Zweiter Frühling – Neues Pfingsten

Aus der persönlichen Korrespondenz eines Teufels mit einem Arbeitskollegen:

Lieber Untersekretär Mückenwurm!

Du hast mich in deinem letzten Brief gefragt, ob ich es für sinnvoll hielte, das letzte Konzil der Kirche weiter zu verteidigen, oder lieber eine Gegenreaktion ins entgegengesetze Extrem anzustreben. Du warst der Auffassung, eine solche Gegenreaktion sei ohnehin erwartbar, weil selbst die Menschen erkennen würden, wie sehr das Konzil samt Folgen die Kirche geschwächt hat, und unsere beste Chance sei daher, diese Reaktion zu pervertieren, indem wir ihren Eifer ins Eiferertum überführen, ihre Traditionalisten zu Reaktionären machen. Ich muss sagen, dass dies in Zukunft nötig werden könnte. Doch bisher haben die Menschen noch immer nicht erkannt, wie erfolgreich wir wirklich waren. Die meisten, man glaubt es kaum, erkennen nicht einmal unsere Existenz!

Ich will dir daher kurz sagen, warum ich es für wichtig halte, die Früchte des Konzils so lange wie möglich auszukosten. Einen Strategiewechsel können wir später immer noch bedenken.

Die Geschichte der Kirche seit dem letzten Konzil ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Noch nie ist es unseren Mächten gelungen, ein Konzil der Kirche so vollständig zu unseren Zwecken zu pervertieren. Ich persönlich kann mir einen wichtigen Teil dieses Erfolges in der Hierarchie der Hölle anrechnen lassen, war ich doch für die Delegation von Teufeln zuständig, die die Konzilsbischöfe bearbeiten musste. Meine Beförderung kann also, wenn ich die Früchte des Konzils heute anschaue, nicht mehr weit weg sein.

Noch nie ist es uns gelungen, mehr als 90% der Gläubigen in den Stammländern der Kirche vom Pfad des Glaubens wegzuführen, ohne dass diese es überhaupt merken. Und der Geist des Konzils – direkt aus der Manufaktur „Inferno“ meines geschätzten Handwerkerkollegen von Nebenan – ist wohl die nützlichste Idee seit dem (leider fürchterlich gescheiterten) Kreuzigungsplan.

Ich habe nicht die Zeit, hier alle Früchte des Konzils aufzulisten, doch die meisten dieser Früchte sind inzwischen überreif und fallen bald in unsere wartenden, gierigen Hände. Ich möchte mich nur auf das eine Land konzentrieren, indem ich persönlich gewirkt habe, und in dem ich aufgrund meiner unvergleichlichen Verführungsfähigkeiten besonders erfolgreich war. Die Früchte innerhalb dieses Landes, das die Erdlinge „Deutschland“ nennen, sind so reich, dass es mir unmöglich wäre, auch nur an der Oberfläche zu kratzen, wollte ich sie alle hier aufzählen.

Daher nur einige wenige Beispiele aus der jüngsten Zeit.

Der Papst, der schon viele unserer Pläne erfolgreich verhindert hat, traf dort auf eine völlig verhärtete Öffentlichkeit, die er niemals hätte überzeugen können, und diese Art der Rezeption war sogar innerhalb der katholischen Kirche erfreulich häufig. Zwietracht innerhalb der von Gott eingesetzten Hierarchien ist immer gut für uns, es sei denn es handelt sich um wirkliche dogmatische Streitigkeiten – diese sind extrem gefährlich für uns, weil es da um Wahrheitsfindung geht. Meist streben wir ja nach Pöstchengerangel und Karrierismus, da dies die optimale Mischung von Zwietracht, Misstrauen und Egozentrismus bietet, doch wenn es uns gelingt, eine ideologische Barriere innerhalb der Kirche aufzubauen, dann ist das noch besser. Überraschenderweise (selbst ich hätte das nicht zu hoffen gewagt), ist uns in der Kirche von Deutschland beides gelungen: Wir haben überzeugte Karrieristen, die sich nicht als Karrieristen, sondern als Träger einer reformerischen oder revolutionären Ideologie sehen, und zudem behaupten, sie seien gegen dogmatische oder ideologische Streitigkeiten. Ein Maß an Selbsttäuschung, das ich selbst von den bekannt dummen Menschentieren nicht erwartet hätte.

