Grußbotschaft zum 500. Lutherjubiläum

In den letzten Tagen geisterte die Vorstellung durchs Internet, Papst Franziskus könne möglicherweise 2017 das „Reformationsjubiläum“ feiern oder etwas dergleichen (etwa hier). Laut Vatikan ist noch keine Entscheidung gefallen.

Es folgt ein kleiner bescheidener Vorschlag von Catocon: Wir schicken den Lutheranern keinen Papst, sondern ein Grußwort des Papstes. Vielleicht könnte man ja schreiben:

„Liebe Lutheraner, getrennte Brüder in Christo

wie dem verlorenen Sohn wenden Wir Uns euch anlässlich des 500. Jahrestags des Beginns des lutheranischen Schismas in väterlicher Liebe zu. Wir sehen freilich keine Veranlassung, den Abfall einer großen Anzahl Christen vom wahren Glauben Jesu Christi und Seiner Kirche, der katholischen Kirche, zu feiern. Vielmehr verharren Wir in tiefer Trauer ob des Unwillens, der Uns von lutheranischer Seite entgegenschlägt, wenn Wir – wie Wir das unermüdlich getan haben – euch zur Rückkehr in die Kirche Christi aufrufen.

Solange das Schisma des Häretikers Martin Luther und seiner heutigen Anhänger sich weiter fortsetzt, ist es Unser Wille, gute freundschaftliche und diplomatische Beziehungen zu euch und allen Irrenden zu führen, jedoch ohne jemals die Fragen ausklammern zu können, die Uns leider von Euch trennen. Wir bieten anlässlich des genannten Jahrestags allen Lutheranern guten Willens die Möglichkeit einer Rückkehr in die katholische Kirche an, bei der sie ihre legitimen Traditionen fortführen können, die in 500 Jahren gewachsen sind. Wir gedenken dabei analog dem Modell zu verfahren, das Unser Vorgänger Benedikt XVI. für die Anglikaner entworfen hat. Selbstverständlich gehört zu einer solchen Rückkehr immer die vollständige Unterwerfung unter die gesamte Wahrheit des katholischen Glaubens, wie er sich in heiliger Schrift und heiliger Überlieferung findet. Interessierte Lutheraner müssen natürlich allen Irrlehren widersagen, denen sie sich unter der geistlichen Leitung Martin Luthers hingegeben haben, könnten jedoch ihre eigenen legitimen Traditionen fortführen, an denen vielen gutwilligen Lutheranern so viel liegt.

Wir sind auch eingedenk der Tatsache, dass viele von euch sich niemals persönlich für Schisma und Häresie entschieden haben, da ihr in Familien mit langer lutheranischer Tradition hineingeboren worden seid. Wir sind daher zu großer Milde bereit, wenn ihr euch dazu entschließt, zum wahren Glauben zurückzukehren und eure großen geistlichen Gaben, die der Herr euch gegeben hat, in den Dienst des Herrn und Seiner Kirche zu stellen. Die verfahrenstechnischen und kirchenrechtlichen Details seien an anderer Stelle im Detail ausgearbeitet, sollen Euch aber keine unangemessenen Hindernisse in den Weg legen.

Wir enthalten Uns eines Gedenkens des Schismas Martin Luthers, um euch nicht mehr gegen Uns aufzubringen als nötig. Nicht enthalten können Wir Uns jedoch einiger Worte über die absurden Erwartungen, die manche von lutheranischer Seite hinsichtlich der ökumenischen Gespräche hatten. Wir wissen, dass euch von katholischer Seite falsche Hoffnungen gemacht worden sind, es sei vielleicht eine „Interkommunion“ möglich ohne die vollständige Rückkehr der verirrten Schäfchen unter das Primat des Nachfolgers Petri und den durch ihn garantierten überlieferten Glauben. Dasselbe gilt für andere Fragen des sogenannten ökumenischen Dialogs. Leider ist es den Katholiken nicht möglich, die Wahrheitsfrage aus dem ökumenischen Dialog auszuschließen, oder über die Wahrheit des katholischen Glaubens zu diskutieren als sei sie eine offene Frage, die erst noch der Beantwortung oder eines Urteils seitens ökumenischer Dialoge bedürfte. Diesen schrecklichen Irrtum glauben Wir mit diesen klaren Worten ausgeräumt zu haben.

Es bleibt Uns dann nur noch übrig, denjenigen unter euch, die wenigstens noch am natürlichen Sittengesetz und den Elementen der Wahrheit, die Luther aus dem Schatz der Kirche übernommen hat, festhalten, Unseren ehrlichen Dank für diese, wenn auch begrenzte, Treue auszusprechen, und euch mitzuteilen, dass Wir mit großer Freude erwarten, in allen Dingen, die wir ohne Kompromisse gemeinsam haben, eine Periode gedeihlicher Zusammenarbeit zu beginnen, auf dass die antichristlichen Angriffe, denen wir alle in unserer modernen Zeit ausgesetzt sind, vor dieser vereinten Front unverfälschter christlicher Sittenlehre zurückschrecken werden und dadurch dem christlichen Europa sein Antlitz zurückgegeben und der ganzen Welt ein christliches Antlitz gegeben werde.

Diejenigen unter euch, die weder an dem natürlichen Sittengesetz noch an der lutheranischen Überlieferung festgehalten haben, werden sicher nicht erfreut ob dieser klaren Worte sein, und Wir sehen auch keine Möglichkeit, euch entgegenzukommen, ohne von der Wahrheit des Glaubens der Kirche abzuweichen. Uns bleibt nur, euch die Hand des Friedens und der Versöhnung entgegenzustrecken. Das Tor der Kirche ist immer offen für euch und niemals wird man euch abweisen, wenn ihr auf den Weg der Wahrheit, die Christus ist, zurückkehren wollt. „Klopfet an, so wird euch aufgetan“. Das gilt für den Eintritt in die Kirche Gottes, die katholische Kirche, ebenso wie für den Eintritt ins Himmelreich.

Papst [xxx]“

Ziemlich unwahrscheinlich, dass es dazu kommen wird, aber es wäre vielleicht heilsam und klärend. Klarheit ist die erste Voraussetzung der Wahrheit.

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Erzbischof Müller: Keine Verhandlungen über den Glauben

In dem bereits gestern angesprochenen Interview hat Erzbischof Müller erklärt, weitere Gespräche mit der Piusbruderschaft seien nicht erforderlich, weil es keine Verhandlungen über den Glauben geben dürfe. Der Erzbischof sagt wörtlich:

„Wir können den katholischen Glauben nicht den Verhandlungen preisgeben. Da gibt es keine Kompromisse.“

Ich möchte dem Erzbischof an dieser Stelle zu seiner hellsichtigen Klarheit gratulieren. Seine Stimme ist wahrhaft ein leuchtendes Beispiel für verwirrte Seelen in aller Welt. Über den Glauben darf man nicht verhandeln. Er steht nicht zur Disposition. Wer also etwa, wie Erzbischof Müller, in einer Abhandlung über Dogmatik erklärt, man solle manche Dogmen, wie die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens, einfach uminterpretieren, so dass sie praktisch nur noch symbolisch gemeint sind, und nicht mehr unbedingt auch über die körperliche Jungfräulichkeit der Gottesmutter sprächen, der sollte sich diese starken Worte zu Herzen nehmen: Es gibt keine Verhandlungen über den Glauben. Am Glauben gibt es nichts herumzukritisieren, umzuinterpretieren oder anzupassen. Was die Kirche lehrt, das lehrt sie. Wenn das für die Aussagen eines Pastoralkonzils gilt, dann gilt das sicher auch für eindeutig definierte Glaubenswahrheiten.

Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Manchmal gibt es Kirchenvertreter, wie Erzbischof Müller, die sich anmaßen, etwa mit schismatischen Gruppen über den Glauben zu verhandeln, oder doch mindestens durch symbolische Gesten deutlich zu machen, dass die Glaubensdifferenzen keine Rolle mehr spielen sollen. Ich habe gehört, dass es auch einen deutschstämmigen Bischof in Italien geben soll, der sich zu der These verstiegen haben soll, schismatische Gruppierungen bräuchten nicht mehr zur Kirche zurückzukehren. Das, was dieser Bischof „Rückkehrökumene“ nannte, sei nicht der richtige Weg. Der Name dieses Bischofs, Ratzinger, ist wohlbekannt, und er ist derzeit der Bischof von Rom. Den leuchtend klaren Worten des Erzbischofs Müller, jenes unerschrockenen Hüters des Wahren Glaubens, ist hier wirklich nichts hinzuzufügen. Es darf keine Verhandlungen über den Glauben geben. Wer den Glauben nicht vollumfänglich annimmt, der kann uns gestohlen bleiben. Wer sich von der Kirche getrennt hat, wie diese traditionalistischen Piusbrüder, oder natürlich auch die schismatische evangelische „Kirche“, der muss erst einmal das Konzil anerkennen, und das bedeutet auch die Suprematie des Römischen Papstes. Danach, erst danach, können wir reden.

Weiter im Text. Auch hinsichtlich des Verhältnisses zu den Juden sprüht die Einsicht des Erzbischofs Müller einen Geist, der an Klarheit nichts vermissen lässt. Auch die Juden sollen erst einmal den Glauben der Kirche anerkennen, bevor wir mit ihnen verhandeln. Manche, darunter wieder einmal der oben erwähnte Bischof von Rom und Erzbischof Müller, haben sich ja sogar zu der Aussage verstiegen, die Bekehrung der Juden sollte nicht mehr aktiv angestrebt werden. Erzbischof Müllers Diktum wendet sich entschlossen gegen diese Auffassung. Es gibt keine Verhandlungen über den Glauben. Die Juden haben nicht den katholischen Glauben. Verhandlungen sollte es nicht geben, bevor diese falsche Religion sich nicht bekehrt.

Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, wie bei so manchem zweifelhaften Treffen, das von Erzbischof Müller positiv gesehen wird, etwa in Assisi, dass alle Religionen gleichwertig seien. Denn der Glaube ist unantastbar und steht nicht zur Disposition, wie Erzbischof Müller mit strahlender Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen vermag. Die Kirche lehrt aber, dass es außerhalb der Kirche kein Heil gibt. Damit muss man jeden Eindruck vermeiden, als ob sich die Kirche gleichberechtigt neben die ungläubigen Heiden im Kampf für einen bloß weltlichen „Freiden“ stelle. Die Heiden sollen sich lieber erst einmal bekehren und den Glauben der Kirche annehmen. Danach können wir reden.

Die leuchtend klaren Worte des Erzbischofs strahlen das Licht entschlossener Handlungsbereitschaft in eine dunkel werdende Welt.

Allerdings gelten die scharfen Worte des Vorsitzenden der Glaubenskongregation nur den Piusbrüdern, jener ultra-häretischen unkatholischen Gruppierung, die sich anmaßt, den Glauben der vorkonziliaren Päpste nicht den Auffassungen eines Pastoralkonzils anzupassen, wenn ihnen dort Widersprüche zu bestehen scheinen. Alle anderen Gruppen, die das Konzil nicht anerkennen – Protestanten, Orthodoxe, Juden, Moslems, Buddhisten, Hinduisten, Atheisten, Agnostiker, Marxisten, Freimaurer, Voodoo-Schamanen und viele mehr – können sich freundlicher Verhandlungsbereitschaft sicher sein. Man empfängt sie mit offenen Armen. Man verhandelt mit ihnen über alles. Man lässt sie in katholischen Gotteshäusern ihre Götzen anbeten oder ihre heidnischen Rituale abhalten. Man betrachtet sie als wunderbare Partner in der Welt zur Errichtung eines weltlichen Friedens und des Paradieses auf Erden. Man hofiert sie in jeder Beziehung. Meist verzichtet man aus Höflichkeit sogar darauf, sie auf die Irrtümer ihrer falschen Religionen hinzuweisen, so dass der Eindruck entsteht, die Kirche halte diese Religionen gar nicht mehr für falsch.

