen fehlt mindestens ein Elternteil.
  22. Da es durch die Pille wesentlich mehr Alleinerziehende, Geschiedene, Kinder aus zerbrochenen Familien und allgemein Hilfsbedürftige gibt, steigen Kinderarmut und Verwahrlosung sowie weitere soziale Übel massiv an. Der Ruf nach staatlicher Intervention ertönt. Immer mehr Menschen werden abhängig vom Staat, was die sozialen Kassen stärker belastet, während zugleich aufgrund der geringeren nachwachsenden Einzahlerbasis weniger Geld da ist.
  23. Missbrauch von Kindern steigt an (vor allem im sexuellen Bereich, da der größte Anteil des sexuellen Missbrauchs von beiläufigen Lebensabschnittspartnern der Mütter ausgeht, die die Kinder als Konkurrenz und ungewollte Erinnerung an frühere Partner und potenzielle Rivalen ansehen).
  24. Da die Pille (wie oben mehrfach gezeigt) zur Normalisierung der Abtreibung beiträgt (und Hemmschwellen abbaut, da sie selbst frühabtreibende Wirkungen haben kann), sind ihr auch alle schädlichen Auswirkungen der Abtreibung, inklusive der Millionen kleiner Kinderleichen, teilweise anzukreiden.
  25. Unter der Illusion, dass Fortpflanzung vom Menschen gesteuert werden kann, vergisst der Mensch die natürlichen moralischen Grenzen seines Handelns. Ein Tabubruch führt immer zum Nächsten.
  26. Da man durch die Pille Frauen ermöglicht, ihre persönliche sexuelle Identität von der Rolle der Mutter abzukoppeln, leistet man der sexuellen Verwirrung Vorschub, die heute weit verbreitet ist. Was bedeutet es eine Frau zu sein? (Dasselbe gilt für Männer und ihre Väterrolle) [Anmerkung: Das war natürlich der Sinn der Sache. Darum haben die Feministen die Pille so in den Himmel gehoben. Doch waren die Auswirkungen wirklich so gut?]
  27. Der Frau wird ein wesentliches Argument gegen beiläufigen Sex aus der Hand geschlagen (Wie, du willst keinen Sex? Du magst mich offenbar nicht. Denn daran, dass du einfach keine Kinder willst, kann es ja nicht liegen. Da könntest du ja verhüten!).
  28. Da Sex nicht mehr mit großen Konsequenzen und einer lebenslangen Verantwortung verbunden ist, entsteht eine Erwartungshaltung, früher und immer früher dem Sexualtrieb nachzugehen. Es entsteht daraus ein psychischer Druck an Schulen und anderswo, bereits mit 16, mit 15, mit 14, mit 13 Jahren (und in Zukunft vielleicht noch früher?) Sex zu haben. Ein langsames, unschuldiges Erforschen des eigenen Sexualtriebs, wie viele wohlmeinende „sexuelle Revolutionäre“ erhofft hatten, sieht ganz anders aus.
  29. Aufgrund eines sorgloseren Umgangs mit der Sexualität kommt es zur explosionsartigen Verbreitung von Geschlechtskrankheiten (ein Drittel der sexuell aktiven achtzehnjährigen Mädchen in den USA hatte in ihrem Leben mindestens eine Geschlechtskrankheit!). Leid und Tod sind die Folge. Wo wäre Aids ohne „freie Liebe“ von allem mit jedem? Ganz einfach im Westen praktisch nichtexistent!
  30. Eine Gesellschaft, in der die meisten Frauen über viele Jahre Hormontherapien durchführen, um neues Leben zu verhindern, behandelt die Fruchtbarkeit der Frau exakt genauso wie eine chronische Krankheit. Diese Art Einstellung zu neuem Leben wird sich notwendigerweise auch auf alle anderen Lebensbereiche übertragen. („Kultur des Todes“)
  31. Weniger Kinder heißt immer Bevölkerungsrückgang. Mehr und mehr Einwanderer werden benötigt, um den Lebensabend der vielen Kinderlosen zu finanzieren. Die gewachsene Kultur eines Landes geht in die Brüche.
  32. Durch die Millionen Einwanderer kommt es zu weiteren Rissen im sozialen Gewebe, dem nun, zusätzlich zu allen anderen Problemen, auch noch der ethnisch-nationale Zusammenhalt fehlt (und wenn der fehlt: siehe Balkan)
  33. Kinderarmut führt zur Alterung der Gesellschaft. Ältere Gesellschaften sind weniger produktiv; die meisten technischen Neuerungen kommen von relativ jungen Leuten; dies führt zu weniger Wirtschaftskraft und weniger Wohlstand, was den Teufelskreis des sozialen Zusammenbruchs noch weiter vorantreibt.
  34. Dynamik und Fortschrittsgeist (!) gehen verloren. Am Ende fressen die Auswirkungen der Pille sogar die Träume der Fortschrittsfanatiker!
  35. Die tiefe Verbundenheit von Mann und Frau wird durch die Fixierung aufs Sexuelle in ihrem Wesen herabgesetzt. Sie verliert ihre kosmische, wundervolle, mystische Dimension. Sex ist kein Geheimnis (lat. Mysterium) mehr, sondern normaler Alltag.

Am Ende lässt sich feststellen, dass die Verwendung künstlicher Verhütungsmittel im Allgemeinen schon aus rein weltlichen Motiven heraus abzulehnen ist. Die negativen Folgen sind so immens, dass die Einführung der „Pille“ das gesamtgesellschaftliche Gleichgewicht so sehr durcheinander gebracht hat, dass selbst ein totaler Kollaps nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Die Ablehnung künstlicher Verhütungsmittel ist daher ein notwendiger Teil der rein weltlichen Antwort auf die Krise unserer Zeit.