Mut zur Lebensferne

Immer wieder begegnet mir die Aussage, irgendetwas sei „lebensfern“, „lebensfremd“ oder „weltfremd“. Oft geht es dabei um die Kirche. Es sei etwa lebensfremd, dass die Kirche bis heute die Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität oder die grundsätzliche Verwerflichkeit von Verhütungsmitteln lehre. So etwas sei den Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln. Es ist lebensfern. Diese Aussage ist in der Regel gleichbedeutend mit: „Es soll geändert werden“. Schließlich, so geht die bekannte Rede, müsse die Kirche zu den Menschen gebracht werden. Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Natürlich stimmt das in einer gewissen Hinsicht auch. Ein Auftrag der Kirche ist tatsächlich, den Menschen zu helfen. In allen Zeiten hat die Kirche sich für die Armen und Schwachen eingesetzt. Selbst Kirchenfeinde würdigen oft ihre soziale Tätigkeit und kaum jemand möchte ernsthaft auf die Leistungen der Kirche in dieser Funktion verzichten – nicht einmal Claudia Roth. Für diese Aufgabe muss die Kirche also ganz nah bei den Menschen sein. Der Helfer muss nah bei den Menschen sein, um helfen zu können und es bringt nicht viel, wenn der Arzt während einer diffizilen Operation zehn Kilometer von seinem Patienten entfernt ist.

Doch selbst wenn wir dies den Agitatoren der „Lebensnähe“ zugestehen, bleibt doch die Frage übrig, ob sich der Auftrag der Kirche in dieser sozialen Tätigkeit erschöpfe. Es ist notwendig, dass die Kirche den Menschen hilft. Doch reicht das schon? Um welche Hilfe geht es dabei? Ist nicht die Aufgabe der Kirche in erster Linie das Seelenheil der Menschen und hilft sie nicht am meisten, indem sie bei der Erlösung hilft? Ist nicht der größte Dienst am Menschen der Dienst an ihrem Seelenheil? Ist das nicht die wahre Grundlage der kirchlichen Tätigkeit?

Was bedeutet es, einem Menschen zu helfen? Man hilft einem Menschen, indem man ihm gibt, was er braucht. Was er braucht kann durchaus etwas ganz anderes sein, als was er will. Der Helfer, und das gilt bei weltlichen ebenso wie bei geistigen Dingen, steht oft vor der Herausforderung, dass der, dem geholfen werden soll, die Hilfe einfach ablehnt. Im Endeffekt muss man das akzeptieren, wenn es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt. Wer die Hilfe ablehnt, dem kann nicht geholfen werden. Wer selbst nach hundertfacher Aufforderung nicht klopfen möchte, dem wird auch nicht aufgetan. Am Ende sind die Menschen für sich selbst verantwortlich, und die Kirche kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen.

Doch sie kann versuchen, sie zu überzeugen. Wenn ein Mensch eine schwere Krankheit hat, und der Arzt weiß, allein die Therapie „x“ kann ihm jetzt noch helfen, dann wird er versuchen, den Patienten von den Vorzügen dieser Therapie zu überzeugen. Vielleicht ist die Therapie schmerzhaft, doch sie ist notwendig, wenn der Patient überleben möchte. Man könnte sagen, der Arzt sei „lebensfremd“, weil er „unbarmherzig“ die Schmerzen des Patienten ignoriert und einfach mit seiner „dogmatischen“, „rigiden“, „unflexiblen“ Therapie fortfährt, ohne sich um die offensichtlichen Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Niemand würde dies ernsthaft behaupten. Der Arzt möchte den Patienten retten, und deswegen rät der Arzt seinem Patienten zu der schmerzhaften Therapie. Das ist keine Lebensferne, und keine Unbarmherzigkeit, sondern einfach gesunder Menschenverstand.

Dasselbe gilt für die Kirche. Auch sie möchte den Menschen helfen. Auch die Therapie, die sie den Menschen anbieten kann, hat öfters schmerzhafte Nebenfolgen. Man muss von seinen Sünden ablassen, stetig gegen sie ankämpfen. Man muss umkehren. „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“, sagt Jesus. Bei vielen Menschen, etwa bei Ehebrechern, ist es notwendig, den ganzen Lebenswandel zu ändern und völlig neu anzufangen. Das kann schmerzhaft und schwierig sein, und wer wollte es dem Einzelnen verübeln, dass er Ressentiments gegen den Arzt entwickelt, der so eine schmerzhafte Therapie verordnet. Das kommt auch bei wirklichen Ärzten manchmal vor.

Doch allein der gesunde Menschenverstand sagt schon, dass eine notwendige Therapie auch dann notwendig bleibt, wenn sie unangenehm ist. So etwas ist in gewisser Hinsicht „lebensfern“, weil man von dem konkreten Schmerz absehen und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen muss. Man muss das Ganze in den Blick nehmen. Und vor diesem Ganzen relativiert sich der weltliche Schmerz, der auftritt, wenn etwa der Ehebrecher zu Umkehr, Reue, Buße aufgerufen wird, und den ernstlichen Versuch unternimmt, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen.

Aus der Vogelperspektive, ganz fern vom einzelnen, individuellen Leben und seinen alltäglichen und besonderen Sorgen, wird sichtbar, dass der Schmerz der Umkehr, die Umstellung des eigenen Lebenswandels, nicht einmal ein kleines Staubkorn ist, wenn man ihn mit dem Lohn vergleicht, der den Heiligen im Himmel erwartet.

Denn eines wird oft vergessen: Das Leben, das wahre Leben, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang.

Oft ist es daher notwendig, diesem Leben fern zu sein, um jenem ganz nahe zu kommen. Unsere Schätze als Christen liegen im Himmel und nicht auf Erden, und keine noch so attraktive Geliebte kann so verzückend sein, wie die Ewige Anschauung des Herrn, der die Liebe ist.

Aber ja, das ist alles lebensfern und weltfremd. Es holt die Menschen nicht da ab, wo sie sind. Viele werden das weder hören noch verstehen wollen. Es spricht den Menschen von heute nicht an.

Na und?

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Kommunionempfang für „Wiederverheiratete Geschiedene“

Beim Frischen Wind findet sich eine wunderbare Zusammenstellung von Links zu und Auszügen aus relevanten (Lehramts-)Texten, die sich mit der Frage beschäftigen, ob „Wiederverheiratete Geschiedene“ zur Kommunion zugelassen dürfen. Allen Lesern, die wissen wollen, was die Kirche zu dieser Frage genau lehrt, sei die gründliche Lektüre der dortigen Links empfohlen.

Woelki und der unheilige Zeitgeist

Kardinal Woelki, von manchen naiven Zeitgenossen gar als Hoffnung für den am Rande des Schismas taumelnden deutschen Episkopat gehandelt, beginnt nun langsam Flagge zu zeigen. Die Abkehr von der überlieferten, auf Jesus zurückgehenden Lehre der Kirche im Bereich der Ehe, die inzwischen zum Markenzeichen des Vorsitzenden der Bischofskonferenz geworden ist, findet nämlich nun auch mindestens zum großen Teil die Unterstützung des anfangs als „konservativ“ bezeichneten Erzbischofs von Berlin. So liest man bei kath.net:

Grundsätzlich ist die Ehe nach katholischer Lehre unauflöslich. Deshalb sind Geschiedene nach einer zweiten zivilen Eheschließung vom Empfang der Kommunion und auch von der Beichte ausgeschlossen, da sie laut gängiger Lehre der Kirche dauerhaft in einem Zustand schwerer Sünde leben.

Der Berliner Kardinal plädierte [im Gegensatz dazu] dafür, dass sich die katholische Kirche ntensiver [sic!] mit dem Weg der orthodoxen Kirche in dieser Frage auseinandersetzt. Auch die orthodoxe Kirche halte an der Unauflöslichkeit der Ehe fest; eine Scheidung und eine zweite Eheschließung würden dort allerdings toleriert. «Das erlaubt unter bestimmten Bedingungen die Zulassung zu den Sakramenten.»

In dem Interview warnte der Berliner Erzbischof zugleich vor einer Verurteilung von Homosexuellen. Auch der katholische Katechismus mahne, dass homosexuelle Menschen nicht «in ungerechter Weise zurückgesetzt» werden dürften. «Wenn ich das ernst nehme, darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den Verstoß gegen das natürliche Gesetz sehen», fügte der Kardinal hinzu. «Ich versuche auch wahrzunehmen, dass da Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, sich Treue versprochen haben und füreinander sorgen wollen, auch wenn ich einen solchen Lebensentwurf nicht teilen kann.» Die katholische Kirche stehe ein für die sakramentale Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, die offen ist für die Weitergabe des Lebens.

Nun, da haben wir so gut wie alle Zutaten, die auch sonst die Einlassungen deutscher Bischöfe ausmachen. Unklar in der Sache, undeutlich in der Form und entschieden in der Anpassung an den herrschenden Zeitgeist. Woelki spricht zwei Themen an, die natürlich eng miteinander verwandt sind: Die Zulassung von unbußfertigen Ehebrechern zur Kommunion und die Haltung der Kirche zu Homosexuellen. Die leidige Ehebrecherfrage zuerst:

Das Argument ist zu oft ausgeführt worden, als dass es noch eine Wiederholung vertrüge. Doch anscheinend geht es nicht anders. Die Kirche kann Menschen, die es vorziehen in schwerer Sünde zu verharren, nicht zur Kommunion zulassen, allein schon um zu verhindern, dass sie sich noch mehr schwere Sünden auf die Seele laden. Wenn die Kirche am Seelenheil der Menschen interessiert ist, und das muss doch das oberste Ziel aller Aktivitäten der Kirche, einschließlich ihrer „pastoralen“ Seelsorge sein, dann ist die Zulassung von Menschen, die in schwerer Sünde zu persistieren wünschen, einfach nicht richtig, weil die Seele der betroffenen Menschen dadurch weiteren Schaden erlitte. Doch da die Ehe unauflöslich ist, sind auch Menschen, die zivilrechtlich als „geschieden“ gelten, in Wahrheit vor Gott – und damit für die Kirche relevant – noch verheiratet. Gehen sie nun eine sexuelle Beziehung zu einer anderen Person ein, so handelt es sich offensichtlich um Ehebruch. Und Ehebruch ist, wenn er wissentlich und willentlich geschieht, offenbar eine schwere Sünde.

