Trittsteine des Glaubens (Teil 3)

Dies ist der dritte Teil der kürzlich angekündigten Serie. Ich werde vorläufig zehn Bücher kurz vorstellen (und dadurch natürlich auch empfehlen), die mir bei meinem Weg vom Atheismus bis zum katholischen Glauben der Päpste und des Lehramts geholfen haben. Die Reihenfolge ist teilweise chronologisch nach dem Zeitpunkt, an dem ich auf die Bücher gestoßen bin, doch im Grunde eher willkürlich. Natürlich sind Einschätzungen und Auswahl subjektiv gefärbt.

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7. C.S. Lewis – The Great Divorce

Ein weiteres Buch von C.S. Lewis, wiederum im Dunstkreis von Himmel und Hölle. Es handelt von einem „Reisenden“, der aus einer schrecklichen, tristen Stadt auf einen Tagesausflug in eine idyllisch wirkende, lichte, doch bei näherer Betrachtung scheinbar unbewohnbare Landschaft geht. Es stellt sich heraus, dass jeder Reisende eingeladen ist, doch einfach zu bleiben, doch fast alle entscheiden sich dagegen. In einer Reihe von Gesprächen erfährt der Protagonist immer mehr über diese Landschaft, findet heraus, dass er sozusagen in der Scheidewand zwischen Himmel und Hölle steht, dass die Menschen in der tristen Stadt die Verdammten sind, die sich trotz ständiger Einladung weigern, die Reise in den Himmel zu unternehmen und dort zu bleiben. Das ganze Werk ist ein großes Gleichnis für das menschliche Leben auf Erden, das immer entweder auf dem Weg in den Himmel zur ewigen Schau des Angesichts Gottes, oder auf dem Weg in die Verdammnis sind. Es ist ein ungemein erhellendes Werk für einen ehrlichen Suchenden, der sich mit den Problemen befasst, die das christliche Weltbild aufwirft.

8. G.K. Chesterton – Orthodoxy

Wenn Mere Christianity das erste Buch war, das mich vermuten ließ, das Christentum können wirklich wahr sein, so war Orthodoxy, etwa zwei Jahre später erstmals von mir entdeckt, das erste Buch, das mich vom christlichen Glauben überzeugt hat. Chestertons unnachahmlicher Stil (Übersetzungen kenne ich keine, halte sie auch kaum für möglich, da dabei dieser Stil verloren geht) vermittelt nicht nur anschaulich die Wahrheit des christlichen Glaubens in groben Zügen, sondern weckt auch einen Enthusiasmus für ihn. Orthodoxy ist eines von den Büchern, die man immer wieder liest, weil sie einfach immer wieder faszinierend sind. Ein weiteres Meisterwek des 20. Jahrhunderts.

9. G.K. Chesterton – The Everlasting Man

Ein weiteres Buch von Chesterton, in dem er auf seine besondere Weise zwei Brüchen in der Geschichte der Welt nachgeht: Dem Sprung vom Tier zum Menschen und den Sprung vom Menschen zu Christus. Es geht Chesterton darum, dass der Mensch, wie auch immer es mit der Evolution seiner biologischen Anteile, d.h. seines Körpers, stehen mag, sich fundamental vom Tier unterscheidet, und zwar in einer Weise, die weder langsam durch evolutionäre Veränderungen noch irgendwie anders rein natürlich zu erklären ist. Und im zweiten Teil will er zeigen, dass der Mensch namens Jesus ebenfalls nicht als Mensch, nicht einmal als besonders guter Mensch, zu verstehen ist. Seine These: Wenn wir annehmen, dass der Mensch bloß ein weiteres Tier ist, gelangen wir zu völlig verrückten Schlussfolgerungen, die weniger wahrscheinlich sind, als wenn wir eine übernatürliche Erklärung annehmen. Und ebenso verfährt er mit Jesus: Nehmen wir ihn bloß als Menschen, verstricken wir uns in absolut unglaubliche Vorstellungen, die, wenn wir sie durchdenken, darin resultieren, dass die Hypothese „Jesus ist bloß Mensch“ nicht ausreichend ist. Im letzten Kapitel deutet er ein ähnliches Verfahren noch für die Institution Kirche an, die eigentlich, nach menschlichem Ermessen, schon längst hätte untergehen müssen, aber irgendwie immer wieder auflebt, wenn man sie schon für tot erklären möchte. The Everlasting Man ist Chestertons zweites großes „theologisches“ Meisterwerk und kann gar nicht genug empfohlen werden.

10. Mark Shea – By What Authority?

Mark Shea, ein katholischer Blogger und Konvertit aus den Vereinigten Staaten, hat neben unzähligen witzigen, allgemeinverständlichen und doch sehr informativen apologetischen Artikeln zum christlichen und katholischen Glauben und viele andere Themen, auch ein Buch über die Frage nach der Autorität der Kirche geschrieben. Wenn ich einem ernsthaften, gläubigen Protestanten ein einziges Buch empfehlen sollte, dann wäre es dieses. Shea, selbst ein ehemaliger (evangelikaler) Protestant, war immer fest von „sola scriptura“ überzeugt und hielt den Papst und das katholische Lehramt für überflüssige, nachträgliche Hinzufügungen zum reinen christlichen Glauben. Als er jedoch den ernsthaften Versuch unternahm, seinen Glauben gegen die Anwürfe von Nichtgläubigen, entmythologisierenden Theologen und radikalen historisch-kritischen Bibelfledderern zu verteidigen, geriet er ins Zweifeln. Denn seine Argumente basierten alle auf der Bibel, doch woher stammt die Bibel? Über die Frage nach dem Kanon des Neuen Testaments gelangt er zu der Einsicht, dass er sie einzig der bindenden Festlegung der Kirche verdankt, dass also die Bibel auf dem unfehlbaren Lehramt der Kirche beruht, und also ohne dieses Lehramt kein sicheres Fundament des christlichen Glaubens zu bieten vermag. Doch wenn man das Lehramt der Kirche annimmt, muss man auch das annehmen, was es lehrt. Und also, nach langem Zögern und Zaudern, gelangt Shea zur katholischen Kirche.

Als ich dieses Buch erstmals las, war ich fest vom Christentum überzeugt, doch welcher Kirche sollte ich beitreten? Ich war als Kind evangelisch getauft worden, und daher lag der Protestantismus nahe. Dieses Buch präsentiert schlüssige Argumente, warum der Protestantismus nicht wahr sein kann.

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Hiermit endet meine kurze Vorstellung von zehn Büchern, die mir auf dem Weg zum katholischen Glauben geholfen haben. Natürlich könnte ich noch mindestens zehn bis zwanzig weitere (wahrscheinlich noch mehr) erwähnen, und selbstverständlich sind Bibel, Katechismus und lehramtliche Dokumente sehr wichtig für mich geworden, nachdem ich einmal den christlichen Glauben akzeptiert hatte. Ich hoffe, dass diese Empfehlungen hilfreich sind. Wenn ich Zeit habe, wird noch ein Teil über Internetseiten folgen.

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Trittsteine des Glaubens (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil der kürzlich angekündigten Serie. Ich werde vorläufig zehn Bücher kurz vorstellen (und dadurch natürlich auch empfehlen), die mir bei meinem Weg vom Atheismus bis zum katholischen Glauben der Päpste und des Lehramts geholfen haben. Die Reihenfolge ist teilweise chronologisch nach dem Zeitpunkt, an dem ich auf die Bücher gestoßen bin, doch im Grunde eher willkürlich. Natürlich sind Einschätzungen und Auswahl subjektiv gefärbt.

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3. C.S. Lewis – The Abolition of Man (dt. Die Abschaffung des Menschen)

C.S. Lewis wird den meisten Lesern ein Begriff sein. Die drei Vorlesungen, die in diesem Buch gesammelt sind, stellen zusammen ein absolutes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts dar. Lewis geht von einem ganz unschuldigen Beispiel in einem britischen Schulbuch seiner Zeit aus, und analysiert von daher das Grundübel der heutigen Philosophie heraus. Es geht generell um die Ablehnung objektiver, bindender, absoluter moralischer Wahrheiten (Lewis nennt sie das „Tao“). Er zeigt in einem Anhang auf, dass sich die moralischen Vorstellungen der menschlichen Hochkulturen aller Teile der Welt kaum voneinander unterscheiden, und ihnen ein wirkliches gemeinsames Gesetz zugrunde liegt. Dass das „Tao“ in der Praxis nicht befolgt wird, ist eine Binsenweisheit. Doch dass es auch theoretisch geleugnet wird, nicht nur von einigen wirren Philosophen, sondern auf breiter Front, ist eine Innovation der Moderne. Wohin es führt, wenn man das „Tao“, oder auch nur ein Teil desselben, einfach ignoriert oder nach seinem eigenen Willen zu verändern versucht, zeigt Lewis ebenfalls. Alles in allem wiederum kein explizit christliches Buch, aber eine sehr hilfreiche Vorbereitung auf das Christentum. Als ich es erstmals las, war ich bereits zu dem Schluss gelangt, dass das Christentum wahrscheinlich der Wahrheit entsprach, und dieses Buch bestärkte mich darin.

