Grußbotschaft zum 500. Lutherjubiläum

In den letzten Tagen geisterte die Vorstellung durchs Internet, Papst Franziskus könne möglicherweise 2017 das „Reformationsjubiläum“ feiern oder etwas dergleichen (etwa hier). Laut Vatikan ist noch keine Entscheidung gefallen.

Es folgt ein kleiner bescheidener Vorschlag von Catocon: Wir schicken den Lutheranern keinen Papst, sondern ein Grußwort des Papstes. Vielleicht könnte man ja schreiben:

„Liebe Lutheraner, getrennte Brüder in Christo

wie dem verlorenen Sohn wenden Wir Uns euch anlässlich des 500. Jahrestags des Beginns des lutheranischen Schismas in väterlicher Liebe zu. Wir sehen freilich keine Veranlassung, den Abfall einer großen Anzahl Christen vom wahren Glauben Jesu Christi und Seiner Kirche, der katholischen Kirche, zu feiern. Vielmehr verharren Wir in tiefer Trauer ob des Unwillens, der Uns von lutheranischer Seite entgegenschlägt, wenn Wir – wie Wir das unermüdlich getan haben – euch zur Rückkehr in die Kirche Christi aufrufen.

Solange das Schisma des Häretikers Martin Luther und seiner heutigen Anhänger sich weiter fortsetzt, ist es Unser Wille, gute freundschaftliche und diplomatische Beziehungen zu euch und allen Irrenden zu führen, jedoch ohne jemals die Fragen ausklammern zu können, die Uns leider von Euch trennen. Wir bieten anlässlich des genannten Jahrestags allen Lutheranern guten Willens die Möglichkeit einer Rückkehr in die katholische Kirche an, bei der sie ihre legitimen Traditionen fortführen können, die in 500 Jahren gewachsen sind. Wir gedenken dabei analog dem Modell zu verfahren, das Unser Vorgänger Benedikt XVI. für die Anglikaner entworfen hat. Selbstverständlich gehört zu einer solchen Rückkehr immer die vollständige Unterwerfung unter die gesamte Wahrheit des katholischen Glaubens, wie er sich in heiliger Schrift und heiliger Überlieferung findet. Interessierte Lutheraner müssen natürlich allen Irrlehren widersagen, denen sie sich unter der geistlichen Leitung Martin Luthers hingegeben haben, könnten jedoch ihre eigenen legitimen Traditionen fortführen, an denen vielen gutwilligen Lutheranern so viel liegt.

Wir sind auch eingedenk der Tatsache, dass viele von euch sich niemals persönlich für Schisma und Häresie entschieden haben, da ihr in Familien mit langer lutheranischer Tradition hineingeboren worden seid. Wir sind daher zu großer Milde bereit, wenn ihr euch dazu entschließt, zum wahren Glauben zurückzukehren und eure großen geistlichen Gaben, die der Herr euch gegeben hat, in den Dienst des Herrn und Seiner Kirche zu stellen. Die verfahrenstechnischen und kirchenrechtlichen Details seien an anderer Stelle im Detail ausgearbeitet, sollen Euch aber keine unangemessenen Hindernisse in den Weg legen.

Wir enthalten Uns eines Gedenkens des Schismas Martin Luthers, um euch nicht mehr gegen Uns aufzubringen als nötig. Nicht enthalten können Wir Uns jedoch einiger Worte über die absurden Erwartungen, die manche von lutheranischer Seite hinsichtlich der ökumenischen Gespräche hatten. Wir wissen, dass euch von katholischer Seite falsche Hoffnungen gemacht worden sind, es sei vielleicht eine „Interkommunion“ möglich ohne die vollständige Rückkehr der verirrten Schäfchen unter das Primat des Nachfolgers Petri und den durch ihn garantierten überlieferten Glauben. Dasselbe gilt für andere Fragen des sogenannten ökumenischen Dialogs. Leider ist es den Katholiken nicht möglich, die Wahrheitsfrage aus dem ökumenischen Dialog auszuschließen, oder über die Wahrheit des katholischen Glaubens zu diskutieren als sei sie eine offene Frage, die erst noch der Beantwortung oder eines Urteils seitens ökumenischer Dialoge bedürfte. Diesen schrecklichen Irrtum glauben Wir mit diesen klaren Worten ausgeräumt zu haben.

Es bleibt Uns dann nur noch übrig, denjenigen unter euch, die wenigstens noch am natürlichen Sittengesetz und den Elementen der Wahrheit, die Luther aus dem Schatz der Kirche übernommen hat, festhalten, Unseren ehrlichen Dank für diese, wenn auch begrenzte, Treue auszusprechen, und euch mitzuteilen, dass Wir mit großer Freude erwarten, in allen Dingen, die wir ohne Kompromisse gemeinsam haben, eine Periode gedeihlicher Zusammenarbeit zu beginnen, auf dass die antichristlichen Angriffe, denen wir alle in unserer modernen Zeit ausgesetzt sind, vor dieser vereinten Front unverfälschter christlicher Sittenlehre zurückschrecken werden und dadurch dem christlichen Europa sein Antlitz zurückgegeben und der ganzen Welt ein christliches Antlitz gegeben werde.