Damit ist die Frage eigentlich schon ganz klar. Natürlich muss man dann in der Seelsorge noch den richtigen Ton finden, und die richtigen Worte, wie man das möglichst schonend sagen kann. Doch inhaltlich die Sache klar. Jeder Katholik kann zur Kommunion gehen, es sei denn, er befindet sich im Stande der schweren Sünde. Die schwere Sünde kann durch die sakramentale Beichte vergeben werden. Doch dazu gehört die Reue. Wer aber gar keine Anstalten macht, sich von der Sünde abzuwenden, der zeigt keinerlei Reue. Der „wiederverheiratete“ Ehebrecher, um den es in der Debatte immer wieder geht, hat ja gar nicht die Absicht seinen Ehebruch einzustellen. Er hat nicht die Absicht, fortan „wie Bruder und Schwester“ mit seinem zivilrechtlichen Ehepartner zu leben. Er will nicht seine Sünden bekennen und bereuen; er will nicht umkehren. Er wünscht in seiner Sünde zu verharren. Eine Beichte wäre also ungültig. Der Empfang des Sakramentes der Beichte ist also nicht möglich, eine Zulassung zur Kommunion also auch nicht.

Wie windet sich der Kardinal nun aus dieser kirchlichen Lehre? Er spricht ganz klare Worte: Die Kirche soll zwar pro forma an der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten, sie aber, nach Vorbild der Orthodoxen praktisch ignorieren. Man soll einfach so tun, als ob die Ehe nicht unauflöslich wäre. Und dann, wenn man die Ehe faktisch nicht mehr als unauflöslich sieht, dann kann man eine zweite Eheschließung auch nur als persönliche subjektive Option einstufen, die moralisch gar nicht mehr falsch wäre. Dem Empfang des Sakramentes stünde dann nichts mehr im Wege.

Das funktioniert natürlich nicht. Denn das Verbot der Ehescheidung ist kein menschliches, sondern ein göttliches Gesetz. Es ist nicht, dass die Kirche es nicht ändern wollte. Sie kann es nicht ändern. Gott hat die Ehe so geschaffen, dass sie ihrer Natur nach nicht aufgelöst werden kann. Selbst wenn irgendein Kirchenfürst – und sei es der von Rom – also dekretierte, in Zukunft sei in seinem Zuständigkeitsbereich die „Zweitehe“ zu „tolerieren“, änderte dies nicht einen Hauch an dem göttlichen Verbot der Ehescheidung. Die Ehe bleibt unauflöslich, und daher bleibt der Vollzug der „Zweitehe“ Ehebruch. Und damit bleibt der Kommunionempfang der unbußfertigen Ehebrecher schwere Sünde. Sie essen und trinken sich dann weiter das Gericht, nur diesmal mit dem Segen des Kardinals. Das kann die Kirche nicht ändern. Sie kann es nur ignorieren, worauf sich gerade die deutschen Bischöfe in ihrer Mehrzahl ja sehr trefflich verstehen.

Solange die Ehe unauflöslich bleibt, ist der Kommunionempfang der „Wiederverheirateten“ schwere Sünde. Eine Änderung der kirchlichen Lehre zum Thema Kommunionempfang wäre damit auch eine Abkehr von der Unauflöslichkeit der Ehe.

Und damit, Eminenz, eine Abkehr von Jesus Christus.

Ähnlich verhält es sich auch bei den politisch korrekten Floskeln zur Homosexualität, die der Kardinal in vorauseilender Kapitulation vor Zeitgeist und Homolobby äußert. Wenn Kardinal Woelki sagt, der Katechismus verbiete ungerechte Zurücksetzung von Homosexuellen, dann ist das natürlich richtig. Das bestreitet niemand. Doch es impliziert auch die Existenz gerechtfertigter Zurücksetzung. Nämlich immer dann, wenn es für die Ungleichbehandlung einen ausreichenden Sachgrund gibt. Dies ignoriert Woelki vollkommen. Er will stattdessen lieber „wahrnehmen“ wie achso wunderbar Homosexuelle einander treu sind. Für die Seelen der Betroffenen wäre es freilich besser, von ihren schweren Sünden abzulassen, statt ihnen weiter – mit kirchenfürstlichem Beifall, versteht sich – „treu“ anzuhängen.

Man stelle sich vor, Jesus hätte zu der Ehebrecherin nicht gesagt, sie solle gehen und nicht mehr sündigen, sondern sie solle ihrem ehebrecherischen Partner nur ja weiter „treu“ bleiben! Nein, Umkehr heißt immer Abkehr von der Sünde. Gerade auch von „himmelscheienden“ Sünden. Und wenn homosexuelle Akte, wie die Kirche lehrt, sündhaft sind, dann muss der Homosexuelle deutlich dazu aufgefordert werden – in wie pastoral freundlicher Form auch immer – von seiner Sünde abzukehren, umzukehren, um Vergebung zu bitten.

Doch davon spricht der Kardinal natürlich nicht. Wie käme er auch dazu, die Sünder zur Umkehr zu rufen! Was ist er denn? Ein Hirte? Nein, liebe Sünder, verbleibt ganz treu in euren Sünden. Übernehmt „Verantwortung“ für andere, die auch in ihren Sünden zu verharren wünschen – freilich keine Verantwortung für das Heil ihrer Seelen, denn dann müsstet ihr sie ja wieder zur Umkehr auffordern, und dass geht in Kirche von Heute bekanntlich nicht. Nein, übernehmt Verantwortung dafür, dass auch sie weiter „treu“ in ihren Sünden verharren. Und zwar, wie der Kardinal sagt, „dauerhaft“. Zumindest bis zum Ende des Lebens. Dann übernimmt nämlich der, für den ihr so sorgsam, treu und verantwortlich Seelen gewonnen habt. Umkehr ist für Reaktionäre. Die Neue Moderne Quirche Ist Nicht Mehr So.

Natürlich, verschwommen, unklar, kann man, wenn man es krampfhaft wünscht, in den Worten des Kardinals auch ein Bekenntnis zur kirchlichen Lehre finden. Er gesteht durchaus ein, dass die Kirche für die sakramentale Ehe zwischen Mann und Frau steht. Wie er ja auch pro forma – wen will er damit eigentlich täuschen? Gott? – an der „Unauflöslichkeit“ der Ehe festhalten und faktisch die „Aufgelöstheit“ von Ehen anerkennen will. Doch was bleibt von seinen Worten? Dass dieser Hirte kein Interesse an der Verteidigung der katholischen Wahrheit hat. Dass er nicht für die Umkehr der Sünder eintritt, sondern für die Aufweichung der Wahrheit, damit die Sünder sich wohlfühlen und die Kirche nicht mehr als Stein des Anstoßes sehen. Dass der Verführer der Seelen im Erzbistum Berlin freie Fahrt hat, damit sein Oberhirte nicht wieder von den Homo-Verbänden kritisiert wird.

Dass der Kardinal sich in die Reihe der entchristlichenden Neo-Reformatoren des Zeitgeists einzureihen wünscht.

Schade.

Die Krise der Kirche ist eine Krise der Bischöfe.

Was ist ein Aufbruch?

Der derzeit laufende Katholikentag möchte als einen Aufbruch wagen. Und zwar nicht irgendeinen, sondern gleich einen ganz neuen, zumindest wenn man seinem Motto glauben möchte. Der Heilige Vater hat in seiner Botschaft bereits einige Worte dazu verloren, wie man seines Erachtens das Wort Aufbruch verstehen muss, nämlich immer als Aufbruch in und mit der Kirche auf dem Weg, der Christus ist.

Freilich kann man das Motto des Katholikentags so interpretieren, wie der Papst es versucht. Er müht sich, wie auch sonst sehr oft, heroisch um eine kirchen- und glaubenstreue Interpretation der Formulierungen, die heute aus der Kirche kommen. Wie bei den Texten des Konzils so ist auch bei einem Motto des Katholikentags eine Interpretation, und damit eine Hermeneutik, erforderlich, damit sie in Übereinstimmung mit dem Glauben der Kirche zu verstehen sind. Denn auf den ersten Blick scheint das Wort vom „Aufbruch“ gar nicht als Motto einer sich als katholisch gebenden Veranstaltung zu passen.

Das Wort vom „neuen Aufbruch“, den man „wagen“ muss, suggeriert allerlei, aber kein konstantes Festhalten am wahren Glauben gegen alle Irrlehren, denen man ausgesetzt ist. Aufbruch ist zunächst einmal Bruch. Etwas soll „aufgebrochen“ werden, doch was? In typisch moderner Manier wird das nicht gesagt. Jeder kann sich denken, was er will und alle sind zufrieden. Der Papst imaginiert einen Aufbruch fort von der Sünde und hin zur Heiligkeit, in Einheit mit der ganzen Tradition der Kirche. Was aber versteht der durchschnittliche Besucher darunter? Was derjenige, der das Motto in den Nachrichten hört? Darauf kommt es wirklich an. Was wird der durchschnittliche Deutsche hören, wenn er mitbekommt, auf dem Katholikentag wolle man einen „neuen Aufbruch wagen“?

Er wird daran denken, dass die Verantwortlichen die Kirche modernisieren möchten, dass sie gewachsene Strukturen aufbrechen und die Kirche „demokratisieren“ wollen. Er wird glauben, da wolle jemand mit den überlieferten Dogmen aufräumen, und die Kirche von unten einführen, die sich ihren Glauben nach Gutdünken selbst ausdenkt, so wie es die EKD mit enthusiastisch ausbleibendem Erfolg seit langer Zeit vormacht.

Wenn man ohne weiter Erläuterungen vom neuen Aufbruch spricht, den man wagen möchte, dann transportiert man „Hermeneutik des Bruches“, den Wunsch eine neue Kirche zu gründen, die alles ganz anders macht als früher.