4. C.S. Lewis – Mere Christianity (dt. Pardon, ich bin Christ)

Endlich einmal ein Buch, das nicht nur von einem Christen geschrieben ist, sondern das auch noch vom Christentum handelt. (Der Titel der deutschen Übersetzung ist vollkommen missraten, und die Qualität der Übersetzung, die ich inzwischen teilweise gelesen habe, lässt auch eher zu wünschen übrig. Es empfiehlt sich die Lektüre des Originals.) Für mich ist dies in etwa das wichtigste Buch, das ich je gelesen habe. Als ich etwa im Jahr 2007 durch verschiedene Überlegungen und Erfahrungen mit dem atheistischen Denken, gleich ob von „links“ oder von „rechts“, mit allen möglichen Ideologien unzufrieden war, und sehr viele moralische Ideen des Christentums als nützlich und plausibel ansah, stieß ich durch Zufall auf einer englischen Internetseite, auf der eine protestantische Version des Christentums vertreten wurde, auf einen Link zum Text dieses Buchs. Ich begann zu lesen und als es am nächsten Morgen hell wurde, hatte ich das Buch durch. Lewis stellt den christlichen Glauben nicht vollständig dar, und er vermag auch nicht alle Fragen zu beantworten, aber was er darstellt, eine Art sachlich und rational begründetes Grundgerüst christlicher Glaubensinhalte, ist sehr überzeugend. Nach der Lektüre dieses Buchs stelle ich mir zum ersten Mal in meinem Leben die Frage, ob diese Geschichte wirklich wahr sein könnte. Nicht nur schön oder nützlich, sondern den Tatsachen entsprechend.

Es beantwortete diese Frage nicht, aber es machte mich zu einem echten Suchenden, zu jemandem, der wirklich wissen wollte, ob das Christentum wahr oder falsch war. Ich kann es gar nicht genug empfehlen.

5. C.S. Lewis – The Problem of Pain

Eines der größten Probleme, mit denen sich christliche Denker immer beschäftigt haben, ist das Problem des Bösen. Christen behaupten, Gott sei gut und allmächtig. Es gibt aber Böses in der Welt. Entweder Gott ist allmächtig, dann kann er nicht gut sein, weil er Böses zulässt, oder Gott ist gut, dann aber nicht allmächtig, wiederum weil er Böses zulässt. Für viele Atheisten und Zweifler ist dies ein sehr großes Problem. Auch ich rang mit dieser Frage, als ich erstmals ernsthaft überlegte, ob das Christentum wahr sein könnte. In diesem Buch findet sich die beste zusammenfassende und doch relativ allgemeinverständliche Darstellung zu dem Thema, die ich kenne. Lewis begründet überzeugend, warum Gott das Böse zulässt, obwohl er gut und allmächtig ist, und begründet auch, warum wir manchmal nicht verstehen können, warum Gott dieses oder jenes Übel nicht verhindert. Ein weiteres sehr bedeutendes Buch für jeden Suchenden.

6. C.S. Lewis – The Screwtape Letters

Wo wir gerade bei Lewis sind, nenne ich noch eine weitere Schrift. Screwtape, ein Teufel in der mittleren Verwaltung der Höllenhierarchie, schreibt Briefe an einen jungen Verführer, dessen Aufgabe darin besteht, die Seele eines ganz normalen Briten in die Hölle zu führen. Diese Ausgangslage dient als Hintergrund für ein sehr informatives und unterhaltsames Gedankenspiel, das aus der verkehrten Perspektive resultiert. Was Screwtape lobt, sollte der Mensch meiden, und was er kritisiert, kann so schlecht nicht sein. Die in dem Werk hervortretende Weltsicht ist die eines ewigen geistlichen Kampfes zwischen Gott und dem Teufel um die Seelen der Menschen, in dem der Teufel den Menschen zu seinem eigenen Nutzen verführt, ihn belügt und betrügt. Als ich dieses Buch las, war ich noch kein überzeugter Christ, aber dieses Weltbild schien mir äußerst plausibel, weil es eine große Menge alltäglicher Erfahrungstatsachen zu erklären vermag. Aufgrund der satirischen „Verpackung“ wirkt es auch nicht abstoßend, sondern eher unterhaltsam, auf Leser, die die religiösen Prämissen des Buches nicht teilen, was es fast schon zu einem katechetischen Werkzeug machen könnte, wenn man es richtig zu gebrauchen versteht.

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Soweit der zweite Teil dieser kleinen Empfehlungsreihe.

Trittsteine des Glaubens (Teil 1)

Dies ist der erste Teil der kürzlich angekündigten Serie. Ich werde vorläufig zehn Bücher kurz vorstellen (und dadurch natürlich auch empfehlen), die mir bei meinem Weg vom Atheismus bis zum katholischen Glauben der Päpste und des Lehramts geholfen haben. Die Reihenfolge ist teilweise chronologisch nach dem Zeitpunkt, an dem ich auf die Bücher gestoßen bin, doch im Grunde eher willkürlich. Natürlich sind Einschätzungen und Auswahl subjektiv gefärbt.

Später wird dann noch ein Teil über Internetseiten folgen, doch schon die zehn Bücher machen drei Artikel aus, von denen hier der erste folgt:

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1. J.R.R. Tolkien – The Lord of the Rings (dt.: Der Herr der Ringe)

Was soll dieses Buch auf einer Liste hilfreicher Bücher auf dem Weg zum christlichen Glauben? Tolkien selbst war so tief durchdrungen von seinem christlichen und katholischen Glauben, dass sich diese Durchdrungenheit auf alle seine Werke, und besonders auf dieses Monumentalwerk erstreckt hat. Das Buch selbst kommt zwar nicht christlich daher, und das Christentum taucht gar nicht auf, doch an jeder Ecke begegnet dem aufmerksamen Leser eine zutiefst christliche Sicht von Konzepten wie Hoffnung, Vertrauen, der Welt und der Geschichte als bedeutsame Erzählung oder „Abenteuer“, ein sehr christliches Verständnis von Heldentum (Opfer für den Anderen) und vieles mehr. Dies, verbunden mit der hervorragenden literarischen Umsetzung, macht das Buch zu einer Art intuitiver Einführung in das Christentum: Es vermittelt keine Dogmen und es predigt nicht, aber es vermittelt eine stark christlich geprägte Lebenseinstellung.

Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ich durch die Lektüre dieses Buches erstmals bemerkt habe, dass dem Leben eines Atheisten, das ich bisher geführt hatte, etwas ganz Fundamentales fehlte. Denn die erwähnten literarisch verarbeiteten Konzepte, auf denen die ganze Anziehungskraft eines solchen Werkes basiert, ergeben im Rahmen einer atheistischen, materialistischen Weltsicht einfach keinen Sinn. Weil es für mich persönlich auf dem Weg sehr wichtig war, und es die erwähnten Qualitäten besitzt, kommt es hier in die Liste, obgleich es kein „christliches“ Buch ist. Aber wir brauchen auch nicht „christliche Bücher“ (Bücher über das Christentum), sondern „christliche Autoren“ (Bücher von Christen über alles mögliche, in denen die spezifisch christliche Weltsicht ganz selbstverständlich, geradezu beiläufig, vermittelt wird).

2. Theodore Dalrymple (Pseudonym) – Our Culture, What’s Left of It

Ein weiteres nicht-christliches Buch, diesmal sogar von einem nicht-christlichen (agnostischen) Autor, der jedoch, ohne es selbst so recht zu merken, den Boden für das Christentum bereitet. Er schreibt gar nicht über Religion, und nicht einmal direkt über Moral, sondern über den Verfall der westlichen Kultur, über Verrohung der Sitten und Gleichgültigkeit gegenüber Werten aller Art. Als weitgereister, kultivierter, belesener Mann, der viele Jahre lang in England als Gefängnisarzt in einem „Problemviertel“ gearbeitet hat, verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz, aus dem er für seine Einsichten schöpft. In einer großen Zahl kleinerer Aufsätze beschreibt er die Probleme unserer Zeit und die irregeleiteten Versuche, sie durch staatliche Eingriffe und Vorschriften zu lösen. Für Dalrymple ist der Wohlfahrtsstaat an vielem schuld und gehört weitgehend abgeschafft. Doch er erkennt, anders als viele andere Gegner sozialdemokratischer Ansichten, dass die Lösung nicht einfach in „mehr Markt und weniger Staat“ liegt, weil auch eine reine Marktwirtschaft noch immer mit den Herzen der Menschen zu tun hätte, die eben nicht gut und rein sind. Dalrymple kennt das Konzept der „Erbsünde“, obgleich er es als Ungläubiger ablehnt. Er spricht von der „allegorischen Wahrheit“ der „Doktrin der Erbsünde“, nämlich dass das Böse immer im Herzen der Menschen wohnt. Für ihn gibt es keine Lösung, er verkündet keine frohe, sondern eher eine bittere Botschaft und ruft durchweg zur Verteidigung der westlichen Kultur auf, die er als Bollwerk gegen die Barbarei sieht, das von Barbaren nicht bloß vor den Toren, sondern besonders im Innern der Festung bedroht sieht.