Der Besuch des Papstes war eine riesige Bedrohung für unsere Stellungen. Wir haben bereits in England gesehen, welchen Einfluss ein Papst auf die öffentliche Meinung in einem skeptischen Land haben kann, welchen Eindruck dieser alte Mann in weiß machen kann, wenn man ihn lässt. Die offensichtliche Strategie wäre gewesen, die Reise entweder ganz zu verhindern (es lassen sich immer passende Viren in unserem Arsenal finden), oder unter einem Haufen offen anti-katholischer Hetze untergehen zu lassen. Letztere Strategie, samt öffentlicher Petition für die Verhaftung des Papstes wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ist in England leider gescheitert. In meinem unendlichen Genius habe ich daher die Strategie „Teilen statt Heilen“ verwendet. Ich beschreibe sie hier nur kurz (eine ausführliche Explikation kann man wie üblich in unserem Lehrbuch für Junge Teufel, Kapitel 3047, Sektion 119, nachlesen). Wir haben innerkirchliche Verbündete (gar nicht mehr so rar gesät, heutzutage) eingesetzt, die vorher und nachher gezielt Provokationen an die Öffentlichkeit gebracht haben, um zu verhindern, dass der Papst seine Agenda anbringen kann, und dafür zu sorgen, dass sein Besuch ganz im Zeichen der üblichen, von uns herausgegebenen Diskussionsleitfäden steht, die heute in den Köpfen vieler kirchlicher Mitarbeiter zirkulieren. Wir haben dafür gesorgt, dass unsere vielen Verbündeten in den Medien ebenfalls fast nur diese Themen ansprechen, und dass sie alle Worte des Papstes, die nicht in dieses Muster passen, einfach ignorieren, oder schlicht uminterpretieren.

Schließlich haben wir versucht, die Reden und Ansprachen des Papstes zu pervertieren. Das ist uns aber nicht gelungen – er hat sich unseren Nachstellungen widersetzt. Sein Schutzengel war immer um ihn herum, wir kamen einfach nicht durch. Und eine starke Frauenhand drängte uns immer zur Seite – ich habe das schreckliche Gefühl, es könnte diese Maria gewesen sein, die uns seit vielen Jahrhunderten große Sorgen bereitet. Nur an einem kleinen Detail haben wir drehen können und eine Formulierung in seine Rede im Bundestag eingebaut, die für den oberflächlichen Betrachter nach einem Lob der Grünen Partei klingt – unserem treusten Verbündeten seit mindestens 25 Jahren im deutschen Parlament. So haben wir den Eindruck der sonst extrem gefährlichen Papstrede im Bundestag komplett verändert. Alle sprachen vom „Lob an die Grünen“ oder „an die Umweltbewegung“ und kaum noch jemand hörte, was er wirklich gesagt hat.

Der Papstbesuch war also eine riesige Bedrohung für uns, die wir haben abwenden können. Ich erwähne dies als Beispiel für meine These, dass es sinnvoll ist, die Früchte des Konzils weiter zu kultivieren, statt jetzt schon den von dir angeregten Strategiewechsel zu vollziehen. Die Früchte des Konzils sind so fest verankert, dass wir ohne große Mühe mit etwas Geschick fast alle Menschen im Westen von Gott, der Kirche und dem Papst abschirmen konnten.

Wir haben es durch die geschickte Manipulation der liturgischen Praxis geschafft, die Besucher der katholischen Messe trotz wirklicher Gegenwart ihres Erlösers und Gottes praktisch vollständig von den Gnaden abzuschirmen, die sie sonst dort empfangen können, und den Glauben an die Realpräsenz praktisch zum Erlöschen gebracht.