Was man transportiert ist kein Aufbruch im Sinne des Heiligen Vaters, sondern ein Abbruch.

Das sind nicht einfach leere Spekulationen. Man kann die deutsche Hierarchie tagtäglich bei diesem Zerstörungswerk beobachten. So bekräftigte Erzbischof Zollitsch vor kurzem erst wieder seine Intention, am innerkirchlichen Abbruch weiter festzuhalten und ihn nach Kräften voranzutreiben. Unbußfertige Ehebrecher im Konkubinat sollen endlich auch offiziell die Erlaubnis erhalten, dich zusätzlich zu ihren sonstigen schweren Sünden auch noch das Gericht zu essen, wenn es nach dem Willen des Erzbischofs von Freiburg geht. Und das obwohl der Kommunionempfang nur im Gnadenstande zulässig ist, also wenn man nicht in schwerer Sünde verharrt. Doch Sünde ist für den Aufbruchunternehmer der modernen Kirche ohnehin das Unwort des Jahrhunderts, also ignoriert man sie einfach und erklärt die Frage des Kommunionempfangs sogenannter „Wiederverheirateter Geschiedener“ zu einem „pastoralen“ Thema, statt nach Wegen zu suchen, wie man die schwierigen Wahrheiten verkünden kann.

Dies ist nur ein Beispiel. Der Erzbischof selbst geht natürlich nicht so weit wie seine Funktionäre, die ja kürzlich nach Priesterinnen gerufen haben und auch sonst die Kirche in Glauben und Moral komplett ab- bzw. aufbrechen wollen.

Das ist der real existierende „Aufbruch“, nämlich der Aufbruch aus dem Glauben und aus der Sittlichkeit hinein in die allgemeine Apostasie. Man könnte den Gedanken hinter dem Motto des Verbandskatholikentages also durchaus auch als „Eine neue Apostasie wagen“ umformulieren, ohne allzu viel an dem Geist zu ändern, der das Motto durchweht. Allerdings ist die Apostasie nicht neu, sondern in Deutschland schon seit einigen Jahrzehnten im Gange.

Der Papst unternimmt, wie gesagt, den heldenhaften Versuch, aus einem schrecklichen Motto noch eine gute Lehre zu ziehen, und es spricht für die geistige Kraft des Heiligen Vaters, dass ihm das sogar gelingt. Doch wir sollten uns nicht täuschen. Das, was der Papst in seinem Geleitwort zum Katholikentag gesagt hat, ist zwar richtig, aber letztlich eine groteske Verdrehung dessen, was mit dem Motto gemeint ist.

Der Papst spricht von einem Aufbruch hin zum Glauben, hin zur Kirche – gemeint ist ein Aufbruch weg vom Glauben, weg von der Wahrheit, die in der Überlieferung der Kirche zum Ausdruck kommt.

Die scheinbare Doppeldeutigkeit verbirgt mehr schlecht als recht den Geist, der hinter einem solchen Motto steht, doch die Handlungen der deutschen Kirchenfunktionäre, ob mit oder ohne Bischofsweihe, sprechen eine sehr deutliche Sprache ob der Intentionen, die mit einem solchen Motto verbunden sind.

Kardinal Marx: „Wir sind Kirche“, trauen uns aber nicht es zu sagen…

Zu den üblichen Streitthemen hat sich Kardinal Marx vor der Vollversammlung der Diözesansowjets im Erzbistum München-Freising geäußert. Einige Auszüge aus dem kath.net-Artikel mit dem wie üblich roten Kommentar und Hervorhebungen von Catocon)

Die katholische Kirche werde zwar niemals die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe abschaffen, es brauche jedoch pastorale Antworten auf die Lebenssituation von Menschen in zweiter Ehe (was soll das sein? Ich dachte, der Kardinal hätte gerade noch gesagt, die Ehe sei unauflöslich? Gibt es plötzlich Vielehe?), sagte der Erzbischof am Freitagabend vor dem Diözesanrat der Katholiken in Freising. Das Thema werde weiterhin auf der Agenda der Bischofskonferenz stehen. «Da wird es keine einfachen Antworten geben.» (Nun, immerhin schreckt der Kardinal vor einer generellen Forderung nach Art Erzbischof Zollitschs zurück. Aber sind diese Worte nicht erneut Beispiele derselben Anpassungsrhetorik, die generell die deutschen Bischöfe auszeichnet? „Man werde ZWARdie Unauflöslichkeit der Ehe nicht abschaffen, ABER…“. Was ist so schwer daran, dass jemand, der kirchlich heiratet, dann zivilrechtlich geschieden wird, und zivilrechtlich erneut heiratet, entweder sexuell enthaltsam oder in schwerer Sünde lebt (Ehebruch), und daher, solange er in dieser schweren Sünde persistiert, nicht zur Kommunion zugelassen ist? Ja, das zu vermitteln, könnte heutzutage schwer sein, aber da geht es dann um „Vermittlung“, nicht um ein „schweres Thema, das auf der Agenda steht“.Die „pastorale Antwort“, die gegeben werden könnte, sollte und müsste, wäre katechetischer Natur, indem die Lehre der Kirche zu Ehe und Familie „an der Basis“ nicht länger verschwiegen oder halb geleugnet wird. Der Rest ist psychologischer Natur und nicht Aufgabe der Bischofskonferenz, sondern der individuellen Priester und Gemeinden.)

Auch bei der Frage der Eucharistie für konfessionsverschiedene Ehepaare müsse die Kirche im Einzelfall auf die Bedürfnisse der Menschen reagieren. (Die Bedürfnisse der Menschen sind wichtig, kein Zweifel. Doch die Kirche kann hier nicht auf sie reagieren. Der Empfang des Leibes Christi kann nicht mit Gedächtnisfeiern evangelischer Art verglichen werden – und wer ein evangelisches Verständnis vom „Abendmahl“ zur Kommunion bringt, sollte nicht empfangen – selbst wenn er das subjektive „Bedürfnis“ danach hat. Wir haben oft genug „Bedürfnisse“, die wir nicht befriedigen können. Dazu hat man Selbstbeherrschung, nicht Bischofskonferenzen, die krampfhaft hinter empfundenen „Bedürfnissen“ imperialer Individualisten herlaufen. Wo ist der Mut, Herr Kardinal?)

(…)

Der Forderung nach dem Diakonat der Frau erteilte Marx eine Absage. «Das findet nicht meine Zustimmung.» (Diese Haltung ist zu loben. Danke, Eminenz.)

Gleichzeitig sei es nötig, dass die Kirche Frauen stärker bei der Besetzung von Ämtern berücksichtige, die nicht an die Weihe gebunden seien. (Ein schöner Satz wird immer von einem schrecklichen auf Schritt und Tritt verfolgt in der schönen neuen deutschen Kirche. Wenn sich Frauen und Männer in der Kirche engagieren, ist das immer schön. Aber die „stärkere Einbindung“ von Frauen zu fordern, ist doch für einen Kardinal arg feministisch. Es riecht nach Konzession an den Zeitgeist, wie man im Folgenden noch deutlicher sehen wird.)

Es sei zudem nötig, die Laien stärker in Entscheidungen einzubinden.  Dafür brauche es ein stärkeres synodales Denken. Es dürfe durch Priester und Bischöfe keinen Klerikalismus geben, (ja, Klerikalismus ist schlecht. Die Vorstellung, man müsse in der Kirche irgendein besonderes Amt mit besonderen Kompetenzen ausüben, ist schrecklich. Wir sehen in diesen Worten von Kardinal Marx die schlimmste und extremste Form des Klerikalismus: Die, die glaubt, der Laie habe keinen Wert, wenn er nicht durch besondere „Ämter“ eingebunden sei.) in dem der Geistliche immer das letzte Wort habe. «Das ist nicht der Geist, den wir wollen.» Es brauche mehr Partizipation. (Ja, lasst uns alle eine bunte, neue, partizipative, grüne, egalitäre, offene, liebe, nette, brave, nutzlose Kirche sein. Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!)

Im Umgang mit Homosexuellen habe die Kirche oft den «falschen Ton» angeschlagen. (Ja, ich finde auch: Das unerträgliche Anbiedern der Kirche an die Homosexuellenlobby sollte endlich enden!) (…) In der Sexualmoral müsse sich die Kirche fragen, ob sie ihre richtige Haltung nicht zu oft mit einer «Verbotsrhetorik» verkünde. (Sie verkündet weder mit einer Verbotrhetorik, noch mit einer anderen Rhetorik. Faktisch verkündet sie gar nicht.)

Der Erzbischof unterstrich, dass die Arbeit der Kirche weiter professionalisiert (Genau! Noch mehr Professionalisierung! Ich mache hier nur meinen Job! Glaube? Irrelevant und hinderlich!) werden müsse, vor allem dann, wenn es um die Liturgie gehe. (Bitte nicht!) «Wir müssen das Niveau von Verkündigung und von Gottesdiensten immer weiter verbessern. (Neeeeeiiin!! Nicht durch mehr Professionalisierung! Wie wäre es mit mehr Frömmigkeit, mehr Glaube, mehr Treue gegenüber den liturgischen Büchern?) Es sei eine Grundaussage des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass alle Gläubigen zur Weitergabe des Glaubens gerufen seien. (Genau. Und deswegen wird der Glaube auch nicht weitergegeben: Wenn alle zuständig sind, fühlt sich niemand zuständig.) Deshalb befürworte er die Gründung einer Ehrenamtsakademie für das Erzbistum. (Auf Lateinisch heißt das: Non sequitur. Bloß weil alle Prämissen falsch sind und die Konklusion auch, muss man nicht gleich auch noch die Gesetze der Logik ignorieren, oder? Kardinal Marx scheinbar wohl.)

Ich bitte die Leser den ganzen Artikel auf kath.net zur Kenntnis zu nehmen, ich habe doch an einigen Stellen deutlich gekürzt.

Kardinal Marx ist für einen Kirchenmann seines Ranges jung, jemand, der scheinbar sehr glitschig die Karriereleiter hochrutschen kann. Er sagt nichts direkt Häretisches, stärkt aber durch seine Mentalität und sein Verhalten den Glauben nun wahrlich nicht.