Die Lektüre dieses Buches hat mich persönlich davon überzeugt, dass das Böse tatsächlich praktische Realität ist, die weder durch staatliche, noch durch marktliche Reformen oder irgendeinen „Fortschritt“ jemals beseitigt werden kann (bzw. diese Einsicht gestärkt). Ferner kann man zu der Erkenntnis gelangen, dass die westliche Kultur, die nun einmal unausweichlich auch eine christliche Kultur ist, unbedingt bewahrenswert ist. Es ist daher ein unbewusster Beitrag eines Agnostikers, durch den dem Evangelium der Weg bereitet wird, denn das Evangelium ergibt keinen Sinn, wenn man nicht vorher die verzweifelte Lage erkannt hat, in der die Menschen sich durch ihre Sünden begeben haben.

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Soweit der erste Teil dieser Empfehlungsreihe.

Wissenschaft und Magie

Einen sehr interessanten und nur selten entdeckten Zusammenhang zwischen Magie und Naturwissenschaft stellt C.S. Lewis ganz beiläufig in einem seiner Meisterwerke her:

„There is something which unites magic and applied schience while separating both from the „wisdom“ of earlier ages. For the wise men of old the cardinal problem had been how to conform the soul to reality, and the solution had been knowledge, self-discipline, and virtue. For magic and applied science alike the problem is how to subdue reality to the wishes of men: the solution is a technique; and both, in the practice of this technique, are ready to do things hitherto regarded as disgusting and impious – such as digging up and mutilating the dead.“

– C.S. Lewis – The Abolition of Man

Übersetzung:

„Es gibt etwas, das Magie und angewandte Naturwissenschaft verbindet und gleichzeitig beide von der „Weisheit“ früherer Zeitalter trennt. Für die Weisen der Vergangenheit hatte das Hauptproblem  darin bestanden, die Seele mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen, und die Lösung hatte gelautet: Einsicht, Selbstbeherrschung und Tugend. Für die Magie so gut wie für die angewandte Naturwissenschaft heißt das Problem, die Wirklichkeit den Wünschen der Menschen gefügig zu machen; die Lösung liegt in einer Technik. Und beide sind bei der Anwendung der Technik bereit, Dinge zu tun, die man bis dahin für widerlich und ruchlos betrachtete – wie etwa das Ausgraben und Verstümmeln von Leichen.“

– C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen

Mythopoeia

Eine lyrische Meisterleistung des Schöpfers des Herrn der Ringe (lest das Buch, ignoriert den Film!), J.R.R. Tolkien.

Und nein, ich werde mich nicht an einer Übersetzung versuchen. So ein Unterfangen wäre vollkommen sinnlos.

To one [C.S. Lewis] who said that myths were lies and therefore worthless, even though ‚breathed through silver‘.

Philomythus to Misomythus

You look at trees and label them just so,
(for trees are ‚trees‘, and growing is ‚to grow‘);
you walk the earth and tread with solemn pace
one of the many minor globes of Space:
a star’s a star, some matter in a ball
compelled to courses mathematical
amid the regimented, cold, inane,
where destined atoms are each moment slain.

At bidding of a Will, to which we bend
(and must), but only dimly apprehend,
great processes march on, as Time unrolls
from dark beginnings to uncertain goals;
and as on page o’er-written without clue,
with script and limning packed of various hue,
an endless multitude of forms appear,
some grim, some frail, some beautiful, some queer,
each alien, except as kin from one
remote Origo, gnat, man, stone, and sun.
God made the petreous rocks, the arboreal trees,
tellurian earth, and stellar stars, and these
homuncular men, who walk upon the ground
with nerves that tingle touched by light and sound.
The movements of the sea, the wind in boughs,
green grass, the large slow oddity of cows,
thunder and lightning, birds that wheel and cry,
slime crawling up from mud to live and die,
these each are duly registered and print
the brain’s contortions with a separate dint.
Yet trees are not ‚trees‘, until so named and seen
and never were so named, till those had been
who speech’s involuted breath unfurled,
faint echo and dim picture of the world,
but neither record nor a photograph,
being divination, judgement, and a laugh
response of those that felt astir within
by deep monition movements that were kin
to life and death of trees, of beasts, of stars:
free captives undermining shadowy bars,
digging the foreknown from experience
and panning the vein of spirit out of sense.
Great powers they slowly brought out of themselves
and looking backward they beheld the elves
that wrought on cunning forges in the mind,
and light and dark on secret looms entwined.

He sees no stars who does not see them first
of living silver made that sudden burst
to flame like flowers beneath an ancient song,
whose very echo after-music long
has since pursued. There is no firmament,
only a void, unless a jewelled tent
myth-woven and elf-patterned; and no earth,
unless the mother’s womb whence all have birth.
The heart of Man is not compound of lies,
but draws some wisdom from the only Wise,
and still recalls him. Though now long estranged,
Man is not wholly lost nor wholly changed.
Dis-graced he may be, yet is not dethroned,
and keeps the rags of lordship once he owned,
his world-dominion by creative act:
not his to worship the great Artefact,
Man, Sub-creator, the refracted light
through whom is splintered from a single White
to many hues, and endlessly combined
in living shapes that move from mind to mind.
Though all the crannies of the world we filled
with Elves and Goblins, though we dared to build
Gods and their houses out of dark and light,
and sowed the seed of dragons, ‚twas our right
(used or misused). The right has not decayed.
We make still by the law in which we’re made.

Yes! ‚wish-fulfilment dreams‘ we spin to cheat
our timid hearts and ugly Fact defeat!
Whence came the wish, and whence the power to dream,
or some things fair and others ugly deem?
All wishes are not idle, nor in vain
fulfilment we devise — for pain is pain,
not for itself to be desired, but ill;
or else to strive or to subdue the will
alike were graceless; and of Evil this
alone is deadly certain: Evil is.

Blessed are the timid hearts that evil hate
that quail in its shadow, and yet shut the gate;
that seek no parley, and in guarded room,
though small and bate, upon a clumsy loom
weave tissues gilded by the far-off day
hoped and believed in under Shadow’s sway.

Blessed are the men of Noah’s race that build
their little arks, though frail and poorly filled,
and steer through winds contrary towards a wraith,
a rumour of a harbour guessed by faith.

Blessed are the legend-makers with their rhyme
of things not found within recorded time.
It is not they that have forgot the Night,
or bid us flee to organized delight,
in lotus-isles of economic bliss
forswearing souls to gain a Circe-kiss
(and counterfeit at that, machine-produced,
bogus seduction of the twice-seduced).
Such isles they saw afar, and ones more fair,
and those that hear them yet may yet beware.
They have seen Death and ultimate defeat,
and yet they would not in despair retreat,
but oft to victory have tuned the lyre
and kindled hearts with legendary fire,
illuminating Now and dark Hath-been
with light of suns as yet by no man seen.

I would that I might with the minstrels sing
and stir the unseen with a throbbing string.
I would be with the mariners of the deep
that cut their slender planks on mountains steep
and voyage upon a vague and wandering quest,
for some have passed beyond the fabled West.
I would with the beleaguered fools be told,
that keep an inner fastness where their gold,
impure and scanty, yet they loyally bring
to mint in image blurred of distant king,
or in fantastic banners weave the sheen
heraldic emblems of a lord unseen.

I will not walk with your progressive apes,
erect and sapient. Before them gapes
the dark abyss to which their progress tends
if by God’s mercy progress ever ends,
and does not ceaselessly revolve the same
unfruitful course with changing of a name.
I will not treat your dusty path and flat,
denoting this and that by this and that,
your world immutable wherein no part
the little maker has with maker’s art.
I bow not yet before the Iron Crown,
nor cast my own small golden sceptre down.

In Paradise perchance the eye may stray
from gazing upon everlasting Day
to see the day illumined, and renew
from mirrored truth the likeness of the True.
Then looking on the Blessed Land ‚twill see
that all is as it is, and yet made free:
Salvation changes not, nor yet destroys,
garden nor gardener, children nor their toys.
Evil it will not see, for evil lies
not in God’s picture but in crooked eyes,
not in the source but in malicious choice,
and not in sound but in the tuneless voice.
In Paradise they look no more awry;
and though they make anew, they make no lie.
Be sure they still will make, not being dead,
and poets shall have flames upon their head,
and harps whereon their faultless fingers fall:
there each shall choose for ever from the All.

Triumph der Modernisierung

Die Augustinerkirche von Würzburg nach dem 2. Weltkrieg, etwa 1970. Eine gutaussehende Kirche, die man also solche erkennt. Wenn man auf das Bild schaut, sieht man wie eine nässende Wunde den „Volksaltar“ – offensichtlich als Gegenstück zum „Altar Gottes“. Doch alles in allem kann man von einer schönen Kirche sprechen.

