Wessen Wunsch sind „Wunschkinder“?

Jedes Kind, so schallt uns aus der Welt entgegen, solle ein „Wunschkind“ sein. Ist es nicht das beste für alle Beteiligten, für Vater, Mutter und auch das Kind selbst, wenn es aus dem freien Entschluss, dem freien Kinderwunsch der Eltern hervorgeht? Diese Idee klingt so verführerisch wie ein frischer, saftiger Apfel im Paradies, und sie ist in der Tat verführerisch. Denkt man über sie nach, dann scheint die Vorstellung einer Welt glücklicher Eltern auf, die glückliche Kinder haben, und das ist natürlich eine glückliche Welt aus glücklichen Familien. Doch nicht selten täuscht das Vorstellungsbild, das eben durch säuselnde Worte der Verführung in die Irre geleitet werden kann. Dies gilt auch für die Wunschkind-Ideologie.

Denn „Jedes Kind ein Wunschkind“ ist zweideutig. Es kann bedeuten, dass Eltern immer in der Geisteshaltung verharren sollten, dass ein Kind, das jetzt gezeugt und bald geboren würde, wirklich und wahrhaft ein wünschenswerter Segen sei. Doch so wird es in der Regel eben nicht verstanden. Wer von „Wunschkindern“ redet, der meint in Wahrheit geplante Kinder: Kinder, die dann (und nur dann) auf die Welt kommen sollen, wenn sie den Eltern gerade genehm sind. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ impliziert bereits die Vorstellung unerwünschter Kinder.

Wer fordert, jedes Kind möge ein Wunschkind sein, der fordert damit im Umkehrschluss, jedes Kind, das von den Eltern nicht erwünscht wird, möge als kleine Kinderleiche vorgeburtlich entsorgt werden. Wunschkindideologie ist nichts anderes als Abtreibungsideologie.

Woher kommt die Vorstellung, es solle von den Wünschen der Eltern abhängen, ob ein Kind geboren werde? Diese Vorstellung kommt aus der Verhütungsmentalität. Sie besagt, dass Eltern selbst die Entscheidung treffen sollen, ob und wann neues Leben in die Welt kommen darf. Wenn in den Köpfen die Verhütung als Selbstverständlichkeit, als Normalität verankert ist, dann ist die Kinderlosigkeit die „normale“ Option geworden. In der Regel ist Sexualität nicht mehr mit der Schaffung neuen Lebens verbunden. Der Mensch kontrolliert durch Verhütung vielmehr, dass seinen fleischlichen Vergnügungen nicht mehr die natürliche Verantwortung gegenüber steht, infolge besagter Vergnügungen nunmehr für ein Menschenleben da sein zu müssen. Sexualität soll folgenlos sein, damit sie gefahrlos als Freizeitvergnügen zur Erholung konsumiert werden kann. Das ist die Verhütungsmentalität in Reinform.

Wenn man dann irgendwann, wie es meist früher oder später geschieht, den Wunsch nach einem Kinde verspürt, dann wird das Türchen zum neuen Leben, das bisher durch Verhütung versperrt wurde, einen Spalt geöffnet, zu einem sorgfältig ausgewählten Zeitpunkt, an dem das Kind gerade nicht stört, in der Absicht ein „Wunschkind“ auf die Welt zu bringen. Auch das Kind gerät dabei, ebenso wie die Sexualität, zum Konsumgut der Eltern. Das sieht man schon daran, dass der Ruf laut wird, Eltern, die, wenn ihr imperialer Wille es fordert, kein Kind „produzieren“ können, ein solches Kind durch künstliche Befruchtung zu verschaffen. Wir können das Konsumgut Kind nicht selbst herstellen; wir wollen aber ein Stück Kind konsumieren – also, schafft es herbei, auf dass unser imperialer Wille befriedigt werde.

Das „Wunschkind“ ist dasjenige Kind, das gnädig auf die Welt gelassen wurde, um ein Konsumbedürfnis seiner Eltern zu befriedigen. Die Vorstellung des „Wunschkindes“ entspringt aus der Verhütungsmentalität, durch die Sexualität zum Konsumgut, zur Ware wird*, und macht seinerseits folgerichtig das Kind selbst ebenfalls zum Konsumgut der Eltern.

Dabei bleibt die Kehrseite des Wunschkindes immer der „Unfall“, durch den neues Leben – mangels (sachgerechter) Anwendung der Verhütungsmittel oder durch ihr Versagen – in die Welt kommt. Solcher Unfall wird nun tendenziell zum Abfall, was wiederum logisch ist, denn „jedes Kind“ soll ja ein Wunschkind sein. Alle Kinder, die sein dürfen, sind Wunschkinder. Nicht-Wunschkinder, „Unfälle“, können, dürfen, sollen nicht mehr sein. Wie gesagt, Wunschkindideologie ist fast immer auch Abtreibungsideologie.

Was ist dieser moralisch verarmten Vorstellung vom „Wunschkind“ entgegenzusetzen? Sollen Eltern sich denn keine Kinder wünschen? Was ist die Alternative?

Die Alternative ist, dass die Eltern gerufen sind, ihren eigenen Willen, ihren eigenen Wunsch zurückzustellen. Wenn Gott einem Ehepaar ein Kind, zwei Kinder, elf Kinder zu schenken wünscht, dann sind alle diese Kinder Geschenke Gottes, die in Demut und in gläubiger Überzeugung, dass der Herr für die Seinigen sorgen wird, angenommen und geliebt werden müssen.

Die Alternative zur Wunschkindideologie und zur Verhütungsmentalität, aus der sie entspringt, ist die Haltung, dass Kinder Geschenke Gottes sind. Nicht der Elternwille, sondern der Wille Gottes ist ausschlaggebend. Nicht mein Wille geschehe, sondern Deiner, Herr! Das muss der Wahlspruch christlicher Elternschaft sein.

Der pervertierte Satz, jedes Kind solle ein Wunschkind sein, gelangt so zu seiner echten, christlichen Bedeutung. Jedes Kind ist bereits hier und heute, faktisch, in Wirklichkeit, ein Wunschkind, nämlich ein Kind, das allein auf Wunsch Gottes geschaffen und gezeugt worden ist. Gott erschafft die Seele eines jeden Kindes direkt und den Körper des Kindes indirekt durch den vermittelnden körperlichen Zeugungsakt der Eheleute. Der freie Willensentschluss der Eheleute zum Kind besteht in der Durchführung dieses Zeugungsaktes, nämlich des ehelichen Verkehrs. Mit der Einwilligung in die Durchführung des ehelichen Verkehrs ist in eins gesetzt die Einwilligung in die Erschaffung eines neuen Menschenlebens, so Gott es denn will. Diese freie Einwilligung muss nicht gegeben werden. Aus schwerwiegenden, guten Gründen können Eheleute für eine gewisse Zeit oder sogar dauerhaft auf diese Einwilligung verzichten, indem sie den Akt, der zur Zeugung von Kindern führen kann, nicht ausüben. Doch wenn sie durch ihre Körper im Sexualakt die freie Einwilligung bekennen, dann ist sie unwiderruflich gegeben, und Gott kann und wird sie öfters nutzen.

Das auf diese Weise gezeugte und geborene Kind, das Kind von Eheleuten, die den ehelichen Akt in Offenheit zum Leben vollziehen, ist immer und überall ein Wunschkind, denn die Eheleute wissen ja, wozu der eheliche Akt Gott ermächtigt! Dieses Niveau an Sexualaufklärung hat wohl jeder erwachsene Mensch. Sie müssen also, wann immer sie ihn ausführen, damit rechnen, dass Gott ihnen ein neues Leben schenken wird. Öfters wird dies unerwartet sein, und manchmal wird es den Eheleuten gerade überhaupt nicht passen.

(Ob es wohl Maria gepasst hat, als der Engel ihr erschien und sie zur Kooperation aufforderte? Bestimmt hatte sie gerade wichtige Dinge vor und hätte sich, nach ihrer menschlichen Weisheit, sicher noch kein Kind gewünscht.)

Ob es aber gerade passt oder nicht, jedes Kind ist ein Wunschkind Gottes, und wenn wir Gott wirklich lieben, dann werden wir auch jedes Kind lieben (und seine Existenz wünschen!), so wie Gott es liebt und seine Existenz wünscht.

Und dann ist auch jedes Kind für uns Menschen ein Wunschkind, weil es der Wunsch Gottes ist, und wir uns diesen Wunsch gläubig zu eigen machen, und nicht umgekehrt.