Kardinal Marx macht sich wieder einmal um das inoffizielle Motto des Dialogprozesses „Mut zur Angst“ verdient.

Kardinal Lehmann und die Avantgarde der Revolution

Kardinal Lehmann ist weithin bekannt als einer der schärfsten Anti-Römer in der Deutschen Bischofskonferenz – und betrachtet man die Konkurrenz, die er dort hat, so muss man neidlos anerkennen, dass es sich um eine große Leistung handelt. Als katholischer Bischof noch entschlossener gegen Kirchliches Lehramt, Papst und Vatikan zu hetzen als der Vorsitzende, Erzbischof Zollitsch, es gewohnheitsmäßig tut, ohne dabei direkt abgesetzt zu werden, erfordert ein besonderes Maß an institutioneller Vetternwirtschaft, Protektion und diplomatisches Geschick.

Der Unterschied zwischen Kardinal Lehmann und Erzbischof Zollitsch ist nun, dass letztere ein lieber netter Großvater sein möchte, der es allen Recht macht, und dann zusieht, wie die Kinder sich köstlich amüsieren, ohne ihnen Vorschriften zu machen. Ein, im Wesentlichen, wohlmeinender, wenn auch vollkommen fehlgeleiteter Ansatz. Kardinal Lehmann ist hingegen kein Großvater, sondern ein Strippenzieher im schlechtesten Sinn des Wortes. Worum es ihm im innersten seines Herzens geht, kann man von außen natürlich nicht beurteilen, aber es sieht zumindest so aus, als sei sein einziges Ziel die Durchsetzung seiner ideologischen Vision einer Neuen Kirche ohne Bindung an Tradition (außer die Tradition der deutschkatholischen Spalter) und Papst (solange er dieses Amt nicht selbst oder durch eine Marionette ausübt).

Kardinal Lehmann repräsentiert in Reinform den schlechten Hirten aus Deutschland. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern sich auf eine lange Reihe guter Bestätigungen verlassen kann, ist jedem klar, der aufmerksam sich mit kirchlichen Fragen in Deutschland beschäftigt hat. Doch man muss gar nicht in die Vergangenheit zurückgehen, um den Schleim zu entdecken, der durch die Flure und Versammlungssäle im Bistum Mainz fließt; es genügt allein ein Blick auf diese eifrige Selbstdemaskierung des verehrten Kardinals aus der Karnevalsstadt.

Auch wenn die herannahende Karnevalssaison und die Stunksitzung der deutschen Bischöfe diese Aufmerksamkeit vielleicht gar nicht verdient – immerhin ist der einzelne Bischof, nicht die Bischofskonferenz, Träger kirchlicher Autorität – so lohnt es sich doch, erneut einen Blick auf die Forderungen der Kirchenrevoluzzer zu werfen. Da heißt es in dem oben verlinkten Kath.net-Artikel:

Im ZDF-Heute-Journal vom Dienstag meinte Lehmann, dass die deutschen Bischöfe bei „Reformthemen“ wie Diakonat der Frau oder wiederverheiratete Geschiedene Vordenker seien. “Da ist Raum genug, um in unserem Land das auch vorzubereiten, zu formulieren, in Rom an die Tür zu klopfen, um dann zu sagen; das haben wir erarbeitet.“

Ich bin kein Tele-Visionär, also habe ich die Aussagen nicht persönlich mitbekommen, aber wenn sie so stimmen, wie kath.net sie wiedergibt (und daran zu zweifeln habe ich keinen Grund), dann ist die Los-von-Rom-Bewegung wohl bereits in vollem Gange.

So wollen die hochmütigen deutschen Bischöfe als in Rom „an die Türe klopfen“, um die erste Stufe der Priesterweihe von Frauen (Diakonat) zu ertrotzen. Ferner wollen sie „Wiederverheiratet-Geschiedene“ (also unbußfertige Ehebrecher) zur Kommunion zulassen. Was ist von diesen Forderungen zu halten?

Diakonat der Frau

Ich bin kein theologischer Experte, so dass ich die Frage, ob durch Ordinatio Sacerdotalis auch die Frage nach der Diakonatsweihe definitiv und für immer festgelegt worden ist, den Theologen überlasse. Drei wesentliche Argumente sprechen aber trotzdem gegen das Diakonat der Frau:

1. Es gibt nur ein Sakrament der Priesterweihe – nicht je ein separates Sakrament für Diakonats-, Priester- und Bischofsweihen. Es erscheint mir daher lächerlich, wenn jemand sagte, Ordinatio Sacerdotalis schlösse nur die „Priesterweihe“ nicht aber die „Diakonatsweihe“ aus – beides gehört unter dasselbe Sakrament, das derzeit eben in drei Stufen gespendet wird. Entweder Frauen können dieses Sakrament gültig empfangen (was durch Ordinatio Sacerdotalis erneut ausgeschlossen worden ist), oder sie können es nicht. Entweder ALLE Weihestufen (einschließlich Bischofs- und sogar Papstamt) oder gar keine (also auch kein Diakonat)

2. Selbst wenn es derzeit noch keine unfehlbare Deklaration gegen die Diakonatsweihe von Frauen geben sollte, so wäre es ein unerträglicher Bruch mit der Tradition der Kirche einerseits, und der Weltkirche andererseits. Es gab und gibt keine weiblichen Diakone, da die Diakonatsweihe meist eine Durchgangsstation zur Priesterweihe ist. Die pastoralen Folgen eines solchen Schrittes wären immens. Revidierte die Kirche ihre Haltung in dieser wichtigen Frage, so wäre ihre Verlässlichkeit in allen anderen kontroversen Fragen plötzlich in Zweifel gezogen. Ein Dammbruch wäre die Folge.

3. Aber selbst wenn auch dies nicht der Fall sein sollte, wäre es in einer Zeit, in der der Feminismus die ganze westliche Welt, und auf dem Wege der ökonomischen Globalisierung und der Entwicklungshilfe mehr und mehr auch den Rest des Planeten, im Griff hat ein fatales Zeichen der Kapitulation vor einer der größten Häresien des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Argument, mit dem die Diakonatsweihe für Frauen gefordert wird, ist in keiner Weise im Einklang mit einer christlichen Sexualethik. Es sagt im Wesentlichen: Männer können Diakone werden, Frauen nicht. Das ist ungerecht, weil Mann und Frau gleich sind. Also muss es geändert werden. Doch es ist kein Argument für die Diakonatsweihe denkbar, das weniger überzeugend aus der Sicht eines Katholiken sein könnte.Die Prämisse ist ebenso falsch wie die Schlusfolgerung. Es ist nicht notwendigerweise ungerecht, wenn Männer X werden können und Frauen nicht, wenn ein guter Grund für diesen Unterschied vorliegt (deshalb verurteilt die Kirche richtigerweise auch nicht „Diskriminierung“ als Solche, sondern nur „ungerechte Diskriminierung“ – sie erkennt, dass bestimmte Formen der Unterscheidung (lat. discriminare) legitim sein können). Die Frage ist also: Gibt es einen guten Grund, warum Männer Diakone werden können, und Frauen nicht – eine Frage, die sich die Aktivisten ebensowenig stellen wie Kardinal Lehmann.

Zulassung von unbußfertigen Ehebrechern zur Kommunion

Hier liegt der Fall noch klarer. Ich möchte daher nur auf das Schreiben an die Bischöfe über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen verweisen, das alle wesentlichen Fragen und Einwände in bewundernswerter Klarheit (und, im Gegensatz zu mir, diplomatischerer Sprache) abhandelt.

Es bleibt keine andere Möglichkeit offen: Wenn man an die Unauflöslichkeit der Ehe und die Realpräsenz des Herrn in der Eucharistie glaubt (und beides sind unveränderliche Lehren der Kirche, die zum absoluten Kernbestand des Katholizismus gehören), dann können „Wiederverheiratete Geschiedene“ nicht zur Kommunion zugelassen werden, solange sie nicht in sexueller Enthaltsamkeit leben. Nach Erzbischof Zollitsch ist damit auch Kardinal Lehmann die Frage zu stellen, an welche der beiden Lehren er nicht glaubt. Glaubt er nicht an die Unauflöslichkeit der Ehe? Oder nicht an die Realpräsenz? Eines von beiden muss es sein. Denn: Ist die Ehe unauflöslich, und der Herr wirklich präsent, so „isst man sich selbst das Gericht“. Man begeht eine weitere Todsünde zu den anderen Sünden, die schon auf dem Gläubigen lasten.

Abschlussgedanken

Es bleibt daher keine andere Schlussfolgerung, als dass sich Kardinal Lehmann und Erzbischof Zollisch längst von der Gemeinschaft mit dem Papst abgewandt haben. Sie glauben scheinbar, sie seien so etwas wie die Avantgarde der Revolution, der Neuen Kirche.

Selten eine so alte, so müde, so langweilige Avantgarde gesehen.

Märchen Lebenswirklichkeit

Standig, kaum vergeht ein Tag, läuft mir wieder ein Märchen über die Füße: Die Kirche müsse sich doch an die Lebenswirklichkeit der Menschen von Heute anpassen – die Kirche sei weltfremd – die Kirche müsse sich für die Bedürfnisse der Menschen von Heute öffnen und immer so weiter im säuselnden Singsang der Sätze.

Um einmal einen bekannten Buchtitel des Philosophen Harry Frankfurter zu zitieren: Bullshit!

Die Kirche muss sich nicht der „Lebenswirklichkeit“ irgendwelcher Menschen anpassen, weil die sogenannte Lebenswirklichkeit der Menschen nicht maßgeblich für die Findung theologischer und sittlicher Wahrheit ist. Ebenso kann, nein muss, die Kirche immer und überall weltfremd sein – weil die Welt kirchenfremd ist. Wir sollen keine Schätze in dieser Welt anhäufen, weil unsere wahren Schätze in einer anderen Welt sind. Jede Kirche, die diesen Namen verdient, muss daher unbedingt und absolut „welt-fremd“ sein, also dieser Welt fremd. Sie darf niemals glauben, sie sei von dieser Welt.