Dann investiert man knapp zwei Millionen Euro – zwei Millionen Euro! – in die Kirche. Das Ergebnis ist ein modernes Kirchenerlebnis der ideologisierten Gleichgültigkeit:

Quelle: Rorate Caeli

Kommentar: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Wahren und dem Schönen. Schwindet das eine, schwindet auch das andere. Übrig bleibt das Ersatzprodukt einer technischen Zivilisation, die sich ihre eigenen oberflächlichen Schönheiten und Wahrheiten schafft.

Ich bin mir, ohne jemals dort gewesen zu sein, absolut sicher, dass in einer solchen „Kirche“ keine gesunde katholische Lehre stattfindet. Denn dieser Anblick bietet sich nicht aus Not, sondern ist das Resultat einer planmäßigen Renovierung. Es gibt eine schöne Szene in C.S. Lewis „That Hideous Strength“ aus der Perelandra-Trilogie (deutscher Titel ist mir unbekannt), in der die Diener des absoluten Bösen den Versuch unternehmen, durch ästhetische „Ungereimtheiten“ systematisch die Verankerung des Gewissens im moralischen Gesetz und des Verstandes in der objektiven Wahrheit zu unterwandern. Ich werde vielleicht in Zukunft die Szene mal ausführlicher zitieren, um den Zusammenhang zwischen Ästhetik, Moral und wahrem Glauben besser aufzuzeigen.

An diesen diabolischen Plan erinnerte mich das neue „Kirchendesign“ auf dem obigen Bild jedenfalls sofort.

Ein wahrer Triumph der Modernisierung.

Über Demokratie und Fortschritt

Zwei Zitate zum Thema „Demokratie und Fortschritt“:

Democracies are the blossoming of the aloe, the sudden squandering of the vital force which has accumulated in the long years when it was contented to be healthy and did not aspire after a vain display. The aloe is glorious for a single season. It progresses as it never progressed before. It admires its own excellence, looks back with pity on its earlier and humbler condition, which it attributes only to the unjust restraints in which it was held. It conceives that it has discovered the true secret of being ‚beautiful for ever,‘ and in the midst of the discovery it dies.

— James Anthony Froude

[Demokratien sind das Erblühen der Aloe, das plötzliche Verschleudern der Lebenskraft, die sich in den langen Jahren angesammelt hat, in denen sie zufrieden damit war, gesund zu sein und sich nicht eitel zur Schau zur stellen. Die Aloe ist prächtig für eine Jahreszeit. Sie schreitet voran, wie sie nie zuvor vorangeschritten ist. Sie bewundert ihre eigene Vortrefflichkeit, schaut mitleidig auf ihren früheren und demütigeren Zustand zurück, für den sie einzig die ungerechten Einschränkungen verantwortlich macht, in denen sie gehalten wurde. Sie stellt sich vor, dass sie das wahre Geheimnis der „ewigen Schönheit“ entdeckt hat – und mitten in dieser Entdeckung stirbt sie.]

Und noch eines meiner Lieblingszitate von C.S.Lewis

We all want progress. But progress means getting nearer to the place where you want to be. And if you have taken a wrong turning, then to go forward does not get you any nearer. If you are on the wrong road, progress means doing an about-turn and walking back to the right road; and in that case the man who turns back soonest is the most progressive man.

— C.S. Lewis

[Wie alle wollen Fortschritt. Doch Fortschritt bedeutet, dem Ort näher zu kommen, an dem man sein will. Und wenn man falsch abgebogen ist, dann kommt man nicht näher heran, indem man weiter vorwärts geht. Wenn man auf dem falschen Weg ist, bedeutet Fortschritt, umzukehren und auf den rechten Weg zurückzugehen; und in diesem Fall ist der Mensch, der zuerst umkehrt der fortschrittlichste Mensch.]

Der Papst: Ein Fremder in der Heimat

Deutschland, und besonders Ostdeutschland, ist eine immense Wüste des Glaubens. Selbst verglichen mit unseren Nachbarstaaten sind die verbliebenen christlichen Reserven schwach. Dechristianisierung ist in Deutschland kaum noch ein Thema – weil selbst die überwältigende Mehrheit der getauften Christen kein Interesse an einem Leben nach den Geboten Gottes mehr zeigt. Erlaubt ist, was gefällt, und verboten ist nur erwischt zu werden.

Moral beschränkt sich auf die derzeitigen Modethemen, hauptsächlich Umweltschutz und Zwangsenteignung Wohlfahrtsstaat. Am Rande spielen noch diverse unreflektierte Vorstellungen von Wirtschaft, Europa und Moslems eine Rolle, vor dem Hintergrund generellen Ressentiments gegen alles und nichts. Eine hoffnungslose Gesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, die selbst keine Hoffnung mehr hat, und diese Hoffnungs- und Sinnlosigkeit in immer groteskeren Formen des „Entertainments“ zu ersticken sucht.

Das ist das Land, in dem sich der Heilige Vater momentan aufhält. Das ist auch die Mentalität, die zu vielen Christen in Deutschland innewohnt. Es ist ein Land, in dem 99% der Menschen die Worte des Papstes nicht reflektieren können oder wollen, in dem ein offenes Herz so selten ist wie Gold.

Diese Symptome wiegen in Ostdeutschland wesentlich stärker als im Westen, in Städten mehr als auf dem Land, im Norden generell mehr als im Süden, doch selbst in den besten Regionen ist die Tendenz klar.

Der Deutsche hat heute so viel „Spaß“, dass er die Fähigkeit zur tieferen „Freude“ verloren hat. Er kann lustig sein, aber er ist nicht froh. Er mag zufrieden sein (auch wenn das sicher nicht auf die Mehrheit zutrifft), aber er ist nicht glücklich. Denn Glück geht tiefer als Zufriedenheit, genauso wie Liebe tiefer geht als Zuneigung. Der Zufriedene, der Zuneigung empfindende Mensch lebt an der Oberfläche, der glückliche, liebende Mensch kennt eine tiefere Dimension. Glück und Liebe sind eben nicht gefühlsmäßige Eindrücke oder Emotionen, sondern objektive Wirklichkeiten. Glück kann, so Aristoteles, nicht ganz ohne materielle Güter gedacht werden – um glücklich zu sein müsse man wenigstens ein Mindestmaß an „Glücksgütern“ haben, so dachte er. Doch selbst für den Heiden Aristoteles geht wahres Glück über emotionales Glücklichsein hinaus – es findet sich auf der Ebene praktischen Handelns in der Tugend und in besonderem Maße in der Theorie, der Kontemplation des Wahren. Für den Christen ist dies in noch größerem Maße bedeutsam. Denn die Tugend ist die Gewohnheit, im Einklang mit den Gesetzen und dem Willen Gottes sowie zugleich im Einklang mit der Natur, die Gott geschaffen hat, zu leben. Im Widerstand zu Gott zu leben führt niemals zum Glück, sondern wenn überhaupt zur Zufriedenheit.

Genauso ist es auch mit der Kontemplation. Schon Aristoteles sieht sie als die höchste irdische Haltung an, doch für den Christen nimmt sie eine noch größere Bedeutung ein. Der Christ erkennt in dem Wahren, dem Guten und dem Schönen, das das Objekt der Kontemplation ist, zugleich Gott, den Schöpfer derselben Natur, deren Ordnung wir durch Einhaltung des moralischen Gesetzes zu respektieren haben. Sowohl die Bedeutung der Sittlichkeit als auch die der Kontemplation sind höher für den Christen als für den Heiden Aristoteles. Doch mehr noch: sie gehören stärker zusammen. Dem Christen erschließt sich aus der Erkenntnis des einen Gottes in drei Personen als Schöpfer der Natur die Einsicht, dass die Gewohnheit im Einklang mit der menschlichen Natur zu leben, letztlich nichts anderes ist als Dienst am Schöpfer – der diese Natur wie auch die Natur der Umwelt schließlich erschaffen hat. Tugendhaft zu leben ist zugleich Leben nach Gottes Geboten, also für sich genommen schon eine Art Kontemplation der Wahren, Guten und Schönen, nur eben, wenn es so etwas gibt, eine „praktische Kontemplation“, eine „praktische Betrachtung“.

„Ora et labora“ – „bete und arbeite“. Das sind nicht zwei verschiedene Dinge, so als ob wir manchmal beteten und manchmal arbeiteten, sondern letztlich identisch. Zu beten ist zu arbeiten und zu arbeiten ist zu beten – wenn die Arbeit im EInklang mit Gottes Willen steht. Jedes gute Werk ist ein Gebet und Gebete sind gute Werke. Praxis und Theorie kommen für den Christen zu einer Einheit, wie sie selbst für die weisesten Heiden niemals denkbar gewesen wären. Praxis und Theorie sind für den Christen keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille, zwei Seiten des Dienstes an Gott, zwei Seiten der Hingabe des Selbstwillens an den Willen Gottes. Man könnte sagen: Nur wer sich selbst aufgibt, kann sich finden.