Wir haben es durch die geschickte Manipulation von Glaubensvermittlung und kirchlichen Medien und Schulen geschafft, dass heute kaum noch etwas über den christlichen Glauben bekannt ist, selbst unter sich selbst als „religiös“ sehenden Menschen. Und dass sie ihren Glauben nicht mehr vermitteln, weil er ja nur einer unter vielen ist.

Wir haben die kirchlichen Apparatschiks so vollständig im Griff, dass wir selbst eine ernste Bedrohung wie den Papstbesuch vollständig haben sublimieren können. Schon eine Woche nach der Abreise des Papstes war wieder „business as usual“, alles vergessen, was er gesagt hatte.

Die Liste der Erfolge ist schier endlos, und die Erfolge sind sehr robust. Viele von ihnen werden selbst das Abtreten der Generation, die uns diese Erfolge ermöglicht hat, überleben. Man bekommt die Zahnpasta eben leichter aus der Tube als wieder hinein, wie manche dieser Erdlinge zu sagen pflegen. Noch auf viele Jahrzehnte hinaus können wir uns sicher sein: Im Sektor Europa, besonders in Untersektion 13 (Deutschland), haben wir die Lage für den Fürsten der Unterwelt fest im Griff.

Es besteht sogar die Chance, wenn wir einige kleinere Wolken, die sich derzeit in der jüngeren Generation zu bilden scheinen, auch noch zerstreut bekommen, dass wir die Kirche in dieser Untersektion praktisch direkt an unsere Administration angliedern können – wie es uns schon mit weiten Teilen der Lutheraner gelungen ist. Dann werden wir wahrhaft gesiegt haben.

Das einzige Problem, das ich bei dieser Strategie sehe, ist, dass schon heute der Heilige Geist und die Mutter Gottes an einigen Ecken und Enden zu sägen begonnen haben. Doch die Minderheit, die diese Sägearbeiten ermöglicht und unterstützt, haben wir momentan unter Kontrolle.

Und das alles, nachdem derselbe Geist es uns verunmöglicht hatte, direkte Häresien in die Konzilstexte zu schreiben.

Ein Erfolg unserer Taktik auf ganzer Linie – und weil sie so erfolgreich war, sollten wir die Taktik beibehalten.

Gezeichnet:

Dein Generalsekretär Brutzel

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Resümee zum Papstbesuch

Ich möchte zunächst einmal auf diese Zusammenfassung und Wertung des Papstbesuchs vom wie üblich lesenswerten Armin Schwibach auf Kath.net verweisen. Viele wesentliche Punkte, die ich eigentlich in diesem Resümee auch hätte ansprechen wollen, sind dort schon erwähnt, so dass ich mich auf einige kurze persönliche Anmerkungen und Beobachtungen beschränken werde.

Der Opti-Mist:

1. Ich war nicht selbst dabei – aber ich konnte alles verfolgen was ich wollte, und war immer gut informiert. Dies liegt allerdings nicht an der Berichterstattung der Mainstreammedien, die ich, soweit möglich, vollständig ignoriert habe, sondern vielmehr an der vorbildlichen Berichterstattung im Internet verfügbarer katholischer Medien. Besonders kath.net war, wie meistens, eine unverzichtbare Informationsquelle über alle möglichen Details des Besuchs, die sonst selbst persönlich Anwesenden hätten entgehen können. Ein großes Lob also an die für diese Berichterstattung Verantwortlichen.

2. Die Reden, Predigten und Ansprachen des Papstes waren definitiv Höhepunkte der Reise (abgesehen von den Worten beim Treffen mit der EKD, die deutlicher hätten herausstellen müssen, dass es keine Gremien-Ökumene mit einer Gruppierung geben kann, die darauf besteht, sich in allen wesentlichen Punkten mit Volldampf vom Christentum abzusetzen, um der Welt zu gefallen). Besonders die Ansprache im Bundestag muss als Jahrhundertrede gelten, da sie die Grundlagen gerechter Rechtsfindung hervorgehoben hat, und zwar in einer Weise, die sehr wenige Deutsche bislang jemals gehört haben.