Der Zweck der Kirche ist ebenso nicht die Erfüllung irgendwelcher empfundener Bedürfnisse der Menschen. Der Zweck der Kirche ist die Verkündigung des Wahren Glaubens und die Feier des Kreuzesopfers Christi durch die Eucharistie. Beide dienen letztlich dazu, die Menschen zu ihrem ewigen Heil zu führen. Das ist alles. Die Menschen ins ewige Heil, in den Himmel, in die ewige Schau Gottes, wie auch immer man es ausdrücken möchte, zu führen, das ist der Zweck der Kirche. Und das ist nicht einmal katholisches Sondergut, sondern allgemein christlich. Zitat des Protestanten C.S.Lewis aus Mere Christianity:

It is easy to get muddled about that. It is easy to think that the Church has a lot of different objects – education, building, missions, holding services. Just as it is easy to think the State has a lot of different objects – military, political, economic, and what not. But in a way things are much simpler than that. The State exists simply to promote and protect the ordinary happiness of human beings in this life. A husband and wife chatting over a fire, a couple of friends having a game of darts in a pub, a man reading a book in his own room or digging in his own garden – that is what the State is there for. And unless they are helping to increase and prolong and protect such moments, all the laws, parliaments, armies, courts, police, economics etc., are simply a waste of time. In the same way the Church exists for nothing else but to draw men into Christ, to make them little Christs. If they are not doing that, all the cathedrals, clergy, missions, sermons, even the Bible itself, are simply a waste of time. God became Man for no other purpose.

(Anmerkung: Wenn irgendein Leser die deutsche Übersetzung dieser Passage [4. Buch, 8. Kapitel: Is Christianity Hard or Easy?] verfügbar haben sollte, so wäre ich ihm sehr dankbar, wenn er sie in den Kommentaren hinzufügte!)

Die Erfüllung der Bedürfnisse von Menschen kommt erst später ins Bild. Natürlich hat Gott die Menschen aufgefordert, ihren Nächsten zu lieben. Wir sollen barmherzig sein. Das alles ist richtig und extrem wichtig. Doch solange wir nicht verstehen, worin die Wahrheit über Gott und die Wahrheit über das natürliche Sittengesetz besteht, solange wir uns nicht an Gott ausrichten, und damit auch an dem moralischen Gesetz, das er uns gegeben hat, solange wissen wir gar nicht, worin denn das Gute des Nächsten eigentlich besteht. Der heilige Thomas von Aquin schrieb, Liebe sei, das Gute des Anderen zu wollen. Das bedeutet: Es gibt keine Liebe, die nicht das wirklich wahre Gute des Anderen will, sondern nur seine subjektive Empfindung zufriedenzustellen wünscht.

Alle Menschen haben eine Vielzahl subjektiv empfundener Bedürfnisse. Darunter fällt auch die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen. Ferner ist jedem Menschen das objektive moralische Gesetz gegeben. Wer sich an den subjektiv empfundenen Bedürfnissen und Wünschen des Anderen orientiert, wenn diese in Konflikt mit dem moralischen Gesetz geraten, der liebt den Anderen nicht, sondern empfindet höchstens emotionale Zuneigung. Liebe kann niemals weniger sein als das objektiv Gute des Nächsten zu wollen.

Und es gibt keine Barmherzigkeit ohne Liebe. Man ist nicht „barmherzig“, wenn man einfach den Wünschen eines Menschen nachgibt, sofern diese Wünsche dem entgegen stehen, was wahrhaft gut für ihn ist – nämlich Gemeinschaft mit Gott im Ewigen Leben zu finden.

Jede Sünde, und schwere Sünden (Todsünden) in besonderem Maße, schwächen bzw. trennen das Band, das den Menschen mit diesem wahrhaft Guten verbindet. Daher kann es niemals ein Akt der Barmherzigkeit sein, die Sünden anderer Menschen gutzuheißen, oder einfach zu ignorieren. Im Gegenteil: Es ist zweifelhaft, ob es irgendeinen Akt gibt, der weniger barmherzig ist, als die Sünden eines Menschen einfach zu ignorieren, ihn in seinen Sünden vegetieren zu lassen – und damit zu riskieren, dass der betroffene Mensch nicht das ewige Leben sondern nur das ewige Feuer findet.

Was fordert man also, wenn man der Kirche erklärt, sie müsse sich an die „Welt“ anpassen, an ihre „Lebenswirklichkeit“, sie dürfe dieser „Welt“ nicht fremd sein, sie müsse sich mehr an den (subjektiv empfundenen) Bedürfnissen der Menschen orientieren? Man fordert, dass sie das wahre Gut dieser Menschen schlicht ignoriert, um ihnen in diesem Leben gefällig zu sein. Dass sie sich nicht um das ewige Leben, das Seelenheil, die Erlösung ihrer Schäfchen kümmert, sondern nur darum, dass diese Schäfchen ein besonderes Gefühl der warmen Zuneigung zu „ihrer“ Kirche empfinden.

Ich vermag darin nichts anderes zu erkennen als die Aufforderung an die Kirche, ihre Mission zu verraten.

Wie „weltfremd“ muss die Kirche sein, wenn sie ihre Schäfchen wirklich mit mütterlicher Liebe überhäufen will, statt sie nur einfach unverbindlich „ganz nett“ zu behandeln und mit subjektiv-emotionaler Zuneigung zuzuschütten?

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen die Tötung der Unschuldigen im Mutterleib zu kämpfen.

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen den systematischen Missbrauch des Geschenks der Sexualität durch technizistische Anmaßungen wie Verhütung, künstliche Befruchtung usw. anzukämpfen.

Sie muss weltfremd genug sein, um das unauflösliche Bündnis eines Mannes mit einer Frau, und die je besondere Würde und Aufgabe der zwei unersetzlichen und einzigen Geschlechter gegen die Gleichmacher zu verteidigen, die sowohl Männer als auch Frauen durch ihre Machenschaften entwürdigen.

Sie muss weltfremd genug sein, um das Heilige Messopfer mit Ehrfurcht und Demut zu feiern, selbst wenn die „Welt“ das bloß für ein Gemeindemahl ohne Zusammenhang zum ewigen Heil der Menschen hält.

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen Habgier, Neid und Geiz auch dort aufzubegehren, wo das ganze Wirtschaftssystem darauf basiert.

Sie muss weltfremd genug sein, um die Zerstörung der natürlichen Lebensumgebung durch profitorientierten Raubbau ebenso zu bekämpfen, wie den Versuch der sogenannten „Umweltschutzbewegung“ die Gesundheit des quasi-vergötterten Planeten Erde mit dem Blut der „überzähligen“ Menschen zu erkaufen, die das Pech hatten, in einer Welt zu leben, in der die Eliten von „Überbevölkerung“ schwafeln, statt die Menschen zum Zusammenrücken aufzurufen.

Sie muss weltfremd genug sein, um sich dem Fürsten dieser Welt zu widersetzen, welcher ansonsten kaum Widerstand in dieser seiner Domäne findet.

Kurzum: Sie muss so weltfremd und so fern der durchschnittlichen „Lebenswirklichkeit“ des Menschen sein wie nur möglich.

Und wenn sie das ist, wenn sie diese Einsicht ganz fest in sich verankert trägt, wenn ihre jegliche Handlung nur auf Gott, und damit auf Gottes Liebe zentriert ist, und damit auf die Dogmen und moralischen Wahrheiten, in denen sich Gottes Liebe in Form verbindlicher Handlungsanweisungen für uns verlorene Söhne manifestiert, wenn sie an nichts anderes denkt als gottgefällig zu sein, wenn sie sich alle Flausen gründlich aus dem Kopf geschlagen hat, den Menschen gefallen, ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechen zu wollen, ihre Lebenswirklichkeit annehmen zu wollen, dann geschieht etwas ganz Interessantes:

Diese Kirche, die ihre Augen fest auf das Himmelreich gerichtet hat, wird die Gebote des Herrn befolgen wollen. Sie wird tun wollen, was Christus getan, lieben wollen, wie Gott geliebt und helfen wollen wie der Herr geholfen hat – und also wird sie das wirklich und wahrhaft Gute aller Menschen wollen. Sie wird die Menschen wahrhaft lieben, nicht nur Zuneigung zu ihnen empfinden.

Doch wenn die Kirche das tut, dann findet sie begraben in den Dogmen und Wahrheiten ihrer Überlieferung den Schlüssel für die Lebenswirklichkeit der Menschen. Sie findet darin wahre Liebe und wahre Barmherzigkeit. Sie durchschaut die Ursachen der Probleme, die die Lebenswirklichkeit der Menschen heimsuchen, mit dem scharfen übernatürlichen Licht des göttlich Logos. Nur wer die Ursachen eines Problems durchschaut, der kann es lösen helfen. Die Menschen einfach nur zu bedauern, wenn ihnen doch geholfen werden kann, ist nicht bermherzig und auch nicht liebevoll, sondern kalt und verhärtet. Die Probleme, die die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit plagen, haben Ursachen, die allzu oft beseitigt werden können.

Frühere Sünden, die das Gewissen der Menschen plagen, können durch das Sakrament der Buße hinweggenommen werden. Geschlagene Wunden können durch das Geschenk der Vergebung geheilt werden. Feindschaften können bezwungen werden durch die Gnade Gottes und den festen Willen des Menschen, dieser Gnade sein Herz zu öffnen. Die Liste der möglichen Heilungen ist endlos. Doch diese Heilungen schlägt allesamt aus, wer nicht eingesteht, dass er der Heilung bedarf. Nur der Sünder wird beichten, nur der Kranke nimmt seine Medikamente.

Wenn die Kirche sich ganz auf Gott ausrichtet, nicht auf die Welt, wenn sie freiwillig der Welt fremd wird, dann erlangt sie überhaupt erst die Fähigkeit, die Probleme der Welt wirklich anzupacken und zu lösen. Erst wenn sie sich ganz Gott geschenkt und ergeben hat, vermag sie praktisch Tränen zu trocknen und menschliche Wunden zu heilen. Erst wenn sie sich ganz Gott unterwirft, kann sie ganz den Menschen dienen.