Wenn Aristoteles zwischen Glück in der praktischen Sphäre (Tugend) und in der theoretischen Sphäre (Kontemplation) unterscheidet, dann ist diese Unterscheidung natürlich richtig. Und sie ist auch im Christentum erhalten geblieben, etwa im Gegensatz Welt – Kloster. Das Christentum kennt diese Unterscheidung, aber sie ist nicht mehr unüberbrückbar. Moral und Religion haben auf eine Weise zusammengefunden wie es im Heidentum nicht denkbar war – bereits im Judentum war dies der Fall. Dort ist Gott der moralische Gesetzgeber und der Schöpfer der Natur – sowohl der materiellen als auch der menschlichen Natur.

Die Verbindung der durch Christus vervollständigten jüdischen Offenbarungswahrheit mit den scharfsinnigen Erkenntnissen der griechischen Philosophie blieb jedoch dem Christentum vorbehalten. Die Synthese zwischen der menschlichen Vernunft der Griechen und der göttlichen Offenbarung war jedoch keine der gegenseitigen Kompromisse. Vielmehr verwendete man die Einsichten der Offenbarung zur Perfektion der philosophischen Vernunft und die geschäfte philosophische Vernunft wiederum zum besseren Verständnis und zur theologischen Erfassung der Offenbarung. So ergänzen sich für den Christen Offenbarung und Vernunft in einem harmonischen Gleichgewichtsverhältnis der Befruchtung – es liegt nahe, die von außerhalb kommende göttliche Offenbarung des Vaters und die dem Menschen innerliche Vernunftweisheit („sophia“) mit dem Bild der geschlechtlichen Einheit zu vergleichen. Auf sich gestellt ist Sophia unfruchtbar – sie braucht den transzendeten Gott und die mit ihm verbundene Rationalitätsgarantie der Welt, um zur vollen Blüte ihrer Kraft zu gelangen.

So ist die Einheit von Vernunft und Glaube eben keine des gegenseitigen Kompromisses, sondern eine wirkliche Einheit, die ein wenig an die Einheit von Mann und Frau in der Ehe erinnert. Die Tragik der Neuzeit scheint mir nun die Scheidung dieses unzertrennlichen Paares zu sein. Frömmelnde Fundamentalisten leugnen selbst die offenkundigsten wissenschaftlichen Erkennisse (es gibt sogar Leugner der Kugelgestalt der Erde – die Erde ist eine Schallplatte…). Ihnen gegenüber stehen ebenso unfähige Ungläubige, die den Versuch einer wissenschaftlichen Durchdringung der Welt mit bloß materiellen Mitteln unternehmen.

Es verwundert nicht, dass beide Seiten scheitern mussten. Der frömmelnde Fundamentalist glaubt weil er glaubt, dreht sich im Kreis und kann sich nicht mehr rechtfertigen. Er macht sich selbst lächerlich und kann niemanden überzeugen, weil er das rationale Argument aufgrund seines Glaubens ablehnt. Ebenso ist die rationalistische Wissenschaft längst gescheitert. Immer verzweifeltere und vergebliche Versuche einer Rechtfertigung der Verlässlichkeit unserer Vernunfterkenntnisse stehen dort der sich mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis gegenüber, dass wir, unter der Annahme des Materialismus, nichts, absolut nichts, sicher wissen können, und daher Wissenschaft als Ganzes eine gewisse Willkürlichkeit und Beliebigkeit gewinnt. Der Versuch der Neuzeit, Glaube und Vernunft gegeneinander auszuspielen, endet mit der totalen Niederlage der Vernunft, die inzwischen mehr und mehr vor einem amoralischen Irrationalismus kapituliert, demzufolge der Mensch gar nicht wissen kann, sondern nur meinen. Doch wenn alles Meinung ist, dann gibt es gar keine Wahrheit, und ohne Wahrheit keine objektiv gültigen moralischen Standards. Der Versuch, den angeblich „irrationalen“ Glauben aus dem menschlichen Denken zu entfernen, führt nicht zum Tod des Glaubens, sondern zum Tod der Vernunft.

Doch auch der Glaube erleidet eine totale Niederlage. Er wird zwar nicht gänzlich besiegt, aber er wird seines wesentlichen Kerns beraubt. Der Glaube, der sich von der rationalen, menschlichen Vernunft „befreit“ hat, ist substanzlos. Er ist noch da, aber er verliert jeden bestimmten Inhalt – er gleitet in die Beliebigkeit, ebenso wie auch der Vernunft durch ihre Selbstaufopferung beliebig geworden ist.

Wenn es keine Wahrheit gibt, nur Meinung, dann kann nicht ein Glaube richtiger sein als ein anderer. Jeder Glaube ist dann bloß noch subjektives Gefühl – religiöse Erfahrung ersetzt religiöse Erkenntnis. Man nennt diese Häresie sehr treffend „Modernismus“, und es ist die Mutter aller Häresien. Denn sie ermöglicht ihrem Anhänger aus allen Definitionen und Dogmen auszubrechen, wenn nur seine persönliche religiöse Erfahrung (die nicht einmal unbedingt authentisch ist, aber selbst wenn nur einen winzigen Teil der Wahrheit repräsentieren kann) dies von ihm verlangt. Solcherlei Auffassung ist damit die Grundlage aller modernen Häresien, doch das nur am Rande.

So kommen die beiden am Beginn der Neuzeit getrennten Pfade heute wieder zusammen. Aus dem Vernunftglauben der modernen Philosophie und der positivistischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts ist ein Irrationalismus geworden, der selbst wissenschaftlichen Erkenntnissen konsequenterweise den Status des Wissens abzusprechen verpflichtet ist. Aus dem vernunftfreien Glauben ist entweder ein bloßes Frömmlertum geworden (in seltenen Fällen), oder (meistens) ein Glaube, der nur noch einige Floskeln und Plattitüden glaubt, und nichts mehr mit der Offenbarung zu tun hat. So wird die Vernunft unvernünftig und der Glaube ungläubig.

Doch kehren wir zu der früheren Konzeption zurück, wonach Glaube und Vernunft einander gegenseitig befruchten, wo der Glaube der Funke ist, der der Vernunft immer tiefere Einsichten ermöglicht, die wiederum ein immer besseres Verständnis der dem göttlichen Logos entsprechend geordneten Welt aber auch der Offenbarung ermöglichen, welche wieder in einem immer weiter sich aufschaukelnden Zirkel der Einsicht und der Weisheit ein tieferes Durchdringen sowohl der Offenbarungswahrheit als auch der Schöpfungsordnung (wissenschaftlich wie moralisch) erreichbar machen, dann haben wir keines dieser Probleme. Sophia ist, wie oben schon gesagt, ohne göttlichen Logos unfruchtbar. Und ohne die Verwendung der von Gott gegebenen natürlichen menschlichen Einsichtskraft bleiben alle Offenbarungseinsichten letztlich fruchtlos – da niemand sie zu durchdringen vermag. Sophia ohne Logos – Logos ohne Sophia: Beides ist eine Art geistige Selbstbefriedigung, und, wie ihre körperliche Variante, letztlich steril, fruchtlos, freudlos, nutzlos, ziellos, sinnlos.

So wie Maria erst das Jawort geben musste, damit Gott in der Welt sein Erlösungswerk vollbringen konnte, muss die menschliche Weisheit erst ihr Jawort zur göttlichen Offenbarung geben, bevor diese ihr fruchtbares Werk verrichten kann. Neues Leben kommt nur durch die natürliche Vereinigung von Mann und Frau in die Welt. Beide müssen die Bedeutung des Anderen anerkennen und sich der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall Fortpflanzung – bedienen. Ebenso müssen auch Glaube und Vernunft die Bedeutung des Anderen anerkennen, sich der natürlichen Fähigkeiten und Anlagen des Anderen zum gemeinsamen Zweck – in diesem Fall fruchtbare Erkenntnis – bedienen.

Um das Gute tun zu können, bedarf der Mensch der Einsicht in das natürliche moralische Gesetz, das ihm ins Herz geschrieben ist. Dafür muss er nicht intelligent sein. Aber er muss weise sein, da die Erkenntnis des Guten dem gefallenen, zerbrochenen Meisterwerk Mensch nicht leicht fällt. Um das Wahre finden zu können, muss er sich sowohl des Verstandes als auch des Glaubens bedienen können. Und selbst der Genuss des Schönen verblasst, wenn alles nur hübsch oder „sexy“  ist, aber nichts im vollen Sinne schön. Denn auch Schönheit ist, in gewissem Sinne, etwas Wirkliches, Objektives, nicht bloße Emotion oder subjektives Gefallen. Schönheit ist mehr als Gefälligkeit.

Wenn, wie nach Auffassung der Neuzeit, das Wahre, Gute und Schöne bloß relativ sind, dann ist die Welt eintönig grau, steril, langweilig, öde, sinnlos, zwecklos, und liegt im Sterben.

Wenn ich „meine Wahrheit“ und jemand anders „seine Wahrheit“ haben kann, dann erlischt der menschliche Wissensdrang, denn wir finden bloß immer nur noch mehr Ansichten, Meinungen, Gefühle, Überzeugungen, Ideologien, aber niemals die Wahrheit. Wenn es da doch gar nichts zu finden gibt, warum dann suchen? Schon Bacon gab im 17. Jahrhundert die einzig denkbare Antwort: Macht.