3. Die Papstmessen haben gezeigt, dass der Deutsche durchaus in der Lage ist, mit lateinischen Antworten in der Messe umzugehen. Allerdings werde ich die Papstmessen weiter unten noch genauer behandeln müssen.

Der Pessi-Mist:

4. Leider waren die Papstmessen nicht wirklich Höhepunkte der Reise, obwohl das eigentlich Wichtigste, nämlich Christus, dort wirklich präsent war. Dies lag an einer Vielzahl von Faktoren: Die belanglosen Liedchen mit musikalischen Arrangements irgendwo im fruchtlosen Niemandsland zwischen Jazz, Disco und Woodstock, für den Anhänger dieser Art Musik womöglich ganz gefällig, aber definitiv ungeeignet für eine Messe trugen einen gewichtigen Teil dazu bei.

5. Der Kommunionempfang bei der Heiligen Messe in Berlin (bei den anderen Messen habe ich nicht so sehr darauf geachtet, aber ich fürchte, es wird nicht anders gewesen sein) hat wieder einmal gezeigt, dass Massenmessen generell nicht besonders zielführend sind, und ich möchte gar nicht wissen zu wie vielen Sakrilegien es dabei gekommen ist. Die Mehrzahl der Anwesenden ebenso wie die Mehrzahl der „Kommunionspender“ schienen nicht den geringsten Sinn für den ehrfürchtigen Umgang mit dem Leib des Herrn zu haben. Im Gegensatz dazu stand die Mundkommunion des Papstes.

6. Bereits im Vorfeld des Besuchs absehbar war die mit 2000 Jahren kirchlicher Tradition einfach nicht zu vereinbarende Dominanz von Frauen am Altar. Es ist bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen Dienst am Altar und Priesterberufungen gibt – je mehr man weiblichen Personen Zugang zu solchen Diensten ermöglicht, umso weniger Priesterberufungen wird es geben. Außerdem wird in den Köpfen vieler Katholiken die Präsenz von Frauen am Altar die Vorstellung weiblicher Priester immer „normaler“ werden lassen.

7. Die Machenschaften der Kirchenbürokratie in Deutschland bereits Monate vor der Messe, bis direkt zu dem kleinen Skandal um die Verweigerung von zugesagten Eintrittskarten für Deutschland pro Papa, deutet bereits die Absicht weiter Teile der zuständigen Bürokraten an, den Besuch möglichst verpuffen zu lassen. Die Einpeitschung der anwesenden Jugendlichen mit tendenziösen Fragen zu den üblichen Plapperthemen der Verbandskatholiken in Freiburg ließ zusätzlich noch erkennen, dass die Zuständigen selbst während des Papstbesuchs nicht ruhten, um den Heiligen Vater zu brüskieren.

Zusammenfassung:

Der Heilige Vater hat nun Deutschland wieder verlassen, und er hat den Deutschen alles gesagt, was er ihnen sagen musste. Er hat ihnen einen Ausblick über die üblichen Fragen im verbandskatholischen Plapperprozess geboten, er hat sie auf die Notwendigkeit der persönlichen Umkehr hingewiesen, ihnen erklärt, dass Rechtssetzung immer im Einklang mit dem natürlichen moralischen Gesetz stehen muss, und vieles mehr.

Doch leider ist dies alles nicht genug gewesen. Nichts was der Papst hätte tun können, hätte je genug sein können. Denn die überwältigende Mehrheit der Deutschen erfährt von dem Besuch nur aus den politisch korrekten Mainstream-Medien – das gilt auch für die meisten Katholiken – und vielleicht noch aus ebenso politisch korrekten Kirchen- oder Bistumszeitungen. Alles, was sie vom Papst hören, ist sorgfältig chemisch gereinigt, auf belanglose Floskeln reduziert, oder zumindest in einen Schwall von Protesten und politisch korrekten Wertungen eingebettet, dass es seine explosive Wirkung verliert.