Die Vorstellung der Welt ist, dass ein Kind zu erscheinen habe, wenn die Frau, die Mutter sein möchte, dies begehrt. Menschen hätten, so behaupten inzwischen sogar manche Gerichte, ein „Recht auf Kinder“**. Dieses herbeikommandierte Kind, das Produkt des Egoismus, wird dann propagandistisch zum „Wunschkind“ verklärt.

Die diametral entgegengesetzte Vorstellung der christlichen Religion ist, dass ein Kind erscheint, wenn Gott dies begehrt. Und ein „Recht auf Kinder“ haben die Eheleute nicht. Kinder sind kein Recht, sondern ein Geschenk. Niemand hat ein „Recht“ darauf, beschenkt zu werden. Geschenke bekommt man als Beschenkter immer gratis, also aus Gnade.

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*kein Wunder, dass die Prostitution, in der Sexualität als Ware verkauft wird, in der heutigen Gesellschaft nicht mehr als moralisch verwerflich, sondern nur noch als potenziell unhygienisch und ausbeuterisch gegenüber der sich prostituierenden Frau gesehen wird. Auch dies ist ein Symptom der Verhütungsmentalität.

**Dieses Recht auf Kinder wird dann, im nächsten Schritt, als Hebel für die Einführung der Homo-Adoption verwendet; da „eingetragene Partnerschaften“ ja nicht zur natürlichen Kinderzeugung fähig sind, müsse ihnen zur Erfüllung ihres Rechts auf Kinder mindestens die Adoption zugestanden werden.

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Der Utilitarismus und seine Folgen

Einen sehr langen und interessanten Kommentar zu diesem Artikel habe ich erhalten, den ich der breiteren Leserschaft nicht vorenthalten möchte, da er ganz wichtige Punkte enthält, über die ich ohnehin noch schreiben wollte. Ich teile den Kommentar in einige Abschnitte, auf die ich dann eine Antwort gebe (es empfiehlt sich als Kontext den Artikel und die dazu bereits ausgetauschten Kommentare zu lesen):

Nochmal Utilitarismus vs deontologische Ethik(en): Vielleicht können wir uns ja doch evtl. darauf einigen, dass die Dinge nicht einfach, sondern komplex sind? – Zum Beispiel kann man im Rahmen einer utilitaristischen Argumentation zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Während der eine bereit ist, anderes Leben zu opfern zum Wohl eines “wertvolleren” Lebens, kann ein anderer, ebenfalls utiltaristisch Argumentierender eben gerade dieses “wertvollere Leben” als nicht so wertvoll ansehen und dann anders entscheiden.

Genau das ist beim Utilitarismus richtig. Moral wird zu einer Frage persönlicher Präferenzen. Ich persönlich finde die Folge x gerade noch akzeptabel, weil etwas weniger schlecht als Folge y, und du siehst es umgekehrt. Moral ist im Utilitarismus letztlich notwendigerweise relativ, weil es keine allgemein akzeptable Präferenzordnung geben kann. Nutzen und Folgen sind irreduzibel und komplex. Zudem kann man die Folgen einer Handlung in realen Situationen einfach nicht verlässlich absehen. Als Grundlage einer Ethik eignen sie sich damit nicht. Wie gesagt, ich möchte damit gar nicht leugnen, dass man die Folgen einer Handlung betrachten muss, um in konkreten Situationen zu richtigen ethischen Urteilen zu kommen. Doch die Folgenbetrachtung nimmt den ihr angemessenen Platz in der ethischen Reflektion erst dann ein, wenn sie sich der vorgängigen Untersuchung der Frage, welche Arten von Handlungen denn niemals zulässig sein können, unterordnet. Beim intrinsischen Übel endet die Folgenbetrachtung, weil man sonst auch Judas freisprechen müsste: Immerhin hat er durch seinen Verrat wesentlich dazu beigetragen, dass Christus gekreuzigt wurde, auferstehen konnte und die Menschen von ihren Sünden erlöst. Judas ist der Schutzpatron des Utilitarismus.

Bei solchen Fallbeispielen, die ja in der Theorie immer eine argumentative Rolle spielen, muss man bedenken, dass sie eben nicht wirklich “praktisch” sind (nicht eine reale Lebenssituation darstellen), sondern künstlich zum Zweck der Klärung einer Position aufgestellt werden. Was ich damit sagen will, ist, dass in einer realen Situation eben situationsbezogen überlegt und gehandelt werden sollte – und das kann man im vorhinein eben nicht für alle Fälle theoretisch “festklopfen”.

Selbstverständlich sind Fallbeispiele immer problematisch. Der Verzicht auf Fallbeispiele ist besonders problematisch für den Utilitaristen, der nämlich allein im theoretischen Elfenbeinturm die Folgen seines Handelns zuverlässig ermessen kann. In der Realität stützt er seine Ethik auf oft falsche, immer aber zweifelhafte Folgenerwartungen. Die reale Komplexität menschlichen Nutzens und wirklicher Folgen verunmöglicht die Findung korrekter ethischer Urteile nach utilitaristischem Maßstab. Er scheitert bereits an den immanenten Forderungen seiner eigenen Theorie. Naturrechtliche Ethik hat dieses Problem nicht in demselben Maße. In ihr ist nämlich durchaus Platz für eine gewisse Flexibilität in konkreten Handlungen (99,9% der möglichen Handlungen sind eben nicht intrinisch falsch, so dass die Umstände durchaus wichtig für ihre moralische Beurteilung sind). Deontologische Ethiken im Gefolge Kants tendieren tatsächlich zum moralischen Rigorismus, weshalb ich sie auch nicht für den richtigen Weg halte. Doch die naturrechtliche Ethik ist nicht rigoristisch – sie hält allerdings trotzdem an der Notwendigkeit absoluter moralischer Prinzipien fest, die, in ihrer christlichen Version, als Gegebenheiten der göttlichen Schöpfungsordnung angesehen werden.

Natürlich fände ich es auch absolut unangebracht, wenn ein Seelsorger aus “Barmherzigkeit” einer vergewaltigten Frau empfehlen würde, ihr Kind abzutreiben. Aber ebenso unangebracht wäre es (das sagst Du ja selbst!), ihr in dieser Situation die “kalten” Prinzipien der Moral an den Kopf zu werfen – das wäre ziemlich lieblos. Ich plädiere dafür, in diesen Situationen mit Verständnis nach einem gangbaren Weg zu suchen – wie immer er aussehen sollte. Und Falls die Frau sich für eine Abtreibung entscheiden sollte, dann steht es uns eben nicht zu, sie moralisch zu verurteilen; denn Du kennst ja das Diktum Jesu aus der Bergpredigt: “Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!” – Wer weiß schon, in welche Situation e r s e l b s t geraten kann und wie er dann evtl. den Moralgesetzen zuwiderhandelt …?

 Die wahren Prinzipien müssen der betroffenen Frau sanft beigebracht werden. Ihr muss jegliche Hilfe, jegliche Unterstützung angeboten werden, zu der man überhaupt fähig ist. Doch es wäre falsch, so zu tun, als ob die Abtreibung nicht immer noch ein intrinsisches Übel bliebe. Aus „Barmherzigkeit“ von der Verurteilung vorsätzlicher Tötungshandlungen gegen Unschuldige abzusehen, ist genauso absurd, wie aus „Barmherzigkeit“ eine solche Tötung zu empfehlen oder sie selbst durchzuführen. Nein, wahre Barmherzigkeit geht nicht auf Kosten des Lebens der Unschuldigen. Wahre Barmherzigkeit rettet an erster Stelle das Leben der Unschuldigen. Und wenn man Jesus zitiert, dann sollte man auch bedenken, dass das Gericht, von dem Jesus spricht, nicht die Jury der Moralphilosophen ist, sondern das göttliche Gericht, vor dem alle Menschen sich verantworten müssen. Jesus hat es mit der Ehebrecherin vorbildlich vorgemacht: Die Leute wollten sie steinigen. Er hat praktisch gesagt, man solle nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt. Aber er hat der Frau auch klar gesagt, sie solle nicht nur einfach gehen, sondern gehen und nicht mehr sündigen. Barmherzigkeit bedeutet nicht das Leugnen der Sünden, und „nicht richten“ hat nichts mit moralischer Blindheit oder Schweigen im Angesicht des Bösen zu tun, auch dann nicht, wenn die böse Handlung von einer Vergewaltigten ausgeht, die ihr Kind töten will.