Wenn Moral bloß das Produkt gesellschaftlicher Konditionierung ist, dann ist es plötzlich legitim, die Grundfesten der Moral zu bezweifeln, weil sie ja auch wieder nur die Manifestationen der gesellschaftlichen Machtverhältnisse sind. (Die, die uns konditionieren, beherrschen uns dann über internalisierte Hemmungen, die abzustreifen somit zum Akt der Befreiung wird). Warum dann noch ein wirklich „guter“ Mensch werden, wenn doch „gut“ nur das Produkt des Willens der Mächtigen ist, wenn „gut“ nur noch bedeutet, „den Mächtigen gefällig“? Die einzige Antwort gibt uns der „Marsch durch die Institutionen“: Die Macht erlangen, um die Moral zu ändern.

Wenn Schönheit bloß darin besteht, dass ich meine persönlichen psychischen Empfindungen und Vorlieben in die Außenwelt projiziere, dann ist in Wirklichkeit gar nichts schön, sondern alles gleichermaßen grau. Und auf manche Grautöne spreche ich persönlich dann eben stärker an. Doch wenn ich glaube, dass das alles nur in meinem Kopf sich abspielt, wie kann ich mich dann noch an dem Schönen erfreuen? Schönheit verliert also seinen Reiz – übrig bleiben biologische Triebe, psychologische Konditionierung und die schiere Macht der Gewohnheit. Warum dann noch den Versuch unternehmen, einen feinen Geschmack für das Schöne zu entwickeln, statt einfach gefällig herunterzuwürgen alles was mir so in die Quere kommt? Die einzige Antwort gibt uns der moderne Mensch zwischen zwei triebgesteuerten, doch lieblosen Orgien: Eroberung, also Macht.

Getrennt enden sowohl Glaube als auch Vernunft im absoluten Relativismus, für den es weder Wahrheit, noch Güte, noch Schönheit geben kann. Doch ohne die feste Überzeugung, dass das Wahre wirklich wahr, das Gute wirklich gut, und das Schöne wirklich schön ist, verblasst das ganze Leben vor der endlosen Abfolge rein materieller, gesellschaftlich konditionierter, von Trieben und Macht gesteuerter, mechanischer Akte.

Der Papst ist nun in Deutschland, und da ich dies schreibe gerade in Ostdeutschland, wo die Probleme noch weitaus schlimmer sind als im Westen, und er trifft auf ein apathisches Land voller Sinnlosigkeit, voller Überdruss, voller derzeit nur sporadisch sich entladender Unzufriedenheit – das heißt: er trifft auf ein modernes Land. Ein Land, wie es dem christlichen Glauben mit seiner Vereinigung scheinbarer Gegensätze zu einem in sich schlüssigen, sinnvollen, fruchtbaren Ganzen nicht fremder sein könnte.

Ein Land, das, ganz im Einklang mit seinen faktischen Grundwerten, selbst in Bezug auf die Kirche nur noch in Machtkategorien denken kann. Und als Folge ganz klein ist – klein an Werten, klein im Geiste und klein im Herzen. So klein, dass selbst seine Sünden kleinkariert und öde sind. So klein, dass es selbst einen alten, schwachen Mann als Bedrohung empfindet, die mit journalistischem Napalm behandelt werden muss. So klein wie die graue Stadt, die C.S.Lewis in „The Great Divorce“ als Sinnbild der Hölle gebraucht.

Märchen Lebenswirklichkeit

Standig, kaum vergeht ein Tag, läuft mir wieder ein Märchen über die Füße: Die Kirche müsse sich doch an die Lebenswirklichkeit der Menschen von Heute anpassen – die Kirche sei weltfremd – die Kirche müsse sich für die Bedürfnisse der Menschen von Heute öffnen und immer so weiter im säuselnden Singsang der Sätze.

Um einmal einen bekannten Buchtitel des Philosophen Harry Frankfurter zu zitieren: Bullshit!

Die Kirche muss sich nicht der „Lebenswirklichkeit“ irgendwelcher Menschen anpassen, weil die sogenannte Lebenswirklichkeit der Menschen nicht maßgeblich für die Findung theologischer und sittlicher Wahrheit ist. Ebenso kann, nein muss, die Kirche immer und überall weltfremd sein – weil die Welt kirchenfremd ist. Wir sollen keine Schätze in dieser Welt anhäufen, weil unsere wahren Schätze in einer anderen Welt sind. Jede Kirche, die diesen Namen verdient, muss daher unbedingt und absolut „welt-fremd“ sein, also dieser Welt fremd. Sie darf niemals glauben, sie sei von dieser Welt.

Der Zweck der Kirche ist ebenso nicht die Erfüllung irgendwelcher empfundener Bedürfnisse der Menschen. Der Zweck der Kirche ist die Verkündigung des Wahren Glaubens und die Feier des Kreuzesopfers Christi durch die Eucharistie. Beide dienen letztlich dazu, die Menschen zu ihrem ewigen Heil zu führen. Das ist alles. Die Menschen ins ewige Heil, in den Himmel, in die ewige Schau Gottes, wie auch immer man es ausdrücken möchte, zu führen, das ist der Zweck der Kirche. Und das ist nicht einmal katholisches Sondergut, sondern allgemein christlich. Zitat des Protestanten C.S.Lewis aus Mere Christianity:

It is easy to get muddled about that. It is easy to think that the Church has a lot of different objects – education, building, missions, holding services. Just as it is easy to think the State has a lot of different objects – military, political, economic, and what not. But in a way things are much simpler than that. The State exists simply to promote and protect the ordinary happiness of human beings in this life. A husband and wife chatting over a fire, a couple of friends having a game of darts in a pub, a man reading a book in his own room or digging in his own garden – that is what the State is there for. And unless they are helping to increase and prolong and protect such moments, all the laws, parliaments, armies, courts, police, economics etc., are simply a waste of time. In the same way the Church exists for nothing else but to draw men into Christ, to make them little Christs. If they are not doing that, all the cathedrals, clergy, missions, sermons, even the Bible itself, are simply a waste of time. God became Man for no other purpose.

(Anmerkung: Wenn irgendein Leser die deutsche Übersetzung dieser Passage [4. Buch, 8. Kapitel: Is Christianity Hard or Easy?] verfügbar haben sollte, so wäre ich ihm sehr dankbar, wenn er sie in den Kommentaren hinzufügte!)

Die Erfüllung der Bedürfnisse von Menschen kommt erst später ins Bild. Natürlich hat Gott die Menschen aufgefordert, ihren Nächsten zu lieben. Wir sollen barmherzig sein. Das alles ist richtig und extrem wichtig. Doch solange wir nicht verstehen, worin die Wahrheit über Gott und die Wahrheit über das natürliche Sittengesetz besteht, solange wir uns nicht an Gott ausrichten, und damit auch an dem moralischen Gesetz, das er uns gegeben hat, solange wissen wir gar nicht, worin denn das Gute des Nächsten eigentlich besteht. Der heilige Thomas von Aquin schrieb, Liebe sei, das Gute des Anderen zu wollen. Das bedeutet: Es gibt keine Liebe, die nicht das wirklich wahre Gute des Anderen will, sondern nur seine subjektive Empfindung zufriedenzustellen wünscht.

Alle Menschen haben eine Vielzahl subjektiv empfundener Bedürfnisse. Darunter fällt auch die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen. Ferner ist jedem Menschen das objektive moralische Gesetz gegeben. Wer sich an den subjektiv empfundenen Bedürfnissen und Wünschen des Anderen orientiert, wenn diese in Konflikt mit dem moralischen Gesetz geraten, der liebt den Anderen nicht, sondern empfindet höchstens emotionale Zuneigung. Liebe kann niemals weniger sein als das objektiv Gute des Nächsten zu wollen.

Und es gibt keine Barmherzigkeit ohne Liebe. Man ist nicht „barmherzig“, wenn man einfach den Wünschen eines Menschen nachgibt, sofern diese Wünsche dem entgegen stehen, was wahrhaft gut für ihn ist – nämlich Gemeinschaft mit Gott im Ewigen Leben zu finden.

Jede Sünde, und schwere Sünden (Todsünden) in besonderem Maße, schwächen bzw. trennen das Band, das den Menschen mit diesem wahrhaft Guten verbindet. Daher kann es niemals ein Akt der Barmherzigkeit sein, die Sünden anderer Menschen gutzuheißen, oder einfach zu ignorieren. Im Gegenteil: Es ist zweifelhaft, ob es irgendeinen Akt gibt, der weniger barmherzig ist, als die Sünden eines Menschen einfach zu ignorieren, ihn in seinen Sünden vegetieren zu lassen – und damit zu riskieren, dass der betroffene Mensch nicht das ewige Leben sondern nur das ewige Feuer findet.