Die Mehrzahl der deutschen Bischöfe, Gremienkatholiken und sonstigen Verantwortlichen ist ohnehin so verhärtet in ihren Ansichten, dass persönliche Bekehrungen unmöglich erscheinen. Dazu braucht es wenigstens ein offenes Herz. Gänzlich unmöglich ist mit Gottes Hilfe natürlich nichts, aber dass die Opladens und Zollitschs dieses Landes auf einmal papsttreu werden, ist doch ziemlich unwahrscheinlich.

Die Auswirkungen des Papstbesuches werden also auf eine kleine Zahl schon vorher überzeugter Zuschauer beschränkt bleiben, die von den Aussagen des Papstes in ihrem Glauben bestärkt werden. Der Heilige Vater ist ein großer Philosoph, manche nennen ihn gar einen Propheten. Doch jeder Philosoph und jeder Prophet kann nur Erfolg haben, wenn man ihm mit offenem Herz zuhört.

Das ist jedenfalls nicht geschehen. Jetzt wo der Papst wieder sicher im Ausland ist (ich habe erstmal durchgeatmet, dass er wenigstens aus diesem Land heil entkommen ist – keine Selbstverständlichkeit, betrachtet man das Kesseltreiben der Medien und modernen linken Politiker gegen ihn), können die üblichen Verdächtigen ihre üblichen Spiele in sicheren Pfründen weitertreiben, bis ihnen das Dach der schrumpfenden Kirche endgültig auf den Kopf fällt, oder der Vatikan endlich auf der Abschaffung der Zwangskirchensteuer besteht, die diese Pfründe bewässert.

Der Papst hat sein Möglichstes getan, und Gott wird daraus reiche Früchte sprießen lassen. Doch wie viele dieser Früchte werden seine Rückkehr nach Rom überdauern? Und wie viele werden von den Gremien durch irgendeinen neuen Vorstoß direkt wieder zertreten, bevor sie dem Status Quo gefährlich werden können?

Nachdem englischsprachige Katholiken im Internet und der Papst mich bekehrt hatten, brauchte ich 18 Monate, bis ich meine Abscheu gegen die „Kirchenhierarchie“ in Deutschland endlich überwinden konnte. Inhaltlich war ich schon im Frühjahr 2009 überzeugt – bei der Kirche gemeldet habe ich mich im Herbst 2010. Der Grund dafür war, dass ich bei der Kirche in Deutschland kaum Spuren des katholischen Glaubens entdecken konnte, den ich gerade erst lieben gelernt hatte.

Wie viele andere Menschen wird es geben, die ähnlich denken, sich aber nie den letzten Ruck geben? Wie viele Bekehrungen, wie viele Konversionen sind vom Verbands- und Bürokratiemorast schon erstickt worden? Wir werden es nie wissen. Aber Gott weiß es.

Und wenn die Verantwortlichen dafür irgendwann vor IHM stehen – dann Gnade ihnen Gott.

Denn es geht hier nicht um diesen oder jenen Musikgeschmack, nicht um modern oder traditionell, sondern um unsterbliche Seelen.

Traditionalistische Kritiker des Papstbesuchs

Hier einige kurze Verweise auf die sehr kritische Papstberichterstattung der Traditionalisten von Rorate Caeli. Wie nicht anders zu erwarten, sehen sie in der Liturgie sowie auch manchen Punkten der päpstlichen Ansprachen zu viele Konzessionen an den Modernismus. Nicht in allen Punkten lassen sich ihre Kritiken, meines Erachtens, so ohne Weiteres als Unsinn abtun. Hier nun einige Links:

Reform of the Reform apparently put on hold

Open Thread: Papst in Deutschland (die Diskussionen in der Kommentarspalte sind nicht uninteressant)

Mein Freund ist mein…

Und noch ein extrem kritischer Artikel von David Werling auf Ars Orandi:

Why does the Pope sound like a liberal?

Ich möchte betonen, dass ich keinem der Artikel in allen Punkten zustimme, auch wenn ich in manchen Punkten die Richtung der Kritik teile. Es geht mir um ein kritisches Bild des Papstbesuchs, das nicht mit den üblichen Medienklischees angefüllt ist (ach, wie unmodern der Papst doch ist…), sondern gerade dessen Anpassung an modernistische oder liberale Strömungen bemängelt.