Das alles ist bloß Ökumene, interreligiöser Dialog, Dialog mit den „Nicht-Glaubenden“. Doch es wäre eine ganz andere Dimension, wenn man eine offen anti-katholische, anti-kirchliche, anti-päpstliche Sekte wie die Piusbruderschaft durch Gespräche legitimieren würde. Das wäre wirklich untragbar. Die Kirche muss nämlich bekennen, dass es über den Glauben keine Verhandlungen geben darf. Der Glaube ist nicht verhandelbar und nicht antastbar. Er steht nicht zur Disposition, sagt Erzbischof Müller.

Was uns verbindet…

… ist hinsichtlich der katholischen Kirche und den anderen christlichen Gemeinschaften nach Auffassung von Kardinal Kasper weitaus wichtiger als das, was uns trennt. So ist es einem Artikel von kath.net zu entnehmen. Es folgen wie üblich in roter Schrift einige Kommentare zu diesem Artikel:

Der ökumenische Dialog befindet sich nach den Worten von Kurienkardinal Walter Kasper in einer schwierigen Phase. (Ach, wirklich? Ich dachte immer, alles liefe wundervoll, weil der Papst die Ökumene ja zur „Chefsache“ erklärt haben soll.) «Gegenwärtig deutet leider manches auf eine Verschlechterung des ökumenischen Klimas hin», schreibt der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen im Vorwort zu seinem demnächst erscheinenden Buch «Wege zur Einheit der Christen». (Ich kenne nur einen Weg zur Einheit der Christen, und der besteht in der Rückkehr der schismatischen Gemeinschaften in den Schoß der Heiligen Mutter Kirche! Man mag das diplomatischer formulieren, doch letztlich geht daran kein Weg vorbei.) Auszüge aus dem Text veröffentlichte die Wochenzeitung «Die Zeit» (Donnerstag). Kasper betont darin die Vielzahl theologischer Differenzen zwischen den Konfessionen. «In Wirklichkeit wird mehr und mehr deutlich, dass Unterschiede nicht nur in wichtigen Einzelfragen bleiben.» Das gelte sowohl mit Blick auf die orthodoxen wie die reformatorischen Kirchen. (Doch wohl deutlich stärker im Falle der evangelischen Gemeinschaften, da Katholiken mit den Orthodoxen gerade im liturgisch-sakramentalen Bereich sehr viele Gemeinsamkeiten haben, die gegenüber den meisten protestantischen Gemeinschaften einfach nicht bestehen.)

Noch so feinfühlige Formulierungen in Ökumeneerklärungen änderten nichts daran, dass etwa evangelische Christen ein grundlegend anderes Kirchenverständnis hätten als Katholiken, schreibt Kasper. (Genau! Nichts gegen feinfühlige Formulierungen, aber wenn selbst der Oberökumeniker Kardinal Walter Kasper so spricht, dann weiß man, wie schief der ökumenische Haussegen hängt.) Vor der ökumenischen Bewegung liege noch eine schwierige Wegstrecke, «die wohl länger sein wird, als viele hofften». (Doch wo ist dann die Einsicht? Erwartet der Kardinal eine Rückkehr der anderen christlichen Gemeinschaften zur Kirche? Wohl eher nicht, denn er wendet sich ja bekanntlich gegen die sogenannte „Rückkehrökumene“. Doch wenn die nichtkatholischen „Konfessionen“ nicht zur Kirche zurückkehren, soll die Kirche dann den nichtkatholischen Konfessionen weiterhin Zugeständnisse machen, wie es seit dem Konzil mehr und mehr üblich geworden ist?) Gegenwärtig bilde sich angesichts der Schwierigkeiten der amtlichen Ökumene eine «liberale katholisch-evangelische Ökumene» heraus, «welche die Unterschiede überspringt und eigenmächtig ihren Weg geht». (Das ist natürlich abzulehnen. Doch folgt diese Entwicklung nicht notwendig aus dem weitgehenden Verschweigen der wahren Bedeutung der Unterschiede zwischen der Kirche und den diversen schismatischen Gruppen in der lehramtlichen Verkündigung seit dem Konzil? Wundert es den Kardinal, dass z.B. die meisten Laien glauben, sie könnten etwa das „gemeinsame Abendmahl“ feiern, wenn die Amtskirche sich seit Jahrzehnten darüber ausschweigt, dass der Herr im Allerheiligsten Sakrament des Altares wahrhaft und wesenhaft gegenwärtig ist? Nein, wenn die Amtskirche im Namen der Verhandlungsökumene über Jahrzehnte wesentliche Glaubenswahrheiten herunterspielt, dann sollte sie sich nicht wundern, wenn die nicht-amtliche Ökumene sie dann ganz beiseite lässt, um sich auf die brüderliche Einheit im Brotbrechen zu konzentrieren. Ähnlich verhält es sich bei vielen anderen ökumenischen Themen.)  Diese Strömung drohe jedoch früher oder später «im Aus» zu enden. Bei der Kircheneinheit lasse sich nichts erzwingen.

Die Spaltung der Christen bleibe nichtsdestoweniger ein Skandal, so Kasper. Jesus hat nur eine einzige Kirche gewollt.» (Und so hat er auch nur eine einzige Kirche eingerichtet, nämlich die katholische Kirche mit ihrem sichtbaren Oberhaupt, dem römischen Papst. Um die Spaltung der Christen zu überwinden, müssen daher die Christen, die sich von der Kirche gelöst haben, in dieselbe zurückkehren. Daran führt kein Weg vorbei. Doch warum fordert Kasper das nicht?) Aus seiner Sicht hat die Trennung der Konfessionen die tiefgreifende Säkularisierung aller Lebensbereiche besonders in Europa mitverursacht. (Natürlich führt die Trennung einzelner Gemeinschaften vom Leib Christi zu deren Fall in den Säkularismus. Die spannende Frage ist aber, warum die Katholiken zumindest seit 50 Jahren diesem Fall in ihren eigenen Reihen keinen ernsthaften Widerstand mehr entgegen setzen und sich stattdessen lieber damit beschäftigen, nicht mehr so schrecklich katholisch zu wirken.) Zumindest habe sich seit Jahrzehnten aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass die christlichen Konfessionen mehr verbinde als trenne. Heute gehe es vor allem darum, die gemeinsamen Fundamente des christlichen Glaubens zu sichern – den Glauben an Gott und Jesus, das Wirken des Heiligen Geistes und die Hoffnung auf das ewige Leben. (Das kann man so nicht sagen. Natürlich ist rein quantitativ die Ähnlichkeit zwischen überzeugten, traditionellen Katholiken und überzeugten, traditionellen Protestanten und Orthodoxen weitaus größer als die Unterschiede. Doch es gibt leider zwei große Einwände: Erstens haben die meisten schismatischen Gemeinschaften, wie etwa die EKD, längst den größten Teil der einstmals allgemein-christlichen Glaubensinhalte vergessen. Eine Einigkeit ist nicht einmal mehr in Fragen der Sittenlehre zu erzielen, und wann hat ein protestantischer Würdenträger zuletzt ein eindeutiges Bekenntnis zu Gott, zur Dreifaltigkeit, zum Wirken des Heiligen Geistes usw. geleistet, das nicht inhaltlich massiv vom katholischen Glauben abgewichen wäre? In der Praxis sind die Unterschiede zwischen Luther und dem glaubenstreuen Katholiken tatsächlich geringer als die Unterschiede zwischen Luther und der EKD. Doch die Verhandlungsökumene redet nicht mit Luther, sondern mit der EKD. Und da sind die Unterschiede viel größer als die sehr rar gesäten Gemeinsamkeiten.

Zweitens, und noch viel wichtiger: Selbst wenn die Ähnlichkeiten zahlreicher sind als die Unterschiede, so reicht doch die Ablehnung eines einzigen Glaubenssatzes bereits aus, damit das Gesamtkunstwerk des wahren Glaubens in sich zusammenfällt. Entweder man hat den ganzen Glauben, oder man hat ihn eben nicht. Man darf bei allem Gerede von „Gemeinsamkeiten“ nicht vergessen, dass auch die vernünftigsten schismatischen Gemeinschaften immer noch schismatisch sind, und dass sie die kirchliche Lehre über den Papst ablehnen. Die meisten von ihnen glauben auch nicht an die Realpräsenz Christi bzw. die Transsubstantiation.)

Kardinal Kasper distanziert sich also eindeutig von dem Versuch mancher praktisch längst vom Glauben abgefallener Katholiken, auf Biegen und Brechen, unter völliger Aufgabe der Glaubensinhalte, eine künstliche Einheit mit den Protestanten herzustellen. Seiner Auffassung nach soll die Ökumene zwar weiterhin ähnlich wie bisher vorangetrieben werden (und das bedeutet, dass die Verwässerung des Glaubens im Namen der Ökumene weitergehen wird), aber eine völlige, restlose Anpassung an die Wünsche des evangelisch-agnostischen Zeitgeistes lehnt er ab. Leider bleibt er damit inkonsequent. Denn entweder kann wahre Ökumene nur in der Rückkehr der getrennten Gemeinschaften bestehen – wenn die Kirche nämlich als einzigartige Stiftung Jesu Christi im Besitz der unveränderlichen Glaubenswahrheiten ist, oder es spielt letztlich keine große Rolle, wie stark wir die Glaubenswahrheiten verwässern, um den Häretikern zu gefallen, die die Gegenwart des Herrn im Altarsakrament und die immerwährende (auch körperliche) Jungfräulichkeit der Gottesmutter leugnen, um nur zwei Beispiele zu nennen, an deren faktischer Verwässerung auch der neue oberste Glaubenswächter kräftig mitgewirkt hat.

Wo stehen wir?

Getreu der Aufforderung des Chefökumenisten der katholischen Kirche, Kardinal Koch, möchte ich hier genau diese Frage stellen: Wo stehen wir, die wir uns traditionelle Katholiken nennen? Der Kontext dieser eigenartigen Frage ist natürlich das Konzil (was sonst?). Kardinal Koch wünscht sich die totale Anerkennung. In einem Interview sagt er zur Verbindlichkeit des Konzils:

„Das Zweite Vatikanum hat vier große Konstitutionen erlassen, zudem neun Dekrete und drei Erklärungen. Rein formal kann man natürlich einen Unterschied zwischen diesen drei Gattungen machen. Allerdings stellt sich dann insofern ein Problem, als das Konzil von Trient (1545-1563) nur Dekrete erlassen hat und keine Konstitutionen. Und man wird hier sicher nicht von einem Konzil minderen Grades reden wollen. Also: Rein formal kann man Unterschiede finden, aber man kann kaum Unterschiede in der Verbindlichkeit in inhaltlicher Hinsicht machen. Das Ökumenismus-Dekret beispielsweise hat seine dogmatischen Grundlagen in der Kirchen-Konstitution. (…) Dass Konzile auch irren können, ist allerdings eine Behauptung, die auf Martin Luther zurückgeht. Von daher müssen sich die Traditionalisten schon fragen, wo sie denn eigentlich stehen.

Kardinal Koch vetritt also die Haltung, dass jeder Katholik das Konzil zur Gänze in all seinen Texten vorbehaltlos und vollständig annehmen muss, dass es nicht statthaft ist, manchen Konzilstexten einen höheren Grad an Verbindlichkeit zuzumessen, sondern dass alle Texte gleichermaßen „verbindlich“ sind. Zudem unterstellt er Konzilskritikern eine quasilutheranische Gesinnung. Ob der geschätzte Kardinal mit seinen Freunden aus den „getrennten Gemeinschaften“ auch so diplomatisch umspringt?

Der Kardinal fordert „Traditionalisten“, verstanden als Personen, die das Konzil kritisch sehen, und daher an „vorkonziliaren“ Positionen festhalten, dazu auf, zu überdenken, wo sie eigentlich stehen. Die Frage lautet eigentlich: Seid ihr Traditionalisten überhaupt katholisch?

