Thesen zur traditionellen Messe (1)

Als im Jahr 1970 der Novus Ordo promulgiert worden ist, war ich weder Katholik noch überhaupt geboren. Daher habe ich keine positiven oder negativen Erinnerungen an die damalige Zeit und ihre Entscheidungen, weder eine Bitterkeit über radikale Reformen noch über ihr angebliches Ausbleiben. Als ich jedoch im Jahre 2008 erstmals den katholischen Glauben ernsthaft betrachtete, fühlte ich mich sofort zum „alten“ Ritus hingezogen. Aber nicht aus guten liturgischen Gründen – ich war liturgischer Analphabet.  Ich begegnete im Internet (und ich lernte den Katholizismus zuerst ausschließlich durch das Internet kennen) drei Gruppen von Katholiken:

(1) Die einen hatten sich demselben Zeitgeist angepasst, vor dem ich gerade erst zu fliehen begonnen hatte – diese waren überzeugte Anhänger der „Neuen Messe“.

(2) Die anderen waren überzeugte Gegner des Modernismus und verteidigten die moralischen Positionen, zu denen ich unabhängig vom katholischen Glauben 2008 gerade zu finden begonnen hatte, mit Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit – diese waren überzeugte Anhänger der „Alten Messe“.

(3) Die dritte Gruppe, für die das beste Beispiel wohl der amerikanische Blogger und Autor Mark Shea ist, ähnelte der zweiten Gruppe in ihrer Verteidigung der moralischen Werte, von denen ich mehr und mehr überzeugt war. Sie respektierten die Messe sowohl in der „neuen“ als auch der „alten“ Variante – obgleich sie generell persönlich eher den Novus Ordo zu bevorzugen schienen.

Dieser Eindruck bestätigte sich wieder und wieder – wenn ich von einem katholischen Autor wusste, wie er zur „Alten Messe“ stand, konnte ich in 99% der Fälle seine Position zu theologischen und moralischen Fragen vorhersehen. Ich habe in drei Jahren bisher noch keinen Katholiken im Internet oder anderswo angetroffen, der sowohl Humanae Vitae als auch den Novus Ordo für den großen Wurf hielt. Ebenso kenne ich niemanden, der sowohl Humanae Vitae als auch den Novus Ordo ablehnt.

Damals erschien mir dies äußerst überraschend – ich hatte wie gesagt keine Ahnung von gesunder katholischer Lehre und war ein religiöser und liturgischer Analphabet. Ich hatte auch keine Ahnung vom wirklichen Aufbau der beiden konkurrierenden Formen der Messe – meine Begegnung mit dieser Debatte fand erstmal ausschließlich im moralischen Rahmen statt. Ich war gegen Abtreibung und die Zerstörung der traditionellen Familie – ich fand Gleichgesinnte unter den Gegnern der Liturgiereform, während das Stimmungsbild unter den Befürwortern höchst gemischt war, wobei die Ablehnung der moralischen Revolution von 1968 umso stärker wurde, je mehr Sympathie ein katholischer Autor mit der Tridentinischen Messe hatte. Je radikaler seine Unterstützung des Novus Ordo, umso revolutionärer auch seine gesellschaftspolitischen Ansichten. Es war ganz natürlich, sich in dieser Lage zum „Traditionalismus“ in liturgischen Fragen hingezogen zu fühlen.

Es dauerte dabei nicht lange, bis ich einen etwas tieferen Einblick in die unter Katholiken immer gern kontrovers diskutierte Frage der Liturgie und der Messe gewann, und dann auch aus liturgischen und theologischen Gründen die außerordentliche Form zu favorisieren begann. Damals jedoch, 2008 oder 2009, war ich noch längst nicht von der Richtigkeit der katholischen Lehre überzeugt. Ich hielt die Existenz Gottes für plausibel, und wäre, wenn man mich zu einer Entscheidung gezwungen hätte, vermutlich in eine konservative evangelikale Freikirche eingetreten. Den Katholizismus, den ich aus dem Fernsehen und von diversen diffus miterlebten Verlautbarungen von Bischöfen kannte, konnte ich weder ernst nehmen noch glauben. Es war zu offensichtlich, dass diese Repräsentanten des Katholizismus sich für ihre eigene Religion schämten und sie bei jeder Gelegenheit herunterzuspielen suchten. Doch meine Aktivitäten im Internet hatten mich mit einer Religion in Kontakt gebracht, die sich nicht ihrer selbst schämte, sondern eine wirkliche Alternative anzubieten schien, eine Alternative, zu der wenigstens große Sympathie für die tridentinische Messe einfach dazugehörte.

Das sah ich, unbedarft wie ich war, bei meinen ersten Kontakten mit dem Katholizismus im Internet. Abschließend möchte ich diese Erfahrungen in zwei Thesen zusammenfassen:

1. These: Je freundlicher ein Katholik zur traditionellen lateinischen Messe steht, umso klarer, entschlossener und überzeugter ist sein Eintreten für die traditionelle katholische Moral, auch und gerade in besonders umstrittenen Themengebieten.