Nachtrag: In der Kommentarspalte bin ich auf diese Analyse (vom 26.9.2011) auf Summorum-Pontificum.de hingewiesen worden, die ein schönes (und detaillierteres) Kontrastprogramm zu den obigen allzu negativen Einschätzungen liefert.

Ökumanische Irrwege

Erklärtermaßen sollte der Papstbesuch im Zeichen der Ökumene stehen. Zumindest dies, so kann man feststellen, ist wohl auch gelungen. Ökumene und interreligiöser Dialog machten einen signifikanten Anteil der Zeit aus – die ewigen Debatten mit den diversen Gremien der christlichen und nichtchristlichen Religionen haben den Papst beansprucht.

Allerdings hat mir noch niemand erklären können, was das eigentlich soll. Wir leben in einem Land, in dem über 40% der Menschen überhaupt nicht mehr an Gott glauben, und selbst ein großer Teil der anderen 60% keine Gottesvorstellung mehr hat, die auch nur annähernd als christlich zu erkennen wäre. Ein ähnliches Bild ergibt sich leider auch in der katholischen Kirche – 90% der katholischen Christen in Deutschen besuchen nicht mehr die Messe, sind also nicht einmal bereit, eine Stunde pro Woche explizit für die Verehrung Gottes bereitzustellen. Von den 30% Katholiken sind nur 10% Kirchgänger – also nur 3% der Bevölkerung. Das Bild in der evangelischen Glaubensgemeinschaft sieht noch schlimmer aus – dort besuchen teilweise weniger als 5% der Mitglieder die Gottesdienste am Sonntag. 3% der Bevölkerung sind katholische Messbesucher, vielleicht 1,5% evangelische Gottesdienstbesucher. Alles in allem weniger als 5%. Die anderen 95% sind in keinem erkennbaren Sinne am christlichen Glauben interessiert. Unter ihnen sind sicher einige, die für ein solches Interesse offen wären, doch darum geht es hier gar nicht.

Dazu kommt eine kleine, ebenfalls voll und ganz säkularisierte jüdische Gemeinde, und einige Millionen Moslems – vermutlich die größte Religionsgruppe, wenn man aktive Gläubige als Berechnungsgrundlage nimmt.

Wenn nun, aus welchen mir intransparenten Gründen auch immer, der Papst unbedingt einen Hauptschwerpunkt seines Besuchs auf „Gespräche“ mit anderen Religionen legen wollte, warum hat er sich dann auf so winzige und spätestens in 10 oder 20 Jahren praktisch vollkommen ausgestorbene Gruppen wie die EKD-Protestanten konzentriert? Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, sich mit der faktisch gut 90% umfassenden Mehrheit der Nichtgläubigen zu befassen?

Doch selbst darüber hinaus erscheint es mir nicht allzu sinnvoll, sich mit irgendwelchen Gremienvertretern der Evangelischen „Kirche“ Deutschlands zu treffen – solche Gremiendebatten sind sinnlos im „Dialogprozess“ der katholischen Kirche, und sie sind ebenso sinnlos bei den Seelenverwandten der Gremienkatholiken am anderen Ufer des Luthermeers. Die Vertreter der EKD glauben ebensowenig an Christus und seine Lehre wie ihre verbandskatholischen Genossen – und ich gebrauche angesichts der vertretenen politischen Ideologien dieses Wort durchaus mit Bedacht. Und weder die einen noch die anderen haben auch nur die Absicht, sich auf eine ernsthafte Diskussion mit dem Papst über die Irrtümer des Protestantismus einzulassen.

Scheinbar war es dem Papst aber auch nicht so wichtig, irgendjemanden vom Irrtum seiner Wege zu überzeugen. Die Ökumene auf Augenhöhe – das sich selbst vorgaukeln, die lutheranische Häresie sei irgendwie besonders ehrenwert oder gar ein möglicher Weg zur Erlösung – ist nicht nur dogmatisch gesehen zumindest höchst problematisch, sondern nicht einmal praktisch.

Auf evangelischer Seite wird ohnehin nicht verstanden, warum die Kirche nicht einfach einen diplomatischen Kompromiss schließt und sich dann alle in die Arme nehmen. Die evangelische Kirche hat nur ein Dogma (die Dogmenlosigkeit), nur einen absoluten moralischen Grundsatz (den Relativismus). Selbst dort wo früher evangelische und katholische Gläubige hätten kooperieren können – etwa beim Lebensschutz – stehen die Protestanten der EKD heute auf der Seite des Zeitgeists, nicht auf der Seite der Christen und vernünftigen Atheisten. Die moralische Ebene war, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, der eine Lichtblick am Horizont der Kirchenspaltung. Heute ist selbst das entfallen. Ökumenischer Dialog kann daher ohne jeden Verlust ebenso entfallen.

Dasselbe gilt auch für das was heute unter interreligiösem Dialog verstanden wird. Natürlich wird man Gremienvertretern des Judentums, allein schon aufgrund der deutschen Geschichte, einen Besuch abstatten. Man könnte ihnen „Guten Tag“ sagen und einander viel Glück wünschen. Doch warum setzt man einen besonderen Schwerpunkt auf diese Tagesordnungspunkte, so als ob doch etwas dabei heraus kommen könnte, etwas anderes als die üblichen unsachlichen, böswilligen Vorwürfe Antisemitismus, Rassismus, Mittelalterlichkeit usw. usf. gegen alle, die nicht auf Linie des Zeitgeistes sind?

Was könnte man im Sinne von Ökumene und interreligiösem Dialog machen? Nun, ein Papst hätte sicher durch ein Treffen mit einer traditionellen lutheranischen Gruppe (etwa der SELK) Akzente setzen können. Er hätte ihnen sogar ein Ordinariat anbieten können, ähnlich wie den Anglikanern vor zwei Jahren. Auch sind Gespräche mit der Orthodoxen Kirche auf möglichst hoher Ebene sinnvoll und notwendig. Was die nicht-christlichen Religionen betrifft, so könnte man sich mit orthodoxen Juden (nicht dem Zentralrat des Jüdischen Zeitgeists) wenigstens über viele Fragen der Sittenlehre verständigen, und gemeinsam für das Leben, traditionelle Familienwerte und gegen die Diktatur des Relativismus kämpfen. Da gibt es Gemeinsamkeiten, und es spricht nichts dagegen, auf der Basis dieser Gemeinsamkeiten auch zu handeln.

Wofür kann man mit ZdK, EKD, ZdJ und den anderen Buchstabensuppen-Gruppen kämpfen (außer natürlich für Mülltrennung und gegen die Piusbruderschaft)?

Der Ökumene-Fetisch der derzeitigen katholischen Kirche besonders in Deutschland, aber, wie man bei diesem Papstbesuch leider wieder feststellen musste, auch in Rom, hat keinen objektiven Sinn und bringt nichts als Schaden.

Immer wieder war in den Ansprachen, Reden und Predigten des Papstes von Umkehr die Rede. Und darum muss es wirklich gehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, wie er in Schrift und Lehre überliefert ist, wenn wir wirklich glauben, ihm wirklich nachfolgen, unser Kreuz wirklich tragen, dann werden die Menschen wieder erkennen – wie sie schon einmal erkannt haben – wo Liebe und Wahrheit sind. Und sie werden um Einlass bitten.

Die beste Ökumene ist die Heiligkeit eines jeden einzelnen Menschen. Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Ein knappes Dutzend Heilige ist ausreichend, um die ganze westliche Welt zu bekehren, das zeigt die Geschichte. Selbst ein einziger Heiliger kann viele Menschen zum Glauben führen. Doch selbst zehntausend Gremientreffen überzeugen niemanden.

Der Wahlspruch bleibt also: Katechese statt Dialog.

Und viel wichtiger noch: HEILIGKEIT STATT DIALOG!