Liebe Gott mit allem was du hast, ohne etwas zurückzuhalten, und den Nächsten wie dich selbst. Nicht umgekehrt. Wir müssen zuerst nach dem Himmelreich streben. Zuerst Gott, dann die Menschen. Wir lieben Gott mit allem was wir haben und allem was wir sind. Und Gott sagt uns dann: „Wenn du mich wirklich liebst, Mensch, dann sei für deinen Nächsten da. Und ich gebe dir die Kraft das auch zu tun.“

Solange wir uns an der „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und an dieser „Welt“ orientieren, werden wir zwar nicht weltfremd, aber gottfremd bleiben. Und da Gott die Welt geschaffen hat, ist der Gottfremde letztlich auch der wahrhaft Weltfremde. Denn er biedert sich permanent an die „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und diese „Welt“ (und ihren Fürsten) an, aber er vermag sie nicht zu heilen in diesem Leben und erlösen wird er sie sicher auch nicht.

Erzbischof Zollitsch zum Dritten…

Das inoffizielle Motto des Dialogprozesses...

Das inoffizielle Motto des Dialogprozesses...

[Bild auf Aliveandyoung.net gefunden.]

O hätte er doch geschwiegen – und hätten vor allem seine Verteidiger geschwiegen, so wären sie, nicht Philosophen, so doch gute Katholiken geblieben. Doch so, leider, ein drittes Interview des Erzbischofs, in dem er seine Position richtigzustellen versucht. Einige Zitate aus dem Kath.net-Artikel zum Thema:

Erzbischof Robert Zollitsch wehrt sich gegen den Vorwurf, er wolle die Unauflöslichkeit der Ehe infrage stellen. «Das tue ich ganz und gar nicht», sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Freiburger Erzbischof in einem Interview des «Mannheimer Morgen» (Montag).
(…)
In der Seelsorge stelle sich aber die Frage nach einem «theologisch verantwortungsvollen und pastoral angemessenen Umgang. Darüber gilt es offen und unaufgeregt zu beraten.»

Zuerst ist es natürlich zu begrüßen, dass Erzbischof Zollitsch die Unauflöslichkeit der Ehe nicht aufheben möchte – das könnte er auch gar nicht. Doch dann stößt er leider erneut in dieselbe Kerbe, die ich verschiedentlich (Links siehe unten) bereits kritisiert hatte. Man solle einen „theologisch verantwortungsvollen und pastoral angemessenen Umgang“ finden, über den man „offen beraten“ müsse. Das ist allerdings zunächst einmal eine Leerfloskel. Alle Seiten sind sich einig, dass eine Lösung nur theologisch verantwortungsvoll und pastoral angemessen sein dürfe. Hat jemals in der Geschichte der Kirche jemand behauptet, er wolle theologisch verantwortungslos und pastoral unangemessen handeln? Die ganze Frage besteht doch gerade darin, was denn theologisch verantwortungsvoll und pastoral angemessen sei. Da behaupten die einen, man müsse Wiederverheiratet-Geschiedene zur Kommunion zulassen, und andere lehnen dies ab.

Aus der Unauflöslichkeit der Ehe, zu der Zollisch sich anscheinend in dem neuen Interview bekennt, und dem katholischen Eucharistieverständnis folgt allerdings notwendig der Ausschluss von der Kommunion für Menschen, die nach einer zivilrechtlichen Scheidung in eine neue sexuelle Beziehung eintreten. Das ist keine Frage pastoralen Umgangs, sondern zuerst nur theologischer Wahrheit. Wie man diese Tatsache, diese nicht veränderbare Tatsache, pastoral vermittelt, mit wieviel Fingerspitzengefühl man vorgeht, das alles kann offen und unaufgeregt diskutiert werden. Doch die theologischen Tatsachen stehen nicht ständig offen zur Diskussion. Sie sind eben längst Tatsachen, an denen sich weitere Diskussionen zu orientieren haben.

Aber bei aller Kritik am Erzbischof, die hier in den letzten Wochen laut geworden ist, bleibt er weit unter dem was sein Stellvertreter, der Bischof von Aachen Heinrich Mussinghoff, erklärt. Während Erzbischof Zollitsch die Unauflöslichkeit der Ehe wenigstens noch formal unangetastet lassen möchte, strebt Mussinghoff eine vollständige Protestantisierung des Themas an. Kath.net schreibt:

[Bischof Mussinghoff] betonte, dass keine offizielle Zulassung zu den Sakramenten angestrebt werde. In Einzelfällen sollte aber beispielsweise die subjektive Gewissensentscheidung eines Katholiken toleriert werden, die Kommunion zu empfangen. Auch weil Kinder aus diesen Beziehungen nur schwer in den Glauben finden könnten, wenn ihre Eltern dauerhaft nicht zur Kommunion gehen dürften.

(Hervorhebungen von Catocon)

Das geht über die Worte des Erzbischofs von Freiburg deutlich hinaus. Die Zulassung zur Kommunion zur „individuellen Gewissensentscheidung“ zu machen, erkennt den Primat des Gewissens gegenüber der kirchlichen Lehre an. Wenn mein individuelles Gewissen mir sagt, es sei akzeptabel in Ehebruch zu leben und eine Konkubine zu haben, wer ist dann Gott mir Vorschriften zu machen!? Schließlich bin ich doch ein freier, aufgeklärter, moderner Mensch – ich bin emanzipiert von diesen ganzen verstaubten Autoritäten, die mir vorschreiben wollen, was ich zu tun und was zu lassen habe! Wenn ich Ehebruch begehen will, dann nenne ich das „Neue Erfahrungen machen“ und „mich umorientieren“, und das ist doch nichts Schlimmes! Kirche und Gott haben sich aus meinem Leben herauszuhalten! Außerdem gehe ICH zur Kommunion, wann ICH das WILL. NON SERVIAM!

In dem Moment, in dem die subjektive Gewissensentscheidung eines Katholiken bei einem Thema von öffentlicher Relevanz – etwa wenn ein Paar offen im Konkubinat oder in Ehebruch lebt, wie in diesen Fällen häufig – als ausschlaggebend gewertet wird, hat das Lehramt der Bischöfe offiziell abgedankt. Bischof Mussinghoff fordert nichts weniger als eine zweite Reformation – das Primat des Gewissens.

Damit wird abermals ratifiziert, was die Bischofskonferenz schon mit der Königssteiner Erklärung 1968 angedeutet hat. Wir verneigen uns vor dem Zeitgeist, wir sind ein Fähnchen im Wind, keine Kompassnadel, die immer zum Herrn zeigt. Wir lassen alles zu, solange ihr euer Gewissen zu Brezeln verknoten könnt, um euch selbst zu rechtfertigen. Wir glauben an die Rechtfertigung nicht durch Gnade, nicht durch den Glauben, nicht durch gute Werke, sondern durch den menschlichen Willen. Sünde ist keine Sünde, wenn ihr euer Gewissen vorher erstickt habt, und es jetzt alles mit sich machen lässt.

Der Zustand der katholischen Kirche in Deutschland ist allerdings inzwischen so schlecht, dass selbst die Worte von Bischof Mussinghoff noch gemäßigt und katholisch anmuten gegen das was scheinbar in den normalen deutschen Gemeinden alltägliche Praxis ist:

Unterstützung hatte Zollitsch auch von einzelnen Kirchenrechtlern und Moraltheologen erhalten: Der emeritierte Münsteraner [Münster: Das Große Häreticum für alle, ohne Numerus Clausus! – Anmerkung von Catocon] Kirchenrechtler Klaus Lüdicke sagte, schon heute sei es in Deutschland der Normalfall, Gläubigen, die in einer neuen Ehe lebten, die Kommunion nicht zu verweigern. Das solle die Kirche auch amtlich akzeptieren.

Ist das wirklich so? Ich kenne nur eine Gemeinde, und die erst seit kurzem. Wer dort geschieden ist und wer wiederverheiratet, ist mir vollkommen unbekannt. Wenn in Deutschland wirklich allwöchentlich der Leib unseres Herrn entweiht wird, wenn allwöchentlich mit priesterlichem Segen massenhaft bekanntermaßen in schwerer Sünde lebende Menschen zur Kommunion zugelassen werden, dann repräsentiert Bischof Mussinghoff wohl den traditionalistischen Flügel der Kirche. Man sagt, der Fisch stinkt vom Kopf her. Aber was ist, wenn der katholische Fisch gar nicht vom Kopf her stinkt, sondern von den Füßen?

Natürlich ändert sich an der Lehre der Kirche auch dann nichts, wenn 99,9% oder selbst 100% aller dem Namen nach katholischen Gemeinden gegen sie aufbegehrten. Auch ein spontanes Massenschisma der deutschen Gemeinden vermöchte nicht einen einzigen Buchstaben an der Wahrheit verändern, dass zivilrechtlich geschiedene Menschen, die eine neue Sexualbeziehung mit einem anderen Menschen eingehen, in schwerer Sünde leben. Daher ist es auch manifest falsch, was Eberhard Schockenhoff, einer der bekannteren Radikalhäretiker der Schimatischen Kirche Deutschlands, vertritt:

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff sagte, Zollitsch habe die Unauflösbarkeit der Ehe nicht infrage gestellt. Er wolle nur einen barmherzigeren Weg des Umgangs mit Menschen, deren Ehe gescheitert sei [Von sich aus scheitern keine Ehen – das besorgen schon die Eheleute selbst! – Anmerkung von Catocon] . «Man kann von außen nicht jede Entscheidung für eine zivile Zweitehe als objektiv schwere Sünde qualifizieren», fügte der Theologe hinzu.