2. These: Solange die Gültigkeit des Novus Ordo nicht generell geleugnet wird, ist eine positive Haltung zur traditionellen Messe ein absolut sicheres Anzeichen für Lehramtstreue in allen Bereichen.

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6 Gedanken zu „Thesen zur traditionellen Messe (1)

  1. Interessant, diese Beobachtungen einmal schwarz auf weiß zu lesen!
    Ich kann sie aus meiner Erfahrung nur voll und ganz bestätigen.
    Und interessant, dass jemand (tatsächlich!) über das Internet diesen Weg gefunden hat! Das lässt doch hoffen für die Zukunft.

    Gottes Segen
    Frischer Wind

    • Frischer Wind, dann sind wir ja schonmal zu zweit!
      Das Internet ist ein zweischneidiges Schwert – man findet dort gute Informationen, aber es gibt auch die schwärzesten Abgründe. Wenn man weiß wo man suchen muss, dann hat man die Chance, lichtvolle Grotten und Nischen zu finden, wo sich der Glaube in schönster und reinster Form erhalten hat.
      Johannes, falls sich das auf den Artikel bezogen hat: Danke! Übrigens auch danke für die Verlinkung!

  2. Pingback: Zwei Thesen: » Johannes' Blog

  3. Meine ganz subjektiven Empfindungen und Eindrücke:

    Ad primum) Ich halte mich durchaus für lehramtstreu, auch was die Themenbereiche von Humanae vitae etc. angeht. Und dies versuche ich auch in Diskussionen zu erklären und mache mich deutlich für diese kath. Position stark.
    Mich gruseln liturgische Experimente, ich liebe Latein. Aber der Messe in usu extraordinario kann ich nichts abgewinnen. Natürlich halte ich sie für gültig und auch gut (was so lange der Messritus der Kirche war, kann nicht schlecht sein). Aber für besser halte ich die ordentliche Messform. Zum einen wegen der für die meisten Mitchristen bestehenden sprachlichen Beschränkungen, zum anderen ganz schlicht aus der Gewöhnung heraus. Ich hatte als Ministrant und in der Jugendgruppe immer Priester, die uns katechetisch die Messe näher brachten, mit uns über die Messtexte nachdachten und sie uns immer tiefer erklärten, die vor allem aber einfach und schlicht die Hl. Messe mit uns gefeiert haben. Sicher ist eine solche Katechese auch bei der außerordentlichen Messform möglich, meiner Meinung nach aber ungleich schwieriger. Und da die Messe nicht der privaten Frömmigkeit dient, sondern der Heiligung der ganzen Christenheit, halte ich den Weg, der geeigneter ist, viele „mitzunehmen“ für besser.

    Ad secundum) Unsinn, auch in „traditionalistischen“ Kreisen gibt es, was ich aus eigener Anschauung weiß, Ehebrecher und moralische Scheusale jeder Couleur. Vielleicht deutlich weniger, aber der allgemeine Ausspruch ist unhaltbar.

    • Gast, zuerst vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Zu deinen Anmerkungen:
      1) Ich hatte im ursprünglichen Artikel angemerkt, dass es lehramtstreue Katholiken gibt, die die neue Messe bevorzugen (als Beispiel nannte ich Mark Shea). Bei diesen (wie auch bei Dir) liegt aber immer die Ablehnung liturgischer Missbräuche und eine allgemein positive Haltung zur außerordentlichen Form vor.
      2) Natürlich gibt es moralische Scheusale auch bei Traditionalisten, vielleicht in geringerer Zahl, aber es gibt sie. Meine Aussage steht dem auch gar nicht entgegen. Man kann in allen Bereichen lehramtstreu sein (was ich für die Traditionalisten reklamiert habe) und trotzdem moralisch vor Versuchungen einknicken, den Ansprüchen, die man als legitim erkennt, nicht genügen. Der Unterschied zwischen den Anhängern der traditionellen Messe (und denen, die sie zwar persönlich nicht so sehr mögen, ihren Wert für die Kirche aber nicht abstreiten) auf der einen Seite und den Gegnern des usus antiquior auf der anderen Seite ist nicht unbedingt einer der persönlichen Heiligkeit, sondern die Tendenz, Diskrepanzen zwischen dem eigenen Verhalten und den Ansprüchen der Sittenlehre nicht als Fehler der katholischen Lehre, sondern als eigenen Fehler auszulegen.
      Kurzum: Klar gibt es Ehebruch und Unmoral zuhauf auch in traditionalistischen Kreisen – auch Traditionalisten sind Sünder. Es käme mir nie in den Sinn, dies zu bestreiten. Aber selbst die schrecklichsten Sünder unter den Traditionalisten würden ihre Sünden nicht als harmlos oder vollkommen in Ordnung sehen. Und nur der öffentliche Umgang mit dem Lehramt und der Morallehre, nicht die persönliche Heiligkeit, habe ich beobachten können.

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