Was fordert man also, wenn man der Kirche erklärt, sie müsse sich an die „Welt“ anpassen, an ihre „Lebenswirklichkeit“, sie dürfe dieser „Welt“ nicht fremd sein, sie müsse sich mehr an den (subjektiv empfundenen) Bedürfnissen der Menschen orientieren? Man fordert, dass sie das wahre Gut dieser Menschen schlicht ignoriert, um ihnen in diesem Leben gefällig zu sein. Dass sie sich nicht um das ewige Leben, das Seelenheil, die Erlösung ihrer Schäfchen kümmert, sondern nur darum, dass diese Schäfchen ein besonderes Gefühl der warmen Zuneigung zu „ihrer“ Kirche empfinden.

Ich vermag darin nichts anderes zu erkennen als die Aufforderung an die Kirche, ihre Mission zu verraten.

Wie „weltfremd“ muss die Kirche sein, wenn sie ihre Schäfchen wirklich mit mütterlicher Liebe überhäufen will, statt sie nur einfach unverbindlich „ganz nett“ zu behandeln und mit subjektiv-emotionaler Zuneigung zuzuschütten?

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen die Tötung der Unschuldigen im Mutterleib zu kämpfen.

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen den systematischen Missbrauch des Geschenks der Sexualität durch technizistische Anmaßungen wie Verhütung, künstliche Befruchtung usw. anzukämpfen.

Sie muss weltfremd genug sein, um das unauflösliche Bündnis eines Mannes mit einer Frau, und die je besondere Würde und Aufgabe der zwei unersetzlichen und einzigen Geschlechter gegen die Gleichmacher zu verteidigen, die sowohl Männer als auch Frauen durch ihre Machenschaften entwürdigen.

Sie muss weltfremd genug sein, um das Heilige Messopfer mit Ehrfurcht und Demut zu feiern, selbst wenn die „Welt“ das bloß für ein Gemeindemahl ohne Zusammenhang zum ewigen Heil der Menschen hält.

Sie muss weltfremd genug sein, um gegen Habgier, Neid und Geiz auch dort aufzubegehren, wo das ganze Wirtschaftssystem darauf basiert.

Sie muss weltfremd genug sein, um die Zerstörung der natürlichen Lebensumgebung durch profitorientierten Raubbau ebenso zu bekämpfen, wie den Versuch der sogenannten „Umweltschutzbewegung“ die Gesundheit des quasi-vergötterten Planeten Erde mit dem Blut der „überzähligen“ Menschen zu erkaufen, die das Pech hatten, in einer Welt zu leben, in der die Eliten von „Überbevölkerung“ schwafeln, statt die Menschen zum Zusammenrücken aufzurufen.

Sie muss weltfremd genug sein, um sich dem Fürsten dieser Welt zu widersetzen, welcher ansonsten kaum Widerstand in dieser seiner Domäne findet.

Kurzum: Sie muss so weltfremd und so fern der durchschnittlichen „Lebenswirklichkeit“ des Menschen sein wie nur möglich.

Und wenn sie das ist, wenn sie diese Einsicht ganz fest in sich verankert trägt, wenn ihre jegliche Handlung nur auf Gott, und damit auf Gottes Liebe zentriert ist, und damit auf die Dogmen und moralischen Wahrheiten, in denen sich Gottes Liebe in Form verbindlicher Handlungsanweisungen für uns verlorene Söhne manifestiert, wenn sie an nichts anderes denkt als gottgefällig zu sein, wenn sie sich alle Flausen gründlich aus dem Kopf geschlagen hat, den Menschen gefallen, ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechen zu wollen, ihre Lebenswirklichkeit annehmen zu wollen, dann geschieht etwas ganz Interessantes:

Diese Kirche, die ihre Augen fest auf das Himmelreich gerichtet hat, wird die Gebote des Herrn befolgen wollen. Sie wird tun wollen, was Christus getan, lieben wollen, wie Gott geliebt und helfen wollen wie der Herr geholfen hat – und also wird sie das wirklich und wahrhaft Gute aller Menschen wollen. Sie wird die Menschen wahrhaft lieben, nicht nur Zuneigung zu ihnen empfinden.

Doch wenn die Kirche das tut, dann findet sie begraben in den Dogmen und Wahrheiten ihrer Überlieferung den Schlüssel für die Lebenswirklichkeit der Menschen. Sie findet darin wahre Liebe und wahre Barmherzigkeit. Sie durchschaut die Ursachen der Probleme, die die Lebenswirklichkeit der Menschen heimsuchen, mit dem scharfen übernatürlichen Licht des göttlich Logos. Nur wer die Ursachen eines Problems durchschaut, der kann es lösen helfen. Die Menschen einfach nur zu bedauern, wenn ihnen doch geholfen werden kann, ist nicht bermherzig und auch nicht liebevoll, sondern kalt und verhärtet. Die Probleme, die die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit plagen, haben Ursachen, die allzu oft beseitigt werden können.

Frühere Sünden, die das Gewissen der Menschen plagen, können durch das Sakrament der Buße hinweggenommen werden. Geschlagene Wunden können durch das Geschenk der Vergebung geheilt werden. Feindschaften können bezwungen werden durch die Gnade Gottes und den festen Willen des Menschen, dieser Gnade sein Herz zu öffnen. Die Liste der möglichen Heilungen ist endlos. Doch diese Heilungen schlägt allesamt aus, wer nicht eingesteht, dass er der Heilung bedarf. Nur der Sünder wird beichten, nur der Kranke nimmt seine Medikamente.

Wenn die Kirche sich ganz auf Gott ausrichtet, nicht auf die Welt, wenn sie freiwillig der Welt fremd wird, dann erlangt sie überhaupt erst die Fähigkeit, die Probleme der Welt wirklich anzupacken und zu lösen. Erst wenn sie sich ganz Gott geschenkt und ergeben hat, vermag sie praktisch Tränen zu trocknen und menschliche Wunden zu heilen. Erst wenn sie sich ganz Gott unterwirft, kann sie ganz den Menschen dienen.

Liebe Gott mit allem was du hast, ohne etwas zurückzuhalten, und den Nächsten wie dich selbst. Nicht umgekehrt. Wir müssen zuerst nach dem Himmelreich streben. Zuerst Gott, dann die Menschen. Wir lieben Gott mit allem was wir haben und allem was wir sind. Und Gott sagt uns dann: „Wenn du mich wirklich liebst, Mensch, dann sei für deinen Nächsten da. Und ich gebe dir die Kraft das auch zu tun.“

Solange wir uns an der „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und an dieser „Welt“ orientieren, werden wir zwar nicht weltfremd, aber gottfremd bleiben. Und da Gott die Welt geschaffen hat, ist der Gottfremde letztlich auch der wahrhaft Weltfremde. Denn er biedert sich permanent an die „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und diese „Welt“ (und ihren Fürsten) an, aber er vermag sie nicht zu heilen in diesem Leben und erlösen wird er sie sicher auch nicht.

Die Tugend der Reinheit

Anthony Esolen ist, wie ich schon früher auf diesem Blog geschrieben habe, einer der wenigen verbliebenen Weisen im besten Sinn des Wortes. Auch sein neuer Artikel, „Purity: Youth Restored“ ist so reichhaltig und auf einer so tiefgreifenden Ebene richtig, dass es fast unmöglich ist, einzelne Abschnitte hervorzuheben. Er sollte unbedingt zur Gänze gelesen (und wiedergelesen, und an andere weitergegeben) werden.

Ich will trotzdem versuchen einige Höhepunkte zu isolieren – doch niemand sollte glauben, das wäre alles was der Artikel zu bieten hat. Er ist ein Gesamtkunstwerk, wie alles was Esolen schreibt.

Der Hintergrund ist eine Romanvorstellung: Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Über die Qualität des Romans kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber was aus dem Artikel hervorscheint deutet an, dass auch der Roman die Lektüre verdient.

Es geht um einen römischen Zenturio, Marcus, der sich auf eine ziemlich dekadente Weise in Ligia verliebt – eine Christin, wie sich herausstellt. Er begehrt sie auf tierische Art und Weise, läßt sie sogar entführen, um sie dann zu verführen, doch stellt dann fest:

Slowly he comes to understand, though long in confusion, that even if he could have Ligia in these ways, he would not want to, because it would spoil the very quality in her that most attracts him.

Doch er wundert sich:

What normal woman wouldn’t jump at the chance to be the concubine of a handsome young patrician? Had they set themselves in pride against ordinary pleasures, like the Cynics? But the Cynics were as bitter as gall, and these Christians were mild, almost to a fault. What Marcus comes to see is that Ligia has too exalted a view of happiness for his understanding. Her human desires – and she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed. To love Ligia is to love her in that radiant integrity.

Was Marcus an Ligia anzuziehen scheint, ist eine Qualität, die wir mit dem Wort Reinheit („purity“) bezeichnen können. Diese Fähigkeit ist letztlich der Schlüssel zu vielem, unter anderem zu einem glücklichen Leben. In seinen lesenswerten „Screwtape Letters“ läßt C.S. Lewis den Oberteufel Screwtape über Gott sagen, er sei im tiefsten seines Herzens ein Hedonist, verstanden als jemand, der sehr großen Wert auf Freude legt. Und G.K: Chesterton verwendet irgendwo (ich glaube in „Orthodoxy“) das Bild von den Geboten und Verboten des Christentums als Zaun um einen Kinderspielplatz: Um den Spielplatz findet sich ein Abgrund, doch die Kinder können auf dem Spielplatz Freude haben, gerade weil es den Zaun zu ihrem Schutz gibt. Der Zaun ist, genauso wie die christliche Moral, auf den ersten Blick restriktiv, ja sogar ein Gefängnis. Aber er ermöglicht erst wahre Freiheit und wahre Freude. Ohne den Zaun könnten die Kinder nicht so sorglos spielen und wären nicht so glücklich.

Die Art Glück, die wir Menschen in einem ständigen Durchbrechen der Zäune, durch Tabubrüche, erlangen können, ist kurzfristig schön, langfristig schon in dieser Welt höchst schädlich und in Ewigkeit erst recht. Doch die Art Glück, die wir erlangen können, indem wir die Zäune achten und pflegen, und in den Grenzen der Zäune bleiben, ist, wie das Glück der Kinder in dem obigen Bild, langfristig schon in diesem Leben schön, und die wahre Belohnung kommt natürlich in der Ewigkeit. Doch das ist ein Gedanke, der, wie mir scheint, auch Esolens Zusammenfassung zugrunde liegt. „Her human desires – she has fallen in love with him – are caught up in the divine, and transformed“ – Ihre bloß menschlichen Begierden stehen nicht mehr für sich, sie haben ihren angemessenen Platz in dem kosmischen Drama der Schöpfung und des Schöpfers, sie werden durch diese Einordnung in die göttliche Ordnung (mitsamt moralischen Geboten) transformiert, verwandelt, und zwar nicht in Form einer Erkaltung oder Abschwächung dieser Begierden. Die Einordnung in den ihnen angemessenen Zusammenhang bewirkt gerade das Gegenteil. Eheliche Liebe ist nicht nur moralisch besser als ein „One-Night-Stand“, sondern macht auch viel eher glücklich als die Leere der Objektifizierung des Partners als bloßes Mittel zum Zweck der Trieb- oder Leidenschaftsbefriedigung. Das gilt für die gesamte menschliche Sphäre. Begierden, Leidenschaften, Triebe, die in ihren gesunden moralischen Zusammenhang eingeordnet und in diesen Grenzen ausgelebt werden, erfahren keine Schwächung sondern eine Stärkung. Das ist das christliche Paradox. Gerade durch die Unterordnung unter Gott und seine Gebote wird der Mensch erst frei. Sünde ist Sklaverei. Reinheit, Heiligkeit sind Voraussetzungen der Freiheit.

Das alles ist, unterschwellig, in einer Erfahrung enthalten wie Marcus sie macht.

Esolen weiter:

Ligia becomes the means of Marcus’ salvation. She is so not because she meets him halfway, becoming a little bit debauched for the debauched, or a little bit of a whore for the whoremonger. Had she done so, Marcus would have had his way with her, enjoying her for a while, and then tiring of the emptiness.

We do not become impure for the impure, dishonest for the dishonest. Such qualities are not actually things in themselves, but deficiencies or corruptions. When a man is hungry, we do not feed him with cardboard. We give him real meat and bread. When a man is shivering with cold, we do not give him rags. We give him real clothing.

(Hervorhebungen von Catocon)

Wenn Jesus sagt wir sollen uns zu den Sündern begeben, so wie er gekommen ist, um die Sünder zu retten, dann meint er nicht, wir sollen die Sündhaftigkeit der Sünder annehmen oder entschuldigen, um irgendwie zu zeigen, dass „wir ja alle im gleichen Boot sitzen“. Er meint, dass wir den Irrenden Wahrheit, den Hungernden Brot, den Dürstenden Wasser, den Sündern Heiligkeit, den Unterdrückten wahre Freiheit bringen sollen. Den Grund dafür nennt Esolen auch: Das Böse ist gar nicht an sich, sondern immer nur als Parasit einer eigentlich guten Qualität oder Eigenschaft. Es saugt das Gute aus, nährt sich an ihm. Sexualität ist etwas sehr Gutes, und gerade deshalb ist ihre Perversion etwas sehr Schlechtes. Und gerade weil Freiheit ein hohes Gut ist, vermag sie so viel Schaden anzurichten, wenn sie pervertiert wird. Ähnliches gilt für alle menschlichen Güter.

Doch was will uns Heutigen das sagen? Die Antwort gibt Esolen ebenfalls:

Modern man is like Marcus. He no longer knows what his body is for. He has no sense of the integrity of the person, body and soul, as cooperating with God in the making of new life.  He has at best a hazy view of the eternal love for which we are made. He is hungry and cold.

Der moderne Mensch, so Esolen, weiß nicht mehr, wofür sein Körper ist. Er weiß mehr über seinen Körper als jede frühere Generation. Aber er kennt nicht mehr den Zweck, den Gründ für seinen Körper. Er glaubt, der Körper sei ein Instrument, das er benutzen könne wie und wann er wolle („Mein Körper gehört mir!“) Er erkennt nicht mehr, dass er als Person, als Bild Gottes, zur Liebe berufen ist. (Liebe, in diesem Sinne, bedeutet aber nicht bloß ein Gefühl, sondern, dem Hl. Thomas folgend, „das (objektiv) Gute des Nächsten zu wollen“, was in der christlichen Theologie das Fachwort „caritas“ zugewiesen bekommen hat). Diese Liebe äußert sich in der Beziehung zu Gott, aber im derzeit behandelten Zusammenhang steht die Liebe zum Nächsten im Vordergrund.

Diese Art Liebe hat der heutige Mensch gegen Liebe als Emotion, als Leidenschaft, eingetauscht. Das ist ein Verlustgeschäft, weil die höchsten Formen der Liebe dabei in Vergessenheit geraten. Es ist auffällig, dass der Mensch umso hungriger nach Liebe geworden ist, umso weiter er sich von den Normen der christlichen Moral entfernt hat. Ohne ein solides Wissen um den Zweck des Leibes kann man keine sinnvollen Entscheidungen über ihn treffen. Doch der Zweck des Leibes, hinsichtlich seiner Sexualität, ist Fortpflanzung und, untrennbar damit verbunden, Vereinigung mit dem Partner zu einer unauflöslichen Einheit. Und was der Mensch im Bereich der Liebe vergessen hat, wirkt sich nicht nur auf Ehe und Familie aus, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man das Ziel, den Zweck aus den Augen verliert. In diesem Sinne ist es auch klar, dass Ligia eine Christin sein muss. Denn natürlich besteht der allerletzte Endzweck der ganzen Schöpfung in Gott.

Der heutige Mensch ist dagegen orientierungslos. Er driftet vom einen Ort zum nächsten, ist nirgendwo verwurzelt, und ist auch mit niemandem untrennbar verbunden. Es ist ein Leben als Nomade – welch ein Rückschritt für den Fortschrittlichen!

Esolen verweist dann noch auf einige der Auswirkungen dieses Auseinanderbrechens der Gesamtschau, des Zerfalls des einen Endzwecks in viele kleine subjektive, vom Menschen gemachte, Zwecke, von denen keiner dem Menschen wirklich gerecht werden kann, weil das Wesentliche – oder vielmehr: der Wesentliche – fehlt. Die Auswirkungen die Esolen nennt, ergeben in der Summe den totalen Zusammenbruch unserer Hochkultur und einen Rückfall in barbarische Zeiten. Es ist nichts weniger als die Entzivilisierung der Zivilisation. Und wir eilen weiter voran, unermüdlich, alle Zäune einreißend, immer unbefriedigt dem nächsten Tabubruch nachhaschend, in der vergeblichen Hoffnung, er möge uns endlich erfüllen. Doch erfüllen kann uns nur das Wahre: Nur die Wahre Liebe, die Wahre Schönheit, die Wahre Freiheit und so weiter. Doch Jesus sagte, er sei die Wahrheit. Er hat sie nicht nur – er ist sie. Daher kann auch nur er uns erfüllen.

Esolen schließt brillant:

Modern man, then, needs to behold that virtue that spiritualizes the body, uniting the natural appetites in an integral orientation towards what is holy. That virtue is purity

Dem ist vorbehaltlos zuzustimmen. Solange der Mensch „seinen“ Körper nur als materielles Werkzeug begreift, wird der im Westen begonnene Verfall sich immer weiter ausbreiten, da auch der Westen sich ausbreitet, durch die ökonomische Globalisierung, die durch und durch westlich ist – nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es derzeit noch westliche Kulturen sind, die im globalen Wettbewerb die Nase vorn haben, sondern aus dem tieferen Grund, dass die Werte, die der Globalisierung zugrunde liegen, wie etwa der Universalismus, letztlich Perversionen der Christlichen Kultur des Westens sind.

Den Körper als „spirituelle“, geistliche Realität zu begreifen und ihn entsprechend zu behandeln, ist in der Tat notwendig. Denn unsere Leiber sind ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor 6:19), wie schon Paulus wusste.