Diejenigen unter euch, die weder an dem natürlichen Sittengesetz noch an der lutheranischen Überlieferung festgehalten haben, werden sicher nicht erfreut ob dieser klaren Worte sein, und Wir sehen auch keine Möglichkeit, euch entgegenzukommen, ohne von der Wahrheit des Glaubens der Kirche abzuweichen. Uns bleibt nur, euch die Hand des Friedens und der Versöhnung entgegenzustrecken. Das Tor der Kirche ist immer offen für euch und niemals wird man euch abweisen, wenn ihr auf den Weg der Wahrheit, die Christus ist, zurückkehren wollt. „Klopfet an, so wird euch aufgetan“. Das gilt für den Eintritt in die Kirche Gottes, die katholische Kirche, ebenso wie für den Eintritt ins Himmelreich.

Papst [xxx]“

Ziemlich unwahrscheinlich, dass es dazu kommen wird, aber es wäre vielleicht heilsam und klärend. Klarheit ist die erste Voraussetzung der Wahrheit.

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Mosebach über Unglauben, Islam und Wohlstand

Es folgt ein langer Auszug aus dem Interview der WELT mit Martin Mosebach, dem bekannten Schriftsteller und Anhänger der traditionellen Messe. Herr Mosebach hat einige sehr interessante Sachen zu Themen wie Islam und Atheismus zu sagen. Wir üblich sind die Kommentare in roter Schrift gehalten, Hervorhebungen durch Unterstreichung stammen von Catocon.

Welt Online: Herr Mosebach, waren Sie Karfreitag in der Kirche?

Martin Mosebach: Selbstverständlich. In Frankfurt wurde in diesem Jahr erstmals seit der katholischen Liturgiereform 1968 wieder die Karfreitagsliturgie nach altem lateinischem Ritus gefeiert. Daran habe ich teilgenommen. (Schön, dass sich die traditionelle Messe auch in Deutschland langsam wieder ausbreitet.)

Welt Online: Dann haben Sie ja auch für die Atheisten gebetet. Die Kirche bittet an Karfreitag: „Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.“ Warum erhört Gott das immer seltener?

Mosebach: Er hat das doch schon sehr vielfältig erhört. Die Kirche ist über die Jahrtausende in einem ständigen Wachstum befindlich. (Auch heute wächst die Kirche weltwelt gesehen Jahr für Jahr, wenn sie auch in Europa schrumpft.) Es gibt sehr viel mehr Christen auf der Welt als noch vor hundert Jahren und erst recht als noch vor 500 Jahren.

Welt Online: Aber das Wachstum ist regional unterschiedlich. Laut der neuen Studie der Universität Chicago sind in Ostdeutschland 46 Prozent der Menschen überzeugte Atheisten. Warum engagiert sich Gott dort nicht stärker? (Gott zeigt sich denen, deren Herz für Ihn offen ist. Wessen Herz ist in unserer gottlosen Zeit noch offen für etwas, dass sich nicht nach Effizienz- und Wohlstandsgesichtspunkten messen lässt?)

Mosebach: Die große Regel von Gracián lautet: Den göttlichen Mitteln so vertrauen, als gäbe es die menschlichen nicht, und den menschlichen so vertrauen, als gäbe es die göttlichen nicht. Die Kirche – und das heißt jeder einzelne Getaufte – hat die Aufgabe, für den Glauben zu werben. (Jeder Getaufte. Hier, nicht in der ständigen Forderung nach diesem oder jenem offiziellen Amt, findet sich die Aufgabe der Laien.) Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden. (Das ist das Wichtigste. Missionsarbeit ist umso erfolgreicher, je heiliger der Missionar ist.) Mission hat eine göttliche und eine menschliche Seite. Auf der menschlichen Seite wird manches geleistet, aber vieles auch nicht.

Welt Online: Laut der Studie ist Ostdeutschland die atheistischste Region der Welt. Ist das eigentlich schlimm? (Was für eine Frage! Aber Herr Mosebach beantwortet sie grandios.)

Mosebach: Für die Christen ist es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt. Diejenigen, die religiös unmusikalisch sind – wie man das heute so flott formuliert –, sind in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt. (Religion ist keine Zugabe, sondern das Wesentliche, von dem alles andere abhängt.) Unglaube ist ein Mangel. Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz. Die seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins ist dann nicht gegeben, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet ist.

Welt Online: Ist die DDR schuld am Rückzug des Glaubens in Ostdeutschland? (Ist der Rückzug des Glaubens schuld an der DDR bzw. dem Kommunismus als solchem?)

Mosebach: Die Entwicklung hat lange vor der DDR begonnen. Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung (unser heutiges Bildungssystem müht sich nach Kräften und nähert sich in dieser Hinsicht der DDR immer mehr an.) , aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war. Moskau hat heute Hunderte von Kirchen. Zur bolschewistischen Zeit gab es dort nur drei Kirchen, in denen noch die Liturgie gefeiert wurde.

Welt Online: Warum ist das in Ostdeutschland anders?

Mosebach: Weil es das Erbe Preußens hat. Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess. Friedrich II., dessen religiöse Toleranz in diesem Jahr so gefeiert wurde, war ja nur deswegen so tolerant, weil er die Religion verachtete, sich geradezu vor ihr ekelte. Dann kamen preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl mit Formeln wie „Staatsdienst ist Gottesdienst“ (eine treffende Charakterisierung des totalitären Staatsverständnisses, das, in leicht abgewandelter Form, heute Allgemeingut ist), man konzentrierte sich auf Ethik, wollte weg vom Übernatürlichen. (Entmythologisierung. Modernismus. Anpassung an den „wissenschaftlichen“ Zeitgeist) In Goethes „Buch des Parsen“ kam der Zeitgeist zum Ausdruck: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung.“ Das war ein Protestantismus, der die Verbindung zu Sakralität und lebendiger Christus-Beziehung weitgehend verlassen hat. (Kann es wundern, dass die Protestantisierung der Kirche dieselben Ergebnisse gezeitigt hat?)

Welt Online: Ist es mehr als eine Laune der Geschichte, dass der Atheismus in dem Teil Deutschlands so stark ist, von dem auch die Reformation ausging? (Nein. Das eine folgt logisch aus dem anderen. Oder die lehramtliche Garantie ist die Offenbarung der Bibel beliebig flexibel und kann im Laufe der Zeit nicht mehr ernst genommen werden.)

Mosebach: Das ist keineswegs eine Laune der Geschichte. Das hat seine Logik. Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. (Eine sehr interessante Beobachtung, die in Zeiten minimaler historischer Kenntnisse wohl viele überraschen dürfte.)  Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte. Auch die Staatsreligiosität mit dem König als Bischof und dem Landesherrn als oberstem religiösem Chef ist durch die Reformation entstanden. (Im Katholizismus waren Staat und Kirche nie in eins gesetzt, sondern immer verschieden, selbst wenn sie eng zusammengearbeitet haben. Die heute geforderte radikale Trennung von Kirche und Staat ist eine übertriebene Gegenreaktion gegen die reformatorische Nationalkirche: Das Pendel schlägt in die entgegengesetzte Richtung aus.)Dann hat das Bündnis mit der Aufklärung die Religion Stück für Stück entkernt.

Welt Online: War die Reformation Voraussetzung für den Atheismus?

Mosebach: Keineswegs zwangsläufig. Es gibt ja auch den evangelikalen Protestantismus, in den USA zum Beispiel.  Es gibt in Deutschland fromme protestantische Bewegungen wie die Pietisten oder die Herrnhuter. Aber tatsächlich ist es so, dass der Protestantismus, so wie er sich im Osten entwickelt hat, mit seinem Hang zur Säkularisierung fast notwendig zur Schwächung des Glaubens geführt hat. Sonst hätte der Kommunismus den Glauben dort nicht so nachhaltig zerstören können.

Welt Online: Als Zeitungsleser verbindet man mit Ostdeutschland höhere Arbeitslosigkeit, niedrigere Löhne und sinkende Einwohnerzahlen. Haben wirtschaftliche Faktoren auch etwas mit Glauben zu tun? (Das hat etwas mit einem Kamel und einem Nadelöhr zu tun. Die Reichen passen nicht hindurch.)

Mosebach: Es ist jedenfalls ein Faktum, dass sich bei der Religiosität in Deutschland die sozialen Verhältnisse umgekehrt haben: Im 19. Jahrhundert waren für den aufgeklärten, religiös bereits distanzierten Preußen die katholischen Regionen die rückständigen. Dort wohnten die Faulen, Ineffizienten, die an die Moderne nicht Adaptierten. Frömmigkeit war was für arme Leute. (Damals gab es in Deutschland noch richtig arme Leute. Heute nur noch „relative“ Armut, die verglichen mit wirklicher Armut als Reichtum erscheinen muss, für den das Wort mit dem Kamel und dem Nadelöhr wieder gilt.) Das hat sich verblüffenderweise umgedreht. Gegenwärtig ist Religion dort stabiler, wo der wirtschaftliche Erfolg ist, wo es ein etabliertes Bürgertum gibt. Die Erfolgreichen, die mit der modernen Welt Zurechtkommenden sind heute eher auch die Gläubigen. (Sind sie? Oder sind sie nicht viel eher die Anhänger des status quo, die einfach in der Kirche bleiben, weil es ihnen Trost und Nutzen bringt, während die Ärmeren eher austreten? Ich fürchte, Herr Mosebach irrt sich an dieser Stelle. Man kann im heutigen Deutschland Kirchenmitgliedschaft und Glaube nicht gleichsetzen. Das wohlhabende Bürgertum ist seltener konfessionslos; es ist nicht unbedingt religiöser.) In Ostdeutschland leben immer mehr Atheisten – und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die neuen Bundesländer nicht gerade Horte der Innovation, des Produzierens und der Vitalität sind. (Der Atheismus ist auch nicht gerade Ausdruck einer gesunden gesellschaftlichen Lage.) Das Beunruhigende für die Kirche liegt darin, dass sie ihre alte Verbindung zu den Armen verloren hat – die Armen galten immer als der Schatz der Kirche. (Das sind sie auch heute noch. Man sehe sich nur die Regionen der Welt an, wo es noch wirklich arme Menschen gibt. Dort ist die Kirche stark. Nur in unserer nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wo man als arm gilt, wenn man sich mal keinen Urlaub oder kein neues Auto leisten kann, ist die Kirche schwach. Das hat wieder mit dem Kamel und dem Nadelöhr zu tun.)

Welt Online: Müssen sich die Religionen angesichts des wachsenden Atheismus fragen lassen, ob sie attraktiv genug sind für die Menschen? (Schönheitswettbewerbe sind nicht wünschenswert.)

Mosebach: Zuerst muss ich sagen: Ich habe ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sich haben taufen lassen. (Ja, aber es sind trotzdem sehr wenige.)Aber wir müssen sowieso anders über Religion sprechen. Entweder die Religion besitzt die Wahrheit über das Wesen des Menschen, seine Herkunft und sein Ziel – oder sie besitzt sie nicht. Und wenn sie diese Wahrheit besitzt, muss man nicht über sie sprechen wie über eine Kaufhoffiliale, die Kunden verliert, sodass sich der Filialleiter fragt, woran das wohl liegen kann. Die Wahrheit unterliegt nicht einer Mehrheitsabstimmung. Es ist gut für den, der sie erkennt, es ist schlecht für den, der sie nicht erkennt. Die Wahrheit ist auf Zustimmung nicht angewiesen. (So ist es. Die Wahrheit allein genügt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“)

Welt Online: Warum sehen so viele Menschen in Deutschland den Islam als Konkurrenz, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen?

Mosebach: Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben.  Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion. (Sehr treffend formuliert! Nicht der Islam, sondern ernsthafte Religion, ist die wahre Gefahr für den modernen Westen, dessen sittlicher Verfall nur noch von seiner Gottlosigkeit übertroffen wird.)

Welt Online: Ist Ihnen aus christlicher Sicht ein Muslim lieber als ein Atheist? (Natürlich.)

Mosebach: Was heißt lieber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Welt Online: Sie fürchten nicht, dass der Islam das Christentum in Europa verdrängt? (Nein. Es gibt kein zu verdrängendes Christentum in Europa. Der „Kulturkampf“ wird zwischen den Moslems und den Gralhütern der Aufklärung ausgefochten, und die Christen werden die Dritten sein, die sich freuen, wenn zwei sich streiten.)

Mosebach: Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt. In den verschiedenen Apokalypsen ist ihm geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden wird. (Die Frage drängt sich auf, ob es bald soweit ist. Die Zeichen der Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten.) Die Kirche ist ja auch aus Kernregionen, aus denen sie entstanden ist, vollständig verschwunden. (Und die Reste, etwa in Ägypten, dem Irak und Syrien, wo es sehr alte christliche Wurzeln gibt, werden gerade mit freundlicher Beihilfe der sogenannten westlichen Befreier und Demokratisierer ausgelöscht.) Aus Regionen, in denen sie ihre Prägung empfangen hat. Augustinus kam aus Nordafrika, Basilius der Große kam aus Zentralanatolien, da gibt es heute kaum noch Christen. Dafür gibt es heute in Ländern Christen, die man in der Antike nicht einmal kannte. Das ist eine Wanderungsbewegung. Die Kirche wandert über den Erdkreis. Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. (Wo es politisch unterdrückt wird. So ist das immer. Es wird Zeit, dass wir auch mal wieder eine richtige Verfolgung bekommen. Dann werden wir sehen, wer wirklich Christus liebt, und wer nur die Bequemlichkeit. Da werden wir uns noch wundern.) Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist.

Welt Online: Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff gesagt hat und wie es Volker Kauder jetzt in Abrede stellt? (Nein. Herr Mosebach erklärt ganz vorzüglich den Grund.)

Mosebach: Wenn ein Politiker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deutschen, die sich zum Islam bekennen, haben dieselben Bürgerrechte wie die anderen Deutschen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eine verantwortungslose und demagogische Äußerung. Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen? Unser Grundgesetz fußt auf dem Christentum, auf der Aufklärung und auf weit in die deutsche Geschichte zurückreichenden Konstanten, wie etwa dem Partikularismus. Da gibt es kein einziges islamisches Element – woher sollte das auch kommen? Wenn die muslimischen Deutschen die kulturelle Kraft besitzen sollten, der deutschen Kultur islamische Wesenszüge einzuflechten, dann mag man in hundert Jahren vielleicht einmal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Christentum noch zu Ostdeutschland?

Mosebach: Natürlich. Dieses Land ist ein Geschöpf des Christentums. Seine Städte, seine Sprache, seine Kunst, alles. Das vergeht nicht in ein paar Jahrzehnten religiöser Ausdünnung.

(…)

Insgesamt ein sehr interessantes Interview, wobei mir besonders die Aussagen über Armut, Reichtum und ihr Verhältnis zum christlichen Glauben zu denken gibt. Kann das Christentum überhaupt in einer Gesellschaft gedeihen, die so reich ist wie die unsere? Um so reich zu sein, wie wir heute sind, müssen die meisten Menschen das Hauptaugenmerk in ihrem Leben auf die Vermehrung ökonomischer Ressourcen legen. Verlieren sie dabei nicht das Wesentliche, nämlich das Streben nach Heiligkeit? Sind Heiligkeit und Reichtum ohne weiteres zu kombinieren? In Einzelfällen auf jeden Fall, doch gilt das auch für die ganze Gesellschaft? Über diese Fragen lohnt es sich ausführlicher nachzudenken.

Jesus und die Prohibition – „Vinum non habent“

„[H]aben wir vergessen, welches das erste Wunder Jesu war? Haben wir vergessen, daß es sich bei der Hochzeit zu Kana nur um die Aufhebung des Übels handelte: „Vinum non habent„, „sie haben keinen Wein mehr“? (…) Das Evangelium sagt: „Er offenbarte Seine Glorie und Seine Jünger glaubten an Ihn“. Die Kirche sieht in diesem Wunder vor allem die Offenbarung der Gottheit Christu. Aber es ist zugleich auch eine Offenbarung der grenzenlosen Fülle Seiner göttlichen Liebe. Das erste Wunder Jesu war weder die Heilung eines Kranken, noch das Geschenk eines hohen natürlichen Gutes, etwa das des Augenlichtes für den Blindgeborenen, nicht einmal ein unerläßliches Gut wie bei der Brotvermehrung. Die Verwandlung von Wasser in Wein war weder für das Paar,- noch für die Hochzeit als solche unerläßlich. Es diente nur der Erhöhung der Festesfreude. Dabei fehlte der Wein nicht völlig, nur seine Quantität war unzureichend. Göttlicher Überfluß! Christus, unser Erlöser, der uns ständig ermahnt, nur das „Eine Notwendige“ zu suchen, bezeugt ein solches Interesse daran, daß die Hochzeit in ungestörter Freude stattfinde und der Bräutigam nicht gedemütigt werde oder in Unruhe gerate, weil es nicht genug Wein gibt.

— Dietrich von Hildebrand – Der verwüstete Weinberg S. 138. Hervorhebungen von Catocon.

Spontane Frage: Wie konnten die Puritaner aus religiöser Motivation den Konsum von alkoholischen Getränken grundsätzlich ablehnen, wenn Jesus sogar Wunder wirkt, um mehr Wein herbeizuschaffen, der dann getrunken werden soll? Hätte Jesus für die Prohibition plädiert?

Es zeigt sich doch immer wieder, dass gerade die katholische Religion nicht nur die Fülle der übernatürlichen Glaubenswahrheiten besitzt, sondern auch alle echten Freuden und irdischen Glücksgüter – an dem ihnen angemessenen Platz – besitzt und ihr Genießen zulässt und fördert. Und mehr noch: Dass der Genuß der natürlichen Güter erst dann in besonderer Weise aufblüht und wirkliche Freude bringt, wenn er in dem vernünftigen Rahmen stattfindet, den die Kirche für ihn vorsieht.

Die wahre Kirche kann nur diejenige sein, die das Gute am natürlichen, diesseitigen Leben fördert und in den Kontext stellt, in dem es zur höchsten Entfaltung kommt, und zugleich das Schlechte am natürlichen, diesseitigen Leben erkennt, isoliert und nach Kräften bekämpft.

Gott? Welcher Gott?

Wieder einmal hat es eine Umfrage gegeben, in der sich die Mehrheit der Deutschen als gottgläubig bezeichnet, und sogar 59% erklärten, sie glaubten, Christus sei Gottes Sohn. Ferner gab knapp die Hälfte der Befragten an, sie hätten vor einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen. In diesem Fall ist es eine repräsentative Umfrage von Emnid, also eines durchaus renommierten Meinungsforschungsinstituts. Das Problem ist nur, dass man daraus keine vernünftigen Schlüsse ziehen kann. Denn dieselbe Umfrage findet auch heraus, dass nur 6 (in Worten: s e c h s) Prozent der Deutschen ein Tischgebet sprechen. Weniger als ein Drittel glaubt an das bereits im Glaubensbekenntnis verankerte jüngste Gericht. Nur fünf Prozent lesen regelmäßig in der Bibel. Wir wissen ferner, dass nur etwa 10% der Katholiken und 5% der Protestanten sonntags einen Gottesdienst besuchen. Das macht, bezogen auf die Gesamtbevolkerung eine Gottesdienstteilnahme von etwa 5%.

Insgesamt lässt sich also konstatieren, dass etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung dem christlichen Glauben anhängt, und da sind die evangelischen Gemeinschaften bereits eingerechnet. Dazu kommen, wenn manandere relevante Weltreligionen auch noch hinzurechnen möchte, mikroskopisch kleine Grüppchen praktizierender Juden und die hinlänglich durchdiskutierten Moslems, die wohl realistisch betrachtet als die derzeit größte und wichtigste religiöse Gruppe in Deutschland gelten müssen.

Vor dem Hintergrund der bekannten sonstigen Zahlen, der anderen Umfrageergebnisse aus der oben erwähnten Emnid-Umfrage, und dem allgemeinen, generell unwidersprochen hingenommenen antichristlichen gesellschaftlichen Klima, erscheint die Behauptung, fast 60% der Deutschen glaubten an die Gottessohnschaft Jesu Christi und sogar mehr als 60% glaubten an Gott, fast wie ein schlechter Scherz. Wenn 60% der Deutschen an einen Gott glaubt, dann ist es offenbar kein christlicher Gott.

Doch es scheint nur so. In Wahrheit ist es kein schlechter Scherz. Denn nicht nur die gläubigen Christen glauben an die Gottessohnschaft Jesu Christi. Auch der Satan glaubt – und zittert.

Abschlussfrage: Soll sich die Kirche dieser Welt wirklich öffnen, oder wäre es nicht angemessener, aus der Kirche eine Trutzburg gegen den heraufziehenden Sturm zu machen, die dann allen gutwilligen Menschen eine Zuflucht bieten könnte?

Ökumanische Irrwege

Erklärtermaßen sollte der Papstbesuch im Zeichen der Ökumene stehen. Zumindest dies, so kann man feststellen, ist wohl auch gelungen. Ökumene und interreligiöser Dialog machten einen signifikanten Anteil der Zeit aus – die ewigen Debatten mit den diversen Gremien der christlichen und nichtchristlichen Religionen haben den Papst beansprucht.

Allerdings hat mir noch niemand erklären können, was das eigentlich soll. Wir leben in einem Land, in dem über 40% der Menschen überhaupt nicht mehr an Gott glauben, und selbst ein großer Teil der anderen 60% keine Gottesvorstellung mehr hat, die auch nur annähernd als christlich zu erkennen wäre. Ein ähnliches Bild ergibt sich leider auch in der katholischen Kirche – 90% der katholischen Christen in Deutschen besuchen nicht mehr die Messe, sind also nicht einmal bereit, eine Stunde pro Woche explizit für die Verehrung Gottes bereitzustellen. Von den 30% Katholiken sind nur 10% Kirchgänger – also nur 3% der Bevölkerung. Das Bild in der evangelischen Glaubensgemeinschaft sieht noch schlimmer aus – dort besuchen teilweise weniger als 5% der Mitglieder die Gottesdienste am Sonntag. 3% der Bevölkerung sind katholische Messbesucher, vielleicht 1,5% evangelische Gottesdienstbesucher. Alles in allem weniger als 5%. Die anderen 95% sind in keinem erkennbaren Sinne am christlichen Glauben interessiert. Unter ihnen sind sicher einige, die für ein solches Interesse offen wären, doch darum geht es hier gar nicht.

Dazu kommt eine kleine, ebenfalls voll und ganz säkularisierte jüdische Gemeinde, und einige Millionen Moslems – vermutlich die größte Religionsgruppe, wenn man aktive Gläubige als Berechnungsgrundlage nimmt.

Wenn nun, aus welchen mir intransparenten Gründen auch immer, der Papst unbedingt einen Hauptschwerpunkt seines Besuchs auf „Gespräche“ mit anderen Religionen legen wollte, warum hat er sich dann auf so winzige und spätestens in 10 oder 20 Jahren praktisch vollkommen ausgestorbene Gruppen wie die EKD-Protestanten konzentriert? Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, sich mit der faktisch gut 90% umfassenden Mehrheit der Nichtgläubigen zu befassen?

Doch selbst darüber hinaus erscheint es mir nicht allzu sinnvoll, sich mit irgendwelchen Gremienvertretern der Evangelischen „Kirche“ Deutschlands zu treffen – solche Gremiendebatten sind sinnlos im „Dialogprozess“ der katholischen Kirche, und sie sind ebenso sinnlos bei den Seelenverwandten der Gremienkatholiken am anderen Ufer des Luthermeers. Die Vertreter der EKD glauben ebensowenig an Christus und seine Lehre wie ihre verbandskatholischen Genossen – und ich gebrauche angesichts der vertretenen politischen Ideologien dieses Wort durchaus mit Bedacht. Und weder die einen noch die anderen haben auch nur die Absicht, sich auf eine ernsthafte Diskussion mit dem Papst über die Irrtümer des Protestantismus einzulassen.

Scheinbar war es dem Papst aber auch nicht so wichtig, irgendjemanden vom Irrtum seiner Wege zu überzeugen. Die Ökumene auf Augenhöhe – das sich selbst vorgaukeln, die lutheranische Häresie sei irgendwie besonders ehrenwert oder gar ein möglicher Weg zur Erlösung – ist nicht nur dogmatisch gesehen zumindest höchst problematisch, sondern nicht einmal praktisch.

Auf evangelischer Seite wird ohnehin nicht verstanden, warum die Kirche nicht einfach einen diplomatischen Kompromiss schließt und sich dann alle in die Arme nehmen. Die evangelische Kirche hat nur ein Dogma (die Dogmenlosigkeit), nur einen absoluten moralischen Grundsatz (den Relativismus). Selbst dort wo früher evangelische und katholische Gläubige hätten kooperieren können – etwa beim Lebensschutz – stehen die Protestanten der EKD heute auf der Seite des Zeitgeists, nicht auf der Seite der Christen und vernünftigen Atheisten. Die moralische Ebene war, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, der eine Lichtblick am Horizont der Kirchenspaltung. Heute ist selbst das entfallen. Ökumenischer Dialog kann daher ohne jeden Verlust ebenso entfallen.

Dasselbe gilt auch für das was heute unter interreligiösem Dialog verstanden wird. Natürlich wird man Gremienvertretern des Judentums, allein schon aufgrund der deutschen Geschichte, einen Besuch abstatten. Man könnte ihnen „Guten Tag“ sagen und einander viel Glück wünschen. Doch warum setzt man einen besonderen Schwerpunkt auf diese Tagesordnungspunkte, so als ob doch etwas dabei heraus kommen könnte, etwas anderes als die üblichen unsachlichen, böswilligen Vorwürfe Antisemitismus, Rassismus, Mittelalterlichkeit usw. usf. gegen alle, die nicht auf Linie des Zeitgeistes sind?

Was könnte man im Sinne von Ökumene und interreligiösem Dialog machen? Nun, ein Papst hätte sicher durch ein Treffen mit einer traditionellen lutheranischen Gruppe (etwa der SELK) Akzente setzen können. Er hätte ihnen sogar ein Ordinariat anbieten können, ähnlich wie den Anglikanern vor zwei Jahren. Auch sind Gespräche mit der Orthodoxen Kirche auf möglichst hoher Ebene sinnvoll und notwendig. Was die nicht-christlichen Religionen betrifft, so könnte man sich mit orthodoxen Juden (nicht dem Zentralrat des Jüdischen Zeitgeists) wenigstens über viele Fragen der Sittenlehre verständigen, und gemeinsam für das Leben, traditionelle Familienwerte und gegen die Diktatur des Relativismus kämpfen. Da gibt es Gemeinsamkeiten, und es spricht nichts dagegen, auf der Basis dieser Gemeinsamkeiten auch zu handeln.

Wofür kann man mit ZdK, EKD, ZdJ und den anderen Buchstabensuppen-Gruppen kämpfen (außer natürlich für Mülltrennung und gegen die Piusbruderschaft)?

Der Ökumene-Fetisch der derzeitigen katholischen Kirche besonders in Deutschland, aber, wie man bei diesem Papstbesuch leider wieder feststellen musste, auch in Rom, hat keinen objektiven Sinn und bringt nichts als Schaden.

Immer wieder war in den Ansprachen, Reden und Predigten des Papstes von Umkehr die Rede. Und darum muss es wirklich gehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, wie er in Schrift und Lehre überliefert ist, wenn wir wirklich glauben, ihm wirklich nachfolgen, unser Kreuz wirklich tragen, dann werden die Menschen wieder erkennen – wie sie schon einmal erkannt haben – wo Liebe und Wahrheit sind. Und sie werden um Einlass bitten.

Die beste Ökumene ist die Heiligkeit eines jeden einzelnen Menschen. Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Ein knappes Dutzend Heilige ist ausreichend, um die ganze westliche Welt zu bekehren, das zeigt die Geschichte. Selbst ein einziger Heiliger kann viele Menschen zum Glauben führen. Doch selbst zehntausend Gremientreffen überzeugen niemanden.

Der Wahlspruch bleibt also: Katechese statt Dialog.

Und viel wichtiger noch: HEILIGKEIT STATT DIALOG!

Protestantischer als Martin Luther

Eines der ständig wiederkehrenden Themen dieses Blogs ist der Verfall der katholischen Identität in Deutschland und dem christlichen Westen allgemein. Dieser Blogartikel von Mundabor passt sehr gut dazu. Bezüglich der Frage nach der Legitimität der Handkommunion (nicht der Legalität, da gibt es keine Frage: Sie ist derzeit nach den Regeln der Kirche in Deutschland erlaubt) gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Martin Luther und den Konzilsvätern:

Taking Lessons from Luther is exactly what our heroes, the “Conciliar Fathers”, should have done once come back to their diocese after V II. Luther would have told them that communion must be:

1. kneeling, and
2. on the tongue

Es ist kaum zu bestreiten, dass ein wesentliches Ziel der Konzilsväter (oder zumindest der Mehrheit unter den einflussreicheren Kräften beim letzten Konzil) darin bestand, die Kirche von ihren Riten und Praktiken her dem Protestantismus anzunähern. Manche behaupten auch, dass durch das Konzil etwas an der Theologie der Kirche verändert worden sei, andere wiederum erklären, man müsse die Texte nur richtig interpretieren, dann werde man den korrekten Sinn im Einklang mit der Tradition schon feststellen. Letzteres ist die Linie des Heiligen Vaters – Hermeneutik der Reform statt des Bruchs – und daher hat diese Vorstellung erst einmal bis zum Beweis des Gegenteils ein größeres Gewicht. Mir persönlich erscheinen manche Differenzen zwischen der Tradition und dem II. Vatikanischen Konzil schwer zu überbrücken, aber ich bin auch nicht der größte lebende Theologe des 20. Jahrhunderts, wie unser Papst. Doch darum soll es mir hier gar nicht gehen. Was ich sagen will ist folgendes:

Wieder einmal stellen wir fest, dass die Kirche sich mit ihrem Versuch der Annäherung an den Protestantismus bloß an die verweltlichte Form des Protestantismus wie er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich geworden ist, angepasst hat. Selbst die authentischen Traditionen, die die Lutheraner dem großen Schisma zum Trotz noch bewahrt hatten, wurden einfach so über Bord geworfen.

Mundabor dazu:

This means that even people who did not believe in the Real Presence managed to deal with the host in a more respectful way than the “Conciliar fathers” did once returned to their dioceses.

Go figure.

Ich bleibe dabei: Es gibt einen unfehlbaren Weg, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken zu heilen. Man muss nur eine Zeitmaschine bauen, mit ihr in die Zeit Luthers reisen, und Martin Luther einen Tag vor seinem berüchtigten Thesenanschlag glaubhaft versichern, was seine zukünftigen Schüler aus dem christlichen Glauben gemacht haben. Luther nähme sofort jede Kritik am Papst und der Kirche zurück, suchte eilig einen Beichtstuhl auf, und begäbe sich dann auf Knien nach Rom, um Buße zu tun und um Vergebung zu flehen, den ganzen Weg über sich selbst geißelnd vor Scham.

Ähnliches könnte man wahrscheinlich auch mit Calvin und den anderen „Reformatoren“ machen. Bei ihren geistigen Schülern, den Neo-Reformatoren in der katholischen Kirche wäre dieser Versuch vermutlich sinnlos – im Gegensatz zu den echten Reformatoren glauben sie nämlich gar nicht mehr im traditionellen Sinne an den christlichen Gott, nicht mehr an Jesus Christus und den Heiligen Geist, und definitiv nicht mehr an die Kirche.

Martin Luther war ein Häretiker – er glaubte nicht die Lehre der Kirche, sondern schnitzte sich seinen Glauben selbst, indem er Teile der Überlieferung ablehnte. Jedoch gab es für seine Handlungen noch psychologische, subjektive Rechtfertigungsgründe. Es gab wirklich Missstände in der Kirche. Und was er statt der Lehre der Kirche glaubte, war zwar falsch, und sollte schlimme Folgen zeitigen, doch war für sich genommen noch als christlicher Glaube erkennbar. Und er glaubte es wirklich, nicht nur aus Eigennutz, Karrierestreben oder Gefälligkeit gegenüber der Welt. Das alles ändert nichts an der objektiven Verwerflichkeit seiner Taten, aber er hatte, wie gesagt, wenigstens noch seine christlichen Gründe, so fehlgeleitet er auch gewesen sein mag.

Doch die heutigen Verbands- und Berufskatholiken, und mit ihnen ein signifikanter Teil der Bischöfe, haben selbst diese Form des ehrlichen Glaubensirrtums im Geiste der Moderne überwunden. Sie glauben nicht an die Realpräsenz und haben auch sonst ihren Glauben auf lutheranische Weise von spezifisch katholischen Elementen „gereinigt“ – aber sie haben ihn auch von spezifisch lutheranischen Elementen gereinigt. Luther wäre nie auf die Idee gekommen, dass Homosexualität, Abtreibung, Tötung von ungeborenen Menschen (Embryonen) im Namen wissenschaftlicher Fortschung usw. etwas anderes seien als schwere moralische Übel. Und weder Luther noch Calvin hätten Clownmessen geduldet.

Verglichen mit den Verbands- und Stuhlkreiskatholiken in Deutschland erscheinen Luther und Calvin auf einmal ziemlich attraktiv. Es ginge der Kirche in Deutschland besser, wenn diejenigen, die öffentlich für die Kirche sprechen, doch wenigstens einen so festen christlichen Glauben besäßen, wie die großen häretischen Reformatoren Luther und Calvin!