Doch, Herr Schockenhoff, OBJEKTIV ist es auf jeden Fall eine schwere Sünde. Inwiefern Menschen für dieses Verhalten die Schuld tragen, hängt natürlich von ihrem Kenntnisstand ab. Wer gar nicht über die Lehre der Kirche und die Wahrheit informiert ist, dessen individuelle Schuld ist anders zu bewerten als die Schuld des wissentlichen und willentlichen Überzeugungstäters. Objektive schwere Sünden liegen vor bei Sünden hinsichtlich einer schwerwiegenden Materie. Die Ehe ist als Sakrament der Kirche auf jeden Fall eine schwerwiegende Materie. Ferner muss die Sünde noch wissentlich und willentlich begangen werden, damit die schwere Sünde auch wirklich schuldhaft ist. Jeder Mensch, der in Deutschland eine Zivilehe eingeht, tut dies willentlich – sonst wäre die Ehe ungültig.

Nun kann es immer sein, dass jemand zum Zeitpunkt des Eheschlusses gar nicht über die objektiv schwere Sündhaftigkeit seines Verhaltes informiert war. In solchen Fällen ist die individuelle Schuld natürlich entsprechend zu reduzieren oder gar zu verneinen. Doch spätestens nachdem ein guter Pastor dem betroffenen Paar die Wahrheit ganz pastoral gesagt hat, liegt die Sache klar. Ein weiteres Persistieren in schwerer Sünde kann dann nicht mehr als „unwissentlich“ gewertet werden, sondern nur noch als „wissentlich“. Dasselbe gilt für einen Priester, der in vollem Wissen um die Situation einem solchen Paar die Kommunion spendet. Was mit Hirten geschieht, die zulassen, dass ihre Schäfchen sich „das Gericht essen“, wie Paulus das ausdrückt, die ihre Schäfchen in den Abgrund stoßen, kann man in der Bibel nachlesen. Jesus, soviel möchte ich verraten, hält nicht viel von schlechten Hirten.

Man kann fürchterlich komplizierte Einzelfälle konstruieren, meinetwegen ein Mensch, der nach einer zivilen Wiederheirat vom orthodoxen zum katholischen Glauben konvertiert, mit einer russisch-orthodoxen Frau verheiratet ist (hier wäre prinzipiell die Interkommunion möglich, wenn ich richtig informiert bin), vier kleine Kinder hat usw. Doch solche extrem seltenen Einzelfälle müssen nicht durch individuellen Gewissensprimat der Betroffenen (Mussinghoff), amtskirchliche Anpassung an gängige häretische Praxis (Lüdicke) oder theologische Diskussion im Dalogprozess (Zollitsch) gelöst werden, sondern durch individuelle pastorale Beratungsgespräche auf der Grundlage kompromisslos feststehender dogmatischer Wahrheit.

Ich hatte gehofft, nach den letzten beiden Wochen nicht jetzt schon wieder negativ über unsere deutschen Bischöfe schreiben zu müssen, aber es bleibt nicht aus. Der Papstbesuch scheint in der deutsch-katholischen Landschaft so einige in Unruhe zu versetzen. Da muss man sich dringend noch einmal von Rom absetzen, um nur ja nicht unter die Räder der rapide rollenden Medienmaschine zu geraten. Man will ja ankommen – um jeden Preis.

Links zu früheren Artikeln über die Zollitsch-Interviews:

Erzbischof Zollitsch und die Häresie

Erzbischof Zollitsch und die Häresie: Weitere Stimmen

„Herr Zollitsch und das Zirkuspferd“

Erzbischof Zollitsch legt nach

Links zur leidigen Zollitsch-Debatte

Erzbischof Zollitsch legt nach

Hatte man gerade noch gedacht, das umfassend negative Stimmungsbild aus für die Kirche relevanten Kreisen, von seinem Bischofskollegen Meisner bis zu der seltenen und daher umso deutlicheren und wichtigeren Stellungnahme des Nuntius Périsset (auf die ich hier verwiesen hatte), hätte Erzbischof Zollitsch zum Nachdenken veranlassen können, so wird man durch dieses WELT-Interview leider enttäuscht. Im Gegenteil: Zollitsch legt in dem Interview noch einen drauf, indem er in die Liste seiner durch zeitgeistgerechten Fortschritt zu lösenden Fragen auch noch die Interkommunion einbezieht. So spricht er:

Die Welt: In Deutschland mit vielen konfessionsverschiedenen Ehen wird es als Mangel empfunden, dass es bei der eucharistischen Gastfreundschaft keine Fortschritte gibt und wiederverheiratete Geschiedene von Sakramenten ausgeschlossen sind. Wird der Papst hier ein Zeichen setzen?

Erzbischof Robert Zollitsch: Diese Fragen beschäftigen uns, sie kommen auch in unserem Gesprächsprozess vor. Sie sind dem Papst bekannt. Es sind Fragen, die es theologisch zu durchdringen wie auch pastoral zu bedenken gilt. Allerdings gehe ich davon aus, dass es bei diesem Besuch nicht zu konkreten Aussagen kommen wird, da ist noch einiges zu prüfen. Wir sind an den Fragen dran. Wir wollen sie nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben, aber wir brauchen entsprechende Zeit, um das seriös zu lösen.

Das wollen wir doch einmal untersuchen, um herauszufinden, was besagtes Wortgeschwurbel denn nun eigentlich bedeutet: Gefragt, was denn mit der „eucharistischen Gastfreundschaft“ – in diesem Zusammenhang deutlich als Codewort für Interkommunion zu erkennen – sei, könnte man als katholischer Bischof vieles sagen. Man könnte erklären, dass es zwischen der katholischen Eucharistie und dem evangelischen Gedächtnismahl immense Unterschiede gibt. Man könnte klar sagen, dass es nicht um Gastfreundschaft geht, denn die äußert sich nicht in der Eucharistie, sondern eben im Umgang mit Gästen. Wir begrüßen evangelische Christen, aber sie können nicht die Eucharistie empfangen, weil… So hätte man antworten können. Da man als Bischof weiß, dass solche Fragen in Interviews gestellt werden, könnte man sich sogar vorher schon Antworten zurechtlegen, über die Fragen nachgedacht haben sollte ein Bischof ja schon. Unvorbereitet kann es den Erzbischof nicht getroffen haben.

Aber das alles sagt er nicht. Stattdessen erklärt er, das sei ein Thema, über das man beim „Gesprächsprozess“ reden werde, dass zwar nicht so schnell gelöst werden könne, aber für das man eine „seriöse Lösung“ finden werde, wenn man sich die nötige Zeit genommen habe. Das kann nun wieder zweierlei bedeuten. Es ist geschickt genug formuliert, dass man nicht gezwungen ist, eine Kapitulation vor dem Zeitgeist und einen grundsätzlichen Verrat an der Eucharistie darin zu erblicken. Möglicherweise hat er nur gemeint, dass man darüber sprechen werde, warum es keine Interkommunion geben könne, dass man vielleicht neue Wege finden wolle, das Problem durch Erklärung und Katechese zu „lösen“. Aber glaubt das irgendjemand ernsthaft? Da geht ein Erzbischof, der Vorsitzende der Bischofskonferenz zu einem Interview mit einer säkularen Zeitung, im vollen Wissen, dass solche Fragen sehr wahrscheinlich gestellt werden, und antwortet dann so, auf eine Weise, die weder die Lehre der Kirche zum Thema erwähnt, noch erklärt, ja nicht einmal unbedingt konsistent mit ihr ist?

Viel wahrscheinlicher ist die Interpretation, dass der Erzbischof signalisieren wollte, dass er auch diese „Heilige Kuh“ auf dem Altar des Zeitgeistes im Götzendienst zu opfern bereit ist, um sich noch etwas mehr Ansehen und Zuneigung in einflussreichen Kreisen zu erschleichen.

Früher haben die Apostel des Herrn wenigstens noch 30 Silberstücke für diese Art Dienstleistung genommen.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz – und der ist er nun einmal, auch wenn Kardinal Meisner aufgrund von Zollitschs Häresien lieber zwischen dem „Erzbischof von Freiburg“ und dem „Vorsitzenden der Bischofskonferenz“ unterscheiden möchte – signalisiert in diesem Interview also allen Ernstes, dass man im Rahmen des Dialogprozesses auch über die Interkommunion sprechen und, zu gegebener Zeit, auch eine „Lösung“ für dieses „Problem“ finden werde. Nun, gegeben das Wissen um die Zusammensetzung der Dialogrunden, welche „Lösung“ könnte das wohl sein, wenn nicht die Einführung der Interkommunion, und damit die endgültige Trennung von Rom, das vorsätzliche und vollständige Schisma. Doch das Schisma ist faktisch längst da, auch wenn der Erzbischof es umständlich leugnet:

Erzbischof Robert Zollitsch: Ich persönlich sehe dafür [für ein Schisma; Anm. von Catocon] keine Anzeichen. Es ist richtig: Wir haben eine katholische Bandbreite, in vielen Fragen gehen die Positionen auseinander. Aber das ist nicht die Frage eines Schismas. Wir versuchen, in dieser großen Bandbreite den Weg nach vorne zu finden und möglichst viele dabei mitzunehmen. Es hat immer Katholiken gegeben, die der Kirche eng verbunden waren, und daneben gab es welche, die kein so enges Verhältnis hatten. Das ist ein Element der Volkskirche.

Die Welt: Verfolgt man die Diskussionen über Reformwünsche, drängt sich einem der Eindruck von Richtungskämpfen gerade zu auf.

Erzbischof Robert Zollitsch: Es kommt darauf an, was man unter Richtungskämpfen versteht. Es gibt unterschiedliche Ansichten, das ist richtig und auch selbstverständlich. Wir wollen aber gemeinsam in dieser Kirche leben und wirken.

Hier haben wir das Standard-„Argument“ der Verfallsverwalter im deutschen Episkopat vor uns. Es gibt kein Schisma, wir bleiben alle miteinander im Gespräch, und im katholischen Zelt ist ja Platz für alle, egal was sie so denken und glauben.