Man merke: Die feste Überzeugung von der unbezweifelbaren Richtigkeit aller Konzilsaussagen – alles soll gleichermaßen verbindlich sein – wird hier zum Markstein der Glaubenstreue bzw. Orthodoxie. Wer das anders sieht, ist eine Art zweiter Luther. Dies ist ein geradezu lehrbuchmäßiges Beispiel für die Stilisierung eines Pastoralkonzils zum „Superdogma“. Das Konzil selbst hat natürlich, ebenso wie auch die nachkonziliaren Päpste, immer wieder festgestellt, dass gar keine neuen Dogmen definiert worden sind.

Nun, der Kardinal möchte, dass die Traditionalisten sich fragen, wo sie denn eigentlich stehen. Sind sie überhaupt Katholiken? Ich kann natürlich nicht für alle Traditionalisten sprechen, aber soweit ich weiß, sehen die allermeisten sich durchaus als Katholiken. Ich zumindest habe meine oftmals eingestandenen Schwierigkeiten mit dem Konzil, und wäre niemandem böse, wenn es einfach in der Versenkung verschwände, doch ich halte mich durchaus für katholisch.

Vielleicht irre ich mich, und ich bin in Wahrheit ein Schüler Luthers, wie der Kardinal zu insinuieren wünscht. Ich bin – im Gegensatz zum Größten Konzil Aller Zeiten – schließlich nicht unfehlbar. Vielleicht sind die Traditionalisten in Wahrheit gar keine Katholiken, sondern Protestanten. Immerhin würden sie dann in Zukunft vom Ökumenefanclub hofiert, statt verketzert.

Doch die Frage des Kardinals ist ernstzunehmen. Wo stehen die Traditionalisten? Wie gesagt, ich kann nicht für alle Traditionalisten sprechen, sondern nur für mich selbst: Aber hier ist meine Antwort:

Der Zweck des Konzils war erklärtermaßen, den Glauben pastoral zeitgemäß darzustellen, um die Kirche zu stärken, und den Glauben zu verbreiten. Hat das Konzil seinen Zweck erfüllt? Ist die Kirche heute stärker als 1965?

Nur jeder zehnte Katholik besucht regelmäßig die Messe. Wenn er die Messe besucht, dann erlebt er meist eine krampfhaft kreative Gemeindefeier mit Empfang eines nicht besonders schmackhaften Brotplättchens im Gänsemarsch am Ende der Messe. Das ist sein subjektiver Eindruck. Wenn er das Glück hat, noch eine Messe in seiner Gemeinde vorzufinden, und keine „Wort-Gottes-Feier“ mit freundlicher Unterstützung der lokalen Häretikerinnen aus dem Gemeinderat.

90% der Katholiken sind kirchenfern. Die allermeisten nach 1965 geborenen Katholiken haben nicht die geringste Ahnung von ihrem Glauben. Weder ihre Eltern noch die Gemeinden legen besonderen Wert auf die Ausbildung der jungen Menschen in ihrem Glauben. Nur lustig muss es sein, und fröhlich und modern, alles andere ist egal. Zunehmend werden Kinder christlicher Eltern gar nicht mehr getauft. Wenn kann es wundern?

Wenn ein Nichtgläubiger einmal den Weg zur Kirche findet, und einen Priester nach den Inhalten des Glaubens fragt, dann hat er sehr gute Chancen, dass man ihm erklärt, es gehe darum, lieb und nett zu sein, weil alles andere sowieso nur später hinzugedichtet worden sei. Fragt er einen Theologieprofessor, so sind seine Chancen in dieser Hinsicht noch besser. Fragt er einen einfachen katholischen Laien, so wird er vermutlich gar keine zusammenhängende Antwort erhalten. Von den zentralen Gehalten des christlichen Glaubens erfährt er so jedenfalls nichts. Er wird nicht wiederkommen. Warum auch?

Katholische Familien unterscheiden sich nicht vom Rest der Gesellschaft. Diesseitiges Streben nach Geld, Prestige und materiellem Besitz überstrahlt das Streben nach Heiligkeit, sofern letzteres überhaupt noch eine Rolle spielt. Die wenigen nicht verhüteten, nicht abgetriebenen Kinder sind wie in der Mehrheitsgesellschaft eher im Weg, weil sie Mutter und Vater an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Katholische Verbände fordern die Einweisung möglichst aller Kinder ab dem ersten Lebensjahr in staatlich finanzierte Verwahranstalten. Sie haben keine Skrupel, mit Abtreibungslobbyisten gemeinsame Sache zu machen. Die meisten Bischöfe und Priester schweigen dazu vornehm. Man fürchtet sich vor dem, was sie sagen würden.

Katholische Familien leben den Glauben nicht. Das Tischgebet ist kaum noch verbreitet, und ähnliches gilt für das gemeinsame Gebet überhaupt. Die Existenz Gottes ist zweifelhaft, außer als gelegentlich gebrauchte Redensart, die Heilsnotwendigkeit der Kirche unbekannt oder Gegenstand von Spott. Nach einigen Jahren ist die Chance nicht schlecht, dass die katholische Familie auseinanderbricht, weil die Ehepartner sich auseinandergelebt haben, und einer der beiden oder beide jüngeres Fleisch erblickt haben.

In der Ökumene geht es vor allem um den Ausverkauf katholischer Substanz zwecks Vorspiegelung real inexistenter Einheit. Das Ziel der Bekehrung der Irrgläubigen zum Kirche Gottes ist praktisch aufgegeben worden, und jeder, der die Juden auffordert, sich zu Jesus Christus zu bekehren, wird als Antisemit angefeindet, bloß weil ihm das Seelenheil des jüdischen Volkes am Herzen liegt.

Das Konzil hat den Glauben in einer schweren Zeit nicht gestärkt, sondern durch seine Schwammigkeit und seine Schwurbelprosa selbst unter Annahme vollständiger Kontinuität mit der Glaubensüberlieferung massiv geschwächt. Der Konzilskaiser hat keine Kleider.

Die Kirche steht heute vor einem Scherbenhaufen. Ganz Gallien befindet sich in einer tiefen Glaubenskrise. Ganz Gallien? Nein, in einigen kleinen verstreuten Dörfern sieht es deutlich besser aus. Was zeichnet diese kleinen gallischen Dörfer aus, die sich alleingelassen durch die Mainstreamkirche mit bescheidenen Mitteln durch die Glaubenskrise kämpfen? Ist es extreme Treue zu der unerschöpflichen Weisheit des Konzils? Ist es die feste Überzeugung, dass man alle Beschlüsse des Konzils unterschiedslos als richtig und wunderbar annehmen muss?

Oder ist es nicht vielmehr das Festhalten an der traditionellen katholischen Religion, ihrer Frömmigkeit, ihrer dogmatischen Klarheit, ihrer überlieferten Theologie, und nicht zuletzt, ihrer theologisch unmissverständlichen traditionellen Messe, bei der niemand den Eindruck gewinnen kann, er wohnte einer lutheranischen Gedächtnisfeier bei?

Schwere, inhaltliche Kritik oder absolute Anhänglichkeit an jede Konzilsformulierung als verbindliches Glaubensgut: Welche Haltung zum Konzil bringt die richtigen, katholischen Früchte? Kardinal Koch mag dies nach seinen eigenen Kriterien beurteilen.

Doch ich kann das Konzil nur an seinen Früchten messen. Und wenn ich sehe, wie zwei Zwillinge von zwei Bäumen essen, und der eine Zwilling danach schwer erkrankt, während der andere weitgehend gesund bleibt, dann weiß ich, dass die Früchte des einen Baumes vergiftet waren.

Und also esse ich nicht von diesem Baum.

Ich halte an dem überlieferten Baum des wahren Glaubens fest. Von dem weiß ich wenigstens, dass er unbedenklich, verträglich und gesund ist.

Und wenn die Laborergebnisse irgendwann einmal vorliegen, wenn der Konzilsbaum genau untersucht worden ist, und man genau herausgefunden hat, von welchen Früchten des Konzilsbaums man unbedenklich essen kann, dann werde ich von diesen Früchten essen. Bis dahin halte ich an dem Glauben fest, der 1961 wahr war, in der sicheren Zuversicht, dass er heute nicht plötzlich falsch sein kann.

Beantwortet das – zumindest was meinen Fall betrifft – Ihre Frage, Herr Kardinal?

Roberto de Mattei im Interview

Ein ausführliches Interview mit dem Autor des kürzlich hier auf Kreuzfährten thematisierten Geschichtswerks „Das Zweite Vatikanische Konzil – eine bislang ungeschriebene Geschichte“ kann man derzeit auf kath.net nachlesen. Hier folgen nun einige Auszüge mit kurzen Kommentaren von Catocon in rot.

Was waren die vornehmlichen Ergebnisse des Konzils unter einem theologischen und doktrinellen Aspekt sowie hinsichtlich des Glaubenslebens? Wie haben sich Stil und Art der christlichen Verkündigung geändert?

de Mattei: Als Johannes XXIII. das II. Vatikanische Konzil eröffnete, erklärte er, dass dieses ein pastorales und kein dogmatisches Konzil sei (was der Heilige Vater genauso sieht, wie schon die anderen Päpste seit dem Konzil), da es sich zur Aufgabe mache, mit einer neuen pastoralen Sprache die beständige Lehre der katholischen Kirche vorzulegen. Die Erfordernis, eine neue Sprache für die Welt zu finden, entsprang – wie es nicht anders sein konnte – dem Verlangen, den Glauben zu verbreiten. Das Ziel also war praktischer Natur, und ausgehend von den praktischen Ergebnissen muss darüber geurteilt werden, ob die Mittel zur Erlangung des Ziels wirksam und angemessen waren. Die Tatsachen sagen uns leider, dass das Konzil nicht die Ergebnisse erreichte, die es sich gesetzt hatte. So entsteht das sogenannte hermeneutische Problem: etwas „ist schief gegangen“.(Dies ist eine wichtige Einsicht. Ob es nun objektiv einen theologischen und dogmatischen Bruch mit der Tradition der Kirche gegeben hat oder nicht – wozu sich de Mattei als Historiker nicht äußert – man muss das Konzil an seinen Früchten erkennen, und diese Früchte waren nun einmal größtenteils ungenießbar. Etwas ist schief gegangen. Das ist eine historische und keine theologisch-dogmatische Aussage.)
(…)

Ich gehöre zu dieser [römischen, Anm. von Catocon] Schule, und ich denke, dass die Veränderung des Stils und der Art der christlichen Verkündigung im Sinne einer Anpassung an die Kultur des 20. Jahrhunderts der Kirche nicht gut getan hat. Sie hätte vielmehr die Welt „herausfordern“ müssen, ohne Ängste und Komplexe.(Es ist ein abgegriffener und viel mißbrauchter Satz – aber das ist, was Jesus tun würde. Er hat die Zeit, in der er auf Erden wandelte, auch nicht besänftigt, sondern herausgefordert. Und er ist dafür umgebracht worden, wie es auch uns geschehen kann, wenn wir unsere Zeit richtig herausfordern. Das ist sozusagen „Berufsrisiko“ eines jeden Christen.)

Seit Papst Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005 vom Gegensatz zwischen einer „Hermeneutik der Reform“ und einer „Hermeneutik der Diskontinuität oder des Bruchs“ gesprochen hat, bestimmen diese Begriffe die aktuelle Diskussion um das Konzil als Ereignis und in seinen Folgen. Ein Problem für die „Hermeneutik der Reform“ besteht in der Unterscheidung zwischen dem „Ereignis“ des Konzils, zusammen mit seiner Vor- und Nachgeschichte, und der „Produktion“ des Konzils.

Kann es eine Dichotomie zwischen den Lehren des Konzils und den sie erzeugenden Fakten geben? Was sind die Folgen, wenn eine derartige Trennung nicht statthaft ist?

de Mattei: Es ist statthaft, die beiden Aspekte des Konzils, das heißt die doktrinellen Dokumente und das Ereignis, voneinander zu unterscheiden. Sie dürfen jedoch nicht getrennt werden. Zu ersteren äußern sich die Theologen, zum zweiten die Historiker. (Hier ist wieder die Unterscheidung von vorhin…) Das letzte Ziel ist dasselbe, doch die Methode der Forschung ist im Fall der Geschichte auf die Wahrheit der Fakten, im Fall der Theologie auf die Glaubenswahrheiten anzuwenden. Der Glaube muss die Schritte des Historikers erleuchten, vor allem wenn die Kirche Gegenstand seiner Forschung ist, doch die Fragen, die der Historiker stellen muss, und die Antworten, die er zu geben hat, sind weder die des Theologen noch des Hirten. Der Anspruch, eine geschichtliche Arbeit mit zu anderen Disziplinen gehörenden Kategorien zu bewerten, ist also nicht allein ein epistemologischer Irrtum, sondern auf moralischer Ebene auch ein vorschnelles Urteil als Folge eines ideologischen Apriori.

Mir wurde vorgeworfen, die Dokumente des Konzils zu vernachlässigen oder sie mit dem Schlüssel der Diskontinuität mit der Tradition der Kirche zu interpretieren. (Jetzt nimmt er Stellung zu dem oben bereits erwähnten Vorwurf:) Doch die Interpretation der Konzilsdokumente kommt den Theologen und dem Lehramt der Kirche zu. Was ich rekonstruiere, ist der historische Kontext, in dem jene Dokumente entstanden sind. Und ich sage, dass der historische Kontext, das Ereignis, keinen geringeren Einfluss in der Geschichte der Kirche hatte als das Lehramt des Konzils und das nachkonziliare Lehramt: der Kontext setzte sich selbst als paralleles Lehramt und beeinflusste so die Ereignisse.

Ich bin überzeugt, dass auf einer geschichtlichen Ebene die Nachkonzilszeit nicht ohne das Konzil erklärt werden kann, wie auch das Konzil nicht ohne die Vorkonzilszeit zu erklären ist, da in der Geschichte jede Wirkung eine Ursache hat und das Geschehen in einen Prozess eingeordnet wird, der oftmals sogar mehrere Jahrhunderte umfasst und nicht allein den Bereich der Ideen angeht, sondern den Bereich der Denkart und der Sitten.

Dass die Kirche in den letzten 50 Jahren in eine bisweilen dramatische Zeit der Krise getreten ist, dürfte niemand bestreiten. Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen dieser Krise? Kann das Konzil als „Hauptursache“ für die Verdunstung des katholischen Glaubens angesehen werden?

de Mattei: (…) Die Übel der Kirche gehen dem Konzil voraus, sie begleiten es und folgen ihm natürlich. Diese Übel der Kirche sind nicht mit dem Konzil entstanden, sondern vielmehr explodiert.

Es ist kein Zufall, dass mein Buch nicht mit dem Datum des Beginns des II. Vatikanischen Konzils anhebt, sondern mit dem Modernismus und mit der Analyse der theologischen und intellektuellen Irrtümer, die unter den Pontifikaten von Pius X. bis Pius XII. zutage getreten sind. Der Modernismus war vom heiligen Pius X. hart bekämpft und schwer getroffen worden. Nachdem er dem Anschein nach verschwunden war, tauchte er langsam und schrittweise wieder in der Geschichte der Kirche auf, mit immer größerer Arroganz, bis er in das II. Vatikanische Konzil einmündete.

Der Anspruch, das Konzil von jeglicher Verantwortung für die gegenwärtige Krise freizusprechen, um sie allein einer schlechten Lesart seiner Dokumente zuzuweisen, scheint mir eine intellektuelle Vorgehensweise zu sein, die gegen die Geschichte geht und der Kirche nicht einmal einen guten Dienst leistet. Wer anders wäre denn für diese schlechte Interpretation der Dokumente verantwortlich wenn nicht die auf das Konzil folgenden Päpste, die dies gestattet haben?

Ein Hauptpunkt der Auseinandersetzung mit dem Konzil kann in der Bestimmung der „Tradition“ ausgemacht werden. Wie definieren Sie das Verhältnis zwischen Lehramt und Tradition?

de Mattei: In seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ hat Benedikt XVI. die Tradition zusammen mit der Heiligen Schrift als „die höchste Richtschnur des Glaubens“ bestimmt. Tatsächlich ist in der Kirche die „Richtschnur des Glaubens“ hinsichtlich dessen, was keinen definitorischen Rang besitzt, weder das II. Vatikanische Konzil noch das lebendige gegenwärtige Lehramt, sondern die Tradition, das heißt das unvergängliche Lehramt, das zusammen mit der Heiligen Schrift eine der beiden Quellen des Wortes Gottes bildet. Es wird unfehlbar mit dem Beistand des Heiligen Geistes vom Papst und den mit ihm vereinten Hirten gelehrt und vom gläubigen Volk geglaubt.

Es bedarf keiner theologischen Wissenschaft, um zu begreifen, dass im unangenehmen Fall eines – wahren oder scheinbaren – Kontrastes zwischen dem „lebenden Lehramt“ und der Tradition der Primat der Tradition zugewiesen werden muss, dies aus einem einfachen Grund: Die Tradition, die das in seiner Universalität und Kontinuität betrachtete „lebende Lehramt“ ist, ist an sich unfehlbar, während das sogenannte „lebende“ Lehramt – verstanden als die aktuelle Verkündigung des kirchlichen Hierarchie – dies nur unter bestimmten Bedingung ist. Die Tradition steht nämlich stets unter dem göttlichen Beistand; für das Lehramt trifft dies nur dann zu, wenn es sich außerordentlich äußert oder wenn es in ordentlicher Form in der Kontinuität der Zeit eine Glaubens- oder Sittenwahrheit lehrt.(Wenn es also zu einem Konflikt zwischen dem, was das Lehramt heute auf ordentliche Weise verkündet – nicht auf außerordentliche Weise im Wege dogmatischer Definitionen – und der Überlieferung der Kirche kommt, so ist der Überlieferung der Kirche der Vorzug zu geben. Das ist eine ganz wichtige Einsicht.)
(…)
Ließe man dagegen zu, dass das II. Vatikanische Konzil das hermeneutische Kriterium für die Art ist, die Tradition zu lesen, so müsste paradoxerweise dem Deutungshoheit zugewiesen werden, was der Deutung bedarf.
(…)
Das Konzil und der Kommunismus: wie beurteilen Sie die verfehlte Verurteilung des Kommunismus seitens des Konzils? Worin bestanden die Folgen, vor allem im Hinblick auf die Kulturrevolution der 68-Jahre? Kann man von einem Paradigmenwechsel in der Position der Kirche und ihres Lehramtes sprechen?
de Mattei: Die verfehlte Verurteilung des Kommunismus seitens eines Konzils, das sich die Auseinandersetzung mit den Problemen seiner damaligen Zeit vorgenommen hatte, scheint mir eine unverzeihliche Unterlassung zu sein. Die Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ suchte den Dialog mit der modernen Welt in der Überzeugung, dass der von ihr zurückgelegte Weg, ausgehend vom Humanismus und Protestantismus bis hin zur Französischen Revolution und zum Marxismus, ein irreversibler Prozess sei. Tatsächlich aber stand die Moderne am Vorabend einer tiefen Krise, die dann in ein paar Jahren ihre ersten Symptome in der 68-Revolution offenbaren sollte. (Wobei Chesterton schon über vierzig Jahre vorher die Zeichen der Zeit erkannt hatte, und eine Revolution dieser Art durchaus erwartete… Die „ersten Symptome“, in denen sich die Krise der Moderne zeigte, waren sogar schon für de Tocqueville über 100 Jahre vor dem Konzil erkennbar. Man hätte also durchaus schon auf dem Konzil ganz ohne prophetische Gaben wissen können, wie tief die Krise war, in der die Moderne schon damals steckte. Und einige Köpfe auf dem Konzil wussten es – leider konnten sie sich nicht durchsetzen.)
Die Konzilsväter hätten mit einer prophetischen Geste die Moderne vielmehr herausfordern(ja! Das könnte man heute auch noch tun – es geschieht nur leider kaum, obwohl die tiefe Krise der Moderne und der sie nur noch steigernden Postmoderne bereits grell und offensichtlich vor unseren Augen liegen. Wir sind immer noch am dialogisieren und passen uns der „neuen Zeit“ an…) sollen als deren verwesenden Leib (treffendes Bild!) zu umarmen, wie dies leider geschah.
(…)
Warum scheint es so schwer zu sein, dem Modernismus auf rationaler, philosophischer und theologischer Ebene zu begegnen?
de Mattei: Meines Erachtens besteht die Hauptursache der Niederlage der Konservativen und die Wurzel der Schwäche der Kirche in der heutigen Zeit im Verlust jener theologischen, für das christliche Denken charakteristischen Sicht, die die Geschichte bis zum Ende der Zeiten als unaufhörlichen Kampf zwischen den beiden „Städten“ im Sinne des heiligen Augustinus interpretiert: der Stadt Gottes und der Stadt Satans. (Ecclesia militans sind wir hier auf Erden. Ein geistlicher Kampf – das ist ein wesentliches Charakteristikum der Welt, in der wir leben. Wie oft hat man das in Predigten der letzten fünfzig Jahre hören können? Selbst in päpstlichen Verlautbarungen fehlt dieser Aspekt oft völlig, oder wird zumindest so heruntergespielt, dass er seine Wirkung nicht entfalten kann.)

Als der kroatische Bischof von Split, Frane Franić, am 12. Oktober 1963 vorschlug, im Entwurf „De Ecclesia“ dem neuen Kirchentitel „peregrinans“ („pilgernd“) die traditionelle Benennung „militans“ („streitend“) hinzuzufügen, wurde sein Vorschlag abgelehnt. Das Bild, das die Kirche der Welt von sich bieten wollte, war nicht jenes des Kampfes, der Verurteilung oder der „controversia“, sondern des Dialogs, des Friedens, der ökumenischen und brüderlichen Zusammenarbeit mit allen Menschen.

Die Minderheit der Progressisten erlangte dabei nicht so sehr eine Änderung der Lehre der Kirche als vielmehr eine Ersetzung des hierarchischen und streitenden Bildes der Braut Christi mit dem Bild einer demokratischen, dialogisierenden und in die Geschichte der Welt eingegliederten Versammlung. In Wirklichkeit aber kämpft die Kirche, die im Fegefeuer leidet und im Paradies triumphiert, im Namen Christi auf Erden und wird daher „militans – streitend“ genannt. Diesen Geist neu zu finden scheint mit eine der dringenden Notwendigkeiten der Kirche unserer Zeit zu sein.

Abschließend eine Frage zur Liturgie. (…) Worin sehen Sie die Bedeutung der seit dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ wieder mit vollem Heimatrecht in der Kirche ausgestatteten Liturgie der außerordentlichen Form des Römischen Ritus? Handelt es sich wirklich „um einen zweifachen Usus ein und desselben Ritus“ (vgl. Benedikt XVI., Schreiben anlässlich der Publikation des Motu proprio „Summorum Pontificum“, 7. Juli 2007) oder muss die heute „ordentliche Form“ als „Übergang“ zu jenen Ursprüngen gesehen werden, in denen die Zukunft liegt?
de Mattei: Das Heilige Opfer ist gewiss ein einziges, doch der „Novus Ordo“ Pauls VI. ist, wie mir scheint, sowohl im Geist als auch in der Form zutiefst verschieden vom alten Römischen Ritus. (Diesen Eindruck habe ich auch, besonders seitdem ich mit einiger Regelmäßigkeit beiden Formen beiwohnen kann.) In letzterem sehe ich nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft der Kirche. Die traditionelle Liturgie bildet in der Tat die wirksamste Antwort auf die Herausforderung des laizistischen Säkularismus, der uns angreift. (Ja, denn sie kann nicht säkularisiert werden. Ihre Formen sind zu klar und deutlich, zu fixiert, ihre Worte zu treffend, zu großartig, als dass der heilige, übernatürliche Charakter selbst jemandem, der nur beiläufig und ihne Vorwissen in eine solche Messe „hineingerät“, verborgen bleiben könnte. Genau dies ist auch der Grund, warum sie von den Anhängern der Anpassung an die Zeit so beharrlich unterdrückt wird.)
(…)

Die „Reform der Reform“, von der die Rede ist, hat Sinn und Wert nur als „Übergang“ des „Novus Ordo“ hin zum traditionellen Ritus und nicht als Vorwand zur Aufgabe des letzteren, der in seiner Unversehrtheit und Reinheit bewahrt werden muss.

(…)

Ein sehr schönes Interview, dem ich mit meinem bescheidenen Sachverstand gar nicht mehr viel hinzufügen kann. De Mattei drückt klar und deutlich aus, dass er (1) entschlossen und in kindlicher Anhänglichkeit zum Heiligen Vater und zur Kirche steht, (2) jedoch sehr viel und in sehr tiefgreifender Weise an den Aktionen vieler Mitglieder dieser Kirche in verantwortlichen Positionen, auch und gerade auf dem II. Vatikanischen Konzil, zu kritisieren hat, und bringt (3) diese Kritik mit dem gebotenen Respekt zum Ausdruck, und nimmt diese Kritik nicht zum Anlass, einen theologischen Bruch zu konstruieren, der so gar nicht stattgefunden haben mag.

Floskelpolizei: „Das Konzil anerkennen“

Immer wieder wird von diversen Seiten der kirchenpolitischen Debatten gefordert, irgend jemand möge doch bitte „das Konzil anerkennen“. Katholiken der Reformation rufen dieses Schlagwort der Piusbruderschaft und jedem Laien zu, der nicht bei drei am Altar steht. Konservative und traditionelle Katholiken rühmen sich zuweilen damit, dass sie „das Konzil anerkennen“ und grenzen sich damit von den Piusbrüdern ab, die diese Anerkennung bekanntlich und beharrlich verweigern. Manche Piusbrüder sprechen von der Konzilskirche, so als sei dies etwas anderes als die Kirche vor dem Konzil, und erheben damit die Ablehnung der „Anerkennung des Konzils“ fast zum ersten Glaubenssatz.

Nun leben wir in einer Zeit, die Emotionalität mehr schätzt als Rationalität und Komik mehr als Logik, doch selbst heute haben Worte noch Bedeutungen, wenn sie auch immer seltener als solche erkannt werden. Das gilt auch für das „Anerkennen eines Konzils“. Vor einiger Zeit schrieb ich bereits über die Frage, was es eigentlich bedeute, die „Neue Messe“ anzuerkennen. Dort zählte ich insgesamt sieben Möglichkeiten auf, wie man die geforderte Anerkennung verstehen könne – es ist also offenbar notwendig, exakt zu beschreiben, was man meint, und nicht auf vieldeutigen Leerfloskeln zu beharren.

Der freundliche Verbandskatholik an der Ecke, der seine Freizeit mit Werbung für „Demokratisierung“ und „Aufbrechen des Patriarchats“ in der Kirche verbringt, hat sicher ganz andere Vorstellungen von „Anerkennung des Konzils“ als der traditionell katholische Petrusbruder, obgleich beide diese Formulierung in der einen oder anderen Weise unterschreiben würden. Auch Erzbischof Zollitsch und der Heilige Vater sind sich einig: Man muss das Konzil anerkennen. Aber was heißt das?

Wenn wir diese Frage stellen, dann müssen wir die dicken Bretter bohren. Wir müssen fragen, ob und, wenn ja, wie das konziliare Verständnis von Religionsfreiheit, von Ökumene, von Kollegialität der Bischöfe, von der Reform der Liturgie, von der Beteiligung von Laien und dergleichen mehr vereinbar mit der traditionellen Lehre der Kirche ist. Zu diesem Zweck braucht man umfassende Studien des lehramtlichen Materials vor dem letzten Konzil, eine gründliche und möglichst umfassende Auswertung und Interpretation der Konzilstexte im Lichte dieses lehramtlichen Materials, und dann muss der Versuch unternommen werden, die verbliebenen Differenzen zusammenzufassen und lehramtlich verbindlich festzulegen, was denn nun zu glauben sei.

Doch damit noch nicht genug: Man muss fernerhin die unglaublich vielfältige nachkonziliare Praxis untersuchen und die Frage stellen, inwiefern diese Praxis – die ja von den Konzilsvätern nach dem Konzil zumindest geduldet, oft mit vorangetrieben worden ist – vereinbar ist mit den Texten des Konzils auf der einen und den lehramtlichen Proklamationen vor 1962 auf der anderen Seite. Diese massive Untersuchung sprengt natürlich sowohl den Rahmen meines Blogs als auch den Rahmen meiner Fachkenntnis und ist sicher etwas für ein ganzes Team wissenschaftlich hochstehender theologischer Experten mit einer Wagenladung „sentire cum ecclesia“.

(Die Frage, ob ein Konzil, das derartige Klarstellungen benötigt und dermaßen viel Unsicherheit unter den Gläubigen selbst fast fünfzig Jahre nach seiner Eröffnung hervorruft, wirklich „pastoral“ allzu hilfreich war, lassen wir einmal stillschweigend beiseite…)

Bevor wir also sagen können, was „das Konzil anerkennen“ bedeutet, müssen wir klären, welches Verständnis des Konzils zugrunde gelegt werden soll. Der Leitfaden ist dabei sicherlich die vom Heiligen Vater vorgeschlagene Hermeneutik der Reform in Kontinuität, wie er es in seiner berühmten Ansprache im Jahre 2005 formuliert hat. Doch muss dieser hermeneutische Rahmen mit Inhalt gefüllt werden. Bei etlichen Themen scheint der Rahmen zumindest auf den ersten Blick nicht zu passen. Wie kann man es vereinbaren, dass die Religionsfreiheit im liberalen Sinne immer von der Kirche verurteilt worden ist, und dann plötzlich die Religionsfreiheit nicht nur als praktische Notwendigkeit der gemischtreligiösen Gesellschaft geduldet, sondern als Naturrecht propagiert wird? Wie passen interreligiöse Gebetstreffen wie etwa in Assisi mit, zum Beispiel, der in Mortalium Animos dargelegten kirchlichen Lehre zu eben solchen interreligiösen Treffen zusammen? Diese und andere Fragen mögen sehr gute und zureichende Antworten haben, doch sie sind für den theologisch nicht geschulten Laien nicht unbedingt offensichtlich, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Solange es also nicht zu einer – lehramtlich verbindlichen – Klärung diverser scheinbarer Brüche zwischen vorkonziliarem und nachkonziliarem Lehramt kommt, ist es äußerst schwer zu sagen, man müsse das im Geiste der Hermeneutik der Kontinuität verstandene II. Vatikanum anerkennen. Ich bin jederzeit in der Lage, bestimmte Lehrsätze anzuerkennen, wenn die Kirche sie lehrt. „Extra ecclesiam nulla salus“ ist so ein Beispiel. Die Kirche lehrt es – das Thema ist damit durch. Man kann nun noch Argumente für den Satz anführen, und auch Gegenargumente finden, doch die richtige Lösung haben wir schon verraten bekommen. Hier haben wir es mit einem klaren, floskelfreien, verständlichen Satz zu tun. Er ist deutlich, selbst wenn er nicht deutsch ist.

Doch „das Konzil“? Welche konkreten Lehrsätze sind dem Gläubigen durch das Konzil zur Anerkennung vorgelegt worden? Wer kann überhaupt in einer floskelfreien Weise sagen, was „das Konzil“ uns, über einen vagen Geist des „Aggiornamento“ hinaus, sagen wollte? Die Texte kann man so oder so interpretieren. Als guter Katholik interpretiere ich sie im Sinne der Hermeneutik der Kontinuität im Lichte der Tradition. Ich stoße dabei auf Schwierigkeiten. Welche Lehrsätze soll ich glauben? Wo lehrt das Konzil solche Lehrsätze? Sie stehen nirgendwo. Die Päpste haben seit dem Konzil oft gesagt, es seien keine Dogmen definiert worden. Gut, aber es gibt zu glaubende Lehrsätze, die nicht im Rang eines Dogmas stehen. Was ist mit denen? Welche sind sie? Was soll ich überhaupt anerkennen?

„Das Konzil“ kann man nur als historische Tatsache anerkennen. Es hat unzweifelhaft ein gültiges ökumenisches Konzil der katholischen Kirche stattgefunden. Das kann ich anerkennen – es ist ein klarer Satz mit einer klaren Bedeutung. Deutlich, und in diesem Fall sogar deutsch. Doch was das Konzil bedeutet? Woher soll ich das wissen? Woher soll irgendjemand das wissen? Ist die Bedeutung des Konzils das, was die Mehrheit der Konzilsväter hat aussagen wollen? Das, was der Heilige Geist hat aussagen wollen? Oder irgendetwas anderes?

Ich erkenne alle Dogmen der Kirche an, weil es sich hier um klare Lehrsätze handelt, präzise formuliert und wohlabgewogen. Doch die schwurbelige Konzilsprosa? Abstrakt gesehen erkenne ich sie auch an. Es hat sie gegeben, und ich gehe davon aus, dass der Heilige Geist die Kirche nicht völlig in die Irre lenken wird. In diesem Sinne erkenne ich das Konzil an. In diesem Sinne tun es aber auch die Piusbrüder.

Doch nach den Aufforderungen des Konzils zu handeln? Das Konzil in dem Sinne anzuerkennen, dass man die spezifischen Dokumente, die das Konzil hervorgebracht hat, auch inhaltlich als sicheren Leitfaden im Glauben annimmt? Dazu müsste man erst einmal wissen, was überhaupt mit diesen spezifischen Texten gemeint ist.

Daher braucht man dringend theologisch-dogmatische Gespräche, wie sie in den letzten zwei Jahren zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan stattgefunden haben. Wir brauchen mehr davon, wir brauchen sie auf allen Ebenen, die dazu inhaltlich befähigt sind, und sie stellen neben der Restauration einer würdigen Liturgie die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre dar. Am Ende muss eine Klarstellung des Konzils stehen – das muss keine Abkehr von den Aussagen des Konzils sein, nur damit man mich nicht falsch verstehe. Ich meine wirklich eine Klarstellung, in der in klaren, verständlichen Sätzen festgelegt wird, was das Konzil uns eigentlich zu sagen hatte, und in welchem Verhältnis es genau zu vorkonziliarem Lehramt und zur postkonziliaren Praxis stand.

Man kann jedem Kind mit etwas Aufwand erklären, was mit „extra ecclesiam nulla salus“ gemeint ist. Doch was genau steht in „Nostra aetate“ oder „Dignitatis humanae“?

Ich halte es also für sinnlos, die Forderung nach „Anerkennung des Konzils“ aufzustellen, wenn und insofern nach wie vor nicht autoritativ geklärt ist, wie das Konzil denn nun zu verstehen sei. Ja, erkennen wir das Konzil an – als ein gültiges ökumenisches Konzil, als historische Tatsache, und gestehen wir ihm durchaus zu, im strengen Sinne keine Irrtümer gelehrt zu haben. Doch die Frage bleibt: Welche Lehrsätze unterhalb des Ranges eines Dogmas wurden durch das Konzil hinzugefügt oder verändert? Und lasst uns diese dann anerkennen, wenn wir einmal wissen, welche es sind.

Bis dahin brauchen wir theologische Klarstellungen. Ich weiß nicht, ob die Piusbruderschaft genauso denkt. Abgesehen von der gelegentlichen Messe (mangels erreichbarer traditioneller Messen in meiner Umgebung) in einem ihrer Priorate habe ich keine Verbindungen dorthin. Ihre Forderung nach theologischen Klarstellungen lässt zumindest darauf schließen, dass es ähnliche Ansätze in diesen Kreisen gibt. Sollte das so sein, dann wäre das ein sehr gutes Zeichen. Denn in Anbetracht der verheerenden Ereignisse seit dem Konzil ist eine Neubestimmung des Umgangs der Kirche mit den Herausforderungen der Moderne offenbar dringend erforderlich.

Die Kirche braucht also mal wieder einen Dialogprozess. So ähnlich wie hier in Deutschland.

Nur anders.

Lobt-die-Hirten-Woche: Meisners Hirtenstab I (Teil 1/6)

Viel Bischofsschelte hatten wir hier auf Kreuzfährten in letzter Zeit. Ob Kardinal Marx oder Erzbischof Zollitsch (man suche nur einfach nach den Namen und wird auf dem Blog reichlich fündig werden), oft genug habe ich das Zaudern und Zögern, das Anbiedern und Anschmiegen an den Zeitgeist scharf kritisiert. Ich rufe für die letzte Woche des Kirchenjahrs feierlich die Lobt-die-Hirten-Woche aus! Nun bietet mir ein Interview von Kardinal Meisner einmal eine Gelegenheit lobende Worte, Zustimmung und Unterstützung zu schreiben. Ich werde in dieser Woche jeden Tag einen Bischof intensiv loben. Ich weiß noch nicht, ob ich in Deutschland genug Material dafür finde, werde mich aber bemühen. Heute und morgen ist Kardinal Meisner dran. Am Mittwoch (übermorgen)  gibt es dann noch einen Kommentar des Hirtenbriefs von Bischof Hanke (Eichstätt), ebenfalls größtenteils mit positiven Einschätzungen. Donnerstag, Freitag und Samstag sind noch offen…

Es geht bei Kardinal Meisners Interview im Wesentlichen um den Weltbild-Skandal, aber auch damit zusammenhängende Fragestellungen wie die Struktur der Bischofskonferenz, Entweltlichung, den Dialogprozess und noch weitere Themen. Ein Schwerpunkt des ersten Teils liegt auf der Ökumene. Hier nun das Interview, in Teilen, mit meinen gewohnten roten Kommentaren, die keinerlei Nähe zum Sozialismus zeigen sollen. Fett sind allerdings diesmal nicht meine Hervorhebungen, sondern die Fragen der WELT am Sonntag. ¡Vamos!

WELT am Sonntag: Die deutsche Kirche ist in der Krise. In Rom könnte man manchmal den Eindruck gewinnen, sie treibe orientierungslos auf dem Weltmeer. Hat der Besuch des Papstes daran etwas geändert?

Joachim Kardinal Meisner: Wenn das mit der Orientierungslosigkeit so stimmt, muss ich sagen: In vielen Fragen hilft uns heute kein ‚sowohl als auch‘, sondern nur Klarheit darüber, ob es hier lang geht oder da lang. (Guter Einstieg) Hier haben wir uns deutlich zu Wort melden und von unserem Glaubensgut und der Tradition der Kirche her deutlich zu argumentieren. Dabei hat der Besuch des Papstes sehr geholfen. Bei den so genannten „heißen Eisen“ sollten wir klar argumentativ und sachlich vorgehen und uns nicht aus den Problemen mit dem Argument davonschleichen, dass es sich hier um eine weltkirchliche Frage handelt, die in Rom und nicht in Deutschland entschieden werden kann. (Spricht der Kardinal mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, der dies wiederholt versucht hat?)

Doch wo soll der so genannte „strukturierte Dialogprozess“ hinführen? Ist er nicht gerade ein klassisches Beispiel für eine noch nie gesehene Säkularisierung der deutschen Kirche mit ihren Gremienpapieren und Klarsichtfolienargumenten? Welche Antworten soll er hervor bringen?(Sehr gute Frage, übrigens. Paul Badde ist eben ein guter Fragensteller, viel besser als die üblichen mediokren Mediokraten)

Als in apostolischer Zeit in der Urkirche Verwirrung eintrat, hatte man ein Apostelkonzil nach Jerusalem einberufen. Man hat die Verantwortlichen zusammengeholt und dort über die angängigen Probleme gesprochen. Dann wurde eine Entscheidung gefällt und umgesetzt. Es ging damals um das Verhältnis von Heiden- und Judenchristen in der Kirche, und daran hat man sich bis heute gehalten. (Was hat das mit dem Dialogprozess zu tun, Eminenz? Soll der Dialogprozess so etwas wie das Apostelkonzil von Jerusalem sein? Das meinen Sie doch nicht ernst, oder?) Wenn Menschen sich zum Gespräch treffen, ist das grundsätzlich gut, aber dabei muss beachtet werden: die Wahrheit ist nicht abhängig von Mehrheitsentscheidungen. (Wichtige Erkenntnis! Doch lohnt der Dialog wirklich, wenn man mit Leuten diskutiert, die die Wahrheit gern verändern würden und nicht für sie empfänglich sind?) Dabei muss man heute auch gegen die Behauptung argumentieren, dass es gar keine Wahrheit gäbe und deshalb die Richtigkeit immer bei der Mehrheit läge.

Was heißt das?

Das heißt, wir müssen die Wahrheit suchen (ein guter Teil davon soll ja, so wurde ich informiert, bereits entdeckt worden sein und sich quasi als Kompendium veritatischen Gehalts irgendwo in den öffentlichen Archiven des Vatikans befinden und sich kirchliches Lehramt nennen, oder?) und ihr dienen (!!!! Ja, dienen!)– ohne faule Kompromisse. (Ohne faule Kompromisse!)

Was sagen Sie zu den Irritationen, die Benedikt XVI. in Erfurt in seiner Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche ausgelöst hat? (Ich sage: Es ist nicht weit vom Irren zum Irritieren bei den arretierten Arrivierten des EKG, ähm, ich meine der EKD. Ist aber wohl nicht kardinalstauglich so eine Antwort…)

Die Reaktionen sind für mich sehr erstaunlich. Denn der Papst hat durch seinen Besuch an der Lutherstätte im Augustinerkloster in Erfurt de facto eine Wertschätzung der evangelischen Christen zum Ausdruck gebracht, die bisher einmalig in unserer Kirchengeschichte ist. (Manche Menschen sind eben undankbar.) Was mich dabei am tiefsten ergriffen hat, ist die Äußerung des Papstes, dass wesentlich zur Ökumene gehört, sich hineinziehen zu lassen in das Hohepriesterliche Gebet Christi um die Einheit der Christen. Nur von dieser Wurzel her werden unsere ökumenischen Bemühungen vom Segen begleitet sein.

Der Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider fand aber: „Brennende Fragen des ökumenischen Dialogs wurden gar nicht oder nur missverstehend und missverständlich angesprochen.“ Der Papst habe keine inhaltlichen Impulse geliefert.

Das nehme ich schmerzlich zur Kenntnis. Ich kenne Präses Schneider (wissen meine Leser, dass der Schneider auf italienisch „sarto“ heißt, was auch zugleich der Bürgerliche Name des heiligen antimodernistischen Papstes Pius X. war? Interessanter Zufall…) sehr gut, und darum irritiert mich das und berührt mich auch schmerzlich, so muss ich ehrlich sagen. Seine Einschätzung des Papstbesuches in Erfurt ist für mich nicht nachvollziehbar.

Und Ihre Einschätzung?

Vielleicht sind wir an gewissen Irritationen selbst schuld. (Ja. Wir haben über Jahrzehnte nicht mehr von Mortalium Animos gesprochen. Es bestehen daher leider Unklarheiten über den Inhalt der Ökumene aus katholischer Sicht.) Von katholischer wie von evangelischer Seite sind die ökumenischen Erwartungen vor dem Papstbesuch so hochgeschraubt (nein, meine Erwartungen waren nicht hoch – ich hatte nicht erwartet, dass der Heilige Vater die Anhänger des evangelischen Irrglaubens zur Rückkehr in den Schoß der Heiligen Mutter Kirche auffordern würde!) worden, als wäre der Papst ein absolutistischer Herrscher über die Kirche und könne machen, was er wolle. Insofern hat mich das erstaunt, und auch wieder nicht erstaunt. So ist die Realität, und es wird uns eine heilsame Ernüchterung bringen, wie wir die Ökumene auf sachliche Weise voranbringen. (Und wie, Eminenz?)

In Freiburg hat der Papst die Katholiken an die Worte Paul VI. erinnert: „Wenn nun die Kirche danach trachtet, sich nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden“. Ist es heute aber nicht umgekehrt? (Noch eine gute Frage!)

Wir stehen als Kirche in Deutschland in der Gefahr, uns selbst überflüssig zu machen, indem wir unser Proprium verlieren, das heißt unser Ureigenes und damit unsere Identität. Wenn die Kirche zur Welt geworden ist, dann hat sie der realen Welt nichts mehr zu sagen. (So ist es.) Dann hilft es auch gar nichts, wenn diese Welt vielleicht ein wenig mit Weihwasser befeuchtet ist. (Schönes Bild!) Die Kirche ist dann keine Alternative mehr zur Welt. Seit ich in Köln bin, habe ich immer wieder gesagt, dass mir unsere Kirche wie ein Auto vorkommt, an dem die Karosserie zu groß und der Motor zu schwach ist. Darum läuft er dauernd heiß. Wir müssen die zu große Karosserie abbauen und eine angemessenere, und wohl kleinere Form finden, die unserer inneren Kraft entspricht. Dann geht der Wagen auch wieder voran und gewinnt Tempo. Wenn wir damit das himmlische Jerusalem erreichen (wie viele Bischöfe haben das „himmlische Jerusalem“ überhaupt noch als Zielvorgabe im Kopf?), wird es letztlich völlig egal sein, ob wir dort in einem großen Benz oder mit Fiat Panda vorfahren. Hauptsache, wir kommen an.

Doch was ist mit den Beifahrern? Vor 30 Jahren hatte ich WELTBILD als eine fromme Augsburger Zeitschrift kennen gelernt, wo ich meinen ersten Artikel über Johannes Paul II. untergebracht habe. Die Zeitschrift gibt es längst nicht mehr. Jetzt ist WELTBILD ein erfolgreicher Konzern mit riesigen Umsätzen in der Hand der Bischöfe, doch auch mit schlüpfrigen Angeboten, die ich vor 30 Jahren in der Kirche nicht im Traum gesucht hätte. Ist die Kirche moderner geworden? (Ja, ist sie. Sie ist modernistischer geworden. Zumindest in Deutschland)

Moderner? Ich sage schon seit Jahren in der Bischofskonferenz, dass wir uns von diesem Unternehmen verabschieden müssen, aus zwei Gründen. Der erste und einfachste: Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir an den Sonn- und Feiertagen von den Kanzeln predigen. (Seit wann predigt man in deutschen Kirchen wieder gegen sexuelle Sünden oder die Irrtümer des Okkultismus oder anderer Häresien? Seit wann tut man das wieder von Kanzeln?)  Das ist einfach skandalös.

(…)

Das Interview war ziemlich lang, obwohl ich es schon deutlich gekürzt habe, und es gibt sehr viele gute Stellen, die ich nicht unerwähnt und unkommentiert lassen möchte. Deswegen gibt es auch noch einen zweiten Teil des Kommentars, morgen.

Woelki zur Entweltlichung

Der kürzlich in sein Amt eingeführte Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, hat sich in einem bei kath.net veröffentlichten Interview zum Thema Entweltlichung und Kirchensteuer geäußert. Da es sich bei Woelki um einen der wenigen Hoffnungsträger der katholischen Kirche im deutschen Episkopat handelt, war ich gespannt, was der Erzbischof zu diesen Themen zu sagen haben würde. Wie üblich werde ich hier einige Auszüge präsentieren, für den Rest des Interviews auf die oben zitierte Quelle verweisen und meine Kommentare und Hervorhebungen einfügen. Vorweg möchte ich allerdings sagen, dass ich von dem Interview ziemlich enttäuscht bin.

KNA: Herr Erzbischof, der Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin liegt inzwischen gut einen Monat zurück. Was bleibt?

Woelki: (…) Es bleibt die Erfahrung, in einem vollen Stadion mit dem Papst Gottesdienst [Warum nicht „Messe“ sagen? Gottesdienste gibt es viele.] zu feiern. Jetzt geht es darum, das, was Benedikt XVI. gesagt hat, zu studieren und für unsere Diözese fruchtbar zu machen. Aus der Vertiefung des Glaubens kann dann auch unser gesellschaftliches Engagement wachsen.

KNA: Bei seiner letzten Station in Deutschland, in Freiburg, hat der Papst für eine «Entweltlichung» der Kirche plädiert. Wie bewerten Sie die darüber in Gang gekommene Debatte?

Woelki: Ich denke, der Papst hat mit «Entweltlichung» nicht gemeint, dass wir uns aus der Welt heraushalten, sondern dass wir mit der Botschaft Jesu in die Welt hineingehen sollen. [Genau. Mit der Botschaft Jesu. Nicht mit einem Arm voll Geld und Businessinteressen. Und Porno-Angeboten vom Weltbild-Verlag.] Aber wir müssen natürlich Strukturen überprüfen, die nicht mit dem Evangelium vereinbar sind. [Um welche Strukturen handelt es sich dabei, Exzellenz?] Es ist notwendig zu untersuchen, woran wir künftig festhalten und woran nicht. [Wer übernimmt die Untersuchung? Das Gremium zur Abschaffung der Gremien? Der Entbürokratisierungsausschuss?] Dies gilt natürlich auch für das Erzbistum Berlin, auch hier sind weiter strukturelle Veränderungen notwendig. [Welche Veränderungen? Wir wünschen uns Hirten, keine Schwämme.]

KNA: Manche Kirchenkritiker [Nicht nur Kritiker. Gerade die Liebhaber der Kirche sehen mit Sorge, dass die Kirche sich erpressbar gemacht hat] sehen sich durch die Worte des Papstes in ihrer Forderung nach einer Abschaffung der Kirchensteuer bestätigt…

Woelki: Natürlich gibt es jetzt den einen oder anderen, der die Worte des Papsts so interpretiert und alte Forderungen wiederholt. In Deutschland hat sich aber das zwischen Staat und Kirche gewachsene System der Kirchensteuer bewährt – für beide Seiten. [Ich fürchte, der Erzbischof hat einen über den Durst getrunken. Oder sagen wir lieber – ich hoffe, dass bloß etwas Alkoholeinfluss diese absolut lächerliche Aussage erklärt. Das System der Kirchensteuer hat sich bewährt? Ernsthaft? Dann sind die Kirchen also voll, der Glaube lebendig, die Priesterschaft motiviert und eifrig im Spenden der Sakramente, die Schlangen an Beichtstühlen lang, das Engagement der Gläubigen hoch, die Liebe der Gläubigen zu ihrem Herrn und Erlöser sowie der von Ihm eingesetzten Kirche tief und innig, die Kirche in einer Lage voller Zukunftschancen?], Die Kirche ist in Deutschland eine wichtige gesellschaftliche Gruppe und übernimmt Aufgaben des Staates [Nur, dass es nicht die Funktion der Kirche ist, die Aufgaben des Staates zu übernehmen. Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, auch im Bereich der Funktionen], wenn ich alleine an das große soziale Engagement [worin besteht dieses Engagement? Darin, dass man die ach so engagierte deutsche Kirche fast schon mit Gewalt von der ans HErz gewachsenen Ausstellung von Darf-Scheinen zur Tötung der Unschuldigen Kinder abhalten musste? Dass man sich im Wesentlichen dem sozialtechnokratischen Club angeschlossen hat und statt aus der Liebe Christi aus der Liebe zum staatlichen Finanztrog arbeitet?]   oder an Einrichtungen für Erziehung und Bildung denke. [Katholische Schulen? Ich würde niemals ein Kind in eine durchschnittliche katholische Schule in Deutschland schicken. (Bestimmt gibt es rühmliche Ausnahmen.) Wenn ich mein Kind sexualisieren lassen möchte, nehme ich die Odenwald-Schule. Vielen Dank. Katholische Schulen unterscheiden sich kaum von weltlichen, staatlichen Schulen, außer dass die Eltern eingelullt werden, und deswegen vom aggressiven Säkularismus und der systematischen Glaubenszerstörung besser abgelenkt werden können.] Da ist dieses Geld sinnvoll eingesetzt. [Im Kamin wäre es besser eingesetzt. Da hat man wenigstens noch ein schönes Feuer davon, nicht nur Glaubensverlust.]

KNA: Ein anderes Thema des Papstes war die Ökumene. Jetzt wirft der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge dem Papst in einem Zeitungsbeitrag vor, kein Konzept für die Ökumene zu haben. Wie stehen Sie dazu? [Kein Konzept zur Ökumene ist das bestmögliche Konzept.]

Woelki: Schon in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hat sich Papst Benedikt XVI. große Verdienst um die Ökumene erworben [Ich fürchte, der Erzbischof hat Recht], wenn wir allein an die Erklärung zur Rechtfertigungslehre denken. [Ja, Formelkompromisse sind populär. Aber fide sola ist trotzdem häretisch.] Auch in seinen wissenschaftlichen Beiträgen hat er sich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Schon von daher kann man sagen, dass der Papst ein klares Konzept von Ökumene hat, allerdings nicht nur mit den Kirchen der Reformation. [„Kirchen“ der Reformation? Ist der Erzbischof etwa auch Indifferentist? Alle wandeln wir auf einem Pfade von der Erde hin zum unerkennbaren Unendlichen. Wir tappen alle im Dunkeln und keiner weiß was von der Wahrheit. Wir sind alle Suchende. Daher sind auch die „Kirchen“ der Reformation – ebenso wie die Kirche der „Neo-Reformation“, die hier scheinbar in ihrer Gründung vorbereitet wird – untereinander gleich und vergleichbar. Sie sind alle „Kirchen“. Katholizismus? Nein, danke. Nicht wahr, Herr Erzbischof Woelki?] Dem Papst genauso wichtig sind auch die ökumenischen Kontakte mit den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Manches mag da einfacher sein, weil dort altkirchliche Strukturen vorhanden sind. [Man könnte sagen: Dort sind, im Gegensatz zu Gemeinschaften, die aus Luthers und Calvins Revolten entstanden sind, überhaupt kirchliche Strukturen vorhanden, und nicht bloß ein imperialer Gewissensindividualismus.]

KNA: Was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Treffens zwischen dem Papst und Vertretern der evangelischen Kirche im Erfurter Augustinerkloster? [Dass ökumenische Treffen mit Vertretern der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands sinnlos sind?]

Woelki: Benedikt XVI. hat bei dem Gespräch ausdrücklich Martin Luther und dessen Eintreten für die Authentizität des Evangeliums gewürdigt. [Ja, Martin Luther erscheint vor dem Antlitz eines Landesbischofs der Evangelischen Sozialverbände Deutschlands tatsächlich als Muster der Christlichkeit und gar der Katholizität.] Eine wichtige Botschaft war in diesem Zusammenhang auch der Ort des Treffens selbst, das heute evangelische Augustinerkloster, in dem der junge Luther seine Prägung erfuhr.

KNA: Viele Protestanten haben sich mehr erhofft … [Ja, sie haben sich erhofft, dass der Papst die Kirche auflösen und sich der lutheranischen Häresie und ihren modernistischen EnkelInnen anschließen würde. Das hätte er nämlich de facto tun müssen, um die E“K“D zufrieden zu stellen.]

Woelki: Es ist sicher auch immer eine Frage, mit welchen Erwartungen man an die Begegnung in Erfurt herangegangen ist. Vielleicht waren die Erwartungen ja auch zu hoch. Auch in der Rückschau bleibt, dass das Gespräch und das Gebet mit Vertretern der evangelischen Kirche ein vom Papst so gewünschter Schwerpunkt der Reise war, nicht nur von der zeitlichen Dauer. [So schwammig, so schwammig. Jesus ging nicht über’s Wasser – nein, er schwamm drüber!]

KNA: Können Sie schon sagen, ob das Erzbistum beim Papstbesuch in dem Kostenrahmen von rund 3,5 Millionen Euro bleiben wird? [Jetzt kommt das für die moderne Kirche der Neo-Reformation wahrhaft entscheidende: Mammon]

Woelki: Die Bilanzierung der finanziellen Seite des Papstbesuchs wird noch bis Ende des Jahres dauern. So wie es sich derzeit abzeichnet, werden wir im Kostenrahmen bleiben. Ich bin sicher, dass das Geld gut investiert ist. Ein deutscher Papst besucht vermutlich zum letzten Mal offiziell sein Heimatland, wo viele Menschen nach Sinn und Orientierung suchen. [Sie mögen ja suchen – doch wie sollen sie finden, wenn die Kirche ihre Antworten so geschickt tarnt?] Das war das auch medial angekündigte Jahrhundertereignis. [Leider erschöpft sich das öffentliche Auftreten der Kirche in Deutschland in medialen Ereignissen, aufrührerischen Aktionen gegen die Kirche und ihren Stifter Jesus Christus, dem Eintreiben finanzieller Ressourcen und dem Auftritt als Nachhut von 1789 und 1968.]

Zusammenfassung: Erzbischof Woelki gilt als einer der Hoffnungsträger der Kirche in Deutschland. Beim Papstbesuch ist er mir in Berlin positiv aufgefallen. Doch dieses Interview konnte den positiven Eindruck nicht bestätigen. Im Gegenteil: Eine schwammige Formulierung folgt der nächsten, nur unterbrochen von einem Kotau vor dem religiösen Indifferentismus der vielen verschiedenen „Kirchen“ der Reformation und einem respektvollem Kopfnicken in die Richtung der Kirchensteuer und ihres Systems der finanziellen Maulkörbe für christliche Hirten. Wenn sich der neue Erzbischof von Berlin noch fünf Jahre in dieser Art Zeitungsinterview übt, hat er wohl eine sehr gute Chance, Vorsitzender der Bischofskonferenz zu werden und die Fußstapfen von Erzbischof Zollitsch vollkommen auszufüllen.

Ein weiterer Verwalter des Niedergangs. Das ist der Eindruck, den ich von diesem Interview habe.

Assisi (3/3) – Entweltlichung

Dies ist der dritte und letzte Teil einer Artikelserie über das interreligiöse Treffen in Assisi. Hier geht es zum ersten und zweiten Teil.

Entweltlichung

Bei seinem Besuch in Deutschland betonte der Papst in seiner Ansprache vor kirchlich aktiven Laien die Notwendigkeit einer „Entweltlichung“. Damit ist nicht gemeint, dass die Kirche sich nicht mehr um die Belange und Sorgen der Menschen außerhalb der Kirche kümmern soll, sondern dass sie sich nicht an die Wünsche, Irrtümer und Fehler der Welt anpasst. Sie soll sich frei von weltlichen Bindungen an staatliche Strukturen, aber auch, wie viele hinterher spekuliert haben, frei von finanziellen Reichtümern, die immer auch Abhängigkeiten mit sich bringen, wie etwa im Fall der deutschen Kirchensteuer, um ihren wesentlichen Auftrag kümmern. Und was ist dieser Auftrag?

Er ist nicht in erster Linie sozial-karitativ, sondern geistlich. Die Kirche soll den Menschen Gott näherbringen, wie man formulieren könnte. Dies geschieht durch die Vermittlung des Wahren Glaubens, die Sakramente, unter diesen besonders das Allerheiligste Sakrament des Altares, und auch durch soziale Hilfestellung, also praktische Nächstenliebe. Alle drei Wege, auf denen die Kirche Gott zu den Menschen bringt, haben gemeinsam, dass es, wenn man sie korrekt versteht, immer zuerst um die Liebe zu Gott geht. Aus dieser Liebe ergibt sich dann die Liebe zum Menschen.

Genauso, also unter den Vorzeichen der Entweltlichung, zu der der Papst aufgerufen hat, können wir die Frage nach dem Frieden wieder aufgreifen, um die es im zweiten Teil des Artikels ging. Wir hatten allerlei Unterschiede zwischen dem weltlichen und dem Frieden Christi aufgeführt, und diese am Beispiel eines Orchesters verdeutlicht. Jetzt können wir noch einen Schritt weiter gehen und den Frieden Christi als entweltlichten Frieden erkennen, also als Frieden, der sich nicht in erster Linie um den weltlichen Frieden der Menschen kümmert, sondern um die Liebe zu Gott.

Dieser wahre christliche Friede hängt eng mit der Entweltlichung zusammen. Denn wer nach diesem wahren Frieden strebt, der strebt zuerst gar nicht nach dem, was man heute unter Frieden versteht. Sein Wirken mag dem oberflächlichen Betrachter (und heute sind die meisten Betrachter oberflächlich) gar nicht als um Frieden bemüht erscheinen. Wer nach dem Frieden Christi strebt, der strebt nach Einklang seines Willens mit Gottes Willen. Die Mittel zum Frieden Christi finden sich im Gebet, in den Sakramenten, im Leben im und aus dem Glauben, wie manche es heute formulieren wollen.

Selig sind diejenigen, die Frieden stiften – aber wer sind diese Friedensstifter? Sind es die verweltlichten Diplomaten, die einen Waffenstillstand aushandeln? Sie mögen ja einen guten und wichtigen Dienst tun, aber sie können höchstens den arg defizitären weltlichen Frieden stiften, welcher ein Friede ist, der, wenn er anhält, zu Apathie, Anspruchsdenken, und, besonders wenn er noch mit materiellem Wohlstand einhergeht zur Mentalität einer „Made im Speck“ einlädt. Es ist ein materieller, aber kein geistlicher Friede, der dort von den Diplomaten ausgehandelt wird.

Die wirklichen Friedensstifter sind hingegen die Heiligen, die Frieden mit Gott gemacht haben. Sie lieben zuerst Gott, und weil sie Gott lieben, haben sie Frieden mit ihm und tun seinen Willen. Er ist die Liebe und ruft zur Nächstenliebe auf. Da die Heiligen das richtige Verhältnis zu Gott haben, sind sie auch imstande, das richtige Verhältnis zum Nächsten zu finden. Zwischen dem Heiligen und seinem nächsten herrscht daher auch bloß weltlicher Friede, sofern sich sowohl der Heilige als auch der Nächste im richtigen Verhältnis zu Gott befinden. Wenn nicht, wird der betreffende Nächste den Heiligen oft genug verfolgen. So entstehen Märtyrer.

Die wirklichen Friedensstifter, die Heiligen, sind Friedensstifter, weil sie Frieden mit Gott gemacht haben, und damit auch Frieden mit sich selbst, und Frieden mit ihrem Nächsten. Weil sie Frieden mit Gott haben, achten und bewahren sie auch die Schöpfung. Weil sie Frieden mit Gott haben, helfen sie ihren Nächsten, und verhindern so die sozialen Katastrophen, an die wir uns in einer Welt voller säkularer Besserwisser, die alle den neuesten Plan im „Kampf gegen den Hunger“ haben, natürlich schon längst gewöhnt haben.

Die wirklichen Friedensstifter sind die Heiligen, und ihr Friede ist umfassend. Doch wer sind diese Heiligen? Sind das nicht irgendwelche Menschen, die einmal hier auf Erden waren, aber heute nicht mehr sind? Die wenigen Auserwählten? Eine besondere Gruppe mit heroischer Stärke? Nein, das sind sie nicht.

Die Heiligen, das sind die Menschen, die sich entschlossen haben, Gottes Willen zu tun, und nicht ihren eigenen. Das sind die, die gesagt haben, „Dein Wille geschehe“. Heiligkeit ist nicht schwer und jeder Mensch ist zu ihr berufen. Wir müssen es nur wollen, und dann nach diesem Willen handeln. Wenn wir beten, „Dein Wille geschehe“, und es wirklich so meinen, wer kann uns dann noch auf diesem Weg zur Heiligkeit aufhalten?

Wir sind also diejenigen, die zur Heiligkeit berufen sind, und wenn wir noch nicht zu heldenhafter Tugend gelangt sind, so nur deswegen, weil wir nicht wirklich wollen, weil irgendwo in unserem Herzen noch eine Ecke ist, die „non serviam“ sagt. Doch weil wir zur Heiligkeit berufen sind, sind wir, jeder von uns, auch berufen, Friedensstifter zu sein, indem wir den Frieden Christi stiften.

Daher ist der beste Weg zum Frieden tatsächlich das Gebet, in Verbindung mit den Sakramenten und dem wahren Glauben, aber es ist kein Gebet um bloßen Waffenstillstand (so gut das für sich genommen auch sein mag). Es ist ein Gebet um den Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott.

Ein solches Friedensgebet wird es in Assisi nicht geben, weil dem kaum ein anwesender Vertreter einer Weltreligion zustimmen könnte. Daher ist das Treffen, selbst wenn alle negativen Befürchtungen, über die ich in den beiden ersten Teilen geschrieben habe, nicht eintreten sollten, nicht allzu sinnvoll.

Beten wir also um diesen Mut zur bedingungslosen Kapitulation vor Gott und zusätzlich, so es denn Gottes Wille ist, um etwas Waffenstillstand in unserer Zeit.

Assisi (2/3) – Pax Christi oder Pax Romana?

Dies ist der zweite Teil eines dreiteiligen Artikels über das interreligiöse Treffen in Assisi. Der erste Teil findet sich hier.

Pax Christi oder Pax Romana?

Wie im ersten Teil gesehen ist Assisi III ein Stolperstein für einige, Munition für viele, und wird nichts bringen.

Doch mehr noch: Wahrer Friede wird nicht durch Konferenzen entstehen, selbst wenn diese sich manchmal nicht vermeiden lassen. Wahrer Friede ist immer der Friede Christi, ein Friede, der mehr ist, als nur die formale Abwesenheit von Krieg.

Bloß weltlicher Frieden ist schön, wenn wir ihn haben, und man kann sicher auch für ihn beten. Aber er ist immer nur für kurze Zeit gegeben, weil unter der scheinbar friedlichen Oberfläche die fehlgeordneten Leidenschaften des Menschen, die Sünden, die Gottferne weiterbrodeln. Die Staaten führen keinen Krieg mehr gegeneinander. Aber die Menschen werden immer noch Opfer von Verbrechen, es gibt immer noch so viel Unfrieden in einer „friedlichen“ Welt. Der Traum der säkularen Aufklärung und ihrer Schüler vom Weltfrieden bezieht sich leider nur auf diese Art. Der Weltfriede ist bloß ein weltlicher Friede, also die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln.

Mehr ist weltlicher Friede, äußerer Friede, niemals. Er erfasst nur die Oberfläche. Die Menschen schießen nicht mehr aufeinander, zumindest nicht mit Waffen. Zumindest nicht in Armeen. Aber heißer Krieg weicht kaltem Krieg, kalter Krieg weicht psychologischem, wirtschaftlichem oder irgendeinem anderen Krieg. Der Traum der besten unter den modernen Säkularisten ist mehr als dieser bloß formale Frieden. Ihnen geht es auch um wahren Frieden – Frieden mit weltlichen Mitteln, der tiefer geht.

Doch dazu ist die Natur des Menschen nicht geeignet. Die Idee, man könne durch weltweite Institutionen, durch gerechte Verteilung der Ressourcen, durch die Abschaffung von Armut, Ungleichheit, Diskriminierung, usw. Frieden schaffen, ist eine Schnapsidee. Natürlich führen Armut, Ungleichheit, Diskriminierung, politische Ideologien, Religionen usw. oft genug zu Kriegen. Aber sie sind nicht die Ursachen der Kriege, sondern nur die Anlässe. Nimmt man dem Menschen seine Armut, mit der er eine gewaltsame Revolution rechtfertigt, dann wird er andere Gründe finden.

Der Mensch, so wie er heute existiert, ist nicht friedensfähig.

Doch wie kann der Mensch friedensfähig gemacht werden? Durch genetische Umgestaltung? Durch Sublimierung von Aggressivität? Durch die Umerziehung der „aggressiven“ Jungen zu geschlechtslosen, neutralen Schwächlingen, weil ja angeblich Gewalt so „männlich“ ist, wie Fortschrittliche nicht müde werden zu betonen? Durch Bildung, Wohlstand, Pädagogik? Diese weltlichen Mittel haben alle nur einen Nachteil. Sie doktern am Symptom herum und verwechseln es mit der Krankheit. Die Krankheit ist nicht Aggressivität, sondern falscher Umgang mit Aggressivität; nicht die Leidenschaft, sondern die Fehlordnung der Leidenschaft. Ähnliches gilt für alle anderen Vorschläge.

Wirklicher Friede ist immer der Friede Christi – ein Frieden der Seele, ein Frieden, der dadurch entsteht, dass der Mensch im Einklang mit Gott steht. Dieser Einklang mit Gott führt dann natürlich auch dazu, dass er im Einklang mit anderen Menschen steht, die sich wiederum im Einklang mit Gott befinden. Und diese Gruppe von Menschen wird dadurch auch im Einklang mit Gottes Schöpfung stehen. Die Welt ist ein Orchester. Wenn jeder nur die Noten spielt, die auf seinem Notenblatt für sein Instrument vermerkt sind, und auf die Anweisungen des Dirigenten achtet, dann wird das Orchester ganz von allein harmonisch zusammenspielen.

Das Notenblatt ist das moralische Gesetz, und der Dirigent ist Jesus Christus. Wir sind die Musiker. Unser Leben ist dazu da, uns auf den großen Auftritt vorzubereiten, darauf, uns an der Musik des Himmels zu beteiligen.

Mit diesem Bild im Hinterkopf schauen wir uns nun an, was die Welt uns für einen Frieden zu bieten hat. Es ist ein Frieden, in dem die Musiker sich in internationalen Gremien darauf einigen, ihre Instrumente nichtauf den Köpfen der anderen Musiker zu zertrümmern. Das ist, soweit wie das geht, eine gute Sache. Doch da es ein Frieden ohne Rückbezug auf das ist, was auf dem Notenblatt seht, und was der Dirigent sagt, wird keine Symphonie herauskommen. Nachdem die Musiker alle verstanden haben, dass sie ihre Instrumente nicht auf dem Kopf des Nachbarn zertrümmern sollen, setzen sie sich hin und spielen, unter Ausübung ihrer „individuellen Freiheit“ oder „Gewissensfreiheit“ die Musik, die ihnen gerade spontan in den Sinn kommt. Das moralische Gesetz auf dem Notenblatt wird ignoriert, der Dirigent Christus ebenfalls, und das Ergebnis ist keine Symphonie, sondern Chaos, kein echter Frieden, sondern einfach gleichgültiges Desinteresse an den anderen Musikern.

Aufgrund der immensen Unterschiede zwischen den eingeladenen Vertretern beim interreligiösen Treffen in Assisi kann nun sicher keine Einigkeit auf den oben beschriebenen wahren Friedensbegriff erzielt werden, glauben doch die meisten Vertreter nicht an die Existenz des Dirigenten Christus, sprechen ihm seine Autorität als Dirigent ab, und manche leugnen sogar die bindende Kraft des Notenzettels, auf dem das moralische Gesetz abgedruckt ist.

Der einzige Friede, für den man in Assisi also ernsthaft gemeinsam eintreten kann, ist der individualistische Friede der Gleichgültigkeit, der Friede als Abwesenheit von Krieg, der Friede, der zum Pazifismus führt. Für sich genommen ist dieser Friede natürlich besser als nichts. Aber er hat den großen Pferdefuß, dass er darauf basiert, dass alle Musiker bereit sind, alle anderen Musiker spielen zu lassen, wie auch immer sie wollen, dass sie also bezüglich der zu spielenden Musik auf den absoluten Standard der Partitur verzichten. Die Musik ist damit der individuellen Kreativität der Musiker untergeordnet, ebenso wie es dem moralischen Gesetz durch den rein weltlichen Frieden geschieht.

Ein solcher Friede ist bequem, aber nicht dauerhaft; und selbst seine Bequemlichkeit wird nur um den hohen Preis eines zumindest taktischen Zugeständnisses an den Relativismus erkauft. Wäre es da nicht besser, friedlich für den wahren Frieden zu werben, selbst wenn dann nicht so viele verschiedene Vertreter nach Assisi kommen könnten?

Hier endet der zweite Teil einer dreiteiligen Artikelserie über das interreligiöse Treffen in Assisi.