Ich selbst würde dringend wollen, dass mir jemand mitteilt, wenn ich gegen das moralische Gesetz handle. Wie sollte ich sonst meine Sünden bereuen, wenn man sie mir aus „Barmherzigkeit“ verschwiege? Wahrheit und Barmherzigkeit können nicht getrennt werden. Wenn Abtreibung wirklich vorsätzliche Tötung eines Unschuldigen ist, dann ist es nicht angemessen, aus „Barmherzigkeit“ diese Tatsache zu ignorieren.

 Also eine Empfehlung an Dich (wenn ich mir das mal so erlauben darf …): Konsequente Moral als Richtschnur und Orientierung für das Leben ist unverzichtbar – und zugleich gehört in ein gelingendes Leben auch eine Herzensmilde, die Menschen in ihrer Schwachheit wahrnimmt und sie dennoch auch liebevoll annimmt. Wie das dann im einzelnen aussieht, das kann man eben nicht im vorhinein festlegen (s.o.)!

Selbstverständlichkeit gehört die Annahme der Menschen in ihrer Schwachheit dazu. Doch das bedeutet nicht, die Schwachheit nicht mehr zu benennen oder zu verschweigen. Wenn eine Frau aus Schwäche ihr Kind töten will, muss man zwei Dinge tun: Erstens, vermeiden, dass die Frau die Tötung wirklich begeht, und zweitens, die Gründe ihrer Schwachheit (in diesem Fall, die Vergewaltigung) so sanft und liebevoll wie möglich mit ihr zu besprechen und ihr bei der Überwindung ihres psychischen Notzustandes zu helfen. Wie man das konkret anstellt, kann man tatsächlich nicht im Vorhinein festlegen. Doch man kann durchaus sagen, dass es eine Weise gibt, auf die man es niemals konkret anstellen kann, nämlich, indem man die Tötung einfach zulässt und so tut, als ob sie gar keine vorsätzliche Tötung gewesen wäre. Eine Frau, die nach Vergewaltigung abtreibt, hat sicherlich eine geringere Schuld, als eine Frau, die aus nichtigen Gründen der Bequemlichkeit abtreibt. Doch die Schuld, wenn auch verringert, bleibt bestehen, und die Sünde ist objektiv dieselbe.

Zum Utilitarismus noch ein Wort und ein Denk-Beispiel: Wenn es absolut verboten ist, menschliches Leben zu töten, dann ist es auch klar verboten, ein entführtes Passiergierflugzeug abzuschießen, wenn es ganz offensichtlich auf ein Atomkraftwerd zufliegt – so ist ja auch die Rechtsprechung des BVG. Und nun: Wenn die Entführer klar gesagt haben, sie würden das Flugzeug in das AKW stürzen und wenn ebenso klar ist, dass damit hunderttausende Menschen in der nahe gelegenen Großstadt dadurch ums Leben kommen, und wenn dann genau das passiert, weil das Flugzeug (moralisch korrekt!) n i c h t abgeschossen wurde – glaubst Du, der Verantwortliche (Innen- oder Verteidigungsminister, Bundeskanzler, General oder wer auch immer) kann dann noch ruhig schlafen, weil er ja ein prima Gewissen haben müsste: “Ich habe moralisch einwandfrei gehandelt, mir kann keiner was vorwerfen!” Glaubst Du wirklich, dass er nicht denken würde: “ich hätte diese grausame Katstrophe verhindern können, wenn ich dieses Flugzeug hätte abschießen lassen, auch wenn dadurch einige hundert unschuldige Menschen geopfert worden wären”. Glaubst Du nicht, dass diese Bürde ihn sein Leben lang verfolgen würde? – Ich sage dies nur aus einem einzigen Grund: Das “wirkliche Leben” kann uns tatsächlich in äußerste moralische Bedrängnis bringen – und ich jedenfalls würde diesen Verteidigungsminister sehr gut verstehen, wenn er das Flugzeug hätte abschießen lassen, auch wenn er im vorhinein natürlich nicht hätte wissen können, ob es nicht doch auch eine andere Lösung gegeben hätte, die Katastrophe zu verhindern (vielleicht hätten ja einige Passagiere die Entführer noch im letzten Moment überwältigt, wie damals bei dem einen Flugzeug in USA 2001).

Ach ja, da ist es wieder, das Fallbeispiel! Ja, ich stimme dem Gericht zu, dass es unzulässig wäre, ein Gesetz zu verabschieden, nach dem die Tötung von Menschen gerechtfertigt werden könnte, um ein (angeblich) größeres Übel zu verhindern. Menschenleben dürfen nicht gegen Menschenleben aufgerechnet werden. Wenn ein konkreter Entscheidungsträger vor diese Situation gestellt wird, dann wird er eine Entscheidung treffen müssen, mit der er leben kann. Entschließt er sich zum Abschuss des Passagierflugzeugs, so muss er damit leben, dass er viele Menschen getötet hat, um viele Menschen zu retten. Er könnte sich strafrechtlich auf etwas berufen, was man übergesetzlichen Notstand nennt. Es gibt Fälle, für die das Gesetz nicht gemacht ist, und für die kein Gesetz gemacht werden kann. Der Entscheidungsträger muss die Verantwortung selbst übernehmen, und zwar nicht nur die politische, sondern auch die moralische. Ich weiß nicht, ob ich selbst noch schlafen könnte, egal wie ich mich entscheiden würde. Aber in letzter Konsequenz, wenn Leben gegen Leben steht – und nicht, wie bei der Vergewaltigung, Leben gegen psychischen Schmerz – haben wir eine andere Situation. So hat die Kirche Abtreibung immer grundsätzlich und ohne Ausnahme abgelehnt, auch bei Lebensgefahr für die Mutter. Und dennoch ist es nach ihrer Lehre zulässig, eine Operation zur Lebensrettung der Mutter zu unternehmen, bei der als Nebenfolge (nicht als beabsichtige Folge) das Kind stirbt. Die Tötung des Kindes darf nicht intendiert sein, aber wenn sie bei der Lebensrettung als Nebenfolge passiert, ist das durchaus zulässig. Ähnlich würde ich den Fall mit dem Flugzeug sehen, das auf ein AKW zusteuert. Wenn der Entscheidungsträger die Rettung des AKW befiehlt, und als Nebenfolge dieser Rettung das Flugzeug abgeschossen wird, dann wäre es zulässig, wenn es auch immer noch schlaflose Nächte bereiten würde. Hier haben wir einen Fall der Anwendung moralischer Prinzipien. Man darf und muss in der Anwendung flexibel sein, aber nicht, wenn dies den Bruch mit dem moralischen Gesetz bedeutet. In letzter Konsequenz darf man nicht Böses intendieren, um Gutes damit zu erreichen.

Enthaltsamkeit

Als ich noch ein Atheist war, wurde ich in der Schule mit knapp 16 Jahren gefragt, ob ich denn noch „Jungfrau“ sei. Ich bejahte dies und wurde fast ausgelacht für diese Antwort. Ich muss wohl einer von ganz wenigen gewesen sein. Auch damals war mir intuitiv klar, dass sexueller Kontakt etwas ganz Persönliches, ganz Besonderes ist, das Intimste, das zwei Menschen miteinander teilen können. Und dass man deswegen sexuell enthaltsam leben solle, mindestens, bis man sicher sei, den richtigen Partner fürs Leben gefunden zu haben. Ich hätte dies damals sicher nicht zu einer allgemeinen Regel erhoben, und ich wusste auch nicht so recht, was eigentlich an vorehelicher Sexualität falsch war. Es mangelte auch nicht an Anpassungsversuchen an die Welt. Doch je mehr ich mich von der Richtigkeit der modernen Auffassung zu überzeugen versuchte, umso weniger gelang es mir. Dies war einer der ersten Auslöser, mich mit christlichen Positionen zu beschäftigen – sie waren die einzigen, die solche Ansichten auch vertraten. Alle anderen sahen sexuelle Enthaltsamkeit als etwas Schreckliches an. Und meine Mitschülerinnen hatten, so zumindest mein Eindruck, nichts Eiligeres zu tun, als endlich nicht mehr Jungfrau sein zu müssen. Die meisten waren es wohl mit 15 oder 16 auch nicht mehr. Bei den Mitschülern sah es nicht anders aus, allenfalls noch schlimmer.

Aus meiner heutigen Perspektive kann ich sagen, dass meine damalige Haltung richtig war. Sie hat mich nicht nur vor großem psychischen Leid bewahrt, wie es nur allzu typisch für den modernen Jugendlichen ist, sondern auch einen Grundstein für meine spätere Empfänglichkeit für christliches Gedankengut gelegt. Hier war eine Sympathie zwischen meinen Intuitionen und der Haltung der Kirche – eine kleine Ritze im Panzer der Ablehnung Gottes. Diese Ritze hat Gott für einen massiven Angriff auf meine Trutzburgen genutzt und sie alle, nacheinander, systematisch, zum Fallen gebracht.

Man könnte sagen, er habe mich erobert.

Für unverheiratete Menschen ist Enthaltsamkeit schwierig. Manche sagen sogar, sie sei unmöglich. Die Tugend der Keuschheit verlangt allerdings entweder absolute eheliche Treue oder absolute sexuelle Enthaltsamkeit. Kein Seitensprung hier und da ist in der Ehe erlaubt. Und außerhalb der Ehe ist ebenfalls kein Seitensprung erlaubt.

Wer noch nicht verheiratet ist, der ist bereits gegenüber seinem zukünftigen Ehepartner verpflichtet, diesem treu zu sein, denn Treue gilt lebenslang, und das bedeutet auch vor der Ehe.

Wer nicht verheiratet ist, weil er sich ganz Gott hingeben möchte, und eine Berufung in dieser Richtung verspürt, dem ist dieselbe absolute Treue nicht gegenüber seinem zukünftigen Ehepartner, sondern gegenüber Gott selbst geboten.

Immer ist es absolute Treue – gegenüber dem Menschen, oder gegenüber Gott. Absolute Treue ist schwer. Die Tugend der Keuschheit ist daher ein Schutzwall um die Treue, und dieser Schutzwall verlangt die Beschränkung auf höchstens einen Menschen, dem man diese Intimität schenkt.

Warum nur ein Mensch im ganzen Leben? Die Ehe ist eine Institution der Ganzhingabe, weil sie eine Institution der absoluten Treue ist. Man ist mit Leib und Seele verheiratet. Man ist „ein Fleisch“ geworden. Da sind natürlich immer noch die zwei Körper, doch sie sind zu einer Einheit verschmolzen. Nichts wird da zurückgehalten. Die Einheit steht nicht unter dem Vorbehalt der Fortexistenz emotionaler Zuneigung. Sie steht nicht unter dem Vorbehalt ökonomischer Bequemlichkeit. Sie steht nicht unter dem Vorbehalt der Pille oder des Kondoms – Kinder können ja hinderlich sein. Sie steht unter gar keinem Vorbehalt. Sie verlangt die Aufgabe aller Reserven, bis hin zur Selbstaufgabe. Sie verlangt die Bereitschaft, sich für den Ehepartner hinzugeben, ja sogar für diesen zu sterben, wie Christus am Kreuz für Seine Braut gestorben ist.

Solange wir geistliche Kondome tragen, um uns vor der unheimlichen Befruchtung durch den Opfertod Christi für uns, dir wir Glieder Seiner Braut sind, zu schützen, solange wir auch nur die kleinste Reserve vor Ihm zurückhalten, solange werden wir auch nicht fähig sein, alles unter Christus unserem Ehepartner zu geben. Solange werden wir auch körperliche Kondome tragen und die Empfängnis des neuen Lebens mit „Anti-Baby-Pillen“ verhindern. Denn es gibt eine ganz fundamentale Korrespondenz zwischen dem geistlichen und dem körperlichen Teil des Menschen. Die Sakramente beweisen es: Sie sind körperliche, materielle Zeichen für geistliche Realitäten, doch sie deuten nicht nur auf diese Realitäten hin, sondern sie bewirken sie wahrhaftig. Körperlichkeit und Geistigkeit entsprechen einander. Sie sind zwei verschiedene Ebenen, natürlich, aber zwei Ebenen derselben Realität. Und dies ist eine Realität der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes. Materielle und spirituelle Wirklichkeit durchdringen einander, bis sie manchmal kaum voneinander unterschieden werden können. Das Kondom ist eine Trennwand zwischen den Partnern beim Sexualakt. Es symbolisiert – und realisiert zugleich – die Trennwand in den Seelen der Partner. Es verkörpert eine seelische Realität, selbst wenn diese Realität nicht bewusst reflektiert wird. Sowohl körperliche als auch geistige Realität sind objektiv und sie haben eine Sprache, die wir sprechen, ob wir wollen, oder nicht.

Das Verhütungsmittel sagt – ob wir wollen oder nicht – „ich halte eine Reserve vor Dir. Ich gebe mich Dir nicht ganz hin. Ich will mir alle Optionen offenhalten. Wer weiß, was geschieht, wenn wir wirklich ernst machen.“ Denn dann ist alles möglich – wie immer mit Gott. Dann kann das ganze Leben aus der Bahn geworfen werden. Vielleicht können wir uns die Kinder gar nicht leisten. Wir müssten kürzer treten. Die Frau müsste ihren Beruf aufgeben, um die Kinder zu versorgen. Das wäre alles so hinderlich!

Ja, das wäre es. Ganzhingabe, absolute Treue, vollständige Selbstaufgabe, Verlust des eigenen Selbst in den Armen des Anderen unter Gott, das ist schwer, das ist hinderlich. So schwer, so hinderlich, wie das Kreuz, an dem Er sich für uns ganz hingegeben hat, an dem Er Seinem Vater absolut treu war, und sich vollständig selbst aufgegeben hat, bis zum Verlust des eigenen Selbst durch den Foltertod.

Das ist das Wesen unserer Religion.

Nein, die Ehe ist einmalig, weil man sich nur einmal verschenken kann. Deswegen ist sie übrigens auch nicht wirklich vereinbar mit der anderen Art, sich selbst zu verschenken, nämlich der geistlichen Berufung, besonders dem Priestertum. Wer sich einmal ganz verschenkt hat, der hat sich nicht mehr. Der Andere hat ihn. Er kann nicht mehr einfach so über sich verfügen.

Und weil die Ehe einmalig ist, kann man sie auch nicht vorwegnehmen, indem man sie vorher einfach simuliert oder ausprobiert. Gott vergibt alle unsere Fehler und Sünden, auch die Sünden gegen die Keuschheit, die mit vorehelicher Sexualität einhergehen, wenn wir um Vergebung bitten, und umkehren. Doch sie bleiben Fehler und Sünden, und es ist weitaus besser, wenn man sie nicht begeht.

Außerdem ist Enthaltsamkeit nicht nur sittlich richtig, sondern auch schön. Denn wer sich ganz aufbewahrt für den Anderen, der hat einfach mehr zu verschenken, wenn es dann soweit ist.

Homosexualität und Scheidung

Dieser Tage ist das Thema Homosexualität ja in aller Munde. Die Inselaffen (in gänzlich korrekter evolutionsbiologischer Ableitung) wollen eine „Homo-Ehe“ einführen. Die Franzosen haben denselben Plan gefasst, und in Deutschland sollen Homosexuelle, die in eingetragenen Partnerschaften leben, in Zukunft ein verfassungsgerichtlich erzwungenes erweitertes Adoptionsrecht haben. In der Kirche vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendjemand fordert, die Kirche müsse mit der Zeit statt mit der Bibel gehen und sich endlich für die Partnerschaften von homosexuellen Paaren „öffnen“. In der Praxis haben nicht wenige Seminaristen, Priester und womöglich Bischöfe sich der Homosexualität auch dadurch sehr weit geöffnet, dass sie sie selbst praktiziert haben. Oft genug auch mit Minderjährigen, worauf die überwiegende Mehrzahl der Missbrauchsfälle zurückzuführen ist.

Homosexualität ist also in aller Munde. Politisch wird es zunehmend schwer für diejenigen, die sich nicht dem Zeitgeist beugen, sondern die überlieferte Familie entschlossen verteidigen, und diejenigen, die am eifrigsten nach Toleranz gegenüber Homosexuellen rufen, haben meist überhaupt keine Toleranz, wenn es um die Minderheitenrechte von traditionellen Christen geht, die an der traditionellen, von Gott eingesetzten Ehe festhalten, und dafür auch öffentlich eintreten möchten.

Ich habe großen Respekt vor denen, die gegen die Homo-Ehe in der Öffentlichkeit kämpfen, und ihr Kampf ist notwendig. Doch das eigentliche Übel liegt woanders. Für die meisten Menschen ist einfach nicht einsichtig, warum zwei Homosexuelle nicht heiraten können, wenn sie es doch wollen. Lieben sie sich denn nicht ebenso aufrichtig, wie das heterosexuelle Liebespaar von nebenan? Ist denn nicht ihre Zuneigung deutlich erkennbar? Ja, natürlich, das mag durchaus alles sein. Es gibt solche homosexuellen Paare. Doch wenn zwei Männer einander wirklich aufrichtig lieben, warum sollen sie dann nicht heiraten können? Für den Menschen von heute ist das ein großes Rätsel und sein Unverständnis gegenüber der Haltung der Kirche rührt von daher.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil es in der Ehe nicht in erster Linie um Liebe geht! In Casti Connubii (unbedingt lesen!) zitiert Pius XI. den hl. Augustinus, demzufolge die drei Güter der Ehe „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“ seien.

Die Ehe ist für die Sicherung der Nachkommenschaft da (sowohl Zeugung als auch Aufzucht, Erziehung und Bildung der Kinder, was eine dauerhafte Bindung der Eltern aneinander und an ihre minderjährigen Kinder erfordert).

Die Ehe ist für den gegenseitigen Beistand und die Hilfe der Eheleute da. Die Eheleute stehen sich sowohl in den Fährnissen des alltäglichen Lebens, als auch (und vor allem) auf der Pilgerreise durch dieses zeitliche Leben hin zu ihrer ewigen Bestimmung im Himmel bei.

Die Ehe ist schließlich Sakrament, eine unauflösliche Verbindung zweier Menschen, die durch ihre Verbindung sichtbares Zeichen für die Vereinigung Christi und Seiner Braut, der Kirche, werden, und zwar in einer Weise, dass dieses Zeichen eines der sieben Sakramente ist. Es ist also nicht bloß ein Zeichen, sondern ein wirklich wirksames  Zeichen.

Aus diesem Eheverständnis heraus wird sofort klar, warum es nicht Hass oder Phobie ist, die den Christen zur Ablehnung homosexueller Partnerschaften führt, sondern einfach die offensichtlichen Tatsachen, dass

(1) zwei Homosexuelle durch die Nutzung ihrer natürlichen körperlichen Fähigkeiten prinzipiell niemals Nachkommen miteinander zeugen können,

(2) zwei Homosexuelle sich vielleicht auf dem Weg auf dieser Erde gegenseitig beistehen können, aber nicht auf der Pilgerreise, die in den Himmel führen soll, weil ihr Verhalten dem göttlichen Gebot widerspricht, und

(3) zwei Homosexuelle nicht in der Lage sind, die Vereinigung Christi mit Seiner Braut zu symbolisieren, weil Christus keinen Bräutigam, sondern eine Braut hat, und die Braut keine Christa, sondern den Christus.

Die „Ehe“ zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist daher einfach ein Widerspruch in sich. Man kann keine „Homo-Ehe“ einführen, ebenso wie man nicht per Dekret festlegen kann, dass alle Eier in Zukunft perfekte Sechsecke seien. Eier sind nun einmal eiformig, nicht sechseckig, und Ehen sind nun einmal verschiedengeschlechtlich, nicht gleichgeschlechtlich.

Doch dieses Eheverständnis sagt noch viel mehr aus als nur die Unmöglichkeit der „Homo-Ehe“. Auch die Scheidung ist damit unmöglich. Die Pilgerreise, auf der die Eheleute einander beistehen sollen, ist lebenslang. Sie endet erst mit dem Tod. Und die Ehe zwischen Christus und der Kirche ist ewig, so dass eine bloß temporäre Bindung unter Scheidungsvorbehalt aus diesen Gründen ebenfalls ein Widerspruch in sich ist.

Ebenso ist mit diesem Eheverständnis ausgesagt, dass die Ehe, selbst abgesehen von dem sakramentalen Charakter (ohne den eine Ehe ja durchaus gültig sein kann), niemals gänzlich säkular gedacht werden kann, da es nicht nur um gegenseitigen Beistand auf Erden geht, sondern eben auch um Unterstützung und Stärkung auf dem Weg in die ewige Seligkeit.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Implikationen des katholischen Eheverständnisses. Mit diesem gedanklichen Hintergrund kann man ganz ohne Appell an bloße „Ressentiments“ oder „Hass“ oder „Phobien“ erklären, dass eine Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts einfach ein Widerspruch in sich ist. Doch konsequent muss dann auch gegen Scheidung sein, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wenn es bei der Ehe wirklich nur um gegenseitige Zuneigung geht, dann muss die Ehe auch Homosexuellen gestattet werden. Wenn es bei der Ehe aber in erster Linie um etwas ganz anderes als bloße Zuneigung geht, nämlich „Nachkommenschaft, Treue, Sakrament“, dann sieht die Sache ganz anders aus.

Das dominierende Eheverständnis, auch unter vielen Gegnern der „Homo-Ehe“, ist aber das moderne, säkulare Verständnis, die Ehe sei ein sichtbarer Ausdruck für die gegenseitige Liebe der Ehepartner und biete ihnen eine rechtliche Absicherung, die diesem Ausdruck eine gewisse Stabilität bietet, solange die Ehepartner einander noch lieben. Unter diesen Prämissen ist ein Beharren auf der Heterosexualität der Ehe unlogisch und kann dann selbst von gutwilligen Anhängern der „Homo-Ehe“ – von denen ich einige kenne – eigentlich nur als irrationale Ablehnung, als Hass oder Phobie, gedeutet werden. Denn einander lieben können Homosexuelle auch.

Wenn Ehe bloß Liebe + Sex ist, dann sollte Homosexuellen die Ehe geöffnet werden, und Scheidung sollte leicht möglich sein, sobald die Liebe schwindet oder der Sex nicht mehr gut genug ist.

Wenn Ehe aber Nachkommenschaft + Treue + Sakrament bedeutet, dann können zwei Homosexuelle ebensowenig heiraten wie sie die Arme ausstrecken und aus eigener Kraft fliegen können.

Doch dann darf man die moderne Ehe nicht als gegeben hinnehmen, sondern muss für ihre Rückkehr zu den wesentlichen Ehezwecken kämpfen, was dann auch die Unauflöslichkeit bedeutet.

Das ist derzeit politisch nicht durchsetzbar. Doch indem man davon schweigt, wird es nicht leichter durchsetzbar, sondern schwerer.

Drei einfache Beobachtungen

1. Abtreibung ist nach katholischer Lehre grundsätzlich verwerflich, auch wenn sie in den ersten Stunden oder Tagen nach der Befruchtung stattfindet. Da es sich bei Abtreibung um die Tötung eines unschuldigen Menschen handelt, reicht selbst ein geringer Verdacht, es könne zur Abtreibung kommen, bereits aus, um die Einnahme der „Pille danach“ kategorisch abzulehnen. Auch wenn es einige Studien gibt (auf die sich die deutschen Bischöfe jetzt berufen wollen), nach denen die „Pille danach“ womöglich ohne nidationshemmende (=frühabtreibende) Wirkung funktioniert, gibt es ebenso Studien, die das genaue Gegenteil behaupten. Die Wirkweise ist nicht endgültig geklärt. Es ist also keinesfalls auszuschließen, dass es durch die „Pille danach“ zu Frühabtreibungen kommt.

Im Zweifelsfall daher für das Leben und gegen die „Pille danach“.

2. Die Tötung unschuldiger Menschen ist auch dann nicht erlaubt, wenn eine Vergewaltigung vorhergegangen ist. Die Tatsache, dass die Mutter vergewaltigt wurde, entschuldigt nicht, dass sie ihr Kind (durch die Einnahme einer möglicherweise frühabtreibenden Medikation) womöglich tötet. Selbstverständlich kann durch die Situation extremer psychischer Belastung, der eine Frau infolge einer Vergewaltigung oft ausgesetzt ist, im Einzelfall die Schuldfähigkeit der Frau mindern, doch Abtreibung bleibt eine Todsünde und eine Abtreibung billigend in Kauf zu nehmen, indem man die „Pille danach“ nimmt (oder sie einer Frau anbietet, verabreicht, verschreibt etc.) ist nicht viel besser. Übrigens kann das Kind am allerwenigsten für seinen Vater. Wer gegen die Todesstrafe für Vergewaltiger ist, der sollte die Todesstrafe für das Kind des Vergewaltigers erst recht ablehnen.

Vergewaltigung rechtfertigt also keinesfalls, die Tötung des unschuldigen Kindes billigend in Kauf zu nehmen, wie dies bei der Einnahme der „Pille danach“ geschieht.

3. Verhütung ist nach der Lehre der Kirche ein intrinsisches Übel, d.h. sie kann nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden. Sie ist an sich moralisch falsch. Es gibt einige orthodoxe katholische Theologen, die die Einnahme eines (nicht-frühabtreibenden) Verhütungsmittels in Extremsituationen rechtfertigen wollen, um ein größeres Übel zu verhindern. Wie auch immer es damit bestellt sein mag – im Falle einer bereits geschehenen Vergewaltigung wird durch die „Pille danach“, selbst wenn sie nicht frühabtreibend wirkt, kein „größeres Übel“ verhindert, sondern die Entstehung eines von Gott selbst geschaffenen Menschenlebens! Das ist kein Übel, sondern ein Segen, wie schrecklich die Umstände seiner Entstehung auch gewesen sein mögen.

Das geschehene große Übel, die Vergewaltigung, kann durch eine nachträgliche Verhütung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie ist unwiderruflich geschehen. Die Frage bleibt nur, was man dann aus der Situation macht. Wie gesagt, das Kind kann nichts für seinen Vater. Ich verstehe, dass Frauen nach Vergewaltigungen oft das in ihnen wachsende Leben hassen. Sie müssen es auch, wenn sie sich dazu nicht in der Lage fühlen, nicht großziehen.

Aber sie dürfen es nicht töten und sie dürfen auch keine schweren Sünden (wie Verhütung) begehen, damit sich ihr belasteter psychischer Zustand dadurch bessere.

Zusammenfassung:

1. Abtreibung ist ein intrinsisches Übel, eine schwere Sünde, die niemals zulässig ist, auch nicht zur Verhinderung eines anderen Übels. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

2. Da Abtreibung nicht durch die Umstände gerechtfertigt werden kann, gilt dies auch für Kinder, die von Gott infolge dieses großen Übels Vergewaltigung geschaffen worden sind.

3. Was für Abtreibung gilt, trifft auch für Verhütung zu.

Die Einnahme der „Pille danach“ ist aus diesen drei Gründen auch in Fällen von Vergewaltigung grundsätzlich und generell abzulehnen.

Sie zu empfehlen, zu verschreiben oder zu verabreichen stellt eine Form der Kooperation oder Beihilfe zur Begehung dieser Sünde dar und ist daher ebenfalls auch in Fällen von Vergewaltigung generell und grundsätzlich abzulehnen.

Dies ändert sich auch durch die falsche Meinung der Zeitgeistbischöfe, befeuert von falsch verstandenem Mitleid mit dem tatsächlich schrecklichen Schicksal vergewaltigter Frauen, nicht. Selbst wenn ein Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben der stehenden Haltung seiner eigenen Behörde im Interesse des Zeitgeists widerspricht. Mit dem Bauch zu denken und auf Meinungsumfragen zu hören führt gerade im Feld der Sittenlehre nur allzuoft zu schrecklichen Fehlschlüssen.

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Einige Verweise zum Thema:

Offizielle Stellungnahme der Päpstlichen Akademie für das Leben zur „Pille danach“ (2000) – dürfte wohl höher zu bewerten sein als die persönliche Meinung des Präsidenten… Hier ist keine Spur von moralischem Sentimentalismus bzw. Populismus. Die Wahre Lehre wird klar und deutlich vermittelt.

German Bishops give qualified approval of morning after pill (Life Site News)

World’s Top Authority on morning-after-pill says women must be told it may cause abortions (Life Site News) – Die Studienlage ist eben unklar. Im Zweifel für das Leben.

Vatican versus Vatican (Rorate Caeli) – Verschiedene widersprüchliche Aussagen aus dem Vatikan zum Thema „Pille danach“

Vatican II at 50: German bishops OK abortifacient morning-after-pill (Rorate Caeli)

Pope Benedict: Inaction to the end? (Mundabor)

Mut zur Lebensferne

Immer wieder begegnet mir die Aussage, irgendetwas sei „lebensfern“, „lebensfremd“ oder „weltfremd“. Oft geht es dabei um die Kirche. Es sei etwa lebensfremd, dass die Kirche bis heute die Sündhaftigkeit gelebter Homosexualität oder die grundsätzliche Verwerflichkeit von Verhütungsmitteln lehre. So etwas sei den Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln. Es ist lebensfern. Diese Aussage ist in der Regel gleichbedeutend mit: „Es soll geändert werden“. Schließlich, so geht die bekannte Rede, müsse die Kirche zu den Menschen gebracht werden. Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Natürlich stimmt das in einer gewissen Hinsicht auch. Ein Auftrag der Kirche ist tatsächlich, den Menschen zu helfen. In allen Zeiten hat die Kirche sich für die Armen und Schwachen eingesetzt. Selbst Kirchenfeinde würdigen oft ihre soziale Tätigkeit und kaum jemand möchte ernsthaft auf die Leistungen der Kirche in dieser Funktion verzichten – nicht einmal Claudia Roth. Für diese Aufgabe muss die Kirche also ganz nah bei den Menschen sein. Der Helfer muss nah bei den Menschen sein, um helfen zu können und es bringt nicht viel, wenn der Arzt während einer diffizilen Operation zehn Kilometer von seinem Patienten entfernt ist.

Doch selbst wenn wir dies den Agitatoren der „Lebensnähe“ zugestehen, bleibt doch die Frage übrig, ob sich der Auftrag der Kirche in dieser sozialen Tätigkeit erschöpfe. Es ist notwendig, dass die Kirche den Menschen hilft. Doch reicht das schon? Um welche Hilfe geht es dabei? Ist nicht die Aufgabe der Kirche in erster Linie das Seelenheil der Menschen und hilft sie nicht am meisten, indem sie bei der Erlösung hilft? Ist nicht der größte Dienst am Menschen der Dienst an ihrem Seelenheil? Ist das nicht die wahre Grundlage der kirchlichen Tätigkeit?

Was bedeutet es, einem Menschen zu helfen? Man hilft einem Menschen, indem man ihm gibt, was er braucht. Was er braucht kann durchaus etwas ganz anderes sein, als was er will. Der Helfer, und das gilt bei weltlichen ebenso wie bei geistigen Dingen, steht oft vor der Herausforderung, dass der, dem geholfen werden soll, die Hilfe einfach ablehnt. Im Endeffekt muss man das akzeptieren, wenn es sich um einen mündigen Erwachsenen handelt. Wer die Hilfe ablehnt, dem kann nicht geholfen werden. Wer selbst nach hundertfacher Aufforderung nicht klopfen möchte, dem wird auch nicht aufgetan. Am Ende sind die Menschen für sich selbst verantwortlich, und die Kirche kann sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen.

Doch sie kann versuchen, sie zu überzeugen. Wenn ein Mensch eine schwere Krankheit hat, und der Arzt weiß, allein die Therapie „x“ kann ihm jetzt noch helfen, dann wird er versuchen, den Patienten von den Vorzügen dieser Therapie zu überzeugen. Vielleicht ist die Therapie schmerzhaft, doch sie ist notwendig, wenn der Patient überleben möchte. Man könnte sagen, der Arzt sei „lebensfremd“, weil er „unbarmherzig“ die Schmerzen des Patienten ignoriert und einfach mit seiner „dogmatischen“, „rigiden“, „unflexiblen“ Therapie fortfährt, ohne sich um die offensichtlichen Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Niemand würde dies ernsthaft behaupten. Der Arzt möchte den Patienten retten, und deswegen rät der Arzt seinem Patienten zu der schmerzhaften Therapie. Das ist keine Lebensferne, und keine Unbarmherzigkeit, sondern einfach gesunder Menschenverstand.

Dasselbe gilt für die Kirche. Auch sie möchte den Menschen helfen. Auch die Therapie, die sie den Menschen anbieten kann, hat öfters schmerzhafte Nebenfolgen. Man muss von seinen Sünden ablassen, stetig gegen sie ankämpfen. Man muss umkehren. „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“, sagt Jesus. Bei vielen Menschen, etwa bei Ehebrechern, ist es notwendig, den ganzen Lebenswandel zu ändern und völlig neu anzufangen. Das kann schmerzhaft und schwierig sein, und wer wollte es dem Einzelnen verübeln, dass er Ressentiments gegen den Arzt entwickelt, der so eine schmerzhafte Therapie verordnet. Das kommt auch bei wirklichen Ärzten manchmal vor.

Doch allein der gesunde Menschenverstand sagt schon, dass eine notwendige Therapie auch dann notwendig bleibt, wenn sie unangenehm ist. So etwas ist in gewisser Hinsicht „lebensfern“, weil man von dem konkreten Schmerz absehen und gewissermaßen die Vogelperspektive einnehmen muss. Man muss das Ganze in den Blick nehmen. Und vor diesem Ganzen relativiert sich der weltliche Schmerz, der auftritt, wenn etwa der Ehebrecher zu Umkehr, Reue, Buße aufgerufen wird, und den ernstlichen Versuch unternimmt, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen.

Aus der Vogelperspektive, ganz fern vom einzelnen, individuellen Leben und seinen alltäglichen und besonderen Sorgen, wird sichtbar, dass der Schmerz der Umkehr, die Umstellung des eigenen Lebenswandels, nicht einmal ein kleines Staubkorn ist, wenn man ihn mit dem Lohn vergleicht, der den Heiligen im Himmel erwartet.

Denn eines wird oft vergessen: Das Leben, das wahre Leben, endet nicht mit dem Tod. Der Tod ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Anfang.

Oft ist es daher notwendig, diesem Leben fern zu sein, um jenem ganz nahe zu kommen. Unsere Schätze als Christen liegen im Himmel und nicht auf Erden, und keine noch so attraktive Geliebte kann so verzückend sein, wie die Ewige Anschauung des Herrn, der die Liebe ist.

Aber ja, das ist alles lebensfern und weltfremd. Es holt die Menschen nicht da ab, wo sie sind. Viele werden das weder hören noch verstehen wollen. Es spricht den Menschen von heute nicht an.

Na und?

Ein ganz deutliches Bild

Quelle: Washington Times

Der eigentliche Grund für die natürliche Familie aus Vater, Mutter und Kindern ist aus christlicher Sicht nicht soziologischer Natur. Selbst wenn aus irgendwelchen Gründen die christliche Familie nicht die nach weltlichen Maßstäben beste Lebensform für die Menschen wäre, könne der Christ aus theologischen und moralischen Gründen nicht anders als sie zu unterstützen.

Doch auch wenn die ganz weltlichen, praktischen Gründe für den Christen nicht ausschlaggebend sein können, so weisen sie trotzdem auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Dass die Ehe nämlich nach wie vor der Ort ist, an dem Kinder besonders gut und geistig wie körperlich gesund aufwachsen. Dass Kinder immer noch in einer Familie aus Vater und Mutter, verbunden durch den Bund der Ehe, am besten aufgehoben sind, und nicht in irgendwelchen allein aus ideologischen Interessen heraus unter dem Vorwand von „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Selbstverwirklichung“ erfundenen sonstigen „Partnerschaftsformen“.

Bei Mundabor bin ich auf eine weitere Studie aufmerksam geworden, die das alles erneut dreimal unterstreicht. Die obige Grafik fasst ihre Ergebnisse zusammen – sie sind selbst von einem nichtchristlichen, rein weltlichen Standpunkt ziemlich eindeutig.

Abtreibung: Das grundlegende Argument

Einleitung

Abtreibung ist ein meist totgeschwiegenes Thema, das, wenn es überhaupt einmal zur Diskussion steht, zudem noch mit Vorurteilen aufgeladen ist. Wenn man mit Abtreibungsbefürwortern spricht, erschöpft sich das allgemeine Niveau meist in „mein Bauch gehört mir“ und „du bist gegen Frauen“ oder „gegen Entscheidungsfreiheit“. Nur selten hat man die Chance zur sachlichen Entgegnung, aus der dann vielleicht ein freundschaftliches Gespräch entsteht.

Doch aus verschiedenen Diskussionen über das Abtreibungsthema, an denen ich aktiv oder passiv (als Zuhörer) teilgenommen habe, weiß ich auch, wie schwer es Lebensschützern oft fällt, ihre Position auf verständliche, nicht-religiöse Weise zu artikulieren. Natürlich ist das religiöse Argument für ernsthafte Christen so zwingend wie kein anderes. Doch nichts schreckt einen Abtreibungsbefüworter mehr ab als ein „religiöser Fundamentalist“, der „wieder diesen Gott ins Spiel bringt“. Wenn man mit Abtreibungsbefürwortern sprechen will, muss man sie dort „packen“, wo ihre Überzeugung angreifbar ist, und wo eine gemeinsame Basis besteht.

Das fällt vielen christlichen Lebensschützern schwer. Daher erlebe ich immer wieder (hauptsächlich in Internetdebatten, aber auch sonst) einen von zwei Effekten: Entweder der Lebensschützer argumentiert religiös, und der Abtreibungsbefürworter antwortet, die „alten Kerle in der Kirche, diese Kinderf….“ und den Rest kann man sich denken. Oder der Abtreibungsgegner geht auf die Befindlichkeiten des Gegenübers ein, und argumentiert gegen besonders barbarische Formen der Abtreibung, oder gegen Väter, die die von ihnen geschwängerten Frauen zur Abtreibung zwingen, oder gegen Spätabtreibung, oder gegen Abtreibung zur Geschlechterselektion, oder andere Fälle, in denen vielleicht ein Konsens zu erzielen wäre.

Selbst wenn der Lebensschützer mit dieser Strategie Erfolg hat, ist noch nicht viel gewonnen. Die meisten Abtreibungen geschehen nun einmal nicht aufgrund solcher Extremsituationen, sondern einfach, weil das Kind gerade nicht passt, oder die Finanzlage knapp ist, oder die Partnerschaft „einfach kein Kind aushält“ usw. Der Abtreibungsbefürworter wird weiterhin alle diese „normalen“ Abtreibungen befürworten.

Der einzige Weg, einen Abtreibungsbefürworter vom Gegenteil zu überzeugen, ist, in ihm die Erkenntnis reifen zu lassen, dass das ungeborene Leben ein menschliches Leben ist, das wie jedes menschliche Leben unter dem besonderen Schutz der Gesellschaft und des Staates zu stehen hat. Glücklicherweise ist das nicht nur ein Argument, das Abtreibung gleich grundsätzlich als falsch erscheinen lässt, sondern auch noch ganz ohne Zuhilfenahme religiöser Botschaften vermittelbar.

Das grundlegende Argument

Jedes gute Lehrbuch der Biologie oder Embryologie wird bestätigen, dass das menschliche Leben, das heißt das Leben eines Organismus unserer Spezies, mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, und zu keinem späteren Zeitpunkt. Alle späteren Vorgänge sind Reifungsprozesse eines bereits bestehenden, existierenden, menschlichen Wesens, eines ganz, ganz kleinen Kindes. Da haben wir schon einen kleinen Menschen, der dann langsam seine Anlagen ausbildet, die ihm genetisch mit auf den Weg gegeben sind. Durch die Ausbildung dieser Anlagen verändert sich dieser Mensch sehr stark. Es kommt zur Diversifikation der Körperfunktionen; „Stammzellen“ differenzieren sich aus, Organe werden geformt, ein kleines Herz fängt nach wenigen Wochen bereits an zu schlagen. Doch das sind alles Veränderungen, die an dem schon existierenden Menschen geschehen.

Und dass das so ist, das lehrt nicht die Kirche, sondern die Wissenschaft. Es ist keine religiöse These, dass das menschliche Leben mit der Zeugung beginnt, sondern eine biologisch sehr gut bestätigte, und wissenschaftlich nicht umstrittee Tatsache. Das menschliche Leben beginnt mit der Zeugung, mit der Befruchtung der Eizelle. Nicht mit der Implantation, nicht nach drei Monaten, nicht wenn das Kind überlebensfähig außerhalb des Mutterleibs wäre, nicht bei der Geburt, sondern im Moment der Befruchtung.

Wollen wir uns wirklich gegen den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt im Interesse überkommener feministischer Dogmen stellen? Wollen wir der rationalen Wissenschaft folgen, oder der Päpstin Alice Schwarzer dienen?

Und wenn wir einmal anerkennen, dass das, was da in „meinem Bauch“ ist, der „mir gehört“, eben nicht bloß „ein Zellhaufen“ ist, sondern ein individuelles, genetisch einzigartiges, unverwechselbares Lebewesen, nämlich ein kleines Menschenkind, dann können wir nicht mehr sagen: „Mein Bauch gehört mir“. Denn selbst wenn mein Bauch mir gehört – der Mensch in meinem Bauch gehört nicht mir. Und wenn man diesem Menschen keine vorübergehende Heimstatt im „Bauch“ bietet, dann stirbt dieser Mensch. Dann töten wir diesen Menschen.

Also ist Abtreibung die Tötung eines kleinen, unschuldigen, schutzbedürftigen Etwas, das nach eindeutigen wissenschaftlichen – nicht religiösen – Erkenntnissen ein Mitglied der menschlichen Spezies ist.

Und man darf keine Menschen töten. Das erkennt wohl auch der Abtreibungsbefürworter normalerweise abstrakt an.

Doch wenn

(1) Abtreibung die Tötung eines Menschen ist,
und
(2) Tötung eines Menschen moralisch falsch ist und gesetzlich bestraft gehört,
dann gilt:
(3) Abtreibung ist moralisch falsch und muss gesetzlich bestraft werden.

Wissenschaft und Logik führen also zum Abtrebungsverbot – das Festhalten an der legalisierten Abtreibung ist also nur faktenresistentes rückständiges Festklammern an überkommenen Dogmen längst gescheiterter politischer Ideologien.

Natürlich gibt es dagegen auch wieder Einwände von seiten einiger Abtreibungsbefürworter, die nicht mit Stammtischparolen wie „Mein Bauch gehört mir“ argumentieren, doch dazu später mehr.

Lügen in der Abtreibungsfabrik

Lila Rose, die Gründerin von „Live Action“

Der Hochwürdige Herr Alipius hat kürzlich die in der englischsprachigen katholischen Blogosphäre schon seit langem tobenden Kampf um die Rechtmäßigkeit der Lüge als Teil einer Undercover-Operation gegen Abtreibungsorganisationen wie „Planned Parenthood“ in die deutsche Blogozese importiert. Die Details der aktuellen Situation kann man sich bei Alipius abholen, aber im Prinzip hat die amerikanische Lebensschutzgruppe „Live Action“ Undercover-Operationen durchgeführt, um die selbst nach dem liberalen amerikanischen Abtreibungsregime nicht akzeptablen Zustände bei Planned Parenthood aufzudecken. Zu diesem Zweck kreuzte man bei einer Niederlassung der Abtreibungsförderer auf, und gab sich fälschlich als Kunde aus, der eine Abtreibung wolle, und zwar jeweils aus selbst in den USA noch als verwerflich geltenden Gründen. Die Reaktion der Mitarbeiter von PP filmte man mit versteckter Kamera und veröffentlichte sie später.

Die Moralität dieser Taktik ist natürlich sehr umstritten. Bereits vor einigen Monaten, als ein vergleichbares Video veröffentlicht wurde, explodierte die englische Katholosphäre angesichts der Frage, ob das Vorgehen von Live Action moralisch zulässig sei. Manche behaupteten, es sei eine Lüge, und Lügen sei immer moralisch falsch, so sage es der Katechismus. Andere erklärten, die Abtreiber bei PP hätten „kein Recht auf die Wahrheit“, und man dürfe ihnen deswegen auch Falsches erzählen, ohne dadurch im strengen Sinne zu lügen. Wieder andere brachten philosophische Argumente vor, die mal so und mal so ausgingen. Die Debatte steigerte sich so weit, dass nach endlosen Kommentarschlachten am Ende die halbe englische katholische Blogosphäre in Aufruhr war, und die eine Seite die andere beschuldigte, sie sei utilitaristisch, indem sie das Böse rechtfertige, damit Gutes daraus komme, und die andere Seite die eine beschuldigte, sie sei von einem unerträglichen, pharisäerhaften moralischen Rigorismus befallen, der jenseits jeglicher gesunder Moral liege.

Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass allen Beteiligten die Lektüre des alten Gleichnisses mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen Auge gut getan hätte.

Angesichts der radikalen Verurteilungen der sündhaften Lügner von Live Action gerieten die Abtreibungen leider ganz in Vergessenheit. Man hatte halt wichtigeres zu tun…

Nun haben wir die Debatte auch hier in der Blogozese. Glücklicherweise ist sie hier bislang sachlich geblieben, und wir wollen hoffen, dass dies auch so bleibt. Doch eine Frage bekomme ich einfach nicht aus dem Kopf. Wo ist die Verhältnismäßigkeit in dieser Diskussion? Ja, ich gestehe jederzeit zu, dass die Lüge, verstanden als vorsätzliche Falschaussage mit Täuschungsabsicht, immer und überall moralisch falsch ist. Die folgenden Zeilen sind nicht als Kritik an dieser Auffassung zu verstehen, sondern als Kritik an der Verhältnismäßigkeit der Debatte.

Wir haben zwei Handelnde, A und B.

A verdient sein Geld mit dem Töten unschuldiger kleiner Kinder, und B findet das nicht gut. A ist aber der Meinung, dass das Töten der Kinder nicht so schlimm ist, weil ihre Eltern sie ja nicht gewollt haben, und weil er außerdem viel Geld damit verdient, und sich den Jaguar leisten kann, mit dem er jetzt zur Arbeit fährt. B findet es aber besonders schlimm, wenn jemand kleine Kinder für Geld tötet. Sie ist der Meinung, sie müsse etwas dagegen tun. Doch die Menschen sind nicht an dem Leben der Kinder interessiert, weil es ihnen hinderlich wäre, wenn sie ihre Kinder nicht mehr töten lassen könnten. Also denkt B sich einen Plan aus. Sie geht in die Fabrik, wo A die kleinen Kinder tötet, und behauptet, sie wolle ihr Kind auch töten lassen. A ist ganz begeistert. Aber jederzeit doch, sagt er ihr mit breitem Lächeln, und zählt im Kopf schon das Geld, von dem er sich sein neues Urlaubshaus in den Bergen kaufen will. Da bist du hier richtig.

Es gibt da nur ein Problem, sagt B. Ich will mein Kind töten lassen, weil es ein Mädchen ist. A wird bleich. Kinder töten zu lassen finden die Menschen da draußen zwar ganz okay, aber etwas gegen Mädchen zu haben, nicht. Doch er denkt wieder an sein Urlaubshaus in den Bergen und nickt und lächelt wieder. Kein Problem, sagt er. Wir fragen da nicht weiter nach. Wir machen, was du willst, solange du nur zahlst. B nickt ebenfalls. Kein Problem. Unser Präsident hat ja jetzt ein Gesetz gemacht, durch das meine Versicherung dich für die Tötung meiner kleinen Tochter bezahlt, damit ich sie mir auch leisten kann. Hoch lebe unser Präsident. Ja, bestätigt A, wir haben einen tollen Präsidenten. Er denkt, vielleicht kann er sich dann ja sogar ein großes Segelboot kaufen, was er schon wollte, seit er ein kleiner Junge war, den seine Eltern nicht haben töten lassen.

A und B sind sich einig. A will die kleine Tochter von B gern töten, und solange man ihn bezahlt, ist ihm egal, warum die Mutter ihre kleine Tochter töten lassen will. Doch er hat einen Fehler gemacht. Denn B hat alles mit der versteckten Kamera aufgenommen. Sie veröffentlicht ihr Video im Internet, und so erfahren die Menschen da draußen von dem, was A und B besprochen haben.

Die Katholiken, die von sich sagen, sie wollten nicht, dass die kleinen Kinder getötet werden, sehen sich das Video an, und sind so richtig empört. Wie kann man nur…, denken sie sich. So etwas kann man doch nicht machen! Man darf nicht Lügen! Das geht doch nicht! Der Katechismus sagt, Lügen ist Sünde! Ihr Blut gerät in Wallung. Sie schreiben lange Artikel, in denen sie sagen, dass man gar nicht lügen darf Und dass B eine schlimme Frau ist, die schlimme Sünden begeht, und sich für diese Sünden vor Gott verantworten muss.

Unterdessen tötet A weiter.

Welch eine Absurdität! Erzählen Sie das Ihren Kindern, und sie werden sofort erkennen, wie lächerlich diese ganze Debatte ist. Ja, die Lüge von B ist moralisch nicht ganz makellos. Es ist eine winzige, lässliche Sünde. Und sie bekommt 95% der Aufmerksamkeit.

Das ist als ob nur darüber diskutiert würde, dass der kleine Hans eine Tafel Schokolade gestohlen hat, während in der Nachbarschaft ein Kettensägenmörder umgeht. Einfach grotesk.

Der Teufel hätte es nicht besser gekonnt. Wir greifen Live Action für ihr nicht ganz makelloses Verhalten an, während die Abtreiber sich eins grinsen – sie haben es mal wieder geschafft. Wir rufen: Haltet die Lügner, während die Kronjuwelen gestohlen werden. Wir rufen: nieder mit der lässlichen Sünde, während die Todsünde fröhliche Urstände feiert.