Eine kleine Information für diese Zelthäretiker: Ja, im katholischen Zelt ist Platz für alle. Jedem Menschen steht es frei, egal wo er herkommt und was er vorher getan oder geglaubt hat. Volkermörder, Politiker, Abtreibungsärzte, Konzernchefs, Ehebrecher – selbst die Schlimmsten finden ihren Platz im Schoß der Kirche. Im katholischen Zelt ist wirklich Platz für alle, und das Zelt steht jedem offen. Jedem, der denn auch wirklich hinein will. Im katholischen Zelt ist wirklich Platz für alle. Aber nicht alle Plätze sind auch besetzt. Für jeden Menschen ist Platz – aber einige Menschen möchten ihren Platz nicht einnehmen. Sie ziehen es lieber vor, das Gegenteil der katholischen Lehre nicht nur zu praktizieren (das tun wir alle – man nennt das Sünde), sondern zu glorifizieren, für Richtig zu halten. Sie brechen nicht nur das moralische Gesetz, sondern finden „das auch gut so“, um einmal eine öffentliche Figur zu zitieren, die Erzbischof Zollitschs Haltung zu den Grünen teilt. Sie sündigen nicht nur, sondern wollen, dass die Kirche ihre spezielle Sünde als richtig einstuft. Sie wollen nicht ihren Platz im Zelt einnehmen, sondern das Zelt einfach umbauen. Doch das können wir als Katholiken nicht zulassen. Wir heißen jeden Menschen, so sündig er auch sein mag, willkommen. Jeder hat hier seinen Platz. Aber nicht, wenn er das Zelt abbrechen möchte, statt es mit uns gemeinsam als Gemeinschaft der Sünder auf der Pilgerreise zur Heiligkeit zu pflegen, zu schützen, und mit Gottes Hilfe zu verteidigen.

Lieber Erzbischof Zollitsch, das heißt es, wenn wir sagen, im katholischen Zelt sei Platz für alle. Nicht, dass wir den von Gott geoffenbarten Glauben und die aus der natürlichen Vernunft erkennbare, von der göttlichen Offenbarung bestätigte Moral leugnen, vertuschen oder ignorieren, sondern dass alle Menschen von Herzen dazu eingeladen sind, zu uns zu kommen, und sich mit uns auf die Pilgerreise durch die Welt hin zu unserem Schicksal in Ewigkeit zu begeben.

Lieber Erzbischof Zollitsch, ich bin ein ehemaliger Atheist. Einer der Gründe, warum ich über viele Jahre für Sie und alles was Sie als Bischof repräsentieren, an vorderster Stelle die Kirche und ihre Lehre, nur Verachtung empfunden habe, ist genau diese Art der „Einladung“. Wenn das Angebot der Kirche wirklich beliebig ist, wenn es wirklich keinen unverhandelbaren Glaubensinhalt gibt, wenn alles durch „Dialoge“ und „Kompromisse“ auf menschlicher Basis entschieden werden kann, dann vertritt Ihre Kirche nicht Gott, sondern sie tut nur so. Dann ist sie auch nicht glaubwürdig. Dann ist sie bloß ein Haufen von alten Herren, die sich anmaßen, sie wüssten besser was die Menschen brauchen als diese selbst. Dann ist sie wirklich nur die Verwirklichung einer Machtphantasie, wie viele Ihrer Kritiker von atheistischer und kirchenfeindlicher Seite behaupten. Inzwischen habe ich glücklicherweise – allerdings ohne Zutun von Ihnen und Ihrer Bischofskonferenz – den Irrtum meiner Wege eingesehen und eine Umkehr versucht. Ich bin Mitglied der einen, heiligen, katholischen, apostolischen Kirche unseres Herrn geworden, nicht weil ich Stuhlkreise liebe und mehr „Mitsprache“ in „Leitungsämtern“ wünsche, sondern weil ich als Sünder dringend der Erlösung durch Gott bedarf, und die Lehre der Kirche zu diesem Thema der Wahrheit entspricht.

Lieber Erzbischof Zollitsch, in einem liegen Sie jedenfalls richtig: Es hat immer schon Menschen gegeben, die kirchenferner waren als andere, und das liegt in der Natur einer Volkskirche. Doch es gibt verglichen mit früher zwei wesentliche Unterschiede: Erstens gibt es heute keine Volkskirche mehr, da 40% des Volkes eben keiner Kirche mehr angehören. Und zweitens hat man die „Kirchenfernen“ früher nicht zu Bischöfen gemacht.

Doch Seine Exzellenz ist immer noch nicht fertig. Er hat für heute immer noch nicht genug häretische oder zumindest grenzwertige Aussagen getätigt. Hier noch ein Beispiel aus demselben Interview:

Die Welt: In den Erklärungen des Papstes ist immer von „kirchlichen Gemeinschaften“ die Rede, wenn es um den Protestantismus geht. Sie aber sprechen von „Kirchen“. Ein Dissens?

Erzbischof Robert Zollitsch: Wenn ich an Deutschland denke: Die evangelische Kirche versteht sich als Kirche. Und ich respektiere das. Es geht mir nicht darum, um Begriffe zu streiten. Aber letztlich bleibt uns die Frage nicht erspart, wer unter „Kirche“ was versteht.

Immerhin rettet der Erzbischof seine Aussage mit dem letzten Satz noch vor dem gerechtfertigten Vorwurf absichtsvoller Häresie. doch seine Praxis, auf die der Interviewer anspielt, ständig von „den Kirchen in Deutschland“ zu sprechen, oder die evangelische Glaubensgemeinschaft unterschiedlos zur katholischen auch als Kirche zu bezeichnen, ohne überhaupt nur anzudeuten, dass es hier zwei unterschiedliche Arten von Institutionen gibt – eine (und nur eine) Kirche sowie viele religiöse Gruppen, von denen man manche vielleicht aus Respekt vor ihrem (falschen) Selbstbild oder aus diplomatischen Gründen als „Kirche“ bezeichnet.

Direkt darauf angesprochen, dass er diesen wichtigen Unterschied nicht macht, schreckt er dann doch davor zurück, evangelische und katholische Kirche gleichzusetzen. Er beschränkt sich darauf, dies zu problematisieren, indem er auf eine Frage anspielt, die „uns letztlich nicht erspart“ bleibe. Auffällig ist, dass er aber auch hier in keiner Form erklärt, dass es einen echten und bedeutsamen Unterschied zwischen katholischen und evangelischen Institutionen gibt. Selbst direkt auf einen entsprechenden Unterschied in päpstlichen Verlautbarungen angesprochen, verzichtet er auf eine Klarstellung seines zumindest fragwürdigen, möglicherweise häretischen Sprachgebrauchs.

Er schließt zumindest die Deutung seiner Sprachregelung zu „den Kirchen“ auf den religiösen Indifferentismus und Relativismus nicht aus. Er widerspricht ihr in keiner Form, im Gegenteil, seine Worte eignen sich sogar vorzüglich zu einer solchen Deutung. Aber er bekennt sich auch nicht offen und ehrlich zu ihr – was zwar falsch, aber wenigstens noch ehrenwert wäre.

Der Erzbischof beschreitet lieber den äußerstmöglichen Weg der Anpassung an die dumpfe Zeitgeiststimmung, der ohne offenen Bruch mit der Kirche (der EINZIGEN) möglich erscheint. Obschon der Bruch zwischen Kirche und deutschen Bischöfen ziemlich offensichtlich bereits heute vorbereitet wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus dem faktischen Schisma der deutschen Bischofskonferenz und ihres Vorsitzenden auch ein formales Schisma wird, das sich dann auch kirchenrechtlich niederschlägt.

Eine kleine Scherzfrage mit einem ernsten Kern zum Abschluss: Wenn der kanonische Status der Piusbrüder erst einmal regularisiert worden und das formale Schisma durchgezogen ist, wer wird dann der nächste Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz? Pater Schmidberger oder Pater Maußen? (letzterer, zumindest seinem Geburtsjahr nach, ein echter „68er“!)

„Herr Zollitsch und das Zirkuspferd“

Einen geradezu poetisch anmutenden, leicht satirisch angehauchten Artikel zum Zollitsch-Debakel der letzten Woche findet man derzeit auf ef-online. Der Autor der Glosse mit dem Titel „Herr Zollitsch und das Zirkuspferd“ ist der immer unterhaltsame und lesbare Alexander Kissler.

Einige Auszüge folgen hier, doch die Lektüre des ganzen Artikels sei empfohlen:

Der sanfte Herr Zollitsch plaudert gerne, und er weiß, ihm ist dabei kein Maß gesetzt. Vor den Zumutungen der Zeit bewahrt ihn der wunderbare Trank. Schon 73 Lenze währt das Leben des rüstigen Herrn Zollitsch. Es steckt also, solange das Elixier in Freiburg gebraut wird, noch ganz in den Kinderschuhen. Ohne den Trank im Leibe könnte der frohe Herr Zollitsch nicht einmal denken, was er nun so herzig in der „Zeit“ aussprach. Er werde „zu meinen Lebzeiten“ noch erleben, „dass wir in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen weiterkommen werden.“

Ob Methusalems 969 Lebensjahre das Maß sind für die Tagträume des milden Herrn Zollitsch? Eine gehörige Spanne Zeit muss es sein, da doch in dieser „Frage“ ein „Weiterkommen“ an keinem Kirchenhorizont sich abzeichnet. Der gütige Herr Zollitsch redet gerne von den „Reformen“ in den Lehrgebäuden seines Dienstherrn, der Kirche, als sei diese bereits vollständig umschritten, wenn er seine Füße um das Freiburger Münster gelenkt hat.

(…)

Dass er die römische Leitung, die zu vertreten er bestellt ist, mit solchen Improvisationen schwer düpiert, drückt ihn nicht. Dass er Stimmungen die Stimme leiht ohne Argument, ohne Theologie, auch nicht. Er wollte es einmal aussprechen, einfach so, der Tag war schön, die Luft sehr lind.

Oder sang sich da am Ende eine Weise aus, die andere ihm auf- und vorgesetzt hatten? Las er recht und schlecht vom Blatte ab, das ihm von interessierter Seite routiniert gereicht wurde? Bauchredner verfahren ähnlich mit ihren Puppen. Wir wissen es nicht, wir hören nur den singenden, wehenden, fliehenden Klang und staunen: Ist der litaneiende Herr Zollitsch wirklich im Brotberuf Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz?